Bewusstes Leben 2018


Frühjahr 2018


Die Algorithmen und wir - wem gehört die Zukunft?

Von Thomas Steininger

 

Künstliche Intelligenz wird unsere Welt völlig verändern. Viele ihrer Vordenker haben die Vision, dass wir Menschen in naher Zukunft mit intelligenten Maschinen verschmelzen. Mit einer Intelligenz, die unsere Intelligenz weit in den Schatten stellt. Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt zu fragen, was ein Mensch und was eine Maschine ist.

 

Wir leben mitten in der Big-Data-Revolution, und diese technische Revolution ist ein großer weltgeschichtlicher Umbruch, mehr – als uns oft bewusst ist. In großer Geschwindigkeit werden immer weitere Dimensionen unserer Welt Teil eines großen algorithmischen Netzwerks. Mit den Suchmaschinen, den sozialen Medien, mit unseren Smartphones, aber auch den Webkameras und der neuen Wearable Technology verbinden wir immer größere Bereiche unserer analogen Welt mit den Rechenzentren der Internetkonzerne.

Und diese Rechenzentren entwickeln in einem rasanten Tempo eine neue, künstliche Intelligenz, die wir uns vor wenigen Jahren noch nicht vorstellen konnten. Im Mai 2017 gewann Googles DeepMind-Programm gegen den chinesischen Weltmeister des Go-Spiels Ke Jie. Auch die Fachwelt war völlig überrascht. Go ist nicht Schach, es ist viel komplexer. Es braucht viel mehr Intuition und Improvisation – Fähigkeiten, die wir dem Computer noch nicht zutrauten.

Und DeepMind ist nicht einfach ein Programm. Es ist eine künstliche Intelligenz, die sich das Go-Spiel selbst beigebracht hat und täglich weiter lernt, viel schneller als wir. Die Verbindung der alles umspannenden digitalen Netze mit einer technischen Intelligenz, die in rasender Geschwindigkeit immer Neues lernt, wird unsere Zukunft bestimmen. Bald wird sie unsere gesamte menschliche Intelligenz überflügeln. Sie wird Lösungen für Probleme entwickeln, an die wir noch nicht einmal gedacht haben. Dieser Moment, an dem sie uns ein für allemal überflügeln wird, hat auch schon einen Namen. Ray Kurzweil, der technische Direktor von Google und einer der Propheten dieser digitalen Zukunft, nennt ihn Singularität, und er sagt ihn für das Jahr 2045 voraus.

 

Bibel der Singularität

 

Es gibt auch schon eine neue Bibel der Singularität. In dem weltweiten Bestseller Homo Deus beschreibt der israelische Historiker Yuval Harari mit einer brillanten Fülle an Details und Hintergrundinformationen, wie unsere bisherige menschliche Geschichte bald zu Ende gehen wird. Die Zukunft gehört ganz der künstlichen Intelligenz. Wir dürfen nicht vergessen, auch wir Menschen haben die biologische Evolution mit unserer kulturellen Evolution als bestimmendem Entwicklungsfaktor für den Planeten Erde abgelöst. Genauso wird jetzt die künstliche Intelligenz unsere bisherige menschliche Geschichte ablösen. Zu uns herkömmlichen Menschen wird diese neue technische Intelligenz, so Harari, ein ähnliches Verhältnis entwickeln, wie wir es zu unseren Nutz- und Haustieren entwickelt haben. Dieser Prozess ist schon im Gange. In dem Maße, in dem immer mehr Menschen mit dieser neuen künstlichen Wirklichkeit verschmelzen – nicht nur mit Smartphone und Computer, sondern bald auch durch Implantate, technische Schnittstellen und künstliche Verbesserungen unserer Körper – wird der neue Cyborg-Mensch so etwas wie unsterblich, allwissend und allmächtig werden. Deswegen nennt Yuval Harari sein Buch auch Homo Deus.

 

Das sind sehr religiöse Töne, und das ist besonders interessant, weil die Transhumanisten rund um Ray Kurzweil oder Yuval Harari meist überzeugte Materialisten sind. Ihr Traum ist, und das sprechen sie ganz offen aus, dass uns die Technik von unseren Unzulänglichkeiten erlösen wird. Dieser Erlösungsgedanke hat viel mit ihrer Vorstellung des Menschen zu tun. Wir sind, so ihre Meinung, eine Form hoch entwickelter biologischer Technik. Yuval Harari, der sich in seinem Buch gleichzeitig als Buddhist und Materialist darstellt, bringt diese Ansicht so auf den Punkt: „Alle Lebewesen sind eine Form von Algorithmus.“ Das ist für ihn die logische Schlussfolgerung aus den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft. So wie Nietzsche Gott für tot erklärt hat, spricht Harari heute vom Tod des Humanismus. Die Zukunft gehört dem „Dataismus“, einer Welt, in der nicht mehr die Menschenrechte den höchsten Wert unserer Gesellschaft darstellen werden, sonden der frei lernende Informationsfluss im globalen Datennetz.

 

Das ist vielleicht der Kern der Big-Data-Revolution, die wir gerade erleben. Die Frage ist, ob wir diesen Übergang wirklich so wollen. Aber das hängt auch davon ab, wer wir als Menschen eigentlich sind. Die gängige materialistische Naturwissenschaft neigt ja wirklich zu der Ansicht, wir seien hochkomplexe biologische Algorithmen. Sollte das so sein, haben wir von der transhumanistischen Zukunft vielleicht nichts zu befürchten. Wir bauen, so ein wesentliches Argument der Transhumanisten, einfach die besseren algorithmischen Maschinen. Wäre unser Dasein damit erfüllt? Um diese Frage zu beantworten, ist es heute so wichtig, noch einmal darüber nachzudenken, wer wir unserem Wesen nach wirklich sind. Gibt es etwas in uns, das Maschinen nie sein können? Wenn dem so ist, stehen wir an einem kritischen Punkt. Dann müssen wir dringend darauf achten, wie wir unsere technische Zukunft so gestalten können, dass wir diese besonderen Qualitäten des Menschseins nicht von einer anderen, der künstlichen Intelligenz, einfach an die Seite drängen lassen. Vielleicht ist das ja der Moment, einen alten Humanisten zu Wort kommen zu lassen. Goethe meinte in seiner Ballade „Der Zauberlehrling“: „Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.“ Es ist ein guter Zeitpunkt, darüber nachzudenken: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wir können uns dabei nicht allein auf persönliche, vielleicht religiöse oder spirituelle Glaubenssätze zurückziehen. Diese Frage betrifft uns alle gemeinsam, als ganze Menschheit. Wir müssen in unserer offenen Gesellschaft miteinander Antworten finden, zusammen mit Agnostikern, Traditionalisten, Fundamentalisten, postmodernen Spirituellen und allen anderen Menschen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Dialog darüber, wer wir sind.

 

Wir sind hier

 

Der kürzlich verstorbene amerikanische Philosoph Hubert Dreyfus hat uns hier vielleicht etwas zu sagen. Schon in den 60er Jahren war Dreyfus einer der ersten prominenten Kritiker der künstlichen Intelligenz. Er machte darauf aufmerksam, dass uns Menschen etwas Prinzipielles von künstlicher Intelligenz unterscheidet. Es ist fast zu offensichtlich, um es bewusst zu sehen: „Wir sind hier. Die Welt betrifft uns. Sie berührt uns. Sie ist uns ein Anliegen. Du bist mir ein Anliegen.“ Diese Fähigkeit, in diesem Sinn anwesend zu sein, betroffen zu sein, können auch die intelligentesten Maschinen nur simulieren. Auch wenn sie mit aller nur denkbaren zukünftigen Rechenleistung perfekte fürsorgliche Antworten auf alle Fragen dieser Welt finden werden, so werden diese Antworten doch nur berechnete Antworten, Algorithmen sein. Da ist niemand in der Maschine, der in unserem Sinne von der Welt persönlich betroffen ist. Diese Betroffenheit unterscheidet uns. Und nur weil uns die Welt betrifft, empfinden wir so etwas wie das Bedürfnis nach dem Wahren, dem Guten und dem Schönen. Aus dieser grundlegenden menschlichen Fähigkeit entsteht ein ganzes, eigenes Universum, in dem wir einander etwas bedeuten. Nur so gibt es Sinn in der Welt.

 

Spirituelle Menschen können natürlich noch viel weiter gehen. Eine grundlegende spirituelle Erfahrung ist ja, dass diese Sinnerfahrung nicht eine willkürliche persönliche Erfahrung ist, sondern dass sie eine universelle Wirklichkeit besitzt. Da würden Atheisten oder Agnostiker vielleicht nicht mitgehen. Aber wir können uns darin treffen, dass uns die Welt als Menschen etwas angeht, dass wir in ihr einen Sinn empfinden oder zumindest einen Sinn suchen. Kein Transhumanist behauptet, dass das in absehbarer Zeit eine noch so intelligente Maschine auch so empfinden wird. Aber wenn, wie die Transhumanisten hoffen, die künstliche Intelligenz uns ab 2045 in der Gestaltung der Welt überflügelt, dann wird diese Frage auch nicht mehr in unserer Hand liegen. Wir leben in einem Moment der Geschichte, in dem wir vielleicht die Deutungshoheit über unser Menschsein verlieren. Wir haben ein Zeitfenster, in dem wir uns neu besinnen können, welche Zukunft wir wollen.

Wir haben uns so daran gewöhnt, die Welt und uns selbst, unser eigenes Menschsein mit einem technisch-instrumentellen Blick wahrzunehmen. Wir schauen sozusagen von außen durch unsere technisch-instrumentelle Brille auf uns selbst zurück. Auf diese Weise nehmen wir uns aus einer Perspektive wahr, aus der wir vielleicht auch Maschinen sein könnten. Unsere materialistisch-moderne Zivilisation ist heute größtenteils von dieser Art der Wahrnehmung durchdrungen. Und unsere großen technischen Zukunftsprojekte wie das der künstlichen Intelligenz werden von Menschen konzipiert, deren nahezu gesamtes Leben von diesem Blickwinkel bestimmt ist. Wenn das einzige Werkzeug, das du kennst, ein Hammer ist, dann kann es leicht geschehen, dass alles in der Welt wie ein Nagel erscheint. Die Menschen in all den Silicon Valleys dieser Welt haben eine gigantische Vision, wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen wird. Doch es werden wahrscheinlich Menschen mit einer anderen Wahrnehmung sein müssen, die diesen verengten Blick infrage stellen können.

 

Die technische Brille

 

Es ist gar nicht so leicht, die technische Brille als technische Brille zu erkennen – und es braucht Mut. Der Schlüssel dazu liegt darin, dass ich mich von der Welt ansprechen lasse. In dem Augenblick, in dem ich wahrnehme, dass ich wirklich von etwas oder von jemandem gemeint bin, eröffnet sich eine völlig andere Welt. In diesem Angesprochensein wird mir mein unmittelbares In-der-Welt-Sein bewusst, es ist ein umfassendes Empfinden, das unsere üblichen Wahrnehmungs-gewohnheiten aufbricht. Erst in dieser Unmittelbarkeit entdecken wir auch wirklich einander. Ich erlebe, dass ich von dir angesprochen bin und du von mir. Eine spirituelle Sichtweise lässt diesen Horizont noch weiter werden. Es ist Teil der spirituellen Erfahrung, dass auch die Natur, die Welt, der Kosmos uns meint, uns anspricht. Wir sind nicht in ein bedeutungs- und beziehungsloses Universum geworfen. Alles, was ist, spricht uns an. Wir fühlen uns vom Ganzen angesprochen. Es ist das Wesen der mystischen Erfahrung, dass das, woraus alles kommt, mich, uns meint. Auch hier würden agnostische Menschen natürlich nicht mitgehen. Diese Erfahrung geht ihnen zu weit. Aber dass wir uns als Menschen voneinander angesprochen fühlen, dass wir einander meinen, ist eine universelle menschliche Erfahrung, wenn wir uns auf sie einlassen. In dieser Fähigkeit zeigt sich unser Menschsein in einer besonderen Art, in einer Art, die wir von außen, mit dem analytischen Blick der gängigen Wissenschaft übersehen. Eigentlich wird diese Sicht in der konventionellen Wissenschaft sogar tabuisiert. Nur die Außensicht ist für sie gültig, so als gäbe es im Weltinnenraum nichts zu sehen. Aber erst in diesem direkten Blick sieht man, dass Maschinen, auch superintelligente Maschinen, kein wirkliches Du sein können – kein Du, das mich anspricht, das mich meint. Wie können wir diese authentische Ich-Du-Beziehung, die Fähigkeit, gemeint zu sein und den anderen als Du zu meinen, in einer Zukunft schützen, die uns vielleicht nicht mehr gehört? Diese Frage müssen wir heute an die Transhumanisten richten und an jene, die diese Singularität möglichst schnell technisch verwirklichen wollen.

 

Ein globaler Besinnungsprozess

 

Der philippinische Soziologe Nicanor Perlas, den wir für diese Ausgabe von evolve interviewen konnten, hofft, dass dieses Gespräch in der globalen Zivilgesellschaft stattfinden wird. Dort sieht er den globalen Ort, an dem wir für ein neues Verständnis unseres Menschseins eintreten können. Diese Zivilgesellschaft ist neben den internationalen staatlichen Strukturen und den großen wirtschaftlichen Playern die dritte weltweit wirkende Kraft, die unsere planetare Zukunft mitgestalten kann. In diesem immer dichter werdenden Netzwerk treffen sich in erster Linie nicht politische oder wirtschaftliche Interessen, sondern Menschen und Kulturen mit ihren Werten und ihren Beziehungen. Vielleicht ist die globale Zivilgesellschaft wirklich jenes internationale Forum, in dem es gelingt, gerade durch den Druck der Big-Data-Revolution ein weltweites Gespräch anzustoßen, sozusagen im letzten möglichen Augenblick: Wer sind wir eigentlich? Wer wollen wir sein? Und wie können wir unseren menschlichen Freiraum und Gestaltungswillen auch in einer umfassend digitalisierten Zukunft nicht nur schützen und bewahren, sondern ihm immer neue Ausdrucksformen verleihen? Mit der für 2045 angekündigten Singularität hat Ray Kurzweil eine Vision unserer Zukunft zur Diskussion gestellt. Es liegt an uns, ob es die einzige Vision bleiben wird. Möchten wir, dass eine auf Algorithmen basierende, vernetzte Intelligenz unsere Kultur dominiert? Oder wollen wir darüber sprechen, wie wir unserer menschlichen Intelligenz und Empfindungsfähigkeit im bewussten Umgang mit den Technologien Ausdruck verleihen können, sodass wir mehr und etwas Anderes als biologische Algorithmen sind? Wir sind in der Welt. Wir fühlen uns von ihr angesprochen. Aus dieser Perspektive können wir das Menschsein neu entdecken.

 

Eine der Herausforderungen, die Nicanor Perlas in diesem historischen Augenblick sieht, liegt darin, dass auch viele Aktivisten der globalen Zivilgesellschaft einem materialistisch-mechanistischen Menschenbild anhängen, das dem der Transhumanisten durchaus ähnelt. Aus dieser Perspektive ist es schwierig, die bestehende Herausforderung in ihrer Tiefe wahrzunehmen. Deswegen ist es wichtig, dieses Gespräch anzustoßen. Wer sind wir eigentlich? In einer unserer Initiativen, unserer Online-Plattform „One World in Dialogue“ machen wir auch die überraschende Erfahrung, dass es gerade mittels der neuen Technologien möglich ist, global auf eine ganz neue, unmittelbare Weise zusammenzukommen. Gerade im Kontrast zu dem, was Technik sonst oft ist, entsteht in diesen digitalen Dialogräumen eine Erfahrung dieser Ich-Du-Wir-Beziehung, die sich über Kontinente und Kulturen hinweg entfaltet und in der sich Menschen als angesprochen und gemeint erkennen. Es ist eine Beziehung, die unser Menschsein ganz neu in die Sichtbarkeit bringt. Ich glaube, wir erleben gerade einen globalen Besinnungsprozess. Menschen fragen sich heute weltweit, wie es uns gelingen kann, die kommende Big-Data-Kultur so zu gestalten, dass sie zu einer neuen menschlichen Kultur wird. Ein wesentlicher Beitrag dazu ist, dass wir uns gemeinsam unserer selbst neu besinnen.

 

Dr. Thomas Steininger ist Philosoph, Journalist und Herausgeber des Magazins evolve. 

 

Dieser Artikel erschien zuerst in evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur, www.evolve-magazin.de . evolve erscheint viermal jährlich und verbindet Menschen aus vielen geistigen Traditionen, die auf der Suche nach einer zeitgemäßen, kulturell und praktisch relevanten Spiritualität sind.

 

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Winter 2018


Mut und Transzendenz - Von Wolf Sugata Schneider

Die Komfortzone als Nest und Gefängnis

 

Spirituelle Ratgeber neigen dazu, zwei einander fundamental entgegengesetzte Empfehlungen zu geben. Einerseits sagen sie: »Akzeptiere dich so wie du bist! Es ist, wie es ist!« Dies hinzunehmen sei die Essenz von Weisheit, Hingabe, Gnade – Gracias a la vida que me ha dado tanto. Diese Dankbarkeit gegenüber dem Leben sei die wahre Spiritualität. Andererseits behaupten sie, dass es auf dem spirituellen Weg vor allem darum gehe, die eigene Komfortzone zu verlassen, in der wir uns doch nur um uns selbst drehen, um unsere Gedanken- und Verhaltensmuster, das Ego, das gesellschaftlich Akzeptierte, das uns gefangen hält, weil wir nicht den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und zu unserer Einzigartigkeit zu stehen. 

 

Die Komfortzone als Kuschelzone

Ja, was nu? Ist die Komfortzone die perfekte Kuschelzone zur Regeneration der sich selbst Liebenden, die dann umso mehr andere lieben können? Oder ist sie der Unterschlupf des Ego, in das es sich vor den Zumutungen der Welt da draußen mit ihren harten Realitäten zurückziehen kann, wann immer es herausgefordert wird? 

Irgendwie scheinen hier beide Seiten Recht zu haben. Die Schlaueren unter uns Spiris werden deshalb geneigt sein, diesem Gegensatz mit Begriffen wie „Polarität“ oder „Paradoxie“ die höheren Weihen zu erteilen. Womit wir uns aber um die eigene Weiterentwicklung rumdrücken, die dieser Widerspruch doch eigentlich bietet. 

 

Wir sind Werdende

Vielleicht helfen hier ein paar Begriffspräzisierungen und Betrachtungen von der Metaebene aus. Zunächst mal sollte Akzeptanz dessen, was ist, nicht verstanden werden als Lob der Apathie und Empfehlung, die Hände in den Schoß zu legen. Man kann auch den eigenen Tatendrang akzeptieren, ihn abzulegen wäre dann sozusagen 'unspirituell'. Zweitens ist Selbstliebe nicht dasselbe wie ein sich selbst beweihräucherndes Feiern des Status quo. Wenn Selbstliebe als Absage an das eigene Entwicklungspotenzial missverstanden wird, führt sie zur Selbstgerechtigkeit. 

Wenn wir hingegen uns als Werdende, sich Entwickelnde verstehen, impliziert Selbstliebe, dass wir nicht die bleiben, die wir sind. Dann sagt der Frosch nicht mehr zur Prinzessin, die ihn küssen will: „Neeeeeiiiin!!! Ich will so bleiben, wie ich bin!!!“, sondern versteht sich als Werdender, sich Wandelnder – und kann so zum Prinzen werden. Wer sich selbst so liebt, wie er aktuell ist, wird auch dem natürlichen Bedürfnis nach Entwicklung des eigenen Potenzials zustimmen wollen, denn auch das gehört zum Status quo. So nähern sich die beiden Seiten schon ein bisschen an. 

Und das Ego ist nicht des Teufels Kern. Es sei denn man definiert es zum Beispiel als die jeweils aktuelle Summe der eigenen blinden Flecken. Die reduzieren zu wollen ist durchaus immer ein lohnendes Ziel. Aber auch hierbei kann man ins spirituelle Strebertum verfallen.

 

The call to action – der Ruf

Als nach 9/11 in den USA die Umsätze der fetten und süßen Nahrungsmittel, des „comfort food“ (Trostnahrung) in die Höhe schossen, war das vielleicht verständlich und gut für Nestlé. Aber es war nicht gut für die Amerikaner, die dabei noch übergewichtiger wurden und ungesünder. Es wäre besser gewesen, sie hätten sich angesichts dieses Schocks daran erinnert, dass es im Leben Gefahren gibt, die sich auch mit der stärksten Militärmacht der Welt nicht beseitigen lassen, und schon gar nicht durch fette und süße Nahrung. 9/11 hätte als „call to action“ verstanden werden können, als Herausforderung des Helden auf seiner Reise, nun über sich selbst hinauszuwachsen. Das amerikanische Selbstverständnis hätte einen Schritt nach vorn machen können, so wie in allen anspruchsvollen Filmen – gerade auch aus Hollywood – und in Romanen, in denen der Held oder die Heldin erst dann siegt, wenn sie über sich selbst hinaus wächst – wenn sie eine andere wird als sie vorher war. 

 

Behinderung oder Erweiterung?

Wir sind Werdende, die immer auch Widrigkeiten zu konfrontieren haben – das Leben ist kein Ponyhof. Dabei kommt es nun darauf an zu erkennen, welche Herausforderung uns das Leben nur schwer macht und uns unnötig leiden lässt, und welche andererseits geeignet ist, unsere Identität auszudehnen auf uns bisher noch unvertraute, in uns schlummernde Teile des Menschseins. Herausforderungen können uns erweitern. Im Sinne des Diktums „Nichts Menschliches ist mir fremd“ (von dem römischen Dichter Terenz) können sie aus einem kleinlichen Menschen einen großherzigen machen. Es braucht Mut für diesen Schritt, und es braucht emotionale Intelligenz für die Unterscheidung, welche Herausforderung eine mich nur behindernde ist und welche mich erweitert.

 

Die Heimatidentität

Mal angenommen, ich friedliebender Mensch hätte entdeckt, dass ich auch ein rücksichtsloser Kämpfer sein kann, eifersüchtig, rachelüstern, geizig, ausgrenzend oder sogar alles das zusammen. Will ich das dann bleiben? Oder will ich diese Identität als Teil meines Verhaltensrepertoires behalten, als etwas, das mir zur Verfügung steht, wenn ich es brauche, um dann wieder der friedliche, nicht nachtragende, großzügige Mensch zu sein, für den ich mich vor dieser Erfahrung gehalten habe? 

Ich führe hierfür den Begriff der Heimatidentität ein. Damit meine ich die Alltagsidentität, in die ich zurückkehre, nachdem ich einen Wutausbruch hatte oder – ich ansonsten großzügiger, liebevoller Mensch – jemandem meine kühle Schulter gezeigt oder mich für etwas gerächt habe. Diese anderen Persönlichkeiten sind nicht „mein wahres Selbst“, würde ein Spiri vielleicht sagen. Meine Heimatidentität, in die ich nach den Ausbrüchen zurückkehre, ist jedoch ebenso künstlich, Bedingungen unterworfen und prägbar wie meine Identität als Wütender oder Blasierter, ich verweile nur häufiger in ihr – da bin ich „ganz der Heinz“ oder „ganz die Regina“, wie man dann sagt. Es ist aber beides künstlich, prägbar und biografisch in Bewegung.

 

Sich erweitern

Als Gautama Buddha begann Schüler auszubilden, nannte er diese Initiation in den Stand des Samanera ein „Hinausgehen in die Heimatlosigkeit“ (in Pali, der damaligen Volkssprache: pabbajja). Der Initiat verließ damit seine Herkunftsidentität und begab sich auf den Weg des Werdenden, des „Stirb und Werde“. Er richtete sein Bewusstsein darauf, dass er heute ein anderer ist als er noch gestern war – und wer weiß, wer er morgen sein wird. Die Heldenreise des Menschen ist die eines Werdenden. Sie braucht Mut, denn sie ist ein fortwährendes Sterben und neu Geboren werden. Nicht immer ist es eine Kreuzigung und Wiederauferstehung, so heftig wie in diesem Grundmythos des Christentums ist es zum Glück meistens nicht. Aber wer genau genug hinschaut merkt, dass er heute ein anderer ist als gestern. Auf meinem Entwicklungsweg habe ich etwas losgelassen, etwas verloren und etwas anderes hinzugewonnen, und wenn ich dabei mir selbst treu geblieben bin, habe ich mich erweitert.

 

Der Wert der Kicks

Wenn Motivationstrainer uns auffordern beim Bungee-Springen, Rafting oder im Heraustreten und Sichtbarwerden in einer Selbsterfahrungsgruppe Mut zu zeigen, wollen sie, dass wir unsere Komfortzone verlassen, um uns zu erweitern. Bestandene Mutproben geben uns einen Kick. Wenn sie jedoch nicht zu einer Freundschaft mit dem Leben als etwas prinzipiell Unvorhersehbarem führen, in dem Sicherheit immer nur etwas Relatives ist, dann sind diese Mutproben wie eine Diät, nach der man sich wieder vollfrisst, dann hat der Rat seinen Zweck verfehlt. Wir brauchen Herausforderungen, aber wir brauchen auch eine Heimat, und auch die ist in Bewegung.

 

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seitdem Leben mit Flüchtlingen. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Märzausgabe der www.kgsberlin.de

 


Die Erweiterung des Begriffes der Nachhaltigkeit auf das menschliche Bewusstsein - Von Karin Karina Gerlach

Ein Selbsterfahrungsbericht 

 

Nachhaltigkeit kann ein Sinnbild für ökologischen Anbau, eine umweltgerechte Lebens- und Konsumweise, für eine Wirtschaft im Sinne der Generations-Gerechtigkeit sein, für Entwicklungs-, Finanz- und Umweltpolitik, Architektur und Wissenschaft aber auch für den bewussten Umgang mit sich selbst, was von all dem unabhängig ist.

 

Bewusstsein wirkt sich nachhaltig auf den inneren Frieden und damit auf die eigene Gesundheit aus. Klarheit, was die eigenen Bedürfnisse betrifft, reduziert sowohl den unbewussten Raubbau am eigenen Körper als auch den Raubbau der Erde. Der dem Menschsein immanente Selbst-Zerstörungs-Prozess wird gestoppt. Das stabilisiert die Selbstheilungskraft des Körpers. Diese Wahrheit offenbarte sich mir innerhalb eines einfachen Selbst-bewusst-seins-Prozesses, der in der Welt als „The Work of Byron Katie“ bekannt geworden ist. Überraschenderweise setzte eine Regeneration (Heilung) meines Körpers ein, gekoppelt an eine heilsame Erdverbundenheit. Das durch bislang falsches Denken und Verhalten gestörte Körpersystem kommt in Balance. Durch die Klärung meines Ich-brauche-Verstandes bin ich in die natürliche Ordnung der Dinge hineingewachsen. Es ist wie ein Ankommen in der Zeitlosigkeit des Seins, in einer mystischen Stille, wo sowohl das eigene Verständnis über die Natur, die Erde, über Tiere, Pflanzen und Menschen seine Bedeutung verloren hat. Weil ich einen Zeitablauf nicht mehr sehen kann, bin ich selbst zeitlos. Durch die angenehme Achtsamkeit meiner selbst ist es leicht im Einklang mit der Natur zu leben und sanft mit den Ressourcen umzugehen, weil ich ansonsten mich selbst und das wunderbare lebendige Wesen, das die Erde ist, verletzen würde. Eine ökologische Konzeption, die oft mit einem aufgesetzten Verzicht einhergeht, ist überflüssig.

 

Es ist die Umkehr vom Haben zum Sein, durch die jeder Mensch die Zeitlosigkeit erahnen kann. Hier erübrigt es sich den persönlichen Alterungsprozess aufhalten zu wollen. Es ist eben der Einklang mit den Naturgesetzen ohne Gegenwehr. Hingabe an die Wirklichkeit, an die Schönheit des Seins, die immer perfekt ist. Es ist wohl auch das, worauf das chinesische Wu We hinweist: Absichtsloses Tun, ein Tun ohne den Anspruch der Verbesserung, weil das, was ist, gut ist.

 

Das Wesen des Bewusstseins ist die Spiegelung. Ihre uneingeschränkte Anerkennung hier und jetzt ist der heilige, heilsame Weg nach innen, auf dem sich der unbewusst eingeprägte Trennungs-Gedanke „Ich“ auflöst und Liebe erwacht. Die Ich-Separation und die daran gekoppelte körperliche Erscheinung ist das Ergebnis der Ignoranz der Spiegelung. Die Folge ist die an der Wurzel eines jeden Menschen sitzende Überlebens-Angst. Sie äußert sich als Angst vor Bedrohung, Wut, Zorn, Frustration, Bedürftigkeit, Verletzt-Sein, Traurigkeit, Depression usw. Diese Emotionen sind nicht falsch, schlecht oder negativ. Sie müssen nicht verändert, geheilt oder überwunden werden. Als wunderbare Achtungs-Signale sind sie Signale (Wecker) des Bewusstseins selbst, das den Ich-Menschen in die Wirklichkeit, die Liebe ist, zurückruft. In dieser Folge geschehen so manche Aha-Erkenntnisse.

 

Die Offenbarung der persönlichen Heilung ist längst nicht alles. Es offenbart sich die Weisheit der Mystiker aller Zeiten. Es kommt Licht in die Erkenntnisse der Hirnforschung über die Illusion des freien Willens, was dem Verstand unbegreiflich ist. Die Erkenntnis der Illusion des Ich-Gedankens kommt dem Zustand des erleuchteten Seins gleich. Das geheimnisvolle Tao offenbart sich gleichermaßen wie auch das Geheimnis der Evolution und die dem Verstand nicht wirklich zugänglichen Erkenntnisse der Quantenphysik, das Ellam Ondre (Alles ist Eins), um nur Einiges zu nennen. Es offenbart sich das Mysterium der Schöpfung, der Ursprung von allem, die Entstehung des Menschen die Ursache seines unbewussten selbst-zerstörerischen Verhaltens. Es offenbart sich die Illusion der Trennung von Leben und Tod, das dem Verstand verborgene Geheimnis der Unsterblichkeit. Und: Glaube all das nicht, lieber Leser! Sieh selbst, was wirklich und wahr ist. Es ist DAS, was nachhaltig immer hier ist. Bewusstsein.

 

Neu erschienene Bücher zum Thema Erwachen im Bewusstsein:

Es handelt sich um spirituelle Texte mit symbolischem Charakter, die das Bewusstsein und damit die innere Liebe beim Leser nachhaltig erwecken können:

 

Offenbarungen durch „The Work of Byron Katie“, „Mensch und Bewusstsein“, Univers-Umkehrgedichte, ISBN: 9783746029658.

 

„Das Mysterium der Schöpfung oder Die Architektur des Geistes“, Selbstoffenbarung, ISBN: 9783746018645.

 

„Geheimnisvolle Spiegelung“, Selbstoffenbarung in mystischen Versen, ISBN: 9783746014623.

 

Gedankenüberprüfung und spirituelle Unterweisungen - Mai-Oktober in 14554 Seddiner See mit Übernachtungsmöglichkeit;

Dezember-März auf La Gomera.

 

Karin Karina Gerlach, Diplomphysikerin, spirituelle Lehrerin, ger.lach@gmx.de , www.umkehrkurs.de