Nachhaltigkeit Herbst 2019


Klimazerrüttung - von Fred Hageneder

© HardyS - www.pixabay.com
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Textauszug aus dem Buch „Happy Planet“, Neue Erde Verlag, 2019

 

Smoke and Mirrors: Strategien der Desinformation

 

Konzerne

 

Eine Klimastudie, die als »vertraulich« eingestuft und dem Vorstand von Shell Oil vorgelegt wurde, stellte klar und unmissverständlich fest, dass die CO2-Emissionen durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe den Planeten erhitzen würden. Shell fasste zusammen, dass »die Veränderungen die größten in der Geschichte sein könnten«, und listete Auswirkungen auf, wie den Rückgang der Polkappen, den Anstieg des Meeresspiegels (möglicherweise bis zu fünf bis sechs Meter), das Verschwinden bestimmter Ökosysteme, die Zerstörung von Lebensräumen, zunehmende Probleme mit der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und Trinkwasser, den Rückgang des Wohlstands in verschiedenen Teilen der Welt und die unvermeidbare Massenmigration.* Dieser interne Shell-Bericht ist von – 1986.*

Er war nicht der erste seiner Art. Ein interner Exxon Mobile-Bericht von 1982* prognostizierte, dass sich der globale CO2-Gehalt – ausgehend von seinem vorindustriellen Niveau – bis 2060 auf 560ppm (parts per million) verdoppeln und die Durchschnittstemperaturen des Planeten um etwa 2°C anheben würde.* Der richtige Schritt wäre gewesen, Regierungen und Öffentlichkeit zu informieren. Aber stattdessen »erkannten die Ölfirmen, dass ihre Produkte CO2 in die Atmosphäre einbringen und dies zu einer Erwärmung führen würde, und sie berechneten die wahrscheinlichen Folgen. Daraufhin haben sie sich entschieden, diese Risiken einzugehen – in unserem Namen, auf unsere Kosten und ohne unser Wissen«, sagt Benjamin Franta in The Guardian und fragt: »Wer hat das Recht, einen solchen Schaden vorherzusehen und dann die Prophezeiung selbst zu erfüllen?«*

1989 gründeten Shell und Exxon zusammen mit BP und Chevron die Lobbyorganisation Global Climate Coalition. Das einzige Ziel war es, mit einem jährlichen Budget von mehreren Millionen Dollar systematisch Zweifel an der Klimawissenschaft zu wecken. 1998 wurde die Organisation wieder aufgelöst, und seither leugnet Shell den Klimawandel nicht mehr. Aber hinter den Kulissen wurde die Finanzierung gegen die Klimaforschung sogar erhöht:* Eine Untersuchung aus dem Jahr 2016 ergab, dass die gesamten Ausgaben der fossilen Brennstoffindustrie für obstruktives Anti-Klima-Lobbying bei etwa 500 Mio. Dollar pro Jahr liegen dürften.*

Der vertrauliche Bericht von Shell wurde erstmals im April 2018 von der niederländischen Nachrichtenorganisation Inside Climate News (ICN)* veröffentlicht. Die geheimen Papiere von Exxon waren auch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern wurden 2015 geleakt – die ICN-Artikelreihe wurde 2016 Finalist für den Pulitzer-Preis.* Endlich beginnt die Welt aufzuwachen. Langsam werden die »Leute, die mit dem Schicksal der Menschheit spielen«,* zur Verantwortung gezogen: Seit einigen Jahren nehmen die Forderungen nach Klagen zu,* z.B. gegen Exxon nach dem Corrupt Organizations Act (RICO), und die Unterstützung durch Wissenschaft und Öffentlichkeit wächst.

 

Politik

 

Die dunklen Folgen der Verbrennung fossiler Brennstoffe waren von Anfang an auch außerhalb von Shell und Exxon bekannt. Bereits 1968 veröffentlichte Gordon MacDonald, damals Wissenschaftsberater von US-Präsident Johnson, einen Aufsatz, in dem er eine nahe Zukunft voraussagte, in der die CO2-Emissionen das Wetter verändern und Hungersnöte, Dürren und wirtschaftliche Zusammenbrüche auslösen könnten.* 1978 prognostizierte eine Gruppe von Elitewissenschaftlern, dass die Verdoppelung des CO2-Gehalts in der Luft bis 2035 erreicht sein würde und dass die globalen Temperaturen im Durchschnitt um 2 bis 3°C steigen würden. Ihre Studie wurde praktisch an alle US-Institutionen geschickt.* Während der 1980er standen die USA mehr als einmal kurz davor, dem Klimawandel in seinen Anfängen Einhalt zu gebieten, scheiterten aber immer wieder am Widerstand von Big Oil und einigen Hardlinern in den Regierungen Reagan und Bush.* Außerdem sind auch einige Politiker Meister der Täuschung.*

 

Media

 

Die Mainstream-Medien haben die falschen Vorstellungen der Öffentlichkeit vom »Klimawandel« entscheidend mitgeprägt, einfach durch die schlichte Dramaturgie, Meinungen als »ausgewogen« darzustellen, indem man immer wieder einen »klima-skeptischen« einem warnenden Wissenschaftler gegenüberstellte. Aber über die letzten zwanzig Jahren hat dies »eine sehr unausgewogene Wahrnehmung der Realität geschaffen. Folglich glauben die Menschen, dass die Wissenschaft immer noch gespalten sei, was die globale Erwärmung verursacht, und deshalb gibt es nicht annähernd genug öffentliche Unterstützung oder Motivation, das Problem zu lösen« (The Guardian).*

 

Im Internet gibt es viele »Klima-Skeptiker«, ihre Portale mögen in der Gestaltung und Sprache »wissenschaftlich« aussehen, verraten sich aber immer selbst:

  • Die meisten von ihnen wurden seit 2012 nicht mehr aktualisiert, d.h. sie blühten während der etwas kühleren Phase der Klimaschwankungen auf der Erde (1998-2012, siehe unten) und sind seitdem – auch ungepflegt – noch online.
  • Die Beiträge behaupten »Fakten«, geben aber selten Quellen an, und oft genug nicht einmal Namen von Autoren. Und wenn es Namen gibt, haben sie im Netz gar kein Profil (z.B. LinkedIn), und sind auch keiner angesehenen Institution angeschlossen (etwa einer Uni oder den UN).
  • Selbst logisch erscheinende Argumente beinhalten Aussagen, die einfach falsch sind. Oder die Websites sind voller beeindruckend aussehenden Diagrammen, die aber keine Quellenangaben aufweisen.

Es gibt kaum ein Argument von »Klima-Skeptikern«, das nicht bei der Kernbotschaft endet: dass »Klimawandel« bloß Schwindel oder Angstmacherei sei – um uns zu manipulieren. Aber es wird nie gesagt, wer dahinterstecken soll und zu welchem Zweck.* Die Frage ist also: Was wollen die »Klimaverweigerer« von uns? Und es scheint, dass sie sagen: Tut nichts! Bleibt ruhig! Lasst den Dingen ihren Lauf – der allerdings von Big Oil, Big Food und Big Money kontrolliert wird. – An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

 

Klima – Fragen und Fakten

 

Verwirrung 1: »Die Wissenschaftler sind sich doch selbst nicht einig, ob die globale Erwärmung von Menschen verursacht wird oder nicht.«

 

Seit Anfang der 90er Jahre sind 97% der Wissenschaftler, die in der Klimatologie arbeiten, der Meinung, dass die Klimazerrüttung vom Menschen verursacht wird.*

 

Was kann ich tun?

  • Mehr zur 97%-Einigkeit der Wissenschaftler beim Konsensusprojekt (nur in englisch): theconsensusproject.com *
  • Verbreiten Sie die Nachricht. Skeptical Science hat eine Webseite, auf der Konsens-Grafiken über Social Media oder Email ausgetauscht werden können: skepticalscience.com/graphics.php *

Verwirrung 2: »Die globale Erwärmung hat aufgehört! Es wird gar nicht mehr wärmer.«

Dieser Begriff stammt aus der »kühlen« Planetenphase 1998-2012, als die globalen Temperaturen – bedingt durch eine Reihe variabler Klimaparameter* – nicht so stark stiegen wie erwartet.

Seit 2013 jedoch ist die Welt eine andere. Was auch immer der Grund war, warum Gaia uns eine Pause gab, es ist längst vorbei. Die Jahre 2014 bis 2016 waren jeweils die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen; 2017 fiel knapp hinter 2015 zurück, war aber immer noch das drittwärmste Jahr überhaupt. Dann kamen die Hitzewellen von 2018… Der 5-Jahres-Mittelwert ist mit den Modellen im Einklang, und die Temperaturkurve steigt schneller als je zuvor.

 

Verwirrung 3: »Nichts ist bewiesen. Es sind alles nur fehlerbehaftete Computermodelle.«

Es gab Fehler in der Anfangszeit; natürlich sind Modelle aus den 90er Jahren eine andere Sache als die aus den 2010er Jahren. Die Klimawissenschaft hat große Fortschritte gemacht. Aber es gibt ohnehin einen großen Unterschied zur Klimadiskussion vor 2013: Es geht nicht mehr um die Modellierung – die globale Erhitzung findet statt, sie wird durch Thermostate an Land, auf Bojen in den Weltmeeren und von Satelliten gemessen. Im Jahr 2018 schmilzt die massive Eiskappe Grönlands mit der höchsten Rate seit mindestens 450 Jahren. Wir hören regelmäßig solche drastischen Nachrichten über schmelzende Polkappen,* schrumpfende Gletscher, Fische und Vögel, die weiter nach Norden wandern, sowie drastische Unregelmäßigkeiten in den Monsunzeiten, dazu die ganze Palette von extremen Wetterszenarien. Und das alles entspricht den Computermodellen.

 

Verwirrung 4: »Es ist nicht einmal bekannt, ob CO2 eine Klimawirkung hat.«

Moleküle der Größe von CO2 und H20 fangen Wärmestrahlen auf, die von der Erdoberfläche zurückstrahlen, und halten dadurch Wärmeenergie in der Atmosphäre. Satellitenmessungen von Infrarotspektren in den letzten 40 Jahren zeigen den Zusammenhang mit steigenden CO2-Werten. 

Darüber hinaus liefert die Klimageschichte Belege: Die Wostok-Eisbohrkerne (zusammen mit der Analyse von Baumringen und Korallenriffen) geben uns Auskunft über die Klimageschichte der letzten 420.000 Jahre. Luftblasen, die im Eis eingeschlossen sind, sagen uns, wie viel CO2 und andere Gase im Laufe der Zeit in der Atmosphäre enthalten waren. CO2-Werte der Luft und mittlere globale Temperaturen sind immer eng miteinander verbunden. Das atmosphärische CO2 lag in Eiszeiten immer bei 180–210 ppm, und in den Warmzeiten bei 280–300 ppm. Es ist wichtig zu beachten, dass sich der CO2-Gehalt nie unter 180 ppm und nie über 300 ppm befand. Das vorindustrielle Niveau lag bei knapp 270 ppm. Aber im Jahr 2013 erreichten wir 400 ppm, und im Februar 2018 bereits 407 ppm. Im März 2019 411 ppm und nur zwei Monate später 415 ppm.*

 

Verwirrung 5: »Es ist nicht einmal bekannt, ob das zusätzliche CO2 in der Atmosphäre von Menschen verursacht wird.« 

Doch, man weiß es genau! Kohlenstoff existiert in 15 verschiedenen Isotopen, davon sind aber nur zwei stabil und kommen natürlich vor: 12C und 13C. Der aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe entweichende Kohlenstoff ist 14C, ein Radionukleid, das in gut fünfeinhalbtausend Jahren zerfällt (darauf basiert auch die Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung). Sein atmosphärischer Anteil kann mit Hilfe von Spektrometern gemessen werden. So findet man das aus Erdöl stammende 14C z.B. auch in Pflanzen wieder. Zweitens führt eine Verbrennung nicht nur zu einer Zunahme von CO2 in der Luft, sondern auch zu einer Abnahme von Sauerstoff O2, was ebenfalls gemessen wird. Drittens erlauben nationale Statistiken die Berechnung der C-Emissionen.

 

Verwirrung 6: »War Grönland nicht schon früher grün?«

Den Eisschild auf Grönland gibt es seit mindestens 400.000 Jahren, vielleicht waren einige Küstengebiete, in denen Wikinger landeten, zeitweilig grüner als heute.

 

Verwirrung 7: »Haben die Wissenschaftler in den 1970er Jahren nicht von einer kommenden Eiszeit gesprochen?«

Ja, in etwa 50.000 Jahren.*

 

Verwirrung 8: »Ist es nicht vermessen, uns vorzustellen, dass unsere unbedeutende Art eine so ungeheure Wirkung auf einen ganzen Planeten haben soll? Setzen Vulkane nicht viel mehr CO2 frei als wir?«

Unter den wenigen derzeit aktiven Vulkanen ist der Mount Kilauea auf Hawaii seit 35 Jahren aktiv. Der Kilauea stößt jährlich etwa 7 Mio. Tonnen CO2 in die Atmosphäre aus. Im Jahr 2018 erreichten die jährlichen menschlichen Emissionen über 36 Mrd. t. Darin sind die Auswirkungen der »Landnutzung« (siehe nächsten Abschnitt) nicht enthalten, die Gesamtmenge der anthropogenen Emissionen beträgt 41,5 Mrd. t. Die durch den Menschen verursachten CO2-Emissionen pro Jahr sind über 5.900 mal höher als die des Kilauea.

 

Aktuell stößt die Menschheit jedes Jahr rund 41 Mrd. t Treibhausgase aus.


Es ist offensichtlich, dass im Vergleich zu den massiven Mengen an Kohlenstoff, die das Erdsystem umwandelt, der jährlichen Emissionen der Menschheit durchaus gering erscheinen. Aber der springende Punkt ist, dass die Freisetzung und Wiedereinbindung von Kohlenstoff im natürlichen Kreislauf in sich selbst ausgeglichen ist, während künstlicher Kohlenstoff zusätzlich eingebracht wird. Zweitens sammeln sich anthropogene Emissionen an, weil CO2 für etwa 120 Jahren klima-aktiv ist. Deshalb spricht man vom »Kohlenstoffbudget« (Carbon Budget) der Menschheit – wir haben fast das Maximum dessen verbraucht, was wir jemals hätten emittieren dürfen.

 

Verwirrung 9: »Klimaforscher sind nur wegen des Geldes dabei.«

Dies ist eine Projektion der Bestechlichkeit jener Wissenschaftler, die von den großen Ölfirmen als »Skeptiker« bezahlt werden. An Universitäten, NGOs und unabhängigen Forschungseinrichtungen verdienen Wissenschaftler längst nicht so viel wie in der fossilen Brennstoffindustrie. Und dass Wissenschaftler sich tatsächlich (für die lebendige Welt) einsetzen, zeigt sich an ihrem Engagement in Petitionen, Warnungen an Politiker und der Gründung der Union of Concerned Scientists (»Vereinigung Besorgter Wissenschaftler«, (ucsusa.org)* mit mehr als 250.000 Mitgliedern. Im Dezember 2017 erneuerte die Vereinigung ihre Warnung an die Menschheit mit Unterschriften von mehr als 15.000 Wissenschaftlern.

 

Verwirrung 10: »Es ist jetzt sowieso zu spät. Es ist nicht realistisch, zu versuchen, unsere Emissionen bis 2050 auf Null zu senken.«

Wenn etwas nicht »realistisch« ist, dann, dass der Mensch mit offenen Augen in die Selbstvernichtung rennt und nichts dagegen unternimmt. Die tiefe Angst vor großen Veränderungen, die sowohl von Politikern als auch von Bürgern gehegt wird, beruht auf der Vorstellung, dass die Reduzierung der Emissionen zu weniger Produktivität und damit zu weniger Wirtschaftswachstum und damit zu Elend, Armut und letztlich dem Tod führt. Aber es ist das Nichthandeln, das uns schneller ins Elend führt als alles andere. Ein wesentlicher Schritt ist es, das Wirtschaftswachstum von der Beschäftigung und von echtem Wohlstand zu entkoppeln. Derzeit beruht die Wirtschaft auf dem Finanzsystem der Schulden. Es ist das konventionelle ökonomische Paradigma, das einer drastischen Überarbeitung bedarf. Tatsächlich sind bereits viele Alternativen von einer Reihe von Spitzenökonomen vorgeschlagen worden.*

 

Selbst die Weltbank und eine wachsende Zahl von Finanzagenturen und Ökonomen sagen, dass das Handeln gegen den Klimawandel nur halb so viel kosten wird wie die andere Option, weiterhin »Business as usual« zu betreiben und jeder einzelnen Zerstörung hinterherzureparieren. Tatsächlich ist es das Nichthandeln, das alle Länder immer weiter destabilisieren wird. (Denken Sie daran: Küstenstädte wie New York und San Francisco haben begonnen, Big Oil wegen ihrer 30 Jahre langen Lügen zu verklagen. – Es wäre viel billiger gewesen, wenn wir bereits in den 80er Jahren mit dem Klimaschutz begonnen hätten.)

 

Die ausführlichen Verweise/ Quellenangaben mit * finden Sie unter https://happy-planet.net/links/ , Kapitel 14, ab S. 121.

 

Buchvorstellung siehe bei Wortwelten.