Nachhaltigkeit & Neue Wirtschaft 2019


Frühjahr 2019


Das Leben wählen

Foto ©: Free fotos - pixabay.com
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Von Joanna Macy und Molly Brown

Joanna Macy und Molly Brown möchten dazu ermutigen, eine ökologisch-spirituelle Transformation im eigenen Leben und mit anderen Menschen in Gang zu setzen – für das Wohl aller fühlenden Wesen und dieser Erde, die unser einziges Zuhause ist.

 

Wir können das Leben wählen. Sogar im Angesicht der weltweiten Klimakatastrophe, der weltumspannenden radioaktiven Verseuchung, von Fracking, dem Abtragen der Berggipfel zur Steinkohlegewinnung, der Ölsandgewinnung, den Tiefseebohrungen und genetisch veränderten Lebensmitteln – wir können das Leben immer wählen. Wir haben noch immer die Möglichkeit, zum Wohle einer lebenswerten Welt zu handeln.

 

Entscheidend ist, dass wir uns Folgendes klarmachen: Wir können unsere Bedürfnisse erfüllen, ohne unser lebenserhaltendes System zu zerstören. Denn wir haben das Wissen und die technischen Möglichkeiten, so zu handeln. Wir haben das Können und die Ressourcen, um ausreichende Mengen von natürlicher, unveränderter Nahrung zu erzeugen. Auch wissen wir, wie wir saubere Luft und sauberes Wasser bewahren können. Wir sind fähig, Energie aus Sonne, Wind, Wasser, Algen und Pilzen zu erzeugen. Wir haben Methoden zur Geburtenkontrolle, um das Wachstum der menschlichen Population zu verlangsamen, um schließlich eine Verringerung zu bewirken. Wir haben die technischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, um Waffen unschädlich zu machen, Kriege zu verhindern und jedem eine Stimme im Prozess demokratischer Selbstbestimmung zu geben. Wir können unsere moralischen Wertvorstellungen darin üben, unseren Lebensstil und Konsum in Einklang mit den Lebenssystemen der Erde zu bringen. Alles, was wir brauchen, ist der kollektive Wille dazu. (...)

 

In dieser Erden-Zeit das Leben zu wählen ist ein mächtiges Abenteuer. Wie Menschen überall entdecken, entfacht dieses Abenteuer mehr Mut und Solidarität als irgendeine Militärkampagne. Zahllose Menschen sind dabei zu organisieren, zu lernen, Aktionen durchzuführen. Es sind Schülerinnen und Schüler, die Flüsse renaturieren, damit die Lachse laichen können, Stadtbewohner, die auf freien Flächen urbane Gemeinschaftsgärten schaffen, First Nations (Ureinwohner Kanadas), die die Ölproduktion und den Bau von Pipelines auf dem Land ihrer Vorfahren blockieren, und Frauen auf dem Land, die Sonnen- und Wasserreinigungstechnologien in ihre Dorfgemeinschaften bringen.

 

All diese vielfältigen menschlichen Aktivitäten dienen dem Leben. Sie machen weder Schlagzeilen noch werden sie in den Nachrichten erwähnt, aber für unsere Nachkommen wird genau das wichtiger sein als alles andere, was wir tun. Schaffen wir die Veränderung von der Industriellen Wachstumsgesellschaft hin zu einer nachhaltig lebensfördernden Gesellschaft, dann ist die Welt für jene, die nach uns kommen, lebenswert. Schauen die zukünftigen Menschen dann auf diesen historischen Moment zurück, werden sie klarer als wir heute sehen können, wie revolutionär unsere Aktionen waren. Vielleicht werden sie es die Zeit des Großen Wandels nennen. Sie werden es als epochal, als bahnbrechendes Ereignis vermerken. Während die landwirtschaftliche Revolution Jahrhunderte und die industrielle Revolution Generationen benötigte, muss die ökologische-spirituelle Revolution innerhalb einiger Jahre geschehen. Ebenso muss klar sein, dass nicht ausschließlich die Wirtschaftspolitik beteiligt ist, sondern auch die Unterstützung durch veränderte Gewohnheiten, Werte und Einsichten.

 

Die größte Gefahr: Die Apathie von Herz und Verstand

 

Es ist die Zerstörung der Welt zu unseren Lebzeiten Die uns schier um unseren Verstand bringt. Das zu zerstören, was uns anvertraut wurde: Wie halten wir das aus?

Wendell Berry 

 

Indem wir an all diesen Zerstreuungen festhalten, hoffen wir, unsere Aufmerksamkeit nicht darauf lenken zu müssen, wer wir sind, nicht fühlen zu müssen, was wir fühlen, nicht sehen zu müssen, was wir sehen.

Judy Lief 

 

Der Große Wandel hin zu einer lebensfördernden Zukunft ist im Angesicht dessen, was mit unserer Welt geschieht, eine Antwort auf das, was wir sehen und fühlen. Er beinhaltet zwei Aspekte: Wir nehmen die Gefahr wahr, und wir finden Wege zum Handeln. Als bewusste Wesen sind wir mit einem Körper und mannigfaltigen Sinnen versehen, um darauf entsprechend reagieren zu können: Ohne zu überlegen springen wir aus dem Weg, wenn ein Lastwagen auf uns zurast, schütten Wasser auf ein Feuer, springen in ein Schwimmbecken, um ein Kind zu retten. Diese Fähigkeit, angemessen zu reagieren, die auch als prosoziales Verhalten bezeichnet wird, ist in der menschlichen Evolutionsgeschichte immer schon ein wesentliches Merkmal des Lebens gewesen. Sie umfasst unsere Anpassungsfähigkeit an neue Herausforderungen und die Entwicklung neuer Möglichkeiten. Sie erlaubt es ganzen Gruppen und Gesellschaften, zu überleben, solange ihre Mitglieder über die erforderlichen Informationen verfügen und in ihrem Handeln frei sind. Systemisch gesprochen, ist die Reaktion auf eine Gefahr Teil einer Rückkopplungsschleife oder eines Feedback-Prozesses, die unsere Wahrnehmung von einem Ereignis mit unserem Handeln verbindet. Situationsgerechte Antworten setzen allerdings voraus, dass solche Rückkopplungsschleifen nicht blockiert werden.

 

Das Leben auf der Erde ist in diesem Moment seiner Entwicklung so massiv und beispiellos bedroht, dass es schwer ist, damit noch fertigzuwerden. Die ernsten Gefahrensignale, die eigentlich unsere Aufmerksamkeit fesseln, unser Blut in Wallung bringen und uns im gemeinschaftlichen Handeln zusammenschweißen sollten, bewirken eher das Gegenteil. Lieber lassen wir die Rollläden herunter und beschäftigen uns mit Nebensächlichkeiten. Von unserem Wunsch nach Ablenkung profitiert eine milliardenschwere Industrie, die uns suggeriert, dass schon alles in Ordnung ist, solange wir nur dieses Auto oder jenes Deodorant kaufen. Wir essen Fleisch aus Massentierhaltung und industriell erzeugte Agrarprodukte. Dabei ignorieren wir die darin enthaltenen Pestizide, Hormone und gentechnischen Veränderungen. Wir kaufen Kleidung ohne Rücksicht darauf, wo sie hergestellt wurde, und denken lieber nicht darüber nach, ob sie vielleicht durch Ausbeutung der Arbeiterinnen in weit entfernten Ländern produziert wurde. Wir gehen nicht wählen, und tun wir es dennoch, dann wählen wir Kandidaten, von denen wir selber nicht glauben, dass sie die realen Probleme anpacken werden. Allen unseren Erfahrungen zum Trotz hoffen wir, dass sie plötzlich aufwachen und mutig handeln mögen, um uns zu retten. Ist unsere Gesellschaft tatsächlich so kaltschnäuzig und nihilistisch geworden? Hat sie damit aufgehört, sich um das Leben auf Erden zu sorgen?

 

Der Schmerz um die Welt

 

Es scheint so. Reformer und Revolutionäre prangern die öffentliche Apathie an. Um das Volk wach zu rütteln, überschütten sie es immer mehr mit grauenvollen Nachrichten und tun dabei so, als wüssten die Menschen nicht, dass unsere Welt in Schwierigkeiten steckt. In moralischem Befehlston predigen sie ihr Wissen so, als würden sich die Menschen nicht schon längst genug Sorgen machen. Ihre Warnungen und Moralpredigten veranlassen uns, die Rollläden noch weiter herunterzulassen, uns zu schützen und alles auszublenden, was zu erdrückend, zu kompliziert, zu sehr außer Kontrolle geraten ist.

 

Umso notwendiger ist es, sich dieser Apathie zu stellen, sie zu verstehen und sich ihr mit Respekt und Mitgefühl anzunähern. Apatheia kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich: Nicht-Leiden. Ausgehend von der Herkunft des Worts, bedeutet es das Unvermögen, Schmerz zu fühlen und ihn abzuwehren. 

 

Was ist das für ein Schmerz, den wir in dieser Erdenzeit fühlen – und krampfhaft versuchen, nicht fühlen zu müssen, um unempfindlich zu bleiben? Es ist etwas völlig anderes als das, was die alten Griechen damit gemeint haben. Dieser Schmerz betrifft nicht den Mangel an Wohlstand, Gesundheit, Ansehen oder geliebten Menschen, sondern er bezieht sich auf so unermessliche Verluste, dass wir es kaum fassen können. Es ist der Schmerz um die Welt. (...) In unserer bedrohten und leidenden Welt ist dieser Schmerz der Preis dafür, dass wir mit einem Bewusstsein ausgestattet sind. Dieser Schmerz ist natürlich und eine unersetzliche Komponente unserer kollektiven Heilung. (...) Wir können versuchen, uns vor dem Schmerz um die Welt zu schützen, jedoch ist der Aufwand enorm groß. Wir bezahlen einen hohen Preis dafür, dass wir unser Bewusstsein, unsere Einsichten und unsere Authentizität willentlich dezimieren. Verdrängung verschlingt eine Unmenge unserer Energie und beeinträchtigt die Mitwelt-Wahrnehmung erheblich. (...) Den Schmerz nicht fühlen zu wollen führt ebenso zu einer Abstumpfung anderer Gefühle – Liebe und Traurigkeit sind oberflächlicher, der Himmel weniger leuchtend, Freude verhaltener. (...) Zugleich beeinträchtigt die Verdrängung von Kummer und Verzweiflung unser Denken und schwächt damit unsere geistigen Fähigkeiten. (...)

 

Engagieren wir uns für das Leben auf Erden, ist unser Schmerz, der Gefühle von Angst, Wut und Trauer beinhaltet, nicht nur allgegenwärtig, sondern zugleich völlig natürlich und gesund. Dysfunktional wird er insofern erst, wenn wir ihn nicht ernst nehmen und unterdrücken.

 

Weder zusammengebissene Zähne noch der Versuch, edle und tapfere Bürger zu werden, befreien uns aus Verleugnung und Apathie. Auch Selbstvorwürfe oder das Weiterkämpfen mit zusammengekniffenen Lippen helfen uns nicht dabei, unsere Leidenschaft für das Leben, unsere wilde, ursprüngliche, schöpferische Intelligenz wiederzufinden. Die Vorstellung vom tapferen Helden gehört in das alte Weltbild des Turbokapitalismus. Die Zeit für Helden dieser Art ist nun vorbei. 

 

Das Bemerkenswerteste dieses historischen Augenblicks ist nicht die Tatsache, dass wir dabei sind, die Erde zu zerstören – denn das tun wir schon eine ganze Weile –, sondern wirklich wichtig ist unser langsames Erwachen wie aus einem Jahrtausende währenden Schlaf. Dieses Erwachen macht eine völlig neue Art der Beziehung zu unserer Erde, zu uns selbst und zu allen anderen Lebensformen möglich. Dadurch kann sich der Große Wandel entfalten.

Auszug aus dem Buch:

 

Joanna Macy & Molly Brown: Für das Leben! – Ohne Warum –

Ermutigung zu einer ökologisch-spirituellen Revolution

 

aus dem Amerikanischen von Barbara Hamburger-Langer und Gunter Hamburger

Junfermann Verlag,

Paderborn 2017

 

Bestellmöglichkeit bei Buchhandlung Plaggenborg, info@buchhandlung-plaggenborg.de oder Tel. 0441-17543


Utopia.de – Deutschlands größtes Portal für Nachhaltigkeit

Von Ulrike Plaggenborg (und Utopia.de)

 

Utopia.de ist eine unerschöpfliche Quelle für Anregungen, nachhaltiger zu leben. Das Themenspektrum ist breit gefächert, die Beiträge gut aufbereitet. Es macht immer Spaß dort zu stöbern und sich anstupsen zu lassen. Wöchentlich gibt es einen Newsletter im Abo, damit man auch nichts verpasst.

 

Die Vision: nachhaltige Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft

 

Die Menschheit steht vor großen ökologischen und sozialen Herausforderungen. Noch aber ist Nachhaltigkeit nicht oberste Priorität: weder auf der politischen Agenda noch bei der Mehrzahl der Verbraucher oder bei Unternehmen. Doch die Zeit drängt.

 

Deshalb möchte Utopia Menschen, Organisationen und Unternehmen zusammenbringen, die gemeinsam einen wirksamen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft leisten wollen.

 

Utopias Beitrag: nachhaltige Kaufberatung

 

Utopia.de möchte Millionen Verbraucher informieren und inspirieren, ihr Konsumverhalten und ihren Lebensstil nachhaltig zu verändern. Nachhaltiger Konsum wird sich nur dann auf breiter gesellschaftlicher Basis durchsetzen, wenn die Angebote attraktiv – und damit massen(markt)tauglich – sind. Deshalb macht es utopia.de den Nutzern so leicht und so attraktiv wie möglich, sich bei Produkten und Dienstleistungen für nachhaltigere Alternativen zu entscheiden.

 

Der Weg: Utopia verbindet die kompetente Kaufberatung einer unabhängigen Redaktion mit den Meinungen und Empfehlungen von mehr als 90.000 registrierten Community-Mitgliedern, die auf Utopia nachhaltige Produkte und Dienstleistungen testen und bewerten.

 

Dabei will Utopia weder belehren noch missionieren, sondern umfassend informieren. Utopia will die Menschen motivieren, den jeweils nächsten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu tun – egal wie groß oder klein dieser ist. Denn: wer einmal angefangen hat, sich mit nachhaltigem Konsum zu beschäftigen, den lässt es nicht mehr los.

 

Die Themen auf Utopia.de

 

Garten, Gesundheit, Lebensmittel, Lifestyle, Plastik, Selbermachen, Auto, Umweltschutz, Fair Trade, Gewusst Wie, Nachhaltigkeit, Vegan, Utopia von A bis Z, Beliebt auf Utopia, Ratgeber, News, Bildergalerien, Siegel. Auch der Newsletter informiert über die besten Infos, Tipps, News, Ratgeber & Kaufberatungen kostenlos per Mail.


Winter 2019


Man kann die Erderwärmung nicht wegmeditieren

Autorinnen: Birgit Stratmann und Cristina Grovu

 

Interview mit Birgit Stratmann, Mit-Initiatorin des Online-Magazins ethik-heute.org von Cristina Grovu

 

Frage: Sie nennen sich Netzwerk Ethik heute, betreiben ein Online-Magazin und organisieren Veranstaltungen. Wie kamen Sie darauf, etwas zum Thema Ethik zu machen?

 

Wir Initiatoren suchten nach etwas Verbindendem zwischen Menschen und Kulturen. Gleichzeitig wollten wir westliche und östliche Perspektiven integrieren, besonders Wissenschaft, Philosophie und Therapie auf der einen Seite, und Meditation, Achtsamkeit und innere Arbeit auf der anderen Seite. 

 

Auch waren wir inspiriert von der Idee der „säkularen Ethik“, die der Dalai Lama seit einiger Zeit promotet. Er spricht viel davon, dass Ethik wichtiger sei als Religion und bezeichnet die Ethik sogar als Schlüssel, um die vielen Probleme in der Welt zu lösen. Seine Definition ist einfach: „Andere Menschen als Brüdern und Schwestern anzusehen, darum geht es bei der Ethik.“

 

Als unser Gründungsmitglied Christof Spitz, der auch sein Dolmetscher für den deutschsprachigen Raum ist, ihm 2013 die Idee eines Ethik-Netzwerks vorstellte war der Dalai Lama begeistert. Spontan spendete er über seine Stiftung 10.000 Euro – das war unser Startkapital. Zu dem Zeitpunkt hatten wir außer einigen guten Ideen und ein paar hochmotivierten Menschen noch gar nichts. 

 

Frage: Wie kam es dann zur Gründung des Netzwerks?

 

Meine Kollegin, die Journalistin Michaela Doepke, und ich dachten zuerst daran, ein Print-Magazin zu machen. Wir haben sogar ein Pilotheft gedruckt und verteilt. Doch als wir dann über den Zahlen brüteten, haben wir die Idee verworfen. Zu teuer, zu riskant und irgendwie nicht mehr zeitgemäß. Dann entschlossen wir uns, ein Online-Magazin aufzubauen. 

 

Parallel arbeiteten Christof Spitz und die anderen beiden Gründungsmitglieder, die Organisationsentwicklerin Uta Frahm und Beate Ludwig, Inhaberin einer Kommunikationsagentur, an einem Veranstaltungsformat „Ethik-Dialoge für Führungskräfte“. Ihnen lag die Frage am Herzen, wie wir Menschlichkeit in Unternehmen bringen können. Irgendwann saßen wir alle zusammen am runden Tisch und beschlossen, eine gemeinnützige Organisation zu gründen – mit Online-Magazin und Veranstaltungen. Das war im November 2013.

 

Ethik hält die Gesellschaft zusammen

 

Frage: Was verstehen Sie unter Ethik?

 

Der Begriff ist, das gebe ich zu, nicht besonders attraktiv. Man denkt an Regeln, Pflichten und den erhobenen Zeigefinger – also alles, was keinen Spaß macht. Für uns ist Ethik das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Ethik als ein Denken und Handeln, das unser Leben ermöglicht und unsere tieferen Bedürfnisse spiegelt – nach einem gelingenden Leben, guten Beziehungen, einer ökologisch und sozialen Gesellschaft.

 

Ethik kommt aus dem Herzen, daher unser Slogan: „Ethik ist Herzenssache“. Wir sehen ja, dass kühle Vernunft nicht immer ausreicht. Nehmen wir zum Beispiel die Erderwärmung: Wir kennen die Fakten, wir wissen um unsere eigenen Anteile daran – aber trotzdem schaffen wir es nicht, unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Wir fliegen, wir konsumieren, wir leben über unsere Verhältnisse. Genau das spiegelt sich auch auf politischer Ebene: Ein wirksames Klimaabkommen gibt es nicht.

 

Vielleicht brauchen wir viel mehr innere Quellen wie Achtsamkeit, Weisheit, ein Gefühl der Verbundenheit, um Lösungen zu finden – natürlich in Kombination mit politischen Veränderungen. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die glauben, man könne den Klimawandel wegmeditieren. Die Frage ist aber: Wie motivieren wir uns zu einem Handeln, das dem Gemeinwohl dient? Und da glaube ich, dass diese Motivation aus inneren Quellen kommen muss. Die Frage ist, wie wir Zugang zu diesen Quellen finden.

 

Frage: Und was ist Ihre Antwort?

 

In dieser stressigen, schnellen Gesellschaft ist es wirklich nicht leicht, zu sich zu kommen. Wir wissen gar nicht mehr, dass wir „innere Quellen“ haben. Sie sind verschüttet. Wir haben ein interdisziplinäres „Weisheitstraining“ entwickelt, um Zugang zu diesen Quellen zu ermöglichen. In den Workshops beschäftigen wir uns mit solchen Fragen: Was ist für mich ein gutes Leben? Wie kann ich meine tieferen menschlichen Bedürfnisse sehen und leben? Wie kann ich mich dabei mit anderen verbinden und mehr zum Wohl des Ganzen wirken?

 

Ich kenne mehrere Menschen, die im Laufe des Trainings ihr Arbeitsumfeld anders gestaltet haben. Die meisten davon haben ihre Arbeitszeit reduziert oder Karrierestufen sein lassen, um mehr Zeit zu haben. Wir können in dem Tempo, wie wir es jetzt leben, nicht mehr weitermachen. Wir verlieren uns selbst, und dadurch womöglich auch den tieferen Kontakt zu anderen Menschen. Ja, das menschliche Leben auf der Erde insgesamt ist in Gefahr.

 

Wir müssen also zu uns kommen. Aussteigen und wie Thoreau in den Wäldern leben, ist für die meisten keine Option, denn wir wollen ja gerade in die Gesellschaft hineinwirken. Aber das Leben verlangsamen, mehr Raum haben und tiefer nachdenken, das tut uns gut.

 

Wir haben auf unserem Portal auch Artikel über das Bedingungslose Grundeinkommen und Unternehmerinnen und Unternehmer, die Wirtschaft anders gestalten. Es muss Alternativen geben zu einer Gesellschaft, die auf Leistung und Konkurrenz setzt. Diese Fragen haben mich motiviert, das Netzwerk zu gründen.

 

Politisches Engagement und Meditation verbinden

 

Frage: Was ist Ihr persönlicher Hintergrund?

 

Ich war in beiden Welten unterwegs: im Politischen und im Spirituellen. Die meiste Zeit meines beruflichen Lebens habe ich für Greenpeace als Texterin gearbeitet. Greenpeace wirkt ja vor allem politisch. Ich mag das Kämpferische im Greenpeace-Spirit, den unbändigen Glauben: Alles ist möglich, wenn wir es gemeinsam anpacken.

 

Anfang der 1990er Jahre habe ich angefangen, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen und zu meditieren. Ich war übrigens bei einigen Retreats von Thich Nhat Hanh in Oldenburg. Er hat mich stark geprägt, da er alles integriert. Er spricht in einem neueren Buch davon, dass wir ein „kollektives Erwachen“ bräuchten, ein starkes Wort! Wir kommt es manchmal so vor, als seien wir eine Gesellschaft im Tiefschlaf.

 

Frage: Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich in Ihrem Online-Magazin? Was bewegt Ihre Leserinnen und Leser?

 

Wir spannen den Bogen von der persönlichen Entwicklung zum gesellschaftlichen Engagement, weil beides zusammengehört. Das geht von Achtsamkeit und Meditation über Liebe und Vertrauen bis hin zu Bildung, Umwelt und anderen gesellschaftlichen Fragen, sei es Digitalisierung, Demokratie, Flüchtlingsthematik. Es gibt kaum etwas, das wir nicht mit Ethik verbinden. Dabei versuchen wir, andere Perspektiven auf Themen zu ermöglichen, die auch sonst durch die Medien gehen. Das verdanken wir einer Vielzahl von ganz unterschiedlichen Autorinnen und Autoren.

 

Ich glaube, dass viele Menschen regelmäßig unser Portal besuchen, weil sie ihre Hoffnung und Zuversicht für eine bessere Welt bewahren wollen. Und darin bestärken wir sie – eigentlich mit jedem Beitrag, den wir veröffentlichen. Wir machen Mut und zeigen: Bei all den Konflikten und Problemen gibt es viele Lichtblicke. 

 

Frage: Wird heutzutage nicht zu viel geredet? Sind nicht eher Taten notwendig?

 

Viele Menschen sind ja normalerweise den ganzen Tag aktiv, manche sogar hyperaktiv, auch im Guten. Sie machen neben Arbeit und Familie sogar mehrere ehrenamtliche Jobs. Thich Nhat Hanh hat oft gefragt: Wir rennen und rennen, aber was wäre, wenn wir mal innehalten, Sorgen und Vorhaben fallen lassen und einfach im Sein ankommen?

 

Auf der anderen Seite gibt es nicht wenige Menschen in unserer Gesellschaft, die unter dem Gegenteil leiden: Apathie und Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das führt dazu, dass wir kostbare Freizeit vor irgendwelchen Bildschirmen verbringen, statt uns mit anderen Menschen zu verbinden und die Welt zu bewegen.

 

Aber natürlich haben Sie recht: Zur Ethik gehören Herz und Hand. Wir müssen das, was wir als richtig erkannt haben, auch in den Alltag bringen, in die Beziehung zu anderen Menschen. Das ist die eigentliche ethische Praxis. 

 

Das „Netzwerk Ethik heute“ ist eine gemeinnützige Organisation, die Veranstaltungen macht und ein kostenloses Online-Magazin betreibt: Jede Woche gibt es neue Artikel rund um Ethik und Achtsamkeit. Das Portal finanziert sich allein durch Spenden: ethik-heute.org

Sie können das Magazin mit einer Mitgliedschaft im Freundeskreis unterstützen. Für 60 € im Jahr erhalten Sie Zugang zur Audiothek – mit Vorträgen, Interviews und Meditationen – und jedes Jahr ein eBook mit den besten Artikeln.

 

Birgit Stratmann ist Mitbegründerin des Netzwerks Ethik heute.

Verantwortlich für die Redaktion der Website und die Programmplanung,

Texterin für Print und Web, u.a. für Greenpeace.