Bewusstes Leben 2020


April - August 2020


Behalte deine Krone auf! Resilienz in Corona-Zeiten

© roegger- pixabay.com
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Autorin: Theresia de Jong

 

Die derzeitige Lage ist eine gute Gelegenheit die eigene Resilienzfähigkeit zu polieren. Das kann manchmal anstrengend sein. Wer den derzeitigen Sturm meistern will, muss nicht nur wetterfeste Kleidung tragen, sondern vor allem seine innere Sonne aktivieren.  

  

Resilienz – das ist die Fähigkeit, auch in widrigen Zeiten nicht den Kopf zu verlieren und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass auch diese Krise vorüber gehen wird, um etwas Neuem Platz zu machen. Das ist bei kleinen Katastrophen ebenso anzuwenden, wie bei mittleren und sogar großen. Oft ist es so, dass wir die Situation nicht selbst sofort verändern können, von kontrollieren gar keine Rede. Was jetzt zählt, ist unsere Fähigkeit zu akzeptieren, was ist.  

  

Es hat wenig Sinn, sich aufzuregen und in Panik zu verfallen. Das raubt uns und unserem Immunsystem nötige Energiereserven, die wir besser einsetzen können. Resilienz heißt auch, die innere, psychische Immunkraft zu stärken, weil dies auch Auswirkungen auf unsere körperliche Immunstärke hat, wie zahlreiche Studien bewiesen haben. Es ist eine grundsätzliche Entscheidung, die wir treffen können: Lasse ich mich in den Strudel hineinziehen und fange an zu jammern, oder akzeptiere ich das, was ist – auch wenn es mir nicht gefällt – und halte gleichzeitig Ausschau nach dem, was jetzt noch möglich ist. Es gibt dazu einen schönen Weisheitssatz aus Asien: „Wer im Loch sitzt, muss mit dem Graben aufhören.“ 

  

Jetzt heißt es, sich auf die eigenen Fähigkeiten zu konzentrieren. Sich klar darüber zu werden, dass wir auch vorher schon schwierige Situationen gemeistert haben. Und dass deshalb die Chancen nicht schlecht stehen, auch aus dieser Situation halbwegs heil hinaus zu kommen. Es ist vielleicht auch als Weckruf zu verstehen, hinzuschauen, was derzeit schon lange nicht mehr gut lief. Global, aber auch im eigenen Subuniversum. Denn dort, im Kleinen kann ich Veränderungen angehen. Das setzt voraus, dass ich mir zunächst bewusst darüber werde, was will gehen, und was will und kann werden.  

  

In Zeiten, in denen ein System kollabiert, weil es seine maximale Nützlichkeit überschritten hat, ist es wichtig kurz einmal inne zu halten. Wir sollten aus der gegenwärtigen Lage die richtigen Schritte ableiten. Nicht in Hektik, nicht aus Panik, um überhaupt etwas zu unternehmen, sondern aus einer inneren Zentriertheit heraus. Das Gebot der Stunde ist also zunächst: Bleibe bei dir, konzentriere dich auf alles, was noch gut läuft, hab Geduld mit der Situation und dir selbst. Widerstehe der Panik! Dies mag eine Pandemie sein, es mag vielleicht auch das Ende eines Wirtschaftssystems sein, das in vielen Stellen übers Ziel hinausgeschossen ist, aber es ist nicht das Ende unserer Zivilgesellschaft. Systeme können sich verändern. Die Weichen und die Zeichen stehen auf Veränderung. Nun denn! Was kann mein Beitrag dazu sein? Das ist die Frage, der wir uns nun stellen dürfen. 

  

Wie sagte schon Albert Camus: „Im tiefsten Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ 

www.theresia-dejong.de

 


Nachwendekinder – Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen

©bounty - www.Pixabay.com
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Autor: Johannes Nichelmann

Berlin-Pankow, 1996. Ich bin sieben Jahre alt, als mein Bruder und ich die Uniform finden, in einer Mülltüte im Keller. Sie ist grüngrau, mit Schulterabzeichen in Silber und Gold. Wir setzen die Schirmmütze nacheinander auf unsere kleinen Köpfe, schlüpfen in die viel zu große Jacke. »Zieht das sofort wieder aus!« Mein Vater steht in der Tür, Zorn in den Augen. »Wehe, ihr fasst das noch einmal an!« Wir verlieren nie wieder ein Wort darüber. Zumindest bis ich Abitur mache, genau zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Ich habe vor, mich in Geschichte prüfen zu lassen, interessiere mich für das Thema Grenzsoldaten und erzähle meinem Vater davon. »Wenn du das machst, enterbe ich dich!«, sagt er. Nun ist es nicht so, dass ich auf ein großes Erbe hoffen könnte. Außerdem ist mein Vater zu diesem Zeitpunkt gerade einmal Mitte vierzig. Was er mir damit eigentlich sagen will: dass über diesen Teil seiner Geschichte, unserer Familiengeschichte, nicht gesprochen wird. Unter gar keinen Umständen.                                                                                                 Weiterlesen...


Märchen und Musik

Foto: © Petra Keup
Foto: © Petra Keup

Autorin: Petra Keup

 

Was haben Musik und Märchen miteinander zu tun? Was haben Märchen und Musik gemeinsam?

Gesang und Musik, egal aus welchen Regionen und Kulturen dieser Erde sie stammen, lassen uns aufhorchen, berühren uns. Märchen, die uns erzählt werden, ganz egal woher sie stammen, machen aus uns staunende Zuhörer/innen. Gesang, Instrumentalmusik und Märchen, sie lassen ungeahnte Gefühle in uns hervortreten und sind in der Lage diesen Gefühlen Wege zur Wandlung zu offenbaren.

 

In der Musik geht es um das Spiel mit den Tönen, die mal harmonisch, mal disharmonisch erklingen, die sich mal an bestimmte Regeln halten, doch genauso gut frei improvisiert werden können. In der Musik können ganz verschiedene Instrumente zum Erklingen kommen, Stimmen oder Instrumente können solistisch erklingen oder auch in der großen Gemeinschaft eines Chores oder Orchesters. 

 

In den Märchen geht es, um das in Erscheinung treten von Bildern. Es wird etwas erzählt, was die inneren, verborgenen Bilder aus unserer Seele hervortreten lassen kann. In Märchenbildern geht es immer wieder um Wandlung, um den Sieg über das Böse, um die individuelle Weiterentwicklung des Menschen und die dazugehörenden Prüfungen, die in allen Märchen mit eindrücklichen Bildern beschrieben werden. Es geht um das Nichtaufgeben, um das Vertrauen in unerwartete Hilfen, wenn Aufgaben, die gestellt werden, schwer zu bewältigen sind oder wenn die Gegner so stark sind, dass es zunächst durchaus zum Scheitern kommen kann. 

 

In der Musik wird in der Regel die Disharmonie, die im Zusammenspiel entstehen kann, immer wieder in die Harmonie übergeführt. In Märchenbildern wird in der Regel das Böse, das Negative besiegt und zum Guten gewandelt. So verwundert es dann auch nicht, dass weltweit, in vielen Märchen der Gesang und die Musik eine wichtige Rolle spielen. Beim Gesang in den Märchen ist zu bemerken, dass nicht nur den Menschen der Gesang zu eigen ist, denn es singen auch die Kräfte in der Natur, wie die Elfen, die Feen und die Meerminnen. Es singen aber auch die Vögel. So sind in vielen Märchen Vögel die vielfältigsten Sänger und in vielen Sprachen wird das ja auch so ausgedrückt. Es wird in den verschiedensten Sprachen viel häufiger von singenden als von piepsenden Vögeln gesprochen.

 

Doch dann wird in den verschiedensten Märchen von etwas ganz Besonderem erzählt – den singenden Knochen.  Aus Knochen wurden von Menschen die ersten Flöten geschaffen, deren älteste wohl 35 000 Jahre alt ist. Doch die Menschen entwickelten ihre Flöten, inspiriert von der Natur, immer weiter. Ausgehend von der Knochenflöte entstanden Holz- und Bambusflöten und irgendwann dann auch Flöten aus Metall. Jedes Material, aus dem eine Flöte gemacht wird, gibt dieser ihren ganz eigenen Klang. Der Atem, der die Töne ja im Gesang hervorbringt, geht über in das Flötenspiel und etwas neues tritt hinzu. In Märchen, in denen Flöten zum Erklingen kommen, wird häufig von Schäfern und anderen Tierhütern erzählt, die zunächst für ihre Tiere flöten. Mit den Flötenklängen tritt dann aber etwas ganz Besonderes in Erscheinung – der Tanz. Dem geben sich zunächst die Tiere und dann ganz schnell auch die Menschen völlig hin. Musik und Bewegung lassen sich nicht voneinander trennen. 

 

Doch immer wieder drückt das Spiel auf den Flöten und Pfeifen auch etwas darüber aus, wohin die zu bewältigenden Aufgaben, die der Held oder die Heldin des Märchens zu lösen hat, im Leben wirklich führen sollen. Also machen sie sich flötend und pfeifend auf den Weg. Die heute noch gültige Redewendung: „Mir ist etwas flöten gegangen“, weist vielleicht schon auf etwas hin, was einem in den Märchen begegnen kann.

 

Es verbinden Märchen, die erzählt werden, Lieder, die gesungen werden, Musik, die gespielt wird, die Kulturen und die Menschen auf der ganzen Welt, denn sie sprechen die Seele der Menschen an, sprechen aus der Seele des Menschen heraus, bringen sie in Bewegung. So verbindet, von Musik und von Märchen berührt zu werden, Menschen, ganz unabhängig von Nationen und Kulturen in denen ein Mensch aufgewachsen ist und lebt. Von ihnen berührt zu werden, kann jeden Menschen aber auch mit seiner ganz eigenen geistigen und spirituellen Herkunft in Verbindung bringen, ganz unabhängig von einer Religionszugehörigkeit. Denn die Seele eines jeden Menschen ist eine einzigartige Melodie, ist ein individuelles Lied, ist ein unnachahmbarer Klang voller Bilder und sie will erhört und erkannt werden. Nur so kann sie sich in einem harmonischen Miteinander mit Anderen verbinden. Erst dann kann in einem sozialen Miteinander jede Disharmonie auch wieder in Harmonie gewandelt werden und Neues kann frei klingend entstehen.

 

Und nicht vergessen: Märchen sind nicht nur etwas für Kinder, sondern auch Erwachsene können immer wieder Neues für sich und ihr Leben darinnen entdecken. Tauchen wir in die Märchenbilder ein, können diese sich wie ein Spiegel unserer Seele gestalten und das Abenteuer besteht darin, dieses Spiegelbild genau zu betrachten und uns dadurch ganz neu zu entdecken. Dabei wird die Melodie unserer Seele, wird das Lied unserer Seele in Bewegung gebracht oder auch auf den Weg gebracht, sich ganz neu zu finden. 

 

Petra Keup ist Autorin und Lehrerin und lebt in Oldenburg.

Bücher: Singende und klingende Märchen aus aller Welt – Bd. 1 Gesang,

Bd. 2 Flöten und Pfeifen;

Das Weltmusik Lesebuch

 


Winter 2020


Jede Generation macht ihre Erfahrungen und hat ihre Aufgaben

Foto: NiklasPntk auf pixabay.com
Foto: NiklasPntk auf pixabay.com

Autorin: Ulrike Plaggenborg

 

Die Fridays for Future-Bewegung hat einiges in Bewegung gebracht, auch wenn noch nicht im erhofften Umfang darauf reagiert wurde (die Politik stellt sich nach wie vor mehr oder weniger stur). Die jungen Menschen mit ihrem wunderbaren Engagement scheinen jedoch bei vielen aus meiner Generation, der (nach) 68er-Generation, sowas wie Schuldgefühle und Selbstverurteilung hervorzurufen. So wird zuweilen behauptet, wir hätten „der Jugend einen Scherbenhaufen hinterlassen“. Und natürlich sind wir an dieser Entwicklung beteiligt, d. h. wir haben sie mit verursacht und es braucht unsere Unterstützung für die anstehenden Veränderungen. Und gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass jede Generation ihre ganz eigenen Aufgaben in ihrer jeweiligen Zeit hat und ihre eigenen Erfahrungen macht.                     Weiterlesen....  


Auch du müllst dein Gehirn zu

Foto: Gerd Altmann auf pixabay.com
Foto: Gerd Altmann auf pixabay.com

Autorin: Prof. Dr. Maren Urner 

 

Bevor wir loslegen, mach zunächst eine kurze – aber ehrliche – Bestandsaufnahme deines Informationskonsums. Beantworte dafür spontan ein paar ganz banale Fragen: 

  • Wie viel Zeit verbringst du täglich online?
  • Wie viel vor dem Fernseher oder mit anderen Medien?
  • Was schätzt du, wie oft du dich täglich durch E-Mails, Push-Nachrichten, Social-Media-Benachrichtigungen und andere »Ich checke das mal eben«-Botschaften ablenken lässt?
  • Wie oft ärgerst du dich darüber und wünschst dir, dich anders zu verhalten?

Wenn unser Informationsdrang süchtig macht

Im 21. Jahrhundert besteht die Herausforderung nicht mehr darin, stunden- oder gar tagelang in Bibliotheken nach einer bestimmten Jahreszahl oder Aussage zu suchen. Ausgerüstet mit einem internetfähigen Mobilgerät kannst du von fast überall in Sekundenschnelle an eine unbegrenzte, ja unüberschaubare Menge an Informationen kommen. Kein vergebliches Suchen mehr, kein Streit mehr darüber, wann Napoleon lebte, und keine Sorge mehr darüber, ob wir auf dem Weg zur Arbeit vom Regen kalt erwischt werden.

Doch was, wenn unser Gehirn da nicht hinterherkommt – weil es einfach nicht dafür gemacht ist, unsere regelrechte Informationswut zu verarbeiten, und stattdessen überfordert ist? Wenn es vielleicht sogar abhängig wird von bestimmten Informationsquellen? 

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Wie uns die Liebe durch das Leben trägt

Foto: yc0407206360 www.pixabay.com
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Autorin: Theresia de Jong

Frühe Bindungserfahrungen

Eine kleine Geschichte zeigt, dass die Nähe zwischen Mutter und Kind schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt gestaltet wird. Die Mutter-Kind-Bindung umfasst durchaus auch die Kommunikation mit unserem eigenen innersten Sein. Dabei glaube ich, dass die Beziehung, die wir zu unserem Kind knüpfen, wenn wir es auf dem Arm tragen, immer auch etwas mit der Beziehung zu unserem eigenen inneren Kind zu tun hat, das heißt: Verletzungen, die unsere Seele in frühester Zeit erlitten hat und noch nicht geheilt wurden, können sich dann auch auf die Beziehung zu unserem Kind auswirken und dadurch an die nächste Generation weitergegeben werden.

Nun aber zunächst zu dieser Geschichte, die ich angekündigt habe: Sie gefällt mir auch deshalb so gut, weil sie uns vieles über die Kontinuität des Daseins sagen kann, im ewigen Kreis von Tod und Leben und auch über die innige Verknüpfung zwischen Mutter und Kind. Es ist eine Geschichte von einem ostafrikanischen Stamm, die zeigt, wie Liebesfähigkeit auch über Rituale angelegt werden kann.

Wenn sich bei diesem Stamm eine Frau, ein Paar, ein Kind wünscht, zieht sich die Frau in die Einsamkeit zurück. Sie setzt sich unter einen Baum und wartet, bis sie das Lied ihres (zukünftigen) Kindes empfängt. Hat sie das Lied vernommen, geht sie singend in ihr Dorf zurück. Sie bringt das Lied allen Dorfmitgliedern bei. Wenn sie mit ihrem Mann in Liebe verbunden ist, singen sie beide das Lied, um die Seele des Kindes zu sich einzuladen. Ist sie dann schwanger, singt sie das Lied für ihr Kind im Bauch. Bei der Geburt singen die Frauen des Dorfes das Lied. Es ist das erste, was das Kind hört, wenn es geboren wird. Dieses Lied wird es sein gesamtes Leben begleiten. Es wird bei allen wichtigen Übergängen im Leben gesungen, bei der Hochzeit und auch auf dem Sterbebett.

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