Nachhaltigkeit & Neue Wirtschaft 2016


Für eine mitmenschliche Wirtschaft - Herbst 2016

Autoren: Tania Singer & Matthieu Ricard

(…) Viele Menschen meinen, dass Geld und Glück untrennbar miteinander verknüpft sind und mit dem einen zugleich auch das andere zu- oder abnimmt: Je mehr Geld wir haben und je mehr Dinge wir besitzen, umso glücklicher sind wir. Und umgekehrt: Haben wir weniger Geld und nicht so viel Besitz, dann ist dies gleichbedeutend mit weniger Glück.

Bis zu einem gewissen Grad stimmt das ja auch. Wer der schlimmsten Armut entrinnen konnte und nun über einen gewissen finanziellen Spielraum verfügt, weist eine höhere Glücksquote auf als jemand, der immer darum kämpft, seine Grundversorgung zu sichern. Für eine Weile nimmt also bei steigendem Einkommen das Glück zu (…).
Dieser Zuwachs an Glück verlangsamt sich allerdings. Und irgendwann ist dann Schluss damit. Seit den sechziger Jahren sind die Einkommen weltweit dramatisch gestiegen, während das jeweilige Glücksniveau stagnierte.


Zum Teil lässt sich dies auf das Phänomen des sozialen Vergleichs zurückführen. Wir neigen dazu, den persönlichen Erfolg in Relation zum Einkommen anderer Mitglieder der eigenen Gruppe zu bewerten. Wenn innerhalb einer Gruppe von Menschen ein Einkommenszuwachs zu verzeichnen ist, bedeutet dies also nicht unbedingt, dass anschließend alle glücklicher sind (…).

 

Das lässt sich außerdem durch eine grundlegende Wahrheit des Buddhismus erklären: Glück, das auf äußeren Bedingungen beruht – den Dingen, die wir besitzen, dem Kontostand oder der gesellschaftlichen Stellung beispielsweise –, ist immer begrenzt und trügerisch. Denken Sie an den Moment, als Sie sich gerade ein neues Auto gekauft oder eine  Gehaltserhöhung bekommen hatten. Wie haben Sie sich da gefühlt? Und war das Gefühl der Freude und Zufriedenheit nach ein paar Wochen oder Monaten immer noch vorhanden? Wohl kaum. Doch anstatt daraus etwas zu lernen, indem wir versuchen, eine stärker in uns ruhende und leichter aufrechtzuerhaltende Quelle des Glücks zu finden, verstricken sich die meisten von uns in einen Kreislauf von Gier und Unzufriedenheit. Darin liegt das Problem. Letztlich führt mehr Geld somit keineswegs zu größerem Glück, sondern lediglich zum   Verlangen nach immer mehr Geld, dem nächsten Auto oder der größeren Gehaltserhöhung. Dieser Kreislauf kann nicht nur Gier und Habsucht hervorrufen, sondern manchmal sogar die Bereitschaft, anderen Leid zuzufügen, damit  den ichbezogenen Interessen Genüge getan wird.

Vorrangig auf materielle Werte ausgerichtete Menschen, so ein Forschungsergebnis des Psychologen Tim Kasser, sind unglücklicher, ihnen fehlt es an Einfühlungsvermögen, sie  haben weniger Freunde und befinden sich in einem schlechteren Gesundheitszustand als diejenigen, die inneren Werten größere Bedeutung beimessen. Trotzdem hat man in der Wirtschaftstheorie lange behauptet, der Mensch sei von Grund auf durch Eigeninteresse gekennzeichnet, und ein kapitalistisches Wirtschaftssystem könne nur funktionieren, wenn es den Menschen Gelegenheit gibt, die eigenen Wünsche und Begierden besser zu verfolgen. Adam Smith hat das 1776 in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen so formuliert: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das,  was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“  Ebenso schrieb 1881 Francis Edgeworth, ein Mitbegründer der neoklassischen Wirtschaftstheorie: „Das erste Prinzip der Wirtschaftslehre besagt, dass jeden Akteur allein das Eigeninteresse  antreibt.“

Glücklicherweise ist das nicht die ganze Wahrheit. Die jüngere Forschung legt nahe, dass jede/r von uns über eine starke Befähigung – unter Umstanden sogar über eine biologische Veranlagung – zu Mitgefühl, Kooperation und Altruismus verfugt (…). Und diese inneren Ressourcen lassen sich, anders als Geld, unbegrenzt hervorbringen – ähnlich wie Liebe können sie „unendlich groß“ (…) sein.

Um die Fähigkeit für Altruismus entfalten und üben zu können, müssen wir die Kennzeichen des Altruismus und die Rolle, die er für das menschliche Wohlergehen – für ein gelingendes und beglückendes menschliches Dasein – spielt, möglichst klar definieren. (…) Nach Auffassung der Psychologie und kontemplativer Traditionen wie dem Buddhismus besteht Altruismus in einer Motivation, zum Wohl der anderen zu handeln. Das schließt mit ein, dass eine mitfühlende Handlung auch dem Handelnden selbst zugutekommen kann. Solange die  Intention im Kern darin besteht, dem Mitmenschen von Nutzen zu sein – und nicht einem selbst –, ist dies nach wie vor Altruismus.

Im Unterschied dazu befassen sich Ökonomen statt mit der Motivation in erster Linie mit dem beobachtbaren Verhalten oder Handeln. Angenommen, jemand gibt einer gemeinnützigen Einrichtung eine Spende, weil er so das Gefühl bekommt, ein guter Mensch zu sein.  Vermutlich ist bei der oder dem Betreffenden an die Stelle der einen ichbezogenen (durch den finanziellen Gewinn in Gang gesetzten) Handlungsweise lediglich eine andere ichbezogene (durch den emotionalen Gewinn begründete) Handlung getreten. Trotzdem ist Verhaltensökonomen und Evolutionsbiologen zufolge so eine Handlung als altruistisch zu  bezeichnen, da die betreffende Person materielle Kosten übernommen hat, deren Wert dann einem (oder mehreren) anderen Menschen zugutekam – selbst wenn sie dadurch ihr Ego zufriedengestellt hat.

Nehmen wir an, Adam Smiths Bäcker sei altruistisch motiviert: Er sieht, dass Sie hungrig sind und kein Geld haben. Erfüllt von dem Wunsch, Ihr Leid zu lindern, schenkt er Ihnen Brot. Zwar entgeht dem Bäcker, indem er so handelt, möglicherweise eine Einnahme. Allerdings hat er zugleich etwas hinzugewonnen. Wenn er sieht, wie Sie das Brot  entgegennehmen, wird bei ihm im Gehirn das Belohnungszentrum aktiviert, und er empfindet Freude (…). Zudem muss er nun nicht mehr mitansehen, wie ein anderer Mensch leidet. Insofern kommt seine Handlungsweise auch ihm selbst zugute (…). Hat der Bäcker seinem Gegenüber das Brot gegeben, ohne dafür etwas zu erwarten, dann ist seine Handlung altruistisch, selbst wenn er sich angesichts solchen Handelns anschließend besser fühlt. Hat er ihm allerdings das Brot gegeben, um sich wohler zu fühlen, nicht so ein schlechtes Gewissen zu haben oder sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, er sei ein Geizhals, ist seine Motivation ichbezogen. In jedem Fall jedoch hat ein  hungriger Mensch etwas zu essen erhalten.

Um die verstörende Konfrontation mit dem Leid eines Mitmenschen zu vermeiden, wird sich manch einer unter Umständen einfach davonmachen. Ein anderer wird vielleicht der  bedürftigen Person deshalb etwas geben, weil er meint, später einen finanziellen Gewinn daraus ziehen zu können – oder mit einer Sanktion rechnen zu müssen, wenn er nichts gibt (…). Und der Nächste wird sich womöglich damit herausreden, andere würden dieser bedürftigen Person schon helfen. Allem Anschein nach sind wir geschickter darin, eigenes Leid zu vermeiden, als das Leid der anderen zu erleichtern – obgleich Letzteres sich außerordentlich lohnt.

Wie können wir dafür sorgen, dass ein System entsteht, in dem die Menschen unmittelbar und regelmäßig zum Wohl der anderen beitragen? Jede/r von uns ist in eine soziale Welt eingebettet, die unsere Erfolge und unsere Fehlschläge wie auch unsere Auffassungen und Entscheidungen in hohem Maß mit beeinflusst. Beim Zusammenbruch der Weltwirtschaft im Jahr 2008 haben ja nicht nur die egoistisch Denkenden und Handelnden Geld verloren und unter der Krise gelitten, sondern auch freigiebige und großzügige Menschen. Am stärksten gelitten haben aber in der Tat die Armen. Wir können es uns heute nicht mehr leisten zu meinen, wir führten eine Art Inseldasein. Wie gut es uns geht, hängt mit anderen zusammen (eine weitere Wahrheit, für die das buddhistische Denken schon seit Langem einsteht). Und zwar umso mehr, je intensiver weltweit die Kulturen, die Märkte und die Menschen in einen Güter- und Ideenaustausch miteinander eintreten. Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat es in Zürich folgendermaßen formuliert: „Eigentlich sollten wir „sie/die anderen“ aus unserem Wortschatz streichen. „Wir“ sollte uns reichen; die ganze Welt ist Bestandteil des „Wir“. (…)   Wirtschaftlich brauchen wir „sie/die anderen“ auf allen Ebenen. Ich will glücklich sein, und  damit dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann, brauche ich „sie, die anderen“ (…).“

Die Welt braucht die einschneidende und wirkungsvolle Neuausrichtung der Finanzsysteme. Wir müssen die psychischen und sozialen Kosten des wirtschaftlichen Gewinns ebenso mit  in Betracht ziehen wie die ökologischen Kosten und umgekehrt. So wie die Studien mit  Menschen, die regelmäßig meditieren, zeigen, dass wir durch mentales Training die  Funktionsweise unseres Gehirns buchstäblich verändern können werden wir vielleicht auch   in der Lage sein, unsere gegenwärtigen Systeme zu überwinden und eine ganzheitlichere und fürsorglichere Wirtschaft zu schaffen.

Für die meisten von uns liegt die Antwort nicht darin, alles, was wir besitzen, zu verschenken. Vielmehr kommt es für uns darauf an, dass wir lernen, wie wir geben können – durch welche Motivation, durch welche Umstände und durch welche Formen von Praxis wir möglichst effektiv geben können. Keine leichte Aufgabe, aber die in diesem Buch  vorgestellten Forschungsresultate machen Hoffnung. Sie zeigen, dass Altruismus erlernt und kultiviert werden kann und wir durch ihn tiefgreifend belohnt werden. Wir sind der  Überzeugung, dass wir unsere Wirtschaftspolitik und unser ökonomisches Handeln in eine
Positive Kraft verwandeln können – in eine Kraft, die auf kurze wie auf lange Sicht dem  Wunsch gerecht  wird, die Umwelt zu schützen, materiellen Wohlstand hervorzubringen und allen Menschen ein sinnerfülltes, zufriedenes Leben zu ermöglichen.

Textauszug mit freundlicher Genehmigung aus:

 

Tania Singer, Matthieu Ricard, Mitgefühl in der Wirtschaft. Ein bahnbrechender Forschungsbericht.

© Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Übersetzung: Michael Wallossek


Wie ökologisch ist vegan? - Frühling 2016

Foto: Andreas Schölzel
Foto: Andreas Schölzel

Autorin: Anita Idel

Wie ökologisch ist vegan?Die Massentierhaltung verursacht grenzenloses Tierleid, zerstört die biologische Vielfalt und schädigt das Klima. Auch mit veganen Lebensmitteln sind Tierleid und ökologische Probleme verbunden, wenn sie nicht nachhaltig erzeugt werden.

Schmerzlich ist für viele VegetarierInnen die Erkenntnis, dass Fleischprodukte sowie Milch- und Eiprodukte zwei Seiten derselben Medaille sind: Jede Milchkuh und jede Legehenne hat einen Bruder, wobei der erste meistens gemästet und der zweite geschreddert oder vergast wird. Zudem führt die Züchtung auf Hochleistung bei den weiblichen Tieren letztlich zu Leiden und häufig zu Krankheit und frühem Tod.
Viele VeganerInnen bewegt vor allem der fehlende Tierschutz in der industriellen Tierhaltung. Doch auf alles Tierische zu verzichten, birgt überwiegend nur scheinbar eine Lösung, sondern tangiert Tier- und Umweltschutz. Denn viele Pflanzen werden mit Gülle gedüngt. Diese stammt überwiegend aus der Massentierhaltung, und das proteinreiche Futter zu über 70 Prozent aus Südamerika.
 
(Keine) Alternativen zum tierischen Dünger
Keine Frage, wer aus Tierschutzgründen die  Massentierhaltung ablehnt, will nicht nur keine industriell erzeugten tierischen Produkte essen, sondern lehnt auch pflanzliche Lebensmittel ab, die mit den Exkrementen leidender Tiere gedüngt werden. Aber welche Alternativen gibt es zu tierischem Dünger?
Synthetischer Stickstoffdünger spielt weltweit die entscheidende Rolle als nicht tierischer Dünger. Der Verbrauch nimmt weiter zu, obwohl seit Jahrzehnten seine ökologisch und gesundheitlich problematischen Wirkungen auf Gewässer und die Nitratbelastung von Grundwasser und Brunnen bekannt sind. Nicht nur in riesigen Mono-Kulturen mit Mais und Getreide, sondern auch in kleineren Mono-Einheiten wie im Gartenbau ist synthetischer Stickstoffdünger sehr verbreitet. Wer weiß schon, dass bei seiner Ausbringung Lachgas (N2O) entsteht, das mehr als 300 mal so klimarelevant wie CO2 ist und den größten Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel verursacht?
Biobetriebe bauen stattdessen Leguminosen an – wie Erbsen, Bohnen oder auch Soja, die den Boden mit Stickstoff anreichern. Und sie nutzen tierische Exkremente, die zudem den Phosphor im Kreislauf halten. Hingegen wirtschaften einige bio-vegane Betriebe im Kräuter- und Gemüseanbau auf der Basis von Kompost.
 
Heute ein Tabu…
In vielen Regionen gab der Mensch dem Boden durch tierische – und menschliche – Exkremente einen Teil der Nährstoffe zurück, die er ihm zur Produktion von Nahrungsmitteln und Futter entzogen hatte. Das Potenzial für die Entwicklung von fruchtbarem Boden offenbarte sich Forschern erst in den vergangenen Jahrzehnten am Amazonas: Mit Bioabfällen, ihren Exkrementen und Pflanzenkohle hatten Inkas dort vor 500 Jahren ertragreiche Ernten auf den nährstoffarmen Regenwaldböden erzielt. Keine Ausnahme – so konnte inzwischen auch in Asien und Westafrika die Nutzung der menschengemachten Schwarzerde (Terra Preta) nachgewiesen werden. Aber nicht nur auf anderen Kontinenten: Auch im einst slawischen Wendland kannte man das Rezept.
Heute heißt es in Berlin im Botanischen Garten: Die Natur kennt keine Abfälle! Ein Teil des Grünschnitts soll Energie erzeugen und dann als Pflanzenkohle dienen. Zusammen mit den von Gästen und MitarbeiterInnen „produzierten“ Rohstoffen Urin und Fäzes soll daraus fruchtbare Erde werden.
Doch wer heute dafür wirbt, mit menschlichen Ausscheidungen zu düngen, berührt ein Tabu. Wie es gehen könnte, erforscht Ralf Otterpohl an der Uni Hamburg-Harburg. Sein wichtigstes Credo: Kot und Urin dürfen nicht in Wasser gemischt werden, sie müssen getrennt bleiben, um ihre biologische Wertigkeit zu bewahren.
Zum Tabu kommen begründete Zweifel wegen der Rückstände – insbesondere durch ausgeschiedene Medikamente. Hoffen lassen Bakterien. Die meisten von ihnen reagieren flexibel: Wir können sie nutzen, wenn sie für ihre Energieversorgung abbauen, was wir eliminieren wollen. Aber das ist noch ein weiter Weg.
 
Nachhaltig beweiden
Die Prärie Nordamerikas, die argentinische Pampa oder die Schwarzerden im deutschen Tiefland – sie alle sind fruchtbarste Steppenböden – entstanden durch Jahrtausende nachhaltiger Beweidung, durch Wisente und Auerochsen sowie Hirschartige.
Artgemäß gehaltene Rinder verursachen keine Nahrungskonkurrenz. Im Gegenteil: Ihr Grasen fördert die Wurzel- und damit die Humusbildung (= Bindung von CO2). So entlastet jede zusätzliche Tonne Humus die Atmosphäre um 1,8 to CO2.
Viel Fleisch zu essen bedeutet hingegen Nahrungskonkurrenz. Die EU hängt am „Import-Tropf“ – überwiegend aus Südamerika. Die dort für „unser“ Proteinfutter beanspruchte Ackerfläche von über 25 Mio Hektar (v.a. Sojaschrot) steht für den Anbau von Lebensmitteln nicht mehr zur Verfügung.

Fazit: Wer vegan lebt, hilft den viel zu hohen Fleischkonsum zu senken. Entscheidend aber ist eine nachhaltige Lebensweise, ob vegan, vegetarisch oder omnivor.
Statt des zerstörerischen synthetischen Stickstoffdüngers müssen wir tierische wie menschliche Ausscheidungen wieder in Wert setzen – durch Strohmist statt Gülle sowie Trenn- und Komposttoiletten und die Terra-Preta.
Vor allem aber geht es um die unterschätzten Potenziale nachhaltiger Beweidung. Sie nützt nicht nur Böden, die zum Ackern zu steinig, steil, trocken oder nass sind. Sie kann auch erodierte Ackerböden revitalisieren.

Dr. med. vet. Anita Idel, Tierärztin, Mediatorin und Lead-Autorin des Weltagrarberichts.
Meine besonderen Interessen gelten der Kultur(Geschichte) des Mensch-Tier-Verhältnisses und der Entwicklung fruchtbarer Böden, d.h. der lebendigen Erde.
Salus-Medienpreis für: „Die Kuh ist kein Klimakiller!“, Metropolis Verlag, 5. Auflage 2014

www.anita-idel.de


Die Wohnwagon Autarkieplattform: www.wohnwagon.at - Frühling 2016

Autorin: Theresa Steininger
www.wohnwagon.at

 

So kann‘s nicht weiter gehen mit der Welt? Für alle, die etwas ändern möchten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen, bietet die Wohnwagon-Plattform endlich eine Lösung & eine zentrale Autarkieplattform. Ihr Motto: „Gemeinsam packen wir das!“
Das Wohnwagon-Team hat über die Arbeit am Wohnwagon viel Know-how aufgebaut und ein großes Partnernetzwerk gesponnen. Schnell war ihm nach den ersten Projekten klar: „Wir müssen unsere Idee größer denken und wollen noch mehr Leute erreichen, wirklich was verändern!“ Deshalb gibt’s nun die Wohnwagon Autarkieplattform! Dort findet man gesammelt und aus einer Hand Wissen, Tools, Kontakte und Produkte, die einem auf dem Weg zum Guten Leben helfen.

 
Tipps & Lösungen für mehr Autarkie – in jeder Lebenssituation!
Autarkie ist ein Prozess – jeder startet, wo er kann und bewegt sich in seinem Tempo. Ein selbstbestimmteres, nachhaltigeres Leben bedeutet für jeden etwas Anderes. Egal, ob man mit einem Wurmkomposter oder einem Wassersparaufsatz in der Stadtwohnung startet oder gleich einen vollautarken Selbstversorgerhof baut, Wohnwagon begleitet jeden mit den richtigen Produkten, der richtigen Beratung und seiner Wissensplattform.

Der Wohnwagon rollt voraus...
Der Wohnwagon soll jedem auf dem Weg vor allem Mut machen und zeigen: Es geht! Man kann auf kleinem Raum leben und das kann extrem großartig sein. Man kann sich autark mit Energie versorgen und hat trotzdem keine Einbußen in der Lebensqualität. Man kann die Nähe der Natur suchen, ohne auf WLAN und moderne Verbundenheit mit der Gesellschaft verzichten zu müssen. Das Wohnwagon-Team möchte jedem mit dem Wohnwagon greifbar und verständlich machen, dass es Lösungen für die Probleme unserer Welt gibt – und dass es in unseren Händen liegt, sie umzusetzen!

Die Statistiken sprechen für sich. 83 % der Menschen möchten selbst etwas zu einer besseren Zukunft beitragen. Wohnwagon fordert deshalb auf: „Dann mach‘ ma das aber auch!“   

Vielseitige Lösungsansätze für eine komplexe Welt
Es gibt viel zu tun und viele Punkte, an denen man ansetzen kann. Auf der Autarkie-Plattform von Wohnwagon findet man daher Ansätze aus verschiedensten Bereichen:

  • ENERGIEAUTARKIE (Photovoltaik-Systeme, Innovative Energie-erzeugung, Stromspeicherung, Notstrom, Heizlösungen,...)
  • SANITÄR (Wasserfilter, Biotoiletten, Bio-Einstreu, Wasseraufbereitung, Kreislauf-Systeme, Regenwasser-Nutzung)
  • OUTDOOR (Solar-Rucksäcke, E-Bikes, Lastenfahrräder, Sport, Gadgets)
  • HANDWERK (ordentliches Werkzeug, DIY Sets, Recycling, Baustoffe)
  • WOHNEN (Stromlose Geräte, Küche, Möbel, Dekoration
  • SELBSTVERSORGUNG (Saatgut, Gartengeräte, Düngemittel, Terra Preta Erde, Permakulturbücher)

- da ist für jeden was dabei!
 
Was Wohnwagon bieten möchte:
Die Plattform ist bereits in ihrer ersten Version online. Sie wächst jeden Tag, wird umfangreicher, strukturierter und besser. Es dauert sicher noch etwas, bis Wohnwagon dort ist, wo sie hin wollen, aber schon jetzt ist ihnen klar, was sie bieten wollen:

Filterung des Angebots
Das Wohnwagon-Team wählt die besten und wichtigsten Produkte aus, testet und bewertet sie und bietet somit ein gefiltertes und übersichtliches Angebot mit garantierter Qualität. Nicht irgendeinen Mist. Dabei spielen die Firmenwerte eine wesentliche Rolle bei der Auswahl der Produkte: Herkunft, Art der Produktion, Nachhaltigkeit der Rohstoffe... Wohnwagon wägt ab und versucht durchdachte Lösungen anzubieten, zu denen man mit gutem Gewissen „ja!“ sagen kann.


Wissensvermittlung & Erklärung
Wohnwagon liefert Aufklärung zu komplexen Themen: Video- und Foto-Tutorials sowie Blogbeiträge zeigen: Wie reinige ich den Wasserfilter? Wie funktioniert die Kompostierung in der Biotoilette? Wie baue ich mir mit dem gekauften Werkzeugset selbst meine Möbel? ... 

 

Vernetzung & Kooperation
Die Plattform soll jedem auch die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und zur Vernetzung geben. Interaktion ist erwünscht! Schritt für Schritt möchte Wohnwagon immer mehr externe ExpertInnen und UserInnen einladen, ihre Erfahrungen zu teilen, sich zusammen zu tun und gemeinsam Lösungen zu finden.


Immer vorn dabei!
Durch die Zusammenarbeit mit Crowdinvesting-Plattformen und der Start-up Szene möchte das Wohnwagon-Team innovative Produkte von jungen Unternehmen als erstes auf seiner Plattform vorstellen bzw. anbieten. So ist jeder immer mit vorn dabei und erfährt als Erste/r, was sich in dem Bereich tut!
 
Was brauchst Du eigentlich für ein gutes Leben?
Zusammenfassend kann man sagen, dass das Wohnwagon-Team Dich verführen will. Ganz offen und ehrlich. Es will jeden begeistern von einer Idee des guten Lebens, das nicht in Widerspruch mit der Natur steht, das kein Hamsterrad mehr braucht und keine Zerstörung, sondern das einfach gut tut. Es will jedem die Informationen zur Verfügung stellen, damit man die ersten Schritte auf seinem Weg zu mehr Autarkie gehen kann. Besonders wichtig ist Wohnwagon, die Menschen dann auch beim Tun zu begleiten, bei den Fehlern, Problemen und Rückschlägen, bei den Erfolgen und Triumphen über den Schweinehund, bei dem „Das schaffst du nie“ und den sonstigen Hürden, die das Leben sich so ausdenkt. Ganz nach dem Motto: „Wir packen das!“

www.wohnwagon.at


Die Dosis macht das Gift! - Frühling 2016

Autor: Manfred Folkers für die Zeitschrift Buddhismus Aktuell im Interview mit Niko Paech

Die Dosis macht das GiftNiko Paech ist seit 2010 Gastprofessor für „Produktion und Umwelt“ an der Universität Oldenburg und Vorstandsmitglied der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ). Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Umweltökonomie und der Nachhaltigkeitsforschung. Er gilt als Weiterdenker und Wachstumskritiker und hat für seine Ideen zur „Postwachstumsökonomie“ u. a. 2014 den ZEIT-WISSEN-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ erhalten. Grund genug für Manfred Folkers, ihn für Buddhismus aktuell zu interviewen.

 
BA: In Ihrem 2012 erschienenen Buch Befreiung vom Überfluss sehen Sie eine „bevorstehende Überwindung“ der gegenwärtigen „fremdversorgten und wachstumsabhängigen Existenzform“ voraus, die entweder „by design“ oder „by desaster“ geschehen wird. Was gibt Ihnen die Sicherheit für diese Aussage?

Niko Paech: Werfen wir doch nur mal einen Blick auf die fünf wichtigsten Wachstumsgrenzen. Erstens scheitert Wachstum absehbar an historisch einmaligen Ressourcenengpässen, zweitens verbessert es nicht die Lage der Allerärmsten, denn um von wirtschaftlichem Wachstum profitieren zu können, muss man bereits einen bestimmten Zugang zum Industriesystem haben. Drittens sorgt Wachstum nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus für keine weiteren Glückszuwächse – das Gegenteil kann sogar eintreten. Viertens drohen weiterhin prägnante Finanzkrisen, während die letzten noch nicht bewältigt worden sind. Fünftens ist Wachstum trotz aller technischen Bemühungen nicht ohne Umweltzerstörung zu haben. Und ohne intakte Umwelt lässt sich schlecht produzieren und für Nahrung sorgen.
 
Wir brauchen eine Postwachstumsökonomie
BA: Als zentrale Ursache für die aktuellen Krisen identifizieren Sie die Droge „Wachstum“ und schlagen vor, eine „Postwachstumsökonomie“ zu entwickeln. Können Sie dieses Modell kurz erläutern?

NP: Benötigt würde eine reduktive Anpassung sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite. Auf der Nachfrageseite ist eine Dämpfung von Konsum- und Mobilitätsansprüchen unabdingbar. Ohne moderne Formen der Genügsamkeit, Entschleunigung und vor allem Sesshaftigkeit ist keines der gegenwärtigen Menschheitsprobleme mehr lösbar. Auf der Angebotsseite sind kleinräumige, graduell sogar deindustrialisierte Produktionssysteme nötig. Wenn die moderne, räumlich entgrenzte und technisch hoch gerüstete Industrieversorgung um die Hälfte reduziert würde, könnte im langfristigen Durchschnitt nur noch eine 20-Stunden-Arbeitswoche aufrechterhalten werden, d. h. die Volkswirtschaft müsste mit der Hälfte der momentanen Güterproduktion und natürlich mit weniger Geldeinkommen auskommen. Dies gelingt, wenn die frei gewordene Zeit als Ressource verwendet wird, um durch drei autonome Aktivitäten im Sinne moderner Selbstversorgung einen Teil der industriellen Fremdversorgung zu ersetzen.

Erstens: Manche Güter können wir teilweise selbst produzieren, z. B. Nahrung und Energie. Zweitens: Wenn sich Individuen Gebrauchsgüter mit anderen teilen, wird weniger Geld und Produktion für dasselbe Versorgungsniveau benötigt, denken wir an die gemeinsame Nutzung von Autos, Digitalkameras, Rasenmähern oder Waffeleisen. Drittens: Durch eine allmähliche Wiederaneignung handwerklicher Kompetenzen und den Aufbau sozialer Netze könnten wir die Dinge, mit denen wir uns umgeben, pflegen, reparieren und Instand halten. Doppelte Lebensdauer von Produkten heißt halber Verbrauch.

Insgesamt ergäbe sich auf dieser Grundlage eine duale Lebensform: Neben einer durchschnittlichen 20-stündigen geldbasierten Beschäftigung würden wir ergänzende Versorgungsleistungen selbst oder in sozialen Netzen erbringen. So gelingt es uns, eine halbierte Industrieproduktion durch Nutzungsdauerverlängerung, Gemeinschaftsnutzung oder eigene Produktionsleistungen so zu ergänzen, dass wir damit insgesamt auskommen und innerhalb notwendiger Grenzen verbleiben. Zwischen Industrie und Selbstversorgung bietet die Regionalökonomie ein drittes Versorgungssystem, das auf unternehmerischer Arbeitsteilung beruht, jedoch mit kürzeren Distanzen und einem geringeren Spezialisierungs- und Technisierungsgrad.

BA: Im Zusammenhang mit einer Neuausrichtung der heutigen Gesellschaft taucht oft der Begriff „Suffizienz“ auf. Hat der Ökonom Ernst Friedrich Schumacher nicht schon 1973 mit seinem Buch Small is beautiful und mit der von ihm proklamierten „Rückkehr zum menschlichen Maß“ etwas Ähnliches gefordert?

NP: Oh ja, Fritz Schumacher ist noch immer eine gewaltige Inspiration. Bei Schumacher ging’s um das Austarieren ökonomischer Aktivitäten, Strukturen und Ansprüche, sodass deren Quantität und Wirkmächtigkeit nicht nur im Bereich dessen bleibt, was auf einem endlichen Planeten verantwortet werden kann, sondern was den Menschen überhaupt guttut. Schumacher hat uns gezeigt: Die Dosis macht das Gift – und das gilt für die Ökonomie mindestens so wie für die Medizin!
 
Auf einem endlichen Planeten gibt es nichts zum Nulltarif
BA: Um sich von überzogenen Konsumgewohnheiten zu befreien und den Lebensalltag neu auszurichten, wird eine feste innere Haltung benötigt, die sich mit „Resilienz“ überschreiben lässt. Wie lautet Ihre Definition?

NP: Resilienz bedeutet Krisenfestigkeit, sie kann als proaktive und vorsorgliche Reaktion auf die nicht mehr zu leugnenden Wachstumsgrenzen verstanden werden. Sie erstreckt sich auf zwei aktuelle Problemfelder. Zunächst wäre es ratsam, Versorgungsstrukturen aufzubauen, die aufgrund von Autonomie und Bescheidenheit nicht angreifbar sind, falls die global-industrielle Ökonomie schwächelt oder zusammenkracht, etwa infolge von Ressourcen- oder Finanzkrisen. Des Weiteren lässt sich Resilienz als Selbstschutz vor Konsumverstopfung auffassen, denn die psychische Belastung angesichts der Reizüberflutung durch immer mehr materielle Freiheiten, die wir uns kaufen können, ist immens.

BA: E. F. Schumacher hat die Technik und das Versorgungssystem kritisiert und ihnen eine Ethik entgegengesetzt, die er mithilfe einer „buddhistischen Wirtschaftslehre“ begründet, die einen „mittleren Weg zwischen materialistischer Rücksichtslosigkeit und herkömmlicher Unbeweglichkeit“ beschreibt. Wie würden Sie den ethischen Rahmen einer Postwachstumsgesellschaft konkretisieren?

NP: Als jemand, dessen ökonomisches Denken von den Grundsätzen der Thermodynamik geprägt ist, vertrete ich die Auffassung, dass es auf einem endlichen Planeten absolut nichts zum Nulltarif gibt. Die Hoffnung, durch wie auch immer gearteten sogenannten Fortschritt neue materielle Freiheiten quasi aus dem Nichts heraus – die Rede ist dann immer von Effizienz, Produktivität oder Innovation – zu schöpfen, zählt zu den lächerlichsten Märchen, die in Politik, Wissenschaft und Bildung immer wieder aufgewärmt werden. Tatsächlich lassen sich nirgends zusätzliche menschliche Möglichkeiten erzielen, ohne später, andernorts oder im Rahmen anderer Systemdimensionen entsprechende Verluste in Kauf zu nehmen. Diese Nullsummenlogik bildet das Fundament meiner Nachhaltigkeitsphilosophie und sie hat ethische Konsequenzen, die sich sehr leicht, nämlich durch folgende Frage verdeutlichen lassen: Was darf sich ein einzelnes Individuum an Freiheiten aneignen, ohne über seine ökologischen und damit unvermeidlich auch sozialen Verhältnisse zu leben? Ohne Beantwortung dieser Frage, nämlich durch das Akzeptieren einer definitiven Selbstbegrenzung ist langfristig kein humanes Dasein möglich.

Wichtig sind geistig-spirituelle Fähigkeiten zur Selbstbegrenzung
BA: Viele Menschen sehen in der Lehre des Buddha weniger eine Religion als eine säkulare Spiritualität, die eine „richtige Lebensart“ (E. F. Schumacher) begründet. Welche Bedeutung messen Sie der Entwicklung geistig-spiritueller Fähigkeiten zu?

NP: Die Befähigung, innerhalb materieller Grenzen zu leben, ist nicht trivial, zumal sich der Virus moderner Konsumdemokratien geradezu rasant verbreitet – denken wir an den sogenannten arabischen Frühling oder den Expansionismus der EU, der bis in die Ukraine hineinreicht. Das Dogma bedingungsloser Selbstverwirklichung als Inbegriff eines egozentrischen Zeitalters hat auch die Erziehung und das Bildungssystem okkupiert. Rücksichtlose, als antiautoritär bezeichnete Daseinsformen, die darauf beruhen, selbst die jüngsten Gesellschaftsmitglieder mit immer mehr Elektronik, Komfort, globaler Mobilität und Einwegkonsum auszustatten, spotten jeder Nachhaltigkeitsorientierung. Der Kampf gegen eine organisierte Verantwortungslosigkeit, die allen Ernstes als Fortschritt oder legitime Freiheit verkauft wird, hat ja noch nicht einmal angefangen! Deshalb kann jede Kulturtechnik oder innere Haltung, die zur Demut und Genügsamkeit befähigt, nur nützlich sein. Geistig-spirituelle Fähigkeiten, die auf Selbstbegrenzung fußen, waren nie wichtiger. Und nicht erst seit Schumachers Bekenntnis zur buddhistischen Wirtschaftslehre wissen wir, dass der Buddhismus hier ganz besondere Anknüpfungspunkte offenbart.

 

Aber es kann sicherlich nicht von einem Automatismus dergestalt gesprochen werden, dass geistig-spirituell engagierte Menschen per se zu einer postwachstumstauglichen Lebensführung befähigt sind. Immer häufiger tritt das Gegenteil zutage. Der globale Yoga-, Satsang- und Esoterik-Tourismus lässt erkennen, dass es sich dabei oft lediglich um das emotionale Sahnehäubchen handelt, das dekadente Mittel- und Oberschichten ihrem Mobilitäts- und Konsumreichtum aufsetzen. Erst eine Spiritualität, die nicht auf permanenter individueller Entgrenzung, also menschlichem Wohlergehen als Kunst des zusätzlichen Bewirkens beruht, sondern die den Mut in sich trägt, eine Kultur der Reduktion und des souveränen Unterlassens zu befördern, kann Lösungen bieten. Dazu ist eine entsprechende innere Haltung zwar nötig, aber eben nicht hinreichend. Erforderlich sind Übungsprogramme, um durch wiederholte und disziplinierte Praxis die eigenen Ansprüche auf materielle Freiheiten auf das zu begrenzen, was sich weltweit verallgemeinern ließe.
 
Buchtipp:
Niko Paech, Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, Oekom Verlag 2012
Niko Paech, Suffizienz und Subsistenz: Therapievorschläge zur Überwindung der Wachstumsdiktatur. In: Hartmut Rosa u.a. (Hrsg.) Zeitwohlstand: Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben, Oekom Verlag 2013 

Dieser Beitrag wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Zeitschrift „Buddhismus aktuell“ – siehe auch unter „Aktuelles“.

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Dient die Technik noch dem Menschen? - Winter 2016

Autor: Anselm Lentz, Neue Erde Verlag

»Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.«
(Jaron Lanier, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014)

30 Jahre Neue Erde Verlag sind ein Anlass für mich, einen Blick in die Zukunft zu werfen und etwas überspitzt darzustellen, was gerade passiert und was vielleicht passieren wird, wenn die technische Entwicklung weiter in die bereits eingeschlagene Richtung verläuft. Fangen wir mit der Frage an: Warum gibt es Bücher? Einfach gesagt, sollte Wissen vermittelt werden und für die Zukunft erhalten bleiben. Dieses Wissen sollte eine große Masse von Menschen erreichen, denn einige waren der Meinung, dass Wissen zu einem besseren Miteinander beitragen würde. Es wurden erst Abschriften angefertigt und dann wurde die Druckerpresse erfunden. Viele Menschen lernten zu lesen in der Hoffung, die gesammelten Daten aus der Vergangenheit in ihrem jetzigen Dasein für eine bessere Zukunft zu nutzen, das heißt, sich zu entfalten. – Doch Wissen bedeutet auch Macht für jene, die es zu filtern und entsprechend ihrer Ziele zu verbreiten wissen.

Seit der Erfindung des Buchdrucks hat die Technik einige Sprünge gemacht. Heute haben wir begonnen, das Wissen in riesigen Computern und den daraus entstandenen Netzwerken zu sammeln und zu teilen. Daraus ist eine große Freiheit erwachsen, was unser Denken und Handeln angeht. Denn jeder kann egal wo, egal wann und egal was in Erfahrung bringen.

Jetzt möchten wir vordergründig meinen, dass das doch uns allen zugute kommt, denn schließlich war Machterhalt in der Vergangenheit doch hauptsächlich durch Wissensfilterung möglich. Wäre die Welt so gläsern, dass wir das Gesamtbild sehen könnten, wären wir frei, richtige Entscheidungen zu treffen.

Leider sind wir aber dabei, das Filtern der Informationsflut einigen Großrechnern zu überlassen, denn wir selbst sind oft maßlos überfordert. Einige wenige Menschen entscheiden, wie diese Filtersysteme funktionieren sollen und lassen Algorithmen programmieren, die entscheiden, welche Information wir bei einer Anfrage erhalten – oder welches Buch uns angeboten wird. Somit ist es uns bis jetzt nicht gelungen, ein großartiges Werkzeug so zu nutzen, dass wir wirklich alle davon profitieren.

Aus den anfänglichen Hoffnungen für mehr kulturellen Austausch, der mit der Entstehung des Internets einherging, schält sich langsam eine unschöne Wirklichkeit heraus. Nur wenige der Kulturschaffenden, die im Netz auf neue Möglichkeiten gehofft hatten, konnten tatsächlich ein Geschäftsmodell entwickeln, das sich trägt. Seien sie nun Musiker oder Autoren: Die Algorithmen reduzieren unsere Netz-Welt immer weiter auf die Angebote und Informationen, die von einer Mehrzahl bereits genutzt wurden. Wer im Ranking (der Reihenfolge der Suchergebnisse) zu weit unten ist, verliert Aufmerksamkeit und schlussendlich seine Daseinsberechtigung. Die Filterung zieht immer mehr von dem aus dem Verkehr, was im Sinne der Masse nicht gebraucht wird, und gleichzeitig ist es für die Masse schwer zu erkennen, dass die Auswahlmöglichkeit immer begrenzter wird, denn dank modernster Marketing-Methoden wird uns fast immer etwas vor die Nase gesetzt, das uns gefällt.

Unsere Fähigkeit, offen für Bedürfnisse zu bleiben, die aus dem Inneren kommen, wird langsam aber systematisch abtrainiert. – Davon, dass Künstler und Autoren im Internet Geld verdienen können mal ganz abgesehen - das ist ein Traum, den nur die allerwenigsten verwirklichen können, und für den Großteil davon reicht es auch nicht zum Leben. (Aber das sei in diesem Beitrag nur am Rande erwähnt.)

Ein besonderes Merkmal sticht bei den neuen Medien-Unternehmen hervor: Sie sammeln Informationen in ganz großem Stil, und sie wissen sie zu nutzen. Sie erkennen Vorlieben und Abneigungen und können daraus Vorraussagen über Verhaltensweisen Einzelner oder ganzer Gruppen treffen. Sie haben die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit des Netz-Nutzers dorthin zu lenken, wo sie sie haben wollen, meistens zu den Produkten, die schon viele gekauft haben. Ob hinter den Strategien, die wir unter dem Namen Neuromarketing zusammenfassen, Böswilligkeit oder einfach nur Geschäftssinn steht, sei dahingestellt. In jedem Fall funktioniert diese Auslese meiner Meinung nach so, wie sie der Sozialdarwinismus beschreibt, indem die Stärksten überleben. Wer sich ein wenig mit Darwins Evolutionstheorie befasst hat, sollte aber verstanden haben, dass eine Auslese nach diesem Prinzip keine Vielfalt hätte zustande bringen können. Mit oben erwähnter Entwicklung wird eine Verarmung der Kulturlandschaft ebenso einhergehen, wie eine Verarmung unserer Fähigkeit, selbst zu entscheiden.

Ich frage mich also, ob der Mensch seine Fähigkeit, sich individuell zu entfalten, abschaffen will? Sollen Computer an unserer Stelle denken, und Roboter machen die Arbeit? Lassen wir uns in Zukunft ein Leben lang füttern und verlagern unsere Wahrnehmung in eine virtuelle Realität, um schlussendlich über den Tod hinaus in digitaler Form ewig weiter zu existieren? Solche Phantasien haben einige Menschen wirklich. (Siehe Jaron Laniers Bücher „Gadget“ und „Wem gehört die Zukunft“).

Ich bin kein Internetgegner, ich halte es für ein nützliches Werkzeug, doch möchte ich jedem, der sich der Digitalisierung nicht entziehen will oder kann, von Herzen raten, nicht auf alles zu reagieren, was einem am Bildschirm vorgeschlagen wird. Denken Sie darüber nach. Schauen Sie in Ihr Herz. Erspüren Sie Ihre Gefühle. Wir sind Ganzheiten. Wir haben Seelen. Wir lernen aus Erfahrungen und entwickeln daraus individuelle Wünsche.

Neue Erde wählt seit dreißig Jahren Inhalte aus, die von Menschen für Menschen geschrieben wurden, und verbreitet diese. Wir wollen damit die menschliche Fähigkeit zur Wahrnehmung und zum selbstständigen Denken erweitern. Denn viele einzigartige Individuen sind für eine heile Ganzheit nötig. Ich wünsche mir, dass Neue Erde weiterhin neues Wissen unter die Menschen bringt – auch wenn wir vielleicht modernere Werkzeuge erst zu nutzen lernen müssen.

Anselm Lentz
www.neueerde.de

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Für eine bessere Welt - der Blog www.fuereinebesserewelt.info - Winter 2016

„Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben.“
Eleanor Rooseveelt

Wer morgens die Zeitung aufschlägt oder im Internet surft, bekommt schnell den Eindruck, dass es mit unserer Welt bergab geht: Wir taumeln von Krise zu Krise. Kaum haben wir einen Schock überwunden, kommt die nächste Hiobsbotschaft. Doch so schwarzweiß lässt sich unsere Welt nicht zeichnen. „Die Menschen wollen ihre Gesellschaft heute positiv mitgestalten“, meinen die beiden Hamburger Journalisten Ilona Koglin und Marek Rohde. In ihrem Blog www.fuereinebesserewelt.info zeigen sie deshalb Ideen, Menschen und Initiativen, die sich erfolgreich für eine bessere Welt einsetzen. Damit wollen sie auch andere zu Engagement ermutigen.

Kann ein einzelner Mensch die Welt verändern? Lohnt sich unser Engagement – ja, hat es überhaupt einen Sinn? Diese Fragen standen 2007 am Anfang des Projekts www.fuereinebesserewelt.info . Für eine Artikelserie sprachen die beiden mit Philosophen,

Psychologen, Religions- und Politikwissenschaftlern sowie Biologen. Die Erkenntnis: Unser Engagement für eine bessere Welt ist nicht nur sinnvoll, es ist für unser Überleben als Zivilisation unbedingt notwendig. „Diese Artikel sowie ein Vortrag, den wir dazu hielten, stießen auf so positive Resonanz, dass wir unseren Blog ins Leben riefen“, erinnert sich Ilona Koglin. Schnell wurden die beiden zu diesen Themen auch als Konferenzredner und Seminarleiter eingeladen. Mit Texten, Bildern und Filmen berichten die beiden seitdem auf www.fuereinebesserewelt.info über Ideen, Menschen und Initiativen mit Vorbildcharakter.

„Natürlich verschweigen wir die Probleme nicht, die wir derzeit in unserer Welt zu bewältigen haben“, meint Marek Rohde. Frei nach Stéphane Hessels Bestseller „Empört Euch!“ rufen die beiden daher alle auf, über Missstände zu debattieren. Doch das reicht ihrer Meinung nach nicht: „Sich zu empören ist natürlich ein Anfang. Doch wir wollen, dass die Menschen diese Empörung in konstruktives Engagement umzusetzen!“erklärt Ilona Koglin. Die beiden freuen sich, dass immerhin eine halbe Millionen Zugriffe pro Monat dieses Anliegen bestätigt.

Deshalb legen die beiden Journalisten Wert darauf, dass sie auf www.fuereinebesserewelt.info Alternativen, erfolgreiche Aktionen und Menschen vorstellen, die zeigen, dass jeder Einzelne Einfluss auf die Entwicklung unserer Welt haben kann. „Wir alle sind dafür verantwortlich wie unsere Welt aussieht – auch oder gerade, wenn wir vermeintlich nichts tun“, meint Marek Rohde. Dabei stecke tief in uns allen der Wunsch, diese unsere Welt zum Besseren zu verändern. „Viele Menschen trauten sich dies nur nicht (mehr) zu“, ist sich Ilona Koglin sicher. Doch das könnte sich bei der Lektüre des Blogs ändern – und damit hätten die beiden Hamburger dann selbst unsere Welt ein kleines bisschen zu Besseren verändert.

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