Bewusstes Leben Sommer 2018


Hochsensibilität – ihre verschiedenen Gesichter

Von Bettina Keller

 

Gerade steht sie mir etwas im Wege, meine eigene Hochsensibilität (HS) – beim Schreiben dieses Artikels. Ich möchte alle Aspekte berücksichtigen, allen Facetten gerecht werden, gewissenhaft alles richtig machen. Ich merke, wie mir der innere Perfektionist im Nacken sitzt. Durch das vernetzte Denken – typisch für hochsensible Personen (HSP) – fällt es mir nicht leicht, zu entscheiden, worauf sich mein Artikel fokussieren soll. 

Glücklicherweise bin ich weder hungrig noch leide ich unter Schlafmangel, was meine Konzentration beeinträchtigen würde, und ich schreibe in einer reizarmen Umgebung. 

Gestern habe ich noch vergeblich versucht, im Zug zu arbeiten. Eine Zugfahrt kann ja ein regelrechter Ansturm auf die Sinne sein. Stimmen aus dem Lautsprecher und von Mitreisenden … jemand verzehrt etwas, das einen intensiven Geruch verströmt … am Tag die vorbeiziehende Landschaft, abends die Lichtreflexe im Zug … viele Menschen um einen herum, alle unterschiedlich gestimmt … insgesamt unzählige Informationen, die da aufgenommen und verarbeitet werden müssen.

Hochsensibilität ist komplex und lässt sich nicht in eingängige Schemata pressen, genauso wie dies auch mit hochsensiblen Menschen nicht machbar ist. Aber einige mögliche Eigenschaften dieses beständigen Persönlichkeitsmerkmales der HS habe ich oben bereits eingeflochten.

 

Etwa ein Sechstel aller Menschen gilt als nicht nur „etwas sensibler“ als andere, sondern als hoch-sensibel (gleichermaßen Männer wie Frauen). Hat man sich bisher noch nicht damit beschäftigt, denkt man vielleicht an Leute, die schnell beleidigt sind, eben über-empfindlich, vielleicht auch psychisch labil. Aber das Phänomen ist viel umfassender. 

Ein anschauliches Bild für HS ist beispielsweise ein Haus mit permanent geöffneten Fenstern. Fenster schützen uns vor Geräuschen und Gerüchen und vor Wind, halten die Außenwelt draußen. Wenn sie offen stehen, dringen Einflüsse von draußen ungehindert hinein. Man könnte die offenen Fenster mit dem besonders gearteten Reizfiltersystem von HSP vergleichen.

Oder ein Computer: je größer die zu verarbeitende Datenmenge ist, desto mehr Leistung muss erbracht werden. Deshalb fühlen sich HSP mit ihrer speziellen Form der Informationsverarbeitung schneller überlastet als andere Menschen. Dabei geht es auch um Informationen aus dem eigenen Körper, der eigenen Seele.

HSP nehmen also in derselben Situation viel mehr wahr, bemerken für die Mehrheit der Menschen kaum nachvollziehbare Mengen an Feinheiten und Details. Das Gehirn ist häufig nicht in der Lage, den erlebten Ansturm der Reize adäquat zu verarbeiten. Zusätzlich verarbeiten sie ihre Wahrnehmungen sehr gründlich. So geraten HSP schneller in einen Überlastungsmodus, einen unangenehmen Erregungszustand mit Muskelanspannung und erhöhtem Puls. Feinmotorik und allgemeine Körperkoordination können beeinträchtigt sein. 

 

Elaine Aron, die Pionierin der HS-Forschung, empfiehlt vier Indikatoren, um HS zu verstehen: 

Depth of Processing = Verarbeitungstiefe von Informationen 

Wer in größeren Zusammenhängen denkt und fühlt, bleibt nicht unberührt gegenüber Missständen in der Umwelt und in sozialen Bereichen und fühlt sich zudem oft zu Spiritualität hingezogen. Die gründliche und differenzierte gedankliche Verarbeitung von Informationen führt dazu, sich viele Gedanken zu machen. (Wer aber alle Optionen einbeziehen will und das vielleicht sogar im Multitasking, tut sich andererseits mit der Entscheidungsfindung schwerer.) 

Overstimulation = Überstimulierung 

Die persönliche Reizschwelle ist schnell erreicht. Dies wird verstärkt durch eine wuselige Umgebung, die Nähe anderer/fremder Menschen, durch herausfordernde Situationen – man fühlt sich angestrengt und überfordert, ist chronisch gestresst.

Emotional Intensity = Emotionale Intensität

Es gibt eine starke emotionale Berührbarkeit hinsichtlich negativer und positiver Ereignisse sowie starke emotionale Reaktionen, auch auf die Emotionen anderer Menschen – die von Nicht-HSP möglicherweise als unverhältnismäßig erlebt werden. 

Sensory Sensitivity = Sinnessensibilität

Es gibt eine nuancenreiche Wahrnehmung auch für subtile Reize, für Feinheiten in puncto Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen (sowohl beim Tasten als auch bei Berührungen, Temperatur u. ä.), auch für Schmerzen.

 

Was genau HSP intensiver wahrnehmen, ist selbstverständlich unterschiedlich. Die einen sind für Gerüche, optische und akustische Eindrücke sensibilisiert, andere mögen feine Nuancen in zwischenmenschlichen Beziehungen bemerken usw. Die HS ist nur der kleinste gemeinsame Nenner aller HSP, aber sie sind natürlich verschiedenartige Individuen. Keineswegs sind alle introvertiert (eher still, mit dem Bedürfnis nach viel Alleinzeit), etwa 30% sind extrovertiert.

Nicht alle versuchen aufregende und Abenteuer versprechende Situationen zu vermeiden, es gibt auch sogenannte „Sensation Seeker“ unter ihnen, usw.

HSP haben meistens ihre HS von Eltern oder Großeltern geerbt (ein kleiner Teil hat die HS wohl erworben, z. B. durch ein Trauma). So zeigen schon Säuglinge Anzeichen für HS, sie reagieren mit Wegdrehen des Kopfes von der Reizquelle, bei anhaltender Überanstrengung mit Weinen. War ihre Kindheit „ausreichend glücklich“ und wurden sie (auch oder gerade mit ihrer HS) von Eltern und Lehrern unterstützt – all dies spielt dabei eine Rolle, wie HSP mit dem Leben zurechtkommen. „Jetzt reiß dich mal zusammen“, ist ein Satz, den viele HSP oft hören.

 

Wie vielen anderen HSP war mir meine eigene HS nicht wirklich bewusst. Hätte ich meine erhöhte Reizempfänglichkeit als Persönlichkeitsmerkmal verstanden, wäre ich sicherlich in meiner Jugend zum Teil anders mit mir selber umgegangen, wäre anders für mich eingetreten, hätte mich manchmal selber mehr beschützt und manchmal mehr angestupst, je nachdem. Das eigene Leben so zu gestalten, dass man mit möglichst wenig aufregenden und potentiell überfordernden Situationen konfrontiert wird, kann manchmal genau passend sein und manchmal eben nicht. Hätte ich mich beispielsweise von einer bereits im Vorfeld angenommenen Überforderung beeinträchtigen lassen, hätte ich in meinem Leben keine Reise angetreten.

 

Ich mag für HS den Ausdruck "Wahrnehmungsbegabung", weil er die starke Seite dieses Wesenszuges hervorhebt. Die vielen inzwischen auf dem Büchermarkt erschienen Ratgeber tragen eher Titel wie: Zart besaitet oder Wenn die Haut zu dünn ist und scheinen damit tendenziell einen Mangel anzusprechen. Ein Buchtitel wie Mit viel Feingefühl ist neutraler, es schwingt die Idee mit, hochsensibel zu sein könnte auch positive Seiten haben.

Deshalb finde ich auch den Ausdruck „hyper-sensibel“ unpassend – in „über-sensibel“ liegt bereits eine Wertung.

 

Das Buch „Zart besaitet. Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen" von Georg Parlow war einer der ersten deutschsprachigen Ratgeber. Ich empfand es als einen empfehlenswerten Einstieg, verfasst in einer angenehmen Sprache. Ich mochte die Idee vom „Kleinkindkörper“: sich den eigenen hochsensiblen Anteil wie ein 3jähriges Kleinkind vorstellen … es ist schnell überfordert, von scheinbaren Kleinigkeiten irritiert, es ist immer dabei … kann sich nur bedingt artikulieren … es braucht Aufmerksamkeit und Fürsorge, um seiner Überstimulation rechtzeitig vorzubeugen (diese Idee stammt aber ursprünglich auch von Elaine Aron).

Selbstverantwortlichkeit und Selbstfürsorge bleiben für HSP immer wichtig. Jedenfalls sind es zentrale Themen in meinen Coachingstunden mit hochsensiblen KlientInnen.

 

Missverständnis: Hochsensibilität ist eine psychische Störung/eine Krankheit

 

Ein Leben mit der Reizoffenheit bei HS ist ein Leben mit einem hocherregbaren autonomen Nervensystem, das in seinem Grundzustand stets „beschäftigt“ ist, noch bevor die übliche Alltagsbelastung es in Anspruch nimmt. Aber HS ist keine Störung oder Krankheit, sie ist nicht behandlungsbedürftig in einem klassisch-medizinischen Sinn. Deshalb ist es unglücklich, wenn im Zusammenhang mit HS von „Diagnose“, „Symptomen“ etc. gesprochen wird. HSP können andererseits anfälliger sein für stressbedingte Erkrankungen, und so lassen sich bei HSP höhere Basiswerte der „Stresshormone“ Noradrenalin und Cortisol nachweisen als bei durchschnittlich sensiblen Menschen.

 

Missverständnis: Hochsensibilität ist unwissenschaftlich

 

Elaine Aron hat 1991 angefangen, gemeinsam mit ihrem Mann über HS zu forschen. Dabei kristallisierte sich immer wieder ein Anteil von 15 bis 20 Prozent der Menschen heraus, die eine deutlich höhere Sensibilität aufwiesen. Sie prägte für diese den Begriff der „highly sensitive persons“ und führte das mit einem Artikel in der renommierten Fachzeitschrift „Journal of Personality and Social Psychology“ in die Fachliteratur ein. Sie stellte insgesamt sieben Untersuchungen zum Thema HS vor. Es ist ihr Verdienst, HS als beständiges Persönlichkeitsmerkmal zu etablieren (z. B. auch deutlich zu machen, dass HS nicht das Gleiche ist wie Introversion und dass HSP nicht gleichzusetzen sind mit Neurotikern). Der wissenschaftliche Begriff für HS ist heute „High-Sensory-Processing-Sensitivity“ = Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse. Inzwischen gibt es etliche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und es wird an mehreren Dutzend Universitäten geforscht. Populärwissenschaftlich war ihr über eine Million Mal verkauftes Buch: The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You (1996; deutsch erst 2005: Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen), das heute als Standardwerk gilt und in 17 Sprachen übersetzt wurde.

 

Missverständnis: Hochsensibilität ist eine hippe Modeerscheinung

 

Der neu entstandene Hype um HS der letzten Jahre mit der Berichterstattung in den Printmedien führt zu einer Herabwürdigung als Trend – verbunden mit der Idee, HSP wollten sich als etwas Besonderes und Besseres fühlen, oder Menschen wollten sich nach der Selbst-Etikettierung als HSP einfach nicht weiter mit sich selber beschäftigen. Wenn man bedenkt, wie wichtig es für HSP sein kann, eine Einordnung der Andersartigkeit zu erleben, wie sehr schon diese Erkenntnis vieles erleichtert, ist dieser Verdacht unbegründet. Endlich zu wissen, kein Alien zu sein, sondern zu einem Sechstel der Menschen zu gehören, ist regelrecht erlösend. Ist dies geschehen, wird es möglich, mit der Flut an Reizen besser umzugehen, sowie daran zu arbeiten, sich abgrenzen zu können. – Und Menschen, die beruflich auf HSP treffen, sollten diese auch zu identifizieren wissen. Psychologen stellen sonst evtl. eine falsche Diagnose. Ärzte dosieren Medikamente falsch, wenn sie nicht darüber informiert sind, dass HSP stärker auf Arzneigaben reagieren und auch mehr zu Nebenwirkungen neigen. 

HSP fühlen sich immer wieder als unverstandene Außenseiter. Es geht darum, die besonderen Wesenszüge von HS ernst zu nehmen, anzunehmen und bei der Lebensgestaltung zu integrieren. Dazu können einfache Dinge gehören, wie mit Koffein und Alkohol zurückhaltender zu sein (weil auch diese bei HSP stärker wirken), sich immer wieder Ruhe zu gönnen und Zeit alleine zu verbringen, um den inneren Akku wieder aufzuladen.

Sich kurzfristige Bewältigungsstrategien aneignen, um Stress-Situationen zu begegnen: 

Wasser … trinken … über die Hände fließen lassen; die Körperhaltung verändern...einen Körperort genau spüren; die Aufmerksamkeit auf angenehme Sinneseindrücke des jeweiligen Augenblickes lenken; einfache Handhaltungen verwenden aus dem Japanischen Heilströmen …

Aktuelle Untersuchungen legen nahe, dass unter höher entwickelten Tieren ca. 15% hochsensibel sind. Hat die Natur einen Grund für diese Verteilung? Sichern diese Tiere mit ihren besonderen Fähigkeiten das Überleben der Population – indem sie z. B. Gefahren eher wittern, vorsichtiger und risikoscheuer sind?

Welche Rolle mögen hochsensible Menschen mit ihren feinen Wahrnehmungen und ihrer Neigung zur gründlichen Reflexion in früheren Kulturen gespielt haben? Manche stellen sie sich vor als Schamanen, Priester, Heiler und Lehrer, als Künstler und Querdenker. 

Herausforderungen und Möglichkeiten spiegeln sich im Titel des erwähnten Buches von Elaine Aron, der in freier Übersetzung heißen könnte: „Wie gedeihen/blühen/sich entwickeln, wenn das Ganze dich überwältigt“. Oder wie Marianne Skarics es in ihrem Buch „Sensibel kompetent“ ausdrückt: „Die Welt kann für hochsensible Menschen unglaublich farbenprächtig, facettenreich, sinnerfüllt und in ihrer Gesamtheit ein Kunstwerk sein.“

 

Bettina Keller, https://www.yoga-in-oldenburg.de/coaching-hsp/, Tel. 0441-9989 333, E-Mail: bettina@yoga-in-oldenburg.de

 


Phänomen alleingeborener Zwilling

Foto/ Grafik: Birgit Annette Schulz
Foto/ Grafik: Birgit Annette Schulz

Autorinnen: Britta Steinbach und Petra Becker, twin-light.de 

 

Verwirrende Gefühle

 

Kennen Sie vielleicht das Gefühl von unerklärlicher Traurigkeit, die ganz tief verwurzelt zu sein scheint? Oder führen Sie eine Partnerschaft, die zwar unerfüllt ist, aber aus der Sie sich nicht zu lösen vermögen? Oder leiden Sie an unerklärbaren Ängsten, die sich allein durch den Verstand nicht beseitigen lassen? 

Möglicherweise ist die Ursache ein im Mutterleib verlorener Zwilling. Dieses Urtrauma ist vom Bewusstsein nicht erinnerbar und somit gibt es für die psychischen und/oder körperlichen Symptome keinen nachvollziehbaren Anker. Der auf Zellebene angelegte Informationsspeicher führt dazu, dass immer wieder Erinnerungen an der Körperebene auftauchen, die bewusst nicht kontrollierbar sind. 

Beginnen wir mit der Frage: Was heißt das denn „Im Mutterleib verlorener Zwilling“? - Jede Lebensform, die sich über Jahrmillionen auf der Erde durchgesetzt und überlebt hat, benötigte dazu eine enorme Fähigkeit, sich immer wieder an den äußeren Gegebenheiten zu orientieren und anzupassen. Der Mensch selbst ist eine der überlebensstärksten Arten auf der Erde. Um dies zu leisten, ist das Fortbestehen der Art hinsichtlich der Fortpflanzung grundlegend wichtig. Gerade weil eine Schwangerschaft beim Menschen verhältnismäßig lang dauert, ist es wichtig, dass diese mit der erfolgreichen Geburt eines gesunden Neugeborenen endet.

 

Mehrfachbefruchtungen zur Arterhaltung

Wie erreicht die Natur dieses Ergebnis? Dazu müssen wir einen kurzen Exkurs in die weibliche Anatomie und Physiologie machen. Die Frau besitzt 2 Eierstöcke, in denen etwa 400.000 Eizellen warten, um als Follikel beim sogenannten Eisprung während eines Monatszyklusses zu „springen“. Relativ häufig springt dabei nicht nur ein Ei, sondern gleich mehrere. Ob und wie viele ist von Faktoren wie Alter der Frau, genetische Häufigkeit innerhalb der eigenen Familie, Region, Umweltbedingungen und vielen weiteren abhängig. So kommt es sehr häufig zu einer Befruchtung von mehr als nur einer Eizelle. 

Mittlerweile ist nachgewiesen, dass 1 von 10 Schwangerschaften mindestens als Zwillingsanlage beginnt. Wenn es nun zu einer Befruchtung einer oder mehrerer Eizellen kommt, versucht jede dieser Zellen sich in der Gebärmutterschleimhaut einzunisten. Für den gefahrlosen Fortbestand der beginnenden Schwangerschaft ist es langfristig nun wichtig, dass sich nur der Embryo weiterentwickelt, der die besten Anlagen und sich am besten eingenistet hat. Jeder Gynäkologe kann bestätigen, dass Mehrlingsschwangerschaften sehr risikoreich sind. Es ist das Ergebnis der heutigen Pränatalmedizin, dass es zu Mehrlings-Geburten von bis zu Fünf- oder Sechslingen kommen kann. Ohne medizinisches Eingreifen bleibt eine Mehrlingsschwangerschaft hinsichtlich des Überlebens aller Embryonen bis zur Überlebensreife fraglich. Deshalb ist es ganz im Sinne der Natur, dass sich möglichst nur einer, im Höchstfall zwei Embryonen weiterentwickeln. Embryonen, die sich nicht gesund entwickeln, sterben im Laufe des ersten Drittels der Schwangerschaft ab. Dieses Phänomen ist Hebammen und Geburtshelfern schon seit Beginn der Geburtshilfe durchaus bekannt und kann durch sogenannte Mondknoten in der Plazenta sichtbar werden. Dabei handelt es sich um in den Mutterkuchen eingewachsene, nicht lebensfähige Embryonen. Den Müttern wurde früher darüber nichts gesagt, um sie nicht zu beunruhigen. Man war auch der Meinung, dass es für niemanden wichtig ist, dass dort ein Embryo den Beginn seiner Reise ins Leben frühzeitig beendet hatte. Für die werdende Mutter bleibt dieses Ereignis, dass sie eins der Embryonen nicht lebend am Ende der Schwangerschaft in die Arme schließen kann, oft gänzlich unbemerkt.

 

Das lebensbestimmende Verlusttrauma

Doch für einen, nämlich für das kleine Wesen, das dieses Drama im Mutterleib miterleben muss, ist dieser Verlust ein Schock dramatischen Ausmaßes, dessen Folgen sein Leben fortan bestimmen wird.

Dank der Forschung und der heutigen hochentwickelten Ultraschallgeräte wissen wir sehr viel über die Entwicklung des Menschen. Noch bevor das Herz 4 Wochen nach der Befruchtung anfängt zu schlagen, ist das Gehör schon angelegt. Auch der Tastsinn der Haut ist schon fähig, Reize aus der Umgebung aufzunehmen. Diese Reize können von dem noch nicht voll entwickelten Gehirn nicht gespeichert oder ausgewertet werden. Diese Aufgabe übernimmt zu diesem Zeitpunkt das Zellgedächtnis.

 

Flashbacks durch Zellerinnerungen

Menschen, die unter einem posttraumatischen Belastungssyndrom leiden, können allein durch Gerüche, Geräusche, Bilder u.v.m. direkt in einen Flashback ihres vor langer Zeit erlebten Traumas zurückgeworfen werden. Es zeigen sich durch diese äußeren Reize dieselben ausgeprägten Symptome wie sie beim direkten Ereignis erlebt wurden. Die Erinnerungen sind im Zellgedächtnis gespeichert. Für das plötzliche Erscheinen der Symptome ist es ganz unerheblich, ob das Ereignis erinnerbar ist oder nicht. 

Die Schwierigkeit der Therapiesuche gestaltet sich aber gerade in dieser Nichterinnerbarkeit des Traumas. Nicht ahnend, dass es dieses Trauma gibt, stoßen die Betroffenen mit ihren Symptomen auf Unverständnis und Ungeduld. So bleibt er auf der Suche nach Erfüllung einer tiefen Sehnsucht, die bisher durch nichts zu stillen war. Weder der Partner, noch der Beruf oder das Hobby führen zu dauerhaftem inneren Frieden und dem Gefühl, mit und in sich ganz und eins zu sein. Diese innere Heimatlosigkeit lässt ein resigniertes Gefühl von Einsamkeit, sich selbst nicht verstehen, Nichtrichtigsein, Austherapiertsein zurück. Leider kommt es bei Betroffenen im weiteren Leben auch häufig zu Missbraucherfahrungen, da der starke Wunsch nach Symbiose und die geringe Fähigkeit sich zur Wehr zu setzen dieses begünstigt.

 

Die Auswirkungen

Auch bei der Ursachenforschung anderer Symptome wie Panikattacken, Süchten und vieler schwerwiegender Krankheiten findet sich häufig ein verlorener Zwilling.

Viele alleingeborenen Zwillinge sind nach diesem Schockerlebnis auch im Erwachsenenalter kaum fähig, in Notsituationen um Hilfe zu bitten, sondern geraten in Panik oder entziehen sich bedrohlichen Situationen, anstatt nach neuen Herangehensweisen zu suchen. Andere schaffen es nicht, Nähe zuzulassen, der sogenannte Distanz-Zwilling. Dem Kuschelzwilling hingegen kann es nicht nah genug sein. Durch seinen Wunsch nach Nähe bis hin zum Klammern bringt er sein Umfeld eher zur gegenteiligen Reaktion.

All diese scheinbar unüberwindbaren Charaktereigenschaften sind plötzlich erklärbar und geben den Impuls, das Verhalten komplett neu zu reflektieren und zu ändern.

 

Die Lösung

Um die Symptome dauerhaft auszuheilen, ist es wichtig, über die das damalige Trauma begleitenden Emotionen eine Auflösung der gespeicherten Zellinformation zu erreichen. Betroffene finden meist Linderung oder auch vollkommene Ausheilung durch Therapieformen wie u.a. Hypnose, Innere Reisen oder systemisches Familienstellen, die über das Unterbewusstsein zu den Ursachen vordringen. Dann nimmt auch der Körper diese Hilfe dankbar an, die damals gespeicherten Zellinformationen an das Bewusstsein weiterzuleiten. 

Blockaden und Erschöpfungszustände durch Überlastungen können sich auflösen, um Raum zu schaffen für frische Lebensenergie.

 

Die 4 Phasen der Heilung

 

1. Erkenntnis

Wenn die Ursache der eigenen Empfindungen ein verlorener Zwilling ist, dann ist dies für die Betroffenen auf physischer und psychischer Ebene mit einer tiefen Klarheit deutlich spürbar. Die Informationen von Körperbewusstsein und Verstand synchronisieren sich und im Anschluss breitet sich ein tief empfundenes Gefühl von „bei sich selbst angekommen zu sein“ und eine neue Ganzheit aus. Eine Befreiung bis hin zu überschäumender Freude sucht sich Raum.

 

2. Klarheit

Nach dieser ersten Euphorie kommt es nach ein paar Wochen aber meist zu einem scheinbaren Rückfall in die alten Symptome von Traurigkeit bis hin zu depressiven Verstimmungen. Dies ist wie gesagt nur ein scheinbarer Rückfall. Vielmehr handelt es sich hier um die sogenannte 2. Phase der Verarbeitung. In dieser Phase kommen wir zu der Erkenntnis, dass wir dieses Drama im Mutterleib ohne den Zwilling überlebt haben. Die damit verbundenen Gefühle von Panik, Schuldgefühlen, Wut, Einsamkeit, Trauer und Existenzangst haben sich schon vor der Bewusstwerdung des Verlustes in unserem Leben immer wieder im Spiegel unseres Umfeldes gezeigt. 

Wir nutzen unser Gegenüber, um an diese tief vergrabene Verletzung zu gelangen. Meist geraten wir nach der 1. Phase der Entdeckung des Zwillings in Situationen, die uns den Verlust von einer weiteren Seite spiegeln. Die von uns schon im Mutterleib gegründeten Glaubenssätze werden jetzt plötzlich immer mehr sichtbar. Das können so Sätze sein wie: „Ich muss immer kämpfen. Ich bin immer allein. Ich muss alles allein schaffen. Nie ist jemand da, wenn ich Hilfe brauche.“ Aber gerade diese Glaubenssätze führen jetzt zu vielen Erkenntnissen durch die Verankerung in dem vorgeburtlichen Trauma. Jetzt sind sie zum ersten Mal verständlich und können durch gezielte Erkenntnisarbeit aufgelöst werden.

 

3. Urvertrauen

Auch die Beziehung zur eigenen Mutter erhält durch das Finden des Zwillings und der damit verbundenen Glaubenssätze eine neue Chance. Innerhalb des Mutterleibs fühlt sich der verlassene Embryo in seiner dramatischen Situation vollkommen ungesehen, hilflos und verzweifelt. Er hat keine Möglichkeit zu schreien oder wegzulaufen. Er ist der Situation komplett ausgeliefert. Zurück bleibt dann ein insgeheimer Vorwurf, von der Mutter im Stich gelassen worden zu sein. Auch dieser ist natürlich nicht über den Verstand erklärbar. Nach der Findung des Zwillings ist er aber in all seiner Deutlichkeit spürbar. Jetzt erst findet auch dieser Vorwurf einen Anker und kann ausgesöhnt werden.

 

4. Lebensfreude

Was ist nun, wenn man all diese Verletzungen und mit ihnen ihre begrenzenden Glaubenssätze geheilt hat? 

Dann geht es in die letzte Phase. Viele Jahre hatten wir uns in unserer begrenzten Welt eingerichtet. So sehr, dass wir uns mit der plötzlich neugewonnenen Freiheit erst anfreunden müssen. Es kann sogar erst einmal eine Form von Orientierungslosigkeit entstehen. „Was oder wer bin ich ohne meine Begrenzungen?“ Die Frage nach der eigenen Lebensaufgabe stellt sich plötzlich noch mal neu. Der für vieles in unserem Leben initiierende Impulsgeber fehlt plötzlich. Jetzt ist es wichtig, sich selbst neu zu finden.

 

Der Erfolg der Heilungsreise

Der Erfolg der Heilungsreise wird in allen Lebensbereichen sichtbar werden. Für bisherige sogenannte Kopfmenschen ist die Entdeckung der Gefühlswelt mit all ihren Facetten sicher das größte Geschenk. Partner werden zu Partnern auf Augenhöhe, weil eine Verwechslung mit dem verlorenen Zwilling und eigentlich an diesen gerichtete Anforderungen ausgeschlossen sind. Eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit Ausleben einer erfüllten Sexualität ersetzt die bisherigen Beziehungserfahrungen. 

Durch die tief empfundene Liebe zum Zwilling entsteht eine Kraft, die in die Gestaltung des beruflichen Erfolges fließt. Das Ergebnis ist eine innere Befriedigung und Leichtigkeit, sowie das Finden von Erfüllung.

Die bedingungslose Liebe macht die Sehnsucht nach Tod oder nach Vergessen durch Drogen überflüssig. Die Synchronisierung von Körper, Emotionen und Verstand öffnen den Weg zu einem respektvollen Umgang mit der eigenen Person.

Energieblockaden werden abgebaut und die Weitergabe neuer Zellinformationen lassen das eigentliche gesunde Zellpotential aus dem Dornröschenschlaf erwachen. Auch Sinne, wie z. B. Geschmacks- und Geruchssinn, entfalten sich neu.

Die Überwindung räumlicher Grenzen (Wohnung, Stadtgrenze) geschieht plötzlich wie selbstverständlich und eine neugewonnene Freiheit und mobile Selbständigkeit stellen sich ein. Neue Lösungsmöglichkeiten für bisher als ausweglos empfundene Situationen werden zugelassen und führen zu neuem Selbstvertrauen. Die an sich selbst gestellte Loyalitätsforderung löst sich auf und erlaubt jetzt erst ein glückliches Leben in allen Bereichen.

Und zum Schluss entsteht ein inneres Bild wie ein Phönix aus der Asche aufgestiegen zu sein und im Meer der Möglichkeiten voller Lebensfreude nach den Sternen zu greifen.

 

Kongress zum Thema: www.isppm.de/kongress-alleingeborene-zwillinge

 


Der verwundete Heiler

Von Andreas Nager

 

Ein fundiertes Fachwissen und technische Kompetenz sind wichtige Voraussetzungen für das erfolgreiche Ausüben eines therapeutischen Berufes. Doch die einseitige Ausrichtung unseres heutigen Gesundheitssystems auf Technik und Fachwissen geht immer mehr auf Kosten der menschlichen Qualitäten. Die essentielle Grundlage jedes wirksamen therapeutischen Arbeitens ist der heiltätige Mensch selber. Jeder therapeutisch tätige Mensch „hat nicht nur eine Methode: er selber ist sie.“ (i) Der Inhalt seiner persönlichen Lebensgeschichte hat einen wesentlichen Einfluss auf den Heilerfolg. 

„Nur wo der Arzt selber betroffen ist, wirkt er.“, schreibt C.G. Jung in seiner Autobiographie. „Nur der Verwundete heilt.“ (ii) Das Motiv vom „verwundeten Heiler“ dreht sich um den schöpferischen Umgang des Therapeuten mit seiner eigenen Verwundung, seinem persönlich erlebten Schmerz und Leid. Seine an Leib und Seele durchlittene Auseinandersetzung mit eigenen Verletzungen und Nöten ist das Kapital, welches er - neben seinem Fachwissen - mitbringt, um andere Menschen von ihrer Wunde zu heilen. Nur wer den dreistufigen Prozess von Leiden, „Zu-Grunde-Gehen“ und wieder Auferstehen selbst durchlebt hat, ist qualifiziert, mit seinen Patienten in eine Beziehung zu treten, die Heilung ermöglicht. Nur derjenige Therapeut, der einen offenen und bewussten Umgang mit seiner eigenen Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit pflegt, ist imstande, seinem verwundeten Gegenüber in echter Resonanz zu begegnen - mit Einfühlungsvermögen und aufrichtigem Mitgefühl. 

 

Der Archetyp des verwundeten Heilers begegnet uns in der Mythologie, im Schamanentum und besonders eindrücklich in der Person von Jesus. Die großen Heilkundigen der griechischen Mythologie, wie Chiron oder Asklepios (Äskulap), wurden erst durch die bewusste Auseinandersetzung und Überwindung ihrer persönlichen Verwundungen zum Heilen befähigt. Sie alle mussten aufgrund ihres Leidens den Abstieg in die „Finsternis der Unterwelt“ begehen. Durch die Konfrontation mit ihrem Unbewussten, durch die Aussöhnung mit ihren „inneren Dämonen“ konnten sie ihr Bewusstsein erweitern.

Im Altertum herrschte die Vorstellung, in jeder Krankheit sei Göttliches wirksam. Folglich konnte eine Krankheit nur durch das Göttliche geheilt werden. Nur dem, der den Abstieg ins Dunkel der Unterwelt gewagt hatte, stand der Aufstieg zu den Göttern und die daraus resultierende Heilung offen. Heilung geht immer mit einer Bewusstseinserweiterung einher. 

Symbol des Arztberufs ist der „Äskulapstab“, ein Stab, um den sich eine Schlange windet. Das nach oben Kriechen des erdverbundenen Tieres symbolisiert den zur Heilung erforderlichen Bewusstwerdungsprozess. Eigentliche Aufgabe eines Arztes ist es also, seinen Patienten auf seinem Weg zu einem höheren Bewusstsein zu begleiten. Ob dies mit dem – heutzutage gängigen – bloßen Verabreichen eines Medikaments erreicht wird, ist zu bezweifeln. Die für jeden Heiler notwendige Fähigkeit, eine Verbindung zwischen Irrationalem und Bewusstem zu schaffen, veranschaulicht auch Chiron, der Lehrer von Äskulap und wohl bekannteste verwundete Heiler der Antike. Er war ein Kentaur: halb Mensch, halb Tier. 

 

Auch im Schamanentum unterschiedlicher Stammeskulturen begegnet uns das Motiv vom verwundeten Heiler. Im Verlaufe seiner Initiationskrise muss der designierte Schamane die drei Stadien von Leiden, Tod und Auferstehung durchlebt haben, bevor er in den Kreis der „Erwählten“ aufgenommen wird. Nur über das eigene schmerzhafte Erleiden von oft  dramatischen physischen und psychischen Symptomen erfährt er eine innere Wandlung, die ihn schließlich befähigt, die heilige Rolle eines Medizinmanns und Heilers zu übernehmen.

In der Einsamkeit der Wildnis, ganz auf sich selbst gestellt, begeht er den Abstieg in die Unterwelt. In der Konfrontation mit übernatürlichen Kräften und Geistern lernt er, schöpferische Wege zu finden, die ihn von seiner Verwundung oder Krankheit heil werden lassen. Dieser intensive Prozess öffnet ihm die Tore zu verschiedenen Bewusstseinszuständen. Er wird zum Vermittler zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt.

 

Der bedeutendste Brückenbauer zwischen den zwei Welten war ohne Zweifel Jesus. Sein Dasein im Spannungsfeld von Mensch-Sein und Gott-Sein erforderte viel Kraft. Es war von hoher Intensität, voller Herausforderungen. Nicht erst seine Kreuzigung, sondern viele vorherige Stationen seines bewegten Lebenslaufs zeugen von einer tiefgehenden Begegnung mit Leid und Schmerz: die vierzig Tage in der Wüste, seine Begegnung mit dem Teufel, die Anfeindungen durch das eigene Volk, die Todesängste am Vortag seiner Hinrichtung. So paradox es klingt: Diese Verwundungen erst machten ihn heil, machten sein Wesen vollkommen. Sie weckten seine Barmherzigkeit, verliehen ihm sein unbegrenztes Mitgefühl, formten ihn zum „Heiland“, zum Heiler und Erlöser der Welt.

 

Wie wir am Vorbild der antiken Heiler, der Schamanen und von Jesus erkennen können, erfordert wahre Heilkunst mehr als fachliche Kompetenz. Sie erfordert den ganzen Menschen. Vor allem bedarf sie der Fähigkeit des Heilers, Verbindung zu schaffen und mit leidenden Mitmenschen in mitfühlende Resonanz zu gehen. Dies kann nur derjenige, der an eigenem Leib und eigener Seele Leid und schmerzliche Verwundungen durchstanden und ihren entwicklungsfördernden Sinn erfahren hat. Nur der verwundete Heiler, der durch bewusstes Ringen mit dem Dunkel seiner Unterwelt den Kontakt zum Licht eines übergeordneten Sinns gefunden hat, wird zum erfolgreichen Mittler und Medium zwischen Diesseits und Jenseits. Durch ihn können Erde und Himmel einander berühren. Diese Verbindung ist die Wurzel wahrer Heilung.

 

i C.G. Jung, Praxis der Psychotherapie, GW Band 16

ii C.G. Jung, Erinnerungen, Träume und Gedanken, Walter Verlag, 3. Aufl. der Sonderausgabe 1985, S. 139   

 

Auszug aus: „Bedingungslose Annahme – Die Transformationskraft der Lebensbejahung“, Andreas Nager, Einklang Verlag 2017

Inhalt: Wenn uns das Leben aus der Komfortzone reißt, brechen existentielle Fragen in uns auf. Dann ist es Zeit, dem Geheimnis des Lebens auf den Grund zu gehen. Der integrale Therapeut  und Psychologe Andreas Nager nimmt uns mit auf eine Reise durch vier Bereiche der bedingungslosen Annahme.


Irren ist nützlich

Von Henning Beck

Aus der Einleitung des gleichnamigen Buches

 

Dies ist kein Buch, das Ihnen zeigt, wie toll das Gehirn funktioniert. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Dies ist auch kein Buch, in dem Sie lesen können, wie perfekt das Gehirn arbeitet. Das tut es nämlich nicht. Und wenn Sie nach dieser Lektüre mit Ihrem Gehirn noch schneller und konzentrierter denken wollen, muss ich dem gleich zu Beginn eine Absage erteilen: Auch das wird nicht passieren, denn das Gehirn ist alles andere als präzise oder flott im Rechnen. Es ist ein verträumter Schussel, oft abgelenkt und unkonzentriert, nie zu hundert Prozent verlässlich, es verrechnet sich, irrt ständig und vergisst mehr, als es behält. Kurzum: Es ist ein etwa 1,5 Kilo schwerer Fehler. Sie alle tragen diesen schlampigen Zeitgenossen ständig im Kopf mit sich herum – und ich gratuliere herzlich dazu.

 

Nachdem ich nun einen Großteil der Leserschaft verschreckt haben dürfte, gibt es eigentlich nur noch einen Grund, dieses Buch weiterzulesen: weil es Ihnen zeigt, dass es gerade das Nichtperfekte, das Fehlerhafte, das scheinbar Ineffiziente ist, was Ihr Gehirn so einzigartig und so erfolgreich macht. Jeder kennt es aus dem eigenen Leben: Das Gehirn macht Fehler – manchmal größere, manchmal kleinere; es vergeht kein Tag, an dem nicht auch Ihr Gehirn irgendwelchen Unsinn baut, sich verrechnet oder irrt. Sie schätzen die Zeit falsch ein, haben vergessen, was Sie gerade erst gelesen haben oder lassen sich von Ihrem Handy ablenken. Und gerade das ist eine prima Sache.

 

Denn es sind die vermeintlichen Schwächen und Ungenauigkeiten, die Ihr Gehirn so anpassungsfähig, dynamisch und kreativ machen. Wer denkt, dass ich da etwas übertreibe, hier eine kleine Kostprobe Ihrer geistigen Leistungsfähigkeit:

 

Was ist tausend plus zehn ?

Plus tausend ?

Dann plus fünfzig ?

Plus tausend ?

Plus dreißig ?

Plus tausend ?

Und nochmal plus zehn ?

 

Kurz nachdenken, überlegen … sind es fünftausend? Natürlich nicht, es sind viertausendeinhundert. Gut gemacht  ! An alle, die auf eine andere Zahl gekommen sind, kein Problem, Ihr Gehirn vertauscht schnell mal ein paar Dezimalstellen und rutscht zwischen den Ziffern hin und her. So kann selbst einfaches Addieren kompliziert werden. Wie oft steht in  der nächsten Zeile der Buchstabe M ?

 

MMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM 

 

Genug gesummt, gar nicht so einfach, auf die richtige Lösung zu kommen. Hier sieht man schon: Das Gehirn scheint gar nicht darauf ausgerichtet zu sein, maschinengleich Informationen zu verarbeiten. Im Gegenteil, es verzettelt sich regelmäßig. „Aus Fehlern wird man klug, drum ist einer nicht genug“, sagte mein Chemielehrer. Dann zündete er das Silberacetylid an und sprengte ein Loch in den Schulhof. Merke: Nicht immer ist Trial and Error das Mittel der Wahl. 

 

Manchmal aber eben doch – mein Nachbar zeigt, wie es geht. Der ist wirklich eine außer-gewöhnliche Persönlichkeit, mittlerweile gute zwei Jahre alt und schon ein richtig cleverer Kerl. Er beherrscht Dinge, die jeden Supercomputer zur Verzweiflung bringen: Ohne Probleme erkennt er das Gesicht seiner Mutter in einer Menschenmenge und sich selbst im Spiegel; nach einmaligem Spielen mit einem Auto weiß er, was ein Auto ist; er identifiziert Rauchmelder an der Decke und findet Kartoffeln lecker – Aufgaben, die kein heutiger Computer in endlicher Zeit lösen kann. Dabei macht der Kleine ständig Fehler: Bis vor kurzem konnte er noch nicht mal sicher laufen, seine Bewegungen sind tapsig, seine Sprache bruchstückhaft, und er schläft mehr als die Hälfte des Tages, ist in dieser Zeit also komplett funktionsuntüchtig. Jeder Ingenieur würde die Hände über dem Kopf  zusammenschlagen: „Was für eine Fehlkonstruktion. Zwei Jahre, und es läuft immer noch nicht rund.“ Wie ein Windows-Betriebssystem.

 

Trotzdem macht mein Nachbar gewaltige Fortschritte. Tag für Tag – in einem Tempo, mit dem keine Rechenmaschine Schritt halten kann. Jeder Fehler, jede Ungenauigkeit ist Ansporn, es das nächste Mal anders und damit vielleicht ein kleines bisschen besser zu machen. Sein Gehirn ist alles andere als perfekt – und das wird es auch niemals sein. Im Laufe der Zeit wird es sich zwar immer besser an seine Umgebung anpassen, aber vollendet und fertig wird es nie, sondern sich immer die Fähigkeit zum Irrtum bewahren. Denn nur, wer Fehler in sein Handeln einbaut, wird irgendwann auch Neues entwickeln. Wer hingegen immer versucht, möglichst „richtig“ zu denken, bewegt sich auf dem Niveau eines Computers: effizient, präzise und schnell – dafür auch unkreativ, langweilig und vorhersehbar.

 

Stattdessen bauen wir auch im Erwachsenenalter noch lauter geistigen Mist. Wir vergessen Namen und Gesichter genauso, wie, ob wir die Tür abgeschlossen haben. Wir lassen uns bei der Arbeit leicht von einer WhatsApp-Nachricht ablenken oder verlieren in der E-Mail-Flut des Tages den Überblick. Uns liegen Namen auf der Zunge und fallen uns doch nicht ein. Wir schätzen die Zeit genauso falsch ein wie Wahrscheinlichkeiten oder Zahlen. Wir tun uns schwer damit, Entscheidungen zu treffen, wenn die Auswahl groß ist. Wir haben genau dann einen Blackout, wenn wir vor Publikum einen Vortrag halten müssen. Wir können nach einem anstrengenden Tag nur schwer abschalten und lernen unter Druck am schlechtesten.

 

Auf der anderen Seite gibt es kein Organ, kein System, geschweige denn einen Computer, der in der Lage ist, komplizierte Aufgaben so spielerisch zu lösen, wie wir es tun : 35 × 27 = ? Schwierig ohne Taschenrechner. Einen Helene-Fischer-Song erkennen? Kein Problem. Die Rechenaufgabe, so simpel sie ist, können wir kaum im Kopf lösen, doch ein Lied, das Gesicht eines lieben Verwandten oder auch dessen Stimme erkennen wir sofort. Und das, obwohl es vom Rechenaufwand her ungleich aufwendiger ist, einen bestimmten Sänger auf der Bühne zu erkennen. Es scheint, als würde unser Gehirn das besonders schlecht können, was wir in unserer gegenwärtigen technisierten und digitalen Welt vermeintlich benötigen. Wir wollen Optimierung und Genauigkeit, sprich: Perfektion. Und unser Gehirn ? Macht das Gegenteil und entzieht sich diesem Anspruch. Viele stellen sich vor, wie schön es wäre, wenn eine fehlerfreie Rechenmaschine in unserem Kopf arbeiten würde. Wie konzentriert, effizient und schnell könnte man damit seine Aufgaben lösen. Und in der Tat: Computer machen keine Fehler – und wenn sie es tun, dann stürzen sie ab. Gehirne stürzen hingegen nicht ab (außer, man hilft von außen nach, aber das ist eine andere Geschichte …).

 

Und das liegt daran, dass sie nach einem völlig anderen Verfahren arbeiten. Es ist der Irrtum, die Ungenauigkeit im Denken, die uns den Computern überlegen macht. Allen Schreckensvisionen, dass die Computer schon in wenigen Jahrzehnten die Weltherrschaft an sich reißen und uns in den geistigen Schatten stellen werden, erteilt die Biologie an dieser Stelle eine klare Absage. Das scheint dem Trend der Digitalisierung, dem Zauberwort unserer modernen Welt, zu widersprechen: Schulklassen wie Unternehmen sollen vernetzt, Daten ausgetauscht und effizient ausgewertet werden. „Klassenzimmer der Zukunft“, „Big Data Analysen“, „Industrie 4.0“ – kein Lebensbereich, der sich nicht mit der Rechenpower der Computerwelt modernisieren möchte. Doch die großen Ideen der Welt werden auch in Zukunft nicht digital, sondern analog gedacht. Von Gehirnen, nicht von Smartphones. 

 

Computer lernen Dinge – wir verstehen sie. Computer befolgen Regeln – wir können sie ändern. Computer mögen uns in Schach oder Go schlagen, das ist nicht verwunderlich, weder kreativ noch besorgniserregend. Ich würde mir erst ernsthafte Sorgen machen, wenn ein Computer anfängt, Fehler zu machen, und anschließend verkündet: „Schach ? Och nö, keine Lust mehr, ist langweilig. Ich zocke jetzt mal eine Runde World of Warcraft!“ Solange das nicht passiert, bleibt das menschliche Gehirn immer noch das Maß aller Dinge. Gerade weil es so vermeintlich schlecht funktioniert.

 

In diesem Buch möchte ich Ihnen zeigen, was hinter den Kulissen der vermutlich fehlerhaftesten Denkstruktur der Welt (Ihrem Gehirn) passiert. Wie es Irrtümer nutzt, damit es sich in sozialen Situationen bestmöglich zurechtfindet, auf neue Ideen kommt und Wissen erzeugt. Ja, dabei macht es manchmal Fehler, doch das Paradoxe dabei ist: In unseren Irrtümern und Unkonzentriertheiten steckt unsere wahre Denkpower. Die meisten der vermeintlichen Denknachteile bergen einen gewaltigen Vorteil. Dass wir uns an Namen nicht sofort erinnern können, ist wichtig, damit wir überhaupt dynamische Erinnerungen aufbauen können. Dass wir uns so leicht ablenken lassen, nützt uns, um kreativ zu denken. Und dass wir mitunter zu spät zu einer Verabredung kommen, weil wir die Zeit falsch einschätzen, ist eine klasse Sache, denn würde unsere innere Uhr exakt gehen, könnten wir nicht so schnell von Erinnerung zu Erinnerung springen, wir wären gefangen in einem statischen Gedächtnis.

 

Nun ist dies kein Buch, das ausschließlich unsere geistigen Schwächen preisen soll. Nicht jeder Fehler hat ja etwas Gutes. Doch wer erkennt, warum ein Gehirn manchmal nicht wie auf Knopfdruck funktioniert, der hat schon den entscheidenden Schritt gemacht, diese Schwäche zu verstehen. Das hilft uns, im richtigen Moment konzentrierter zu sein, kreative Ideen zuzulassen oder Erinnerungen besser zu behalten. Das Gehirn ist wahrscheinlich das beste Beispiel dafür, wie man aus seinen Schwächen Stärken machen kann.

 

P. S.: Ach ja, wie jedes Produkt des Gehirns unterliegt auch dieses Buch biologischen Schwankungen und ist daher nicht fehlerfrei. Bestimmt haben sich hier und da kleine Tipp-, Schreib- oder Zeichenfehler eingeschlichen. Doch nach dieser Lektüre werden Sie wissen, warum das nichts Schlimmes, sondern etwas Gutes ist. Solange die Dosis stimmt. Apropos Dosis, es waren 27 M’s, die hintereinanderstanden. Und wer das beim ersten Mal Zählen ohne Fehler hinbekommen hat, der hat wirklich ein ziemlich fehlerfreies Gehirn. Das kann ja manchmal auch nicht schlecht sein.

 

Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Hanser-Verlages. Siehe auch unter „Wortwelten“.

Irren ist nützlich

 

Henning Beck

 

Hanser Verlag