Bewusstes Leben 2017


Herbst 2017


Empathie, die Kehrseite des Mitgefühls - von Mona Kino

In letzter Zeit gibt es zunehmend Artikel, die sich mit den Vor- und Nachteilen von zu viel oder zu wenig Mitgefühl, Achtsamkeit und Empathie beschäftigen. Die einen sagen, dass einen zu viel Empathie oder zu viel Achtsamkeit - wie eine böse Stiefmutter aus Grimms Märchen - unweigerlich in den Burn-out treibe. Die anderen beklagen, dass uns das Mitgefühl abhandengekommen sei. Ich habe ein 36-tägiges Empathietraining (www.trainingempathy.com) absolviert, und ich kann sagen: Weder dem einen, noch dem anderen ist so. 


Sehe ich mir die Übersetzungsmöglichkeiten im Wörterbuch an, tauchen im Englischen drei völlig unterschiedliche Begriffe für Mitgefühl auf: compassion, sympathy, commiseration, die wiederum etliche unterschiedliche Bedeutungen im Deutschen haben: Barmherzigkeit, Mitleid, Erbarmen, Sympathie, Anteilnahme, Beileid und Verständnis. Schlägt man Empathie nach, steht da neben Mitgefühl noch Einfühlungsvermögen. Das ist durchaus verwirrend. 

 

Mitfühlen bedeutet erst einmal, Gefühle von Anderen zu teilen. Diese Gefühle teilen wir meist unbewusst. Wie überhaupt achtzig Prozent unserer Kommunikation unbewusst abläuft. Nur ab und an tauchen sie in unserem Bewusstsein auf. 

Wenn wir unbewusst mitfühlen, fallen die zwischenmenschlichen Grenzen ungefähr so wie die Grenzen zwischen einem Neugeborenen und seiner Mutter fallen. Wir fühlen sozusagen die Gefühle des Anderen und sind auf unbewusster Ebene ein Mensch, statt zwei. Wir unterscheiden also nicht mehr zwischen den eigenen Gefühlen und denen des anderen. Wir sind das Gefühl, und wir spiegeln dieses Gefühl, indem wir zum Beispiel anfangen, zu weinen, wenn wir jemanden sehen, der traurig ist oder leidet.

Wenn uns das Mitfühlen bewusst wird und wir zugleich innerlich einen Schritt zurücktreten, können wir benennen, aus welchen Gefühlen dieser Zustand zusammengesetzt ist. Meist ist es eine Mischung aus Mitleid und dem starken Bedürfnis, dem Anderen in seiner misslichen Lage zu helfen. Ich fühle dann zwar wieder mein eigenes Gefühl, Mitleid, die Lage des Anderen scheint mir aber misslicher als meine eigene. Damit werte ich dann allerdings den Anderen ab und mich auf. Überspitzt gesagt sehen wir auf den Leidenden herab, wenn wir denken: „Der Arme, dem geht es ja so viel schlechter als mir. Ich kann ihm helfen, mir geht es ja so viel besser.“ 

Jeder weiß vermutlich, wie es sich anfühlt, wenn der Leidende die angebotene Hilfe vehement ablehnt: „Nee, lass mal, ist schon gut.“ Diese Ablehnung bezieht sich allerdings meist nicht auf die Hilfe, sondern auf den Teil der Botschaft, die als Abwertung empfunden wird: „Das schaffst du nicht!“

 

Im Gegensatz zu diesen eher unbewussten Zuständen ist Empathie (Einfühlung) ein Zustand, in dem ich mir zur gleichen Zeit sowohl meiner eigenen Gefühle wie auch der Gefühle des Anderen völlig bewusst bin. Neulich zum Beispiel nach einem heftigen Streit mit unserem Sohn. Er verschwand, die Türen knallend in sein Zimmer. So weit so gut. Dann hörte ich ihn weinen und es klang als wäre er drei. Ich spürte sofort den starken Impuls, ihn zu trösten, weil es ja überhaupt nicht meine Absicht war, dass er sich wegen des Streits jetzt so schlecht fühlte. Statt diesem ersten Impuls nachzugeben, hielt ich noch einen Moment länger inne und spürte dann ganz deutlich, dass unter meinem Mitleid Hilflosigkeit lag: nicht zu wissen, was ich außer diesem naheliegenden Trösten jetzt tun könnte. Ich ging zu ihm ins Zimmer, setzte mich neben ihn aufs Bett. Dann sagte ich, dass ich mich grade wohl genauso hilflos fühle, wie er und dass es nicht meine Absicht war, ihn so traurig zu machen. Und anstatt mich, wie sonst, wegzuschubsen, legte er nach der längsten Minute meines Lebens seine Hand in meine und sagte, „Ich wollte dich auch nicht so wütend machen. Wenn du magst, leg´ dich doch einfach nur kurz mal neben mich.“

 

Ich  bewertete weder seine Gefühle, noch meine als „schlimmer“ oder „besser“. Auch nicht als gleichwertig. Ich begegnete ihnen einfach mit gleicher Würde. Ich introjizierte nichts auf mich wie zum Beispiel „Gott, was bin ich nur für eine schlechte Mutter“. Und projizierte nichts auf ihn wie zum Beispiel: „Oje, der Arme“. Stattdessen war ich mit ihm im Austausch, im Dialog, darüber, wie ich mich fühle und, was ich denke, wie es ihm geht. So  bekam ich ein Feedback dazu, was er sich in diesem Moment tatsächlich wünschte. 

 

Illustration: Gesine Grotian
Illustration: Gesine Grotian

Genau hier kommt dann Achtsamkeit ins Spiel, mit der wir uns Dingen, aber auch Gefühlen bewusst werden können. Diese Achtsamkeit können wir, in zwei Richtungen nutzen: nach Innen und nach Außen.

 

Die schlechte Nachricht ist, dass wir in unserer heutigen Leistungs- und Informations-gesellschaft meistens beim unbewussten Mitfühlen steckenbleiben, wie ich es in den ersten beiden Beispielen beschrieben habe. Ganz einfach deshalb, weil wir mit unserer Achtsamkeit hauptsächlich im Außen auf Empfang oder Sendung sind. Mit dem Kopf schon beim nächsten Termin oder beim nächsten Punkt auf der To Do-Liste, und wenn dann auch noch der Kaffee umkippt und der Toaster explodiert, werden wir wütend. Aber diese Wut ist nur ein Zeichen dafür, dass wir schon vor zwei, drei Stunden unsere Grenzen überschritten und unser Bedürfnis nach einer Pause übergangen haben. 

 

Wir haben sie ignoriert und weiter gemacht, weil der Tisch oder der Haushalt ja noch voller unerledigter Dinge ist, und es uns fast scheint, dass wir den Job verlieren, wenn wir mal eine Stunde früher nach Hause gehen. Wenn dann auch noch ein Mitarbeiter, Kind, Mann, Frau, Klient, Supermarktverkäufer mit seiner schlechten Laune zu uns kommt, dann lassen wir uns auch davon anstecken und reagieren - wiederum meist unbewusst, abermals mit Wut. 

 

Die gute Nachricht ist, dass wir - Achtsamkeit sei Dank - lernen können, uns unserer Gefühle und der Gefühle der Anderen bewusst zu werden. Empathie kann man lernen, indem wir unsere angeborene Möglichkeit nutzen, uns bewusst unserem Körper, Atem, Herzen, unserer Kreativität und unseren geistigen Aktivitäten im Außen und im Innen zuzuwenden.

 

Wenn Achtsamkeit ein Muskel wäre, dann haben wir diesen gewissermaßen im Außen übertrainiert. Als würden wir Jogging ohne Stretching machen. Wir sind dann im zwischenmenschlichen Kontakt sehr gut auf das, was Außen und beim Anderen passiert eingeschossen, die Verbindung zu unserem Innen, zu dem, was wir wollen haben wir verloren. Das Gleiche passiert aber auch in die entgegengesetzte Richtung. Richte ich dauerhaft oder häufiger meine Achtsamkeit nach Innen und vernachlässige den Kontakt zum Außen, dann ist das wie Stretching ohne Jogging. Yin ohne Yang. Yang ohne Yin. Und ich bin genauso wenig im zwischenmenschlichen Kontakt wie vorher. 

 

Haben wir Eltern, die sich ihrer eigenen Gefühle, Impulse, Bedürfnisse bewusst sind, haben wir Empathie nur verlernt. Das Erlernen ist dann so, wie wenn wir eine Sprache reaktivieren, die wir als Kind schon mal gesprochen haben. Jeden Tag kommt eine weitere alte Vokabel hoch und gesellt sich in die Sätze, die zunehmend geschliffener und genauer werden. Und so können wir uns nicht nur in alltäglichen Situationen differenzierter mitteilen, sondern auch in herausfordernden Situationen.

 

Haben wir Eltern, die sich ihrer eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht bewusst sind, dann ist das schwerer, aber eben ganz und gar nicht hoffnungslos. Man muss dann das, was sie einem nicht beigebracht haben, auch noch mit lernen. Das ist dann eher so, als hätte man irgendwann mal Russisch, Japanisch oder Chinesisch gehört, müsse jetzt aber neben den Vokabeln auch noch die Grammatik und die Schriftzeichen dafür lernen. Sprich, es dauert ein bisschen länger. Aber auch hier gelingt uns irgendwann der Dialog in der neuen Sprache, in alltäglichen und herausfordernden Situationen, genauso differenziert.

 

Aus meiner Sicht geht es deshalb nicht darum, ob mehr oder weniger Achtsamkeit richtig oder falsch ist, sondern darum, sich über das Unbewusste bewusst zu werden. Und das lässt sich zum Beispiel  mit ganz einfachen Körper-  oder Atemübungen in Kombination mit Dialogübungen trainieren.  

 

Dann ist sogar die Kassiererin nicht mehr schuld daran, wenn ich wütend bin, weil sie nicht die zweite Kasse an einem heißen Tag, wie heute, aufmacht. Ja, das ist sehr ärgerlich, wenn sie nicht sieht, dass die Schlange sich ins vermeintlich Unendliche zieht. Und ja, ich bin wütend, weil ich deshalb nicht schnell genug zu Hause bin. 

Wenn ich mir darüber bewusst bin, wie ärgerlich das jetzt grade für mich ist, gibt mir das aber die  Möglichkeit, mich zu entscheiden, was jetzt notwendig ist zu tun. Also beschließe ich, das mit der Wut auf die Kassiererin zu lassen - sie sieht mich eben einfach nicht. Und wende mich stattdessen meinem Ärger zu. Frag, was ihn, was ihm denn jetzt gut tun würde? Und ich spüre überall auf meiner Haut den Dreck des Tages kleben, der sich bei der Hitze angesammelt hat. Ich denke, kein Wunder, dass ich explodiert bin, ich schwitze ja schon seit Stunden. Abkühlen also. Als ich dran bin, freue ich mich schon so auf die Abkühlung, dass ich wieder lächeln kann. Ich sage: “Puh, ganz schön heiß heute!“ Sie lächelt und sagt, ja. "Na, dann, nichts wie ab unter die Dusche“. 

 

Mona Kino, 1966, ist Autorin, zertifizierte Familienberaterin und Empathietrainerin.

Im Dezember 2016 erschien ihr zuletzt verfilmtes Drehbuch: „Die Habenichtse“ nach dem Roman von Katharina Hacker.

Derzeit schreibt sie einen Blog https://trainingempathy.com/blog/ über ihre Empathieausbildung und ein Drehbuch über häusliche Gewalt.

Sie lebt mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann in Berlin.

Diesen Artikel haben wir auf ZEIT ONLINE gefunden.


Ständige Erreichbarkeit - von Silvia Braumandl & Dr. Bernhard Becker

Dem stets wachsenden Handlungsdruck im Beruf mit mehr Achtsamkeit begegnen. Ein wichtiger Hinweis insbesondere an Führungskräfte im Umgang mit Mitarbeitern. 

Von vielen Menschen wird im Beruf und Alltag erwartet, immer und überall erreichbar zu sein. Ein gefühlter Dauerdruck der schnellstmöglichen Aktion und Reaktion. Getrieben von der großen Flut der Informationen, nicht mehr Herrscher seiner eigenen Welt. Im Resultat tritt dabei vielfach bei Mitarbeitern und auch Führungskräften eine große Informations-und Handlungsüberforderung ein, die von beginnendem Stress über Depressionen bis hin zu Burn-Out-Diagnosen reichen kann. Das Zeitalter der Digitalisierung setzt an dieser Stelle noch einen drauf. Nicht, dass hier dem Trend der zunehmenden Digitalisierung, die selbstverständlich auch ihre guten Seiten hat, widersprochen werden soll. Trends setzen aber erfreulicherweise auch Gegentrends. Der Digitalisierung auf der einen Seite steht inzwischen der große Begriff der „neuen“ Achtsamkeit gegenüber. Der schnellen Reaktion mehr die besonnene (oder auch besinnliche) Aktion. Sich wieder Zeit nehmen für sich und einen Entscheidungsprozess. Nicht sofort auf Antworten gehen, sondern „mal wieder die Achtsamkeits-Taste drücken!“ 

 

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman zeigt in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ nur zu deutlich auf, wie einfach wir uns alle tun, einer schnellen Lösung nachzukommen, ohne dass wir vielleicht genügend Informationen haben, die uns zu einem vernünftigen Schluss kommen lassen. Es nennt es System 1 und System 2. System 1 ist nun mal bequem oder unter selbsterzeugtem Handlungs-Druck und entscheidet (oft zu) schnell. 

Kurz gefasst kann die wachsende digitale Explosion zur emotionalen Implosion beim Menschen in Beruf und Alltag führen. Das hat inzwischen auch eine größer werdende Zahl an Unternehmen erkannt, die Achtsamkeits- oder Mindfulness-Methoden von der Chefetage bis zum Werksarbeiter einsetzen. Auch Google und Amazon, selbst Vorreiter in der digitalen Welt, setzen dieses um. Ansätze, die auch im Mittelstand ankommen müssen, um auch mit einem gewissen Überblick der Informations- und Handlungsflut Herr zu bleiben oder zu werden. Mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper funktioniert auf Dauer nur mit mehr Achtsamkeit, gemeint als mehr Aufmerksamkeit um und mit sich selbst in Beruf und Familie. Die Digitalisierung und damit die jederzeitige Erreichbarkeit ist da, und aus Beruf und Alltag nicht mehr weg zu denken, der persönliche Umgang damit muss auf allen Ebenen wieder und weiter geübt und möglicherweise begleitet werden.

 

www.grenzenlos-naturseminare.de, www.comes.de 


Naturverbundene Rituale für den Alltag  - Verbindung stärken

Von Judith Wilhelm

 

Rituale, die Heilung bringen, Gemeinschaften stärken, uns in Kraft und Lebensfreude bringen 

 

In der Westafrikanischen Kultur der Dagara steht Gemeinschaft im Mittelpunkt des alltäglichen Lebens. Jedes Kind spricht mehrere Frauen und Männer mit Mutter und Vater an, d.h. als eine vertraute Person, die für sie sorgt. Wenn Du in einem Dorf der Dagara lebst und ein Problem oder eine Krankheit hast, dann sieht die Gemeinschaft das immer als den Ausdruck einer Inbalance des ganzen Dorfes. Somit sorgen auch alle gemeinsam dafür, dass die Person wieder in ihre Mitte und Gesundheit kommt. Meist haben die Heilungswege mit Ritualen zu tun, an denen das Ganze Dorf beteiligt ist. 

 

Sobonfu Somé ist eine Lehrerin aus diesem Stamm der Dagara. Ihr Name ist auch ihre Lebensaufgabe. Sobonfu heißt: „Hüterin der Rituale“. Als junge Frau kam Sobonfu Somé aus einem Dorf, in dem Verbundenheit wichtiger war als fließend Wasser und Strom, in die westliche Welt, zunächst in die USA. Ihre Ältesten schickten sie gemäß der Vision, die sie für sie empfangen haben, los, ihre Rituale an Menschen der westlichen Kultur weiterzugeben. Zunächst ungern und dann in den folgenden Jahren mit großer Hingabe lebte Sobonfu Somé diese ihr gestellte Aufgabe. Sie leitete Rituale für große Gruppen von Menschen an, das Trauerritual war eins der kraftvollsten, hielt Vorträge und leitete Workshops und Ausbildungen. Sie war dabei eine Lehrerin, die mit ihrer ganzen Liebe und ihrem Mitgefühl in eine herzliche und menschliche Verbindung mit den Menschen ging. Sie war berührbar, humorvoll, kraftvoll und konnte mit ihrer von Herzen kommenden Weisheit sehr klare Worte sprechen. Sie hat durch ihre letzte 3-jährige Ausbildung einen großen Schatz von naturverbundenen Ritualen hinterlassen, die nun in Deutschland praktiziert werden. Unsere liebe Lehrerin und Freundin ist im Januar 2017 in die Anderswelt gegangen. Wir vermissen sie sehr. 

 

Naturverbundene Ritualarbeit findet immer in enger Verbindung mit den Elementen und der Natur statt. Mal spielt die Erde eine Rolle, um etwas Altes zu transformieren, mal findet das Ritual an einem Fluss statt, um etwas Blockiertes wieder ins Fließen zu bringen, mal nutzen wir die gespeicherte Weisheit der Steine, um Erkenntnisse zu erlangen, mal transformiert das Feuer auf einer ganz eigenen Ebene und bringt die neue Vision. Westafrikanische Rituale können auch für sich alleine durchgeführt werden. Doch meist dienen sie der ganzen Gemeinschaft und werden deshalb in Gruppen, unter Umständen sogar in sehr großen Gruppen erlebt. Die Zeugenschaft und neue Ziele laut vor anderen auszusprechen, spielt oft eine tragende Rolle. Und alle in ihrer Form und Buntheit so vielfältigen Rituale bringen eine neue Qualität ins Leben. Es sind immer tief transformierende Themen im Mittelpunkt. Es kann darum gehen, Dich noch mehr in deine Kraft und Deine Gabe zu bringen, deine Verbindungen zu Dir selbst, der Natur und zu den Menschen um Dich herum zu stärken, dir zu helfen, alte Wunden zu heilen, strahlender und authentischer im Leben zu stehen, Netzwerke und Gemeinschaften auf nachhaltige und friedlich-freudvolle Weise aufzubauen oder bestehende zu stärken und pflegen, etc.. 

 

Das erreichen wir, wenn wir die zwischenmenschlichen Ereignisse in unserem Leben wichtig nehmen, ihnen Aufmerksamkeit schenken und uns die Zeit nehmen, diese rituell zu ehren, selbst wenn es Krisen-Ereignisse sind. In diese Kraft, die wir in Ritualen einladen, kommen wir, wenn wir unsere Schritte von einer Lebensphase in die nächste wahrnehmen und den Wandel willkommen heißen und ihm eine Richtung geben wollen. Es gibt viele Rituale, die bei uns in Vergessenheit geraten sind, die wir wiedererlernen und uns gegenseitig schenken können. Rituale zu Geburt und in der Gemeinschaft willkommen geheißen werden, zu Hochzeit und Beziehung, zu Trennung, Verlust und Abschied, zu Krankheit und Genesung, um die eigene Gabe und Kraft zu finden, zu Schutz und Abgrenzung, zu Fülle und Reichtum, zum Übergang von einer Lebensphase in die Nächste, u.v.m..

 

Wenn wir es schaffen, unser Menschsein wieder liebevoll und authentisch miteinander zu teilen, uns gegenseitig bezeugen in der Ritualarbeit, dann leben wir in eine neue Kultur der Verbindung, Wertschätzung, Liebe und Kraft hinein. Damit können wir unseren Kindern und den nächsten Generationen eine friedliche und reiche Lebensgrundlage schenken, die sie uns danken werden. 

 

Mehr Infos dazu www.wildnisschule.de oder bei j.wilhelm@wildnisschule.de.


Sommer 2017


Wesentliche Bestandteile eines achtsamen Klassenzimmers

Autor: Daniel Rechtschaffen, aus dem Buch „Die achtsame Schule“


Wir haben in unserem Klassenzimmer ein sicheres, respektvolles und aufrichtiges Umfeld geschaffen, das den Gedanken, Gefühlen, Zweifeln, Frustrationen und allem anderen, was gerade vorgehen mag, Raum gibt. Was immer wir bemerken, ist so, wie es ist, und das ist okay. Nach unserer geführten Sitzmeditation haben die Kinder immer die Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu teilen. Dass sie in der Lage sind, so vieles auszudrücken, bewegt mich jeden Tag. Jenny Harvey, Lehrerin einer ersten Klasse

Im Folgenden finden Sie einige Empfehlungen, wie Sie Achtsamkeit in der Schule oder in Ihrer Jugendeinrichtung integrieren und so ein Umfeld schaffen können, das der inneren Verbundenheit, der emotionalen Gesundheit und sozialen Kompetenz zuträglich ist. Denken Sie jedoch daran, dass systemische Veränderungen immer effektiver sind, als einzelne Übungen mit einer bestimmten Klasse. (…)

Ein achtsamer Morgen
Vergessen Sie Ihre eigene Achtsamkeitspraxis nicht, bevor Sie in den Tag starten. Es wäre wunderbar, wenn Sie in Ihrem Arbeitsumfeld eine Gruppe finden würden, mit der Sie jeden Tag 10 bis 30 Minuten sitzen könnten. Sie könnten zum Beispiel gemeinsam eine Übung zur Herzensöffnung machen und sich und Ihren Schülern liebevolle Wünsche senden. Verbinden Sie sich mit Ihrem offenen Herzen, Ihrer Aufmerksamkeit und Ihrer Ausgeglichenheit, bevor der tägliche Wirbel beginnt. Schauen Sie, ob Sie alle ankommenden Schüler mit Ihrer unmittelbaren Aufmerksamkeit und einer innerlichen Zuwendung begrüßen können. Bemühen Sie sich jeden Schüler wahrzunehmen, ohne ihn in irgendeine Schublade Ihrer Erwartung zu stecken. Denken Sie so gut Sie können daran, dass die größte Bedeutung des Unterrichts in der Beziehung liegt – Ihre emotionale Erreichbarkeit und Ihre mitfühlende Präsenz unterstützen die Lernfähigkeit des Kindes.

Achtsame Momente einplanen
Ein offizieller achtsamer Moment zu Beginn des Tages fördert den Zusammenhalt der Gruppe und hilft allen, sich sicherer zu fühlen und aufmerksamer zu sein. Dieser achtsame Augenblick kann unterschiedlich gestaltet werden. Sie könnten eine von Ihnen ausgewählte Achtsamkeitsübung machen, wie achtsames Atmen, Hören oder Bewegen. Sie könnten auch ganz einfach gemeinsam in Stille sitzen. Es ist auch ein guter Zeitpunkt, um ein Sprechsymbol herumzureichen und sich kurz über ein Thema auszutauschen. Dieses Sprechsymbol kann ein Stock sein, ein Knetball oder jeder andere Gegenstand, den man hält, während man spricht und alle anderen dem Sprechenden zuhören. (…)
Achtsame Augenblicke sind auch hilfreich, wenn in der Klasse gerade große Unruhe herrscht oder eine Situation emotional aufgeladen ist oder war, wie eine Meinungsverschiedenheit oder ein Streit zwischen den Schülern. Es ist sehr hilfreich, die Schüler selbst um einen achtsamen Klassenmoment bitten zu lassen, vor einem Test zum Beispiel oder wann immer es eine Menge Stress gibt.
Auch kurz vor Unterrichtsende oder nach der Pause sind gute Zeitpunkte für einen Augenblick der Achtsamkeit. Achtsamkeitsübungen können Übergänge erleichtern, indem Sie die Schüler im Laufe des Tages immer wieder an einen Ort der Stille zurückbringen.

Friedensecke
Linda Lantieri war die Wegbereiterin des Konzepts der Friedensecke, das mittlerweile in Schulen auf der ganzen Welt eingesetzt wird. Eine Friedensecke ist ein sicherer, fürsorglicher, fest zugeordneter Platz im Klassenzimmer oder an einem anderen Ort im Schulgebäude. Am besten wäre es, diesen Ort zusammen mit den Schülern auszusuchen. In diesen Ecken können sich Gegenstände befinden, die man in die Hand nehmen und mit denen man spielen kann, Malsachen oder beruhigende Musik auf einem MP3- Player. Die Ecke wird mit Kissen, Stoffen und anderen angenehmen Materialien dekoriert. Die Schüler gehen selbst in diese Ecke. Dies ist kein Ort, an den ein Schüler von einem Lehrer geschickt wird; man kann dahin gehen, wann immer man will. Die Schüler gehen in die Friedensecke, wenn sie sich unausgeglichen fühlen und kommen zurück, wenn sie wieder bereit sind zu lernen.
Die meisten Lehrer sagen, dass die Schüler in die Friedensecke gehen, unmittelbar bevor sie ihrem Ärger oder ihrer Frustration freien Lauf lassen würden und nicht lange dort bleiben. Alle Lehrer, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass ihre Schüler nicht mehr als 5 oder 10 Minuten in der Friedensecke bleiben und diesen Ort nicht dazu benutzen, um Unterrichtsstunden zu schwänzen.
Es besteht auch kein Grund, es bei einer Friedensecke zu belassen. Wir können das ganze Klassenzimmer und die ganze Schule friedlich gestalten. Achten Sie auf die Bilder, das Licht und die Sitzordnung in Ihrer Klasse. Setzen Sie sich einmal auf den Stuhl der Kinder und schauen Sie, wie sich diese Lernumgebung anfühlt. Was könnte zur Entspannung Ihres Nervensystems beitragen und Sie zum Lernen motivieren? Fragen Sie auch die Kinder. Die Schüler haben manchmal wundervolle Ideen, wie man das Klassenzimmer gestalten kann und diese Form des Dialogs vermittelt den Kindern das Gefühl, dass ihr Wohlergehen wichtig ist.

Achtsame Sprache verwenden
Sobald die Schüler erste Erfahrungen mit dem Achtsamkeitstraining gesammelt haben, kann man einige grundlegende Begriffe einführen. Vorschläge für solche Stunden finden Sie in dem Abschnitt der Achtsamkeitslektionen und Übungen. In diesen Stunden lernen die Schüler, ihre Empfindungen, Emotionen und Gedanken in Worte zu fassen. Ein Achtsamkeits- Wortschatz hilft den Schülern, klar über ihr Inneres sprechen und sich den anderen besser mitteilen zu können. Die Schüler lernen, was es bedeutet ihren achtsamen Körper aufzuwecken. Ein achtsamer Körper heißt, dass wir auf die Empfindungen unseres Körpers achten und uns des Raums um uns bewusst sind. Es bedeutet auch, dass wir uns der zwei Säulen der Achtsamkeit bewusst sind: Fokus und Entspannung. Man kann die Schüler auch auffordern ihren „achtsamen Körper aufzuwecken“, bevor sie auf eine  Exkursion oder in die Pause gehen, damit sie daran denken, vorsichtig und aufmerksam
zu sein.
Ein weiterer Kerngedanke ist der Atemanker. Der Atemanker ist eine Fokussierungsübung, in der wir darauf achten, wie sich unser Atem in unserem Bauch anfühlt. Wir sagen den Schülern, dass der Atemanker ihnen hilft, sich wieder ruhig und gesammelt zu fühlen, selbst wenn es im Augenblick gerade ziemlich chaotisch zugeht in ihrem Leben. Wenn die Schüler ihren Atemanker einmal kennen, dann können Lehrer oder auch andere Schüler sie daran erinnern, wann immer es zu einer stressigen oder belastenden Situation kommt. (…)
Herzensöffnung und Herzensverbundenheit sind weitere Begriffe, die für die Schüler hilfreich sind. Sie beziehen sich auf Achtsamkeitspraktiken, bei denen man sich auf positive emotionale Zustände wie Freude und Mitgefühl konzentriert und lernt, bewusst mit  schwierigen Emotionen wie Wut und Trauer umzugehen. Wenn die Schüler lernen, liebevolle und fürsorgliche Gedanken zu senden, dann können wir sie immer wieder zu ihrer Herzensöffnung zurückführen, wenn heikle Dinge in der Klasse vorgehen oder jemand besonders emotional wird. (…)

Vereinbarungen treffen
Gleich ob Sie in einer Schule, in einer Jugendstrafanstalt oder als Psychotherapeut arbeiten, es ist in jedem Fall ungeheuer wichtig, gemeinsam Vereinbarungen zu treffen. Um einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem die Schüler sich wohlfühlen, ihre Gefühle mitteilen und sie selbst sein können, laden wir sie ein, mit uns zusammen in einem demokratischen Prozess, Vereinbarungen zu treffen. Diese Praxis der Gruppenentscheidungen ist an sich schon eine erstaunliche gemeinschaftliche Lernerfahrung. Regeln, die gemeinsam beschlossen wurden, stoßen meist auch auf weniger Widerstand.
Natürlich wird es immer Regeln geben, die vom Lehrer aufgestellt werden und nicht zur Diskussion stehen. Es ist wichtig, diese Regeln zu erklären. Alle Regeln sollten dazu dienen, eine sichere, inspirierende Atmosphäre zu schaffen, eine einfache Erklärung sollte also reichen, um den Zweck einer Regel zu erklären. Wenn es die Regel gibt, dass niemand in der Klasse angegriffen oder verletzt werden darf, dann ist das ganz leicht damit zu erklären, dass Ihnen die Sicherheit aller Schüler am Herzen liegt und Sie wollen, dass alle dazu beitragen, dass man in der Klasse lernen, sich entspannen und glücklich sein kann. Wenn eine Regel sehr schwierig zu erklären ist, ist es möglicherweise keine sehr gute Regel. Bevor Sie beginnen gemeinsame Vereinbarungen zu treffen, könnten Sie erklären, warum Sie sich für die bestehenden Klassenregeln entschlossen haben.
Als erster Schritt zu gemeinsamen Klassenvereinbarungen könnten Sie gemeinsame Werte bestimmen. Schreiben Sie alle Werte auf, die für die Schüler zu einem idealen Klassenzimmer gehören. Einige Beispiele wären: Sicherheit, Respekt, Fairness und Spaß. Danach besprechen die Schüler untereinander, welche Vereinbarungen ihrer Meinung nach einen der gemeinsam gefundenen Werte fördern würden. Für Respekt zum Beispiel könnten die Schüler sagen: „Keine abfälligen Bemerkungen“ oder „Niemand nimmt dem anderen etwas weg.“
Nachdem alle diese Vorschläge niedergeschrieben wurden, schaut man, auf welche Vereinbarungen sich die ganze Klasse einigen kann. Danach sprechen Sie darüber, was passiert, wenn diese Abmachungen nicht eingehalten werden. Was würde zum Beispiel mit dem Vertrauen innerhalb der Klasse geschehen, wenn die Vereinbarung gebrochen würde und welche Schritte wären notwendig, um dieses Vertrauen wieder aufzubauen?
Sie können alle Vereinbarungen auf ein Blatt Papier schreiben und es an die Wand heften. Wenn die Klasse eine neue Vereinbarung beschließt oder eine bereits beschlossene verändern will, dann nehmen sie das Papier von der Wand und sprechen erneut darüber. So können laufend Gespräche über neue Erfahrungen und neue Vereinbarungen geführt werden.
Diese Art der Diskussionen ermächtigt die Kinder gemeinsam Klassenregeln zu erstellen, was auch bedeutet, dass sie nicht das Gefühl haben, gegen diese Regeln ankämpfen zu müssen. Da diese Vereinbarungen aus dem entstanden sind, was den Schülern selbst wichtig ist, fällt es ihnen auch leichter, sie zu akzeptieren. Vereinbarungen sind für jede soziale Situation essentiell, Manchmal braucht es ein wenig Zeit, damit sie sich durchsetzen. Geben Sie sich und den Kindern diese Zeit. Das stärkt die Schüler und nimmt Ihnen den Druck. Während die Gruppe lernt sich selbst zu regulieren, verbessert sich auch die innere Regulation der einzelnen Schüler.

Achtsamkeit ist immer freiwillig
Achtsamkeit sollte immer eine Alternative aber nie eine Vorgabe sein. Wenn wir Achtsamkeit anordnen, dann entgeht den Schülern womöglich die Schönheit dieses Angebots, einfach weil sie nicht gesagt bekommen wollen, was sie zu tun haben. Wenn man ihnen die Wahl überlässt, dann ist es ihre eigene Entscheidung. Sie können Achtsamkeit  unvoreingenommen betrachten und selbst entscheiden, ob das etwas für sie ist oder nicht. Die Achtsamkeitslektionen sollten auch nicht auf die Schüler beschränkt werden, die sich durch ihre schulischen Leistungen hervorgetan oder es auf irgendeine andere Art „verdient“ haben. Stellen Sie sicher, dass niemand von der Achtsamkeitszeit ausgeschlossen wird, selbst unaufmerksame oder schwierige Kinder nicht. Manchmal ist es besser sehr langsam vorzugehen, um alle an Bord zu holen, statt die Dinge voranzutreiben, indem man Hindernisse beseitigt. Achtsamkeit ist für alle da.
Schüler, die nicht mitmachen wollen, können am Rand des Klassenzimmers sitzen oder einfach ruhig auf ihren Plätzen bleiben und nicht mitmachen. Sehr oft beginnen Schüler sich nach einigen Stunden doch dafür zu interessieren, einfach weil ihnen gefällt, was sie mitbekommen oder ihre Freunde ihnen erzählt haben. Es ist wesentlich zielführender, ein Kind einfach in Ruhe zu lassen, das dann vielleicht später aus eigenem Antrieb mitmacht, als seine Teilnahme anzuordnen und es die ganze Zeit mitschleppen zu müssen. Achtsamkeit, die aufgezwungen wird, ist keine Achtsamkeit.

Gesprächskreis
Ein Gesprächskreis ist eine Kommunikationsstruktur, die zu nicht-hierarchischem Dialog und intensivem Zuhören einlädt. Hier finden die Eigenschaften Anwendung, die wir durch Achtsamkeit fördern wollen. Die Kinder sind eingeladen, achtsam zuzuhören und empathisch und authentisch zu sein. Der Gesprächskreis eignet sich für alle Altersgruppen. Kleine Kinder lieben es, wenn ihnen alle aufmerksam zuhören und diese Praxis hilft ihnen, emphatisch zuzuhören und geduldig zu sein, bis sie an der Reihe sind. Ältere Schüler nutzen den Gesprächskreis, um das, was sie in ihren Achtsamkeitsstunden gelernt haben,  umzusetzen. Sie können Fragen und Schwierigkeiten besprechen und Einsichten teilen, zu denen sie gelangt sind.
Für einen Gesprächskreis ist es maßgeblich, zuerst einen sicheren Rahmen zu schaffen. Dazu stellt man die Stühle in einem Kreis auf und sorgt dafür, dass niemand unterbrochen wird. Dann erklärt man, dass alles, was hier besprochen wird, vertraulich ist und holt dazu das Einverständnis der Schüler ein. Sie können eine Glocke läuten, einen Teddybär in die Mitte setzen oder irgendein anderes Ritual festlegen, das den Beginn des Gesprächskreises kennzeichnet. Ein Ritual zu Beginn und als Abschluss schafft einen sicheren Rahmen. Ein Sprechsymbol hilft dabei, dass konsequent nur eine Person spricht und alle anderen zuhören. Das könnte ein Knetball sein oder irgendein anderer Gegenstand, den die Kinder in der Hand halten, wenn sie sprechen. Derjenige, der spricht, ist eingeladen, offen und von Herzen zu sprechen. Die anderen sind aufgefordert achtsam zuzuhören und wirklich wahrzunehmen, was der Sprechende sagt. Man kann die Kinder entweder reihum sprechen lassen oder eine beliebige Reihenfolge wählen, bei der jeder, der sprechen will, seine Hand hebt. Niemand wird gezwungen zu sprechen, aber Sie können die Ruhigeren ohne weiteres ermutigen, sich zu Wort zu melden.
Um das Gespräch in Gang zu bringen, stellt man eine Geschichte, ein Zitat oder eine Frage zur Diskussion. In den Achtsamkeitsstunden ist der Gesprächskreis eine wunderbare Möglichkeit für die Schüler, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die Schüler lesen eine Geschichte oder ein Zitat, das zum Thema der Stunde passt, und sprechen dann darüber, wie sich diese Angelegenheit in ihrem Leben darstellt. Fragen, die das soziale oder emotionale Leben der Schüler betreffen, eröffnen die Möglichkeit für wichtige Gespräche über die Art und Weise, wie man Achtsamkeit ins alltägliche Leben integriert. (…)

Gekürzter Textauszug aus ©Rechtschaffen, Daniel: Die achtsame Schule, Freiburg 2016, mit freundlicher Genehmigung des Arbor Verlages, www.arbor-verlag.de
Foto: © Rawpixel Thinkstock.com


Frühling 2017


Am Anfang ein Traum - von Mike Kauschke

Über die tieferen Quellen sozialen Wandels

„Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ Hermann Hesse

Vor einigen Wochen sprach ich mit einer Freundin, deren Tochter begonnen hat, Konfliktforschung zu studieren. Sie erzählte, wie schwierig es für die junge Frau sei, mit der Fülle an dramatischen Nachrichten zurechtzukommen, die nun durch Erfahrungsberichte von sozialen Brennpunkten überall auf der Welt auf sie einströmen. Denn diese drastischen Berichte finden nur selten einen Ausgleich in Erfolgsgeschichten wirksamer gesellschaftlicher Veränderung. Schnell kann da die Hoffnung auf eine tatsächliche Transformation unserer Welt verloren gehen – eine Hoffnung, die uns erst veranlasst, uns für den Wandel zu engagieren. Nach dem Gespräch fragte ich mich, ob wir dabei nicht oft die tieferen Quellen der Hoffnung vergessen.

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Ein Leben in Glück und Freiheit - ein Erfahrungsbericht von der Familie Leviro

Wir haben unser Unternehmen in der Schweiz verkauft, das Haus aufgegeben und unsere Kinder aus den Schulen genommen. Heute bereisen wir die Welt und leben von unserem Online-Unternehmen, mit dem wir die Menschen zu mehr Tiefgang und einem wahren Leben bewegen. Wir sind die Familie Leviro und haben uns für ein Leben fern von Konventionen entschieden. Heute dürfen wir einen erfüllten, glücklichen und freien Alltag purer Lebensfreude erfahren.

Noch vor wenigen Monaten lebten wir in einem Wohnmobil, mit dem wir mit unseren 3 Kindern durch den Südwesten Europas bis in die Sahara fuhren. Wie lange die Reise dauern sollte, war nicht auszumachen, da wir aufgehört haben die Zukunft zu verplanen. Es hätte gut sein können, dass wir bis ins Tiefe Afrika fahren und eine lange Lebensreise daraus machen. Genauso wäre es aber möglich gewesen, dass wir nach wenigen Wochen wieder entschieden hätten umzukehren und uns ein Haus in der Schweiz zum Wohnen suchen. Schlussendlich wurde es mit der 6-monatigen Reise etwas dazwischen. Lernen durften wir was es heißt dem Leben zu vertrauen und dadurch an den Platz zu kommen, zu welchem wir bestimmt sind, um unsere Lebensaufgabe erfüllen zu können.

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„Vertrauen“ - ein kleines Wort, aber mit einer unglaublich großen Bedeutung für uns und unser Leben - von Susanne Schwarz

Was genau bedeutet Vertrauen? Hier die Definition von Wikipedia:

„Vertrauen ist in psychologisch-, persönlichkeits- und theoretischer Perspektive definiert als subjektive Überzeugung von der (oder auch als Gefühl für oder Glaube an die) Richtigkeit, Wahrheit bzw. Redlichkeit von Personen, von Handlungen, Einsichten und Aussagen eines anderen oder von sich selbst (Selbstvertrauen). Zum Vertrauen gehört auch die Überzeugung der Möglichkeit von Handlungen und der Fähigkeit zu (eigenen) Handlungen. Als das Gegenteil des Vertrauens gilt das Misstrauen.“

Dazu auch passend ein kurzes Zitat von Mahatma Ghandi:
„Misstrauen ist ein Zeichen von Schwäche.“

Wenn Vertrauen grundsätzlich fehlt, regiert die pure Angst. Aber auch wenn das bereits vorhandene gesunde Vertrauen plötzlich durch Ereignisse erschüttert wird, löst das ebenfalls Ängste und Unsicherheit aus. Solche Ereignisse kennt jeder in seinem Leben, nahe Menschen, die einen verletzen oder das bereitwillig geschenkte Vertrauen missbrauchen. Und leider auch Ereignisse, die uns zwar nicht direkt in unserem Umfeld betreffen, sondern die auf der Welt passieren und uns schockieren, unsicher machen und damit insgesamt unser allgemeines Vertrauen verringern und eine nicht richtig greifbare, schwelende Angst auslösen.
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Erwachsen werden in der Wildnis – brauchen wir das noch? Ein Erfahrungsbericht - Autorin: Judith Wilhelm

Passiert Erwachsen werden automatisch mit dem 18. Geburtstag? Wer sind die Vorbilder, die Jugendlichen das Erwachsen werden attraktiv erscheinen lassen? Wer sind die Mentoren, die Jugendlichen Werte vermitteln und sie im Kreis der Erwachsenen willkommen heißen?
Unsere Vorfahren wussten noch, dass Erwachsen werden nicht von alleine passiert. In den Märchen Der Eisenhans und Die schöne Wassilissa sind Männer- und Fraueninitiationswege beschrieben. Diese Wege funktionieren für uns heute noch genauso. (siehe auch Angelika Hirsch: An den Schwellen des Lebens – Warum wir Übergangsrituale brauchen).
Steven Foster und Meredith Little sind zwei VorreiterInnen in Sachen Jugendvisionssuche, indem sie vor über 30 Jahren die Initiationsriten von vielen verschiedenen indigenen Völkern zusammentrugen und die Grundprinzipien herausarbeiteten. Allen Initiationsriten gemeinsam ist: 1. das Alleinesein, 2. das Fasten und 3. in der Natur sein.
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Winter 2017


#Familie - Entspannter Umgang mit digitalen Medien - Von Detlef Scholz

Ein Interview mit Detlef Scholz zu seinem neuen Buch:

 

Inhalt des Buches: „Kinder und Jugendliche sind oft überfordert, wenn man ihnen die Verantwortung für ihren Medienkonsum komplett überlässt. Zu groß sind die Verlockungen und Attraktionen, zu wichtig die sozialen Kontakte, als dass sie das digitale Schlaraffenland freiwillig verließen. Kontrolle und Verbote können daran nichts Grundsätzliches ändern.
Den richtigen Umgang mit Medien lernen Kinder nicht in den Medien, sondern in der Familie. Detlef Scholz lenkt den Blick auf die entscheidenden Faktoren: Den Entwicklungsstand und die Bedürfnisse der Kinder, den Nutzen beim Gebrauch von Internet & Co, das Vorbild, das die Eltern mit ihrem eigenen Verhalten geben, und viele weitere Aspekte untersucht der erfahrene Berater auf ihre Wirkung für das Leben und Zusammenleben in der Familie.
Der Autor greift dabei auf Erkenntnisse der Hirn-, Lern-, Medien- und Familienforschung zurück und verbindet diese mit bewährten Erziehungsprinzipien. Anregende Fragen, Experimente und Übungen unterstützen Eltern wie Kinder bei der Selbstreflexion. So wird schnell deutlich, worum es eigentlich geht: Abenteuer, Geborgenheit und Glück in der Beziehung zu anderen zu finden.“

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Haben Sie Angst? Von Andreas Winter

© Guter Punkt - unter Verwendung von shutterstock.com und thinkstock.com

Na klar haben Sie Angst! Jeder hat doch irgendeine Form von Abscheu, Vorbehalten, Befürchtungen oder Panik. Über sieben Millionen Deutsche leiden sogar unter einer diagnostizierten spezifischen Phobie, Tendenz steigend. Aber keine Bange, das kriegt man wirklich weg! Ich weiß es, denn ich war der ängstlichste Junge, den Sie sich vorstellen können.

 

Vielleicht nicht in jeder Hinsicht ängstlich, aber ich hatte Angst vor Lehrern, vor Mitschülern, vor Einbrechern, vor Kellern und Spinnen, ja eigentlich vor allem. Damit war ich sicher nicht der Einzige in der Klasse, aber mich quälten meine Ängste so sehr, dass ich mit 15 Jahren beschloss, damit nicht mehr länger leben zu wollen. Ich nahm mir vor, angstfrei zu werden. Es wurde allerdings ein langer Weg. Jahrelang versuchte ich, eine Angst nach der anderen in die Zange zu nehmen, mich zu überwinden, mir Mut einzureden und mich zusammenzureißen oder zu disziplinieren. Doch egal, was ich tat, es tauchten immer neue Ängste in meinem Leben auf: Die Angst, ein Mädchen anzusprechen, die Angst, ein Referat zu halten, später die Angst vor dem Autofahren oder Angst vor Prüfungen. Mein Versuch, mich zu befreien, war fast wie Herakles’ Kampf gegen die schlangenköpfige Hydra. Wurde ihr ein Schlangenkopf abgeschlagen, wuchsen sogleich zwei neue nach. Je mehr man ein Symptom bekämpft, ohne die dahinterliegende Ursache aufzuarbeiten, desto deutlicher zeigt sich der innere Konflikt! Alles wird schlimmer. Sich zusammenreißen brachte also nichts. Eine chronische Bronchitis, chronischer Schnupfen, Schulversagen, Sprachstörungen, Konzentrationsstörungen, psychosomatische Angststörungen, soziale Hemmungen, Begabungsdefizite und Weinerlichkeit waren unerträgliche Folgen meiner Ängste. Lächerlich, peinlich, ein Jammer!

 

Doch irgendwann, ich war schon 18 Jahre alt und stand kurz vorm Abitur, las ich das Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ von den Gebrüdern Grimm. Erinnern Sie sich an das Märchen? Der jüngere Sohn eines Töpfers galt als naiv und dümmlich, weil er sich vor nichts fürchtete. Weder Geister noch Friedhöfe oder Galgen ängstigten ihn. Mich hingegen faszinierte seine Furchtlosigkeit, und mir wurde durch dieses traditionelle Märchen klar, dass man Angst zunächst erlernen muss. Dieser Gedanke ließ mich fortan nicht mehr los. Wenn jemand vor etwas Angst hat, so muss er die befürchtete Situation zunächst einmal in seiner Gefährlichkeit kennengelernt, genauer gesagt emotional erlebt haben. Ich wusste bereits von Konditionierungen, Reiz-Reaktions-Verknüpfungen und Auslösern, und so bestätigte sich in den folgenden Jahren während meines geisteswissenschaftlichen Studiums mein Verdacht. Es war das Gegenteil von dem, was ich an der Uni in den Vorlesungen hörte, denn da hieß es immer, Angst entstünde angesichts des Unbekannten. Aber einmal ehrlich, wenn Sie Angst vor dem Unbekannten hätten, dann hätten Sie auch Angst vor diesem Buch, denn Sie kennen ja den Rest des Inhaltes nicht. Sie müssten gleich morgens nach dem Aufwachen Angst bekommen, denn der Tag, der vor Ihnen liegt, ist unbekannt. „Niemand hat Angst vor ‚Schnirx‘“, sage ich heute bei meinen Vorträgen immer. „Warum nicht? Weil niemand ‚Schnirx‘ kennt.“ Wir haben nur Angst, wenn wir die Gefahr einer Sache bereits kennen oder sie mit einer ähnlichen Situation in Verbindung bringen. Ein Märchen brachte mich auf diesen Zusammenhang; meine Forschung in Sachen Angst wurde eine faszinierende und spannende Arbeit, denn dadurch zeigte sich mir der goldene Schlüssel zur Angstfreiheit, mit dem ich alle meine Ängste vollständig und in Sekunden auflösen konnte.

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Wesentlich werden - von Andreas Meyer

Der Weg zu innerem Wachstum, sei es im Alltag oder bei Meditation und Konzentrationsübungen, führt letztlich immer in Richtung Selbst-Werdung. Alles, was uns innerlich den ganzen Tag über prägt, beeinflusst und seine Wirkungen in uns hinterlässt, vollzieht sich über unsere Aufmerksamkeit. Entscheidend ist deshalb vor allem, womit und in welcher Weise sich die Aufmerksamkeit verbindet.

Beim Betrachten der Struktur unseres Alltagsbewusstseins stellen wir fest, dass unsere Aufmerksamkeit sich normalerweise in einer Überfülle von Eindrücken, Gedanken und Tätigkeiten zerteilt, bis hin zum Getriebensein von den vielen, vermeintlich notwendigen Aufgaben. Eine radikale Selbstbesinnung, wie sie oft äußerlich durch Lebenskrisen, Krankheit oder das Wissen um eine begrenzte Lebensdauer eintritt, kann helfen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.
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