Nachhaltigkeit & Neue Wirtschaft 2017 + älter


Herbst 2017


„Wir werden einmal darüber lachen, Arbeit müsse bezahlt werden“

dm-Gründer Götz Werner über Arbeitsglück und Unternehmensethik 

Interview: Melanie Redlberger von „trailer kultur.kino.ruhr“

 

trailer: Herr Professor Werner, Sie stehen für einen betont unautoritären Führungsstil im Unternehmen und plädieren außerdem für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Was muss passieren, damit Arbeit nicht nur Geld, sondern auch innere Zufriedenheit oder sogar Glück bringt?

Götz Werner: Wenn Menschen in ihrer Arbeit über sich selbst hinauswachsen können, macht sie das glücklich. Wenn man sagen kann: Mensch, heute habe ich etwas geschafft, das hatte ich mir nicht zugetraut. Zum Beispiel: Heute waren so viele Kunden im Laden und ich bin überhaupt nicht nervös geworden, habe das souverän gemeistert, mit meinen Kollegen zusammen.

Als Unternehmer muss man Rahmenbedingungen schaffen, dass die Mitarbeiter für diejenigen arbeiten, für die sie tatsächlich arbeiten: für die Kunden. Nicht, weil ein Chef es anordnet oder weil der Vorgesetzte so ein tolles Vorbild ist oder weil er eine Riesenprämie verspricht, sondern weil sie den Sinn ihrer Arbeit in der Aufgabe selbst entdecken. Es ist eine Bewusstseinsfrage. Wenn das, was man tut, extrinsisch, also von außen motiviert ist, ist es Maloche, wie man im Ruhrgebiet sagt. Wenn die Arbeit intrinsisch motiviert ist, also die Einsicht dahinter steht, dass man es nicht nur für sich selbst tut, sondern für die ganze Welt, dann ist das eben keine Maloche mehr, sondern Lebenssinn.

Die eine Säule für Arbeitsglück ist also Sinnstiftung. Die zweite Säule ist, dass die Arbeit wertgeschätzt wird. Es gibt keine Drecksarbeit, sondern es gibt nur Arbeit, die wertgeschätzt wird, und solche, die nicht wertgeschätzt wird. 

 

Apropos Wertschätzung: Welche Änderungen sind in den deutschen Chefetagen dringend notwendig?

Man kann immer noch so neofeudalistische Verhaltensweisen beobachten. Richtig wäre, dass man den anderen Menschen, und mag es auch der Geringste sein, wie es in der Bibel heißt, genauso wertschätzt und ihm auf Augenhöhe begegnet. Und dass man nicht meint, die da oben sind die Schlauen und die da unten die Dummen, die oben denken und die unten arbeiten. So ein Verhalten führt nicht dazu, dass die Mitarbeiter sagen, jawohl, hier bin ich Mensch, hier steige ich ein. Ich versuche das seit vielen Jahren deutlich zu machen: Die Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit ist ein fataler Grundirrtum. Beides ist Lebenszeit. Wir haben in Deutschland bei dm 40.000 Kolleginnen und Kollegen, und als Unternehmer geht man mit der Lebenszeit der Kolleginnen und Kollegen um. Dieses Bewusstsein muss man haben. Dadurch hat man nicht weniger Mut, aber mehr Demut.

 

Wir alle geben der Arbeit eine immense Bedeutung. Wenn ich mich aber über meine Arbeit nicht definieren kann, worüber definiere ich mich dann?

Dann müssen Sie sich eine andere Arbeit suchen.

 

Ist es richtig, dass die reguläre Erwerbsarbeit gesellschaftlich mehr geachtet ist als das, was Menschen an nicht bezahlter Arbeit leisten, von Kindererziehung über soziales Ehrenamt bis Sportverein?

Stellen Sie sich mal unsere Gesellschaft ohne ehrenamtlich Tätige vor. Was wäre das für eine Gesellschaft? Da würde kein Mensch leben wollen. Man hat sich so daran gewöhnt, die Lohnarbeit in den Vordergrund zu stellen, aber schaut man in die Statistiken, werden ja viel mehr, ungefähr zweieinhalb mal so viel, ehrenamtliche Arbeitsstunden in der Gesellschaft geleistet. Und dabei sind wir dann aber bereit, viel mehr zu zahlen für die Wartung unserer Autos, als für die Betreuung unserer Kinder in den Kindergärten, und die Pflege unserer Eltern im Altersheim. Das könnten wir auch anders machen, wenn wir wollen. 

 

Wie schafft man eine Veränderung solcher gesamtgesellschaftlichen Werten und Normen?

Indem man in den Gesellschaftsdiskurs geht und dadurch zu anderen Wertvorstellungen kommt. Vor hundert Jahren haben Zeitungen noch geschrieben, Frauen dürften nicht wählen, weil sie nicht denken könnten. Wie urteilen wir heute darüber? Wir wollen noch nicht einmal mehr darüber lachen. So ändern sich die Dinge. Und so wird sich die Einstellung zur Arbeit auch ändern. Wir werden einmal darüber lachen, dass wir gedacht haben, Arbeit müsse bezahlt werden. Sie können die Arbeit durch eine Bezahlung immer nur ermöglichen. Die Arbeit selbst ist gar nicht bezahlbar. Erst einmal müssen Sie möglich machen, dass jemand überhaupt die Zeit aufwenden kann, um zu arbeiten. Und schon sind Sie beim bedingungslosen Grundeinkommen. Ein Mensch, der in unserer Gesellschaft lebt, muss ein Einkommen haben, damit er leben kann. Wenn Sie kein Einkommen hätten, könnten Sie es sich gar nicht leisten, mit mir ein Interview zu führen. Sie brauchen das Einkommen, um arbeiten zu können. Aber so denken wir im Allgemeinen nicht. Wir denken, wir bekommen das Einkommen, weil wir arbeiten. Wir denken heute verkehrt herum. Deshalb brauchen wir eine kopernikanische Bewusstseinsdenkwende.

 

Was motiviert Sie dazu, für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu streiten, so wie Sie es in Ihrem gerade erst erschienenen Buch tun, „Sonst knallt‘s!, Warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen“, geschrieben zusammen mit Marc Friedrich und Matthias Weik?

Denken Sie an den Leitspruch der Aufklärungsbewegung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Durch das bedingungslose Grundeinkommen wird dies erfüllt. Bekomme ich jeden Monat ein Grundeinkommen, bildet dies einen kleinen Freiheitsraum, in dem ich bescheiden, aber menschenwürdig leben kann. Ab diesem Moment bin ich nicht mehr abhängig von anderen. Weder von meinem Vorgesetzten noch von meinem Partner. Ich kann immer sagen: Das klappt mit uns nicht, ich mache etwas anderes. Und die Brüderlichkeit, heute sagt man Geschwisterlichkeit, wäre dadurch real geworden. Das heißt ja nichts anderes als: Sie haben den gleichen Anspruch auf ein Grundeinkommen wie ich. So einfach ist das.

 

Ökonomisch gedacht: Wieso braucht es zudem eine Änderung bei der Versteuerung?

In unserem heutigen Steuersystem besteuern wir das Einkommen und damit den Leistungsbeitrag. Das ist ein großer Fehler. Diese Art von Versteuerung kommt noch aus der Selbstversorgungszeit, als der Bauer den Zehnt abgab von seiner Ernte. Damals haben die Menschen von ihrer eigenen Produktion gelebt. Und heute leben wir von der ganzen Welt. Die ganze Welt versorgt uns, wir versorgen die ganze Welt. Das ist neu. Und es heißt, dass wir heute immer für andere leisten, nie für uns selbst. Und die ganzen finanziellen Aufwendungen, die wir haben, kommen daher, dass wir konsumieren. Somit dürfen wir nicht den Leistungsbeitrag besteuern, sondern müssen die Leistungsentnahme besteuern. Nicht die ersten 300 Liter Wasser, die man zum Leben braucht sollten die teuersten sein, und die letzten 100 Liter die billigsten, sondern umgekehrt – die ersten 300 Liter sind lebensnotwendig, die letzten 100 Liter, die man vielleicht in den Swimmingpool laufen lässt, sollten die teuersten sein. Wenn Sie in die Welt schauen, dann wird alles im Dutzend immer billiger, obwohl immer mehr Ressourcen verbraucht werden. Wir müssten eigentlich an den Punkt kommen, je mehr Umwelt man verbraucht, also die Umwelt belastet, desto teurer müsste es werden.

 

Ihre Argumente für das bedingungslose Grundeinkommen basieren auf einem unglaublich positiven Menschenbild: Der Mensch will sich produktiv entwickeln, hat genug eigene Motivation, um sein Grundeinkommen als Basis zu nutzen und sich dazu weitere sinnvolle Tätigkeiten selbst zu schaffen, Selbstentfaltung geht vor Profitgier. Gleichzeitig wären Sie als Geschäftsmann nicht derart erfolgreich gewesen ohne eine prinzipielle Profitorientierung, ohne die Expansion in immer mehr Filialen, und ohne das Streben nach Umsatzsteigerung…

Statt Profit sagen Sie einfach mal, dass wir etwas zustande gebracht haben für alle. Es geht nicht um den Profit für den Einzelnen, sondern um den Profit für die Gemeinschaft. Indem die Arbeitsgemeinschaft etwas umsetzt, und die Kunden dann sagen: Wir sind froh, dass hier ein dm-drogerie markt ist. Es geht um Profit im umgekehrten Sinne: um den gemeinsamen Nutzen.

 

Sie nehmen die Stichworte, die ich Ihnen gebe, auch die kritisch gemeinten, und geben ihnen eine positive Bedeutung. In Ihrem Denken hat jeder Baustein eine andere, bessere Bewertung. Wo bei mir ein Minus ist, steht bei Ihnen ein Plus. Sie müssen ein glücklicher Mensch sein.

Sonst hätte ich nicht so lange ein Unternehmen leiten können. Wir haben in Deutschland 40.000 Mitarbeiter bei dm. Und jeden Tag zwei Millionen Kunden. Stellen Sie sich mal vor, ich wäre der Meinung, jeder Kunde, der zu uns kommt, ist ein potentieller Ladendieb. Wenn man es so sehen würde, müsste man alle Läden schließen.

 

Sie könnten Ihren Mitarbeitern misstrauen, Ihren Kunden misstrauen, trotzdem Ihr Geschäft öffnen und dann eben auf maximale Ausbeutung setzen. Sie würden möglicherweise in einem gewissen Sinne erfolgreich sein, nur wahrscheinlich sehr unglücklich. Und Ihre Mitarbeiter auch.

Wahrscheinlich nicht so erfolgreich. So eine Negativstimmung befördert nicht die Kreativität.

 

Mitarbeiterfreundliches, ethisch motiviertes Handeln, verbunden mit wirtschaftlichem Erfolg: Wieso sind Sie damit eine solche Ausnahmeerscheinung in der deutschen Wirtschaft?

Das bin ich gar nicht. Menschen, die erfolgreich sind, machen das in den meisten Fällen intuitiv richtig. Schauen Sie sich doch mal erfolgreiche Unternehmen an, da wird vieles im Prinzip richtig gemacht, aber oft nicht bewusst. Diese Unternehmer geben vielleicht keine Interviews. Bei dm machen wir mehr als nur Zahncreme verkaufen. Das ist es, was Spuren hinterlässt. Das krasse Gegenbeispiel war im Prinzip die Methode Schlecker. An Schlecker habe ich viel gelernt. Aber nicht im positiven Sinne. Genauso darf man es nicht machen.

 

dm ist ein Wirtschaftsunternehmen, das auch aufgrund seine IT-Anwendungen erfolgreich ist. Die Daten Ihrer Payback-Kunden werden detailliert ausgewertet und in maßgeschneiderte Angebote umgesetzt. Sie selbst sind im Aufsichtsrat von Payback. Haben Sie selbst eine Payback-Karte und geben Ihre Daten preis? Wie passt der gläserne Kunde in Ihr Menschenbild?

Natürlich habe ich selbst eine Payback-Karte. Der Kunde ist ja nicht wirklich gläsern. Wir bekommen dadurch nur Assoziationen, können besser abschätzen, wann sich an welchem Punkt etwas verändern wird. Im Handel gibt es so viele Veränderungen, die man nicht zu früh, aber auch nicht zu spät erkennen muss. Ein Unternehmen ist wie ein Schiff – wenn Sie vorher wissen, dass da ein Riff kommt, können Sie drumherum fahren, damit Sie nicht wie die Titanic enden. Klar ist: Wenn man für Kunden tätig ist, dann muss man die Kunden mögen, an ihnen Interesse haben. Mehr als das: Man muss seine Kunden lieben. Und man sollte sich klar machen, die wichtigsten Kunden sind die eigenen Mitarbeiter. Wenn Sie Ihre Mitarbeiter nicht überzeugen, können Sie Ihre Kunden auch nicht überzeugen.

 

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie in den Zeitungen lesen, „dm endet bald wie Schlecker“, es gäbe Mobbing-Vorwürfe und man habe in den Filialen systematisch die Betriebsratsarbeit erschwert?

dm ist ein großes Unternehmen. Wie in unserer gesamten Gesellschaft gibt es nichts, was es nicht gibt. So etwas gehört dazu, auch wenn es Tritte vors Schienbein sind. Wenn so etwas kommt, müssen wir korrigieren. Das ist die Aufgabe der Unternehmensleitung. Man muss sich das Ganze aber auch noch ein bisschen genauer und aus anderer Perspektive anschauen. Gehen wir mit dem, was wir machen, mit dem richtigen Bewusstsein um?

 

Welches Bewusstsein braucht es denn, damit Arbeitsglück für alle möglich ist?

Es ist eine Frage der Gesamtgesellschaft. Eine Frage der Kulturwerte. Nach meinen Vorträgen fragen mich die Zuhörer immer: Herr Werner, wenn Sie das bedingungslose Grundeinkommen einführen, dann arbeitet ja keiner mehr bei dm an der Kasse. Dann sage ich: Gottseidank! Daraufhin fragen die Leute: Was? Wieso? Und ich sage, nun ja, dann sieht man endlich, welche Kollegen wirklich bei uns kassieren wollen. Oder welche dies nur machen wegen des Geldes. Und dann mehr schlecht als recht. Stellen Sie sich mal vor, wir hätten nur Kassiererinnen beim dm-drogerie markt, die das alle wollen. Und nicht müssen.

 

Aber vielleicht wollen die Kassiererinnen lieber Filialleitung sein…

Ja, das können sie ja werden.

 

Da kommt dann der Konkurrenzkampf ins Spiel… oder ist das jetzt wieder im Minus gedacht?

Kein Kampf, ein Wetteifern… Beobachten Sie einmal Kinder, dieses Wetteifern ist angeboren. Im Gegensatz dazu ist ein Tier rundherum zufrieden, ein Mensch ist immer ein Stück weit unzufrieden. Tiere sind determiniert, der Mensch ist ergebnisoffen. Dadurch, dass er diese Ergebnisoffenheit hat und auch diesen Drang – wie heißt es bei Goethe: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst“ – damit können Sie bei jedem Menschen rechnen. Er wird seine Erfüllung suchen und die kann man auch an der Kasse bei dm finden. Fakt ist, erst in der Gemeinschaft wächst man über sich hinaus. Das Grundeinkommen braucht man, um zu leben. Für was braucht man dann noch die Arbeit? Die Arbeit braucht man, um sich zu entwickeln. Deswegen sind Biographien so interessant, dort kann man nachlesen, wie sich Menschen entwickelt haben. Tiere sterben als das, als was sie geboren worden sind. Das ist bei den Menschen anders. Wir sind Entwicklungswesen und stehen immer auf den Schultern der Gemeinschaft, nie auf den eigenen Füßen. Auf eigenen Füßen kann man – bildlich gesprochen – gar nicht stehen.

 

Prof. Götz W. Werner, Jahrgang 1944, ist Gründer und inzwischen Aufsichtsrat von dm-drogerie markt. Er ist Mitglied mehrerer Aufsichtsräte und Beiräte national und international operierender Unternehmen, Gastprofessor an der Alanus Hochschule und Autor des Buchs „Einkommen für alle“. Werner wurde unter anderem mit dem Verdienstorden 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet.

 

Ein weiteres Interview mit Götz Werner gibt es hier: http://www.wiesbadener-kurier.de/vermischtes/vermischtes/uns-droht-grosses-unheil-dm-gruender-goetz-werner-fordert-das-bedingungslose-grundeinkommen_18242928.htm#cxrecs_s

 

Und noch eines: http://derstandard.at/2000051252761/Goetz-Werner-Alte-s-stellt-eine-ganze-Gesellschaft-vom-Kopf 

Foto: thinkstock ©guruXOOX

 

Buchtipp:

„Sonst knallt's! - Warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen“

von Matthias Weik, Götz Werner, Marc Friedrich,

edition eichborn


Neues vom Hof Grummersort: Solidarische Landwirtschaft

Seit Mai 2017 bieten wir Ihnen einen neuen Weg am Hof Grummersort und seinen landwirtschaftlichen Produkten teilzuhaben. 

Wir, die neuen Bewirtschafter-Familien der Hofgemeinschaft, Sebastian Mall und Eva Rotter, Christoph Zimmermann und Marie Martensen sowie Eike und Julia Frahm werden ein Viertel des Hofes nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft bewirtschaften. 

  

Bei der Solidarischen Landwirtschaft trägt eine Gruppe von Menschen die Kosten des Hofes durch einen monatlichen Beitrag und bekommt im Gegenzug dafür alles, was auf dem Hof  erzeugt und produziert wird. Das Ernteglück teilen sich die Mitglieder dabei genauso wie das Ernterisiko. Die geernteten Produkte werden einmal in der Woche an diese Mitglieder ausgeteilt. In wöchentlichen Hofbriefen erfahren Sie, was auf dem Hof gerade los ist und was wir in der Woche liefern werden.

Wir bieten außerdem die Möglichkeit bei gemeinsamen Aktionen auf dem Hof die Zusammenhänge der regionalen Landwirtschaft kennen zu lernen und eine Beziehung zu dem Ort, zu uns Menschen und den Lebensmitteln aufzubauen.

Ausführliche Informationen zur Solidarischen Landwirtschaft in Grummersort finden Sie auf der Internetseite www.solawi-oldenburg.de.

Die bisherigen Vermarktungswege über die Hof-Kiste und die Marktstände bleiben bestehen. 

Für das Erntejahr 2017 gibt es noch 10 freie Ernteanteile. Ein Ernteanteil ist etwa die Menge an Lebensmitteln, welche für die Versorgung einer Person über das Jahr ausreichend ist.

Mit einem Ernteanteil tragen Sie als Mitglied der Solawi Oldenburg Verantwortung für einen Teil des Hofes, indem Sie durch deinen monatlichen Finanzbeitrag die Arbeit der Landwirte ermöglichen. Die auf der Fläche von einem 1/4 ha Land entstandenen Produkte stehen Ihnen jede Woche zur Verfügung. 

 

Das sind: 1,5 bis 3 kg Gemüse je nach Saison, Kräuter und Salate, 1 kg Kartoffeln, 250 g Fleisch (Wurst gibt es über längere Zeiträume, frisches Schweine- und Rindfleisch immer dann wenn wieder geschlachtet wird), 1 Brot, 4 Eier, Milchprodukte aus ca. 8 Liter verarbeiteter Milch

 

Man kann zwischen drei Ernteanteil-Typen wählen: vegan: Brot, Gemüse (Richtwert 120 €); vegetarisch: Brot, Gemüse, Milchprodukte, Eier (Richtwert 164 €); mit Fleisch: Brot, Gemüse, Milchprodukte, Eier, Fleisch (Richtwert 180 €).

 

Freitagnachmittag kann sich jedes Mitglied seinen Ernteanteil zwischen 15 bis 18 h vom Hof abholen. Es gibt jeweils eine Verteilstelle (Depot) in Eversten, Donnerschwee und Osterburg, welche immer am Dienstagnachmittag mit den jeweiligen Ernteanteilen vom Hof beliefert werden.

Für unsere Planung möchten wir Sie bitten, sich unter mitglied@solawi-oldenburg.de an uns zu wenden, wenn Sie verbindlich an einem Ernteanteil interessiert sind. Bitte geben Sie auch gerne Ihre Adresse an, und ob der Anteil mit Fleisch, vegetarisch oder vegan sein soll.


Sommer 2017


Samtusta - Mit leichtem Gepäck - Von Manfred Folkers

Das aber sei dein Heiligtum: Vor dir bestehen können.

(Theodor Fontane)
 
Die Lehre des Buddha ist die unvoreingenommene Anwendung des gesunden Menschenverstands auf das ganze Leben und das Leben als Ganzes. Deren Praxis ist es, jegliches Geschehen in der Gegenwart offenherzig und umfassend wahr (!) zu nehmen.
 
Seit einiger Zeit wird immer klarer, dass die Menschheit in einem Dilemma steckt. Einerseits lebt sie in der erfolgreichsten Zivilisation der Geschichte, deren Technologien und Institutionen scheinbar unendliche Möglichkeiten schaffen. Andererseits beruht dieses Privileg auf einer ständigen Leugnung der Begrenztheit des Planeten Erde.
 
Das Ignorieren dieser Rahmenbedingungen erfolgt systematisch. So entnimmt in Mitteleuropa jeder Mensch jeden Tag der Natur ein Vielfaches dessen, was für eine enkeltaugliche Lebensweise zuträglich ist.
 
Um den Widerspruch zwischen diesem Wissen und dem tatsächlichen Handeln aufzulösen und durch veränderte Gewohnheiten eine heilsamere Perspektive zu entwickeln, werden äußere und innere Kraftquellen benötigt.
 
Anregungen von außen gibt es viele. Aufrufe zur „universellen Verantwortung“ nehmen zu. Schon vor 25 Jahren propagierte eine große Umweltkonferenz das Motto „global denken - lokal handeln“. Der Spruch „all we need is less“ ist in aller Munde und das Lied „Es reist sich besser mit leichtem Gepäck“ ein Hit.
 
Um leichteres Gepäck nicht als Verzicht zu erleben, ist ein innerer Wandel nötig. Dieser beinhaltet die Rückgewinnung der persönlichen Integrität, also die Erfahrung, in den Spiegel zu schauen, ohne ein von Selbstüberhöhung und widersprüchlichem Handeln gezeichnetes Wesen zu betrachten. Erst wenn die einzelnen Menschen einen Alltag gestalten, der der Erde und der Zukunft eine Stimme gibt, ebnet sich der Weg zum wirklichen Beenden der Überschreitung ökologischer Grenzen.
 
Es ist genug vorhanden, um ein integres und erfülltes Leben zu führen. Dieses Wissen hat der Buddha als „Samtusta“ bezeichnet: „Versöhnt und zufrieden in dieser Welt anwesend sein und sich in ihr ganz und wach zu Hause fühlen - und entsprechend handeln“.

Dieser Text erschien zuerst im „Interreligiösen Kalender 2017" des Arbeitskreises "Religionen in Oldenburg". Er wurde (zum 3. Mal) herausgegeben von der Stadt Oldenburg (Stabsstelle Integration) und dem "Präventionsrat Oldenburg PRO".


Winter 2017


Das grüne Dilemma oder: Warum wir das Richtige im Falschen tun müssen

Autor: Stefan Brunnhuber

 

Stefan Brunnhuber hat kürzlich in Oldenburg einen vielbeachteten Vortrag zum Thema gehalten. - Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Herder-Verlages aus „Die Kunst der Transformation - Wie wir lernen, die Welt zu verändern“

Eine zentrale Aussage dieses Buches ist, dass menschliches Verhalten und Erleben einer Entwicklung unterliegen, dass diese Entwicklung einer inneren Regelmäßigkeit folgt und dass die Entwicklung mit der Ich-Entwicklung nicht endet. Diese Entwicklungslogik hat an mehreren Stellen eine zentrale Beziehung zu unserem Thema. Eine der Herausforderungen, die auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit immer wieder auftaucht, ist das sogenannte grüne Dilemma oder die Frage: Was passiert, wenn wir das Richtige im Falschen tun?


Die Frage begegnet uns regelmäßig in der Diskussion um sinnvolle Lebensstile: Etwa bei alternativen Formen der Mobilität, bei der Einschränkung unseres Fleischkonsums bei der Nutzung von erneuerbaren Energiequellen oder auch bei Vorschlägen für eine intelligente Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen. Wir können einen Wandel hin zu einem richtigen, also bezogen auf die Nachhaltigkeit ethisch guten Handeln sehen. So gibt es etwa in Italien mehr Fahrrad- als Autokäufe, in Deutschland sind über 51 Prozent der Solarzellen in privater Hand, circa ein Drittel der Bevölkerung gärtnert, und in den Städten werden weltweit bereits bis zu 20 Prozent der Lebensmittel durch Urban Gardening hergestellt.

Das ist alles richtig. Potenziell falsch wird es, weil hier eine Minderheit auf eine Mehrheit trifft, die etwas ganz anderes will. Die globale Mehrheit will mehr Mobilität, mehr Fleischkonsum, mehr fossile Brennstoffe und mehr globale Vernetzung – und konterkariert damit das Anliegen der Minderheit. Denn wenn die Minderheit ihren Lebensstil an ihre Überzeugungen anpasst, provoziert sie gleichzeitig einen Nachfragerückgang bei den jeweiligen Gütern (Autos, Fleisch, Öl). In der Folge kommt es zu einem Preisverfall, von dem die Mehrheit profitiert und noch mehr konsumiert, sodass sich die Gesamtsituation weiter verschlechtert. Es entsteht ein Dilemma, das auf dieser Ebene nicht lösbar ist, denn die Mehrheit folgt dem Grundsatz: Je weiter weg (zeitlich und emotional) die Konsequenzen eines Lebensstils sind und je schleichender der Prozess ist, umso geringer ist die Motivation, sich gegenwärtig zu ändern. Wir verhalten uns stattdessen wie der Frosch im Warmwasserbad, der der Legende nach im eigenen Saft verkocht, weil ihm der lebensrettende Sprung aus dem immer heißer werdenden Wasser nicht gelingt. Der Unterschied zwischen Mensch und Frosch ist, dass wir uns zumindest dann ändern, wenn es beginnt wehzutun.

Aber es tut noch nicht hinreichend weh. Jede heute akzeptierte Einschränkung zugunsten einer Reduktion der globalen Erwärmung wird erst in zehn Jahren einen sichtbar positiven Effekt auf das Klima haben. Warum also sollten wir heute etwas tun? Herkömmlicherweise verfolgen wir im gesellschaftspolitischen Umfeld eine Art Doppelstrategie: (…) „Wir glauben nicht, dass fossile Brennstoffe die zentralen Energieträger des 21. Jahrhunderts sind und dass mehr Mobilität und mehr Fleischkonsum dem Klima dienen. Wir wissen auch, dass eine intelligente Regionalisierung, veränderte Lebensstile und ein geringerer materieller Wohlstand bei höherem Zeitwohlstand der gerechtere und nachhaltigere Weg sind. Aber wir sind uns bewusst, dass wir damit das Richtige im Falschen tun und Gefahr laufen, die aktuelle Situation zu verschärfen.“

Warum aber ist es dennoch richtig, das Richtige im Falschen zu tun? Die Antwort scheint zunächst simpel: Weil mitzumachen, weil es alle tun, nicht automatisch eine bessere Entscheidung bedeutet – auch wenn Vertreter der Schwarmintelligenz das gelegentlich behaupten. Gruppenentscheidungen sind Einzelentscheidungen nicht zwangsläufig überlegen, denn ein Zuviel an Vernetzung birgt die Gefahr von Ansteckungseffekten, die eine Entwicklung in die falsche Richtung lenken können. Wir konnten das beim Entstehen der Finanzblasen auf den Aktienmärkten sehen. Auch bei Massenhysterien oder bei eklatanten Fehlentscheidungen im Rahmen basisdemokratischer Meinungsbildung tritt dieses Effekt auf.
An dieser Stelle kommt die sozialpsychologische Forschung ins Spiel: Eine Reihe von  Studien konnte aufzeigen, dass Menschen generell – das heißt unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand und Gesinnung – anfällig sind gegenüber Konformitätsdruck in der Gruppenkonstellation. Je homogener die Zusammensetzung der Gruppe und je größer die Gruppe ist, umso stärker steht der Einzelne unter Konformitätsdruck. Wenn beispielsweise einzelne Menschen im Kreis gehen, dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Menschen im Kreis gehen, auch wenn sich ihnen der Sinn dieser Aktivität nicht erschließt. Ein bekanntes Beispiel aus dem Alltag ist das Verhalten an einer roten Ampel: Je mehr Menschen an der Ampel warten, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Einzelne stehen bleibt.

Solche Beispiele sind zwar eher trivial, aber sie verweisen darauf, dass Kooperation und Konformität in uns angelegt sind und wahrscheinlich einen konkreten Überlebensvorteil mit sich bringen. Konformität und kollektive Regelbefolgung sind schon aus dem Grund nicht schlecht, dass wir erst durch Konsens, Rituale, einen gemeinsamen Sprachgebrauch und eine gemeinsame Gesetzgebung die Voraussetzung für ein Zusammenleben schaffen. Das Bedürfnis nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist oft sogar stärker als das, seinen  autonomen und individuellen Überzeugungen zu folgen – denn wir begeben uns dann in die Gefahr, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Der Zusammenhang hat auch in der aktuellen Flüchtlingsdebatte in der EU eine zentrale psychologische Bedeutung: Der Umfang und die Vielfältigkeit an Identifikationen bestimmt über weite Strecken die Stabilität der personalen Identität. Das heißt: Solange die personale Identität nur über die ethnische und nationale Zugehörigkeiten definiert ist und keine anderen Identifikationen zulässt (etwa Geschlechterrolle, Religionszugehörigkeit, Körperbild, soziale Rollen wie Nachbarschaft, Vereinszugehörigkeit, Partei, Menschenrechte), so lange kann alles Fremde schnell zu einer Gefahr für die eigenen Identität werden.

Problematisch wird es zudem, wenn der Regelkonformismus trotz besseren Wissens und entgegen der eigenen Gesinnung von uns das Falsche fordert. Eine intrapsychische Lösung des Konfliktes besteht dann darin, dass wir unser konformes, aber falsches Verhalten der Situation und dem Kontext zurechnen, um uns so zu entlasten – während wir die Fehler der anderen mit deren jeweiliger Gesinnung und inneren Einstellung begründen. (…) Der Psychologe Solomon Asch konnte 1965 in seinen klassischen Experimenten zur Konformität zeigen, dass Menschen unter Gruppenzwang sogar einer offensichtlich falschen Aussage zustimmen. Dafür wurde den Versuchspersonen eine Linie gezeigt, deren Länge sie mit Vergleichslinien abgleichen sollten. Eine der Vergleichslinien war jeweils deutlich erkennbar gleich lang. Trotz dieser eindeutigen Sachlage waren Versuchspersonen bereit, sich einer offensichtlich falschen Einschätzung zu unterwerfen, wenn sie einstimmig von der Gruppe kam. Neben Aschs Konformitätsexperimenten ist in diesem Zusammenhang vor allem das Experiment von Stanley Milgram aus dem Jahr 1963 berühmt geworden. Auf autoritäre Anweisungen hin sollten die Versuchspersonen einen vermeintlichen Schüler (eigentlich Helfer des Versuchsleiters) mit Stromstößen bestrafen, wenn er Aufgaben falsch gelöst hatte. Über zwei Drittel der Versuchspersonen gingen in der Bestrafung so weit, dass sie Stromstöße auslösten, die, wenn sie echt gewesen wären, den Tod des Schülers zur Folge gehabt hätten.
(…) Aus der militärwissenschaftlichen Forschung sind diese Zusammenhänge seit über fünfzig Jahren bekannt: Es sind weder spezifische Persönlichkeitsvariablen wie Extraversion, Disziplin, Offenheit für Lernerfahrungen oder Intelligenz noch kognitiv-ideologische Kategorien wie Vaterlandstreue und religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen, die Gruppenverbände zusammenhalten und motivieren, sondern das In-Group-Erlebnis – das heißt das Bedürfnis, nicht ausgegrenzt zu werden. Die Zugehörigkeit zu bestimmten Ritualen, die emotionalen Bindungen, interne Hierarchien und Anforderungen sind die entscheidenden Gruppeneffekte, die genutzt werden, um schwierige Herausforderungen zu meistern. Sie tragen wesentlich zur Identität des Einzelnen bei. Das heißt: Das unspezifische Gefühl der Zugehörigkeit, das mit der gleichzeitigen Abgrenzung gegenüber dem Fremden oder dem Feind einhergeht, übersteuert fast alles.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Menschen vor allem dann an einem bestehenden Gruppenverhalten orientieren, wenn eine Situation zweideutig, unsicher und widersprüchlich ist und die Gruppe eine sehr homogene Meinung ausbildet. Das Verhalten kann dann – von außen betrachtet – rasch dysfunktional, falsch, ungerecht, sinnlos und realitätsfern werden. Was bisher als Ausnahme oder gar Anomalie verstanden wurde, wird zur Normalität. Aber Normalität ist in diesem Fall eben nur ein statistischer Mittelwert. Es ist also ein Fehlschluss, das Handeln der Mehrheit als naturgegeben zu interpretieren, und es ist ebenso falsch, daraus eine ethische Norm abzuleiten. Denn würden wir ein so verstandenes Normalitätsverständnis zur ethischen Grundlage für unser Handeln machen, dann würde das die seltsamsten Blüten treiben.

Was können wir aus den Befunden der klassischen Sozialpsychologie für unsere Nachhaltigkeitsdebatte mitnehmen? Menschen reagieren extrem sensitiv auf unmittelbare Kontextbedingungen, Anreizstrukturen und soziale Umstände. Und zwar so sensitiv, dass auch stabile Persönlichkeitsvariablen, jahrelang eingeübte Verhaltensweisen, charakterbildende rationale Überzeugungen und willentliche Kundgebungen schnell übersteuert werden können. Wenn wir Nachhaltigkeitsziele erreichen und Menschen dabei mitnehmen und begeistern wollen, dann geht es weniger um die ethischen oder religiösen Grundüberzeugungen, die biografischen Zusammenhänge und Motive, philosophische Letztbegründungsstrategien oder ökonomische Effizienzorgien, sondern darum, wie der Einzelne in Gruppen und Gruppen wiederum in Großgruppen unter konkreten Bedingungen reagieren.
(…)Das, was auf individueller Ebene rational, einsichtig und vernünftig ist, verliert auf einer kollektiver Ebene möglicherweise seinen Sinn, wenn es alle tun. Wenn beispielsweise alle sparen oder alle konsumieren, dann fehlt entweder das Geld, oder die Preise steigen ins Unermessliche. Individuelles Verhalten kann aus der Innenperspektive jedes einzelnen Akteurs rational sein – und gleichzeitig auf einer kollektiven Ebene zu massiven Verlusten führen, wenn es nicht entsprechend korrigiert und ausbalanciert wird. Oder, um auf unser Beispiel zum richtigen Verhalten im Falschen zurückzukommen: Die sozialpsychologischen Befunde zeigen deutlich, dass die Gemeinschaft eben keine einfache Verlängerung des Individuellen ist.

Jede Verhaltensänderung trifft auf ein spezifisches Set an Rationalitätsstandards, das den Grund dafür liefert, sich zu ändern oder auch nicht. Die kognitive Einsicht allein reicht  offenbar für eine gesellschaftliche Transformation nicht aus. Die Frage ist vielmehr: Wann tut es weh? Das psychologische Korrelat dieses Schmerzes hat zwei Bestandteile: die Fähigkeit zur Empathie und die Fähigkeit zur Versöhnung von Effizienz und Resilienz. Beim Ersten handelt es sich eher um einen emotionalen, beim Zweiten eher um einen kognitiven  Vorgang.
Die Empathie als die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, lernen Kinder ab dem dritten Lebensjahr. Diese Fähigkeit stellt einen zentralen Überlebensvorteil für uns Menschen dar – und ist auch für das Thema Nachhaltigkeit entscheidend. Denn erst wenn wir das unerträgliche Leid, das über eine Milliarde Menschen tagtäglich in absoluter Armut ertragen müssen, die schreiende Ungerechtigkeit in den Wohlstandsunterschieden, den Schwund an Artenvielfalt und ökologischen Habitaten oder auch die globale Erwärmung als einen Anteil unseres eigenen Selbst und unserer Lebensentwürfe erleben, sind die emotionalen Voraussetzungen für einer Verhaltensänderung innerhalb eines grünen Dilemmas gegeben. Das ist zweifellos anspruchsvoll, aber nicht unmöglich.
(…)
Wenn wir uns auf dem Weg in eine andere Zukunft an den Ergebnissen der Life Sciences (klinische Psychologie, Neurobiologie, Sozial- und Systemforschung etc.) orientieren, haben wir eine gute Chance, friedlicher, gerechter und nachhaltiger zusammenleben zu können. Das Richtige im Falschen bleibt aber so lange ein Dilemma, solange wir nicht die entsprechende globale Empathie und die kognitiven Voraussetzungen für die Stärkung regionaler Resilienz und zur Überwindung von sektoraler Effizienz ausgebildet haben. Beides sind  psychologische Kategorien eines veränderten Bewusstseinsschwerpunkts und nicht Ergebnis innovativer Technologien oder weiteren expansiven Wachstums.

Stefan Brunnhuber wurde 1962 in Augsburg geboren. Nach KfZ-Mechaniker Lehre, Studium in Medizin, Philosophie und Sozialwissenschaften. Nach Promotion Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Homburg/Saar. Weiterbildung in Gruppentherapie, Schmerz, Psychoanalyse. Forschungsschwerpunkte sind Stress- und Affekt-, Psychotherapieforschung. Er beschäftigt sich auch mit gesundheitsökonomischen Fragen und Mind-body Medicine. Zur Zeit Weiterbildung in Komplementärmedizin und Schmerztherapie.

Die Kunst der Transformation – Wie wir lernen, die Welt zu verändern

Stefan Brunnhuber

Herder Vlg.

336 S., 24,99 €

Siehe auch unter "Wortwelten"


Für eine mitmenschliche Wirtschaft - Herbst 2016

Autoren: Tania Singer & Matthieu Ricard

(…) Viele Menschen meinen, dass Geld und Glück untrennbar miteinander verknüpft sind und mit dem einen zugleich auch das andere zu- oder abnimmt: Je mehr Geld wir haben und je mehr Dinge wir besitzen, umso glücklicher sind wir. Und umgekehrt: Haben wir weniger Geld und nicht so viel Besitz, dann ist dies gleichbedeutend mit weniger Glück.

Bis zu einem gewissen Grad stimmt das ja auch. Wer der schlimmsten Armut entrinnen konnte und nun über einen gewissen finanziellen Spielraum verfügt, weist eine höhere Glücksquote auf als jemand, der immer darum kämpft, seine Grundversorgung zu sichern. Für eine Weile nimmt also bei steigendem Einkommen das Glück zu (…).
Dieser Zuwachs an Glück verlangsamt sich allerdings. Und irgendwann ist dann Schluss damit. Seit den sechziger Jahren sind die Einkommen weltweit dramatisch gestiegen, während das jeweilige Glücksniveau stagnierte.


Zum Teil lässt sich dies auf das Phänomen des sozialen Vergleichs zurückführen. Wir neigen dazu, den persönlichen Erfolg in Relation zum Einkommen anderer Mitglieder der eigenen Gruppe zu bewerten. Wenn innerhalb einer Gruppe von Menschen ein Einkommenszuwachs zu verzeichnen ist, bedeutet dies also nicht unbedingt, dass anschließend alle glücklicher sind (…).

 

Das lässt sich außerdem durch eine grundlegende Wahrheit des Buddhismus erklären: Glück, das auf äußeren Bedingungen beruht – den Dingen, die wir besitzen, dem Kontostand oder der gesellschaftlichen Stellung beispielsweise –, ist immer begrenzt und trügerisch. Denken Sie an den Moment, als Sie sich gerade ein neues Auto gekauft oder eine  Gehaltserhöhung bekommen hatten. Wie haben Sie sich da gefühlt? Und war das Gefühl der Freude und Zufriedenheit nach ein paar Wochen oder Monaten immer noch vorhanden? Wohl kaum. Doch anstatt daraus etwas zu lernen, indem wir versuchen, eine stärker in uns ruhende und leichter aufrechtzuerhaltende Quelle des Glücks zu finden, verstricken sich die meisten von uns in einen Kreislauf von Gier und Unzufriedenheit. Darin liegt das Problem. Letztlich führt mehr Geld somit keineswegs zu größerem Glück, sondern lediglich zum   Verlangen nach immer mehr Geld, dem nächsten Auto oder der größeren Gehaltserhöhung. Dieser Kreislauf kann nicht nur Gier und Habsucht hervorrufen, sondern manchmal sogar die Bereitschaft, anderen Leid zuzufügen, damit  den ichbezogenen Interessen Genüge getan wird.

Vorrangig auf materielle Werte ausgerichtete Menschen, so ein Forschungsergebnis des Psychologen Tim Kasser, sind unglücklicher, ihnen fehlt es an Einfühlungsvermögen, sie  haben weniger Freunde und befinden sich in einem schlechteren Gesundheitszustand als diejenigen, die inneren Werten größere Bedeutung beimessen. Trotzdem hat man in der Wirtschaftstheorie lange behauptet, der Mensch sei von Grund auf durch Eigeninteresse gekennzeichnet, und ein kapitalistisches Wirtschaftssystem könne nur funktionieren, wenn es den Menschen Gelegenheit gibt, die eigenen Wünsche und Begierden besser zu verfolgen. Adam Smith hat das 1776 in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen so formuliert: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das,  was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“  Ebenso schrieb 1881 Francis Edgeworth, ein Mitbegründer der neoklassischen Wirtschaftstheorie: „Das erste Prinzip der Wirtschaftslehre besagt, dass jeden Akteur allein das Eigeninteresse  antreibt.“

Glücklicherweise ist das nicht die ganze Wahrheit. Die jüngere Forschung legt nahe, dass jede/r von uns über eine starke Befähigung – unter Umstanden sogar über eine biologische Veranlagung – zu Mitgefühl, Kooperation und Altruismus verfugt (…). Und diese inneren Ressourcen lassen sich, anders als Geld, unbegrenzt hervorbringen – ähnlich wie Liebe können sie „unendlich groß“ (…) sein.

Um die Fähigkeit für Altruismus entfalten und üben zu können, müssen wir die Kennzeichen des Altruismus und die Rolle, die er für das menschliche Wohlergehen – für ein gelingendes und beglückendes menschliches Dasein – spielt, möglichst klar definieren. (…) Nach Auffassung der Psychologie und kontemplativer Traditionen wie dem Buddhismus besteht Altruismus in einer Motivation, zum Wohl der anderen zu handeln. Das schließt mit ein, dass eine mitfühlende Handlung auch dem Handelnden selbst zugutekommen kann. Solange die  Intention im Kern darin besteht, dem Mitmenschen von Nutzen zu sein – und nicht einem selbst –, ist dies nach wie vor Altruismus.

Im Unterschied dazu befassen sich Ökonomen statt mit der Motivation in erster Linie mit dem beobachtbaren Verhalten oder Handeln. Angenommen, jemand gibt einer gemeinnützigen Einrichtung eine Spende, weil er so das Gefühl bekommt, ein guter Mensch zu sein.  Vermutlich ist bei der oder dem Betreffenden an die Stelle der einen ichbezogenen (durch den finanziellen Gewinn in Gang gesetzten) Handlungsweise lediglich eine andere ichbezogene (durch den emotionalen Gewinn begründete) Handlung getreten. Trotzdem ist Verhaltensökonomen und Evolutionsbiologen zufolge so eine Handlung als altruistisch zu  bezeichnen, da die betreffende Person materielle Kosten übernommen hat, deren Wert dann einem (oder mehreren) anderen Menschen zugutekam – selbst wenn sie dadurch ihr Ego zufriedengestellt hat.

Nehmen wir an, Adam Smiths Bäcker sei altruistisch motiviert: Er sieht, dass Sie hungrig sind und kein Geld haben. Erfüllt von dem Wunsch, Ihr Leid zu lindern, schenkt er Ihnen Brot. Zwar entgeht dem Bäcker, indem er so handelt, möglicherweise eine Einnahme. Allerdings hat er zugleich etwas hinzugewonnen. Wenn er sieht, wie Sie das Brot  entgegennehmen, wird bei ihm im Gehirn das Belohnungszentrum aktiviert, und er empfindet Freude (…). Zudem muss er nun nicht mehr mitansehen, wie ein anderer Mensch leidet. Insofern kommt seine Handlungsweise auch ihm selbst zugute (…). Hat der Bäcker seinem Gegenüber das Brot gegeben, ohne dafür etwas zu erwarten, dann ist seine Handlung altruistisch, selbst wenn er sich angesichts solchen Handelns anschließend besser fühlt. Hat er ihm allerdings das Brot gegeben, um sich wohler zu fühlen, nicht so ein schlechtes Gewissen zu haben oder sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, er sei ein Geizhals, ist seine Motivation ichbezogen. In jedem Fall jedoch hat ein  hungriger Mensch etwas zu essen erhalten.

Um die verstörende Konfrontation mit dem Leid eines Mitmenschen zu vermeiden, wird sich manch einer unter Umständen einfach davonmachen. Ein anderer wird vielleicht der  bedürftigen Person deshalb etwas geben, weil er meint, später einen finanziellen Gewinn daraus ziehen zu können – oder mit einer Sanktion rechnen zu müssen, wenn er nichts gibt (…). Und der Nächste wird sich womöglich damit herausreden, andere würden dieser bedürftigen Person schon helfen. Allem Anschein nach sind wir geschickter darin, eigenes Leid zu vermeiden, als das Leid der anderen zu erleichtern – obgleich Letzteres sich außerordentlich lohnt.

Wie können wir dafür sorgen, dass ein System entsteht, in dem die Menschen unmittelbar und regelmäßig zum Wohl der anderen beitragen? Jede/r von uns ist in eine soziale Welt eingebettet, die unsere Erfolge und unsere Fehlschläge wie auch unsere Auffassungen und Entscheidungen in hohem Maß mit beeinflusst. Beim Zusammenbruch der Weltwirtschaft im Jahr 2008 haben ja nicht nur die egoistisch Denkenden und Handelnden Geld verloren und unter der Krise gelitten, sondern auch freigiebige und großzügige Menschen. Am stärksten gelitten haben aber in der Tat die Armen. Wir können es uns heute nicht mehr leisten zu meinen, wir führten eine Art Inseldasein. Wie gut es uns geht, hängt mit anderen zusammen (eine weitere Wahrheit, für die das buddhistische Denken schon seit Langem einsteht). Und zwar umso mehr, je intensiver weltweit die Kulturen, die Märkte und die Menschen in einen Güter- und Ideenaustausch miteinander eintreten. Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat es in Zürich folgendermaßen formuliert: „Eigentlich sollten wir „sie/die anderen“ aus unserem Wortschatz streichen. „Wir“ sollte uns reichen; die ganze Welt ist Bestandteil des „Wir“. (…)   Wirtschaftlich brauchen wir „sie/die anderen“ auf allen Ebenen. Ich will glücklich sein, und  damit dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann, brauche ich „sie, die anderen“ (…).“

Die Welt braucht die einschneidende und wirkungsvolle Neuausrichtung der Finanzsysteme. Wir müssen die psychischen und sozialen Kosten des wirtschaftlichen Gewinns ebenso mit  in Betracht ziehen wie die ökologischen Kosten und umgekehrt. So wie die Studien mit  Menschen, die regelmäßig meditieren, zeigen, dass wir durch mentales Training die  Funktionsweise unseres Gehirns buchstäblich verändern können werden wir vielleicht auch   in der Lage sein, unsere gegenwärtigen Systeme zu überwinden und eine ganzheitlichere und fürsorglichere Wirtschaft zu schaffen.

Für die meisten von uns liegt die Antwort nicht darin, alles, was wir besitzen, zu verschenken. Vielmehr kommt es für uns darauf an, dass wir lernen, wie wir geben können – durch welche Motivation, durch welche Umstände und durch welche Formen von Praxis wir möglichst effektiv geben können. Keine leichte Aufgabe, aber die in diesem Buch  vorgestellten Forschungsresultate machen Hoffnung. Sie zeigen, dass Altruismus erlernt und kultiviert werden kann und wir durch ihn tiefgreifend belohnt werden. Wir sind der  Überzeugung, dass wir unsere Wirtschaftspolitik und unser ökonomisches Handeln in eine
Positive Kraft verwandeln können – in eine Kraft, die auf kurze wie auf lange Sicht dem  Wunsch gerecht  wird, die Umwelt zu schützen, materiellen Wohlstand hervorzubringen und allen Menschen ein sinnerfülltes, zufriedenes Leben zu ermöglichen.

Textauszug mit freundlicher Genehmigung aus:

 

Tania Singer, Matthieu Ricard, Mitgefühl in der Wirtschaft. Ein bahnbrechender Forschungsbericht.

© Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Übersetzung: Michael Wallossek


Wie ökologisch ist vegan? - Frühling 2016

Foto: Andreas Schölzel
Foto: Andreas Schölzel

Autorin: Anita Idel

Wie ökologisch ist vegan?Die Massentierhaltung verursacht grenzenloses Tierleid, zerstört die biologische Vielfalt und schädigt das Klima. Auch mit veganen Lebensmitteln sind Tierleid und ökologische Probleme verbunden, wenn sie nicht nachhaltig erzeugt werden.

Schmerzlich ist für viele VegetarierInnen die Erkenntnis, dass Fleischprodukte sowie Milch- und Eiprodukte zwei Seiten derselben Medaille sind: Jede Milchkuh und jede Legehenne hat einen Bruder, wobei der erste meistens gemästet und der zweite geschreddert oder vergast wird. Zudem führt die Züchtung auf Hochleistung bei den weiblichen Tieren letztlich zu Leiden und häufig zu Krankheit und frühem Tod.
Viele VeganerInnen bewegt vor allem der fehlende Tierschutz in der industriellen Tierhaltung. Doch auf alles Tierische zu verzichten, birgt überwiegend nur scheinbar eine Lösung, sondern tangiert Tier- und Umweltschutz. Denn viele Pflanzen werden mit Gülle gedüngt. Diese stammt überwiegend aus der Massentierhaltung, und das proteinreiche Futter zu über 70 Prozent aus Südamerika.
 
(Keine) Alternativen zum tierischen Dünger
Keine Frage, wer aus Tierschutzgründen die  Massentierhaltung ablehnt, will nicht nur keine industriell erzeugten tierischen Produkte essen, sondern lehnt auch pflanzliche Lebensmittel ab, die mit den Exkrementen leidender Tiere gedüngt werden. Aber welche Alternativen gibt es zu tierischem Dünger?
Synthetischer Stickstoffdünger spielt weltweit die entscheidende Rolle als nicht tierischer Dünger. Der Verbrauch nimmt weiter zu, obwohl seit Jahrzehnten seine ökologisch und gesundheitlich problematischen Wirkungen auf Gewässer und die Nitratbelastung von Grundwasser und Brunnen bekannt sind. Nicht nur in riesigen Mono-Kulturen mit Mais und Getreide, sondern auch in kleineren Mono-Einheiten wie im Gartenbau ist synthetischer Stickstoffdünger sehr verbreitet. Wer weiß schon, dass bei seiner Ausbringung Lachgas (N2O) entsteht, das mehr als 300 mal so klimarelevant wie CO2 ist und den größten Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel verursacht?
Biobetriebe bauen stattdessen Leguminosen an – wie Erbsen, Bohnen oder auch Soja, die den Boden mit Stickstoff anreichern. Und sie nutzen tierische Exkremente, die zudem den Phosphor im Kreislauf halten. Hingegen wirtschaften einige bio-vegane Betriebe im Kräuter- und Gemüseanbau auf der Basis von Kompost.
 
Heute ein Tabu…
In vielen Regionen gab der Mensch dem Boden durch tierische – und menschliche – Exkremente einen Teil der Nährstoffe zurück, die er ihm zur Produktion von Nahrungsmitteln und Futter entzogen hatte. Das Potenzial für die Entwicklung von fruchtbarem Boden offenbarte sich Forschern erst in den vergangenen Jahrzehnten am Amazonas: Mit Bioabfällen, ihren Exkrementen und Pflanzenkohle hatten Inkas dort vor 500 Jahren ertragreiche Ernten auf den nährstoffarmen Regenwaldböden erzielt. Keine Ausnahme – so konnte inzwischen auch in Asien und Westafrika die Nutzung der menschengemachten Schwarzerde (Terra Preta) nachgewiesen werden. Aber nicht nur auf anderen Kontinenten: Auch im einst slawischen Wendland kannte man das Rezept.
Heute heißt es in Berlin im Botanischen Garten: Die Natur kennt keine Abfälle! Ein Teil des Grünschnitts soll Energie erzeugen und dann als Pflanzenkohle dienen. Zusammen mit den von Gästen und MitarbeiterInnen „produzierten“ Rohstoffen Urin und Fäzes soll daraus fruchtbare Erde werden.
Doch wer heute dafür wirbt, mit menschlichen Ausscheidungen zu düngen, berührt ein Tabu. Wie es gehen könnte, erforscht Ralf Otterpohl an der Uni Hamburg-Harburg. Sein wichtigstes Credo: Kot und Urin dürfen nicht in Wasser gemischt werden, sie müssen getrennt bleiben, um ihre biologische Wertigkeit zu bewahren.
Zum Tabu kommen begründete Zweifel wegen der Rückstände – insbesondere durch ausgeschiedene Medikamente. Hoffen lassen Bakterien. Die meisten von ihnen reagieren flexibel: Wir können sie nutzen, wenn sie für ihre Energieversorgung abbauen, was wir eliminieren wollen. Aber das ist noch ein weiter Weg.
 
Nachhaltig beweiden
Die Prärie Nordamerikas, die argentinische Pampa oder die Schwarzerden im deutschen Tiefland – sie alle sind fruchtbarste Steppenböden – entstanden durch Jahrtausende nachhaltiger Beweidung, durch Wisente und Auerochsen sowie Hirschartige.
Artgemäß gehaltene Rinder verursachen keine Nahrungskonkurrenz. Im Gegenteil: Ihr Grasen fördert die Wurzel- und damit die Humusbildung (= Bindung von CO2). So entlastet jede zusätzliche Tonne Humus die Atmosphäre um 1,8 to CO2.
Viel Fleisch zu essen bedeutet hingegen Nahrungskonkurrenz. Die EU hängt am „Import-Tropf“ – überwiegend aus Südamerika. Die dort für „unser“ Proteinfutter beanspruchte Ackerfläche von über 25 Mio Hektar (v.a. Sojaschrot) steht für den Anbau von Lebensmitteln nicht mehr zur Verfügung.

Fazit: Wer vegan lebt, hilft den viel zu hohen Fleischkonsum zu senken. Entscheidend aber ist eine nachhaltige Lebensweise, ob vegan, vegetarisch oder omnivor.
Statt des zerstörerischen synthetischen Stickstoffdüngers müssen wir tierische wie menschliche Ausscheidungen wieder in Wert setzen – durch Strohmist statt Gülle sowie Trenn- und Komposttoiletten und die Terra-Preta.
Vor allem aber geht es um die unterschätzten Potenziale nachhaltiger Beweidung. Sie nützt nicht nur Böden, die zum Ackern zu steinig, steil, trocken oder nass sind. Sie kann auch erodierte Ackerböden revitalisieren.

Dr. med. vet. Anita Idel, Tierärztin, Mediatorin und Lead-Autorin des Weltagrarberichts.
Meine besonderen Interessen gelten der Kultur(Geschichte) des Mensch-Tier-Verhältnisses und der Entwicklung fruchtbarer Böden, d.h. der lebendigen Erde.
Salus-Medienpreis für: „Die Kuh ist kein Klimakiller!“, Metropolis Verlag, 5. Auflage 2014

www.anita-idel.de


Die Wohnwagon Autarkieplattform: www.wohnwagon.at - Frühling 2016

Autorin: Theresa Steininger
www.wohnwagon.at

 

So kann‘s nicht weiter gehen mit der Welt? Für alle, die etwas ändern möchten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen, bietet die Wohnwagon-Plattform endlich eine Lösung & eine zentrale Autarkieplattform. Ihr Motto: „Gemeinsam packen wir das!“
Das Wohnwagon-Team hat über die Arbeit am Wohnwagon viel Know-how aufgebaut und ein großes Partnernetzwerk gesponnen. Schnell war ihm nach den ersten Projekten klar: „Wir müssen unsere Idee größer denken und wollen noch mehr Leute erreichen, wirklich was verändern!“ Deshalb gibt’s nun die Wohnwagon Autarkieplattform! Dort findet man gesammelt und aus einer Hand Wissen, Tools, Kontakte und Produkte, die einem auf dem Weg zum Guten Leben helfen.

 
Tipps & Lösungen für mehr Autarkie – in jeder Lebenssituation!
Autarkie ist ein Prozess – jeder startet, wo er kann und bewegt sich in seinem Tempo. Ein selbstbestimmteres, nachhaltigeres Leben bedeutet für jeden etwas Anderes. Egal, ob man mit einem Wurmkomposter oder einem Wassersparaufsatz in der Stadtwohnung startet oder gleich einen vollautarken Selbstversorgerhof baut, Wohnwagon begleitet jeden mit den richtigen Produkten, der richtigen Beratung und seiner Wissensplattform.

Der Wohnwagon rollt voraus...
Der Wohnwagon soll jedem auf dem Weg vor allem Mut machen und zeigen: Es geht! Man kann auf kleinem Raum leben und das kann extrem großartig sein. Man kann sich autark mit Energie versorgen und hat trotzdem keine Einbußen in der Lebensqualität. Man kann die Nähe der Natur suchen, ohne auf WLAN und moderne Verbundenheit mit der Gesellschaft verzichten zu müssen. Das Wohnwagon-Team möchte jedem mit dem Wohnwagon greifbar und verständlich machen, dass es Lösungen für die Probleme unserer Welt gibt – und dass es in unseren Händen liegt, sie umzusetzen!

Die Statistiken sprechen für sich. 83 % der Menschen möchten selbst etwas zu einer besseren Zukunft beitragen. Wohnwagon fordert deshalb auf: „Dann mach‘ ma das aber auch!“   

Vielseitige Lösungsansätze für eine komplexe Welt
Es gibt viel zu tun und viele Punkte, an denen man ansetzen kann. Auf der Autarkie-Plattform von Wohnwagon findet man daher Ansätze aus verschiedensten Bereichen:

  • ENERGIEAUTARKIE (Photovoltaik-Systeme, Innovative Energie-erzeugung, Stromspeicherung, Notstrom, Heizlösungen,...)
  • SANITÄR (Wasserfilter, Biotoiletten, Bio-Einstreu, Wasseraufbereitung, Kreislauf-Systeme, Regenwasser-Nutzung)
  • OUTDOOR (Solar-Rucksäcke, E-Bikes, Lastenfahrräder, Sport, Gadgets)
  • HANDWERK (ordentliches Werkzeug, DIY Sets, Recycling, Baustoffe)
  • WOHNEN (Stromlose Geräte, Küche, Möbel, Dekoration
  • SELBSTVERSORGUNG (Saatgut, Gartengeräte, Düngemittel, Terra Preta Erde, Permakulturbücher)

- da ist für jeden was dabei!
 
Was Wohnwagon bieten möchte:
Die Plattform ist bereits in ihrer ersten Version online. Sie wächst jeden Tag, wird umfangreicher, strukturierter und besser. Es dauert sicher noch etwas, bis Wohnwagon dort ist, wo sie hin wollen, aber schon jetzt ist ihnen klar, was sie bieten wollen:

Filterung des Angebots
Das Wohnwagon-Team wählt die besten und wichtigsten Produkte aus, testet und bewertet sie und bietet somit ein gefiltertes und übersichtliches Angebot mit garantierter Qualität. Nicht irgendeinen Mist. Dabei spielen die Firmenwerte eine wesentliche Rolle bei der Auswahl der Produkte: Herkunft, Art der Produktion, Nachhaltigkeit der Rohstoffe... Wohnwagon wägt ab und versucht durchdachte Lösungen anzubieten, zu denen man mit gutem Gewissen „ja!“ sagen kann.


Wissensvermittlung & Erklärung
Wohnwagon liefert Aufklärung zu komplexen Themen: Video- und Foto-Tutorials sowie Blogbeiträge zeigen: Wie reinige ich den Wasserfilter? Wie funktioniert die Kompostierung in der Biotoilette? Wie baue ich mir mit dem gekauften Werkzeugset selbst meine Möbel? ... 

 

Vernetzung & Kooperation
Die Plattform soll jedem auch die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und zur Vernetzung geben. Interaktion ist erwünscht! Schritt für Schritt möchte Wohnwagon immer mehr externe ExpertInnen und UserInnen einladen, ihre Erfahrungen zu teilen, sich zusammen zu tun und gemeinsam Lösungen zu finden.


Immer vorn dabei!
Durch die Zusammenarbeit mit Crowdinvesting-Plattformen und der Start-up Szene möchte das Wohnwagon-Team innovative Produkte von jungen Unternehmen als erstes auf seiner Plattform vorstellen bzw. anbieten. So ist jeder immer mit vorn dabei und erfährt als Erste/r, was sich in dem Bereich tut!
 
Was brauchst Du eigentlich für ein gutes Leben?
Zusammenfassend kann man sagen, dass das Wohnwagon-Team Dich verführen will. Ganz offen und ehrlich. Es will jeden begeistern von einer Idee des guten Lebens, das nicht in Widerspruch mit der Natur steht, das kein Hamsterrad mehr braucht und keine Zerstörung, sondern das einfach gut tut. Es will jedem die Informationen zur Verfügung stellen, damit man die ersten Schritte auf seinem Weg zu mehr Autarkie gehen kann. Besonders wichtig ist Wohnwagon, die Menschen dann auch beim Tun zu begleiten, bei den Fehlern, Problemen und Rückschlägen, bei den Erfolgen und Triumphen über den Schweinehund, bei dem „Das schaffst du nie“ und den sonstigen Hürden, die das Leben sich so ausdenkt. Ganz nach dem Motto: „Wir packen das!“

www.wohnwagon.at


Die Dosis macht das Gift! - Frühling 2016

Autor: Manfred Folkers für die Zeitschrift Buddhismus Aktuell im Interview mit Niko Paech

Die Dosis macht das GiftNiko Paech ist seit 2010 Gastprofessor für „Produktion und Umwelt“ an der Universität Oldenburg und Vorstandsmitglied der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ). Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Umweltökonomie und der Nachhaltigkeitsforschung. Er gilt als Weiterdenker und Wachstumskritiker und hat für seine Ideen zur „Postwachstumsökonomie“ u. a. 2014 den ZEIT-WISSEN-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ erhalten. Grund genug für Manfred Folkers, ihn für Buddhismus aktuell zu interviewen.

 
BA: In Ihrem 2012 erschienenen Buch Befreiung vom Überfluss sehen Sie eine „bevorstehende Überwindung“ der gegenwärtigen „fremdversorgten und wachstumsabhängigen Existenzform“ voraus, die entweder „by design“ oder „by desaster“ geschehen wird. Was gibt Ihnen die Sicherheit für diese Aussage?

Niko Paech: Werfen wir doch nur mal einen Blick auf die fünf wichtigsten Wachstumsgrenzen. Erstens scheitert Wachstum absehbar an historisch einmaligen Ressourcenengpässen, zweitens verbessert es nicht die Lage der Allerärmsten, denn um von wirtschaftlichem Wachstum profitieren zu können, muss man bereits einen bestimmten Zugang zum Industriesystem haben. Drittens sorgt Wachstum nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus für keine weiteren Glückszuwächse – das Gegenteil kann sogar eintreten. Viertens drohen weiterhin prägnante Finanzkrisen, während die letzten noch nicht bewältigt worden sind. Fünftens ist Wachstum trotz aller technischen Bemühungen nicht ohne Umweltzerstörung zu haben. Und ohne intakte Umwelt lässt sich schlecht produzieren und für Nahrung sorgen.
 
Wir brauchen eine Postwachstumsökonomie
BA: Als zentrale Ursache für die aktuellen Krisen identifizieren Sie die Droge „Wachstum“ und schlagen vor, eine „Postwachstumsökonomie“ zu entwickeln. Können Sie dieses Modell kurz erläutern?

NP: Benötigt würde eine reduktive Anpassung sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite. Auf der Nachfrageseite ist eine Dämpfung von Konsum- und Mobilitätsansprüchen unabdingbar. Ohne moderne Formen der Genügsamkeit, Entschleunigung und vor allem Sesshaftigkeit ist keines der gegenwärtigen Menschheitsprobleme mehr lösbar. Auf der Angebotsseite sind kleinräumige, graduell sogar deindustrialisierte Produktionssysteme nötig. Wenn die moderne, räumlich entgrenzte und technisch hoch gerüstete Industrieversorgung um die Hälfte reduziert würde, könnte im langfristigen Durchschnitt nur noch eine 20-Stunden-Arbeitswoche aufrechterhalten werden, d. h. die Volkswirtschaft müsste mit der Hälfte der momentanen Güterproduktion und natürlich mit weniger Geldeinkommen auskommen. Dies gelingt, wenn die frei gewordene Zeit als Ressource verwendet wird, um durch drei autonome Aktivitäten im Sinne moderner Selbstversorgung einen Teil der industriellen Fremdversorgung zu ersetzen.

Erstens: Manche Güter können wir teilweise selbst produzieren, z. B. Nahrung und Energie. Zweitens: Wenn sich Individuen Gebrauchsgüter mit anderen teilen, wird weniger Geld und Produktion für dasselbe Versorgungsniveau benötigt, denken wir an die gemeinsame Nutzung von Autos, Digitalkameras, Rasenmähern oder Waffeleisen. Drittens: Durch eine allmähliche Wiederaneignung handwerklicher Kompetenzen und den Aufbau sozialer Netze könnten wir die Dinge, mit denen wir uns umgeben, pflegen, reparieren und Instand halten. Doppelte Lebensdauer von Produkten heißt halber Verbrauch.

Insgesamt ergäbe sich auf dieser Grundlage eine duale Lebensform: Neben einer durchschnittlichen 20-stündigen geldbasierten Beschäftigung würden wir ergänzende Versorgungsleistungen selbst oder in sozialen Netzen erbringen. So gelingt es uns, eine halbierte Industrieproduktion durch Nutzungsdauerverlängerung, Gemeinschaftsnutzung oder eigene Produktionsleistungen so zu ergänzen, dass wir damit insgesamt auskommen und innerhalb notwendiger Grenzen verbleiben. Zwischen Industrie und Selbstversorgung bietet die Regionalökonomie ein drittes Versorgungssystem, das auf unternehmerischer Arbeitsteilung beruht, jedoch mit kürzeren Distanzen und einem geringeren Spezialisierungs- und Technisierungsgrad.

BA: Im Zusammenhang mit einer Neuausrichtung der heutigen Gesellschaft taucht oft der Begriff „Suffizienz“ auf. Hat der Ökonom Ernst Friedrich Schumacher nicht schon 1973 mit seinem Buch Small is beautiful und mit der von ihm proklamierten „Rückkehr zum menschlichen Maß“ etwas Ähnliches gefordert?

NP: Oh ja, Fritz Schumacher ist noch immer eine gewaltige Inspiration. Bei Schumacher ging’s um das Austarieren ökonomischer Aktivitäten, Strukturen und Ansprüche, sodass deren Quantität und Wirkmächtigkeit nicht nur im Bereich dessen bleibt, was auf einem endlichen Planeten verantwortet werden kann, sondern was den Menschen überhaupt guttut. Schumacher hat uns gezeigt: Die Dosis macht das Gift – und das gilt für die Ökonomie mindestens so wie für die Medizin!
 
Auf einem endlichen Planeten gibt es nichts zum Nulltarif
BA: Um sich von überzogenen Konsumgewohnheiten zu befreien und den Lebensalltag neu auszurichten, wird eine feste innere Haltung benötigt, die sich mit „Resilienz“ überschreiben lässt. Wie lautet Ihre Definition?

NP: Resilienz bedeutet Krisenfestigkeit, sie kann als proaktive und vorsorgliche Reaktion auf die nicht mehr zu leugnenden Wachstumsgrenzen verstanden werden. Sie erstreckt sich auf zwei aktuelle Problemfelder. Zunächst wäre es ratsam, Versorgungsstrukturen aufzubauen, die aufgrund von Autonomie und Bescheidenheit nicht angreifbar sind, falls die global-industrielle Ökonomie schwächelt oder zusammenkracht, etwa infolge von Ressourcen- oder Finanzkrisen. Des Weiteren lässt sich Resilienz als Selbstschutz vor Konsumverstopfung auffassen, denn die psychische Belastung angesichts der Reizüberflutung durch immer mehr materielle Freiheiten, die wir uns kaufen können, ist immens.

BA: E. F. Schumacher hat die Technik und das Versorgungssystem kritisiert und ihnen eine Ethik entgegengesetzt, die er mithilfe einer „buddhistischen Wirtschaftslehre“ begründet, die einen „mittleren Weg zwischen materialistischer Rücksichtslosigkeit und herkömmlicher Unbeweglichkeit“ beschreibt. Wie würden Sie den ethischen Rahmen einer Postwachstumsgesellschaft konkretisieren?

NP: Als jemand, dessen ökonomisches Denken von den Grundsätzen der Thermodynamik geprägt ist, vertrete ich die Auffassung, dass es auf einem endlichen Planeten absolut nichts zum Nulltarif gibt. Die Hoffnung, durch wie auch immer gearteten sogenannten Fortschritt neue materielle Freiheiten quasi aus dem Nichts heraus – die Rede ist dann immer von Effizienz, Produktivität oder Innovation – zu schöpfen, zählt zu den lächerlichsten Märchen, die in Politik, Wissenschaft und Bildung immer wieder aufgewärmt werden. Tatsächlich lassen sich nirgends zusätzliche menschliche Möglichkeiten erzielen, ohne später, andernorts oder im Rahmen anderer Systemdimensionen entsprechende Verluste in Kauf zu nehmen. Diese Nullsummenlogik bildet das Fundament meiner Nachhaltigkeitsphilosophie und sie hat ethische Konsequenzen, die sich sehr leicht, nämlich durch folgende Frage verdeutlichen lassen: Was darf sich ein einzelnes Individuum an Freiheiten aneignen, ohne über seine ökologischen und damit unvermeidlich auch sozialen Verhältnisse zu leben? Ohne Beantwortung dieser Frage, nämlich durch das Akzeptieren einer definitiven Selbstbegrenzung ist langfristig kein humanes Dasein möglich.

Wichtig sind geistig-spirituelle Fähigkeiten zur Selbstbegrenzung
BA: Viele Menschen sehen in der Lehre des Buddha weniger eine Religion als eine säkulare Spiritualität, die eine „richtige Lebensart“ (E. F. Schumacher) begründet. Welche Bedeutung messen Sie der Entwicklung geistig-spiritueller Fähigkeiten zu?

NP: Die Befähigung, innerhalb materieller Grenzen zu leben, ist nicht trivial, zumal sich der Virus moderner Konsumdemokratien geradezu rasant verbreitet – denken wir an den sogenannten arabischen Frühling oder den Expansionismus der EU, der bis in die Ukraine hineinreicht. Das Dogma bedingungsloser Selbstverwirklichung als Inbegriff eines egozentrischen Zeitalters hat auch die Erziehung und das Bildungssystem okkupiert. Rücksichtlose, als antiautoritär bezeichnete Daseinsformen, die darauf beruhen, selbst die jüngsten Gesellschaftsmitglieder mit immer mehr Elektronik, Komfort, globaler Mobilität und Einwegkonsum auszustatten, spotten jeder Nachhaltigkeitsorientierung. Der Kampf gegen eine organisierte Verantwortungslosigkeit, die allen Ernstes als Fortschritt oder legitime Freiheit verkauft wird, hat ja noch nicht einmal angefangen! Deshalb kann jede Kulturtechnik oder innere Haltung, die zur Demut und Genügsamkeit befähigt, nur nützlich sein. Geistig-spirituelle Fähigkeiten, die auf Selbstbegrenzung fußen, waren nie wichtiger. Und nicht erst seit Schumachers Bekenntnis zur buddhistischen Wirtschaftslehre wissen wir, dass der Buddhismus hier ganz besondere Anknüpfungspunkte offenbart.

 

Aber es kann sicherlich nicht von einem Automatismus dergestalt gesprochen werden, dass geistig-spirituell engagierte Menschen per se zu einer postwachstumstauglichen Lebensführung befähigt sind. Immer häufiger tritt das Gegenteil zutage. Der globale Yoga-, Satsang- und Esoterik-Tourismus lässt erkennen, dass es sich dabei oft lediglich um das emotionale Sahnehäubchen handelt, das dekadente Mittel- und Oberschichten ihrem Mobilitäts- und Konsumreichtum aufsetzen. Erst eine Spiritualität, die nicht auf permanenter individueller Entgrenzung, also menschlichem Wohlergehen als Kunst des zusätzlichen Bewirkens beruht, sondern die den Mut in sich trägt, eine Kultur der Reduktion und des souveränen Unterlassens zu befördern, kann Lösungen bieten. Dazu ist eine entsprechende innere Haltung zwar nötig, aber eben nicht hinreichend. Erforderlich sind Übungsprogramme, um durch wiederholte und disziplinierte Praxis die eigenen Ansprüche auf materielle Freiheiten auf das zu begrenzen, was sich weltweit verallgemeinern ließe.
 
Buchtipp:
Niko Paech, Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, Oekom Verlag 2012
Niko Paech, Suffizienz und Subsistenz: Therapievorschläge zur Überwindung der Wachstumsdiktatur. In: Hartmut Rosa u.a. (Hrsg.) Zeitwohlstand: Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben, Oekom Verlag 2013 

Dieser Beitrag wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Zeitschrift „Buddhismus aktuell“ – siehe auch unter „Aktuelles“.

©danimages Fotolia.com


Dient die Technik noch dem Menschen? - Winter 2016

Autor: Anselm Lentz, Neue Erde Verlag

»Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.«
(Jaron Lanier, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014)

30 Jahre Neue Erde Verlag sind ein Anlass für mich, einen Blick in die Zukunft zu werfen und etwas überspitzt darzustellen, was gerade passiert und was vielleicht passieren wird, wenn die technische Entwicklung weiter in die bereits eingeschlagene Richtung verläuft. Fangen wir mit der Frage an: Warum gibt es Bücher? Einfach gesagt, sollte Wissen vermittelt werden und für die Zukunft erhalten bleiben. Dieses Wissen sollte eine große Masse von Menschen erreichen, denn einige waren der Meinung, dass Wissen zu einem besseren Miteinander beitragen würde. Es wurden erst Abschriften angefertigt und dann wurde die Druckerpresse erfunden. Viele Menschen lernten zu lesen in der Hoffung, die gesammelten Daten aus der Vergangenheit in ihrem jetzigen Dasein für eine bessere Zukunft zu nutzen, das heißt, sich zu entfalten. – Doch Wissen bedeutet auch Macht für jene, die es zu filtern und entsprechend ihrer Ziele zu verbreiten wissen.

Seit der Erfindung des Buchdrucks hat die Technik einige Sprünge gemacht. Heute haben wir begonnen, das Wissen in riesigen Computern und den daraus entstandenen Netzwerken zu sammeln und zu teilen. Daraus ist eine große Freiheit erwachsen, was unser Denken und Handeln angeht. Denn jeder kann egal wo, egal wann und egal was in Erfahrung bringen.

Jetzt möchten wir vordergründig meinen, dass das doch uns allen zugute kommt, denn schließlich war Machterhalt in der Vergangenheit doch hauptsächlich durch Wissensfilterung möglich. Wäre die Welt so gläsern, dass wir das Gesamtbild sehen könnten, wären wir frei, richtige Entscheidungen zu treffen.

Leider sind wir aber dabei, das Filtern der Informationsflut einigen Großrechnern zu überlassen, denn wir selbst sind oft maßlos überfordert. Einige wenige Menschen entscheiden, wie diese Filtersysteme funktionieren sollen und lassen Algorithmen programmieren, die entscheiden, welche Information wir bei einer Anfrage erhalten – oder welches Buch uns angeboten wird. Somit ist es uns bis jetzt nicht gelungen, ein großartiges Werkzeug so zu nutzen, dass wir wirklich alle davon profitieren.

Aus den anfänglichen Hoffnungen für mehr kulturellen Austausch, der mit der Entstehung des Internets einherging, schält sich langsam eine unschöne Wirklichkeit heraus. Nur wenige der Kulturschaffenden, die im Netz auf neue Möglichkeiten gehofft hatten, konnten tatsächlich ein Geschäftsmodell entwickeln, das sich trägt. Seien sie nun Musiker oder Autoren: Die Algorithmen reduzieren unsere Netz-Welt immer weiter auf die Angebote und Informationen, die von einer Mehrzahl bereits genutzt wurden. Wer im Ranking (der Reihenfolge der Suchergebnisse) zu weit unten ist, verliert Aufmerksamkeit und schlussendlich seine Daseinsberechtigung. Die Filterung zieht immer mehr von dem aus dem Verkehr, was im Sinne der Masse nicht gebraucht wird, und gleichzeitig ist es für die Masse schwer zu erkennen, dass die Auswahlmöglichkeit immer begrenzter wird, denn dank modernster Marketing-Methoden wird uns fast immer etwas vor die Nase gesetzt, das uns gefällt.

Unsere Fähigkeit, offen für Bedürfnisse zu bleiben, die aus dem Inneren kommen, wird langsam aber systematisch abtrainiert. – Davon, dass Künstler und Autoren im Internet Geld verdienen können mal ganz abgesehen - das ist ein Traum, den nur die allerwenigsten verwirklichen können, und für den Großteil davon reicht es auch nicht zum Leben. (Aber das sei in diesem Beitrag nur am Rande erwähnt.)

Ein besonderes Merkmal sticht bei den neuen Medien-Unternehmen hervor: Sie sammeln Informationen in ganz großem Stil, und sie wissen sie zu nutzen. Sie erkennen Vorlieben und Abneigungen und können daraus Vorraussagen über Verhaltensweisen Einzelner oder ganzer Gruppen treffen. Sie haben die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit des Netz-Nutzers dorthin zu lenken, wo sie sie haben wollen, meistens zu den Produkten, die schon viele gekauft haben. Ob hinter den Strategien, die wir unter dem Namen Neuromarketing zusammenfassen, Böswilligkeit oder einfach nur Geschäftssinn steht, sei dahingestellt. In jedem Fall funktioniert diese Auslese meiner Meinung nach so, wie sie der Sozialdarwinismus beschreibt, indem die Stärksten überleben. Wer sich ein wenig mit Darwins Evolutionstheorie befasst hat, sollte aber verstanden haben, dass eine Auslese nach diesem Prinzip keine Vielfalt hätte zustande bringen können. Mit oben erwähnter Entwicklung wird eine Verarmung der Kulturlandschaft ebenso einhergehen, wie eine Verarmung unserer Fähigkeit, selbst zu entscheiden.

Ich frage mich also, ob der Mensch seine Fähigkeit, sich individuell zu entfalten, abschaffen will? Sollen Computer an unserer Stelle denken, und Roboter machen die Arbeit? Lassen wir uns in Zukunft ein Leben lang füttern und verlagern unsere Wahrnehmung in eine virtuelle Realität, um schlussendlich über den Tod hinaus in digitaler Form ewig weiter zu existieren? Solche Phantasien haben einige Menschen wirklich. (Siehe Jaron Laniers Bücher „Gadget“ und „Wem gehört die Zukunft“).

Ich bin kein Internetgegner, ich halte es für ein nützliches Werkzeug, doch möchte ich jedem, der sich der Digitalisierung nicht entziehen will oder kann, von Herzen raten, nicht auf alles zu reagieren, was einem am Bildschirm vorgeschlagen wird. Denken Sie darüber nach. Schauen Sie in Ihr Herz. Erspüren Sie Ihre Gefühle. Wir sind Ganzheiten. Wir haben Seelen. Wir lernen aus Erfahrungen und entwickeln daraus individuelle Wünsche.

Neue Erde wählt seit dreißig Jahren Inhalte aus, die von Menschen für Menschen geschrieben wurden, und verbreitet diese. Wir wollen damit die menschliche Fähigkeit zur Wahrnehmung und zum selbstständigen Denken erweitern. Denn viele einzigartige Individuen sind für eine heile Ganzheit nötig. Ich wünsche mir, dass Neue Erde weiterhin neues Wissen unter die Menschen bringt – auch wenn wir vielleicht modernere Werkzeuge erst zu nutzen lernen müssen.

Anselm Lentz
www.neueerde.de

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Für eine bessere Welt - der Blog www.fuereinebesserewelt.info - Winter 2016

„Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben.“
Eleanor Rooseveelt

Wer morgens die Zeitung aufschlägt oder im Internet surft, bekommt schnell den Eindruck, dass es mit unserer Welt bergab geht: Wir taumeln von Krise zu Krise. Kaum haben wir einen Schock überwunden, kommt die nächste Hiobsbotschaft. Doch so schwarzweiß lässt sich unsere Welt nicht zeichnen. „Die Menschen wollen ihre Gesellschaft heute positiv mitgestalten“, meinen die beiden Hamburger Journalisten Ilona Koglin und Marek Rohde. In ihrem Blog www.fuereinebesserewelt.info zeigen sie deshalb Ideen, Menschen und Initiativen, die sich erfolgreich für eine bessere Welt einsetzen. Damit wollen sie auch andere zu Engagement ermutigen.

Kann ein einzelner Mensch die Welt verändern? Lohnt sich unser Engagement – ja, hat es überhaupt einen Sinn? Diese Fragen standen 2007 am Anfang des Projekts www.fuereinebesserewelt.info . Für eine Artikelserie sprachen die beiden mit Philosophen,

Psychologen, Religions- und Politikwissenschaftlern sowie Biologen. Die Erkenntnis: Unser Engagement für eine bessere Welt ist nicht nur sinnvoll, es ist für unser Überleben als Zivilisation unbedingt notwendig. „Diese Artikel sowie ein Vortrag, den wir dazu hielten, stießen auf so positive Resonanz, dass wir unseren Blog ins Leben riefen“, erinnert sich Ilona Koglin. Schnell wurden die beiden zu diesen Themen auch als Konferenzredner und Seminarleiter eingeladen. Mit Texten, Bildern und Filmen berichten die beiden seitdem auf www.fuereinebesserewelt.info über Ideen, Menschen und Initiativen mit Vorbildcharakter.

„Natürlich verschweigen wir die Probleme nicht, die wir derzeit in unserer Welt zu bewältigen haben“, meint Marek Rohde. Frei nach Stéphane Hessels Bestseller „Empört Euch!“ rufen die beiden daher alle auf, über Missstände zu debattieren. Doch das reicht ihrer Meinung nach nicht: „Sich zu empören ist natürlich ein Anfang. Doch wir wollen, dass die Menschen diese Empörung in konstruktives Engagement umzusetzen!“erklärt Ilona Koglin. Die beiden freuen sich, dass immerhin eine halbe Millionen Zugriffe pro Monat dieses Anliegen bestätigt.

Deshalb legen die beiden Journalisten Wert darauf, dass sie auf www.fuereinebesserewelt.info Alternativen, erfolgreiche Aktionen und Menschen vorstellen, die zeigen, dass jeder Einzelne Einfluss auf die Entwicklung unserer Welt haben kann. „Wir alle sind dafür verantwortlich wie unsere Welt aussieht – auch oder gerade, wenn wir vermeintlich nichts tun“, meint Marek Rohde. Dabei stecke tief in uns allen der Wunsch, diese unsere Welt zum Besseren zu verändern. „Viele Menschen trauten sich dies nur nicht (mehr) zu“, ist sich Ilona Koglin sicher. Doch das könnte sich bei der Lektüre des Blogs ändern – und damit hätten die beiden Hamburger dann selbst unsere Welt ein kleines bisschen zu Besseren verändert.

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