Nachhaltigkeit 2022


August - Dezember 2022


Die Schönheit der Erde ist eine Glocke der Achtsamkeit

© Bild: Albrecht Fietz auf Pixabay.com
© Bild: Albrecht Fietz auf Pixabay.com

Autor: Thich Nhat Hanh

 

Wenn Sie diese Schönheit nicht sehen, sollten Sie sich fragen, warum. Vielleicht steht Ihnen etwas im Weg oder Sie sind so sehr damit beschäftigt, nach etwas anderem Ausschau zu halten, dass Sie den Ruf der Erde nicht hören.

Mutter Erde sagt: »Mein Kind, ich bin für dich da; ich biete dir all dies an.« Es ist wahr: die Sonnenstrahlen, das Vogelgezwitscher, die klaren Bäche, die Kirschblüten im Frühling und die Schönheit der vier Jahreszeiten – das alles ist für Sie da. Wenn Sie es nicht sehen oder hören können, liegt das daran, dass Sie zu viel im Kopf haben.

 

Die Erde sagt Ihnen, dass sie da ist und dass sie Sie liebt. Jede Blume ist ein Lächeln der Erde. Sie lächelt Ihnen zu, doch Sie wollen nicht zurücklächeln. Die Frucht in Ihrer Hand – vielleicht eine Orange oder eine Kiwi – ist ein Geschenk der Erde. Verspüren Sie aber keine Dankbarkeit, dann sind Sie nicht wirklich für die Erde und das Leben da.

Eine wesentliche Voraussetzung dafür, den Ruf der Erde zu hören und ihr zu antworten, ist Stille. Ohne innere Stille werden Sie ihren Ruf nicht hören: den Ruf des Lebens. Ihr Herz ruft Sie, aber Sie hören es nicht. Sie haben keine Zeit, auf Ihr Herz zu hören.

 

Achtsamkeit hilft uns, uns nicht länger abzulenken und zu unserer Atmung zurückzukehren. Indem wir mit der Aufmerksamkeit nur bei unserer Ein- und Ausatmung sind, hören wir auf zu denken und erwachen innerhalb weniger Sekunden zu der Tatsache, dass wir lebendig sind, dass wir einatmen, hier sind. Wir existieren. Wir sind nicht nicht existent. Wir erkennen: »Ahhh, ich bin hier, ich bin lebendig.« Wir hören auf, an die Vergangenheit zu denken, wir hören auf, uns über die Zukunft zu sorgen, wir richten unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass wir atmen. Unser achtsames Atmen befreit uns. Wir sind frei, ganz gegenwärtig zu sein: frei von Gedanken, Angst, Sorgen und Streben.

 

Sind wir frei, können wir auf den Ruf der Erde antworten. »Ich bin hier. Ich bin dein Kind.« Wir erkennen, dass wir Teil des Wunders sind. Und wir können sagen: »Ich bin frei: frei von all dem, was mich daran hindert, ganz und gar lebendig zu sein. Du kannst dich auf mich verlassen.«

 

Wenn Sie erwachen und erkennen, dass die Erde nicht nur Umwelt ist, sondern dass Sie die Erde sind, dann berühren Sie die Natur des Interseins, unsere wechselseitige Verbundenheit und Verwobenheit. Und in diesem Moment treten Sie in eine echte Kommunikation mit der Erde ein. Das ist die höchste Form des Gebets. In dieser Art Beziehung werden Sie über die Liebe, die Kraft und das Erwachen verfügen, die Sie für die Veränderung Ihres Lebens benötigen.

 

Viele von uns haben sich der Erde entfremdet. Wir vergessen immer wieder, dass wir hier auf einem wunderschönen Planeten leben und dass unser Körper ein Wunder ist, welches wir der Erde und dem gesamten Kosmos zu verdanken haben. Die Erde vermochte Leben hervorzubringen, weil sie auch Nicht-Erde-Elemente in sich trägt, darunter die Sonne und die Sterne. Die Menschheit ist aus Sternenstaub entstanden. Die Erde ist nicht nur die Erde, sondern der gesamte Kosmos.

 

Nur mit dieser Sichtweise und Einsicht werden Sie Ihre wertenden Unterscheidungen aufgeben und sich mit der Erde tief verbunden fühlen. Daraus wird sich viel Gutes entwickeln. Sie sehen die Dinge nicht länger auf dualistische Weise und überwinden die Vorstellung, dass die Erde nur die Umwelt mit Ihnen im Zentrum ist und Sie nur dann etwas für die Erde tun wollen, wenn es Ihrem Überleben dient. Werden Sie sich beim Einatmen Ihres Körpers bewusst, schauen Sie tief in Ihren Körper hinein und erkennen Sie, dass Sie die Erde sind und dass Ihr Bewusstsein das Bewusstsein der Erde ist und es zu einem befreiten Bewusstsein werden kann, frei von jeglichen wertenden Unterscheidungen und falschen Ansichten. Damit werden Sie das, was Mutter Erde von Ihnen erwartet: erleuchtet, ein Buddha, sodass Sie allen Lebewesen helfen können, nicht nur auf der Erde, sondern letztlich auch auf anderen Planeten. 

 

Meine Generation hat viele Fehler gemacht. Wir haben uns diesen Planeten von den jüngeren Generationen geliehen, und wir haben ihm immensen Schaden zugefügt und große Zerstörung angerichtet. Wir sind beschämt, ihn jetzt so zu übergeben, und hätten es uns anders gewünscht. Ihr Jungen erhaltet einen wunderschönen, aber beschädigten, verwundeten Planeten. Das tut uns leid. Als jemand der älteren Generation hoffe ich, dass die junge Generation so schnell wie möglich aktiv wird. Dieser Planet gehört euch, den zukünftigen Generationen. Euer Schicksal und das Schicksal des Planeten liegen in euren Händen.

 

Unsere Zivilisation ist eine Zivilisation, die auf Pump lebt. Wann immer wir uns etwas anschaffen, das wir uns nicht leisten können, wie ein Haus oder ein Auto, setzen wir darauf, dass wir in der Zukunft in der Lage sein werden, die Schulden zurückzuzahlen. Wir leben auf Pump, ohne zu wissen, ob wir das alles jemals zurückzahlen können. Auf diese Weise sind wir bei uns selbst, unserer Gesundheit und unserem Planeten zu Schuldnern geworden. Aber der Planet kann das nicht mehr tragen. Wir haben uns auch zu viel von unseren Kindern und Enkelkindern geliehen.

 

Der Planet und die zukünftigen Generationen sind auch wir; wir sind nicht voneinander getrennt. Der Planet sind wir, und die zukünftigen Generationen sind auch wir. Die Wahrheit ist aber, dass von uns selbst nicht mehr sehr viel übrig ist. Von daher ist es sehr wichtig, dass wir aufwachen und erkennen: Wir müssen uns nichts mehr ausleihen. Was uns im Hier und Jetzt zur Verfügung steht, reicht vollkommen aus, damit wir uns genährt und glücklich fühlen. Das Wunder von Achtsamkeit, Konzentration und Einsicht besteht in der Erkenntnis, dass wir glücklich mit den uns verfügbaren Bedingungen sein können, dass wir nicht danach streben müssen, immer mehr zu bekommen und dafür den Planeten auszubeuten. Wir müssen nicht mehr auf Pump leben. Nur mit dieser Art von Erwachen können wir die Zerstörung stoppen.

 

Das ist keine individuelle Angelegenheit. Wir müssen gemeinsam aufwachen. Und wenn wir gemeinsam erwachen, dann haben wir eine Chance. Unsere Lebensweise und Zukunftsplanung haben uns in diese Situation geführt. Und jetzt müssen wir genau hinschauen, um einen Ausweg zu finden, nicht nur individuell, sondern kollektiv, als Menschheit. Man kann nicht mehr auf die ältere Generation allein zählen. Ich habe oft gesagt, dass ein Buddha nicht ausreicht; wir brauchen ein kollektives Erwachen.

 

Wir alle müssen Buddhas werden, damit unser Planet eine Chance hat.

 

Textauszug aus „Zen und die Kunst, die Welt zu retten“ von Thich Nhat Hanh, mit freundlicher Genehmigung des Lotos Verlages.
Siehe auch bei „Wortwelten“.

Aus "Am Waldesrand"

Thich Nhat Hanh


Dezember 2021 - April 2022


Bakterien – unterschätzte Alleskönner

© cocoparisienne - Pixabay.com
© cocoparisienne - Pixabay.com

Autor: Peter Wohlleben

Diskussionen mit Kritikern machen Spaß, und aus diesem Grund luden mein Sohn Tobias (Geschäftsführer der Waldakademie) und ich einen meiner größten Kritiker zu uns nach Wershofen ein. Schnell entflammte eine hitzige Diskussion, die schließlich in der Frage der Artenvielfalt im Wald mündete. Der Hochschulprofessor und Forstwissenschaftler, der das Treffen ausdrücklich unter Ausschluss von Medienvertretern stattfinden lassen wollte, war ein glühender Verfechter der Forstwirtschaft. Auflichtungen durch Baumfällungen seien eine Wohltat für die Natur, befand der Professor. Die Holzernte und damit die Erwärmung der Bestände durch Sonneneinstrahlung würden die Artenvielfalt signifikant erhöhen, so seine pauschale Aussage. Bei derartigen Behauptungen muss ich immer schmunzeln, denn nicht nur ich halte sie für grundsätzlich unwissenschaftlich. Um eine Erhöhung der Artenvielfalt festzustellen, muss man sie vorher genau ermitteln, sprich, alle Spezies zählen. Nach Durchführung einer Baumfällaktion kann man diese Zählung erneut durchführen und dadurch ganz einfach mathematisch feststellen, ob es in Summe mehr oder weniger Arten sind als vorher. Das Dumme ist nur, dass man nicht ansatzweise weiß, wie viele verschiedene Wesen in der heimischen Natur unterwegs sind. 

Eine Ahnung davon, welche Vielfalt sich allein im Boden tummelt, vermittelte die Untersuchung eines Teams um Kelly Ramirez von der Colorado State University in Fort Collins. Die Forscher zogen rund 600 Bodenproben im New Yorker Central Park und analysierten anschließend das darin enthaltene genetische Material. Sie fanden darin Spuren von 167 169 verschiedenen Arten – alles Kleinstlebewesen vom Kaliber von Bakterien, davon bisher unbekannt: rund 150 000! Ich frage gerne bei Begegnungen mit Forscherinnen und Forschern, wie sie die Zahl der unbekannten Arten einschätzen, und das Ergebnis dieser persönlichen Umfrage liegt bei ungefähr 85 Prozent. Es sind also nur geschätzte 15 Prozent aller Arten in Deutschland bekannt; global dürfte das Ergebnis in einer ähnlichen Größenordnung liegen. 

 

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ÖkoSchamanismus

Autor: Wolf Ondruschka

 

Wege zur Heilung von Mensch und Erde

 

Der alte Mann muß das Auto wohl zwei dutzend Mal angehalten haben, um auszusteigen und mit seinen Händen die kleinen Kröten einzusammeln, die über die Straße hüpften. Regen fiel, und ich sagte immer wieder: “Du kannst sie nicht alle retten. Steig ein, wir haben noch viel vor.” Doch er, die Hände voll feuchten, braunen Lebens, lächelte nur und sagte: “Auch sie haben noch viel vor.” Joseph Bruchac, Abenaki

 

'Ökologischer Schamanismus' ist eigentlich eine Tautologie, ein hölzernes Holz, denn von Natur aus ist Schamanismus ökologisch. Sein Entstehen ist kaum vorstellbar ohne das Verständnis einer tiefen Verbundenheit des Menschen mit der Natur – denn alles ist mit allem verbunden, weil alles Seele  besitzt. Und dies ist kein Glaubenssatz: Menschen, die den schamanischen Weg gehen, machen diese Erfahrung, die sie keineswegs als “übernatürlich”, sondern als zutiefst natürlich erleben.

 

Der besondere Beitrag des Schamanismus zum großen Thema der ökologischen Heilung besteht darin, sein Wissen zur Verfügung zu stellen und Orientierung zu geben. Welchen Sinn hätte die Renaissance dieser uralten spirituellen Tradition, wenn sie nicht gebraucht würde? Die Menschheit findet bisher die scheinbar einzige Antwort auf die bedrohliche ökologische Situation in technisch-materieller Hinsicht. Immerhin, aber viele Menschen haben die berechtigte Befürchtung, dies sei zu kurz gedacht.

 

Ein Weg mit Herz

Wie kann es gelingen, die Sorge für unseren Planeten zur Herzensangelegenheit zu machen und sie vom Ballast menschenzentrierten Denkens zu befreien? Saint-Exupery sagt: “Wenn du Menschen dazu bringen willst, ein Boot zu bauen, dann wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem Meer.” Wie können wir also die Sehnsucht nach einer wirklich heilen Welt wecken, damit die Zerstörung aufhört?

 

Moderne Schamanen können sich dazu aufgerufen fühlen, das Bewußtsein für ein gleichberechtigtes Nebeneinander aller Lebensformen zu wecken: Unser Herz muß berührt sein, denn wir können kaum Gutes bewirken, wenn wir aus einem überwiegend intellektuellen Verständnis handeln, das bemüht ist, die Dinge nach den eigenen Vorstellungen zu richten. Der Intellekt erreicht nicht jene tiefseelischen Bereiche, in denen heilende Transformation stattfinden kann, während zeremonielle Praxis diesen Zugang auf oft verblüffend einfache Weise erlaubt. Im Artikel “Gesundheit für Mensch und Erde – der schamanische Weg” (Achtsames Leben, Aug – Dez 2020) berichtete ich über einige beeindruckende Beispiele heilend-zeremonieller Zusammenarbeit mit den Naturkräften.

 

Leben im Gleichgewicht

Die Stille des Lockdowns vergangenes Jahr brachte sehr viele Menschen gerade der wohlhabenderen Länder zu tieferen Einsichten und machte deutlich, wie kritisch unser täglicher Lebensstil für die Erde ist: Was wir der Erde nehmen, verlieren wir selbst auch, aber was wir ihr geben, erhalten wir persönlich und als Menschheit zurück – und dies ist, siehe oben, mehr als nur ein schöner spiritueller Kalenderspruch. Der Huichol-Schamane Matsuwa sagt: “Ich kann sehen, dass viele mit ihrem eigenen kleinen Leben so beschäftigt sind, dass sie nicht genügend Kraft haben, um ihre Liebe bis zur Sonne hoch, ins Meer hinaus oder in die Erde hinein reichen zu lassen … Sie vergessen die Naturelemente, vergessen die Quelle ihres eigenen Lebens … Diese Dinge sollte man üben … Eines Tages wird dir das Meer ein Herz geben. Das Feuer wir dir ein Herz geben. Die Sonne wird dir ein Herz geben.” Aus: “Herz des Nordens”, Ailo Gaup

 

Wenn wir der Erde zuhören, wird uns das verändern. Weil Menschen zu wenig Erdenergie aufnehmen, gibt es all das Unheil. Letztlich ist eine Entscheidung zu treffen: Es beginnt bei mir und bei dir, oder es beginnt überhaupt nicht.

Siehe auch www.medizinradgeber.de und “Geh den Weg des Schamanen” von Wolf Ondruschka bei 'Neue Erde',

erhältlich bei www.buchhandlung-plaggenborg.de .