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Meditation als Medizin
von Doris Kirch
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Ein Abend am Teich
Es ist Abend und wieder einmal liegt ein arbeits- und ereignisreicher Tag liegt mir, der sich nun dem Ende neigt. Die Jüngste ist im Bett und erreicht wohl bald das Land der Träume. Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung nehme ich mein Meditationskissen und gehe hinaus in den Garten. Ich habe einen Lieblingsplatz am Teich, den ich gerne aufsuche, wenn ich das Bedürfnis habe, allein zu sein und zu mir zu finden.
Ich lasse mich nieder, kreuze die Beine und merke, dass mich die aufwühlenden Geschehnisse des Tages heute nicht so schnell zur Ruhe kommen lassen wie sonst. Ich lasse meine innere Unruhe zu, atme tief durch und richte meine Aufmerksamkeit auf die mich umgebende Natur.
Langsam stellt sich das ein, was die Buddhisten „heiler gelassenes Gewahrsein“ nennen. Mein Atem wird tiefer, der aufgewühlte See meines Inneren wird ruhig und klar und mein Bewußtsein zieht sich allmählich mehr nach innen. Nach einer dreiviertel Stunde werden die Belastungen des Alltags von mir abgefallen sein, mein Körper wird sich gekräftigt und regeneriert haben und ich werde aus der Stärke meiner Mitte heraus wieder in den Alltag eintreten.
Auf die Dauer hilft nur Power!?
Der Streß, dem wir uns täglich aussetzen, ist laut Aussagen von Fachleuten die Ursache für zahlreiche Zivilisationskrankheiten; er führt zu Nervosität, Gereiztheit, Muskelverkrampfungen und Überanstrengung. Die gedrosselte Tätigkeit von Verdauung, Ausscheidung, Zellaufbau und Zellreinigung ist in bestimmten Situationen überlebenswichtig, aber als Dauerzustand schädigt sie unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Wissenschafter haben festgestellt, dass bei Menschen, die meditieren, die Selbstheilungs- und Regenerationskräfte erheblich besser funktionieren als bei anderen. Die Synchronisation beider Gehirnhemisphären, die während der Meditation auftritt, stärkt das Immunsystem und das bedeutet Schutz gegen Krankheit und die Fähigkeit mit körperlichen Störungen besser fertig zu werden. Meditation könnte man also auch als Medizin bezeichnen.
Stärkung der Persönlichkeit
Eine weitere positive Eigenschaft von Meditation ist die Stärkung der Persönlichkeit. Die innere Ruhe läßt Inhalte unseres Unterbewußtseins aufsteigen, die dann angeschaut, bearbeitet und integriert werden können. Meditierende berichten davon, dass Lösungen für Probleme aus der Stille auftauchten, auf die sie durch reines Nachdenken nicht gekommen waren - die sogenannte Innere Stimme ist deutlicher vernehmbar. Klarheit über schwierige Situationen und über das eigene Verhalten, also Selbsterkenntnis, ist eine weitere positive Begleiterscheinung von Entspannungszuständen. Man könnte sagen, dass Meditation das Bewußtsein gleichzeitig erweitert, vertieft und erhöht. Aber das größte Geschenk, das uns die Zentrierung geben kann, ist vermutlich die Fähigkeit, alle Dinge unseres Lebens mit der Erkenntnis betrachten zu können, dass alles gut ist, so wie es ist - mit dem was ist, einverstanden zu sein. Im Buddhismus sagt man: Das Sosein aller Dinge akzeptieren.
Meditation zwischen Geschäftsterminen, Windeln und Kochtöpfen
Unter dem Leistungsdruck und der Hetze des täglichen Lebens ist es sehr schwer, sich selbst und die innere Mitte zu finden. Ich werde oft gefragt, wie sich eine meditative Praxis zwischen Büro und Kochtöpfen erreichen läßt? Wichtig ist vor allem: Meditation läßt sich nur durch Praktizieren entwickeln.
Die folgenden Tips werden Ihnen helfen, einen Anfang zu finden:
Experimentieren Sie, um die für Sie geeignete Meditationsmethode zu finden.
Unter Meditation versteht man nicht nur, sich schweigend den Hintern auf einem Kissen platt zu sitzen. Meditation hat viele Gesichter: Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Dynamische Meditation, Yoga, Tanzmeditationen, Farbmeditationen, geführte Phantasiereisen, Musikmeditationen und viele andere bilden einen bunten Reigen, der uns dazu einlädt, Ruhe in uns selbst zu finden. Suchen Sie heraus, was Ihnen am meisten Spaß macht und Sie am besten in die Entspannung bringt.
Probieren Sie nicht, t u n Sie es.
Seien Sie konsequent! Wer immer nur anfängt gelangt nie zum Ziel.
Üben Sie regelmäßig, am besten immer zu einer bestimmten Zeit.
Die Morgen- oder Abendstille sind gut für solche Übungen geeignet. Wenn möglich, setzen Sie sich feste Zeiten. Schauen Sie auch hier, was gut in Ihren Lebensplan paßt.
Setzen Sie sich von Anfang an realistisch zu erreichende kleine Ziele.
Beginnen Sie mit 15 minütigen Übungen. Für den Anfang ist das völlig ausreichend. Wenn Sie merken, dass Sie sich anstrengen, schalten Sie einen Gang zurück.
Beschließen Sie, sich auch von Störungen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
Wer eine Familie hat kann ein Lied davon singen, wie schwer es ist, einmal ein paar Minuten in Ruhe gelassen zu werden. Reden Sie mit Ihrer Familie über Ihr Vorhaben. Bitten Sie darum, zu Ihren Übungszeiten nicht gestört zu werden. Hängen Sie ein Schild „Meditation - bitte nicht stören“ an die Tür. Werden Sie dennoch gestört, nehmen Sie dies als Übung in Gleichmut. Es ist relativ einfach, in einer einsamen Bergeinsiedelei die Erleuchtung zu erlangen. Gelingt Ihnen dies in einem mitteleuropäischen Leben des 21. Jahrhunderts mit drei Kindern im Rücken, dürfen Sie sich doppelt erleuchtet fühlen...
Stärken Sie Ihre Praxis durch Achtsamkeitsübungen.
Nutzen Sie banale Tätigkeiten des Alltags, um Ihre Zentrierung, Ihre Achtsamkeit für das Leben zu stärken: Bevor Sie das nächste Mal zum klingelnden Telefon greifen, halten Sie einen Moment inne und besinnen Sie sich. Öffnen Sie jede Tür erst, nachdem Sie sich vorher den Bruchteil einer Sekunde darauf besonnen haben, was Sie gerade tun. Adeln Sie das tägliche Zähneputzen, indem Sie eine Meditation daraus machen. Die Zubereitung des täglichen Tees oder Kaffees eignet sich ebenfalls gut zur Übung von Achtsamkeit. Jeder Schritt den Sie beim Gehen tun, stärkt, wenn er bewußt getan wird, Ihre innere Ausrichtung. Überlegen Sie sich, was Sie in Ihrem Leben alles zur Übung der Meditation und Konzentration verwenden können.
Seien Sie liebevoll und tolerant mich sich selbst.
Konnten Sie einmal keine Meditation üben? Dann seien Sie ganz besonders barmherzig mit sich selbst. Gehen Sie so behutsam mit sich um, wie mit einem kleinen Kind, das vom Wegrand abgekommen ist, und das Sie geduldig auf den rechten Weg zurückführen. Haben Sie es geschafft, Ihre meditativen Übungen zu machen, dann freuen Sie sich abends im Bett darüber und lassen Sie sich ganz vom Stolz erfüllen - es ist wahrhaftig eine große Leistung, sich in der Hektik der heutigen Zeit ein paar Minuten für sich selbst „gestohlen“ zu haben. Sie dürfen stolz darauf sein!
Meinhard und die Abwaschmeditation
Ich hatte einen Freund zum Essen eingeladen. Die „Freßnarkose“ nach dem leckeren Mahl verstärkte nicht gerade unsere Motivation, uns dem drohend vor uns aufgetürmten Abwasch zuzuwenden. Aber dann hatte mein Freund die geniale Idee: „Laß uns doch eine Abwasch-Meditation daraus machen“. Begeistert und schweigend machten wir uns an die Arbeit. Ganz versunken in das was ich tat, tauchte ich die Hände in das warme Wasser, spürte die Zartheit der dünnen Gläser, die runde Festigkeit der Eßteller, atmete tief durch, veränderte meine verkrampfte Haltung am Spültisch, legte Geschirr ins Wasser hin ein, zog es wieder heraus, lies es abtropfen - und schneller als gewohnt waren wir fertig - und völlig begeistert! S
schade, dass es schon vorbei war. Seit diesem Tag liebe ich den Abwasch. Er gibt mir Gelegenheit der Selbstbesinnung. Indem ich mich auf jeden Handgriff einlasse und aufgehe im Geschehen des Augenblicks, finde ich Ruhe und Gleichmut in meinem Hirn. Alles ist gut und perfekt in diesem Moment. Nur das Geschirr und ich.
(Danke, Meinhard!)
Sei dir selbst eine Insel
Meditation in ihren vielfältigen Formen übt ihre heilende Wirkung gleichermaßen auf Körper, Geist und Seele aus. Sie ist daher viel mehr, als esoterische Gehirnakrobatik - mehr als mit abgeschaltetem Verstand in einer Ecke zu hocken oder in mystischen Schauungen verweilenderweise in der eigenen Bewußtlosigkeit zu versinken.
Meditation erfordert Hingabe und Disziplin. Ebenso wenig wie Rom an einem Tag erbaut wurde, läßt sich eine meditative Praxis in kurzer Zeit erlangen. Aber irgendwann stellt man fest, dass alles ganz ruhig geworden ist. Aus der anstrengenden Übungsdisziplin hat sich eine innere Sehnsucht entwickelt, die einen auf ganz natürliche Art und Weise regelmäßig den Ort des inneren Friedens aufsuchen läßt, um Lebensfreude und Kraft zur Lebensbewältigung in der Stille zu finden.
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