Bewusstes Leben Winter 2019


„PaarZeit – Mit dem Wunsch-Spiel zu einer erfüllenden Liebeskultur“

Foto: www.pixabay.com
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Von Monika Entmayr und Reiner Kaminski

 

Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sich im Laufe einer Paarbeziehung Verhaltensweisen einschleichen, die unver-meidlich erscheinen: vorschnell Kompromisse machen, sich anpassen, ständig Rücksicht nehmen und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurückstellen - oder umgekehrt: viel zu oft die Verantwortung tragen oder die Initiative ergreifen müssen. Und immer wieder gibt es Missverständnisse, Vorwürfe oder Streit. Das muss nicht sein.

 

Eine erfüllende Liebeskultur

 

Ein glückliches Liebesleben hat mit erfüllten Bedürfnissen zu tun. Auf die Frage, was sie sich für eine glückliche Partnerschaft wünschen, antworten die meisten Menschen jedoch zunächst, womit sie unzufrieden sind und was sie nicht möchten. In unseren Paar-Workshops und -Beratungen beobachten wir immer wieder, dass viele Frauen und Männer ihre Bedürfnisse kaum kennen und sich oft nicht trauen, über ihre Wünsche zu sprechen – geschweige denn für deren Erfüllung zu sorgen. Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht ernst nehmen, tut es die Partnerin/der Partner auch nicht. Sich über die Bedeutung von erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen bewusst zu sein, ist ein wesentlicher Schlüssel zu einer liebevollen, befriedigenden Partnerschaft.

In Paar-Ratgebern findet sich häufig die Anregung, der Beziehung mehr Zeit zu widmen. In der Praxis berichten Paare dann, dass es oft bei guten Vorsätzen blieb wie: „wir wollten doch mehr miteinander...“. Hinter dem „wir“ kann man sich allerdings gut verstecken, niemand von beiden ist wirklich verantwortlich. Dafür bietet das Wunsch-Spiel eine Lösung: die Möglichkeit, sich abwechselnd Wünsche in einem sicheren Rahmen erfüllen zu lassen und auf spielerische Weise tiefer zu ergründen. Aus dem „wir wollten doch zusammen“ oder „was machen wir denn heute?“ wird ein konkretes: „ich wünsche mir jetzt...“.

Mit dem Wunsch-Spiel können Sie lernen, Ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen, Verantwortung und Initiative zu übernehmen, sich nicht mit unbefriedigenden Kompromissen, Vorwürfen, Groll oder Streit abzufinden und nicht darauf zu warten, dass der oder die andere Ihre Wünsche errät und unaufgefordert erfüllt. (…)

 

Das Wunsch-Spiel

 

Als Kinder lernen wir durch Spielen unsere Welt kennen, erproben unsere Fähigkeiten und Grenzen, entwickeln Phantasie und Kreativität, erfahren Kooperation und Auseinandersetzung und vieles mehr. Das Wunsch-Spiel bietet uns vergleichbare Gelegenheiten zur spielerischen Begegnung im Paar. Es entsteht ein „Spielraum“, ein Experimentierfeld zur Erkundung und Erweiterung unserer Beziehungskompetenzen, und es darf auch einfach nur Spaß machen. Das Lernen und Entwickeln geschieht dabei oft wie von selbst.

Das Wunsch-Spiel basiert auf dem „Yin-und-Yang-Spiel“, das die Tantra-Lehrerin Margot Anand, angeregt durch den Philosophen Allan Watts, in ihre Arbeit eingebracht hat. Aus dieser Übung haben wir im Lauf der Jahre eine Methode entwickelt, die zu einem zentralen Element unserer Arbeit geworden ist. Wir leiten das Wunsch-Spiel in unseren Workshops an und empfehlen es in den Paarberatungen als eine wichtige Grundübung. Wünschen und Wunscherfüllen wird abwechselnd in getrennten Rollen erfahren. Dabei bieten sich wunderbare Möglichkeiten, Bedürfnisse und Wünsche bewusst zu machen und sie sich in einem sicheren Rahmen auf spielerische Weise erfüllen zu lassen. Zugleich entwickelt sich eine größere Sensibilität für die eigenen Bedürfnisse und die der Partnerin/des Partners.

Yin und Yang sind Begriffe aus dem Taoismus, die mit vielfältigen Bedeutungen belegt werden. Unter anderem wird Yang als die eher aktive, gebende, führende Energie definiert, Yin als die passive, empfangende, folgende. Für das Wunsch-Spiel haben wir diese Begriffe übernommen: Yang ist die Person, die sich etwas wünscht und Regie führt, Yin erfüllt die Wünsche und lässt sich führen. So wie im Yin-Yang-Symbol die gegensätzlichen Polaritäten sich anziehen, ergänzen, aufeinander beziehen und als Energiequelle für alles Lebendige wirken, kann das Zusammenspiel von Wünschen und Wunscherfüllen die Beziehung in eine belebende und heilsame Balance bringen. Eine derartige Balance kann sich durch das Wunsch-Spiel nach und nach bei polarisierenden Themen einstellen, wie Dominanz-Anpassung, Initiative-Mitmachen, Nähe-Distanz, und auch bei unterschiedlichen Eigenschaften, wie kreativ-strukturiert, schnell-bedächtig oder kontaktfreudig-selbstgenügsam.

Durch Gewohnheiten, Gleichförmigkeit und zunehmende Symbiose geht die Spannung und Lebendigkeit in der Beziehung verloren - wenn beispielsweise eine/r von beiden immer bestimmt, wo es lang geht und der/die andere immer nur mitmacht. Das Wunsch-Spiel bringt frischen Wind in das Zusammensein. Wer die Komfortzone ausdehnt, wagt Herausforderungen und wünscht sich schon mal etwas „ganz Verrücktes“, was wahrscheinlich ohne das Spiel nicht möglich wäre.

Menschen, die dazu neigen, es dem anderen recht zu machen, die sich ständig um bequeme Kompromisse bemühen und ihre eigenen Interessen lieber zurückstellen, finden hier einige wertvolle Impulse für die eigene Entwicklung. Und wer dazu neigt, zu dominieren, wächst mit den Aufgaben als Yin: sich gemäß der Rolle zurücknehmen und damit Yang Raum zur Kreativität geben. (…)

 

Sexualität neu entdecken

 

Sexualität ist eine Form, Liebe auszudrücken und auszutauschen; sie kann dazu dienen, Lust und Ekstase zu genießen, Glück und Erfüllung zu erleben und einander auf einer tiefen Ebene zu erfahren. Die Erforschung der sexuellen Bedürfnisse und Wünsche ist für Paare eine wichtige Aufgabe, und das Wunsch-Spiel ist eine wunderbare Möglichkeit, sich diesem Thema spielerisch anzunähern. Bewusste und klare Kommunikation – sowohl über Sex als auch beim Sex – spielt dabei eine große Rolle. Und wer in der Kunst des Wünschens geübt ist, wird auch mit sexuellen Wünschen unbefangener umgehen können.

Je vertrauter die Partner miteinander sind, desto weniger Leidenschaft scheint da zu sein, so als passe eine tiefe Herzverbindung nicht zu sexuellem Begehren: Entweder heißer Sex und (noch) keine Vertrautheit - oder starke Verbundenheit, und der Sex ist eingeschlafen. Oft wird eine Lösung darin gesucht, mit Tipps und Tricks „bessere Liebhaber/Liebhaberinnen“ zu werden. Das Liebesleben mit besonderen Stellungen, ausgefallenen Ideen oder erregenden Kicks zu beleben, kann Spaß und Abenteuer bringen und gleichzeitig auch wieder zusätzlichen Erwartungs- und Leistungsdruck bewirken. Und die immer neuen Sensationen nutzen sich immer schneller ab; irgendwann stellt sich wahrscheinlich wieder Enttäuschung und Frust ein. Auch verlieren wir einander, wenn wir versuchen, es dem anderen recht zu machen. Wenn ich zu sehr beim anderen bin, ist in mir niemand „zu Hause“, es gibt kein Gegenüber, mit dem eine Anziehung oder spielerische Spannung entstehen könnte.

Wenn Herz und Sex zusammenkommen, geben wir uns - ohne die gewohnten Schutzmechanismen und Barrieren - einander hin, zeigen uns, wie wir sind, und lassen zu, dass Liebe uns durchströmt. Diese große Nähe und Intimität macht vielen Angst. Mit den bisher beschriebenen Übungen ist es möglich, einschränkende Gewohnheiten, Erwartungen, Ansprüche und Glaubenssätze zu bearbeiten. Ist die Liebe als Grundlage für Vertrauen und Hingabe gewachsen, trägt sie die sexuelle Energie und schafft tiefe Verbundenheit. So kann es nach und nach gelingen, sich für diese besondere Intimität zu öffnen und - jenseits von Stress und Leistungsdruck - eine entspannte, bewusste und achtsame Sexualität neu zu entdecken.

 

Sexuelle Autonomie

 

Leben Sie Ihre Sexualität selbstbestimmt und selbstbewusst? Oder gehören Sie zu den Menschen, die sich lieber dem anderen anpassen, statt die eigenen Vorstellungen und Wünsche einzubringen? Neigen Sie dazu, sich „mitnehmen“ zu lassen? Streiten Sie um die Häufigkeit des sexuellen Kontakts? Wie in anderen Bereichen einer Paarbeziehung, sind auch in der Sexualität Selbstständigkeit, Selbstliebe und Selbstverantwortung von zentraler Bedeutung. Sprechen Sie darüber, was Ihnen wichtig ist, beschreiben Sie genau, was Sie mögen! Und wenn Ihr Partner/Ihre Partnerin etwas anderes möchte, dann schmollen oder grollen Sie nicht, sondern fragen nach und versuchen – in gegenseitigem Respekt - einen gemeinsamen Weg zu finden.

Wenn wir unser sexuelles Glück vom anderen abhängig machen, sind wir „bedürftig“, machen uns klein und geben unseren alten Verhaltensmustern aus der frühen Kindheit Raum. Damit werden wir jedoch als Sexualpartner unattraktiv. Sexuelle Autonomie bedeutet: Ich mache mir meine Bedürfnisse, Strategien und Möglichkeiten bewusst, wäge ab, was mir wichtig ist, und stehe dazu. Gleichzeitig respektiere ich auch meine Partnerin/meinen Partner als autonomes Wesen und gestehe ihr oder ihm das Gleiche zu. So behalten wir unsere Würde und zeigen einander unsere Achtung, bleiben attraktiv füreinander.

 

Annehmen was ist

 

Zur sexuellen Autonomie gehört ein klarer, realistischer Blick auf das, was ist. Wir neigen dazu, uns aus Wunschvorstellungen, Erwartungen, Ängsten und Illusionen eine eigene Welt zu erschaffen. Unsere Wahrnehmung der Beziehung halten wir dann gerne für die einzig wahre. Und selbst wenn wir dabei unglücklich sind, können wir irgendwie damit leben - solange beide mitspielen. Wenn nicht, haben wir ein Problem. Der naheliegende Gedanke ist dann, die Ursache hierfür beim anderen zu suchen: Du musst dich ändern, damit wir wieder ein glückliches Liebesleben haben!

Ein unverstellter Blick auf die Situation und ein ehrlicher, offener Austausch über Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche (zum Beispiel in einem Paargespräch) ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer erfüllenden Sexualität. Der zweite Schritt ist das Annehmen dessen, was ist: zurzeit ist unser Liebesleben möglicherweise nicht so, wie ich es möchte und brauche - und damit zu hadern, ändert nichts an der Situation. Es ist so wie es ist, und niemand ist „schuld“ daran – weder du noch ich. Ich nehme mich an, wie ich jetzt bin, und dich, wie du jetzt bist. Dann kann sich für uns beide die Tür zu einem neuen Liebesleben öffnen. (…)

 

Text-Auszüge aus dem Buch „PaarZeit – Mit dem Wunsch-Spiel zu einer erfüllenden Liebeskultur“. Siehe auch unter „Wortwelten“.

 


Über Liebe und Vergebung

Foto © ipopba - adobestock.com
Foto © ipopba - adobestock.com

Von Nicola Bludau

 

„Wir vergeben, um uns selbst und das Leben zu lieben.“

(Dr. Leonard Laskow)

 

Liebe und Vergebung sind beides Begriffe, die einerseits total überfrachtet und gleichzeitig oft nur noch leere Hüllen sind. Eine, wie ich finde, ganz einfache und sehr treffende Beschreibung davon, was Liebe bedeutet, gibt uns Christina von Dreien, die vielleicht wichtigste Friedensfürstin unserer Zeit: 

„Lass Liebe in all‘ ihren verschiedenen Formen in Dein Leben treten, wie zum Beispiel als Dankbarkeit, Freude, Akzeptanz, Vergebung, Ehrlichkeit“. 

Und damit schlägt sie auch gleich die Brücke zwischen Liebe und Vergebung: Vergebung ist ein Ausdruck unserer Liebesfähigkeit. Darauf möchte ich nun etwas näher eingehen.

Bis ich die Ausbildung in Holoenergetischem Heilen bei Dr. Leonard Laskow gemacht habe, war Vergebung für mich nur ein theoretisches Konstrukt. Mir war bewusst, dass es heilsam sein kann, zu vergeben, aber doch nicht jedem und allen! Als Traumatherapeutin kommen mir solch schreckliche Gräueltaten zu Ohren, dass ich mit den Opfern stets einer Meinung war: es gibt Dinge, die sind einfach nicht zu verzeihen! Mittlerweile denke ich etwas anders darüber. Jedoch akzeptiere ich natürlich voll und ganz, dass jeder Mensch für sich entscheiden muss, ob, wann und was er verzeihen möchte. Das Wichtigste am Menschsein ist ja unser freier Wille.

 

Warum ist Vergeben so schwer?

 

Woran liegt es, dass wir oft Schwierigkeiten damit haben, zu vergeben? Zum einen wird Vergeben oft mit Vergessen gleichgesetzt. Oft denken wir, zu vergeben bedeutet eine Verletzung zu entschuldigen oder gar gut zu heißen. Man befürchtet vielleicht, dass man den anderen dann plötzlich lieben müsste, wo man ihn doch hassen möchte. Vielleicht trauen wir es uns aber auch einfach nicht zu, die Ermächtigung zum Vergeben zu haben. Ist das nicht sogar unsere größte Angst und unser größtes Hindernis: die Angst vor unserer eigenen Macht und Stärke?

 

Die beste Rache ist ein gutes Leben!

 

Ich denke, ein häufiger Irrtum besteht darin, dass wir denken, wir tun dem anderen einen Gefallen, wenn wir ihm vergeben. In Wirklichkeit ist aber das Gegenteil der Fall: Solange wir nicht vergeben haben, schwächen wir uns permanent. Wir halten nämlich den Menschen, dem wir nicht verzeihen, ununterbrochen in unserem Energiesystem fest. Dies führt unweigerlich zu Energieverlust und kann die Entstehung von Krankheiten begünstigen. Solange ich nicht vergeben habe, befinde ich mich im Kriegszustand und füge mir also permanent selbst Schaden zu. Wenn ich aber vergebe, gewinne ich diese Energie zurück, die bis dahin in negativen Gefühlen gebunden war. Und dann, wenn ich mich von diesem emotionalen Ballast alter Geschichten befreit habe, wenn ich all diese Menschen, die mir in irgendeiner Form geschadet haben, mit all den dazugehörigen Konditionierungen, losgelassen und meinen inneren Tempel gereinigt habe, dann kann ich in meine ureigene Kraft kommen und sein, wer ich wirklich bin.

„Vergebung hat die Kraft, dich von Blockaden zu befreien, die dich daran hindern, dich selbst bedingungslos genauso zu lieben, wie du bist“.

(Dr. Leonard Laskow)

Ich kann beginnen, mich selbst zu lieben und meinen inneren Frieden zu finden. Somit ist das Loslassen, das Vergeben, ein Akt der Selbstliebe und Selbstermächtigung. Ich (ver-) gebe mir selbst Liebe und Freiheit und meine Macht zurück und kann im Hier und Jetzt ganz und gar ankommen und vollkommen präsent werden. 

 

Die wichtigste Person, der du vergeben solltest, bist du selbst

 

Wenn wir von Vergebung sprechen, sollten wir nicht vergessen, auch und vor allem uns selbst zu vergeben. Manch einer hat vielleicht aus Schutzbedürfnis etwas Schreckliches ertragen, ohne sich zu wehren, weil es einen Sinn hatte: nämlich zu überleben. Statt in Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen zu verharren, dürfen wir gnädig mit uns sein, in der Gewissheit, es so gut gemacht zu haben, wie wir nur konnten. Schuldgefühle helfen ja niemandem, unsere göttliche Liebe aber hilft allen und jedem. Der holoenergetische Vergebungsprozess hat daher auch stets 2 Teile: ich vergebe erst dem anderen und dann mir selbst, um wirklich frei zu sein. Für den Alltagsgebrauch finde ich auch dieses kleine, sehr kraftvolle Vergebungs-Gebet sehr hilfreich: „Ich bitte darum, dass all die Auswirkungen meiner Fehler in alle Richtungen der Zeit sich auflösen mögen. Ich lasse jetzt alle Schuld vollkommen los. Ich liebe mich von Kopf bis Fuß“.

 

Muss ich dem anderen die Hand reichen?

 

Das Wunderbare am Vergeben ist, dass es ein innerer Prozess ist. Dazu brauche ich keinen Austausch mit dem Verursacher des Leidens. Ich muss ihm nicht die Hand reichen, ich muss nie wieder mit ihm sprechen, wenn ich dies nicht möchte. Ich tue es nur für mich und mit mir selbst, allenfalls begleitet durch einen geeigneten Coach oder Therapeuten. 

 

Wann sollte ich vergeben?

 

Solange die Verletzungen nicht aufgehört haben, ist noch nicht die Zeit für Vergebung gekommen. In diesem Fall sollte man den Fokus erst einmal darauf lenken, Grenzen zu ziehen oder sich von missbräuchlichen Menschen, die unsere Lebensenergie rauben, ganz zu verabschieden. 

Wenn die Zeit für Vergebung dann gekommen ist, kann ich damit einen enormen Beitrag zu meinem eigenen Wohlbefinden, meinem eigenen inneren Frieden und letztlich dem Frieden auf der ganzen Welt leisten. 

 

Nicola Bludau, www.psychotherapeutin-varel.de . Siehe auch unter “Veranstaltungen”.

 


Wieder fühlen lernen

Von Simone Klatt

 

 

Der Weg der Transformation mit Hilfe buddhistischer Psychologie und Meditation

 

Wir leben in einer Zeit, in der scheinbar alles zu schnell geht. Vieles verändert sich im Äußeren, alles ist in stetem Wandel, und das Tempo scheint weiter zuzunehmen. Gleichzeitig erleben Menschen eine große Rastlosigkeit, innere Leere und sind immer irgendwie auf der Suche nach etwas. Nach sich selbst, nach einem besseren Leben, nach Glück, nach Partnern und vielem mehr. Dieses Suchen gab es natürlich schon zu allen Zeiten und gehört zur Natur des Menschen, aber was sich verstärkt hat, ist die Rastlosigkeit, Unruhe, das Getrieben-Sein und damit auch die Zunahme an psychischen Problemen und psychosomatischen Erkrankungen.

 

Denken reicht nicht

 

Der tibetische Gelehrte Rinpoche Tarab Tulku meinte dazu, dass wir in einer Zeit leben, in der das konzeptuelle Bewusstsein, also der Verstand, unser Leben völlig dominiert und wir dadurch unsere anderen Bewusstseinsarten und Möglichkeiten, das Leben und uns selbst zu erfahren, kaum nutzen. Die tibetische Philosophie unterscheidet zwischen verschiedenen Bewusstseinsarten, mit denen wir uns selbst und das Leben wahrnehmen können. Der Verstand ist nur eine Form davon. In der spirituellen Szene aber wird der Verstand häufig als etwas Schlechtes betrachtet oder negativ konnotiert, was aber nicht richtig ist. 

 

Der Verstand hat wichtige Funktionen, die wir für viele Bereiche des Lebens, insbesondere für die Kommunikation brauchen. Probleme bekommen wir nur dann, wenn er, wie derzeit, völlig dominiert. Buddhistisch gesehen ist der Verstand eine „indirekt“ erfahrbare Bewusstseinsart: Wenn wir uns daher hauptsächlich in der Verstandeswelt bewegen, können wir mit den Dingen, dem Leben und auch mit uns selbst nicht in einen direkt erfahrbaren fühlenden Kontakt treten. Unser Körper aber, wie auch unser fühlendes Bewusstsein, sind dazu in der Lage! Mit etwas körperlich in fühlenden und direkt spürbaren Kontakt zu gehen, bedeutet, dass es uns nährt, uns erfüllt und wir in eine tiefe Erlebnisfähigkeit eintauchen.

 

Umgekehrt heißt das aber auch, dass wir ohne diesen fühlenden Kontakt keine direkte und somit auch keine nährende und erfüllende Erfahrung machen können. Der „moderne Mensch“ bewegt sich zu etwa 80 Prozent auf der Verstandesebene und kreiert seine Realität fast ausschließlich durch die Augen des Verstandes - sich selbst, seine Mitmenschen und seine Umwelt betreffend. Aus buddhistischer Sicht kommt er dabei nicht in das Gefühl einer fühlbaren Erfahrung und damit auch nicht in ein Genährt- und Erfüllt-Sein. Daher haben viele Menschen das Gefühl, sich selbst nicht richtig zu spüren und nirgendwo so richtig anzukommen.

 

Die Folge: Wir sind immer auf der Suche, rennen immer weiter und möchten immer mehr machen. Auf der Suche nach diesem Erfüllt-werden, Genährt-sein, Endlich-ankommen-können. Wir rennen auf Berge, in der Hoffnung, dort eine erfüllende Erfahrung zu machen, was uns auch zum Teil gelingt. Da wir uns aber hauptsächlich auf der Verstandesebene bewegen, ist diese Erfahrung nicht sehr tief und sie nährt uns nicht wirklich.

 

Und weil wir nicht in der Lage sind, uns selbst auf liebevolle und natürliche Art und Weise zu spüren, gehen wir wieder auf die Ebene des Verstandes und versuchen irgendeine Persönlichkeit zu konstruieren. Viele Menschen sind sehr damit beschäftigt, an ihrem Bild zu arbeiten und zu feilen. Sie wollen „etwas“ sein, da sie sich auf eine natürliche Art selbst nicht spüren können. Und sie fühlen einen Schmerz: Den Schmerz, mit sich selbst nicht verbunden zu sein.

 

Inneren Halt finden, fühlen lernen

 

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn die Wurzeln tief sind, braucht man den Wind nicht zu fürchten“. Wer also einen tiefen fühlenden Halt in sich hat, in seinem Körper ruhen kann und in sich selbst angekommen ist, hat auch die Stabilität und Flexibilität, mit den Stürmen des Lebens umzugehen. Wenn wir uns aber in diesem eigenen Zuhause nicht spüren, sind wir fragil, leicht irritierbar, beeinflussbar und fühlen uns oft angreifbar und schutzlos.

 

Wir alle kennen diese Momente, in denen wir ganz tief berührt werden. In denen uns das Herz aufgeht und wir uns ganz erfüllt fühlen. Uns kommt es dann auch nicht in den Sinn, sofort einen nächsten Impuls im Äußeren zu suchen, da wir ihn nicht brauchen. Wir kommen in tiefe innere Ruhe, sind erfüllt und können da bleiben. Momente in denen wir uns richtig spüren und uns in uns selbst wohl fühlen, sind die schönsten und wertvollsten!

 

Genau diese Bewusstseinszustände (direkte Erfahrung zu erleben), können in der Meditation und mit speziellen Methoden auf Basis und mit dem Verständnis buddhistischer Psychologie geübt und erlernt werden.

 

Auch Spiritualität kann verstandesdominiert sein

 

Dieses Defizit unserer Zeit zeigt sich auch in der spirituellen Welt, der Esoterik- und Yoga-Szene. Denn solange wir uns vorwiegend auf Verstandesebene bewegen, brauchen wir immer Neues und kreieren Persönlichkeiten. Der Verstand ist seiner Entsprechung nach ungeduldig, er langweilt sich schnell. Er braucht immerzu Unterhaltung. Ruhe und Verweilen sind nicht seine Natur.

 

So ist man auch in der Esoterik-Szene gezwungen, immer Neues anzubieten. Meditationen beispielsweise werden heute recht unterhaltsam gestaltet, damit man „möglichst viel erleben“ kann. Auch im Yoga werden immer „neue“ Übungen angeboten. Die Lehrer spüren einen Erwartungsdruck, in jeder Stunde etwas Besonderes oder Unterhaltsames bieten zu müssen. Ständig gibt es neue spirituelle Ratgeber-Bücher, neue Methoden, neue Wege, neue Angebote. Das Rennen in der spirituellen Szene geht genauso wie im Alltag ungebremst weiter.

 

Wir suchen nach Antworten im Außen. Auch da hat der Markt viel zu bieten. Z.B. nach Antworten von Engeln, Verstorbenen oder anderen Geistwesen; eben weil wir das Gefühl für uns selbst verloren haben. Und immer wieder ist die Ursache dieser Rastlosigkeit unser Verstand. Ob wir meditieren oder mit anderen Techniken arbeiten - solange wir hauptsächlich in der Welt des Verstandes leben, bewegt sich oberflächlich scheinbar viel, aber in der Tiefe nicht wirklich etwas. Immer wieder höre ich von meinen Klienten, sie hätten doch nun schon so viel gemacht, aber es hätte sich wenig verändert. Das mag sein, aber tiefe Erfahrungen und echte Transformationsprozesse finden jenseits des Verstandes statt!

 

Der buddhistische Gelehrte Tarab Tulku* sagte in diesem Kontext: „Something is missing“ - etwas fehlt. Und dieses Fehlende finden wir nicht auf der Ebene des Verstandes. Dazu müssen wir in andere Tiefen unseres Bewusstseins eintauchen. Es beginnt damit, dass wir lernen, unseren Körper wieder von innen her zu fühlen. Auf einer tieferen Ebene kommen wir über diesen Körpersinn in eine Verbundenheit, eine Körper-Geist-Energie. Auch dieser Sachverhalt steht mittlerweile in vielen Büchern und wird auch intellektuell von den meisten Menschen verstanden. Das ist die große Crux unserer Zeit: Wir haben uns intellektuell schon alles angeeignet, verstehen es und stimmen dieser Ansicht auch zu. Und doch finden wir keinen echten Zugang.

 

Buddhistische Praxis: Verweilen, fühlen, ein Zuhause in uns selbst finden.

 

Als ich diese Techniken aus der buddhistischen Psychologie erlernt habe, war es zunächst nötig, eine spezielle Meditationspraktik zu üben, um das konzeptuelle Bewusstsein weitgehend zu verlassen. Über einen langen Zeitraum übte ich in meinen Körper, meine Körperwahrnehmung und in die Körperenergie einzutauchen, um auf dieser Basis wieder die unterschiedlichsten und vielfältigsten Gefühle kennen und spüren zu lernen.

 

Dies brauchte mehr Zeit als anfangs angenommen und erforderte auch regelmäßige Praxis. In dieser Ebene der inneren Wahrnehmung und des Vertiefens in ein anderes Bewusstsein öffnete sich aber eine neue Tür: Die Tür zu Raum und Zeit. Plötzlich empfindet man eine innere Freude während des Verweilens und des Vertiefens und es beginnt einen zu nähren. Da wir uns gefühlt alle in einem Hamsterrad bewegen, hat dies ebenfalls mit der in der heutigen Zeit dominierenden Bewusstseinsart, dem Verstand, zu tun.

 

Das wirkliche Verweilen in einem Zustand ist das, was uns nährt, was Erfahrungen vertieft und was auch unsere Erlebnisfähigkeit deutlich erweitert. Es stellt sich ein Ankommen in sich selbst ein - der eigentliche Zustand, nach dem wir alle suchen: Einen Raum in uns zu finden, in dem wir ankommen können. Ein Zuhause in uns selbst. 

 

Das ist die Grundlage der buddhistischen Psychologie: Die innere Arbeit auf Basis der Meditation mit unterschiedlichen, auch westlichen Therapiemethoden, zu verbinden. Diese bekommen durch die speziellen Meditationstechniken eine völlig neue Farbe, wirken intensiver und verkürzen Prozesse. In meiner Arbeit nutze ich auch Heilmethoden aus dem tibetischen Buddhismus mit dem Ziel, Blockaden, alte Muster oder Traumata zu transformieren, zu heilen oder zu beruhigen. 

 

In diesem Raum kommt man Mustern, Blockaden und Glaubenssätzen fühlend sehr nah. Sie werden sichtbar und fühlbar. Man versteht in der Tiefe und hat oft tiefe Erkenntnisse und Einsichten. In diesem Raum wird es möglich, Dinge anzunehmen. Auch das kann man nur im Fühlen und über das Herz. Denn der Verstand kann nichts annehmen, was sich nicht gut anfühlt. Das braucht er auch nicht, denn dazu haben wir andere Bewusstseinsarten, die das können. Wenn ich sage, dass man plötzlich Raum und vor allem Zeit hat, meine ich dass man in der Tiefe wirklich spürt, dass dieses hin und her rennen eine große Leere nach sich zieht. Wenn man diese Erfahrung fühlend macht, ist auch die Notwendigkeit, sich in das Hamsterrad zu begeben und ständig Neues zu begehren, nicht mehr da.

 

Wenn einem dies gelingt, genießt man einfach nur noch dieses Verweilen, weil es so erfüllend ist. Das ist intellektuell schwer zu verstehen – es will erfahren werden!

 

Mein Weg. Die Krise als Schule des Lebens ...

 

Ich habe schon recht früh begonnen, mich mit psychologischen, spirituellen und ganzheitlichen Themen auseinanderzusetzen. Als mein Leben innerlich gefühlt auseinanderbrach, praktizierte ich schon viele Jahre als Heilpraktikerin, Therapeutin und Yogalehrerin. Dennoch brach eines Tages mein Leben innerlich gefühlt zusammen. Dieser innere Knall wurde durch äußere Umstände ausgelöst: nach einer Trennung stand ich mit einem vier Monate alten Baby und einem zweieinhalbjährigen Kind plötzlich alleine da. Ich war weder finanziell abgesichert, noch hatte ich Familie im Umfeld, die mir hätte helfen können. Ich wurde schlaflos – ich habe nicht einfach nur schlecht geschlafen, sondern ich war oft ganze Nächte hindurch durchgehend wach.

 

Das war damals extrem bedrohlich und hat tiefe Ängste ausgelöst. Ich wollte mich ja gut um meine Kinder kümmern und musste Geld verdienen aber war total überfordert! Da ich therapeutisch geschult war, wusste ich natürlich, dass die Schlaflosigkeit der Ausdruck einer tiefen Angst und Überforderung ist. Aber ich konnte mir zu dieser Zeit selbst überhaupt nicht helfen. Ob man nun schlaflos ist oder unter einem Burn-out-Syndrom, einer Depression, Angstzuständen oder einer körperlichen Krankheit leidet - es löst immer das gleiche in uns aus: Absolute Hilflosigkeit, totale Ohnmacht und Verzweiflung, sich selbst nicht helfen zu können, da etwas in uns und mit uns passiert, auf das wir keinen Zugriff haben. Als wenn da etwas Fremdes in uns wäre.

 

In meiner Verzweiflung begab ich mich mit meiner noch verbleibenden Kraft auf die Suche. Ich ging zu diversen Therapeuten, klassischen Psychologen, Psychiatern, Geistheilern, Schamanen. Ich erlebte Familienaufstellungen, Rückführungen und suchte Antworten bei medial begabten Menschen. Alle hatten auf ihre Weise Recht – und doch hat mir nichts wirklich geholfen. Auch sind viele dieser Therapien so angelegt, dass man das Problem diagnostiziert und dann jeweils eine bestimmte Technik nutzt, die das Problem lösen soll. All dies, mit dem Versprechen und Ziel, dass sich dann energetisch etwas verändern soll. Damals spürte ich zum ersten Mal ganz deutlich, dass all dies außerhalb von mir geschieht und es mir deshalb auch nicht helfen konnte. Meine Verzweiflung war groß. Lange habe ich mich mit spirituellen und psychologischen Themen und Yoga beschäftigt. Ich war bereits 17 Jahre auf dem Weg und doch war ich noch nie so hilflos wie zu diesem Zeitpunkt. 

 

Durch einen Zufall erfuhr ich von dieser Art der Meditation und ihrem buddhistisch-psychologischen Hintergrund. Schnell spürte ich, dass sich mit diesen Übungen etwas in mir anfängt zu beruhigen und dass ich wirklich erstmals jenen Raum betrete, in dem das Problem stattfindet.

 

Wie für viele Menschen war auch für mich in dieser Zeit meine Not so groß, dass ich das Gefühl hatte, für langsame Problemlösungen einfach keine Zeit zu haben. Ich stand unter einem unglaublichen Druck, mein Leben meistern zu müssen und leistungsfähig zu sein während es mir einfach nur furchtbar schlecht ging. Durch diese plötzlich alleinerziehende Rolle, wurde ein großer roter Knopf gedrückt, der all meine tiefsten Ängste, Versagensängste und das Gefühl, völlig alleine zu sein, zum Vorschein gebracht hat. 

 

All diese Gefühle, die ich über viele Jahre ganz gut handhaben konnte, waren jetzt nicht mehr wegzudrücken – es hatte sie aber schon immer gegeben, doch nun kamen sie an die Oberfläche!

 

Ich verstehe, dass viele Menschen in ihrer Not nach schnellen Lösungen suchen. Lehren und Lehrer, die große und schnelle Lösungen bieten, sprießen nur so aus dem Boden und füllen ganze Säle. Manchmal sind auch gute Ideen dabei. Aber am Ende des Tages, wenn man wieder mit sich alleine in der Wohnung sitzt, mit seinem Alltag beschäftigt ist, fällt man wieder auf sich selbst zurück. Ich war auch irgendwann müde, die Lösung im Außen zu suchen. Ich hatte irgendwie das Gefühl, es muss doch in mir selbst möglich sein. 

 

Und langsam entstand nach einer Weile des Praktizierens eine Erfahrung, ein Gefühl, mich selbst halten zu können, mich in der Tiefe wieder zu spüren und auch generell eine tiefe Verbundenheit zu erfahren.

 

Mein Angebot heute

 

Ich begleite nun seit vielen Jahren viele Menschen auf diesem Weg der Transformation. Oft solche, die schon jahrelang Therapie gemacht oder in der spirituellen Szene vieles ausprobiert haben aber die Sehnsucht verspüren, eigene Werkzeuge zu finden, um sich helfen zu können, wenn sich ein echtes, tiefes Problem meldet. Dieses Wissen gebe ich in Meditations-Seminaren, Einzelsitzungen und seit letztem Jahr auch in einer Ausbildung weiter.

 

Wenn wir all unsere Körper wieder fühlen können - unseren physischen Körper, den Energiekörper, den emotionalen Körper und unseren Geist-Körper -, dann kommen wir in die Lage, unseren Verstand bewusst einzusetzen und ihn schöpferisch zu nutzen. Erst dann kann auch eine Affirmation ihre Kraft entfalten. Ist eine Affirmation hingegen „vom Verstand gemacht“, wird sie in der Tiefe nur wenig Wirkung haben, weil wir es oft nicht wirklich glauben und fühlen können. Denn in unserem Unterbewusstsein haben wir viele Glaubenssätze gespeichert, zu denen wir bewusst keinen Zugriff haben. Dort laufen ganz andere Prozesse ab, als uns bewusst sind. 

 

Und dort beginnt dann die eigentliche Arbeit!

 

Simone Klatt ist Heilpraktikerin, Therapeutin, Meditations- und Yogalehrerin in München, www.yoga-simoneklatt.de .

 

* Dr. Phil Tarab Tulku Rinpoche, einer der hochrangigsten tibetischen Gelehrten (1934-2004), hat eine neue Art der Darstellung der buddhistischen Wissenschaft des Bewusstseins und der Realität formuliert (Unity in Duality /UD) - um die universellen Grundprinzipien der indo-tibetischen, buddhistischen Kultur auch Menschen des westlichen Kulturkreises zugänglich zu machen. 

 


Pferdefutter

Von W.W. Lasko

 

Der Mullah, ein Prediger, kam in einen Saal, um zu sprechen. Der Saal war leer, bis auf einen jungen Stallmeister, der in der ersten Reihe saβ. Der Mullah überlegte sich: „Soll ich sprechen oder es lieber bleiben lassen?“ Schlieβlich fragte er den Stallmeister: „Es ist niemand auβer dir da, soll ich deiner Meinung nach sprechen oder nicht?“ Der Stallmeister antwortete: „Herr, ich bin ein einfacher Mann, davon verstehe ich nichts. Aber wenn ich in einen Stall komme und sehe, dass alle Pferde weggelaufen sind und nur ein einziges dageblieben ist, werde ich es trotzdem füttern.“ Der Mullah nahm sich das zu Herzen und begann seine Predigt. Er sprach über zwei Stunden lang. Danach fühlte er sich erleichtert und glücklich und wollte durch den Zuhörer bestätigt wissen, wie gut seine Rede war.

Er fragte: „Wie hat dir meine Predigt gefallen?“ Der Stallmeister antwortete: „Ich habe bereits gesagt, dass ich ein einfacher Mann bin und von so etwas nicht viel verstehe. Aber wenn ich in einen Stall komme und sehe, dass alle Pferde auβer einem weggelaufen sind, werde ich es trotzdem füttern. Ich würde ihm aber nicht das ganze Futter geben, das für alle Pferde gedacht ist.“

 

Worum es geht

 

Prioritäten setzen heiβt auch, auf dem Weg zum Ziel sein Pulver nicht zu verschießen. Warum gleich den ganzen Baum fällen, wenn es reichen würde, die Äste zu beschneiden, um ungehindert weitergehen zu können? Wenn zehn Prozent Energie reichen, um ans Ziel zu kommen, dann bleiben noch 90 Prozent für die anderen Ziele. Der Kraftaufwand sollte den Umständen entsprechen. Wer die richtigen, der Situation angepassten Entscheidungen trifft, kann seine Ressourcen richtig nutzen und mit seiner Energie wirtschaftlich umgehen.

Man sollte jedem Menschen nur so viel „Futter“ geben, dass er sich nicht verschluckt, aber genügend, damit er nicht hungert. Denn in beiden Fällen ist er nicht mehr fähig, den gemeinsamen Weg zu gehen. (…) Bekommt jemand zu wenig zu essen, hat er entsprechend Hunger und betreibt entweder unnütze Sachen, spielt auf falschen Plätzen, gönnt sich lange Pausen oder hat schon mittags Feierabend. lst der Happen zu groß, bleibt er im Halse stecken und man verschluckt sich. Die Talente und die Ressourcen eines jeden müssen individuell mit „Futter“ versorgt werden. Und: Die Unterteilung einer Gesamtaufgabe in einzelne Happen, die dem jeweiligen Appetit gerecht werden, ist ein Garant für das Erreichen der Ziele.

Jedes noch so kleine Ziel beinhaltet eine Vielzahl von Teilbereichen, die nacheinander bearbeitet werden müssen, um überhaupt zum Ziel gelangen zu können. Nun kann man natürlich seine Handlungen breit streuen, mal diesen, mal jenen Teilbereich bearbeiten.

Es scheint eine stattliche Anzahl von gleichwertigen Alternativen, von möglichen Wegen und Strategien zu geben. Um seine Ressourcen sinnvoll und kraftsparend einzusetzen, muss das Wesentliche herausgearbeitet werden. Ein Ziel setzt nur den Rahmen.

Wer ein Ziel erreichen will, muss sich über den wesentlichen lnhalt dieses Ziels klar werden. Darauf kann er seine Prioritäten ausrichten, daraus kann er Entscheidungen ableiten, Wege finden und Strategien entwickeln. Und das, ohne Energie zu vergeuden.

 

Aus: Dream Teams, W.W. Lasko, gefunden auf www.sinnige-geschichten.de