Gesundheit Herbst 2017


Vom Wert der Krankheit - von Theresia de Jong

Krankheit ist die dunkle Schwester der Gesundheit. Und meist total unbeliebt. Dabei kann sie uns sehr viel geben, wenn wir den Mut haben, uns ihr in Liebe zuzuwenden. Drei Jahre nach meiner Melanom-Hautkrebs – Genesung (inzwischen sind es 14 Jahre! her) hatte ich meine Krankengeschichte in einem Buch aufgearbeitet. Natürlich hätte ich damals auch die ganze Episode abhaken können.  Nach dem Motto: Glück gehabt. Schlussstrich und schnell vergessen.  Aber ich wusste: Das Leben wird niemals wieder so sein wie zuvor.  Der Weg nach innen ist unumkehrbar. Die Erkrankung hatte mich an meine brachliegende Spiritualität erinnert. Im Grunde wusste ich seit meinen Kindertagen von den Dingen, hinter den Dingen. Aber irgendwann hatte ich es vergessen. Erst als ich mit der Krebsdiagnose konfrontiert wurde, erwachte in mir der Zugang zu meiner Seele erneut. Hier ein Auszug aus dem Buch:

Die Psychotherapeutin Clarissa Pincola Estés schildert in „Die Wolfsfrau“ auch die Geschichte von La Loba – der Wolfsfrau. Es ist eine Geschichte über die Auferstehung von den Toten. Darin sammelt eine alte, weise Frau – La Loba – in der Wüste die Knochen toter Tiere. Sobald sie daraus ein vollständiges Skelett zusammengesetzt hat, stellt sie sich mit erhobenen Armen über die Knochenreste und beginnt zu singen. Nach und nach beginnt das Geschöpf unter ihr Leben zu zeigen bis es sich erhebt und wegläuft. Wer dem Tier nachblickt merkt vielleicht, dass es sich am Horizont plötzlich in eine Frau verwandelt, die sich schüttelt und lachend verschwindet. Estés deutet diese Geschichte wie folgt: Die toten, zusammenhanglosen Einzelteile werden neu belebt. „Über den Knochen zu singen bedeutet, dem Abgestorbenen, den Überresten, dem Verwundeten und Kaputten neues Seelenleben einzuhauchen. Dies geschieht, indem wir uns in die eigenen psychologischen Tiefen hineinfallen lassen und von dort aus zu den abgestorbenen, den restaurationsbedürftigen Teilen in uns singen und sprechen – mit tiefstem Mitgefühl und einer Liebe, die nur das Selbst für das Selbst empfinden kann.“

Das heißt nichts anderes, als dass die unzähmbare, ursprüngliche Kraft in uns zwar verletzt, ja sogar verkrüppelt werden kann, aber dass es gleichzeitig unmöglich ist sie gänzlich zu töten. Es ist unser innerer Kern, der immer ein Stück weit gesund und heil bleibt, da er mit dem Göttlichen verbunden ist. Unsere Seele ist und bleibt über alle Leben hinweg immer ein Teil des Universums, der unendlichen Kraft, ein Teil von Gott. Gott ist in uns und nur dort können wir ihn finden. Nicht außen, nur in uns selbst. Rituale, wie sie in den unterschiedlichsten Religionen angewandt werden, können uns den Weg in unser Inneres ebnen, uns den Gang erleichtern. Aber gehen müssen wir selbst. Schon auf dem Weg erwarten uns die erstaunlichsten Geschenke. Auf einmal „passt“ alles. Alles kommt zur richtigen Zeit. Ich fühle mich wieder rückverbunden. Die Geschenke kommen auf mich zu und ich brauche sie nur noch anzunehmen.

Nicht die Krankheit ist das Wichtige, sondern vielmehr das, was dahinter steht und wieder ins Licht, ins Leben will. Insofern ist es sinnvoller sich auf das Gesunde in uns zu konzentrieren, auf unsere tiefste Weisheit und nicht auf das Kranke. Das Kranke ist vorübergehend, die Weisheit im Innern ist ewig. Der Körper ist vergänglich, die Seele bleibt. Und trotzdem kann eine Krankheit wichtig sein. Auch hier ein Vergleich von Estés. Sie schreibt: „In zahllosen Märchen erscheint das Schöne zunächst in einer abstoßenden Verkleidung, um den Charakter von jemanden auf die Probe zu stellen. (...) Wer sich hartnäckig weigert das Schöne hinter dem Hässlichen zu erkennen, wird auf grausame Weise bestraft.“ Wer aber das Schöne hinter der Verkleidung entdeckt, so möchte ich hinzufügen, wird über alle Maßen belohnt. Auch das ist die Botschaft zahlreicher Märchen.

Und so folgt der Selbstbegegnung die Selbstheilung. Denn Heilung geht immer vom Selbst aus. Kommt immer von innen, nie von außen. Von außen können Symptome zum Schweigen gebracht werden, aber damit werden uns wesentliche Botschaften weggenommen, die es zunächst zu entschlüsseln gilt, ehe sie dann gehen dürfen (und es vielmals von selbst tun; manchmal müssen wir ihnen allerdings auch etwas auf die Sprünge helfen). Oft erscheint es uns so, dass wir uns aktiv suchend auf den Weg machen müssen, um zu finden, was wir suchen. Manchmal mag das so sein und wir finden, was wir suchten. Aber ist es nicht vielleicht auch umgekehrt? Nämlich das alles, was wir suchen, auch seinerseits uns seit Urzeiten sucht. Wir können uns finden lassen, wenn wir innerlich zur Ruhe kommen und unseren Impuls zur Agitation nicht beachten. Hektisch und in Panik von einem Arzt zum anderen zu rennen, entfernt uns immer weiter von unserer eigenen Weisheit. In uns selbst warten die Schätze und Juwelen. Wenn sie sich uns dann zu erkennen geben, sollten wir allerdings nicht davonlaufen, sondern sie annehmen.

Unsere Krankheiten zeigen uns in symbolischer Form unseren Schatten. Das, was wir nicht ertragen können, wird abgespalten und ins Unbewusste verdrängt. Das bedeutet aber nicht, dass wir es damit aus der Welt geschaffen haben, sondern vielmehr, dass es nun im Dunklen weitergärt. Diese Inhalte im Dunklen zu halten - zu verhindern, dass sie nicht doch eines Tages an die Oberfläche steigen und uns so wieder Ungemach zufügen – verschlingt Energie. Wird der Druck allerdings zu groß, halten irgendwann die Ventile nicht mehr, und unser Körper hat dann die Aufgabe uns wachzurütteln. Uns mitzuteilen, dass da etwas ist, dem wir uns zuwenden sollten, was Beachtung verdient, damit es integriert werden kann.

Auf diese Weise betrachtet, bringen uns Krankheiten Nachrichten aus unserem Inneren. Dieter Beck ist der Überzeugung, dass Krankheit einen Versuch darstellt, mit dessen Hilfe eine seelische Verletzung ausgeglichen werden kann, ein innerer Verlust repariert oder ein unbewusster Konflikt gelöst werden kann. Durch die Körperkrankheit kann dann eine seelische Umstrukturierung oder Reparatur im ganzheitlichen Sinne herbeigeführt werden. Die Symptome tragen in sich die Botschaften, die wir in diesem Moment brauchen. Wir müssen uns „nur“ die Ruhe nehmen und ihnen zuhören. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass Krankheiten in dem Moment auftauchen, wo sie sich eigentlich von uns verabschieden möchten. Das heißt, dass wir bereits dann, wenn wir von einer Krankheit „überrascht“ werden, gleichzeitig die Botschaft bekommen: diese Erkrankung möchte sich gerne mit diesem Symptom von uns verabschieden. Wir dürfen ihr dann die Möglichkeit geben, dies auch zu tun. Das bedeutet, wir selbst sind in der Verantwortung etwas zu unternehmen. Aber meist haben wir dann immer noch Zeit, uns zunächst an den Gedanken zu gewöhnen, und uns mit unserer Krankheit zu befreunden. Wem befreunden etwas zu unmöglich vorkommt, kann es ja zunächst mit aussöhnen versuchen. Vielleicht wird dann später doch noch Freundschaft daraus. Krankheit bedeutet also Neuanfang.

Angst blockiert – Freundschaft heilt

Sich mit der Krankheit anzufreunden, mag zwar sinnvoll sein, ist allerdings oft gar nicht so einfach umgesetzt. Sehr hinderlich in diesem Prozess ist die Angst. Sobald Angst im Spiel ist, ist der Zugang zu unseren inneren Ressourcen blockiert. Angst entwickelt eine Negativspirale und raubt uns immer mehr Energie, die zur Heilung notwendig ist. Das wirklich Traurige ist jedoch, dass die sogenannte „moderne“ Medizin häufig mit der Angst arbeitet. Zum einen, um ihre invasiven Behandlungsmethoden zu rechtfertigen und einzusetzen. Zum anderen, weil sie selbst in dieser Angst gefangen ist und seelische Bedeutungen bewusst ausklammert. Nur das logisch Erklärbare mit wiederholbaren Versuchen, bei denen dann immer dasselbe herauskommt, wird wissenschaftlich gelten gelassen. Die Medizin versteht sich als Wissenschaft und hat daher große Probleme mit nicht wiederholbaren Studien oder Situationen. Es ist jedoch schwierig bei lebendigen Menschen mit Methoden zu arbeiten, die toter Materie mehr entsprechen. Jeder Mensch ist anders und bringt seine eigenen Ressourcen in den Heilungsprozess mit hinein.

Nach der Diagnose Krebs braucht der Patient erst einmal Zeit! Inzwischen ist nicht nur der Mediziner Walter Weber zu der Überzeugung gelangt: „Es gibt in der Onkologie kaum eine Situation, die rasches Handeln erfordert. Besser eine gute Entscheidung, vor allem eine Entscheidung, an der der Patient aktiv mitgewirkt hat, als eine schnelle Entscheidung.“ Im Regelfall wird dem Patienten jedoch kaum eine Sekunde zum Verarbeiten dieser so lebensbedrohlichen Diagnose gelassen. Die Ereignisse überschlagen sich, der Patient gerät in einen Wirbelsturm ohne Schutzhütte. Doch nicht nur das. 

Es gibt eine wachsende Zahl von Psychosomatikern, die davon überzeugt sind, dass die Diagnose und die damit einhergehende Angst, mehr Schaden anrichten kann, als die Krankheit als solches. Bereits in der Zeit der Untersuchungen steigt die Angstspirale. Nicht zu wissen „Habe ich nun Krebs oder nicht“, und damit verbunden gleichzeitig das dräuende Todesurteil, nagt an den Nerven und schwächt das Immunsystem. Ist die Diagnose dann da und ist sie „positiv“ – was natürlich alles andere als positiv ist – fallen Patienten nicht selten ins Bodenlose. Leider ist in der Regel niemand da, der sie dabei auffangen kann. Noch schlimmer: Nicht selten teilen Ärzte ihren zutiefst geschockten Patienten mit, wie lange sie denn noch zu leben haben. Natürlich rein statistisch berechnet. Die Informationen dringen meist kaum bis zum Patienten durch. Was aber ankommt, ist die Gewissheit demnächst zu sterben. Für Hoffnung bleibt da so gut wie kein Raum. Bestenfalls bleibt die Aussicht das Leben um ein bis zwei Jahre zu verlängern. Aus der Psychoneuroimmunologie ist bekannt, dass solch tiefgreifende Schockzustände krankmachend sind. „Sie auf diese brutale Weise auch noch herbeizuführen, muss heute angesichts der Forschungsergebnisse als schwerer Kunstfehler angesehen werden. (...) Es ist durchaus wahrscheinlich, dass erst der dadurch herbeigeführte Zusammenbruch des Abwehrsystems dem Krebs die Chance gibt, aus der ansonsten strengen Überwachung des Immunsystems auszubrechen“, meint der Arzt und Psychotherapeut Ruediger Dahlke.

Gerade in dieser Situation ist eine vertrauensstiftende Herangehensweise unabdingbar. Sie setzt den Rahmen für die folgende Auseinandersetzung mit der Erkrankung. Noch einmal Estés: „Das Vertrauen in das eigene Selbstheilungsvermögen ist ein Vertrauen darauf, dass neues Leben dem alten folgt, dass alles eine tiefere Bedeutung hat und alle Erfahrungen im Leben – die peinlichen und schmerzhaften wie die lindernden und erhebenden – als lebensspendende Energie genutzt werden kann.“

Was wir zukünftig in der Krebsbehandlung brauchen, ist eine Beziehungsmedizin, die das subjektive Empfinden der Patienten, ihre Autonomie und ihre Selbstverantwortung als zentrale Angelpunkte einbezieht.

 

Eigenverantwortung und die „Schuldfrage“

Eigenverantwortung für den Körper zu übernehmen ist – davon bin ich überzeugt - der Ausgangspunkt für Heilung.  Keine Krankheit „passiert“ so aus dem Blauen heraus ohne Eigenbeteiligung.  Dies anzuerkennen und den Gedanken zuzulassen ist jedoch eine Herausforderung.  Denn sie stellt das gesamte bisherige Denkmodell auf den Kopf.  Es ist in der Gesellschaft immer noch weit verbreitet und allgemein akzeptiert, davon auszugehen, dass Krankheiten ein Schicksalsschlag sind.  Werden sie von außen hervorgerufen, so kann sich der erkrankte Mensch von aller „Schuld“ reinwaschen.  Ist er jedoch selbst beteiligt, stellt sich unausweichlich die Schuldfrage.  Und damit kann es unangenehm werden.  Wer möchte schon selbst „schuld“ sein an seinem Elend.  Wieviel einfacher ist es doch, die Ursachenfrage ungestellt zu lassen, oder wenn unumgänglich nach äußeren Faktoren zu fahnden, und dann einem Arzt die Verantwortung für die Gesundung zu übertragen.  Der Arzt soll mal machen.  Das ist schließlich sein Job, dafür wird er ja schließlich bezahlt.  Wir haben uns in vielen Lebensbereichen an eine Servicementalität gewöhnt.  Es gilt eine Leistung zu erbringen.  In diesem Fall heißt die Leistung, die der Arzt erbringen soll, Gesundheit.  Ist er nicht in der Lage sie zu liefern, wird der nächste aufgesucht.  Deshalb sind auch die Ärzteratings, die verschiedene Zeitschriften veröffentlichen, so beliebt.  Dort wird vorgegaukelt, dass es feste, und vor allem überprüfbare Kriterien gibt, die uns zeigen:  Dies ist ein „guter“ Arzt, der sein Handwerk versteht.  Wobei nur zu gerne vergessen wird, dass es eben nur bedingt um „Handwerk“ geht. Es geht nicht um eine Reparaturmaßnahme an einer Sache, sondern um einen Menschen, der eben nicht nur aus Materie (Körper) besteht, sondern, der einen Geist hat und seine Seele besitzt.  Diese „Kriterien“ können beim Ärztecheck nicht berücksichtigt werden.  Denn jeder Arzt kann nur so gut sein, wie es ihm sein Patient zu sein erlaubt.  Ohne Eigenbeteiligung des Patienten, ist der beste Arzt aufgeschmissen.  Das wissen die Ärzte auch.  Nicht umsonst heißt es dann: „Der oder die hat schon aufgegeben, dem/der ist nicht mehr zu helfen.“  Leider wird der nächste notwendige Schritt jedoch nicht unternommen.  Nachzuschauen, weshalb ein Patient nicht mehr will.  Das wäre der erste Schritt zur Selbsterkenntnis, der weit über konventionelle Behandlungsmaßnahmen hinausgehen würde.

Zurück zur „Schuldfrage“.  Das scheint mir ein wichtiger, ja wesentlicher Punkt in der gesamten Debatte zur Eigenverantwortlichkeit zu sein.  Niemand will an irgendetwas „schuld“ sein.  Das Wort „Schuld“ hat in unserer Gesellschaft ein schlechtes Image.  Dabei ist Schuld zu haben sehr menschlich.  Schon Jesus sagte:  „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“  Also, wir alle haben Schuld auf uns geladen, haben Fehler gemacht und werden weiter Fehler machen.  In den unterschiedlichsten Bereichen.  Das ist menschlich.  Es kann natlich einen Unterschied machen, ob wir wissentlich zu der Entstehung einer Erkrankung beigetragen haben, oder ob es eher unwissentlich geschah. Schuld setzt voraus, etwas in vollem Bewusstsein zu tun.  Niemand wird sich bewusst und absichtlich „krank gemacht“ haben. Oftmals wurde der Körper einfach vernachlässigt, oder Warnungen vor Gesundheitsschäden wurden nicht ernst genommen. Den meisten Menschen in unserem Kulturkreis ist der enge Zusammenhang zwischen Stress, Psyche, emotionaler Verfassung und Gesundheit nur unzureichend bekannt. Unbewusste Einstellungen und Verhaltensweisen spielen häufig eine große Rolle in der Krankheitsgeschichte.  Carl Simonton, der bekannte amerikanische Psychoonkologe, meint: „Menschen, die ihre Mitverantwortung an ihrem Gesundheitszustand zu akzeptieren lernen, verdienen höchstes Lob.  Sie sind nicht nur bereit, sich mit ihren Einstellungen, Gemütsbewegungen und Empfindungen zu konfrontieren und zu erforschen, wie diese zu ihren Stressreaktionen beitragen, sondern sie haben auch den Mut, sich gegen die anerzogenen kulturellen Regeln aufzulehnen, und die Konventionen, die ihrer Gesundheit abträglich sind, zurückzuweisen.“

Wir sollten also nicht von „Schuld“ sprechen, wenn jemand krank wird.  Wenn wir auf die östliche Philosophie zurückgreifen, so ist dort nicht von Schuld die Rede, sondern von Folgen.  Alles, was wir tun, hat Folgen.  Auch wenn wir uns entscheiden etwas nicht zu tun, hat das – wertneutral - Folgen, aus denen wir lernen können.  Und das nicht nur in einem Leben, sondern in einer ganzen Reihe davon.  Wir kommen nach buddhistischer Lehre bereits als Resultat der Folgen unserer vergangenen Leben auf die Welt. 

Gautama Buddha sagte:

„Willst du wissen, wer du warst,
so schau, wer du bist.
Willst du wissen, wer du sein wirst,
so schau, was du tust.“

Kein Mensch ist ein unbeschriebenes Blatt, wenn er geboren wird.  Folgen unseres Tuns lassen sich nicht so einfach aus der Welt schaffen.  Wir müssen das Unangenehme entdecken, anschauen, annehmen und können es erst dann transformieren.  Es ist bereits ein Schritt zur Gesesung den richtigen Weg, bezw. die richtige Methode zu finden.  Denn das ist das Angenehme an der „Schuldfrage“ oder besser „Folgenfrage“.  Wenn ich tatsächlich selbst an der Entstehung der Erkrankung mitgewirkt habe – wenn auch unbewusst -  dann ist es mir auch möglich, selbst daran zu wirken, dass es wieder ins Lot kommt.  Dass die Balance wieder hergestellt wird.  Schuld muss daher nicht mit Strafe oder Bestrafung einhergehen, sondern mit Lernen, ja sogar Weiterentwicklung.  Im Nachhinein wissen wir häufig, weshalb unangenehme Situationen wichtig für uns waren.  Nämlich weil wir gestärkt und weiser aus ihnen heraus gehen.  Weil wir den Weg im Äußeren an der Oberfläche verlassen haben, um in die eigene Mitte, ins Innere zu wandern.  Ebenso ist es mit der Krankheit.  Sie kann uns den notwendigen Impuls geben hinzuschauen und zu verändern.  Uns und unser Leben.  Sie kann unsere Freundin sein, die uns sagt: „Mal kurz herhören, du bist auf dem falschen Weg, oder du bist zwar auf dem richtigen Weg aber die Richtung ist leicht daneben.“  Wenn wir auf dem falschen Weg sind, ist es dann nicht wunderbar, dass es da jemanden gibt, der es uns sagt, ehe wir endlos in falscher Richtung weiterlaufen und uns wundern, weshalb wir nie ankommen? Krankheit kann also unsere innere Navigationshilfe sein.  Oder sie ist die Stimme des Navigationsgeräts. Sie spricht in der Körpersprache, die wir erst einmal erlernen müssen, ehe wir die Botschaften verstehen.  Wenn wir uns also auf die Sprache des Körpers einlassen, können wir eine Menge lernen in der und durch die Krankheit. 

Bin ich erst einmal bereit den eigenen Anteil an einer Erkrankung anzunehmen – und zwar ohne mich deshalb klein zu machen oder „schuldig“ im herkömmlichen Sinne zu fühlen – stehen mir alle Möglichkeiten offen.  Ich kann meine Krankheit dann als Ratgeber schätzen lernen und muss sie nicht verfluchen.  Sie gibt mir gleichzeitig die Möglichkeit einen Schlussstrich zu ziehen und neue Wege einzuschlagen.  Das Leben selbst ist Veränderung.  Wir sprechen in diesem Zusammenhang oft vom Fluss des Lebens, der uns tragen kann.  Wenn wir es schaffen, uns diesem Fluss des Lebens anzuvertrauen – auch in schwierigen Situationen die Hoffnung nicht aufzugeben – dann trägt uns der Fluss zu neuen Ufern, wo wir erfrischt, manchmal auch ermüdet an Land krabbeln, uns erholen und neu beginnen.  Die Fähigkeit immer wieder neu zu beginnen, bedeutet mit dem Leben verbunden zu sein. 

Es kann jedoch auch eine Zeit geben, in der es zunächst wichtig ist, sich dem Tod zu stellen.  Der Tod ist der größte Erneuerer im Universum.  Durch den Tod können wir zurück eingehen in die Unendlichkeit des Seins.  Unsere unsterbliche Seele hat dort die Möglichkeit sich zu regenerieren, die „Fehler“ des vergangenen Seins auf einer höheren Ebene zu transformieren um dann erneut die Reise in ein neues Erdenleben in einem neuen Körper aufzunehmen.  Die Seele wird sich dabei genau die „richtigen“ Eltern aussuchen, die ihr mit ihren Genen und ihrer Erziehung den passenden Rahmen zu ihrer verbleibenden Lernaufgabe zu geben bereit sind. 

Der Tod gibt also ultimativ die Möglichkeit noch einmal neu zu beginnen.  Allerdings ist es auch möglich, in diesem Leben symbolisch zu sterben, um dann ein neues Leben zu beginnen. So sagte zum Beispiel Ram Dass, einer der bekanntesten spirituellen Lehrer in den USA:  „Mein Schlaganfall hat mir zwei Leben in ein und derselben Inkarnation verschafft.“  Und dies war genau das Gefühl, das ich nach meiner Erkrankung hatte.  Mir wurde klar, dass wir bis zu einem bestimmten Punkt die Wahl haben:  Gehen wir zurück in die Unendlichkeit, um von dort aus neu durchzustarten, oder versuchen wir es nochmals von hier aus.  Es kann legitim sein, sich innerlich – und meist völlig unbewusst – zu entscheiden zu gehen.  Der Körper wird uns dann den Weg weisen und die Situation herstellen, so dass wir gehen können.  Entscheiden wir uns aber von innen heraus, nochmals hier neu zu beginnen, so ist auch hierbei unser Körper unser Erfüllungsgehilfe.   Wir haben dann durch die Begegnung mit dem Tod und durch die Möglichkeit zu sterben eine Erfahrung gemacht, die den tatsächlichen Tod in dem Moment nicht mehr nötig macht.  Natürlich ist der Tod nicht unendlich aufschiebbar.  Wenn wir unsere Lebensaufgabe erfüllt haben, kann es ein Heimgehen in tiefstem Einverständnis geben.  Auch dann hat der Tod seinen Schrecken verloren.  Nochmals ein Zitat von Ram Dass:

„Welche Einstellung zum Tod wir haben
ist entscheidend im Hinblick darauf,
wie wir unser Leben erleben. 
Sobald sich deine Angst
vor dem Tod verändert,
verändert sich die Art,
wie du dein Leben lebst.“

In ursprünglichen Gesellschaften wurden Schamanen häufig durch eine ernsthafte, lebensbedrohliche Erkrankung in ihre wahre Aufgabe eingeführt:  anderen Menschen in Krankheit beizustehen und zu heilen.  In unserer westlichen Gesellschaft wird Krankheit hingegen häufig so interpretiert:  „Ist aus dem Gleichgewicht gefallen“, oder „hat offenbar tiefe Probleme“, oder „hat keine innere Harmonie“.  All dies kann natürlich das Fall sein bei einer Krankheit, aber es muss nicht so sein.  Krankheit kann auch eine Erinnerung oder Mahnung sein, nicht zu vergessen sich bitteschön weiterzuentwickeln.  Es kann sein, dass wir es uns so gemütlich gemacht haben in unserem materiellen Sein, dass wir die geistigen und spirituellen Ebenen mehr oder minder vergessen haben.  Sie können sich dann über den Umweg einer (auch ernsthaften) Erkrankung wieder ins Blickfeld bringen.  Ich glaube, dass es bei mir zu einem großen Teil so war.  Ich hatte meine Lebensaufgabe nicht wirklich mehr im Gesichtsfeld.  Oder vielmehr ich habe sie sehr verzerrt wahrgenommen und auf verzerrte Weise versucht zu erfüllen, was mir erhebliche Probleme bereitet hat. Probleme, die sich dann irgendwann auch körperlich zeigten, so meine Aufmerksamkeit bekamen und dazu führten, dass ich wieder klarer sehen konnte, wo ich hin will und weshalb ich hier bin.  Kürzlich fand ich in dem Buch „Der Pfad der Heilung“  von H. K. Challoner einen Ausspruch, der mich sehr berührte:„Ist es dir nie in den Sinn gekommen, dass du hier manchmal mit Absicht von dem Kontakt (mit deiner Seele, Einf. T.de Jong) abgeschnitten sein könntest, damit du zu einer extremen Anstrengung angeregt wirst, um so auf höhere Ebenen zu gelangen?“  Auch wenn Sie in den verzweifelten Momenten einer schweren Erkrankung diesem Gedankengang nicht sofort zustimmen können, vielleicht ist es doch sinnvoll, diese Deutung nicht gänzlich abzulehnen.  Vielleicht steckt doch etwas Wahres dahinter, vielleicht können Sie es auch erst mit ein wenig Abstand besser erfahren.

Jede ernste Krankheit – so glaube ich inzwischen - ist eine Einladung zur Einweihung oder Initiation.  Wir können sie annehmen und daran reifen und wachsen (auf geistiger Ebene, nicht nur unkontrolliert auf Zellebene) oder wir können sie ausschlagen und uns verlassen und unglücklich fühlen.  Und wer weiß:  Vielleicht ist es gerade das innere geistige Wachstum, das ein unkontrolliertes Zellwachstum überflüssig macht.  Die Ebenen zu wechseln sozusagen.  Wenn der Körper meint, wir sollten wachsen, dann sollten wir das auch tun.  Aber konstruktiv und in Liebe.

Wenn wir uns unserer Eigenverantwortlichkeit bewusst sind, wissen wir, dass uns kein Arzt der Welt tatsächlich gesund machen kann.  Das wird immer unsere ureigene Aufgabe bleiben.  Ärzte können uns auf dem Weg in die Gesundheit, oder aus der Krankheit unterstützen.  Sie können Impulse setzen (mit den unterschiedlichsten Therapien), aber sie sollten nicht meinen, dass es ihre Therapien sind, die ihre Patienten heilen.  Heilung geht über die Körperlichkeit hinaus. 

Foto: www.pixabay.com

Auszug aus: „Diagnose: Es ist Krebs. Meine Heilung durch die Kraft des spirituellen Weges.“

Theresia Maria de Jong

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