Gesellschaftlicher Wandel 2022/2023


Dezember 2022 - April 2023


Die Sprache der Zuversicht

Foto: © Külly Selberg – www.pixabay.com
Foto: © Külly Selberg – www.pixabay.com

Autor: Ulrich Grober

 

Inspirationen und Impulse für eine bessere Welt

Die Zeit, so scheint es, ist aus den Fugen. Die Schocks der laufenden Ereignisse lösen Tag für Tag neues, lähmendes Entsetzen aus. Sie bringen uns dazu, die dunkelsten Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis abzurufen. Etwas Kostbares droht hier und jetzt zu zerbrechen: der Glaube an die Zukunft. Dieses Buch möchte einladen, innezuhalten und einen Schritt zurückzutreten, um zu versuchen, aus der Distanz eine neue Perspektive zu gewinnen.

An jenem Wintermorgen 2022, als Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, gab es das Gefühl, man sei in einer anderen Welt aufgewacht. Die Regierung rief eine Zeitenwende aus. Mit anderer Welt verband ich bis dahin – und verbinde ich immer noch – Bilder von jungen Menschen mit leuchtenden Augen. Ich höre ihre Sprechchöre auf den Klima-Demos: »Eine andere Welt ist möglich!« Mit Zeitenwende assoziierte ich die Einteilung der historischen Zeit in vor und nach Christi Geburt. Oder ich dachte an die  „Gezeitenwende«, den Wechsel von Ebbe und Flut, wie er sich seit Ewigkeiten in stetem, majestätischem Rhythmus unter dem Einfluss der Mondenergie Tag für Tag und Nacht für Nacht an den Küsten der Ozeane abspielt. Kriege aber sind keine Naturgewalten. Sie sind menschengemacht. So wie Erderwärmung, Artensterben, Pandemien und andere Erscheinungsformen der multiplen Krise, die uns in ihrem Bann hält.

Diese Zeitenwende, so scheint mir, ist überhaupt keine Wende. Sie bedeutet vielmehr ein »Weiter so« in alten Mustern, nämlich in der Logik imperialer Geopolitik des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese ist heute zutiefst aus der Zeit gefallen. Im 21. Jahrhundert ist sie nicht nur – wie schon immer – zutiefst unethisch, sondern auch zutiefst irrational. Denn angesichts der existenziellen Herausforderungen der Zukunft können wir uns Kriege schlicht und einfach nicht mehr leisten. Es sei denn, wir wollten es tatsächlich auf eine »Endzeit« – Apokalypse – ankommen lassen.

 

Ich bin Wanderer und weiß: Wenn du merkst, dass du die Orientierung verloren hast, dich verirrt hast, ist der erste Impuls, einfach weiterzugehen. Entweder willst du dir aus Trotz und Stolz nicht eingestehen, dass du irgendwann, irgendwo einen Fehler gemacht hast. Oder du bist in eine Art Panik geraten und klammerst dich an die Hoffnung, dass vor dir im nächsten Moment doch wieder vertraute Landmarken in Sicht kommen. Erst jetzt machst du den entscheidenden Fehler. Je länger du dich nämlich in die falsche Richtung bewegst, desto weiter entfernst du dich von deinem Ziel. Kleine Kurskorrekturen helfen da nicht. Das Klügste, was du jetzt tun kannst, ist die Umkehr. Du musst zurückgehen bis zu dem manchmal weit zurückliegenden Punkt, zu der Weggabelung, wo du wieder auf sicherem Gelände bist. Erst von dort aus kannst du dir den richtigen Weg suchen, den du beim ersten Mal verpasst hast. Einen, der dich zum Ziel führt.

 

Mit den Wörtern Wende und Wendezeit verbindet sich eine radikale Hoffnung auf eine tatsächliche Umkehr. Eine solche Zeit nannten die alten Griechen* Kairos: der günstige Moment, das Zeitfenster, in dem sich neue Möglichkeitsräume auftun. Und damit alternative Pfade in ein unbekanntes Terrain – die Zukunft. Ein solches Zeitfenster öffnete sich vor jetzt fünfzig Jahren. Es ist ein halbes Jahrhundert, zwei Generationen, her. Auf dem bis heute letzten bemannten Flug zum Mond, im Dezember 1972, kehrten die drei Astronauten ihren Blick um und sahen durch die Schwärze des Weltalls hindurch ... »den schönsten Stern am Firmament«. In diesem Moment entstand das ikonische Foto des blauen Planeten. Es war ein epochales Bild: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte sah die Menschheit die Erde, ihren Heimatplaneten, von außen. Die ganze Erde, in ihrer vollen Schönheit, Einzigartigkeit und Zerbrechlichkeit. Magischer Augenblick. Wende zu einer Großen Transformation?

Die Umkehr des Blicks erzeugte ein Wir-Gefühl, das nicht mehr nur auf den Nahraum begrenzt war, sondern die ganze Erde mit einschloss. Das Bild des scheinbar schwerelos im All schwebenden blauen Planeten vermittelte eine Art Flow-Gefühl. Man spürte etwas von der Leichtigkeit des Seins: »Das Leben ist gut.« Nur ein kurzer Satz. »Life is good« prangt in den USA auf T-Shirts und Baseballkappen. Ist das banal? »Wie es auch sei, das Leben, es ist gut«: Diesen Vers schrieb Goethe vor fast zwei Jahrhunderten in dem Gedicht „Der Bräutigam“. So bekommt die Aussage Tiefe: Das Leben ist es wert, gelebt zu werden. Es ist lebenswert, liebenswert, bejahenswert. Es ist von Bedeutung. Wie es auch sei! Auch mit den unvermeidbaren Anteilen von Leid, Schmerz und Verzweiflung.

Die Erde ist der schönste Stern am Firmament. Und: Das Leben ist gut. Das sind die beiden Setzungen, die dieses Buch vornimmt. Das ist der Rahmen, den dieses Buch vorschlägt. Es ist – unhintergehbar, nicht zu beweisen – der Nullpunkt, den es fruchtbar machen will. In diesen Grundannahmen und diesem Grundvertrauen, denke ich, liegen die Quellen aller positiven Energien. Die anderen Fragen schließen sich an: Was macht das Leben nachhaltig, verleiht ihm Bedeutung? Für was lohnt es sich, mit Hingabe zu arbeiten und manchmal alles einzusetzen, was man hat, kann und ist? Was gibt Zuversicht? Die Überzeugung von der Wirksamkeit des eigenen Tuns ist jedenfalls ein wichtiger Faktor. Eine alte Erfahrung: Erfolgreich kämpfst du nur für etwas, nicht bloß gegen etwas. Lässt sich in einen solchen Rahmen der tagtägliche Horror einordnen – und positiv verarbeiten?

 

Wir erleben gerade, was die Astronauten der Mondmissionen vor 50 Jahren beim Anblick des Planeten mit dem Wort Zerbrechlichkeit ausdrücken wollten: Das »Netz des Lebens«, die Biosphäre, diese hauchzarte Hülle, die alles Leben hält und trägt und immer wieder neu ermöglicht, droht an vitalen Knotenpunkten zu reißen. Lebensspendende Kräfte der Biosphäre wie Klima, Gewässer, Wälder, Böden und Biodiversität könnten bald »Kipp-Punkte« erreichen, von denen aus keine Umkehr mehr möglich ist. In unserer Lebenszeit, unter unseren Augen, live über die sozialen Medien gesendet, könnten lebenserhaltende Systeme kollabieren. Rette sich, wer kann?

Es stimmt, Horror und Verzweiflung, Gier und Egoismus sind ein Teil der Realität. Schönheit, Empathie, Nachhaltigkeit aber – die Möglichkeitsräume – sind eine mindestens ebenso starke Realität. Eine einfache Feststellung: Die Mehrzahl der Menschen überall auf der Welt ist freundlich, friedfertig und hilfsbereit. Oder? »Rätta jorden« (Greta Thunberg), die Erde retten, ist möglich. Aber es erfordert das Vertrauen, dass es die Wege gibt, und die Kraft, umzukehren und sie zu betreten. Zuversicht ist eine Ressource, mit der wir in diesem historischen Moment besonders achtsam umgehen, die wir nähren sollten. Denn wir brauchen sie für das, was kommt. Sie darf nicht illusionär sein. Leere Worte helfen nicht weiter. Ein nur gut gemeintes Bla, bla, bla stärkt niemanden. Basis von Zuversicht ist ein Grundvertrauen in die Güte der, wenn man so will, Schöpfung oder der Evolution, ein Grundvertrauen in die Güte des Lebens, in die eigene Kraft und die Kraft des »Wir«. Ein solches Vertrauen zu bilden, muss früh anfangen. Es ist der Kern von frühkindlicher Bildung. Selbst im tiefsten Zweifel, so scheint mir, wäre eine Haltung angebracht, die mittelalterliche Mönche mit dem Satz »credo, quia absurdum« umrissen: Ich glaube es, auch wenn es absurd ist.

 

»Die Zukunft ist ein unbetretener Pfad«, sagt ein tibetisches Sprichwort. Jeder und jede von uns verfügt über ein Navigationssystem, um sich auf diesem Terrain zu bewegen. Davon erzählt dieses Buch. Es handelt von der orientierenden Kraft der Sprache und der Energie ihrer Wörter. »Alle Menschen tragen einen Vorrat an Wörtern mit sich, den sie dazu einsetzen, ihre Handlungen, ihre Überzeugungen, ihr Leben zu rechtfertigen.« Es sind diejenigen Wörter, so der amerikanische Philosoph Richard Rorty, in denen wir »unsere Zukunftspläne, unsere tiefsten Selbstzweifel und höchsten Hoffnungen« formulieren. Die Sphäre der zwischenmenschlichen Beziehungen lebt von der Sprache und vom Erzählen, von unseren Narrativen, unserem Storytelling. Es führt uns von der Ich-Du-Verbundenheit zum Wir. Von der Familie, der Nachbarschaft, dem lokalen Gemeinwesen bis zum »globalen Dorf«. Unsere Werte und Ideale bilden sich über die Sprache. Auch die Intimität zwischen Mensch und Natur entsteht über die Sprache. Unser Geist entfaltet sich an der lebendigen Natur, der wir zugehören. Selbst deren Stille ist beredt, wenn wir die »Signaturen«, die Zeichensprache der Lebewesen und der Dinge, neu wahrnehmen, deuten, davon erzählen können.

Sprache ist ein offenes System, ein Gemeingut, das Wichtigste, was wir haben. Unser Vokabular lenkt unser Denken. Der gesamte Wortschatz, über den wir aktiv und passiv verfügen, vor allem aber der kleine Vorrat an Wörtern, die man aus dem großen Ganzen im Laufe seines Lebens für sich auswählt und besonders wertschätzt. Lässt sich dieses Vokabular flexibel gestalten, zukunftsfähig machen? Denn was wir als Wegzehrung für die Reise in eine unsichere Zukunft besonders dringend brauchen, ist eine Sprache der Zuversicht, eine, die verbindet. In meinem Fokus stehen Wörter, Begriffe, Sprüche, Sinnbilder, ikonische Bilder, die uns befähigen, einen Bogen zu schlagen von unseren zartesten Empfindungen zu den großen Fragen des Menschseins im 21. Jahrhundert.

 

Textauszug aus

„Die Sprache der Zuversicht“

von Ulrich Grober

mit freundlicher Genehmigung des oekom Verlages.

 

Siehe auch unter „Wortwelten“.


August - Dezember 2022


Das Menschliche und das Fremde

© Foto: Ralph auf Pixabay.com
© Foto: Ralph auf Pixabay.com

Autor: Thomas Geßner

 

Vor einiger Zeit kam eine Frau aus einem nahöstlichen Kriegsgebiet zu mir in die Beratung. Es dauerte ein wenig, bis sie Vertrauen fasste. Dann erzählte sie die Geschichte ihrer zehntägigen Flucht nach Deutschland, gemeinsam mit ihren Kleinkindern. „Zu Hause ist alles kaputt. Kein Haus steht mehr.“ Sie zeigte verschiedene Trauma-Symptome, und sie war fest entschlossen, für ihre Kinder und mit ihnen gemeinsam hier weiterzuleben. Sie sprach bereits Deutsch, und sie hoffte auf spätere Rückkehr nach Hause. Auch im Nachgang zu dieser Begegnung entstand die folgende psychologische Kontemplation zu aktuellen seelischen Bewegungen in Menschen und Menschengruppen.

Natürlich können ökonomische, soziologische, juristische, religiöse oder politische Assoziationen beim Lesen angeregt werden, vermutlich lässt sich das nicht umgehen.

 

Zuerst: Ich spreche hier nicht über Menschen, die zu uns kommen, weil sie hier eine aussichtsreichere oder lohnendere Arbeit, Bildung, Gesundheitsversorgung oder was auch immer Erstrebenswerteres vorzufinden hoffen, als sie es von ihrem früheren Lebensort kannten. Ich spreche über Menschen, die an ihrem bisherigen Lebensort in Lebensgefahr waren und sich auf den Weg machten, dieser zu entgehen.

 

Weiter: Wenn ich über „die Flüchtlinge“ spreche, muss ich auch über uns sprechen. „Wir“, das sind die Leute, die schon da wohnen, wo geflohene Menschen sich sicher genug fühlen, um erst einmal zu bleiben. Erst durch unseren Blick auf sie – und gleichermaßen durch ihren Blick auf uns – entsteht das Phänomen „Einheimische und Flüchtlinge“, welches mich hier interessiert. Wären „wir“ nicht schon hier, würden die Flüchtlinge, also die offensichtlich vor Krieg, Verfolgung, Armut oder anderen unerträglichen Umständen geflohenen Menschen, möglicherweise trotzdem hier Halt machen, weil ihnen vielleicht die Gegend und das Klima günstig vorkommen. Unsere Gegend in Mitteleuropa wäre vielleicht die Endstation auf ihrer Wanderung, vielleicht auch nicht. Es gäbe jedoch nicht den Status von „Flüchtlingen“,  sondern vielleicht von „Davongekommenen“, „Überlebenden“, „Ausgewanderten“, „Siedlern“ oder auch „Angekommenen“. Wären wir Einheimischen nicht schon hier, wäre unsere Gegend vermutlich nur wenig sicherer als die Gegend, wo die fliehenden Menschen vor Monaten aufgebrochen sind. Es gäbe keine Infrastruktur, keine medizinische Versorgung, kein Dach über dem Kopf, keine sichernde Gesetzes- und Polizeimacht, keine Bildung, keine Arbeit, keine mitfühlenden Helfer und Helferinnen. Es wäre Wildwest in Europa. 

Nun, es ist wie es ist: Wir sind schon da, und die Flüchtlinge kommen dazu. Was ist los mit ihnen? Und was ist los mit uns?

 

Ich sehe zwei einfache Dinge:

1. Flüchtlinge sind Menschen. Das kann man sehen, sie gehen aufrecht auf zwei Beinen, sie fühlen, sie denken und sprechen.

2. Flüchtlinge sind Fremde. Sie fühlen, sie denken und sprechen anders als wir. Das sieht man meistens auch.

Schauen wir, was diese kleine Unterscheidung von „Menschen, also Wesen wie wir“, und „Fremde, also anders als wir“, vielleicht öffnet, klärt und verständlich macht.

 

Flüchtlinge sind Menschen

So wie wir wurden sie alle von einer Frau geboren. Sie haben Eltern und Großeltern, oft auch Geschwister, Ehepartner, Kinder und Enkel. Sie essen, sie schlafen, sie weinen, sie streiten sich, sie haben Heimweh. Sie sind freundlich oder wütend, redlich oder kriminell, so wie wir. Fast immer haben sie jemanden verloren, oft auch viele – Angehörige, Freunde, Kollegen. Ihre physische Heimat, ihr irdisches Zuhause, haben sie alle verloren. Sie haben eine Geschichte, genau wie wir. Meistens ist diese Geschichte so voller Schrecken, dass sie nicht einfach erzählt werden kann. Würde ihre Geschichte weniger Schrecken enthalten, hätten sie nicht das Ungewisse ihrem Zuhause vorgezogen. Der Antrieb für Flüchtlingsbewegungen ist unerträglicher Schrecken, verbunden mit der Idee, dass es anderswo vielleicht weniger schrecklich ist. Einen anderen zureichenden Grund, sich von zu Hause fort auf eine potenziell lebensgefährliche Reise in eine unvorstellbare Fremde zu begeben, gibt es nicht. Die Flüchtlingsbewegung ist eine Rettungsbewegung. Sie entsteht unmittelbar aus unserem menschlichen Überlebenstrieb. Den Überlebenstrieb kann niemand unterdrücken.

 

Flüchtlinge sind Fremde

Sie haben oft eine andere Hautfarbe als wir. Sie sprechen anders, nicht nur in uns meist unbekannten Sprachen, sie setzen Sprache auch anders ein als wir. Sie haben andere Gewohnheiten, ob in ihren Familien, ob unter Freunden, ob bei der Arbeit. Sie essen häufig andere Dinge als wir und das zu anderen Tageszeiten. Sie beten zu anderen Göttern. Sie haben andere Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist, was gut ist und was schlecht, was man darf und was nicht. Sie haben andere Wünsche als wir, andere Ängste, Freuden und Macken. Sie halten andere Dinge für wichtig, als wir es tun.

Die meisten Flüchtlinge sind innerlich mit Dingen beschäftigt, die die Mehrheit von uns Einheimischen längst hinter sich gelassen zu haben glaubt: Krieg, Tod, Bedrohung, Verwundung, Vergewaltigung, Folter, Vertreibung und Zerstörung. Religiöse, wirtschaftliche und ethnische Unterdrückung gehört ebenfalls zu den Schrecken, die sie mit sich herumtragen, wenn sie es geschafft haben, den physischen Ort dieser Bedrohungen zu verlassen.

Jetzt sind sie da. Was nun? Sie bringen Erfahrungen mit, wie sie unsere Vorfahren vor drei Generationen im Zweiten Weltkrieg und danach gemacht haben. Sie betreffen in unserer Gegend jede Familie. Vor drei Generationen gab es zwölf Millionen deutsche Vertriebene und Flüchtlinge. Viele von ihnen fühlen sich auch siebzig Jahre später noch als Fremde an den einheimischen Orten, wo sie jetzt leben. Erst jetzt, über siebzig Jahre danach, beginnen einheimische Menschen die Wirkung kollektiver traumatischer Überlebensmechanismen in ihrem eigenen Leben wahrzunehmen. Sie beginnen, davon zu erzählen und sich über das formale Funktionieren bzw. das Überspielen hinaus damit zu befassen.

 

Der Schrecken, außen und innen

In der Aufstellungsarbeit zeigt sich oft, wie der Schrecken von damals von folgenden Generationen in kindlich-abhängiger Liebe übernommen wird, um überhaupt bei den verstörten Eltern bleiben zu können und innerlich Kontakt zu ihnen zu finden. Wir sehen, wie wir in dieser unbewussten Loyalität noch heute den Schrecken von damals in uns lebendig halten, wie er unser Lebensgefühl, unsere Symptombildungen und unsere Entscheidungen beeinflusst. Der Schrecken von damals wird uns in der äußeren Welt von heute immer wieder begegnen, so lange, bis wir es wagen, ihn in uns offen anzuschauen. So hilft uns die äußere Welt, innerlich zu uns selbst zu kommen, auch im kollektiven Sinne.

Im Jahre 2015 waren es offenbar die Flüchtlinge, welche mit ihrem Erscheinen jenen Schrecken verkörperten, den wir Einheimischen innerlich noch unter Verschluss halten. Sie bringen uns die Erfahrungen unserer Groß- und Urgroßeltern vor die Haustür, ob als Opfer oder Täter oder beides.

Sie könnten uns damit einen unschätzbaren Dienst erweisen: Sie zeigen uns unser Inneres. Sie tragen es zu uns. Das ist eine große Herausforderung, gegen die die aktuellen verwaltungstechnischen und finanziellen Herausforderungen recht einfach zu lösen scheinen. Und: Das können nur Fremde für uns tun. Einheimische sind zu nah, wir sind immer mit drin in unseren kollektiven Abwehr- und Schutzmechanismen.

 

Die zwei Formen der Abwehr

Wer von uns Einheimischen sich noch nicht in der Lage sieht, in Gestalt der Flüchtlinge dem Echo des Schreckens von damals in die Augen zu sehen und dabei zu fühlen, dass jetzt Frieden, Sicherheit und relativer Wohlstand unser Leben bestimmen, der muss die Schrecken abwehren, welche mit den Fremden zu uns kommen. Dafür gibt es zwei Wege: Entweder man sieht nur „das Fremde“ an den Fremden, also dass sie anders sind als wir. Dann muss man sich Sorgen machen und die eigene „kulturelle Identität“ als nunmehr bedrohten Schutzschild gegen den eigenen Schrecken benutzen. Man wird im Fall der größten Angst die Flüchtlinge physisch bekämpfen. Oder man sieht nur „das Menschliche“ an ihnen, also dass sie genau solche sind wie wir. Dann muss man ihnen helfen, alles Schwierige abnehmen, sich selbst dabei furchtbar überanstrengen, sie zu integrieren versuchen und am liebsten irgendwann ganz zu Einheimischen machen.

Im ersten Fall ist man so von „dem Fremden“ hypnotisiert, dass man das Menschliche an ihnen nicht sehen kann. Im zweiten Fall hypnotisiert einen „das Menschliche“ an ihnen derart, dass man ihre Fremdheit ebenso wenig wahrnimmt wie die höchstwahrscheinliche Aussicht, dass Flüchtlinge über mehrere Generationen hinweg Fremde bleiben werden.

In beiden Fällen sieht man sie nicht als das, was sie sind: fremde Menschen, die sich vor dem Schrecken hierher gerettet haben. In beiden Fällen nimmt man ihnen etwas von ihrer Würde, und sich selber auch.

Es scheint nicht einfach zu sein, das Menschliche und das Fremde in ihnen gleichzeitig zu sehen und beides gleich zu würdigen. Es setzt voraus, dass man sich selber sieht und erkennt, wer man ist. Und es kann gleichzeitig diesen inneren Vorgang der Bewusstwerdung in Gang bringen.

 

Anschauen was ist

Man kann den Flüchtlingen ihr Fremdsein nicht abnehmen, sondern man muss es ihnen zumuten und auch lassen. Sie werden keine Deutschen werden, sondern etwa Afghaninnen, Syrer, Marokkanerinnen oder Libyer bleiben. Man kann auch sich selber das Einheimischsein nicht abnehmen, sondern muss es sich zumuten. Einheimische haben bei sich zu Hause die Verantwortung für das „Wie“ des Zusammenlebens, sowohl miteinander als auch mit ihren Gästen, in diesem Falle mit ihren Flüchtlingen. Wir müssen diese Verantwortung wahrnehmen, denn darin besteht hierzulande unser Zuhausesein.

„Integration“ bleibt ein (Alp)-Traum, solange man diese Grunddynamiken ignoriert. Sie kann zu einem neuen Gemeinwesen führen, wenn wir beginnen, uns selber zu sehen, und damit aufhören, „das Fremde" und „das Menschliche“ gegeneinander auszuspielen.

 

Textauszug aus „Der blaue Fisch – über den Zeitgeist“ von Thomas Geßner mit freundlicher Genehmigung des Innenwelt Verlages.
Siehe auch unter „Wortwelten“.


April - August 2022


Verbundenheit – Verantwortung – Fürsorge: Die Bedeutung des einzelnen Menschen

© Albrecht Fietz - pixabay.com
© Albrecht Fietz - pixabay.com

Autor: Manfred Folkers

 

 

Alles, was von irgendwelcher Reichweite sein soll, muss im Einzelnen beginnen und durch den Einzelnen verwirklicht werden. Es gibt keinen anderen Weg der Verwirklichung, es gibt keine Änderung der Institutionen oder der herrschenden Mentalität, es gibt keine wie auch immer geartete Besserung auf welchem auch immer in Betracht gezogenen Gebiete, wenn der Ansatzpunkt zu einer Klärung und zu einer allgemeinen Wandlung nicht in den Einzelnen verlegt wird. 

                                                      (Jean Gebser: Abendländische Wandlung; Zürich 1943)

 

Die Menschheit befindet sich in einer bedrohlichen Phase, die sich auch im Jahr 2021 in vielen Bereichen gezeigt hat: Die Corona-Pandemie hat sich fortgesetzt. Es hat erneut verheerende Waldbrände in Australien, Russland, Südeuropa und den USA gegeben. Der Westen Deutschlands und Belgiens ist von katastrophalen Überschwemmungen heimgesucht worden. Fast 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid sind in die Atmosphäre gelangt. Humusrückgang und regionaler Wassermangel haben sich beschleunigt. Das Artensterben hat zugenommen … 

„Unser Planet ist kaputt!“, rief UN-Generalsekretär Antonio Guterres, als er im August 2021 den Bericht des Weltklimarates IPCC erläuterte: „Die Alarmglocken sind ohrenbetäubend!“ Dieser Bericht hat festgestellt, dass die globale Erwärmung und der Klimawandel samt Folgewirkungen eindeutig auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen sind. 

Von diesen Tatsachen sind weltweit alle Menschen und Prozesse auf unterschiedliche Weise betroffen. Dazu möchte ich zwei persönliche Erlebnisse schildern, die mich sehr berührt haben: Im August hatte ich die Gelegenheit, den Blüemlisalpgletscher im Berner Oberland zu betrachten. Im Sommer 1982 hatte ich dort schon einmal gestanden. Damals waren zwei riesige Eiszungen ins Tal geflossen. Jetzt – 39 Jahre später – waren sie komplett weggeschmolzen. Es sah aus, als ob dem berühmten Rolling-Stones-Mund die Zunge gefehlt hätte und die Zähne des Unterkiefers zu sehen wären. Später las ich das Buch „Ökodharma“ von David Loy, in dem er die Frage aufwirft: Ist es nicht bereits zu spät für eine große Transformation zur Rettung der Zivilisation? Wie gehen wir mit der Möglichkeit um, dass die Menschheit zu den 95 Prozent der Lebensformen zählen könnte, die in den nächsten Jahrzehnten oder Jahrhunderten verschwinden wird?

 

Verbundenheit 

Derartige Überlegungen wahr und ernst zu nehmen und dabei nicht zu verzagen ist eine Kunst, die sich ohne eine klug durchdachte Geisteshaltung kaum meistern lässt. Es gibt zwar zahlreiche Menschen, die sich mit religiös oder ideologisch begründeten Überzeugungen stabilisieren können, aber viele finden in solchen Glaubenssystemen keinen Halt mehr. Hier bietet sich Buddhas Dharma als eine weltzugewandte Methode und Seinslehre an, die offen ist für wissenschaftliche Erkenntnisse und ohne Dogmen und esoterische Annahmen auskommt. Sie fordert jede und jeden auf, sich durch genaues Hinschauen ein eigenes Verständnis vom Leben zu bilden. 

Buddhas Lehre schließt grundsätzliche Überlegungen ein. Sie regt dazu an, die Suche nach einem „eigenständigen Selbst“ einzustellen und der Erkenntnis Raum zu geben, dass wir permanent und restlos in diese Welt integriert sind. Auf allgemeiner Ebene drückt sie diese Auffassung mit Begriffen wie Intersein, wechselseitige Durchdringung und abhängiges Ent- und Bestehen aus und weiß sich dabei im Einklang mit der modernen Astro- und Quantenphysik. Auf der praktischen Ebene lässt sich diese existenzielle Verbundenheit beispielsweise im Miteinander, in der Hilfsbereitschaft und einem liebevollen Wir- und Mitgefühl erleben.

 

Verantwortung 

Durch die Einsicht in die vollständige Einheit von Sein und Leben lässt sich nicht nur der Eindruck einer vermeintlichen individuellen Getrenntseins überwinden. Es ist darin auch der Auftrag enthalten, acht- und behutsam mit der Welt umzugehen. Wer seine Anwesenheit als Mensch als bewusste Teilnahme und Anteilnahme an der Entwicklung des Universums versteht, wird es für selbstverständlich halten, sich für das Ganze verantwortlich zu fühlen. Wer mit dieser Einstellung eine Dose in den Wald wirft, kann spüren, wie sie quasi den eigenen Kopf trifft. 

Diese Verantwortung des einzelnen Menschen ist nicht delegierbar – nicht an andere, nicht an ein imaginiertes „höheres Wesen“, nicht an „die“ Gesellschaft. Es ist egoistisch und ignorant, gesellschaftliche Veränderungen zu erwarten, ohne selbst mitzuwirken. Die Gesellschaft als solche kann gar nicht handeln, denn sie hat keine eigenen Hände. Sie ist auf das Engagement ihrer Mitglieder angewiesen. Alle gemeinsamen Aktivitäten erfordern letztlich individuelle Taten. Der wichtigste Beitrag, den ein einzelner Mensch zur Transformation einer Gesellschaft beitragen kann, besteht darin, sich selbst zu transformieren. 

Selbstverständlich gibt es Unterschiede. Wer viel verbraucht und es gewohnt ist, einen großen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen, kann und sollte sich wesentlich mehr umstellen als eine Person, die mit wenig auskommt und nachhaltig lebt. Wer sich ökonomisch und politisch engagiert, hat andere und oft wirksamere Möglichkeiten zur Umgestaltung. Insbesondere in einer Demokratie haben sich die Menschen von sich aus einzubringen, wenn sich strategisch und im Alltag etwas bewegen soll. Schließlich gilt es, freiwillig und rechtzeitig genügend zu ändern, bevor die Naturgesetze – über Hitze, Dürren, Überflutungen, Stürme, Pandemien– eine Art „Öko-Diktatur“ erzwingen, die dem Homo sapiens keine Sonderrolle mehr zugesteht.

 

Fürsorge 

Die Krisen der gegenwärtigen Zivilisation sind aus dem Verlangen nach Macht und materiellen Werten entstanden – und aus deren systematischer Anwendung, indem Menschen im Wettbewerb miteinander ihren Besitz immer weiter vermehren. Menschen sind die Ursache der Probleme und gerade deshalb auch die Schlüssel zu deren Überwindung. 

Die menschliche Verantwortung, Auswege aus unserem gemeinsamen Dilemma zu suchen, kann als Fürsorgepflicht beschrieben werden. Aus dem Blickwinkel des Dharma erweist sich dabei die individuelle Selbstfürsorge als eine Fürsorge für andere – und umgekehrt. Wer – so hat es der Buddha ausgedrückt – in aller Tiefe und Weite auf sich selbst achtet, achtet auf diese Weise auch auf alle anderen. Und wer in aller Tiefe und Weite auf das Ganze achtet, achtet auch auf sich selbst. Diese Praxis findet sich in modernen Slogans wieder: „Global denken – lokal handeln“ und „In sich selbst die ganze Welt entdecken“. 

Mithilfe dieser Überzeugungen und indem Menschen die Aufgabe bejahen, sich am notwendigen Wandel zu beteiligen, lassen sich auf umfassende Weise Sinn und Zufriedenheit finden. Wer sich von der heute üblichen materiellen Orientierung befreit, öffnet sich nicht nur für eine persönliche und gesellschaftliche Transformation, sondern erlebt deren Früchte als heilende Hinwendung zu einem integren Leben in einer liebenswerten Welt.

 

Als 2. Teil der Serie „Buddhistische Beiträge zur großen Transformation“ erschien dieser Text in der „Buddhismus aktuell“ (Ausgabe 1/2022).