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Der Tanz der Göttinnen
Ein Seminar-Erfahrungsbericht
von Antje Moritzen
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Ich stehe vor meinem Kleiderschrank, um mich herum Röcke, Hosen, Shirts, Tücher ohne Ende. Zweifelnd und abwägend ziehe ich mal das eine, mal das andere aus dem Haufen. Dies ist mal eine Seminarvorbereitung ganz anderer Art. Was mag wohl eine Göttin des Herdfeuers tragen? Etwas fließendes oder vielleicht etwas rotes? Warum habe ich nichts passendes für die Aphrodite, das ist doch wie verhext... Dafür könnte ich eine ganze Herde Heras und Athenes ausstatten. Mein Freund amüsiert sich, „Frauen...!“ mag er wohl denken. Genau!!! Aber fangen wir vorne an:
„Tanz der Göttinnen“, dieser Seminartitel hat mich schon vor einiger Zeit neugierig gemacht. Wie tanzen denn die Göttinnen so und welche sind das eigentlich? Vor allem, was hat das mit mir zu tun? Besonders „göttinnengleich“ fühle ich mich nicht gerade oft (vorsichtig ausgedrückt), aber wer weiß? Angesprochen hat es mich jedenfalls.
Den Ausschlag, das Wochenend-Seminar „Alle 7 Göttinnen in mir“, den dritten Teil aus der Reihe „Tanz der Göttinnen“ bei der Bremer Tanztherapeutin Pramoda Sabine Habenicht zu besuchen, gab bei mir das Gefühl, einerseits viel zu wenig in meinem Körper zuhause zu sein, ihn gar nicht wirklich zu kennen und andererseits Lust darauf, mal wieder etwas im „Kreis der Frauen“ zu tun und zu erfahren und „einfach so“ zu tanzen, ohne die Bewertungen, die sich dabei sonst fast zwangsläufig bei mir einstellen.
Aus den gut vorbereiteten Seminarunterlagen und von Pramoda selbst erfahre ich, was es mit den 7 Göttinnen auf sich hat und wie diese Seminarreihe entstanden ist.
„Jean Shinoda Bolens Buch „Göttinnen in jeder Frau“ gab mir den Anstoß zu dem heutigen `Tanz der Göttinnen-Zyklus`. Die 7 Göttinnen stehen für all die Ausdrucksmöglichkeiten, die wir Frauen haben. Durch dieses Buch kam ich auf die Idee, mit diesen Archetypen im Tanz zu arbeiten. Diese 7 Urbilder sind schöne, alte und innerseelische Bilder, die uns stärken – Vorbilder, mit denen wir uns rück-verbinden können.“
Und das sind nun die 7 Göttinnen:
Artemis – die Göttin der Jagd, Athene – Göttin der Weisheit, Hestia – Göttin des Herdfeuers, Hera – Göttin der Ehe, Demeter – Göttin der Kornfelder, Persephone – Göttin der Unterwelt und Aphrodite – die Göttin der Liebe. Jede dieser Sieben hat bestimmte Eigenarten und Vorzüge, aber auch Schattenseiten.
Teil 1 des Seminarzyklus beschäftigt sich mit der Frage: Was ist meine Stärke? Im Laufe dieses Seminars finden hier die Frauen beim Tanz zu speziell ausgewählten Musikstücken heraus, in welchem Archetyp sie sich am meisten “zuhause“ fühlen, welcher Ausdruck und Rhythmus am natürlichsten aus ihnen herausfließt.
Im zweiten Teil geht es um die Frage, welche Göttin fehlt mir am meisten? Wo geht meine Sehnsucht hin?
Der dritte Teil, der wie Teil 2 auch ohne Vorkenntnisse besucht werden kann und zu dem ich mich nun eingefunden habe, ist eine Art Bestandsaufnahme, wie stark oder schwach alle diese Archetypen bei mir vertreten sind. Wo fühle ich mich zu Hause, nach wem sehne ich mich, wer ist mir unbekannt, was bedeutet jeder dieser Göttinen für mich ganz persönlich? Diese Fragen werden uns an diesem Wochenende immer wieder begegnen.
Wir, das sind 11 Frauen aller Altersgruppen, die nun im Kreis sitzen und kurz erzählen, welches Anliegen, welcher Wunsch, welche Sehnsucht sie hierher geführt hat. Einige wünschen sich mehr Leichtigkeit in ihrem Leben, mehr Genuß, andere wollen mehr über sich erfahren oder suchen nach Tatkraft und Stärke. Leichtigkeit und innere Mitte sind die Stichworte, die mir einfallen. Gemeinsam wollen wir nun auf die Entdeckungsreise gehen, welche der sieben Archetypen für jede von uns jetzt wichtig sind. Die meisten Teilnehmerinnen dieses dritten Kurses haben auch den ersten Teil besucht und kennen nun schon Ihren Hauptarchetypus. Teils mit viel Stolz, teils auch leicht verschämt erzählen sie auf meine Nachfrage: „Ich bin eine Hestia, ich eine Artemis...“ Ich bin schon ganz gespannt, wo ich mich wohl am ehesten wohlfühlen werde. Pramoda legt den Schwerpunkt dieses Wochenendes ganz auf die Bewegung, den Tanz. Die Sprech-Runden sind kurz und knapp, der Körper ist jetzt dran!
Am Freitag Abend erproben wir noch unsere Gliedmaßen, unseren ganzen Körper und stimmen uns ein. Das wird anstrengend, denke ich am Freitagabend. Ich bewege in der Woche eigentlich hauptsächlich meine rechte Hand mit der Computer-Maus und jetzt geht hier richtig „die Post ab“. Aber es ist ein gutes Gefühl!
Am Samstag morgen geht es gleich los mit den „sieben Göttinnen“. Jede packt seine mitgebrachten „Requisiten“ aus. Wie kleidet sich denn eine Artemis, noch wichtiger, wie kleidet sich meine ganz persönliche Artemis?
Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich schon die Stimmung bei der Vorbereitung zu jedem Archetyp ist. Kichernd und eitel, einander bewundernd und völlig unpünktlich bei Aphrodite, kurz und bündig bei Athene und so fort. Vielen Frauen sieht man ihren Hauptarchetypus schon an, bevor der Tanz beginnt. Sie sehen plötzlich würdevoller aus oder kraftvoller oder auch entspannter. Umgekehrt bei den eher fremden oder abgelehnten Archetypen. So kann ich doch nicht...? Oder doch?
Und daneben macht es mir auch einfach Spaß, mal wieder unter Frauen zu sein, sich gegenseitig zu unterstützen, Komplimente zu machen, die ehrlich gemeint sind. Pramoda gibt nun kurze Instruktionen: „Gebt euch einfach der Musik hin, folgt nicht irgendwelchen Vorstellungen, sondern überlasst euch völlig eurem Körper- und seinen Bewegungsimpulsen. Auch allen Gefühlen und Bildern, die vielleicht aufsteigen“. Die Musik beginnt. Immer wieder, siebenmal an diesem Wochenende. Und immer wieder ganz anders, immer wieder ganz neu. Mal traurig, mal verspielt, mal kontaktfreudig, mal einsam, mal leicht, mal schwer. Ich gehe durch ein so breites Spektrum an Emotionen, an Körpererfahrungen und -erinnerungen. An keiner kann ich festhalten, denn es kommt wieder etwas neues, etwas anderes. Stockt es doch einmal bei einer Teilnehmerin, bietet Pramoda sanfte, aber nachdrückliche Unter-stützung. Eingefrorene Emotionen und alte Verletzungen kommen wieder in Fluß, neue Bewegungen und Gefühle können probiert, altbekannte genossen oder variiert werden.
Nach jeder Sequenz stufen wir unsere Erfahrungen auf unserem persönlichen „Göttinnen-Rad“ ein: War dies eine angenehme oder unangenehme Erfahrung? war sie neu, bekannt, geliebt oder ungeliebt, sehnsuchtsvoll oder anstrengend? Unsere Stimmung drücken wir in einem Bild aus (Diese Bilder werden am Schluss des Kurses noch einmal wichtig). All die anderen Frauen in ihren verschiedenen Qualitäten zu erfahren hatte etwas sehr bereicherndes für mich. Wie töricht erscheint es mir plötzlich wieder, sich mit anderen zu vergleichen. Diese Einzigartigkeit wird so stark wie selten sonst für mich erfahrbar und spürbar. Ich muss mir nichts von anderen abgucken, ich bin sowieso anders. Dennoch kann ich Impulse aufnehmen, etwas Neues entstehen lassen. Ich genieße es, meinen Kopf mal „an die Seite zu tun“. Denken und bewerten tue ich schon die ganze Woche über. Es ist interessant, von den Teilnehmerinnen zu erfahren, daß sie die unterschiedlichen Archetypen auch jeweils unterschiedlich erleben. Je nach Lebensthemen und Stimmung verändert sich das Empfinden. Eine Erfahrung aller Teilnehmerinnen ist es, daß bei allen Archetypen jeweils verschiedene Körperregionen mehr im Mittelpunkt stehen. Bei der mehr kopfbetonten Athene z.B. geht die Energie mehr in den oberen Bereich und die Arme, bei der mehr introvertierten, sinnenhaften Hestia scheint sich der Körperschwerpunkt gleichsam nach unten zu verlagern. Auch hier ist es gut, die verschiedenen Energien auszuprobieren und zu spüren, Was tut mir persönlich gut und für welche Situationen hilft mir vielleicht genau diese Energie in meinem Leben?
Dies ist denn auch die Frage in der Abschlußrunde. Welche Energie ist es, die mich jetzt in meinem Leben nähren und tragen kann? Ich habe für mich die Hestia-Energie entdeckt. Ganz all-eins-sein und ganz in meiner Mitte, voller Genuß, leicht und doch standfest. Nicht nach außen orientiert, dennoch offen.
Und was nützt es mir für den Alltag? Mein Körpergefühl hat sich erweitert, vertieft. Das kann ich zwar nicht den ganzen Tag über spüren, aber ich kann mich öfters wieder daran erinnern. Und ich kann mich ganz bewusst wieder an Energien anschließen, die mir im Moment hilfreich sind. Ganz banal: Ich kaufe im Supermarkt ein und gehe wie Hestia durch die Gänge, zentriert und doch genießerisch – ein tolles Gefühl, ein ganz neuer Glanz bei dieser schnöden Tätigkeit! Oder bei Auseinandersetzungen gleichsam in die Haut der Artemis schlüpfen - zack-peng! Überhaupt, die Möglichkeit des Wechsels zwischen den verschiedenen Zuständen ist mir sehr viel anschaulicher geworden. Und sicher haben sich auch Blockaden gelöst, die in Sprache gar nicht recht zu fassen sind.
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