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Die Macht des Elfenfeuers
Roman von Monika Felten
Prolog
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Durch die zerklüfteten Schluchten des Ylmazur-Gebirges pfiff ein eisiger Wind. Heftige Böen rissen winzige Eiskristalle vom schneebedeckten Boden und wirbelten sie hoch in die Luft hinauf, wo sie vor dem Hintergrund des tiefblauen Himmels wie Diamantenstaub im Sonnenlicht glitzerten. Die funkelnden Schneewirbel tanzten über die glatt gefegte Ebene des Bajun-Gletschers, an dessen Flanke zwei vermummte Gestalten in einer Höhle Zuflucht vor der nächtlichen Kälte gesucht hatten.
Am Fuß der Berge war der Frühling schon weit vorangeschritten, doch hier, jenseits der Baumgrenze, war es noch immer bitterkalt. In der dünnen Luft schien die Sonne ihre Macht verloren zu haben.
Naemy blinzelte und hob schützend die Hand vor die Augen. Auf der anderen Seite des Tals hatte sich die Sonne eben über die schroffen Berggipfel erhoben. Der goldene Feuerball brachte mit seinem Licht auch ein wenig Wärme zurück, machte es der Nebelelfe aber fast unmöglich, die gegenüberliegende Seite der Schlucht zu erkennen, durch die sich der Gletscher nun schon seit mehr als zweihundert Sommern talwärts zwängte.
Knorrige Überreste von Nadelbäumen, die an einigen geschützten Stellen den Naturgewalten trotzten, zeugten davon, dass es hier vor langer Zeit sehr viel wärmer gewesen war – damals, als der finstere Herrscher seinen Angriff auf Nimrod begann.
Bei diesem Gedanken musste Naemy unwillkürlich lächeln und ihre Gedanken schweiften ab. Einhundert oder eintausend Sommer? Welchen Unterschied machte das schon? Zeit! Welche Bedeutung hatte sie? Die Menschen von Thale mussten sorgsam damit umgehen; ihre Lebensspanne war nur kurz. Gemessen an den Nebelelfen, starben sie schon als Kinder. Nebelelfen hingegen erreichten nicht selten ein Alter von über sechshundert Sommern.
Zweihundert Sommer! Naemy seufzte leise. War es wirklich schon so lange her, dass sie gemeinsam mit Sunnivah den Kampf gegen den finsteren Herrscher aufgenommen hatte?
Ihre Erinnerung daran war noch so frisch, als wäre es gestern gewesen. Und doch ... So vieles war seither geschehen. Unter der Regierung des Rats der Fünf, der einst von Sunnivah gegründet worden war und dem sie selbst bis zu ihrem Tod angehört hatte, war Thale zu neuem Wohlstand und Frieden erblüht. Druiden waren im Land wieder ebenso selbstverständlich geworden wie Seher und die Priesterinnen der Gütigen Göttin. Letztere hatten die Wälder von Daran nach dem Sieg über An-Rukhbar verlassen, um in Nimrod, der Hauptstadt Thales, einen eigenen Tempelbezirk zu errichten.
Die Sümpfe von Numark waren wieder von Nebelelfen bevölkert. Ein heißes Glücksgefühl durchströmte Naemy bei dem Gedanken, dass entgegen allen Erwartungen so viele Angehörige ihres Volkes die Verfolgung durch den finsteren Herrscher überlebt hatten. Die meisten von ihnen hatten den Weg zurück in die Sümpfe gefunden, wo sie auf den Überresten der alten Hauptstadt ihre neue Heimat errichteten. Sie gaben ihr den Namen Caira-Dan, was so viel bedeutete, wie Glückliche Heimkehr. Inzwischen beherbergte Caira-Dan mehr als einhundertfünfzig Nebelelfen und ihre Zahl wuchs ständig.
Aber die vielen Sommer und all das Gute, das seither geschehen war, konnten Naemy nicht darüber hinwegtrösten, dass noch etwas sehr Wichtiges unerledigt geblieben war. Nach dem Sieg über An-Rukhbar war sie mit drei weiteren Nebelelfen aufgebrochen, um den Quarlin zu jagen, jenes schreckliche Raubtier, das Asco-Bahrran, der Meistermagier An-Rukhbars, vor zweihundertfünfzig Sommern freigelassen hatte und als der Todfeind aller Elfen galt.
Viele Sommer hatten sie das Land durchstreift und den Quarlin gesucht. Gefunden hatten sie ihn nicht. Quarline waren überaus klug und ebenso langlebig wie Elfen. Irgendwo in Thale oder in der Zwischenwelt, jener kalten, düsteren Ebene, die die Elfen häufig betraten, um rasch große Entfernungen zurückzulegen, lauerte er, dessen war sie sich sicher. Auch heute konnte er noch immer zu einer großen Gefahr werden und ...
»Du denkst schon wieder an den Quarlin, Mutter!«
Naemy zuckte zusammen, als sie die Hand ihres Sohnes auf der Schulter spürte. Dicke Fellhandschuhe schützten ihn vor der Kälte, denn das menschliche Erbe, das Naemy in sich trug, war bei ihm nicht so stark ausgeprägt. Deshalb setzte ihm die Kälte auch mehr zu als seiner Mutter. »Quäl dich nicht damit. Er ist längst tot, glaub mir«, sagte er aufmunternd.
Naemy nickte. »Ich weiß, wie du darüber denkst, Tabor. Trotzdem wäre es mir lieber, das Fell des Quarlins daheim vor der Feuerstelle zu wissen.«
Tabor lachte, deutete mit der Hand über den Gletscher und wechselte das Thema. »Die Sonne steht schon hoch. Wenn wir jetzt aufbrechen, haben wir den Gletscher bis zum Mittag schon hinter uns.«
»Ich hoffe nur, die Strapazen sind diesmal nicht umsonst«, murmelte Naemy, während sie sich erhob. »In Caira-Dan hält man uns schon für verrückt.« Sie streckte sich ausgiebig und griff nach ihrem Bündel, das schon fertig verschnürt neben ihr lag.
»Was kümmern dich die anderen, Mutter?« Tabor schien es nicht das Geringste auszumachen, wenn man ihn für verrückt hielt. »Wenn wir erst ein Gelege gefunden haben, denken sie anders darüber.«
»Ja, wenn ...« Naemy griff nach dem langen Eichenstab, mit dem sie den Schnee auf dem Gletscher vorsichtig auf Spalten abtastete, und betrat die eisige weiße Ebene. Sechsmal war sie in den vergangenen Sommern schon auf der Suche nach einem im Eis erstarrten Riesenalpgelege hier oben gewesen, denn die Rasse der hochintelligenten großen Vögel, auf deren Rücken zwei Menschen bequem reiten konnten, war längst ausgestorben.
Doch damit wollte sich Naemy nicht abfinden. Viele Sommer lang hatte sie die alten Schriften der Elfen studiert und herausgefunden, dass sich die Nistplätze der Riesenalpe einst hier oben befunden hatten. Als Nimrod dann zur Zeit des Druidenrates von An-Rukhbar angegriffen wurde, hatte die ganze Kolonie diesen Ort verlassen, um den Druiden zu Hilfe zu eilen. Die Verluste waren grauenhaft. Keiner der Vögel kehrte jemals zurück.
Deshalb war dieser Ort Naemys einzige und letzte Hoffnung. Vielleicht würde es ihr ja gelingen, ein intaktes gefrorenes Gelege zu finden, um daraus eine neue Generation von Riesenvögeln zu züchten. Naemy war fest davon überzeugt, dass dies möglich war. Auch wenn die anderen Nebelelfen sie nach sechs vergeblichen Expeditionen belächelten, irgendwann würde es ihr gelingen. Doch dazu musste sie zunächst einmal ein Gelege finden. In diesem Augenblick versank ihr Eichenstab tief im losem Schnee. Eine Gletscherspalte! »Achtung, Tabor!« Naemys Warnung kam keinen Moment zu früh. Nur weil sich ihr Sohn rasch und behände zurückwarf, konnte er einem tödlichen Sturz gerade noch entgehen, als sich unter seinen Füßen ein großes Schneebrett löste und viele hundert Längen in die Tiefe stürzte.
»Das war knapp!« Vorsichtig trat Tabor noch weiter zurück und beobachtete, wie Naemy den Verlauf der Spalte ausfindig zu machen versuchte.
Schließlich gab sie es auf und kam zu ihm. »Ich fürchte, wir müssen einen Umweg machen!«, erklärte sie ernst. »Hier kommen wir nicht weiter. Die Spalte ist zu breit und das Eis darüber viel zu dünn. Wir haben keine andere Wahl.« Blinzelnd schaute sie sich um. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und ihre Strahlen wurden von dem eisigen Gletscherrücken reflektiert. Das grelle Licht blendete die empfindlichen Augen der Elfen und zwang sie, die fellbesetzten Kapuzen tief ins Gesicht zu ziehen, bevor sie ihren Weg fortsetzten.
Zumindest hatte der Wind etwas nachgelassen, wodurch die Sonne an Kraft gewann. Nach der bitterkalten Nacht in der Höhle tat die angenehme Wärme der Sonnenstrahlen ihren steifen Gliedern gut und schenkte ihnen neue Kraft. In der Hoffnung, die Spalte werde bald schmaler werden, begannen Naemy und Tabor mit dem Aufstieg.
Sie kamen nur langsam voran. Die Spalte im Gletscher war länger und breiter, als sie vermutet hatten, und besaß viele Ausläufer. Immer wieder mussten sie die Richtung wechseln, um den tückischen, schneebedeckten Fallen zu entkommen.
Die Ausweichmanöver kosteten sie viel Zeit und Kraft und Naemy ärgerte sich. Wenn das so weiterginge, würden sie die andere Seite der Schlucht nie bis zum Mittag erreichen, was mindestens eine weitere Nacht in den Bergen bedeutete.
Missmutig stapfte sie in ihren dicken Fellstiefeln über das Eis, immer auf der Suche nach einem sicheren, kurzen Weg über die Gletscherspalte.
Monika Felten, geboren 1965, lebt mit ihrer Familie in der Holsteinischen Schweiz, einem Landstrich, wo zwischen Wäldern, Seen und Hünengräbern immer noch Elfen und Feen ihr Wesen zu treiben scheinen. Monika Feltens Debütroman »Elfenfeuer«, der bei den Mythen und Legenden ihrer Kindheit anknüpft, fand auf Anhieb eine große, begeisterte Leserschaft. Weiteres zur Autorin: www.monikafelten.de
Lesung am Mittwoch, 30. Oktober 2002 um 20 Uhr in der Buchhandlung Plaggenborg, Bergstraße 1, Oldenburg, Tel. 0441-17543, Fax 17528. Bitte anmelden.
Lieferbare Literatur:
Monika Felten: Elfenfeuer, 476 Seiten, Piper/Weitbrecht
Monika Felten, Die Macht des Elfenfeuers, 476 S. Piper
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