Bewusstes Leben 2022/2023


Dezember 2022 - April 2023


Vertrauen braucht Mut

© Foto: Lothar Dieterich - www.pixabay.com
© Foto: Lothar Dieterich - www.pixabay.com

Autorin: Verena Kast

Vertrauen und Misstrauen als Grundhaltungen

Manchen Menschen vertrauen wir einfach, anderen misstrauen wir – oder wir versuchen, das anfängliche Misstrauen zu überwinden. Wir vertrauen auch der Technik, unseren Regierungen, unseren Medikamenten – oder eben: wir misstrauen. Manchmal sind wir zu vertrauensvoll, und dann werden wir mit einer unschönen Realität konfrontiert, manchmal sind wir zu misstrauisch und spüren, wie wir auf uns selbst zurückgeworfen werden, aus unseren normalen vertrauensvollen Verbindungen, die wir sonst mit Menschen haben, herausfallen, uns unsicher fühlen, bedroht – nicht mehr aufgehoben.

Vertrauen und Misstrauen sind Grundhaltungen von uns Menschen – in den vielfältigen Beziehungen und Bezügen, in denen wir leben. Sie regeln unsere Beziehungen untereinander, und letztlich haben sie einen großen Einfluss darauf, ob wir glauben, anstehende Probleme, im Privaten, aber auch im öffentlichen Raum, lösen zu können – miteinander. Sie bestimmen darüber, wie wir die Zukunft antizipieren. 

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Wenn dir dein eigenes Kind fremd ist und es deinem Kind mit dir genauso geht

Foto: © Tom – www.pixabay.com
Foto: © Tom – www.pixabay.com

Autor: Oliver Dierssen

Interview: Julia Meyn für den mosaik Verlag

 

Wer ist Oliver Dierssen?

Ich bin niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit dem Arbeitsschwerpunkt Eltern-Kind-Interaktionsstörungen. Das Thema beschäftigt mich seit vielen Jahren. Beinahe bei allen seelischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen zeigt sich auch eine Belastung der Eltern-Kind-Beziehung.

 

In der Einleitung zu Ihrem Buch schreiben Sie, Sie hätten nie erwartet, ein Buch über Eltern-Kind-Beziehungen zu schreiben, die von Unverständnis, Fremdheit und Abstand geprägt sind. Wie kam es, dass Sie ein solches Buch nun doch geschrieben haben?

In den wegweisenden aktuellen Elternratgebern stehen Bindung und Beziehung ganz im Mittelpunkt. Und das auch zu Recht: Bindungsorientierte Erziehung macht Kinder stark. Zu wenig geschrieben und auch gesprochen wird mir darüber, was passiert, wenn die Beziehung nicht gut gelingt. Über dieses Thema wird zu oft geschwiegen, dabei ist es hochbelastend: Was tue ich, wenn ich mit meinem Kind nicht richtig warm werde, wenn wir uns fremd bleiben und trotz aller Mühen einfach nicht verstehen?

 

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August - Dezember 2022


(Außer) Kontrolle

© Gerd Altmann – Pixabay.com
© Gerd Altmann – Pixabay.com

Autor: Ulrich Hoffmann

 

Der Zeitgeist lässt uns glauben, wir sollten jederzeit alles unter Kontrolle haben. Und wenn das nicht gelingt, wäre es unsere Schuld. Psychologen sagen, das ist der sicherste Weg in Burnout oder Depression. Denn vieles lässt sich einfach nicht kontrollieren. Andererseits steigert es unsere Lebenszufriedenheit enorm, wenn wir eine möglichst umfangreiche Selbstwirksamkeit entfalten. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, was wir beeinflussen können und was nicht. Und herauszufinden, wie wir mit dieser Kränkung unserer Allmachtsfantasie besser klarkommen. Vielleicht kennen Sie das sogenannte »Gelassenheitsgebet«: »Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.« Da nickt doch eigentlich jede*r. Denn dagegen ist wenig einzuwenden. Aber woher nun die Gelassenheit, den Mut und die Weisheit nehmen, wenn Gott noch nicht geliefert hat? (…) Das »Gelassenheitsgebet« wird oft im Rahmen von 12-Schritt-Programmen wie bei den Anonymen Alkoholikern genutzt. Weil es die Erkenntnis auf den Punkt bringt, dass wir auf manche Dinge Einfluss haben und auf andere nicht. Und dass dagegen weder Alkohol noch andere Drogen, Sex, Shopping, TV oder Essen helfen. Wer sich im Alltag ständig an den unbeeinflussbaren Dingen die Zähne ausbeißt, braucht früher oder später Hilfe. (…)

 

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Mit dem Atem das Fundament legen

© Mitchell Griest – Unsplash.com
© Mitchell Griest – Unsplash.com

Autor: Daniel Siegel

 

In der ersten Woche dieses Programms legen wir das Fundament für die Praxis des Bewusstseinsrades, und zwar, indem wir uns auf den wichtigsten Baustein konzentrieren. Wir lernen, mithilfe des Atems unsere Aufmerksamkeit zu stabilisieren.

Bewusstes Atmen schafft eine gewisse innerliche Kohärenz, was wahrscheinlich an der Struktur der Wiederholung von Inhalation und Exhalation, Einatmen und Ausatmen liegt. Es ist tief befriedigend und erdend, etwas zu erwarten, was dann geschieht, so wie es beim Atmen der Fall ist. Es kann dem Leben eine gewisse Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit verleihen. Für viele ist es so, dass eine solche Fokussierung auf den Atem eine Kohärenz schafft, und zwar nicht nur durch physiologische Ausgeglichenheit in der Herzregion, sondern auch durch die geistige Klarheit, die lange über die reine Übungsphase hinaus anhalten kann.

Diese Übung – sich auf den Atem zu fokussieren und zu ihm zurückzukommen, wenn der Geist abschweift – kann für die Entwicklung Ihrer Meditationspraxis das beste Werkzeug sein und ein Geschenk, das Sie im täglichen Leben immer wieder beglückt. Denn, kaum zu glauben: Wir atmen ja immer!

 

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April - August 2022


Wenn das Leben kippt

© No-longer-here – pixabay.com
© No-longer-here – pixabay.com

Autorin: Tita Kern

Wir alle haben ein mehr oder weniger deutliches Bild davon, wie wir uns das Leben vorstellen, wie wir selbst sein möchten und was wir uns für unsere Kinder wünschen. Ein Bild, dem wir – das ist ganz normal – im Laufe unseres Lebens immer wieder einmal mehr, ein anderes Mal weniger nahekommen. Nach Schicksalsschlägen oder in Lebenskrisen jedoch kann es manchmal in so weite Ferne rücken, dass wir eine ganz neue Sicht auf uns und die Welt lernen müssen. Dann geht es darum, unter veränderten Vorzeichen weiterzugehen und uns anzupassen an das, was nun ist, selbst wenn wir es so nie gewollt haben.

Wie gelingt es Menschen in stürmischen Zeiten, einen so festen Stand zu erlangen und sich so flexibel auf die Anforderungen der Krise einzustellen, dass sie durchstehen, was das Leben ihnen abverlangt? Oder dass sie sogar gestärkt, mit neuen Erkenntnissen oder tieferen Beziehungen daraus hervorgehen? Die Antworten auf diese Fragen sind vielschichtig und bilden die Basis für das Bild des inneren Kompasses, das sich als roter Faden durch dieses Buch ziehen wird. Es soll nicht nur verdeutlichen, wie innere Stabilität und Flexibilität entstehen, sondern auch, was wir selbst dazu beitragen können. (…)

 

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Likest du noch oder lebst du schon?

© Anastasia Gepp – pixabay.com
© Anastasia Gepp – pixabay.com

Autorin: Christina Feirer

Unser Belohnungszentrum und das Dopamin

Unser Gehirn und unser Körper sind faszinierend. Joachim Bauer, ein deutscher Neurowissenschaftler, Facharzt und Psychotherapeut, schildert, dass aus neurobiologischer Sicht Menschen nach zwischenmenschlicher Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung und Zuneigung streben. In seinem Buch Prinzip Menschlichkeit geht er sogar noch einen Schritt weiter mit der Behauptung, dass uns Menschen nichts so sehr motiviert, wie von anderen gesehen zu werden oder Anerkennung, Zuwendung und Liebe zu erfahren. Unbewusst wollen wir als Person gesehen werden. Unser Gehirn verfolgt demnach mit jedem Ziel im Alltag den tieferliegenden Sinn, wahrgenommen zu werden. Genau diese Behauptung unterstreicht den Instinkt des Dazugehörens und unterstützt, dass dieser Instinkt tief in uns verankert ist.                               

 

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Der Sinn des Gebens

© Vonecia Carswell – Unsplash.com
© Vonecia Carswell – Unsplash.com

Autorin: Kristina Simons

Anderen zu helfen, erfüllt uns mit Zufriedenheit. Denn Wohltaten lösen ganz unmittelbar Glücksgefühle aus, langfristig geben sie uns Anerkennung und Sinn. Der Zusammenhang ist sogar messbar. Höchste Zeit also, anderen – und auch sich selbst – Gutes zu tun.

 

Geben ist seliger denn Nehmen, heißt es schon im Neuen Testament. Doch es macht nicht nur seliger, sondern auch glücklicher. Wer sich anderen gegenüber großzügig verhält, gastfreundlich ist, Geld spendet oder jemandem Zeit und ein offenes Ohr schenkt, weiß um das gute Gefühl, das dabei entstehen kann – selbst wenn nicht unmittelbar ein Dankeschön oder ein Lächeln folgt. „Warm glow effect“ nannte der Wissenschaftler James Andreoni Ende der 1980er-Jahre dieses wohlige Gefühl, das Menschen nach einer guten Tat empfinden.

 

 

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Der innere Kritiker ist immer dabei

© Helen_Field / iStock
© Helen_Field / iStock

Autorin: Doris Iding

 

Leider sind es primär die schmerzvollen Situationen, die uns reifer werden lassen. Sie bringen uns an unsere Grenzen, machen uns demütig und öffnen so unser Herz. Auch wenn die Lektionen noch so qualvoll sind, brauchen wir sie, um mit uns selbst in Kontakt zu kommen. Mit etwas, was größer ist als unser kleines Ich. Nach solchen Erfahrungen können alte Verletzungen häufig an Bedeutung verlieren. Das passiert dann, wenn wir die Lektion verstehen, die uns das Leben, unser Meister, damit geschickt hat. Durch eine solche Erfahrung können wir einen Perspektivenwechsel vornehmen und betrachten uns nicht länger als Opfer eines schlechten Umstands, einer falschen Arbeit, eines egoistischen Kollegen oder einer rachsüchtigen Partnerin. Wir lernen, dass solche Erfahrungen zum Weg gehören. Und im Nachhinein sind wir häufig sogar dankbar dafür und können dem Leben mit tieferer Offenheit, mehr Vertrauen und Neugierde begegnen. Wir gehen gestärkt aus den Erfahrungen hervor und schauen dem Leben gelassener entgegen. Wir fühlen uns nicht länger vom Leben betrogen, sondern erkennen, dass wir selbst mehr und mehr zu Meistern werden.

Aber bei einem bleibt Vorsicht geboten: bei unserem inneren Kritiker. Solange wir mit seinen Augen auf unser Leben, auf unsere Lektionen und auf unsere daraus gewonnenen Erkenntnisse schauen, haben wir das Gefühl, dass mit uns etwas nicht stimmt und wir etwas falsch machen. Selbst dann, wenn Außenstehende uns versichern, dass wir eine Krise mit Bravour gemeistert haben, kann unser innerer Kritiker versuchen, uns weiterhin das Gefühl zu vermitteln, dass wir es hätten besser machen können. Er gibt uns immer wieder das Gefühl, dass etwas an uns zu bemängeln ist. Seine harten Urteile verstellen den Blick auf das, was uns auszeichnet und wer wir im tiefsten Innern sind.

Wenn wir an den Erfahrungen reifen, können wir diese veralteten Zuschreibungen loslassen. Wir erkennen, dass wir nicht das sind, was der innere Kritiker in uns sieht. Wir realisieren, dass wir nicht die Geschichten sind, die er uns über uns erzählen will. Und wir entwickeln mit  jeder neuen Lektion Bewusstsein dafür, dass wir selbst entscheiden können, ob wir uns unserem inneren Kritiker zuwenden oder ob wir lieber auf unser Herz hören, das uns bedingungslos liebt.

Aber selbst dann, wenn Sie und ich die besten Absichten haben, werden wir dem inneren Kritiker immer wieder begegnen. Sie werden immer wieder bemerken, dass es viel Achtsamkeit, viel Selbstmitgefühl, viel Geduld, viel Zuversicht, viel Selbstliebe, viel Mitgefühl und einen starken Willen braucht, um das eigene Herz nicht aus dem Auge zu verlieren. Deshalb ist es wichtig, ein spielerisches Verhältnis zum Leben als Ihrem Lehrmeister zu gewinnen. Absichtsvoll und nachsichtig zugleich. Geduld, Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und Klarheit sind Eigenschaften des Herzens. Diese Qualitäten wohnen jedem Menschen inne, aber wir haben sie vergessen, und so ist es an uns, sie mit jeder Lektion, die das Leben uns schenkt, wieder hervorzuholen und weiterzuentwickeln.

Geduld ist eine besonders wertvolle Eigenschaft. Sie stärkt unsere Zuversicht und Hoffnung und vermittelt uns, dass es sich lohnt, sich nicht länger als Opfer äußerer Umstände zu betrachten. Stattdessen können wir es als ein Privileg ansehen, vom Leben lernen zu dürfen. Unserer innerer Kritiker hingegen pflegt permanent Krieg zu führen: gegen uns und gegen die Dinge, wie sie sind. Leider ist er sehr resistent, und es reicht nicht, diesen Krieg mit ihm einmal zu beenden. Wir müssen es immer wieder tun. Er wird nicht müde, Zweifel, Verlangen, Verwirrung in unseren Geist zu streuen, und wir müssen immer wieder achtsam und offen sein, um dies mitzukriegen. Alle Lektionen, die das Leben, unser Meister, uns schenkt, sind Übungen, die uns dazu führen sollen, noch mehr Selbstmitgefühl, Herzenswäre, Geduld und Akzeptanz auf dem Weg zur inneren Freiheit zu entwickeln.

Das Leben als unser Meister ist ein strenger Lehrer. Erkenntnisse, die wir nicht selbst gemacht haben, werden uns nicht weiterbringen. Angelesenen, Übernommenes oder Antrainiertes sind wie Pech, das an unseren Flügeln klebt und uns daran hindert, selbstständig in die Freiheit zu fliegen. Das Leben möchte uns selbst zu Meistern machen. Es möchte, um mit den Worten Buddhas zu sprechen, dass wir den Buddha im Außen töten. Es will, dass wir uns selbst ein Licht werden. Keine leichte Übung, aber eine machbare (…), auf jeden Fall eine, die Sie stärker, weiter und weiser werden lässt.

 

 

Textauszug aus „Das Leben, mein Meister“ von Doris Iding, mit freundlicher Genehmigung des Lotos Verlages, siehe auch unter „Wortwelten“.