Nachhaltigkeit & Neue Wirtschaft 2019


Winter 2019


Man kann die Erderwärmung nicht wegmeditieren

Autorinnen: Birgit Stratmann und Cristina Grovu

 

Interview mit Birgit Stratmann, Mit-Initiatorin des Online-Magazins ethik-heute.org von Cristina Grovu

 

Frage: Sie nennen sich Netzwerk Ethik heute, betreiben ein Online-Magazin und organisieren Veranstaltungen. Wie kamen Sie darauf, etwas zum Thema Ethik zu machen?

 

Wir Initiatoren suchten nach etwas Verbindendem zwischen Menschen und Kulturen. Gleichzeitig wollten wir westliche und östliche Perspektiven integrieren, besonders Wissenschaft, Philosophie und Therapie auf der einen Seite, und Meditation, Achtsamkeit und innere Arbeit auf der anderen Seite. 

 

Auch waren wir inspiriert von der Idee der „säkularen Ethik“, die der Dalai Lama seit einiger Zeit promotet. Er spricht viel davon, dass Ethik wichtiger sei als Religion und bezeichnet die Ethik sogar als Schlüssel, um die vielen Probleme in der Welt zu lösen. Seine Definition ist einfach: „Andere Menschen als Brüdern und Schwestern anzusehen, darum geht es bei der Ethik.“

 

Als unser Gründungsmitglied Christof Spitz, der auch sein Dolmetscher für den deutschsprachigen Raum ist, ihm 2013 die Idee eines Ethik-Netzwerks vorstellte war der Dalai Lama begeistert. Spontan spendete er über seine Stiftung 10.000 Euro – das war unser Startkapital. Zu dem Zeitpunkt hatten wir außer einigen guten Ideen und ein paar hochmotivierten Menschen noch gar nichts. 

 

Frage: Wie kam es dann zur Gründung des Netzwerks?

 

Meine Kollegin, die Journalistin Michaela Doepke, und ich dachten zuerst daran, ein Print-Magazin zu machen. Wir haben sogar ein Pilotheft gedruckt und verteilt. Doch als wir dann über den Zahlen brüteten, haben wir die Idee verworfen. Zu teuer, zu riskant und irgendwie nicht mehr zeitgemäß. Dann entschlossen wir uns, ein Online-Magazin aufzubauen. 

 

Parallel arbeiteten Christof Spitz und die anderen beiden Gründungsmitglieder, die Organisationsentwicklerin Uta Frahm und Beate Ludwig, Inhaberin einer Kommunikationsagentur, an einem Veranstaltungsformat „Ethik-Dialoge für Führungskräfte“. Ihnen lag die Frage am Herzen, wie wir Menschlichkeit in Unternehmen bringen können. Irgendwann saßen wir alle zusammen am runden Tisch und beschlossen, eine gemeinnützige Organisation zu gründen – mit Online-Magazin und Veranstaltungen. Das war im November 2013.

 

Ethik hält die Gesellschaft zusammen

 

Frage: Was verstehen Sie unter Ethik?

 

Der Begriff ist, das gebe ich zu, nicht besonders attraktiv. Man denkt an Regeln, Pflichten und den erhobenen Zeigefinger – also alles, was keinen Spaß macht. Für uns ist Ethik das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Ethik als ein Denken und Handeln, das unser Leben ermöglicht und unsere tieferen Bedürfnisse spiegelt – nach einem gelingenden Leben, guten Beziehungen, einer ökologisch und sozialen Gesellschaft.

 

Ethik kommt aus dem Herzen, daher unser Slogan: „Ethik ist Herzenssache“. Wir sehen ja, dass kühle Vernunft nicht immer ausreicht. Nehmen wir zum Beispiel die Erderwärmung: Wir kennen die Fakten, wir wissen um unsere eigenen Anteile daran – aber trotzdem schaffen wir es nicht, unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Wir fliegen, wir konsumieren, wir leben über unsere Verhältnisse. Genau das spiegelt sich auch auf politischer Ebene: Ein wirksames Klimaabkommen gibt es nicht.

 

Vielleicht brauchen wir viel mehr innere Quellen wie Achtsamkeit, Weisheit, ein Gefühl der Verbundenheit, um Lösungen zu finden – natürlich in Kombination mit politischen Veränderungen. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die glauben, man könne den Klimawandel wegmeditieren. Die Frage ist aber: Wie motivieren wir uns zu einem Handeln, das dem Gemeinwohl dient? Und da glaube ich, dass diese Motivation aus inneren Quellen kommen muss. Die Frage ist, wie wir Zugang zu diesen Quellen finden.

 

Frage: Und was ist Ihre Antwort?

 

In dieser stressigen, schnellen Gesellschaft ist es wirklich nicht leicht, zu sich zu kommen. Wir wissen gar nicht mehr, dass wir „innere Quellen“ haben. Sie sind verschüttet. Wir haben ein interdisziplinäres „Weisheitstraining“ entwickelt, um Zugang zu diesen Quellen zu ermöglichen. In den Workshops beschäftigen wir uns mit solchen Fragen: Was ist für mich ein gutes Leben? Wie kann ich meine tieferen menschlichen Bedürfnisse sehen und leben? Wie kann ich mich dabei mit anderen verbinden und mehr zum Wohl des Ganzen wirken?

 

Ich kenne mehrere Menschen, die im Laufe des Trainings ihr Arbeitsumfeld anders gestaltet haben. Die meisten davon haben ihre Arbeitszeit reduziert oder Karrierestufen sein lassen, um mehr Zeit zu haben. Wir können in dem Tempo, wie wir es jetzt leben, nicht mehr weitermachen. Wir verlieren uns selbst, und dadurch womöglich auch den tieferen Kontakt zu anderen Menschen. Ja, das menschliche Leben auf der Erde insgesamt ist in Gefahr.

 

Wir müssen also zu uns kommen. Aussteigen und wie Thoreau in den Wäldern leben, ist für die meisten keine Option, denn wir wollen ja gerade in die Gesellschaft hineinwirken. Aber das Leben verlangsamen, mehr Raum haben und tiefer nachdenken, das tut uns gut.

 

Wir haben auf unserem Portal auch Artikel über das Bedingungslose Grundeinkommen und Unternehmerinnen und Unternehmer, die Wirtschaft anders gestalten. Es muss Alternativen geben zu einer Gesellschaft, die auf Leistung und Konkurrenz setzt. Diese Fragen haben mich motiviert, das Netzwerk zu gründen.

 

Politisches Engagement und Meditation verbinden

 

Frage: Was ist Ihr persönlicher Hintergrund?

 

Ich war in beiden Welten unterwegs: im Politischen und im Spirituellen. Die meiste Zeit meines beruflichen Lebens habe ich für Greenpeace als Texterin gearbeitet. Greenpeace wirkt ja vor allem politisch. Ich mag das Kämpferische im Greenpeace-Spirit, den unbändigen Glauben: Alles ist möglich, wenn wir es gemeinsam anpacken.

 

Anfang der 1990er Jahre habe ich angefangen, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen und zu meditieren. Ich war übrigens bei einigen Retreats von Thich Nhat Hanh in Oldenburg. Er hat mich stark geprägt, da er alles integriert. Er spricht in einem neueren Buch davon, dass wir ein „kollektives Erwachen“ bräuchten, ein starkes Wort! Wir kommt es manchmal so vor, als seien wir eine Gesellschaft im Tiefschlaf.

 

Frage: Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich in Ihrem Online-Magazin? Was bewegt Ihre Leserinnen und Leser?

 

Wir spannen den Bogen von der persönlichen Entwicklung zum gesellschaftlichen Engagement, weil beides zusammengehört. Das geht von Achtsamkeit und Meditation über Liebe und Vertrauen bis hin zu Bildung, Umwelt und anderen gesellschaftlichen Fragen, sei es Digitalisierung, Demokratie, Flüchtlingsthematik. Es gibt kaum etwas, das wir nicht mit Ethik verbinden. Dabei versuchen wir, andere Perspektiven auf Themen zu ermöglichen, die auch sonst durch die Medien gehen. Das verdanken wir einer Vielzahl von ganz unterschiedlichen Autorinnen und Autoren.

 

Ich glaube, dass viele Menschen regelmäßig unser Portal besuchen, weil sie ihre Hoffnung und Zuversicht für eine bessere Welt bewahren wollen. Und darin bestärken wir sie – eigentlich mit jedem Beitrag, den wir veröffentlichen. Wir machen Mut und zeigen: Bei all den Konflikten und Problemen gibt es viele Lichtblicke. 

 

Frage: Wird heutzutage nicht zu viel geredet? Sind nicht eher Taten notwendig?

 

Viele Menschen sind ja normalerweise den ganzen Tag aktiv, manche sogar hyperaktiv, auch im Guten. Sie machen neben Arbeit und Familie sogar mehrere ehrenamtliche Jobs. Thich Nhat Hanh hat oft gefragt: Wir rennen und rennen, aber was wäre, wenn wir mal innehalten, Sorgen und Vorhaben fallen lassen und einfach im Sein ankommen?

 

Auf der anderen Seite gibt es nicht wenige Menschen in unserer Gesellschaft, die unter dem Gegenteil leiden: Apathie und Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das führt dazu, dass wir kostbare Freizeit vor irgendwelchen Bildschirmen verbringen, statt uns mit anderen Menschen zu verbinden und die Welt zu bewegen.

 

Aber natürlich haben Sie recht: Zur Ethik gehören Herz und Hand. Wir müssen das, was wir als richtig erkannt haben, auch in den Alltag bringen, in die Beziehung zu anderen Menschen. Das ist die eigentliche ethische Praxis. 

 

Das „Netzwerk Ethik heute“ ist eine gemeinnützige Organisation, die Veranstaltungen macht und ein kostenloses Online-Magazin betreibt: Jede Woche gibt es neue Artikel rund um Ethik und Achtsamkeit. Das Portal finanziert sich allein durch Spenden: ethik-heute.org

Sie können das Magazin mit einer Mitgliedschaft im Freundeskreis unterstützen. Für 60 € im Jahr erhalten Sie Zugang zur Audiothek – mit Vorträgen, Interviews und Meditationen – und jedes Jahr ein eBook mit den besten Artikeln.

 

Birgit Stratmann ist Mitbegründerin des Netzwerks Ethik heute.

Verantwortlich für die Redaktion der Website und die Programmplanung,

Texterin für Print und Web, u.a. für Greenpeace.