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Lachen und Weinen –
als Clown in Russland mit Patch Adams (Teil 1)
von Angela Beate Blum
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„Werde ich ein guter Clown sein können in russischen Kinderheimen und Spitälern ?“
„Wird mich die Atmosphäre des „Healing through Humour“ anstecken können, die der berühmte amerikanische Arzt und Clown Patch Adams auf seiner jährlichen Russlandreise zusammen mit den übrigen Reisegefährten, 43 zumeist Hobby-Clowns herstellt?“ Diese Frage bewegt mich auf dem Weg nach Moskau.
Als einzige unserer internationalen Gruppe habe ich entschieden, mit dem Zug zu fahren. Zwei Nächte und ein Tag. Sicherheitshalber reise ich doch nicht im Clownskostüm, obwohl Patch, der seit über 20 Jahren keine normale Kleidung trägt, dies allen Teilnehmern nahegelegt hatte. Aber wie sollte ich das der energischen russischen Schlafwagenschaffnerin, wie den streng blickenden Grenzbeamten erklären ? Soll ich sagen, ich treffe mich in Moskau mit Patch Adams, dem Hollywood und der Schauspieler Robin Williams mit dem gleichnamigen Film vor vier Jahren ein Denkmal gesetzt haben ?
„We are a family“, verkündet Patch am Begrüßungsabend. „Lernt Euch kennen ! Seid neugierig aufeinander, fragt euch aus ! Und bleibt vor allem nicht allein!“ Ein kurzes Basisrezept für seelische Gruppenhygiene. Und es funktioniert. Am Ende der Reise kann ich sogar Peter sagen, dass ich ihn anfangs für einen Kotzbrocken hielt, denn inzwischen habe ich auch ihn als Teil der „family“ ins Herz geschlossen. Ist es der „Zauber der Clowns“, der in kürzester Zeit ein burschikos-liebevoll-zärtliches Gemeinschaftsgefühl erschafft ? Ohne viel Analysiererei und verkopfte Diskussion hilft uns dieser Gruppengeist, diese Nähe, die verschiedenen Gesichter Russlands anzuschauen, auszuhalten, zu verarbeiten. Tränen zu zeigen. Um eine Schulter zu bitten oder eine Hand. Und die Freude zu teilen. Über eine besonders geglückte Clownbegegnung mit einem kranken Kind, über gelungenes -Spontanclowning mit Russen auf der Straße oder im Restaurant. Ungeschlagen blieb der fast 2 Meter lange Patch wie er sich mit seiner Pluderhose, die mit 20- 30 Luftballons vollgestopft war, zu den Abwaschfrauen in die Küche drängelte. Clowns dürfen unverschämt sein.
„Völkerverständigung“. Auch das ein Motto, das über Patchs Clownreisen steht. Eine besondere Begegnung der interkulturellen Art begann im Hof der Peter und Paul – Festung, der ältesten Gegend des 300 Jahre alten St.Petersburg. Wir Clowns vermischen uns zufällig mit koreanischen Touristen – die haben einen Heidenspaß daran, sich mit uns fotografieren zu lassen. Unter ihnen befindet sich ein würdiger alter Herr im traditionellen langen asiatischen Steppmantel. Eine knappe Stunde später treffen sich beide Reisegruppen erneut im Souvenirmarkt „Roter Oktober“. Plötzlich stehe ich vor dem alten Herrn in meinem rot-weiß-gestreiften Bademantel und ohne weitere Worte nehmen wir uns in den Arm. Keine clownartige Anmache war dabei wirksam, sondern eher eine Art von tiefem Wiedererkennen. Wir halten uns länger als üblich – Visitenkartenaustausch nicht erforderlich. Sprachlos - wie schön, dass eine unsichtbare Regie dieses Treffen für uns arrangiert hat. Unsere auffälligen Mäntel waren dabei sehr nützlich.
Oft war ich klatschnass geschwitzt als Clown im Krankenhaus. Sollte es sich um klimakterische Hitzewallungen handeln ? Aber nein, in Russland sind die Innenräume einfach überheizt. Erdgas satt, Klimaschutz, was ist das, heißt offenbar die Devise. Ventile zum Runterdrehen der Heizung habe ich nirgends in Russland gesehen, auch nicht in unseren sehr gepflegten 3 Sterne Hotels. Aber zurück zum schweißtreibenden Clownen – heute sage ich: Wer als Clown friert, hat irgendwas falsch gemacht, denn im wahrsten Sinne des Wortes: Ein Clown ist unverfroren.
Eine Mischung aus dreist und schüchtern habe ich bei der Strategie des „offensiven Wangenküssens“ ausprobiert. Durch gutmütige russische Küchenfrauen in den Kinderspitälern zu dieser Begegnungsform ermutigt – sie kicherten liebevoll, wenn sie plötzlich und unverhofft abgeküsst wurden – habe ich dieses Verfahren im Katharinenpalast nahe St.Petersburg weiter ausgebaut. Von den schweren Zerstörungen der deutschen Besatzungszeit künden nur noch Fotos, der Palast, der auch das berühmte Bernsteinzimmer enthält, ist prachtvoll wiederhergestellt. Vielleicht hat mir beim „Clown-Küssen“ ein Rest sinnenfroher Leichtlebigkeit aus alter Zeit geholfen, der diesen Ort wieder umweht. Wichtigstes Utensil : ein gut fettender, auffällig gefärbter und garantiert nicht kussechter Lippenstift sowie ein Taschenspiegel, denn für gute Abdrücke muss spätestens nach dem zweiten Kuss nachgemalt werden.
Wichtigste Seelenhaltung : Ich muss mich ziemlich unwiderstehlich finden. Dazu hilft das Schleierhütchen mit pinkfarbener Federboa (siehe Foto mit Pacman, unserem japanischen Clownprofi) Den Wert eines solchen Hütchens als Aufmerksamkeitshascher hatte ich in meinem alten Leben nie bewusst erkannt. (Zugegebenerweise wollte ich in meinem bisherigen Leben auch noch nicht auf diese Weise auffallen.) Jedenfalls hilft es den aufs Korn genommenen Männern – auch den Frauen – die Schrecksekunde zu überwinden, wenn ich mich mit gespitzten Lippen und gut gespielter Schüchternheit an sie heranpirsche. „Achtung ! Es ist nicht wirklich gefährlich !“ heißt die gesendete Botschaft.
In Puschkin haben die meisten „Opfer“ fröhlich gelacht. Wichtiger Tipp für Nachahmer: Nach der Anpirschphase ist der Punkt zu erkennen, an dem dreist und entschlossen draufzugeküßt werden muss. Der Kopf ist mit beiden Händen kurz zu fixieren, während die Lippen von links nach rechts und wieder zurück mit sanftem Druck abgerollt werden. In den Fällen , wo ein Mann in Begleitung einer Frau geküsst wird ,sollte ein pantomimisches Nachspiel erfolgen mit der flehentlichen Bitte , sie möge weder böse noch eifersüchtig sein. Mit den Worten meiner amerikanischen Clownfreunde : „That was really fun!“ – aber ob ich mich das in Oldenburg am Lefferseck traue ?
Nur zwei Stunden Zeitdifferenz – mein Jet-lag kann doch gar nicht so schlimm sein. Trotzdem habe ich Schwierigkeiten wieder in Deutschland anzukommen. Wir gehen hier so distanziert miteinander um. Wir lassen so viel Platz um uns herum und lassen uns nicht wirklich aufeinander ein. Einen Tag bin ich wieder in Oldenburg, da verschlägt es mich auf den Röwekampschulhof. Der Unterricht ist vorbei, ein paar Hortkinder spielen draußen. Einer, vielleicht in der ersten Klasse, kommt auf mich zu, anklagend: „Der da hat mich ins Gesicht gerotzt.“ Keine lange Analyse, keine Überlegung, welche Rolle die mir abverlangen – im Nu bin ich Clown, ohne Hut und Schminke. „Gerotzt? So?“ Mir gelingen wundervoll übertriebene Schnurgelgeräusche, tief aus dem Nasenrachenraum heraus. Die Kids fangen an zu kichern. Ich lege nach : „Echt? Du kannst richtig große Rotzflatschen spucken ? So große ? Fantastisch, zeig mal, wo ?“ Vor Lachen kann der größere Junge weder antworten noch spucken. Auf der Erde liegt eine hellgelbes Zopfgummi. Schwups stecke ich es ins linke Nasenloch. Schon in Russland hatte ich mit künstlichem Schnodder experimentiert. Die Kinder biegen sich vor Lachen. Opfer-Täter-Probleme sind vergessen. Aber in Deutschland holt mich die gemeinsame Sprache ein und ich muss mich bohrenden Fragen stellen: „Bist du eine Erzieherin ? Bist du eine Mutter?“ Verschämt gebe ich zu, dass ich vor knapp drei Wochen angefangen habe, ein Clown zu sein. Das schönste Kompliment bekomme ich von dem Stöpsel aus der ersten Klasse: “Dafür biste aber schon ganz gut, als Clown...“
P.S.: In diesem Artikel sind die Erfahrungen als Clown in russischen Kinderkliniken und Heimen kaum behandelt. Darüber wird es einen Artikel im nächsten Heft geben. Zuvor aber will ich es wagen, meine rote Clownsnase in deutsche Krankenhauszimmer zu stecken.
Abendveranstaltung in Varel, VHS, Fr., 13.2.2004, 18:30- 21:30 „Lachend heilen mit Patch Adams in Russland“ Reisebericht und Spontanclowning mit Angela Beate Blum Anmeldung KVHS Friesland, Tel. 04461/98790 ,Nachmittagsveranstaltung bei Margarete Haseloh, Westrhauderfehn, 7.2.2004 15-18h, Anmeldung 04952/990181, weitere Veranstaltungen in Planung, Auskunft: Angela Beate Blum 0441/ 883749.
Hier können Sie die Fortsetzungen lesen:
http://www.achtsames-leben.org/2004-2-AART-0182.html
http://www.achtsames-leben.org/2004-3-AART-0207.html
http://www.achtsames-leben.org/2004-4-AART-0232.html
Buchtip:
Patch Adams + Maureen Mylander: Gesundheit! Zwölf & Zwölf Verlag, 224 Seiten, Pb. 9,97 Euro.
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