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„Die zwölf wilden Schwäne“
Aus dem Vorwort zum gleichnamigen Buch von Starhawk und Hilary Valentine
Mit freundlicher Genehmigung des Bauer Verlages, Freiburg
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„In dem Märchen »Die zwölf wilden Schwäne« spiegeln sich die Erfahrungen wider, die die Reclaiming-Gemeinschaft in den letzten 20 Jahren beim Unterrichten und Durchführen von Ritualen der Erdverbundenheit zusammengetragen hat. Zu dieser Gemeinschaft gehören auch verschiedene Gruppen und wunderbare Lehrerinnen in Deutschland.
Aus der Ökologie lernen wir, dass die fruchtbarsten Orte dort liegen, wo zwei unterschiedliche Systeme aufeinandertreffen, wo der Wald auf dieWiese trifft oder das Meer auf die Küste. Auch die Übersetzung unserer Arbeit in eine andere Sprache hat sich als ein äußerst fruchtbarer Prozess erwiesen: bei der Gestaltung von Ritual und Magie, beim Unterrichten, bei den Anrufungen, beim Trance-Leiten und bei dem Bemühen, eine sich ständig weiterentwickelnde Tradition an die Erwartungen und Bedürfnisse einer anderen Kultur anzupassen.
Deutsch ist eine viel präzisere Sprache als Englisch, und wenn wir Übungen und Rituale auf Deutsch leiten, stellen wir fest, dass wir viel genauer wissen müssen, was wir eigentlich meinen. Wenn wir sagen: »Breathe deep«, müssen wir wissen, wer es eigentlich ist, der atmen soll: Ein Individuum? Eine Gruppe? Ist unsere Beziehung formell oder informell? Die deutsche Übersetzung kann lauten: »Atme tief«, »Atmet tief«, »Atmen Sie tief« oder »Tief atmen«! All diese Unterscheidungen verschwinden im Englischen.
Gruppen in Deutschland tendieren dazu, sich viel stärker voneinander abzugrenzen: Spirituelle Gruppen sind spirituell, politische Gruppen politisch, feministische Gruppen nur für Frauen. Wir dagegen bringen aus den USA eine starke Neigung in den Dialog ein, sämtliche Unter-scheidungen völlig chaotisch durcheinander zu wirbeln. Aber Chaos kann ein schöpferischer Ort sein. Unsere politische Kultur ist viel unbestimmter und offener für das Einbeziehen von Ideen aus der spirituellen, der künstlerischen und der New-Age-Bewegung. Sowohl Frauen als auch Männer definieren sich selbst als feministisch. Bei Demonstrationen können Rituale,Theater,Riesenpuppen, Lieder, Kostüme und Trommeln eine Rolle spielen. Hexen organisieren Blockaden gegen die Welthandelsorganisation, und zumindest manche politischen Organisatoren sind ganz erpicht darauf, ihr taktisches Repertoire um magisches Wissen zu erweitern.
Erstmalig unterrichtete ich in den frühen Achtzigern in Deutschland, als gerade mein erstes Buch Der Hexenkult als Ur-Religion der Großen Göttin erschienen war. Ich kam dann noch mehrere Male hierher, um Workshops oder Rituale abzuhalten, und lernte viele wunderbare Frauen und Männer kennen, die mit der deutschen Göttin-Bewegung in Verbindung standen.
In den Vereinigten Staaten waren die frühen Achtziger eine Zeit großer politischer und spiritueller Kreativität. In der folgenden Einführung beschreibe ich, wie unser kleiner Freundeskreis sich zusammenfand, um Spiritualität und Politik miteinander zu verbinden, bei Anti-Atomblockaden mitzumachen und Rituale zu organisieren. Wir arbeiteten als Kollektiv in einem feministischen, nichthierarchischen Rahmen zusammen. Gegen Ende der achtziger Jahre lag der Schwerpunkt unserer politischen Arbeit dann mehr im Bereich fortlaufender Gemeinschaftsorganisation und örtlicher Kampagnen. Der Ritual- und Magieunterricht hatte sich ausgeweitet und umfasste jetzt auch einwöchige Intensivkurse, die fern von unserem Zuhause in Nordkalifornien stattfanden. Nach einem dieser »Witchcamps« lag ich in den grünen Hügeln von Britisch Kolumbien mit dreien meiner Coven-Schwestern im Gras am Ufer eines unberührten Sees und sagte: »So was möchte ich nächstes Jahr in Deutschland machen, mit uns allen.«
Und so organisierten Barbara Gissrau und das Arkuna-Zentrum in Stuttgart 1988 das erste deutsche Witchcamp. Eine Woche lang unterrichteten Rose, Pandora, Carol und ich in der romantischen alten Burg Stettenfels in Süddeutschland. In den nachfolgenden Jahren boten dann Carol, Pandora, Rose und Cybele Workshops und Intensivkurse in Deutschland an. Die deutschen Frauen gründeten ihr eigenes Netzwerk »Gespinnst« und begannen mit Ritualen und Kursen. Verwurzelt in ihrer eigenen Kultur und in ihren eigenen Traditionen, entwickelten sie ihre eigene fruchtbare Synthese aus Magie und Feminismus.
Ich kam weiterhin regelmäßig nach Deutschland und arbeitete besonders mit zwei Gruppen in Süddeutschland: der Kalia-Gemeinschaft in München und dem Kalkwerk auf der Schwäbischen Alb. Fünf Jahre später sprach Donate Pahnke mich darauf an, wieder ein Witchcamp zu organisieren. Als Lehrerin, Autorin und selbstständige Priesterin versammelte Donate eine Gruppe von Frauen um sich, um ein neues Camp in Oberlethe bei Bremen zu gründen. 1996 kamen Carol, Grove und ich erneut zum Unterrichten nach Deutschland. (...)
Das Thema, das wir für unser wiedergeborenes Witchcamp wählten, war »Die zwölf wilden Schwäne«. Die Lektionen dieses Märchens finden in Deutschland eine ganz eigene Resonanz. Bei den »Zwölf wilden Schwänen« geht es um eine junge Frau, die sich dafür entscheidet, ein Übel wieder gutzumachen, das sie nicht selbst verursacht hat. Sie »erbt« die Wunden, die aus den Handlungen ihrer Vorfahren entstanden sind, und setzt sich dafür ein, sie zu heilen. Dieses Thema war nur zu schmerzvoll präsent, als wir in Deutschland mit dieser Geschichte arbeiteten. Von den Hexenverbrennungen bis zum Holocaust ist das Leid der Vergangenheit hier stark und greifbar gegenwärtig.
Für mich als Hexe und Jüdin war das Unterrichten in Deutschland ein oft schmerzvoller,
herausfordernder, jedoch letzten Endes bereichernder Prozess. Ich erinnere mich, dass ich in jenem allerersten Witchcamp in einem großen Kreis von 90 Frauen saß. Plötzlich waren wir von Schatten umgeben: von den Geistern jener jüdischen Frauen, die hätten hier sein können, wenn es nicht zum Holocaust gekommen wäre. Ich begann zu weinen, und dann sprach ich von dem, was ich sah. Bald weinten viele andere mit mir. Die anderen Lehrerinnen leiteten die Gruppe, während wir unsere Trauer miteinander teilten, die uns über die unterschiedlichen Kulturen und Ahnenbezüge hinweg verband. Die Frauen sprachen von dem dumpfen Schmerz, der aus der Unterdrückung der Geschichte resultiert, von der Abtrennung von den früheren Werten ihrer Kultur, vom Schmerz, zu erfahren, dass Familienmitglieder die Nazis unterstützt hatten, von dem ständigen Bedürfnis, dem Antisemitismus entgegenzutreten. Ich fühlte mich unterstützt durch ihre Bereitschaft, sich mit diesen schwierigen Themen auseinander zu setzen. Und schließlich verstand ich tatsächlich, dass sie nach Ritualen und nach einer Sprache hungerten, mit deren Hilfe sie sich all den unausgesprochenen Geheimnissen stellen und Heilung suchen konnten.
Unsere deutschen Schülerinnen und Lehrerinnen gehen mit großer Intensität und Integrität an die Arbeit heran, mit der Bereitschaft, sich tief einzulassen, sich schmerzlichen Gefühlen zu stellen und jedes Thema zu einem in sich stimmigen Abschluss zu bringen. Wie Rose in unserem Märchen sind sie bereit, »dem Fluss bis an sein Ende zu folgen«. Wir hatten in den USA schon viele Male mit den »Zwölf wilden Schwänen« gearbeitet, bevor wir diese Geschichte als Thema für das deutsche Witchcamp auswählten. Aber irgendwie hatten wir niemals wirklich ein Ritual um den Teil der Geschichte herum gestaltet, in dem Rose angeklagt wird, eine Hexe zu sein. In Deutschland jedoch schweben die Schatten von Frauen um uns herum, die unter den Projektionen anderer gelitten haben und schließlich sterben mussten. Mit welcher Geschichte wir auch immer arbeiten - sie kommen uns nahe und flüstern uns ins Ohr. Als wir die Geschichte der Baba Jaga aufgriffen, einer russischen Hexengestalt oder dunklen Göttin, wurde die Baba Jaga von Donate im Ritual »aspektiert«, also in Trance verkörpert. Sie weinte und trauerte um ihre verlorenen Töchter. »Wir sind hier«, konnten wir ihr sagen. »Wir sind deine Töchter, deine Schwestern. Wir erinnern uns an dich.«
Im Sommer 2000 errichteten wir während eines Heilungsrituals einen Altar für die Opfer der Hexenverbrennungen und des Holocausts. Es war ungeheuer berührend für mich zu sehen, mit welcher Ehrfurcht die Frauen zu diesem Altar gingen und ihre Opfergaben niederlegten. Ich hatte mir in diesem Frühjahr den Knöchel gebrochen und war eine Zeit lang auf einen Rollstuhl und auf Krücken angewiesen. Während des Camps fing ich gerade wieder an zu laufen. Ich saß im Kreis, und plötzlich war mir, als ob Dutzende alter Frauen sich um mich drängten und meinen Knöchel begutachteten. Es waren alte Heilerinnen, und ich bedurfte offensichtlich ihrer Fürsorge. Als sie sich mir zuwandten und an meinem Knöchel herumdrehten, wurde mir klar, dass sie nicht als Opfer in Erinnerung bleiben wollten, sondern wegen ihrer Weisheit, ihres Heilwissens und ihrer Lebensfreude. Ich stand auf, tanzte um den Kreis herum und war so lange auf den Beinen wie seit zwei Monaten nicht mehr. Mein Knöchel heilte mit unglaublicher Geschwindigkeit.
Die deutschen Hexen kennen die Lektion sehr gut, die uns unsere Geschichte lehrt: Wenn wir dem Schmerz ins Gesicht blicken und der Wut, der Eifersucht und sogar dem Hass widerstehen, kann Heilung geschehen. Und mit der Heilung kommt das Lachen. (...)
Mit unseren deutschen Schwestern sind wir der Hoffnung nachgegangen, die aus unserer Geschichte spricht: dem Versprechen, dass Heilung und Verwandlung möglich sind. Wenn wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn wir uns erlauben, so lange in der Wildnis herumzuwandern, bis wir unsere wahre Aufgabe finden, können wir uns ans Werk machen, die Welt wirklich zu verwandeln. Diese Arbeit findet auf vielen Ebenen statt: in der Magie und in den Ritualen, die wir gestalten, in unserer ganz persönlichen Heilungsarbeit und in den Handlungen, die wir durchführen, um die politischen und sozialen Strukturen um uns herum zu verändern.
Wir leben heute in einer Welt, die kleiner und viel vernetzter ist als je zuvor. Die allgegen-wärtige, abstumpfende globale Konsumhaltung droht vieles von dem Reichtum örtlicher Traditionen, Perspektiven und Geschichtsbezüge auszuhöhlen. Seit die Reclaiming-Tradition in Deutschland Fuß gefasst hat, hat sie sich in reicher und vielfältiger Weise weiterentwickelt. Wir hoffen, dass die Werkzeuge der Ermächtigung, die wir gemeinsam einsetzen, die tiefe Verbindung mit der Erde, die wir im Ritual herstellen, und die Entwicklung unserer Fähigkeit, zu heilen und gemeinsam Aktionen durchzuführen, wie eine visionäre Gegenkraft wirken.
Möge daraus ein Netz der Inspiration über die Grenzen der Nationen hinweg entstehen, in dem wir uns gegenseitig im Prozess des Lernens und Wachsens unterstützen.
Starhawk“
Starhawk ist eine der am meisten respektierten Stimmen moderner Hexenreligion und erdverbundener Spiritualität. Sie ist Autorin oder Mitautorin von neun Büchern, so z.B. „Der Hexenkult als Ur-Religion der Großen Göttin“, „Wilde Kräfte“, „Mit Hexenmacht die Welt verändern“, „Das fünfte Geheimnis“, „Die zwölf wilden Schwäne“ u.a.m. Sie ist eine Veteranin fortschrittlicher Bewegungen und ist äußerst engagiert darin die Techniken und die kreative Kraft von Spiritualität mit politischem Aktivismus in Einklang zu bringen. Sie vermittelt ihr Wissen über Magie, das Handwerkszeug für Rituale und die Fähigkeit zu Aktivismus weltweit in Vorträgen und Workshops.
Ein Vortragsabend mit Starhawk zum Thema „Hexenreligion“ findet statt am Mittwoch, 10. Juli 2002 um 20 Uhr in der Scheune im Hof Oberlethe, Wardenburg. Infos (auch zu Mitfahrgelegenheiten zum Hof) und Kartenreservierungen bzw. Vorverkauf gibt es bei Buchhandlung Plaggenborg, Bergstr. 1, Oldenburg. Tel. 0441-17543, Fax 17528, www.buchhandlung-plaggenborg.de .
Das Norddeutsche Reclaiming Witchcamp mit Starhawk und anderen Lehrerinnen findet vom 12. – 19. Juli 2002 ebenfalls im Hof Oberlethe statt. Infos und Anmeldung: Christa Boeckel, Tel. 04723-2339, Christa.Boeckel@t-online.de
Lieferbare Buchtitel:
1. Starhawk und Hilary Valentine: Die zwölf wilden Schwäne, 475 Seiten, 22,50 Euro, Bauer Verlag
2. Starhawk: Die Kraft der großen Göttin, 107 Seiten, 5 Euro, Bauer Verlag (vergriffen)
3. Starhawk: Der Hexenkult als Ur-Religion der grossen Göttin, 320 Seiten, 8 Euro, Goldmann Taschenbuch Verlag
4. Starhawk: Das fünfte Geheimnis, 630 Seiten, 28,02 Euro, Hannah Verlagsgesellschaft.
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