Nachhaltigkeit, neues Wirtschaften & Ethik 2021


April - August 2021


24 wahre Geschichten vom Tun und vom Lassen

Hrsg.: Karsten Hoffmann, Gitta Walchner, Lutz Dudek

 

Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis

Was passiert, wenn nicht finanzieller Erfolg, sondern der Beitrag zum Gemeinwohl zur Orientierung wirtschaftlichen Handelns wird? Eine andere Wirtschaft ist möglich. 24 Beispiele zeigen, wie die Werte der Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis gelebt werden und finanziell zum Erfolgsfaktor werden können.

 

Die Saat geht auf – Beispiel „Taifun Tofu“

Bild: © Taifun Tofu
Bild: © Taifun Tofu

1986 tat sich in einem Freiburger Keller Geheimnisvolles. Wolfgang Heck und Klaus Kempff versuchten, Tofu zu produzieren. Sie nahmen Sojabohnen, wässerten sie in einem großen Topf über Stunden, vermahlten sie mit Wasser, kochten das Gemisch im Dampfkochtopf auf und siebten die Faserstoffe heraus – so entstand eine eiweißreiche Flüssigkeit, die „Sojamilch”. Diese versetzten sie mit Gerinnungsmitteln, wodurch die „Sojamilch” ausflockte. Es entstand Molke und der hochwertige Tofubruch. Dieser wurde schließlich in feste Blöcke gepresst, und der Tofu war fertig. Als nach vielem Experimentieren so endlich – nach Wochen – alles passte, schafften sie es, zunächst vier Kilogramm Tofu in der Woche zu produzieren, den sie frisch auf dem Freiburger  Wochenmarkt verkauften.

 

Zwei junge Männer taten sich da zusammen, um ihr „eigenes Ding“ zu machen. Sie gründeten ein Unternehmen, das sich auf die Herstellung von Tofu konzentriert, ein eiweißreiches Produkt aus der Sojabohne, das seit Jahrhunderten in Asien bekannt ist. Die Marke Taifun war geboren. Kern der Idee war und ist es, einen positiven Bei-trag zur Welternährung zu leisten, der schon ein Jahrzehnt früher durch den Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums thematisiert wurde und heute aktueller ist denn je. Als  eiweißreiche Nahrung direkt aus der Sojapflanze leistet Tofu einen wichtigen Beitrag zur Welternährung. Viel aufwendiger ist es, Soja als Tierfutter zu verwenden, um Fleisch zu erzeugen. Der CO2-Fußabdruck ist bei der Fleischproduktion etwa zwanzigmal so hoch.(…)

 

Taifun-Tofu GmbH, rund 270 Mitarbeitende, 30 % Frauenanteil, 8 Auszubildende, 42 Jahre Altersdurchschnitt, 38,4 Mio. Euro Umsatz

 

Den aktuellen Taifun-Geschäftsführer Alfons Graf reizte neben der innovativen Produktidee das vom Unternehmensgründer Wolfgang Heck intendierte Anliegen, eine andere Art des Zusammenarbeitens umzusetzen. Die Maximierung des Umsatzes sollte nicht im Vordergrund stehen, vielmehr der Aufbau einer Arbeitskultur und Unternehmensorganisation, die auf die Mitarbeiter ausgerichtet sein sollte.(…)

 

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Geheimnisse der Hecken: Die Felsenbirne

Autor: Rudi Beiser

 

Wissenswertes aus der Botanik 

© Frank Hecker - mauritius images
© Frank Hecker - mauritius images

Die Gewöhnliche Felsenbirne (Amelanchier ovalis, Synonym Amelanchier rotundifolia) gehört zur großen Familie der Rosengewächse. Die Gattung Amelanchier umfasst 25 Arten, wovon die meisten in Nordamerika heimisch sind. Die Gewöhnliche Felsenbirne ist die einzige europäische Art. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet ist vor allem das Gebirge, wo sie in den Alpen bis auf 2000 m aufsteigt. Vielleicht kommen daher die Volksnamen „Gamsbeere“ und „Edelweißstrauch“. Sie wächst bevorzugt an sonnigen Südhängen auf Kalkfelsen. Man findet sie auch in lichten Eichen- und Kiefernwäldern. Der Name „Quandelbeere“ kommt vermutlich daher, weil die Felsenbirne, wie auch der Quendel (Thymus pulegoides), gerne an sonnigen felsigen Standorten wächst.

 

Der dicht verzweigte dornenlose Strauch wird ca. 3 m hoch und kann 70–80 Jahre alt werden. Die Zweige haben eine rotbraune Rinde. Die Blätter sind eiförmig und am Blattrand fein gesägt und vor allem wenn sie jung sind an ihrer Blattunterseite filzig behaart. Im Herbst verfärben sich die Blätter orangerot. Von April bis Mai brechen die weißfilzigen Blütenknospen auf. Der traubenförmige Blütenstand besteht aus 4–10 schneeweißen sternförmigen Blüten. Die zwittrigen Einzelblüten haben 5 längliche Kronblätter, die weit auseinanderstehen und unterseits behaart sind. In der Blüte sitzen 20 Staubblätter und 5 nicht verwachsene Griffel.

 

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Corona-Krise lässt naturnahes Gärtnern durch die Decke gehen

© Bernd Stahlschmidt
© Bernd Stahlschmidt

Autoren: NABU Niedersachsen

 

NABU Niedersachsen sieht historisch starken Trend und gibt Tipps

Die nun bereits ein Jahr währende Corona-Krise mit den Lockdowns und Kontaktbeschränkungen hat zu einer „Renaissance des Gärtnerns“ geführt, so der NABU Niedersachsen: Noch nie erreichten den Landesverband und seine Einrichtungen so viele Anfragen zu naturnahem Gärtnern wie in den zurückliegenden zwölf Monaten, berichtet NABU-Mitarbeiter Rüdiger Wohlers, der dabei einen besonderen Trend vermelden kann: „Sehr viele Menschen möchten im Garten oder Kleingarten ‚Natur einladen‘, möchten Lebensräume schaffen, ganz gleich, ob sie ‚Gartenanfänger‘ sind, die gerade erst ein Stückchen Erde übernommen haben, oder ob sie bereits seit Jahrzehnten gärtnern“, so Wohlers. „Wohl noch nie war die Sehnsucht nach einem kleinen Gartenparadies mit Rotkehlchen, Amsel, Igel, Eichhörnchen, Schmetterling, Biene und Co. so groß wie in diesen Monaten und Tagen.“

 

Der NABU-Aktive erklärt: „Auffallend ist, dass beispielsweise viel mehr gezielte Nachfragen nach Möglichkeiten, etwas für Wildtiere im Garten ganz konkret tun zu können, sich auf speziellere Themen beziehen als bislang. Dies zeigt sich etwa darin, dass direkt nach Bauplänen für Nisthilfen gefragt wird, die jenseits der allgemein bekannten ‚Meisenkästen‘ liegen, etwa für Kleiber, Baumläufer, Hausrotschwanz, Bachstelze, Rotkehlchen und Co. Und auch Gebäudebrüter wie Mauersegler und Schwalben spielen eine viel größere Rolle als früher“, freut sich Rüdiger Wohlers, und fährt euphorisch fort: „Über allen anderen Themen thront jedoch als Nummer Eins das Insektensterben. Die Menschen haben verstanden, wie existentiell bedrohlich die Situation für die Insekten und damit für uns Menschen ist. Und: Sie sehnen sich nach der kleinen Serengeti hinter dem Gartentor, nach dem Maikäfer ihrer Kindheit, nach dem wohl auch in Folge des Klimawandels rar gewordenen Kleinen Fuchs, dem Tagpfauenauge, nach der Libelle am Teich. So entstehen in diesen Tagen viele kleine Insektenparadiese, überall in Niedersachsen – und das ist gut so! Und durch all das bekommen auch Kinder wieder mehr Bezug zur Natur – eine wichtige Grundlage, denn der Grundsatz ‚Ich kann nur schützen, was ich kenne‘ gilt uneingeschränkt.“

 

Rüdiger Wohlers sieht im weiteren „Ranking“ der beim NABU Niedersachsen am stärksten abgefragten Gartenthemen den Igel, dessen stetigen Bestandsrückgang über Jahrzehnte in ganz Europa die Menschen durchaus bemerken. Möglichkeiten, Eichhörnchen zu helfen, artgerechte Vogelfütterung, die Anlage von Bruthecken für Vögel und kleiner Teiche sind die Topthemen der Menschen, die sich an den NABU wenden. „Aus vielen Anfragen der Menschen gehen auch Empörung und Ablehnung von Schottergärten und anderer Naturzerstörung, etwa durch zu starke Verdichtungen und Überbauungen in Städten und Dörfern hervor – die Menschen haben wirklich ‚die Nase voll‘ von Beton- und Asphaltorgien und seelenlosem Abstandsgrün in einstigen Gartenoasen, die zu Parkplätzen mit Kirschlorbeer und Schotter verwüstet wurden. Hier ist der Beginn einer breiten Gegenbewegung quer durch das Land erkennbar“, meint der NABU-Aktive.

 

Was seit zwanzig Jahren in Großbritannien als „Gardening for wildlife“ längst zur Volksbewegung wurde, beginnt sich laut Wohlers hierzulande nun auch Bahn zu brechen. „Die Corona-Krise wirkt als Beschleuniger und Verstärker, wie sich auch an der Tatsache zeigt, dass heute Kleingärten stärker nachgefragt werden und viele Menschen sogar in Zeitungsannoncen Privatgrundstücke suchen, um sich einen Garten als kleine Rückzugsarche schaffen zu können“, ist Wohlers überzeugt, dass sich der Trend fortsetzen wird. „Der Siegeszug der naturnahen Gärten als Volksbewegung wird weitergehen. Wir sind Zeugen eines fundamentalen Wandels hin zur ‚Einladung an die Natur‘, die vielleicht als historisch bezeichnet werden kann“, ist sich Rüdiger Wohlers sicher.     

 

Das vom NABU Niedersachsen angebotene, sehr umfangreiche Info-Paket „Gartenarche“ mit seiner Bauplansammlung für Nisthilfen, dem Mauersegler-Baubuch und den Broschüren „Gartenlust“ sowie „Bienen, Wespen und Hornissen“ bietet eine Fülle an Hintergründen und praktischen Tipps. Es kann angefordert werden gegen Einsendung eines 10-Euro-Scheins beim NABU Niedersachsen, Stichwort „Gartenarche“, Alleestr. 36, 30167 Hannover.


Dezember 2020 - April 2021


Zukunft für alle

Autoren: Kai Kuhnhenn, Anne Pinnow, Matthias Schmelzer u.a.

Stell dir vor, es ist das Jahr 2048. Wie bewegst du dich fort? Was isst du? Wie verbringst du deine Zeit? Wie und was arbeitet du? Und über deine eigene Situation hinaus: Wie könnte diese Zukunft aussehen? Wie kann sie gerecht, ökologisch und machbar sein - für alle?

 

Beispiel Ernährung & Landwirtschaft

2048 gibt es: gutes Essen für alle, lokale Wertschöpfung, Kreislaufwirtschaft, eine Vielfalt an Produktionsbetrieben, mehrheitlich Höfe & Handwerk

 

2048 gibt es nicht mehr: Hunger, Lebensmittelspekulation, Dumpinglöhne, Privateigentum am Boden, industrielle Landwirtschaft

 

Gutes Essen für alle 

Die Effizienzlogik beim Essen ist überwunden: Frische Lebensmittel sowie Grundnahrungsmittel sind offen zugänglich, und alle nehmen sich Zeit fürs Essen. Lokale und oftmals von den Nutzenden selbst organisierte Versorgungsmöglichkeiten erleichtern diese Zugänge, z.B. durch Gemeinschaftsküchen in Häusern, die Lebensmittelpunkte in Quartieren und kollektive Versorgung in Häusern des Lernens und Betrieben. Alle Lebensmittel werden weiterverteilt und verwertet, nichts wird einfach weggeworfen. Der Proteinbedarf wird vor allem durch pflanzliches Eiweiß gedeckt. Der Konsum von Fleisch und Milchprodukten ist wesentlich gesunken, und die verbleibende Tierhaltung wird umwelt- und tierwohlorientiert – also extensiv statt intensiv – betrieben. Alle Teile von Tieren werden verwendet („nose to tail“), nichts wird verschwendet. Städte und Dörfer sind essbare Orte, denn überall werden Lebensmittel angebaut und geerntet. Wir haben verstanden, dass Essen und die Herstellung von Lebensmitteln unser Leben bereichern; wir wertschätzen und feiern das. 

 

Vielfältige Betriebsformen 

Heute gilt das Prinzip allseitiger Fürsorge und eine Vielfalt landwirtschaftlicher Betriebsformen. Der Schwerpunkt liegt auf kleinen Strukturen wie Höfen und Handwerk. Kleinbäuerliche Strukturen sind divers – neben klassischen Familienbetrieben finden wir eine Vielzahl von Wahlfamilien, Kollektiven und Genossenschaften, die landwirtschaftlich tätig sind.

Landwirtschaft ist agrarökologisch, das heißt ökologisch langfristig, und zumeist kleinbäuerlich ausgerichtet. Fossile oder chemische Dünger und Pestizide, die ökologische Kreisläufe zerstören, werden nicht mehr eingesetzt. Um die komplette Nahrung ökologisch herzustellen, müssen zwar viel mehr Menschen in der Landwirtschaft arbeiten als Anfang des 21. Jahrhunderts, diese haben dafür aber gute Arbeitsbedingungen, mehr Zeit für ihre Tätigkeiten und mehr Kontakt zu ihren Abnehmer*innen.

Die Produzent*innen organisieren sich weitgehend selbst. Kleinteilige Strukturen wie gemeinschaftliche Hofläden und Verteilorte, Wochenmärkte und lokale Verarbeitungsketten ermöglichen regionale Versorgungsstrukturen. Genossenschaftsläden in Hand der Mitarbeiter*innen und Konsument*innen mit regionalen Produkten haben profitorientierte Supermärkte ersetzt. Die Lebensmittelpunkte entscheiden selbst, mit welchen Produzent*innen sie für ihre Versorgung kooperieren. Eine radikale Umverteilung von Boden und Kapital, beschlossen vom globalen Ernährungsrat, hat zu einem neuen Prinzip der Allmende geführt:

Das Privateigentum an Boden ist abgeschafft. Dafür wurden in fast allen regionalen Räten Nutzungsregeln beschlossen, die auf einen langfristigen Erhalt der Bodenfruchtbarkeit ausgerichtet sind. Auch landwirtschaftliche Produktionsmittel sind meist lokal vergesellschaftet und global vernetzt; sie werden gemeinschaftlich hergestellt, genutzt, repariert und weiterentwickelt. Lokale Saatgutzentren sind für alle zugänglich und in Netzwerken miteinander verbunden. Die für die Produktion nötigen Rohstoffe werden regional hergestellt. Insgesamt haben alle die Möglichkeit, Land zu bewirtschaften.

 

Kreislaufwirtschaft und Bodenerhalt

Jedes Zwischenprodukt und jeder einstige Abfall wird als Ressource verstanden, womit eine echte Kreislaufwirtschaft ermöglicht wird. Das heißt, auch menschliche Fäkalien dürfen mit entsprechenden Sicherheitsauflagen kompostiert werden – die Mischkanalisation gehört der Vergangenheit an. Damit werden Nährstoffkreisläufe geschlossen und Produktstandards garantiert, so dass Kompost sicher und nährstoffreich ist. 

Der Wert des Bodens ist anerkannt: Der Erhalt und die Verbesserung seiner Fruchtbarkeit werden großgeschrieben. Die Felder sind kleiner und fast nie unbedeckt, wodurch Bodenerosion deutlich sinkt. Der Aufbau von Humus leistet einen wichtigen Beitrag für eine ertragreiche agrarökologische Landwirtschaft und für die Bindung von Treibhausgasen. Die Artenvielfalt zu bewahren und zu fördern ist zentral für jede landwirtschaftliche Tätigkeit. Das bedeutet unter anderem keine Pestizide und Herbizide mehr, dafür viele Bäume, Hecken und Nischen für Insekten und Wildtiere sowie die Zucht alter und samenfester Sorten, die Bäuer*innen selbst vermehren können. Konzepte wie Agroforstwirtschaft, Permakultur und Terra Preta sind weiterentwickelt worden und finden Anwendung.

 


Spezialisierte aber relokalisierte Verteilung

Im Bereich der Verteilung und des Vertriebs existiert weiterhin eine große Arbeitsteilung und Spezialisierung mit viel Knowhow. Gleichzeitig reisen Produkte zwischen Acker und Teller nicht mehr um den Globus, sondern werden weitgehend lokal verarbeitet und verteilt. Ein großer Teil der Lebensmittel wird direkt von Produzent*innen für angebundene Nachbarschaften produziert, ohne dass dafür Geld fließt. Überall gibt es kleine Bäckereien, Metzgereien, Mühlen, Molkereien und ähnliches. Das gut ausgewählte Sortiment in den genossenschaftlichen Läden ist qualitativ hochwertig und kommt möglichst aus einem Radius von 200 Kilometern. Der Handel mit Produkten aus dem Globalen Süden wie Kaffee, Tee und Südfrüchten ist soweit beschränkt, dass Ernährungssouveränität an den Anbauorten gewährleistet ist und erfolgt nur unter fairen Handelsbeziehungen. Kinder und Jugendliche lernen früh, mit Lebensmitteln zu arbeiten und erlangen damit einen selbstverständlichen Bezug dazu. Dadurch steigt auch ihr Interesse, in diesem Bereich tätig zu werden.

 

2020 - Was es schon gibt

 

Aktionsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL): kämpft für eine kleinbäuerliche biologische Landwirtschaft. ‣ abl-ev.de

Netzwerk Solidarische Landwirtschaft: Setzt sich für die Verbreitung dieser Form von Landwirtschaft ein. ‣ solidarische-landwirtschaft.org

Nyéléni Netzwerk für Ernährungssouveränität: Weltweites Netzwerk für Ernährungssouveränität, aufbauend auf der Nyéléni-Erklärung von 2007. ‣ nyeleni.de

Schwarzwurzel: Der kollektiv geführte Mitgliedsbioladen in Leipzig Lindenau ist ein Beispiel, wie gemeinschaftliche Läden aussehen können. ‣ schwarzwurzel.org

Slow Food Youth Netzwerk: Weltweites Netzwerk von jungen Menschen für gute, saubere und faire Lebensmittel. ‣ slowfoodyouth.de

Animal Rights Watch: Organisation, die sich für die Abschaffung jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung von Tieren einsetzt und biovegane Konzepte entwickelt. ‣ ariwa.org/biovegan

 

Warum ist die Zukunft nicht vegan

2020 wurde an vielen Orten darüber gestritten, ob die Zukunft der Ernährung vegan, also frei von tierischen Produkten, ist oder nicht. Fridays for Future und führende Wissenschaftler*innen sprachen sich dafür aus, denn eine bio-vegane kleinbäuerliche Landwirtschaft wäre klimaschonend und gesund. Doch für den Großteil der Bevölkerung gehörte Fleisch 2020 noch zum Alltag. In unserer Zukunftswerkstatt zu Ernährung haben wir deutlich formuliert, dass es ein Ende der Massentierhaltung geben muss und Fleischproduktion – wenn überhaupt – nur noch mit Tierwohl möglich sein darf. Ob Tiere und Fleisch zum essen Teil einer nachhaltigen Landwirtschaft sind, war aber kontrovers. Von allen Seiten gibt es viele Argumente, wir greifen hier nur einige davon auf.

Ein Hauptargument für einen Ernährungskreislauf mit Tieren ist, dass dadurch Grasflächen auch für die menschliche Ernährung zugänglich sind. Eine nachhaltige Nutzung von Grünland trägt zum Erhalt biologischer Vielfalt bei und kühlt gleichzeitig den Planeten. Gras bedeckt weltweit rund 40% der bewachsenen Landoberfläche und speichert im Boden darunter fast 50 % mehr Kohlenstoff als Waldböden. Grasenden Wiederkäuern gelingt es, aus dem für Menschen unverdaulichen Gras wertvolle Fette und Proteine aufzubauen und gleichzeitig Mist zu produzieren, der als Dünger am Feld die Erträge sichert.

Das Problem ist: Die industrielle Landwirtschaft hat sich weit von diesem System entfernt. Mit hohem Aufwand an fossiler Energie wird synthetischer Dünger hergestellt, auf Ackerflächen ausgebracht und Getreide, Mais und Soja dann für die Fütterung eingesetzt. Dieses System ist mit hohem Tierleid und Umweltzerstörung verbunden. Daher ist wie oben betont klar: Eine Umorientierung in der Landwirtschaft und beim Fleischkonsum ist dringend nötig, da eine auf natürlichen Kreisläufen basierende agrarökologische Landwirtschaft eine wesentlich geringere Menge an Milch und Fleisch herstellen kann. Es müssen neue Methoden mit viehlosem Acker- und Gartenbau entwickelt werden. Aus einer globalen Perspektive sind Tiere jedoch ein wesentlicher Bestandteil eines nachhaltigen und ökologischen landwirtschaftlichen Kreislaufs. Wir versuchen daher, die grundsätzliche Umorientierung zu betonen, ohne jedoch nur auf Veganismus zu setzen.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des oekom Verlages aus „Zukunft für alle“ von Kai Kuhnhenn, Anne Pinnow, Matthias Schmelzer u.a..

Siehe auch unter „Wortwelten“ auf S. 69.