Bewusstes Leben 2020/2021


Dezember 2020 - April 2021

Auf dieser Seite: "Der Zauber guter Gespräche" - "Vertrauen - Finden was mich wirklich trägt" - "Potentialentfaltung in der Schule" - "Homo Sapiens" u.ä.


Der Zauber guter Gespräche

Foto: ©Truhon Leong - pixabay.com
Foto: ©Truhon Leong - pixabay.com

Autorin: Ulrike Döpfner

 

Das Geschenk der ungeteilten Aufmerksamkeit

Erinnern Sie sich, mit wem Sie sich als Kind besonders gern unterhalten haben? Mit wem hatten Sie die schönsten Gespräche? Ich habe Erwachsene und Kinder danach gefragt: 

 

Thomas, 41 Jahre: »Die schönsten Gespräche führte ich mit meiner Großmutter auf der Küchenbank. Sie saß da, hatte immer eine Strickarbeit auf dem Schoß und hörte endlos zu. Ich konnte ihr alles erzählen. Sie interessierte sich für alles und hatte so viel Zeit. Ich stand für sie immer im Mittelpunkt.«

Beatrice, 38 Jahre: »Seit meiner Kindheit habe ich die besten Gespräche mit meiner Freundin Andrea. Sie kennt mich seit der ersten Klasse und weiß einfach, wie ich ticke. Ich habe nie Angst, ihr etwas zu erzählen, schäme mich auch nie. Ich weiß, alles ist bei ihr gut aufgehoben.«

Lea, 8 Jahre: »Am liebsten mag ich es, wenn meine Tante Lisa kommt. Dann spielen wir Zirkus, ich bin Akrobatin und turne, meine Tante schaut zu. Ich erkläre ihr dann alles, was ich mache, und sie hört mir die ganze Zeit zu.«

Linus, 11 Jahre: »Die schönsten Gespräche habe ich mit meinem Papa, bevor ich schlafen gehe. Dann kann ich ihm auch geheime Sachen sagen. Er hört mir zu und erzählt mir, wie es bei ihm in der Schulzeit war. Das finde ich schön.«

 

Schöne Gespräche verbinden wir mit Interesse am anderen, sich Zeit nehmen füreinander und Vertrauen haben. Wir spüren, dass wir für unseren Gesprächspartner im Mittelpunkt stehen. Sowohl aus den Antworten der beiden Erwachsenen als auch der beiden Kinder können wir herauslesen, was den Zauber der guten Gespräche für sie ausgemacht hat: ungeteilte Aufmerksamkeit!

Ob erwachsen oder Kind, durch ungeteilte Aufmerksamkeit fühlen wir uns geschätzt und wertvoll. Nach solchen Momenten sehnt sich jeder. Als Erwachsene geben wir dieses Bedürfnis nicht mehr so offen zu. Kinder können es direkt formulieren: Es ist schön, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen!

Wann hat Ihnen ein Gesprächspartner oder eine –partnerin das letzte Mal aufmerksam zugehört? Mit wem sprachen Sie? Und worüber? Versuchen Sie einmal, sich an dieses Gespräch zu erinnern und noch einmal das positive, wohlige Gefühl abzurufen, das es bei Ihnen auslöste. In Ihrer Erinnerung spüren Sie: Es tut gut, von einem Gesprächspartner als wichtig empfunden zu werden. Wir alle kennen die Situation von Festen oder anderen Veranstaltungen, bei denen man auf viele Menschen trifft, die man begrüßt. Einige sind herzlich, und wir haben das Gefühl, dass sie sich wirklich freuen, uns zu sehen. Andere gucken, noch während sie uns die Hand schütteln, im Raum umher, wen sie denn sonst noch begrüßen könnten und was sie gerade verpassen, während sie sich mit uns befassen. Sie vermitteln uns mit ihrem flackernd- suchenden Blick, dass es durchaus Wichtigeres gibt als uns. Das fühlt sich nicht gut an – manchmal wäre es sogar besser, diese Person hätte uns gar nicht begrüßt als nur so halbherzig.

Ganz anders fühlen wir uns, wenn wir mit unserem Partner oder einer Freundin sprechen, und der andere erhält während des Gesprächs einen Anruf, nimmt diesen aber nicht an, um das Gespräch mit uns nicht zu unterbrechen. Wir fühlen uns wertvoll und beachtet – wir spüren: Wir und das Gespräch mit uns sind tatsächlich im Moment die Priorität für den anderen.

Wenn es uns in unserem Alltag manchmal gelingen sollte, unserem Kind für kurze Momente genau das zu vermitteln: »Du bist jetzt gerade das Wichtigste für mich und alles andere blende ich für einen kurzen Moment aus«, dann machen wir nicht nur unserem Kind ein Geschenk, sondern auch uns selbst: Wir schaffen uns und unseren Kindern Inseln der Nähe und Geborgenheit. 

 

Gute Gespräche schaffen Nähe

Woran erkennen wir gute Gespräche? Am deutlichsten an den Gefühlen, die sie bei uns auslösen: Gute Gespräche mit unseren Kindern beglücken, sie stellen Verbindung und Nähe her. Aber auch an der Art und Weise, wie die Gespräche sich entwickeln, lässt sich viel erkennen: Gute Gespräche »fließen« mit Leichtigkeit – ein Satz führt zum nächsten. Wir erfahren etwas vom anderen und geben auch etwas preis von uns – wir tauschen uns tatsächlich aus. Es ist ein Dialog, in dem beide Seiten zu Wort kommen und beiden Seiten Gehör verliehen wird. Gute Gespräche schaffen eine Atmosphäre der Intensität und gegebenenfalls auch der Tiefe. In solchen Gesprächen bleiben wir nicht an der Oberfläche wie in Plaudereien oder kurzen Textnachrichten (die auch nett sein können) – im Gegenteil: Wir haben das Gefühl, dass dieser Austausch eine Bedeutung hat. Äußerlich sieht man Menschen die Verbundenheit während dieser Gespräche an: Die Körper sind einander zugeneigt, sie schauen sich in die Augen, manchmal berühren sie sich während der Unterhaltung, und ihre Mimik drückt durch einen interessierten Blick, einen freundlichen Gesichtsausdruck, ein Lächeln Zugewandtheit und Wertschätzung aus.

Gute Gespräche bleiben uns im Gedächtnis, sie haben eine emotionale Bedeutung – sowohl für uns als auch für unsere Kinder – und dadurch einen positiven Effekt auf unsere Beziehung zueinander: Es entsteht Nähe zwischen uns und unserem Kind. Selbst wenn so ein Gespräch vor Jahren stattgefunden hat, erinnern wir uns manchmal noch heute, dass wir es an einem verschneiten Sonntagmorgen bei einer Tasse Kakao im Bett geführt haben. 

 

Dem Zauber die Tür öffnen - Chancen nutzen

Guten Gesprächen wohnt ein Zauber inne. Eine positive Energie der Verbindung entsteht zwischen beiden Gesprächspartnern. Das Gespräch plätschert nicht dahin, es lässt uns nicht kalt – es macht einen Unterschied. Jeden Tag führen wir unendlich viele Gespräche mit unseren Kindern, um den Alltag zu organisieren: »Guten Morgen. Was magst du frühstücken?«, »Hast du an deine Sportsachen gedacht?«, »Wann schreibst du heute den Deutschtest? «, »Hast du Hausaufgaben zu machen?«, »Bist du heute Nachmittag verabredet?«, und so weiter und so weiter. Um den Familienalltag zu bewältigen, müssen unendlich viele Dinge abgestimmt und Sachinformationen ausgetauscht werden. Diese Kommunikation ist zweckdienlich. Sie schafft Struktur im Alltag und verbindet uns auf einer organisatorischen Ebene.

Doch es sind die persönlichen Gespräche, in denen es um die Einstellungen, die Ideen, die Gefühle und die Bedürfnisse unserer Kinder geht, die uns auf einer emotionalen Ebene zusammenführen. Manchmal kann ein gutes Gespräch spontan aus einer Situation heraus entstehen, in der wir dieses gar nicht geplant hatten –manchmal gibt es Fragen, die unsere Kinder stellen, oder Bemerkungen, die sie machen, bei denen wir spüren: Das dürfen wir jetzt nicht nebensächlich behandeln oder vorbeiziehen lassen.

 

Der eher schüchterne elfjährige Lukas sprach seine Mutter auf der Fahrt zum Sportverein auf den Tod der kürzlich verstorbenen Großmutter an. Das Thema Tod war in der Familie vor den Kindern gemieden worden – die Mutter hatte früh ihren jüngeren Bruder verloren und vor dem Tod der Großmutter einige andere Verwandte. Sie war so belastet durch diese Verluste, dass sie ihren Kindern diese negativen Themen ersparen wollte. Als ihr Sohn sie jedoch so unvermittelt auf den Tod ansprach — das hatte er zuvor noch nie getan –, fuhr sie an den Straßenrand, parkte das Auto und stellte sich den Fragen ihres Kindes, auch denen nach ihrer eigenen Traurigkeit. Es wurde für sie beide zu einem wichtigen Gespräch, in dem der Sohn neugierig fragte und sie antwortete. Sie war selbst erstaunt, dass sich kein trauriges und belastendes, sondern ein sehr verbindendes Gespräch ergab. Geplant hatte sie das nie. In dem Moment, als ihr Sohn sie so direkt ansprach, erkannte sie die Tragweite seiner Frage und entschied spontan, sich darauf einzulassen und sich für seine Fragen zu öffnen. Sie hatte die Chance auf einen innigen und wichtigen Austausch erkannt und genutzt.

 

Das Auto, der Zug oder der Bus sind wichtige Orte, weil hier oft interessante Gespräche zustande kommen. Häufig nutzen wir Auto- oder andere Fahrten, um Telefonate zu führen, die wir noch auf unserer To-do-Liste abhaken wollen. Dinge müssen erledigt werden, daran lässt sich nichts ändern. Vielleicht aber können wir einige Telefonate auch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, um uns auf der Fahrt mit unserem Kind oder unseren Kindern zu unterhalten. Oft kommen gerade in dieser räumlich überschaubaren Situation, die dadurch etwas Verbindendes herstellen kann, Gesprächsthemen auf, die zu schönen Unterhaltungen führen.

Viele wichtige Fragen kommen von Kindern auch gern in Vorbereitungssituationen, beispielsweise, wenn wir gerade dabei sind, uns morgens fertig zu machen, oder wenn unser Kind sich seine Schuhe anzieht, kurz bevor wir gemeinsam aus dem Haus gehen wollen. Dann kann eine Fünfjährige schon mal fragen: »Mama, warum habe ich so Angst, wenn es dunkel wird« oder »Was passiert, wenn ich sterbe?« oder »Muss ich meinen kleinen Bruder immer lieb haben?« Fragen, bei denen wir merken, dass die Tochter mit einem Thema beschäftigt ist und gern mit uns darüber sprechen möchte.

Weil es eine Situation ist, in der wir mit organisatorischen Dingen rund um den Aufbruch beschäftigt sind, antworten wir knapp, denken uns vielleicht, dass wir auf die Frage später noch einmal eingehen wollen, aber dann vergessen wir es, oder unsere Tochter ist dann nicht mehr in der Stimmung für ein Gespräch. Wenn wir es schaffen, uns in solchen, für uns meist zeitlich angespannten Situationen trotzdem einige Minuten Zeit zu nehmen, um auf die Frage des Kindes einzugehen, haben wir die Chance auf ein besonderes Gespräch. Ob wir fünf Minuten zu spät im Kindergarten waren, ist in wenigen Tagen vergessen, an das Gespräch mit unserer Tochter erinnern wir uns vielleicht noch in Wochen und Monaten. Gerade für kleinere Kinder ist es schwierig, Fragen in »Wiedervorlage« zu besprechen. Sie leben im Hier und Jetzt, im Moment – wenn sie jetzt gerade eine Frage auf dem Herzen haben, heißt das nicht unbedingt, dass sie auch noch darüber sprechen möchten, wenn wir dafür Zeit haben.

 

Sich emotional einlassen

Nicht immer sind Eltern in der Stimmung, intensive Gespräche mit ihren Kindern zu führen. Manchmal sind wir belastet oder traurig und fühlen uns nicht stark genug, uns den Fragen unserer Kinder zu stellen oder uns mit ihren Sorgen zu beschäftigen. Sind wir emotional unausgeglichen, können wir uns nur mit viel Kraft und Disziplin auf einen Austausch einlassen, denn wir sind abgelenkt von unseren eigenen Gefühlen und Gedanken. Zunächst sollten wir uns um unsere eigene emotionale Balance kümmern. Es gelingt uns leichter, gebende und fürsorgliche Eltern zu sein, wenn wir für uns selbst sorgen und auch auf unsere eigenen Bedürfnisse achten. Sich einlassen lässt sich nicht forcieren, es wird uns besser gelingen, wenn wir entspannt und fokussiert sind. Auf ein gutes Gespräch zu hoffen, wenn wir selbst unausgeglichen und abgelenkt sind, ist unrealistisch. Stattdessen sollten wir etwas tun, was uns hilft, unsere Gefühle zu klären und Lösungswege aus unserer belasteten Stimmung zu finden. Dies kann je nach Alter der Kinder und Familiensituation ein Spaziergang, ein Gespräch mit einer Freundin, etwas Musik hören oder vielleicht eine Stunde Sport sein. Wenn es uns besser geht, werden auch unsere Kinder von dieser Ausgeglichenheit profitieren.

Bei chronischer Belastung wie bei Stress am Arbeitsplatz oder solchem, der durch Partnerschaftsprobleme ausgelöst wird, reichen punktuelle Hilfsmaßnahmen nicht aus. Auch hier sollten wir kontinuierlich versuchen, Maßnahmen der Selbstfürsorge wie Sport, Meditation, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf in unseren Alltag einzubauen, es kann wichtig sein, sich zusätzlich externe Hilfe zu suchen – sei es etwa therapeutische Hilfe oder eine Selbsthilfegruppe.

Je mehr wir bei uns sind und je ausgeglichener wir uns wahrnehmen, desto besser sind wir in der Lage, empathisch auf unsere Kinder zu reagieren, auf sie einzugehen und Angemessenes über uns preiszugeben. Fühlen wir uns balanciert, sind wir »gut drauf«, haben wir die Kraft, mit dem, womit die Kinder uns konfrontieren, umzugehen.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Beltz-Verlages aus „Der Zauber guter Gespräche“ von Ulrike Döpfner.

Siehe auch unter „Wortwelten“ auf S. 64.


Vertrauen - Finden was mich wirklich trägt

Bild: ©skeeze-pixabay.com
Bild: ©skeeze-pixabay.com

Autorin: Sylvia Wetzel

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Motto der Moderne

 

Vertrauen reduziert Komplexität. 

nach Niklas Luhmann

 

Was ist besser? Vertrauen oder Kontrolle? Ich halte Kontrolle in vielen Bereichen des Lebens für sinnvoll und nützlich, aber mit Vertrauen kommen wir weiter, denn Vertrauen reduziert Komplexität, wie der Soziologe Niklas Luhmann so prägnant formulierte. Noch immer halten aber viele am Motto der Moderne fest, dass Vertrauen gut, Kontrolle jedoch besser sei, und wir spüren das am Dokumentations- und Berichtswahn in vielen Bereichen. Aber die Welt wird immer unübersichtlicher, und viele Menschen begreifen, dass völlige Kontrolle trotz der vielen Computer ein bloßer Wunschtraum ist oder sogar ein Albtraum. 

Was hilft uns in Umbruchzeiten, wenn wir bemerken, dass wir das Leben nicht völlig in den Griff bekommen? Was kann uns Zuversicht schenken, wenn unser Vertrauen in uns, in andere oder in die Welt immer wieder erschüttert wird?

 

(…) Gerade in Umbruchzeiten können wir besonders gut Vertrauen finden, auch wenn das nicht leicht ist. Wie kann das sein? In schwierigen Zeiten dämmert uns die – vermutlich auch schmerzhafte – Einsicht, dass wir unser Leben mit dem Verstand und technischen Mitteln nicht völlig kontrollieren können. Und erst (…) wenn wir nicht mehr so verbissen und verzweifelt an unseren Ansichten und Meinungen, an Erwartungen und Befürchtungen hängen, entdecken wir ein Vertrauen, das mehr weiß, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Krisen- und Veränderungszeiten sind nicht einfach, aber sie schenken uns die Chance, Kontrollwünsche und allzu feste Lebensstrategien zu hinterfragen und loszulassen. Dann haben wir die Chance, ein Vertrauen zu entdecken, das uns auch dann trägt, wenn alles zusammenbricht. Dieses Vertrauen gibt uns die Kraft und die Zuversicht, uns aufs Leben einzulassen, gerade weil wir wissen, dass wir es nie völlig in den Griff bekommen können. Vertrauen reduziert Komplexität, weil wir nicht mehr alles verstehen müssen, und zwar aus der tiefen Einsicht, dass wir das auch gar nicht können

Es ist und bleibt paradox. Gerade dann, wenn das Vertrauen auf unsere eigenen Fähigkeiten und die der anderen erschüttert wird, können wir ein neues und tieferes Vertrauen ins Leben entdecken. Dabei können uns Gespräche mit vertrauten Menschen und das Interesse an neuen Wegen und der Mut, sie auszuprobieren, unterstützen. (…)

Mangelndes Vertrauen ist nichts als die Ursache von Schwierigkeiten.

Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in mangelndem Vertrauen. 

Lucius Annaeus Seneca

Was ist Vertrauen?

Wenn wir uns selbst und anderen Menschen einigermaßen vertrauen, kommen wir ziemlich weit, und vermutlich leben wir dann ein einigermaßen gutes Leben. Wir wissen, dass wir in einem bestimmten Bereich mit unserem Tun etwas bewirken können, und fühlen uns ziemlich geborgen mit vertrauten Menschen. Das hilft uns, das alltägliche Auf und Ab zu verarbeiten und nicht zu verzweifeln, wenn Dinge schieflaufen oder wir in Konflikte mit anderen geraten.

In ernsthaften Lebenskrisen – schwere Krankheit, schmerzhafte Trennung, Verlust des Arbeitsplatzes oder der beruflichen Perspektive, der Tod naher Menschen u. Ä. – kann es sein, dass uns auch eine zuversichtliche Lebenseinstellung, nahe Menschen und unsere vertraute alltägliche Welt nicht wirklich trösten können. Sie sind und bleiben wichtig, doch manchmal verzweifeln wir. Wir fragen uns, was dieses ganze Leben soll. Wenn langjährige Freundschaften und Zweierbeziehungen und scheinbar stabile Lebensverhältnisse zerbrechen, geht uns auf, dass wir das Leben nie völlig in den Griff bekommen werden, auch dann nicht, wenn wir fast alles »richtig« machen. Was kann uns in solchen Momenten tragen? Meine Mutter und Großmutter konnten noch mit tiefster Zuversicht sagen: »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.« Es gab Zeiten, da habe ich sie um diese Zuversicht beneidet. 

 

Wenn alle Stricke reißen und der Boden unter unseren Füßen ins Wanken gerät, brauchen wir Vertrauen ins Leben, dann brauchen wir das, was religiöse Menschen Gottvertrauen nennen. Letztlich ist es ziemlich gleichgültig, wie wir das, was uns dann trägt, bezeichnen. Die Menschen haben im Laufe der kulturellen Entwicklung unterschiedliche Bilder und Metaphern gefunden, um das Unfassbare, das uns alle trägt, zu beschreiben. Wir nennen es Gott oder Kosmos, Natur oder Leben. Im indischen Kulturkreis nennen sie es Brahman oder Buddha-Natur und im alten China die unauflösbare Verbindung von Himmel, Erde und Mensch. In den letzten Jahren höre und lese ich häufiger: das, was größer ist als wir.

Vertrauen hat viele Dimensionen und entsprechend viele Bedeutungsnuancen. Sprachlich verwandt sind »sich trauen« und »Zutrauen« und umgangssprachlich »Traute haben«, im Sinne von Selbstvertrauen und Mut. Eine Grundbedeutung ist »treu«, auch »fest und sicher sein, hoffen und glauben« und »teuer, tapfer, fest«. Manche Sprachforscher sehen eine Verbindung zu Holz und Baum und davon abgeleitet die Bedeutung »fest wie Holz oder wie ein Baum«. Auch der Begriff »Trauung« für die Heiratszeremonie oder die alten Begriffe »Angetraute, Angetrauter« für Ehefrau und Ehemann erinnern uns an den Mut, den es braucht, sich einem anderen Menschen »anzuvertrauen«, sich auf andere zu beziehen und zuzulassen, dass andere sich auf uns beziehen. Worauf beruhen diese unterschiedlichen Arten des Vertrauens und wie entstehen sie? Wie können wir sie stärken? Das ist meine Leitfrage für dieses Buch. 

Die Wortfamilie von Vertrauen hat etwas mit Mut und mit Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten zu tun und mit der Hoffnung auf Sicherheit und der Hoffnung auf stabile Beziehungen zu anderen. Das deckt zwei der zentralen Dimensionen von Vertrauen ab: Selbstvertrauen und Vertrauen in andere. Die dritte Dimension – Vertrauen ins Leben oder Urvertrauen, religiöse Menschen nennen es Gottvertrauen – wird, hoffentlich, spürbar, wenn man im Laufe des Lebens schmerzhaft erlebt, dass Selbstvertrauen und Vertrauen in andere Menschen nicht ausreichen. Denn wir können und wissen nicht alles und schätzen uns und andere auch häufig falsch ein, und da die anderen Menschen genauso fehlbar und unvollkommen sind wie wir selbst, können sie unsere Erwartungen enttäuschen. (…)

 

Vertrauen ins Leben und die Grenzen des Denkens

Vertrauen heißt, seine Ängste nicht mehr zu fürchten.

Ernst Ferstl

Die dritte Art des Vertrauens – das bedingungslose Vertrauen ins Leben – trägt uns am Anfang unseres Lebens, wenn nicht besonders schwierige Umstände, wie etwa Krieg und Gewalt, das verhindern. Aber wir brauchen es das ganze Leben, um an schwierigen Erfahrungen nicht zu verzweifeln, wenn wir uns und andere und die ganze Welt infrage stellen. Manche Menschen scheinen eine große Portion Urvertrauen mitzubringen. Wir nennen sie Optimisten, und die Glücksforschung »weiß«: »Optimisten leben länger« (Seligman 2010). Diese Art von Vertrauen fällt besonders den Menschen schwer, die sich für aufgeklärt halten und nur materiell fassbare Tatsachen und vernünftige Gründe und Beweise ernst nehmen. Dass auch sie bloß an die Beweiskraft materieller Tatsachen glauben, bemerken sie in der Regel nicht. Wird dieser Glaube an die Macht der Vernunft und Kontrolle erschüttert, verzweifeln Verstandesmenschen leicht. Auch das ist aus meiner Sicht ein Faktor für die Zunahme von Depressionen und Lebensangst. Das Paradox besteht nun darin, dass gerade Kopfmenschen erst dann tiefes Vertrauen ins Leben finden können, wenn sie, meist in einem Schock, begreifen, dass sie ihr Leben trotz guter Planung und korrekter Lebensführung nie ganz in den Griff bekommen. Philosophisch formuliert bedeutet das, ihnen ist »das Leben problematisch geworden« (Jaspers 1971). Die Erschütterung des Glaubens an die Macht der Vernunft ist die Voraussetzung für Gottvertrauen, für Vertrauen ins Leben, mitten in einer Krise. 

 

Umbruchzeiten und der frustrierte Verstand

Uns wird das Leben »problematisch«, wenn wir in Umbruchzeiten und Lebenskrisen feststellen müssen, dass unsere bisherigen Ansichten und Meinungen über das Leben uns nicht mehr tragen. Bisher akzeptierte Aussagen über das Leben als Fortschritt, als erklärbar und verstehbar, greifen nicht mehr. Wir können das nicht mehr glauben, und in dem Moment begreifen wir, dass wir auch bisher nicht wirklich wussten, wie das Leben funktioniert, sondern nur glaubten, das zu wissen. Diese Einsicht kann uns tief erschüttern, und die meisten Menschen erleben dann eine kürzere oder längere Krise. Gerade in solchen Zeiten sind Gespräche mit Gleichgesinnten und mit Vorbildern, mit Menschen, die auch durch Krisen gegangen sind, eine unschätzbare Hilfe. Sie zeigen uns, dass auch solche Krisen zum erwachsenen Leben gehören und dass tiefe Zweifel nichts Verkehrtes sind. 

Wenn wir in solchen Zeiten nur auf den Verstand setzen, kann uns das in die Sackgasse des Nihilismus führen. Das geschieht dann, wenn wir nur das glauben, was wir selbst verstehen, wenn wir nur uns selbst und ein paar ausgewählten Menschen trauen, denen es ähnlich geht wie uns. Wenn der Verstand begreift, dass er nicht alles verstehen kann, zieht er leicht den falschen Schluss, dass es nämlich alles, was er nicht versteht, nicht gibt, und dann wird der ganze Bereich des Nichtverstandenen ein schwarzes Loch. Der Verstand bezeichnet das, was er nicht versteht, als nichts und glaubt dann an »nichts« und behauptet: »Es gibt keinen Sinn im Leben« und: »Der Mensch ist bloß ein Staubkorn in einem sinnlosen Weltall ohne jede Bedeutung«. 

Mit ein bisschen gesundem Menschenverstand geraten wir nicht in die Sackgasse des frustrierten Verstandes. Uns geht dann nämlich auf, dass wir bisher nur glaubten, wir könnten irgendwann die Welt wirklich verstehen: mithilfe der harten Wissenschaften und der neuen Medien, mit Maschinen und Techniken, ja vielleicht mit künstlicher Intelligenz und biologisch aufgerüsteten Computern. Genau dieser Glaube an die Möglichkeit des begrifflichen Verstehens hat uns bisher Mut gemacht, uns dem Leben in seinem Auf und Ab mit mehr oder weniger Zuversicht zu stellen.

Wenn wir diesen Glauben an die Verstehbarkeit des Lebens als Glauben durchschauen, könnte es sein, dass wir erleichtert aufatmen und – uns entlastet fühlen vom Verstehenmüssen. Dann dämmert uns vielleicht, dass Körper und Geist, wir und die anderen, Natur und Kultur auch dann funktionieren, wenn wir sie nicht verstehen. Und vielleicht sogar besser, wenn wir die Grenzen unseres Verstandes erkennen und mit mehr Wertschätzung und »Demut« staunen über das Wunder des Lebens. Tiefes Vertrauen ins Leben kann entstehen, wenn wir die Grenzen unseres Verstandes, die Grenzen von Wissen und Können ahnen und gleichzeitig über die unendliche Vielfalt der Welt staunen.

 

Textauszüge mit freundlicher Genehmigung des Scorpio Verlages aus

„Vertrauen – Finden was mich wirklich trägt“ von Sylvia Wetzel.

Siehe auch unter „Wortwelten“ auf S. 67.


Potenzialentfaltung in der Schule

Autorin: Heidrun Drescher-Ochoa

 

Wie jedes Kind mit seinem besonderen Potenzial im Unterricht Selbstwirksamkeit und Partizipation erfahren kann 

 

Eines Tages kam unser Beratungslehrer besorgt auf mich zu, weil die Klasse mit Manuel, einem 14-jährigen Jungen, nicht zurechtkam: Ohne erkennbaren Grund wurde er plötzlich wütend, wobei er auch Schimpfwörter benutzte, was selbstverständlich die Empörung der Mitschüler und Lehrer hervorrief. Nichts half: weder gute Worte noch Strafandrohungen und sogar ein möglicher Schulverweis konnten etwas ausrichten - und allmählich waren auch die Eltern mit ihrem Latein am Ende.

 

Was war zu tun? 

Zuerst hospitierte ich im Unterricht und beobachtete die Gruppendynamik, dann führten Manuel und ich ein Gespräch unter vier Augen, wobei ich gelenkte Fragen zum Persönlichkeits-Enneagramm stellte und seine Antworten auswertete und darüber einen Potenzial-Bericht abfasste. In einem zweiten Gespräch besprachen wir ihn und ich händigte ihn allen Beteiligten in einem Beratungsgespräch schriftlich aus, also auch seinen Eltern, der Schulleitung und den beteiligten Lehrern. 

 

Mit welchem Ergebnis?

Es wurde klar, dass Manuel, ein zurückhaltender Junge mitten in der Pubertät, nicht gerne im Rampenlicht stand und alles andere als ein Klassenprimus aus der ersten Reihe war. Er ließ gerne andere die Initiative ergreifen, während er mit seiner wachen Beobachtungsgabe die Rolle des "guten Zuhörers" übernahm. 

Dieses Schülerverhalten entsprach eigentlich nicht der Unterrichtskonzeption, wonach auf einen Impuls des Lehrenden hin eine Schüleraktivität vorgesehen war und da sein Verhalten nicht in die Denkschablone von Unterricht und der jeweiligen Rolle ihrer Akteure passte, wurde er als unmotivierter, lernfauler und mental zurückgebliebener Schüler bewertet, den man besser links liegen ließ. 

Da sich also weder Lehrer noch Mitschüler mit ihm abgaben, ihr kollektives Vorverständnis nicht in Frage stellten, sondern ihn demgemäß als Spielverderber negativ beurteilten, fühlte er sich nicht als Subjekt wahrgenommen und verstanden, während er sich doch in seiner Zurückhaltung lebhaft für die Persönlichkeit seiner Mitschüler und die seiner Lehrer interessierte! 

 

Dieses Missverstehen und diese mangelnde Empathie der Klasse und der Lehrer seiner Person gegenüber erschienen ihm ungerecht und ihre Sichtweise unverständlich: Das Wahrnehmen und Verstehen der Schülerpersönlichkeit als Mitspieler eines Unterrichtsszenarios, das ihn brennend interessierte, war offensichtlich gar nicht angesagt, vielmehr ging es darum, die richtige Schülerrolle in einem Unterrichtsgeschehen zu spielen, das einem vorgegebenen Curriculum zufolge inszeniert wurde. 

 

So fühlte er sich missverstanden, kollektiv falsch eingeschätzt und nur als Objekt eines von ihm nicht zu beeinflussenden Geschehens im Klassenzimmer; all diese Fehleinschätzungen und Ungeklärtheiten ihm gegenüber empfand er als Demütigung seiner Person. Diese schulische Situation mit ihren Akteuren widersprach grundsätzlich seiner Vorstellung von einem selbstwirksamen und sinnvollen Lernprozess, er sprach von ‚Wahrheit und Gerechtigkeit‘, die er dort nicht fand - und die Verzweiflung darüber ließ ihn gelegentlich Wut und Zorn empfinden. Zwar versuchte er, seine negativen Gefühle zu unterdrücken, bis sie dann doch plötzlich auf vulkanische Weise ausbrachen. Wieder erntete er auf sein ungehöriges Verhalten hin Kritik, Unverständnis und Ablehnung. Da er offensichtlich etwas an dem Lernort Schule suchte, was kein anderer so verstand, gab er sich selbst die Schuld für sein Fehlverhalten, was zu Selbsterniedrigung, Selbsthass, Zynismus und zu selbstaggressiven Handlungen führte.

 

Am Ende, wie gesagt, reagierte er mit Abstinenz und galt als mittelmäßiger Schüler, der schnell übersehen wurde, keine Freunde hatte und sogar Opfer von Mobbing wurde, so dass er immer mehr Ängste entwickelte. Folglich war sein Leitsatz im Leben: "Ich muss mich zurückziehen, sonst gibt es einen Konflikt und ich werde abgelehnt.“ Aber in Wirklichkeit war es sein großer Wunsch, den Menschen zu helfen, einander besser zu verstehen. Er wollte in die Fußstapfen große Psychologen treten, mit denen er sich privat lesend und im Internet recherchierend beschäftigte; er wollte als Vermittler und Friedensstifter wirken und sich für eine humanere Welt einsetzen. 

Wie anders wäre es gewesen, wenn seine Lehrer sich ein wenig für sein psychologisches Potential interessiert hätten, von dem die Franziskaner Rohr und Ebert sagten, dass Menschen wie ihm die Welt mit gutem Gewissen und ohne Angst, sich zu bereichern oder andere auszubeuten, anvertraut werden könnte. Solche Menschen könnten vielleicht die Welt retten. (Rohr, Ebert, Das Enneagramm: Die neun Gesichter der Seele). 

 

Und so kam es denn auch: 

Zuerst herrschte Erstaunen angesichts der Kenntnisse, die eine Enneagramm-Analyse erbringen kann, danach Betroffenheit über die fehlende Achtsamkeit in der Kommunikation und Interaktion im Klassenzimmer. Man erkannte, dass man dem ‚Fehler‘ im System keine wirkliche Aufmerksamkeit geschenkt, sondern dem eigenen Selbstverständnis gemäß nur auf ihn reagiert hatte. Nun nutzte man ihn, um umzudenken: Die Lehrer änderten ihre Einstellung zu Manuel und entwickelten ein bewussteres Verhalten ihm gegenüber im Klassenzimmer, banden ihn nun als Persönlichkeit mit psychologischen Potenzialen ins Unterrichtsgeschehen ein. Infolgedessen wurde er nach und nach seinem Talent entsprechend zu dem Unterrichtsgeschehen befragt, wozu ihm besonders im Literaturunterricht Raum gegeben wurde; mit entsprechenden Arbeitsaufträgen wurde er in Arbeitsgruppen integriert, so dass er Selbstwirksamkeit zu erfahren begann und der Unterricht durch seine Beiträge aus neuen Perspektiven bereichert wurde. Darüber hinaus einigten sich Manuel und seine Eltern auf ein spezifisches "Potenzialtraining" in privatem Raum zur Stärkung seiner Selbstwahrnehmung und seines Selbstwertgefühls.

 

Außerdem beschloss Manuel, an Projekten in Zusammenarbeit mit sozialen Trägern teilzunehmen, was ihm die Möglichkeit gab, sich für Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen und sich selbst als Vermittler und Friedensstifter zu erleben. Er konnte dann spüren, dass andere an ihn glaubten, was ihn davon überzeugte, dass er in der Lage war und ist, die für sich gefundene Aufgabe seines Lebens zu erfüllen.

 

„Potenzialentwicklung in der Schule“ von Heidrun Drescher-Ochoa, bestellbar über: www.epubli.de , ISBN: 978-3-752994-64-3.


Homo Sapiens

Bild: Manoel M. Pereira Mvalido - Pixabay.com
Bild: Manoel M. Pereira Mvalido - Pixabay.com

Autor: Wolf Schneider

 

Homo sapiens ist die Spezies, die bisher wie keine andere eine Spur der Ausrottung (Extinction) auf dem Planeten hinterlassen hat. Noch ohne dass eine Rebellion dieser Zerstörung etwas Wesentliches hätte entgegen setzen können. Der Kapitalismus macht einfach weiter. Seine Fähigkeit »Bewegungen« aller Art, auch Gegenbewegungen gegen seine Dominanz, in sich aufzunehmen und auf den Märkten machen zu lassen, was sie wollen, wenn sie es denn von ihrer PR-Kraft her können, ist ungebrochen.

 

Um das zu ändern, könnte es helfen, die »darwinsche Wende« besser zu verstehen. Noch mehr als die kopernikanische Wende stürzt die darwinsche Wende unsere menschliche Überheblichkeit – »sapiens« nennt sich der Mensch, »weise« – vom Sockel und definiert unsere Position im Kosmos neu. Zu verstehen, wie dieses Tier mit seiner außerordentlichen Fähigkeit an Fiktionen zu glauben sich schon in der Steinzeit an die Spitze der Nahrungskette gesetzt hat und schon damals eine Spur massiver Umweltzerstörungen hinterließ. Yuval Noah Harari erzählt dies in seinem Hauptwerk »Eine kurze Geschichte der Menschheit« so phänomenal verdichtet und eloquent, dass ich sie mir nun zum dritten Mal anhöre – im Auto. Während der Sommerferienreise mit ‚unseren beiden Jungs‘, die zehn und elf Jahre alt sind. Sie verfolgen die Erzählung gespannt mit und haben dazu viele Fragen. 

Ein solches Verständnis des Menschen eröffnet der Ethik ganz neue Felder. Hat Sapiens einen »freien Willen«? Statistisch gesehen eher nicht, da kann man sein Verhalten voraussagen, auch wenn der Einzelne Optionen zu haben scheint. Der Mensch als ein mustergesteuertes Tier, dessen Psyche sich in der Steinzeit gebildet hat. Kann ein Bewusstsein dieser Muster uns retten?

 

Die dies lesen halten sich gutmöglich für ein bisschen bewusster als das Gros von Homo sapiens. Können sie, können wir gegen Zerstörer wie Donald Trump und Jair Bolsonaro etwas ausrichten? Vielleicht könnten wir es, wenn wir Ideen hätten, die sich viral so weit ausbreiten würden, wie einst Occupy, MeToo, Fridays for Future oder auch damals Gandhis Widerstand gegen das Britische Imperium in Indien. »Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist«, verkündete einst Victor Hugo. Was für eine Optimist! Welche heutige Idee ist denn so stark? Ich wünsche mir ein Labor für virale Ideen, die gute Wirkungen haben und fähig sind, sich so weit, schnell und durchschlagend auszubreiten wie Covid 19.

 

Wolf Sugata Schneider, www.connection.de , www.bewusstseinserheiterung.info 


August - Dezember 2020


Die Krise nutzen

© Ulrike Plaggenborg
© Ulrike Plaggenborg

Autorin: Safi Nidiaye

 

Wenn ein so selbstverständlicher und meist kaum groß beachteter geachteter Artikel wie Klopapier – wie zu Beginn der Corona-Epidemie geschehen – plötzlich knapp wird; wenn es auf einmal gar nicht mehr sicher ist, ob wir noch alles bekommen können, an das wir gewöhnt sind und das wir brauchen oder zu brauchen meinen – dann ist es für die meisten von uns ein Schock. Auf einmal erkennen wir, dass Dinge kostbar und achtenswert sind, an die wir früher keinen Gedanken verschwendet haben. Auf einmal sehen wir bestimmte Umstände und Verhältnisse in einem ganz anderen Licht, so zum Beispiel die ganz banalen menschlichen Kontakte, wie wir sie im Café, in der Bahn, im Geschäft oder beim Spaziergang erleben. Wer hätte gedacht, dass man auf einmal niemanden mehr treffen darf! Und wie sehr kann man diese Begegnungen vermissen, wenn sie auf einmal nicht mehr stattfinden! Und wie kostbar, einzigartig, unwiederbringlich unser Leben und das unserer Lieben ist! Alles, was wir so selbstverständlich hingenommen haben, auf das wir unbewusst meinten, für immer Anspruch zu haben, ist auf einmal in Gefahr.

 

In der Natur fungieren Krisen als Geburtshelfer für eine neue, höhere Ordnung. Ob das in der menschlichen Gesellschaft ebenso vor sich geht, wird sich am Ende dieser Krise herausstellen. Das hängt nicht nur davon ab, wie die Regierungen sich weiter verhalten werden, wenn die Epidemie vorbei ist – , sondern auch davon, ob und wie wir Einzelnen die Krise nutzen. Vielleicht weckt sie unser Bewusstsein, wie oben geschildert, macht uns achtsamer und aufmerksamer. Aber vielleicht löst sie auch einfach nur ganz viel Angst und Ungewissheit in uns aus. Das wichtigste erscheint mir nun, dass wir uns um die Gefühle kümmern, die jetzt ausgelöst werden. Wie fühle ich mich, wenn ich allenthalben höre, dass diese Epidemie uns noch jahrelang begleiten wird? Was macht es mit mir, dass die Welt und mein eigenes Leben sich auf einmal so drastisch verändert? Dass Wirtschaftskrisen drohen? Was macht es mit mir, dass jemand mir befehlen kann, zu Hause zu bleiben, mir verbieten kann, mich frei zu bewegen, und überhaupt zu tun, was ich will? Was macht es mit mir, auf einmal so viel Geld zu verlieren, meine Reserven aufbrauchen zu müssen, oder ohne Arbeit dazustehen?

 

In spirituellen Kreisen neigen viele dazu, Gefühle wie Angst und Unsicherheit hinter einer bewusst fröhlichen, sorglosen oder vertrauensvollen Attitude vor sich und anderen zu verstecken. Aber in unserer Psyche herrscht ein Grundgesetz: Je mehr du ein Gefühl verdrängst, desto mehr beherrscht es dich. Gefühle sind Äußerungen unserer Seele und sie haben eine Botschaft, eine Funktion für uns. Um diese zu erkennen, müssen wir uns ihnen zuwenden. Angst beispielsweise hat die Funktion, dich vorsichtig, vorausschauend, aufmerksam zu machen.

Was unsere Gefühle brauchen, ist, dass wir sie beachten. Das bedeutet das Gegenteil unserer üblichen Haltung: Üblicherweise sind wir mit unseren Gefühlen identifiziert. Wir „sind“ ängstlich – als sei Angst eine Eigenschaft unseres Wesens – anstatt zu erkennen, dass es ein Gefühl ist, also eine Art, wie wir uns gerade fühlen. Als die Ängstliche schaue ich in die Situation, die Angst beherrscht mich, und bestimmt, was ich sehe, wie ich die Lage interpretiere, was ich in die Zukunft projiziere. Aber in dem Wissen, dass da eine große Angst in mir ist, und dass diese Angst ein Gefühl ist, kann ich es wagen, mich diesem Gefühl einmal zuzuwenden und ihm zu geben, was es von mir braucht. Was es sicher nicht braucht, ist, dass ich es wegargumentiere. Aber auch nicht, dass ich mich mit ihm identifiziere. Wenn dein Kind Angst hat, und du redest ihm die Angst aus, wird es mit seiner Angst allein sein. Sie ist nicht verstanden, nicht geachtet, nicht mitgefühlt worden. Aber wenn du dich mit seiner Angst identifizierst, dich von ihr anstecken lässt, ist ihm ebensowenig gedient. Was es von dir braucht, ist Verständnis dafür dass es Angst hat, es braucht Achtung für seine Angst, es braucht Mitgefühl, es braucht, dass du dich um seine Angst kümmerst – aber nicht, dass du dich von ihr überwältigen lässt.

 

Wenn du das gleiche mit dir selber übst, wirst du sehen, dass sich in deinem Innern etwas zurechtrückt. Anstatt größer zu erscheinen als du selber und dich zu terrorisieren, ist sie nun einfach ein Gefühl in deinem Herzen, das Beachtung verdient, aber dein Kopf ist klar und du kannst die Situation wahrnehmen, ohne sie durch die Brille der Angst verzerrt zu sehen. 

 

So habe ich festgestellt, dass alle Gefühle, die die Corona-Krise in mir ausgelöst hat, sich als wertvolle Tore zu einem neuen Bewusstsein erwiesen haben, nachdem ich mein Herz für sie geöffnet habe. Die Technik, die ich dabei verwende, ist die Körperzentrierte Herzensarbeit. Herzensarbeit, da es darum geht, unser Herz für unsere Gefühle aufzumachen; körperzentriert, denn der Ort, in dem wir ein Gefühl wahrnehmen können, ist unser Körper (in seltenen Fällen auch ein Teil des Energiefeldes, das sich außerhalb der Haut des Körpers befindet). Mich dem Gefühl zuzuwenden, das jetzt gerade nach meiner Aufmerksamkeit schreit, bedeutet also, dass ich meine Aufmerksamkeit von der „Welt dort draußen“ abziehe und auf meinen Körper richte. Meinen Körper und meinen Atem spürend, erlebe ich meine Emotion, berühre sie mit meinem Atem, meiner Präsenz, mit der Aufmerksamkeit meines Herzens. Dann rührt dieses Gefühl auf einmal an mein Herz, und mein Herz – also ich selber, in meinem fühlenden Kern – öffnet sich ihm. 

 

Körperzentrierte Herzensarbeit einzusetzen, um sich um seine Gefühle zu kümmern, führt zu Erkenntnissen, Offenbarungen und zu vielen magischen Momenten, in denen mein Herz sich öffnet und eine alte Bürde von mir abgleitet. Oft erkennt man dabei, dass die Emotion, die einen gerade so stark beherrscht, zum Beispiel die Angst, die eine solche Krise auslösen kann, gar nicht unsere eigene ist, sondern dem Kollektiv gehört. In Situationen, die ein so großes Kollektiv betreffen, liegt die Angst, die Unsicherheit, die Trauer, die Hilflosigkeit, aber auch die Wut, die Empörung geradezu in der Luft und wir fangen sie auf, ohne zu merken, dass das gar nicht unsere eigenen Gefühle sind. Wir tragen sie also weiter in uns und identifizieren uns damit. So übernehmen wir viele Gefühle von anderen. In der Körperzentrierten Herzensarbeit lernen wir, diese zu erkennen und dorthin „zurückzugeben“, wo sie hingehören. Die Folge ist, dass uns nur noch das eigene Gefühl bleibt; und dieses eigene Gefühl ist nun nicht mehr so übergroß und kann problemlos mit der richtigen Bewusstheit wahrgenommen und von unserem Herzen versorgt werden. Nun, mit diesem – zurechtgeschrumpften – Gefühl in meinem Herzen und einem klaren Kopf, kann ich erneut die Situation anschauen. Auf einmal enthüllen sich Aspekte, an die ich vorher, von der Angst blind gemacht, nicht wahrgenommen habe. Weitere Gefühle treten hervor, die ebenfalls ins Herz wollen, und jede neue Entdeckung und Herzöffnung führt zu einer erneuten Veränderung meiner Perspektive. So wird aus einer persönlichen Lebenskrise, die mir nicht zu bewältigen schien, durch Herzensarbeit eine spannende Reise des Entdeckens. 

 

Auch im spirituellen Sinne kann eine Krise ein Auslöser für eine neue Entwicklung sein. „Spirituelle Überzeugungen“, aus früheren Meditationen, Inspirationen, Erkenntnissen gewonnen und zu Glaubenssätzen verhärtet, finden sich plötzlich auf dem Prüfstein. Trägt diese Überzeugung noch, in der gegenwärtigen Situation? Werfe ich sie über den Haufen? Verliere ich meinen Glauben, oder wende ich ihn bewusst an und beobachte, was geschieht? In der Körperzentrierten Herzensarbeit erkennen wir Gedanken einfach als das, was sie sind: nämlich Gedanken. Um aus einer Überzeugung zu erwachen, brauche ich sie nicht zu verändern, sondern sie einfach als Überzeugung zu erkennen. Eine Überzeugung ist niemals die Wahrheit - sondern immer nur ein Gedanke über die Wahrheit. Sie drückt eine Art zu sehen, zu interpretieren aus. Auf dem spirituellen Weg schreiten wir voran durch Erkenntnis, und wir können nur voranschreiten, wenn wir uns neuen Erkenntnissen öffnen. Sonst verkalken wir sozusagen.

 

Für mich ist es daher eine gute Art, Krisen und bedrohliche Lebensumstände zu nutzen, um zu beobachten, mit welchen grundlegenden Überzeugungen ich identifiziert bin. Wie sehe ich die Situation und was geschieht, wenn ich diese Überzeugung bewusst anwende? Oder: Wie wirkt sich mein Erleben der Situation auf meine Überzeugung aus? 

Was auch immer die Entscheidungsträger „da oben“ tun, beschließen oder verhängen: Dieses Leben ist immer noch meine eigene Reise, in dieser Zeit und dieser Welt, mein ganz eigenes Abenteuer der Entdeckung und Verwirklichung. Und wenn ich mir das immer wieder in Erinnerung rufe, dann kann jede Situation, so schwierig sie auch sein mag, mir helfen einen neuen Schritt zu tun.

Und wenn viele das tun… wenn wir alle das tun… kann eine neue Welt entstehen!

 

 

Safi Nidiaye ist Autorin zahlreicher Bücher über psycho-spirituelle Lebenshilfe, Intuition, Meditation und Herzensarbeit. Die von ihr entwickelte „Körperzentrierte Herzensarbeit“ ist eine effiziente Methode zur Problemlösung, emotionalen Bewusstheit, Klärung von Beziehungen und Selbstheilung. Safi Nidiaye gibt Seminare und Ausbildung in Herzensarbeit. www.safi-nidiaye.com 

Siehe auch unter "Wortwelten".

 


Meine Welt und deine Welt

© silvio mencarelli  - www.pixabay.com
© silvio mencarelli - www.pixabay.com

Autor: Wilfried Nelles

 

Wir leben alle in einer anderen Welt, jeder in seiner eigenen, und keine dieser Welten ist die Wirklichkeit. Wir streiten uns deswegen über das, was richtig ist, was man tun muss oder auf gar keinen Fall tun darf oder was die „Wahrheit“ ist, weil jeder die Welt und das Leben anders sieht und meint, seine Sicht sei die richtige. Wenn vier Leute in einem Raum vor jeweils einer der vier Wände sitzen und den Raum sehen, sehen sie jeweils etwas anderes. Ihre Erfahrung des Raumes ist verschieden, die Wand, die der eine von vorne sieht, sehen die anderen von der Seite oder (die Wand hinter ihnen) gar nicht, und der ganze Raum fühlt sich anders an, je nachdem, in welcher Ecke man sitzt. Keine Sicht ist falsch, aber jede ist unvollständig.

Jeder schaut aus einer anderen Perspektive, von einem anderen Standort aus, und jeder sieht nur das, was man von diesem Standort aus sehen kann. Das ist, das Wort ist sehr genau, seine „Ansicht“. In den meisten Fällen, vor allem dann, wenn es um Dinge geht, die uns wichtig sind, halten wir diese Ansicht aber für mehr als nur eine Ansicht, wir halten sie für das Richtige, wenn schon nicht für die Wirklichkeit oder die Wahrheit. Sofern man bescheiden ist und weiß oder zugibt, dass die jeweilige Sicht vom jeweiligen Standort und der von diesem bestimmten Perspektive abhängt, wird man die eigene Ansicht nicht über die Ansichten der anderen stellen, sondern deren Ansichten aufnehmen und der eigenen hinzufügen und so sein Bild der Welt wie auch von sich selbst erweitern.

 

Um zu sehen, was das für Ihr Bild der Welt und der Menschen um Sie herum bedeutet, können Sie folgenden kleinen Test machen: Wenn Sie Geschwister haben, dann lassen Sie jeden Ihre Eltern beschreiben – wie war (ist) Ihre Mutter, wie der Vater, welche Stärken, welche Schwächen hatten sie, wie war ihre Beziehung untereinander, wie haben sie die Kinder behandelt, usw.. Sie werden feststellen, dass jedes Kind andere Eltern hat. Jedes hat auch eine andere Familie, obwohl es tatsächlich immer dieselbe Familie ist. Dennoch besteht in den meisten Fällen jeder darauf, dass sein Bild das richtige ist, dass seine Beurteilung der Eltern stimmt, und dass seine Kindheit tatsächlich so war, wie er dies empfindet.

Dasselbe können Sie mit Ihrem Lebenspartner oder Kollegen bei der Arbeit oder mit Freunden machen: Jeder sieht den anderen anders. Das gilt nicht nur für das allgemeine Bild, das man sich von ihm macht, sondern auch für die Beschreibung faktischer Ereignisse, also Dinge und Prozesse, die scheinbar objektiv sind. Sie alle haben zwei Seiten: die faktische Wirklichkeit und die, die im Blick des Betrachters erscheint.

Ich kenne meine Frau jetzt fast fünfzig Jahre, und fünfundvierzig leben wir zusammen; selbst wenn wir uns über Ereignisse unterhalten, die wir gemeinsam erlebt haben, weichen unsere Erinnerungen und unsere Geschichten oft erheblich voneinander ab, manchmal bis zum Gegenteil. Dies gilt erst recht für die Beschreibung und Beurteilung anderer Menschen. Wir schaffen es inzwischen meistens, darüber nicht in Streit zu geraten, sondern die Perspektive des anderen als dessen Sicht der Dinge zu nehmen und gelten zu lassen. Das ist sehr wohltuend und bereichernd, es war aber viele Jahre lang erst dann möglich, wenn wir uns zuvor – manchmal sogar sehr heftig – gestritten hatten, vor allem, wenn eine dritte Person dabei war. Oft hat sich dann jeder in seine Welt zurückgezogen und sich unverstanden gefühlt. Nur die Liebe konnte es überbrücken, wobei das Nicht-Verstehen blieb. Die Welten sind und werden nie deckungsgleich. Vor allem für mich, der den tiefen Traum hatte, dass man sich doch über die Wahrheit einigen können müsste, war es sehr schmerzhaft, das zu erkennen.

Das ist aber nicht nur zwischen verschiedenen Menschen so, sondern auch bei ein und demselben Menschen. Unsere Welt (unsere Sicht auf die Welt und uns selbst) ändert sich fortwährend, meistens allmählich und kaum wahrnehmbar, manchmal aber auch plötzlich und gewaltig. Ich hatte als Kind ein ganz anderes Bild meiner Eltern als mit zwanzig, und mit sechzig noch einmal ein ganz anderes. Auch ein ganz anderes Bild der Welt, sowohl der faktischen Welt als auch ganz andere Vorstellungen, was gut und wichtig und richtig ist. Und auch ein anderes Bild von mir selbst, wer ich bin, was ich kann, was ich will. Wenn man diese Bilder malen oder fotografieren oder als Film darstellen würde, bekäme man völlig verschiedene Welten zu sehen. Ich habe anderes geglaubt, anderes für richtig oder gut oder falsch oder böse oder schön oder hässlich oder wichtig oder unverzichtbar oder egal oder möglich oder unmöglich oder wahr gehalten. Mein Bild der Menschen um mich herum oder der Zeit und ihrer Ereignisse wandelt sich fortwährend, und zwar nicht nur, weil sich die Welt dauernd ändert, sondern auch, weil ich mich dauernd ändere. Dasselbe gilt für mein Selbstbild.

 

Keines dieser Bilder ist per se falsch, aber auch keines richtig in einem objektiven Sinne. Sie sind immer sowohl-als-auch. Ein Kind kann kein anderes Bild von der Welt haben als ein kindliches Bild, und daher ist sein Bild für das Kind richtig. Es ist aber auch beschränkt, und wenn man sein Leben lang daran festhält, bleibt man geistig ein Kind. Zum Beispiel ist es für ein Kind wichtig, dass jemand für es sorgt. Daher ist das Leben gut, wenn dies der Fall ist, und es ist schlecht oder gar furchtbar, wenn das nicht der Fall ist und es allein gelassen und auf sich gestellt ist. Für einen Erwachsenen ist es genau umgekehrt. Wenn er an dem kindlichen Bedürfnis festhält, dass jemand für ihn sorgen muss, ist er innerlich ein Kind. Das heißt, was für ein Kind richtig und gut ist, ist es für einen Erwachsenen und auch einen Jugendlichen keineswegs. Ein Jugendlicher sieht sich selbst und die Welt durch die Brille der Jugend; das, was die Jugend von ihm verlangt – etwa das Elternhaus zu verlassen (sich von dessen Vorgaben zu „befreien“) und sich einen eigenen Platz im Leben zu suchen –, bestimmt seine Perspektive und damit sein Bild der Welt und auch sein Gefühl und seine Urteile über richtig und falsch. Ein Erwachsener, der eine eigene Familie gründet und für seine Kinder sorgen muss, hat wieder einen anderen Standort und wird wieder eine andere Lebenssicht entwickeln. Mit jeder dieser Lebensstufen treten wir in eine andere Welt ein. 

 

Man kann sich, wie gesagt, darüber verständigen, indem man die jeweils andere Perspektive anerkennt und nicht für falsch erklärt. Im Falle der Lebensstufen Kindheit, Jugend und Erwachsensein geht es aber, anders als bei dem oben erwähnten Raumbeispiel, um ein Wachstum und eine Entwicklung. Jede neue Stufe umfasst mehr und ist höher und weiter als die vorherige. Wenn es sich um ein wirkliches Wachstum handelt, umfasst und beinhaltet die höhere (spätere) Stufe die vorangegangenen, also: die Jugend beinhaltet und umfasst die Kindheit, und das Erwachsensein beinhaltet und umfasst beide. Jede Lebensstufe geht aus der vorherigen hervor. Es ist eine Weiter- und eine Höherentwicklung – aber nur dann, wenn das Vorherige aufgenommen und nicht abgewehrt wird.

Die kindliche Sicht der Welt – die Welt der Märchen, der Zauberer, der Zugehörigkeit zu den Eltern und zur Familie (allgemein: zu etwas Größerem, das einen trägt und schützt und versorgt), etc. – ist für ein Kind vollkommen richtig und damit auch „wahr“. Sie darf Kindern deshalb auch – etwa durch das, was man heute „Aufklärung“ nennt oder durch die Zumutung von Eigenverantwortung oder der „freien Wahl und Entscheidung“ – nicht genommen werden. In der Jugend zerbricht diese Welt in tausend Scherben, und das muss so sein. Wenn man wirklich erwachsen sein will, muss man diese Scherben wieder einsammeln und schauen, welches neue Bild daraus entstehen will. Es wird ein vollkommen anderes sein als das, welches man sich in der Jugend erträumt hat.

Erwachsen wird man, wenn man die Kindheit und die Jugend in sich aufnimmt, und zwar genau so, wie sie waren – ohne Urteil, selbst ohne den Wunsch, daran etwas ändern zu wollen oder es anders gehabt haben zu wollen. Mit jedem großen Schritt in die Welt hinein: der Geburt, der Pubertät, dem Erwachsensein, den verschiedenen Stufen des Alters bis in den Tod, ändert sich unsere Welt nicht nur, sondern sie wird auch weiter und größer. Wenn wir dem im Bewusstsein folgen, weitet sich auch unser Geist und wird größer und umfassender. Das bedeutet auch: Ein Älterer kann einen Jüngeren verstehen, ein Jüngerer aber nicht einen Älteren, weil er dessen Erfahrungen noch nicht gemacht hat oder, um im Bild zu bleiben, dessen Welt noch nicht betreten hat. Daraus lassen sich wichtige Einsichten sowohl für die Beziehung der Generationen untereinander als auch und vor allem für das innere Wachstum eines jeden Menschen ableiten, die ich in diesem Buch darlegen werde.

 

Die verschiedenen Weltbilder oder Ansichten der Welt betreffen nicht nur Einzelne, sondern auch Kulturen, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einmal sind die Kulturen – und mit ihnen die Menschen, die ihnen angehören – in mannigfacher Weise verschieden. Die Chinesen zum Beispiel denken grundsätzlich in Bildern, weil ihre Schrift eine Bilderschrift ist; das abstrakte Denken ist ihnen fremd und nicht so leicht zugänglich wie Europäern. Aus demselben Grund ist das Kopieren für sie nichts Schlechtes, denn sie lernen ihre Schrift nicht durch das Zusammensetzen von 26 Buchstaben, die in sich nichts bedeuten, sondern nur durch das Kopieren und Verstehen von mehreren tausend Zeichen, die jeweils ein ganzheitliches Bild darstellen. Aufgrund der tiefen Bedeutung von Yin und Yang, die als komplementäre Polaritäten und nicht als Gegensätze verstanden werden, denken sie (ebenso wie Japaner und Koreaner) auch nicht ideologisch und nicht, wie wir Westler, in sich ausschließenden Gegensätzen, in schwarz und weiß beziehungsweise entweder-oder. In China und Japan ist alles sowohl als auch. Das bestimmt auch ganz stark ihr Bild von Fortschritt und ihren Umgang mit der Vergangenheit. In ähnlicher Weise bildet jede Kultur eine eigene Welt, die die jeweilige Sicht der Menschen auf das Leben bestimmt, so dass man sagen kann, wir leben in verschiedenen Welten. Auch beim besten Willen macht dies die Verständigung sehr schwierig, und sie ist nur in dem Maße möglich, in dem man die jeweilige Weltsicht als der eigenen gleich gültig akzeptiert.

 

Ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber, es ist nicht mein Thema. Mir geht es eher um die zweite Ebene der Unterschiedlichkeit der Kulturen, nämlich die des unterschiedlichen Entwicklungsniveaus. Denn ähnlich wie Kindheit, Jugend und Erwachsensein beim einzelnen Menschen entwickelt sich auch das Bewusstsein der Menschheit insgesamt in Stufen, die aufeinander folgen und die höher und umfassender sind als die vorherige. Ein Europäer hat nicht nur deshalb eine andere Weltsicht als ein Araber, weil er einen christlichen Hintergrund hat und jener einen muslimischen, sondern auch, weil Europa (und auch das Christentum) eine Entwicklung durchgemacht hat, die den muslimischen Ländern (und anderen auch) noch bevorsteht. Das gilt für die gesamte Globalisierungsthematik: Hier stoßen Moderne und Tradition aufeinander und müssen in eine neue Balance gebracht werden. Allerdings erleben wir dabei dasselbe, was ich bereits für die individuelle Ebene angedeutet habe: Der Westen glaubt, seine Perspektive auf die Welt, insbesondere sein Weg der Modernisierung und seine Interpretation der Moderne, sei die einzig richtige. Damit wird er scheitern. Das ist, jenseits aller ökonomischen und politischen Differenzen (etwa Demokratie und Menschenrechte) und Machtspiele, der große Konflikt mit China (das selbstbewusst und stark genug ist, sich die westliche Perspektive nicht aufzwingen zu lassen), während es bei den Konflikten im vorderen Orient eher um den Kampf zwischen Moderne und Tradition/Religion geht. Auch die Migranten werden einsehen müssen, dass sie nicht in einer Welt Zuflucht finden können, die sie innerlich ablehnen. 

 

(…) Für die jeweilige Perspektive, aus der wir die Welt sehen und die damit unser Bild der Welt, unsere Empfindungen, Meinungen und Bewertungen und zuletzt auch unser Handeln bestimmt, benutze ich den Begriff des Bewusstseins. Unter „Bewusstsein“ verstehe ich die Art und Weise, wie wir die Welt und uns selbst sehen und wahrnehmen, die Perspektive, aus der wir auf das Leben schauen und es daher erleben. „Bewusstsein“ bezeichnet zugleich unseren inneren Ort in der Welt als auch die Art und Weise, wie die Welt in uns präsent ist. Welt und Bewusstsein sind in diesem Sinne keine verschiedenen Dinge.

 

Weiterlesen in „Die Welt in der wir leben“ von Wilfried Nelles. Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Innenwelt Verlages.

Siehe auch bei „Wortwelten“.

 


April - August 2020


Behalte deine Krone auf! Resilienz in Corona-Zeiten

© roegger- pixabay.com
© roegger- pixabay.com

Autorin: Theresia de Jong

 

Die derzeitige Lage ist eine gute Gelegenheit die eigene Resilienzfähigkeit zu polieren. Das kann manchmal anstrengend sein. Wer den derzeitigen Sturm meistern will, muss nicht nur wetterfeste Kleidung tragen, sondern vor allem seine innere Sonne aktivieren.  

  

Resilienz – das ist die Fähigkeit, auch in widrigen Zeiten nicht den Kopf zu verlieren und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass auch diese Krise vorüber gehen wird, um etwas Neuem Platz zu machen. Das ist bei kleinen Katastrophen ebenso anzuwenden, wie bei mittleren und sogar großen. Oft ist es so, dass wir die Situation nicht selbst sofort verändern können, von kontrollieren gar keine Rede. Was jetzt zählt, ist unsere Fähigkeit zu akzeptieren, was ist.  

  

Es hat wenig Sinn, sich aufzuregen und in Panik zu verfallen. Das raubt uns und unserem Immunsystem nötige Energiereserven, die wir besser einsetzen können. Resilienz heißt auch, die innere, psychische Immunkraft zu stärken, weil dies auch Auswirkungen auf unsere körperliche Immunstärke hat, wie zahlreiche Studien bewiesen haben. Es ist eine grundsätzliche Entscheidung, die wir treffen können: Lasse ich mich in den Strudel hineinziehen und fange an zu jammern, oder akzeptiere ich das, was ist – auch wenn es mir nicht gefällt – und halte gleichzeitig Ausschau nach dem, was jetzt noch möglich ist. Es gibt dazu einen schönen Weisheitssatz aus Asien: „Wer im Loch sitzt, muss mit dem Graben aufhören.“ 

  

Jetzt heißt es, sich auf die eigenen Fähigkeiten zu konzentrieren. Sich klar darüber zu werden, dass wir auch vorher schon schwierige Situationen gemeistert haben. Und dass deshalb die Chancen nicht schlecht stehen, auch aus dieser Situation halbwegs heil hinaus zu kommen. Es ist vielleicht auch als Weckruf zu verstehen, hinzuschauen, was derzeit schon lange nicht mehr gut lief. Global, aber auch im eigenen Subuniversum. Denn dort, im Kleinen kann ich Veränderungen angehen. Das setzt voraus, dass ich mir zunächst bewusst darüber werde, was will gehen, und was will und kann werden.  

  

In Zeiten, in denen ein System kollabiert, weil es seine maximale Nützlichkeit überschritten hat, ist es wichtig kurz einmal inne zu halten. Wir sollten aus der gegenwärtigen Lage die richtigen Schritte ableiten. Nicht in Hektik, nicht aus Panik, um überhaupt etwas zu unternehmen, sondern aus einer inneren Zentriertheit heraus. Das Gebot der Stunde ist also zunächst: Bleibe bei dir, konzentriere dich auf alles, was noch gut läuft, hab Geduld mit der Situation und dir selbst. Widerstehe der Panik! Dies mag eine Pandemie sein, es mag vielleicht auch das Ende eines Wirtschaftssystems sein, das in vielen Stellen übers Ziel hinausgeschossen ist, aber es ist nicht das Ende unserer Zivilgesellschaft. Systeme können sich verändern. Die Weichen und die Zeichen stehen auf Veränderung. Nun denn! Was kann mein Beitrag dazu sein? Das ist die Frage, der wir uns nun stellen dürfen. 

  

Wie sagte schon Albert Camus: „Im tiefsten Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ 

www.theresia-dejong.de

 


Nachwendekinder – Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen

©bounty - www.Pixabay.com
©bounty - www.Pixabay.com

Autor: Johannes Nichelmann

Berlin-Pankow, 1996. Ich bin sieben Jahre alt, als mein Bruder und ich die Uniform finden, in einer Mülltüte im Keller. Sie ist grüngrau, mit Schulterabzeichen in Silber und Gold. Wir setzen die Schirmmütze nacheinander auf unsere kleinen Köpfe, schlüpfen in die viel zu große Jacke. »Zieht das sofort wieder aus!« Mein Vater steht in der Tür, Zorn in den Augen. »Wehe, ihr fasst das noch einmal an!« Wir verlieren nie wieder ein Wort darüber. Zumindest bis ich Abitur mache, genau zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Ich habe vor, mich in Geschichte prüfen zu lassen, interessiere mich für das Thema Grenzsoldaten und erzähle meinem Vater davon. »Wenn du das machst, enterbe ich dich!«, sagt er. Nun ist es nicht so, dass ich auf ein großes Erbe hoffen könnte. Außerdem ist mein Vater zu diesem Zeitpunkt gerade einmal Mitte vierzig. Was er mir damit eigentlich sagen will: dass über diesen Teil seiner Geschichte, unserer Familiengeschichte, nicht gesprochen wird. Unter gar keinen Umständen.                                                                                                 Weiterlesen...


Märchen und Musik

Foto: © Petra Keup
Foto: © Petra Keup

Autorin: Petra Keup

 

Was haben Musik und Märchen miteinander zu tun? Was haben Märchen und Musik gemeinsam?

Gesang und Musik, egal aus welchen Regionen und Kulturen dieser Erde sie stammen, lassen uns aufhorchen, berühren uns. Märchen, die uns erzählt werden, ganz egal woher sie stammen, machen aus uns staunende Zuhörer/innen. Gesang, Instrumentalmusik und Märchen, sie lassen ungeahnte Gefühle in uns hervortreten und sind in der Lage diesen Gefühlen Wege zur Wandlung zu offenbaren.

 

In der Musik geht es um das Spiel mit den Tönen, die mal harmonisch, mal disharmonisch erklingen, die sich mal an bestimmte Regeln halten, doch genauso gut frei improvisiert werden können. In der Musik können ganz verschiedene Instrumente zum Erklingen kommen, Stimmen oder Instrumente können solistisch erklingen oder auch in der großen Gemeinschaft eines Chores oder Orchesters. 

 

In den Märchen geht es, um das in Erscheinung treten von Bildern. Es wird etwas erzählt, was die inneren, verborgenen Bilder aus unserer Seele hervortreten lassen kann. In Märchenbildern geht es immer wieder um Wandlung, um den Sieg über das Böse, um die individuelle Weiterentwicklung des Menschen und die dazugehörenden Prüfungen, die in allen Märchen mit eindrücklichen Bildern beschrieben werden. Es geht um das Nichtaufgeben, um das Vertrauen in unerwartete Hilfen, wenn Aufgaben, die gestellt werden, schwer zu bewältigen sind oder wenn die Gegner so stark sind, dass es zunächst durchaus zum Scheitern kommen kann. 

 

In der Musik wird in der Regel die Disharmonie, die im Zusammenspiel entstehen kann, immer wieder in die Harmonie übergeführt. In Märchenbildern wird in der Regel das Böse, das Negative besiegt und zum Guten gewandelt. So verwundert es dann auch nicht, dass weltweit, in vielen Märchen der Gesang und die Musik eine wichtige Rolle spielen. Beim Gesang in den Märchen ist zu bemerken, dass nicht nur den Menschen der Gesang zu eigen ist, denn es singen auch die Kräfte in der Natur, wie die Elfen, die Feen und die Meerminnen. Es singen aber auch die Vögel. So sind in vielen Märchen Vögel die vielfältigsten Sänger und in vielen Sprachen wird das ja auch so ausgedrückt. Es wird in den verschiedensten Sprachen viel häufiger von singenden als von piepsenden Vögeln gesprochen.

 

Doch dann wird in den verschiedensten Märchen von etwas ganz Besonderem erzählt – den singenden Knochen.  Aus Knochen wurden von Menschen die ersten Flöten geschaffen, deren älteste wohl 35 000 Jahre alt ist. Doch die Menschen entwickelten ihre Flöten, inspiriert von der Natur, immer weiter. Ausgehend von der Knochenflöte entstanden Holz- und Bambusflöten und irgendwann dann auch Flöten aus Metall. Jedes Material, aus dem eine Flöte gemacht wird, gibt dieser ihren ganz eigenen Klang. Der Atem, der die Töne ja im Gesang hervorbringt, geht über in das Flötenspiel und etwas neues tritt hinzu. In Märchen, in denen Flöten zum Erklingen kommen, wird häufig von Schäfern und anderen Tierhütern erzählt, die zunächst für ihre Tiere flöten. Mit den Flötenklängen tritt dann aber etwas ganz Besonderes in Erscheinung – der Tanz. Dem geben sich zunächst die Tiere und dann ganz schnell auch die Menschen völlig hin. Musik und Bewegung lassen sich nicht voneinander trennen. 

 

Doch immer wieder drückt das Spiel auf den Flöten und Pfeifen auch etwas darüber aus, wohin die zu bewältigenden Aufgaben, die der Held oder die Heldin des Märchens zu lösen hat, im Leben wirklich führen sollen. Also machen sie sich flötend und pfeifend auf den Weg. Die heute noch gültige Redewendung: „Mir ist etwas flöten gegangen“, weist vielleicht schon auf etwas hin, was einem in den Märchen begegnen kann.

 

Es verbinden Märchen, die erzählt werden, Lieder, die gesungen werden, Musik, die gespielt wird, die Kulturen und die Menschen auf der ganzen Welt, denn sie sprechen die Seele der Menschen an, sprechen aus der Seele des Menschen heraus, bringen sie in Bewegung. So verbindet, von Musik und von Märchen berührt zu werden, Menschen, ganz unabhängig von Nationen und Kulturen in denen ein Mensch aufgewachsen ist und lebt. Von ihnen berührt zu werden, kann jeden Menschen aber auch mit seiner ganz eigenen geistigen und spirituellen Herkunft in Verbindung bringen, ganz unabhängig von einer Religionszugehörigkeit. Denn die Seele eines jeden Menschen ist eine einzigartige Melodie, ist ein individuelles Lied, ist ein unnachahmbarer Klang voller Bilder und sie will erhört und erkannt werden. Nur so kann sie sich in einem harmonischen Miteinander mit Anderen verbinden. Erst dann kann in einem sozialen Miteinander jede Disharmonie auch wieder in Harmonie gewandelt werden und Neues kann frei klingend entstehen.

 

Und nicht vergessen: Märchen sind nicht nur etwas für Kinder, sondern auch Erwachsene können immer wieder Neues für sich und ihr Leben darinnen entdecken. Tauchen wir in die Märchenbilder ein, können diese sich wie ein Spiegel unserer Seele gestalten und das Abenteuer besteht darin, dieses Spiegelbild genau zu betrachten und uns dadurch ganz neu zu entdecken. Dabei wird die Melodie unserer Seele, wird das Lied unserer Seele in Bewegung gebracht oder auch auf den Weg gebracht, sich ganz neu zu finden. 

 

Petra Keup ist Autorin und Lehrerin und lebt in Oldenburg.

Bücher: Singende und klingende Märchen aus aller Welt – Bd. 1 Gesang,

Bd. 2 Flöten und Pfeifen;

Das Weltmusik Lesebuch

 


Winter 2020


Jede Generation macht ihre Erfahrungen und hat ihre Aufgaben

Foto: NiklasPntk auf pixabay.com
Foto: NiklasPntk auf pixabay.com

Autorin: Ulrike Plaggenborg

 

Die Fridays for Future-Bewegung hat einiges in Bewegung gebracht, auch wenn noch nicht im erhofften Umfang darauf reagiert wurde (die Politik stellt sich nach wie vor mehr oder weniger stur). Die jungen Menschen mit ihrem wunderbaren Engagement scheinen jedoch bei vielen aus meiner Generation, der (nach) 68er-Generation, sowas wie Schuldgefühle und Selbstverurteilung hervorzurufen. So wird zuweilen behauptet, wir hätten „der Jugend einen Scherbenhaufen hinterlassen“. Und natürlich sind wir an dieser Entwicklung beteiligt, d. h. wir haben sie mit verursacht und es braucht unsere Unterstützung für die anstehenden Veränderungen. Und gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass jede Generation ihre ganz eigenen Aufgaben in ihrer jeweiligen Zeit hat und ihre eigenen Erfahrungen macht.                     Weiterlesen....  


Auch du müllst dein Gehirn zu

Foto: Gerd Altmann auf pixabay.com
Foto: Gerd Altmann auf pixabay.com

Autorin: Prof. Dr. Maren Urner 

 

Bevor wir loslegen, mach zunächst eine kurze – aber ehrliche – Bestandsaufnahme deines Informationskonsums. Beantworte dafür spontan ein paar ganz banale Fragen: 

  • Wie viel Zeit verbringst du täglich online?
  • Wie viel vor dem Fernseher oder mit anderen Medien?
  • Was schätzt du, wie oft du dich täglich durch E-Mails, Push-Nachrichten, Social-Media-Benachrichtigungen und andere »Ich checke das mal eben«-Botschaften ablenken lässt?
  • Wie oft ärgerst du dich darüber und wünschst dir, dich anders zu verhalten?

Wenn unser Informationsdrang süchtig macht

Im 21. Jahrhundert besteht die Herausforderung nicht mehr darin, stunden- oder gar tagelang in Bibliotheken nach einer bestimmten Jahreszahl oder Aussage zu suchen. Ausgerüstet mit einem internetfähigen Mobilgerät kannst du von fast überall in Sekundenschnelle an eine unbegrenzte, ja unüberschaubare Menge an Informationen kommen. Kein vergebliches Suchen mehr, kein Streit mehr darüber, wann Napoleon lebte, und keine Sorge mehr darüber, ob wir auf dem Weg zur Arbeit vom Regen kalt erwischt werden.

Doch was, wenn unser Gehirn da nicht hinterherkommt – weil es einfach nicht dafür gemacht ist, unsere regelrechte Informationswut zu verarbeiten, und stattdessen überfordert ist? Wenn es vielleicht sogar abhängig wird von bestimmten Informationsquellen? 

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Wie uns die Liebe durch das Leben trägt

Foto: yc0407206360 www.pixabay.com
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Autorin: Theresia de Jong

Frühe Bindungserfahrungen

Eine kleine Geschichte zeigt, dass die Nähe zwischen Mutter und Kind schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt gestaltet wird. Die Mutter-Kind-Bindung umfasst durchaus auch die Kommunikation mit unserem eigenen innersten Sein. Dabei glaube ich, dass die Beziehung, die wir zu unserem Kind knüpfen, wenn wir es auf dem Arm tragen, immer auch etwas mit der Beziehung zu unserem eigenen inneren Kind zu tun hat, das heißt: Verletzungen, die unsere Seele in frühester Zeit erlitten hat und noch nicht geheilt wurden, können sich dann auch auf die Beziehung zu unserem Kind auswirken und dadurch an die nächste Generation weitergegeben werden.

Nun aber zunächst zu dieser Geschichte, die ich angekündigt habe: Sie gefällt mir auch deshalb so gut, weil sie uns vieles über die Kontinuität des Daseins sagen kann, im ewigen Kreis von Tod und Leben und auch über die innige Verknüpfung zwischen Mutter und Kind. Es ist eine Geschichte von einem ostafrikanischen Stamm, die zeigt, wie Liebesfähigkeit auch über Rituale angelegt werden kann.

Wenn sich bei diesem Stamm eine Frau, ein Paar, ein Kind wünscht, zieht sich die Frau in die Einsamkeit zurück. Sie setzt sich unter einen Baum und wartet, bis sie das Lied ihres (zukünftigen) Kindes empfängt. Hat sie das Lied vernommen, geht sie singend in ihr Dorf zurück. Sie bringt das Lied allen Dorfmitgliedern bei. Wenn sie mit ihrem Mann in Liebe verbunden ist, singen sie beide das Lied, um die Seele des Kindes zu sich einzuladen. Ist sie dann schwanger, singt sie das Lied für ihr Kind im Bauch. Bei der Geburt singen die Frauen des Dorfes das Lied. Es ist das erste, was das Kind hört, wenn es geboren wird. Dieses Lied wird es sein gesamtes Leben begleiten. Es wird bei allen wichtigen Übergängen im Leben gesungen, bei der Hochzeit und auch auf dem Sterbebett.

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