Bewusstes Leben 2018


Winter 2018


Die Erweiterung des Begriffes der Nachhaltigkeit auf das menschliche Bewusstsein - Von Karin Karina Gerlach

Ein Selbsterfahrungsbericht 

 

Nachhaltigkeit kann ein Sinnbild für ökologischen Anbau, eine umweltgerechte Lebens- und Konsumweise, für eine Wirtschaft im Sinne der Generations-Gerechtigkeit sein, für Entwicklungs-, Finanz- und Umweltpolitik, Architektur und Wissenschaft aber auch für den bewussten Umgang mit sich selbst, was von all dem unabhängig ist.

 

Bewusstsein wirkt sich nachhaltig auf den inneren Frieden und damit auf die eigene Gesundheit aus. Klarheit, was die eigenen Bedürfnisse betrifft, reduziert sowohl den unbewussten Raubbau am eigenen Körper als auch den Raubbau der Erde. Der dem Menschsein immanente Selbst-Zerstörungs-Prozess wird gestoppt. Das stabilisiert die Selbstheilungskraft des Körpers. Diese Wahrheit offenbarte sich mir innerhalb eines einfachen Selbst-bewusst-seins-Prozesses, der in der Welt als „The Work of Byron Katie“ bekannt geworden ist. Überraschenderweise setzte eine Regeneration (Heilung) meines Körpers ein, gekoppelt an eine heilsame Erdverbundenheit. Das durch bislang falsches Denken und Verhalten gestörte Körpersystem kommt in Balance. Durch die Klärung meines Ich-brauche-Verstandes bin ich in die natürliche Ordnung der Dinge hineingewachsen. Es ist wie ein Ankommen in der Zeitlosigkeit des Seins, in einer mystischen Stille, wo sowohl das eigene Verständnis über die Natur, die Erde, über Tiere, Pflanzen und Menschen seine Bedeutung verloren hat. Weil ich einen Zeitablauf nicht mehr sehen kann, bin ich selbst zeitlos. Durch die angenehme Achtsamkeit meiner selbst ist es leicht im Einklang mit der Natur zu leben und sanft mit den Ressourcen umzugehen, weil ich ansonsten mich selbst und das wunderbare lebendige Wesen, das die Erde ist, verletzen würde. Eine ökologische Konzeption, die oft mit einem aufgesetzten Verzicht einhergeht, ist überflüssig.

 

Es ist die Umkehr vom Haben zum Sein, durch die jeder Mensch die Zeitlosigkeit erahnen kann. Hier erübrigt es sich den persönlichen Alterungsprozess aufhalten zu wollen. Es ist eben der Einklang mit den Naturgesetzen ohne Gegenwehr. Hingabe an die Wirklichkeit, an die Schönheit des Seins, die immer perfekt ist. Es ist wohl auch das, worauf das chinesische Wu We hinweist: Absichtsloses Tun, ein Tun ohne den Anspruch der Verbesserung, weil das, was ist, gut ist.

 

Das Wesen des Bewusstseins ist die Spiegelung. Ihre uneingeschränkte Anerkennung hier und jetzt ist der heilige, heilsame Weg nach innen, auf dem sich der unbewusst eingeprägte Trennungs-Gedanke „Ich“ auflöst und Liebe erwacht. Die Ich-Separation und die daran gekoppelte körperliche Erscheinung ist das Ergebnis der Ignoranz der Spiegelung. Die Folge ist die an der Wurzel eines jeden Menschen sitzende Überlebens-Angst. Sie äußert sich als Angst vor Bedrohung, Wut, Zorn, Frustration, Bedürftigkeit, Verletzt-Sein, Traurigkeit, Depression usw. Diese Emotionen sind nicht falsch, schlecht oder negativ. Sie müssen nicht verändert, geheilt oder überwunden werden. Als wunderbare Achtungs-Signale sind sie Signale (Wecker) des Bewusstseins selbst, das den Ich-Menschen in die Wirklichkeit, die Liebe ist, zurückruft. In dieser Folge geschehen so manche Aha-Erkenntnisse.

 

Die Offenbarung der persönlichen Heilung ist längst nicht alles. Es offenbart sich die Weisheit der Mystiker aller Zeiten. Es kommt Licht in die Erkenntnisse der Hirnforschung über die Illusion des freien Willens, was dem Verstand unbegreiflich ist. Die Erkenntnis der Illusion des Ich-Gedankens kommt dem Zustand des erleuchteten Seins gleich. Das geheimnisvolle Tao offenbart sich gleichermaßen wie auch das Geheimnis der Evolution und die dem Verstand nicht wirklich zugänglichen Erkenntnisse der Quantenphysik, das Ellam Ondre (Alles ist Eins), um nur Einiges zu nennen. Es offenbart sich das Mysterium der Schöpfung, der Ursprung von allem, die Entstehung des Menschen die Ursache seines unbewussten selbst-zerstörerischen Verhaltens. Es offenbart sich die Illusion der Trennung von Leben und Tod, das dem Verstand verborgene Geheimnis der Unsterblichkeit. Und: Glaube all das nicht, lieber Leser! Sieh selbst, was wirklich und wahr ist. Es ist DAS, was nachhaltig immer hier ist. Bewusstsein.

 

Neu erschienene Bücher zum Thema Erwachen im Bewusstsein:

Es handelt sich um spirituelle Texte mit symbolischem Charakter, die das Bewusstsein und damit die innere Liebe beim Leser nachhaltig erwecken können:

 

Offenbarungen durch „The Work of Byron Katie“, „Mensch und Bewusstsein“, Univers-Umkehrgedichte, ISBN: 9783746029658.

 

„Das Mysterium der Schöpfung oder Die Architektur des Geistes“, Selbstoffenbarung, ISBN: 9783746018645.

 

„Geheimnisvolle Spiegelung“, Selbstoffenbarung in mystischen Versen, ISBN: 9783746014623.

 

Gedankenüberprüfung und spirituelle Unterweisungen - Mai-Oktober in 14554 Seddiner See mit Übernachtungsmöglichkeit;

Dezember-März auf La Gomera.

 

Karin Karina Gerlach, Diplomphysikerin, spirituelle Lehrerin, ger.lach@gmx.de , www.umkehrkurs.de 

 


Mut und Transzendenz - Von Wolf Sugata Schneider

Die Komfortzone als Nest und Gefängnis

 

Spirituelle Ratgeber neigen dazu, zwei einander fundamental entgegengesetzte Empfehlungen zu geben. Einerseits sagen sie: »Akzeptiere dich so wie du bist! Es ist, wie es ist!« Dies hinzunehmen sei die Essenz von Weisheit, Hingabe, Gnade – Gracias a la vida que me ha dado tanto. Diese Dankbarkeit gegenüber dem Leben sei die wahre Spiritualität. Andererseits behaupten sie, dass es auf dem spirituellen Weg vor allem darum gehe, die eigene Komfortzone zu verlassen, in der wir uns doch nur um uns selbst drehen, um unsere Gedanken- und Verhaltensmuster, das Ego, das gesellschaftlich Akzeptierte, das uns gefangen hält, weil wir nicht den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und zu unserer Einzigartigkeit zu stehen. 

 

Die Komfortzone als Kuschelzone

Ja, was nu? Ist die Komfortzone die perfekte Kuschelzone zur Regeneration der sich selbst Liebenden, die dann umso mehr andere lieben können? Oder ist sie der Unterschlupf des Ego, in das es sich vor den Zumutungen der Welt da draußen mit ihren harten Realitäten zurückziehen kann, wann immer es herausgefordert wird? 

Irgendwie scheinen hier beide Seiten Recht zu haben. Die Schlaueren unter uns Spiris werden deshalb geneigt sein, diesem Gegensatz mit Begriffen wie „Polarität“ oder „Paradoxie“ die höheren Weihen zu erteilen. Womit wir uns aber um die eigene Weiterentwicklung rumdrücken, die dieser Widerspruch doch eigentlich bietet. 

 

Wir sind Werdende

Vielleicht helfen hier ein paar Begriffspräzisierungen und Betrachtungen von der Metaebene aus. Zunächst mal sollte Akzeptanz dessen, was ist, nicht verstanden werden als Lob der Apathie und Empfehlung, die Hände in den Schoß zu legen. Man kann auch den eigenen Tatendrang akzeptieren, ihn abzulegen wäre dann sozusagen 'unspirituell'. Zweitens ist Selbstliebe nicht dasselbe wie ein sich selbst beweihräucherndes Feiern des Status quo. Wenn Selbstliebe als Absage an das eigene Entwicklungspotenzial missverstanden wird, führt sie zur Selbstgerechtigkeit. 

Wenn wir hingegen uns als Werdende, sich Entwickelnde verstehen, impliziert Selbstliebe, dass wir nicht die bleiben, die wir sind. Dann sagt der Frosch nicht mehr zur Prinzessin, die ihn küssen will: „Neeeeeiiiin!!! Ich will so bleiben, wie ich bin!!!“, sondern versteht sich als Werdender, sich Wandelnder – und kann so zum Prinzen werden. Wer sich selbst so liebt, wie er aktuell ist, wird auch dem natürlichen Bedürfnis nach Entwicklung des eigenen Potenzials zustimmen wollen, denn auch das gehört zum Status quo. So nähern sich die beiden Seiten schon ein bisschen an. 

Und das Ego ist nicht des Teufels Kern. Es sei denn man definiert es zum Beispiel als die jeweils aktuelle Summe der eigenen blinden Flecken. Die reduzieren zu wollen ist durchaus immer ein lohnendes Ziel. Aber auch hierbei kann man ins spirituelle Strebertum verfallen.

 

The call to action – der Ruf

Als nach 9/11 in den USA die Umsätze der fetten und süßen Nahrungsmittel, des „comfort food“ (Trostnahrung) in die Höhe schossen, war das vielleicht verständlich und gut für Nestlé. Aber es war nicht gut für die Amerikaner, die dabei noch übergewichtiger wurden und ungesünder. Es wäre besser gewesen, sie hätten sich angesichts dieses Schocks daran erinnert, dass es im Leben Gefahren gibt, die sich auch mit der stärksten Militärmacht der Welt nicht beseitigen lassen, und schon gar nicht durch fette und süße Nahrung. 9/11 hätte als „call to action“ verstanden werden können, als Herausforderung des Helden auf seiner Reise, nun über sich selbst hinauszuwachsen. Das amerikanische Selbstverständnis hätte einen Schritt nach vorn machen können, so wie in allen anspruchsvollen Filmen – gerade auch aus Hollywood – und in Romanen, in denen der Held oder die Heldin erst dann siegt, wenn sie über sich selbst hinaus wächst – wenn sie eine andere wird als sie vorher war. 

 

Behinderung oder Erweiterung?

Wir sind Werdende, die immer auch Widrigkeiten zu konfrontieren haben – das Leben ist kein Ponyhof. Dabei kommt es nun darauf an zu erkennen, welche Herausforderung uns das Leben nur schwer macht und uns unnötig leiden lässt, und welche andererseits geeignet ist, unsere Identität auszudehnen auf uns bisher noch unvertraute, in uns schlummernde Teile des Menschseins. Herausforderungen können uns erweitern. Im Sinne des Diktums „Nichts Menschliches ist mir fremd“ (von dem römischen Dichter Terenz) können sie aus einem kleinlichen Menschen einen großherzigen machen. Es braucht Mut für diesen Schritt, und es braucht emotionale Intelligenz für die Unterscheidung, welche Herausforderung eine mich nur behindernde ist und welche mich erweitert.

 

Die Heimatidentität

Mal angenommen, ich friedliebender Mensch hätte entdeckt, dass ich auch ein rücksichtsloser Kämpfer sein kann, eifersüchtig, rachelüstern, geizig, ausgrenzend oder sogar alles das zusammen. Will ich das dann bleiben? Oder will ich diese Identität als Teil meines Verhaltensrepertoires behalten, als etwas, das mir zur Verfügung steht, wenn ich es brauche, um dann wieder der friedliche, nicht nachtragende, großzügige Mensch zu sein, für den ich mich vor dieser Erfahrung gehalten habe? 

Ich führe hierfür den Begriff der Heimatidentität ein. Damit meine ich die Alltagsidentität, in die ich zurückkehre, nachdem ich einen Wutausbruch hatte oder – ich ansonsten großzügiger, liebevoller Mensch – jemandem meine kühle Schulter gezeigt oder mich für etwas gerächt habe. Diese anderen Persönlichkeiten sind nicht „mein wahres Selbst“, würde ein Spiri vielleicht sagen. Meine Heimatidentität, in die ich nach den Ausbrüchen zurückkehre, ist jedoch ebenso künstlich, Bedingungen unterworfen und prägbar wie meine Identität als Wütender oder Blasierter, ich verweile nur häufiger in ihr – da bin ich „ganz der Heinz“ oder „ganz die Regina“, wie man dann sagt. Es ist aber beides künstlich, prägbar und biografisch in Bewegung.

 

Sich erweitern

Als Gautama Buddha begann Schüler auszubilden, nannte er diese Initiation in den Stand des Samanera ein „Hinausgehen in die Heimatlosigkeit“ (in Pali, der damaligen Volkssprache: pabbajja). Der Initiat verließ damit seine Herkunftsidentität und begab sich auf den Weg des Werdenden, des „Stirb und Werde“. Er richtete sein Bewusstsein darauf, dass er heute ein anderer ist als er noch gestern war – und wer weiß, wer er morgen sein wird. Die Heldenreise des Menschen ist die eines Werdenden. Sie braucht Mut, denn sie ist ein fortwährendes Sterben und neu Geboren werden. Nicht immer ist es eine Kreuzigung und Wiederauferstehung, so heftig wie in diesem Grundmythos des Christentums ist es zum Glück meistens nicht. Aber wer genau genug hinschaut merkt, dass er heute ein anderer ist als gestern. Auf meinem Entwicklungsweg habe ich etwas losgelassen, etwas verloren und etwas anderes hinzugewonnen, und wenn ich dabei mir selbst treu geblieben bin, habe ich mich erweitert.

 

Der Wert der Kicks

Wenn Motivationstrainer uns auffordern beim Bungee-Springen, Rafting oder im Heraustreten und Sichtbarwerden in einer Selbsterfahrungsgruppe Mut zu zeigen, wollen sie, dass wir unsere Komfortzone verlassen, um uns zu erweitern. Bestandene Mutproben geben uns einen Kick. Wenn sie jedoch nicht zu einer Freundschaft mit dem Leben als etwas prinzipiell Unvorhersehbarem führen, in dem Sicherheit immer nur etwas Relatives ist, dann sind diese Mutproben wie eine Diät, nach der man sich wieder vollfrisst, dann hat der Rat seinen Zweck verfehlt. Wir brauchen Herausforderungen, aber wir brauchen auch eine Heimat, und auch die ist in Bewegung.

 

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seitdem Leben mit Flüchtlingen. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Märzausgabe der www.kgsberlin.de