Reisen 2019


Winter 2019


Neuseeland - mit Christiane Schöniger

Die große Freiheit auf der anderen Seite der Welt

 

Man nehme ein bißchen Schottland, eine Prise Allgäu, einige Handvoll norwegische Fjorde, dazu urzeitliche Baumfarne und Riesenbäume und füge alles zusammen. Verteile ein paar Vulkankegel und alpines Gebirge darauf, würze mit reichlich Flüssen, Seen und Wasserfällen. Mache zwei Hauptinseln daraus, verziere das Ganze außen mit kilometerlangen Sandstränden, golden, weiß oder vulkanisch schwarz, abwechselnd mit felsigen Steilküsten. Platziere das fertige Kleinod weit abgelegen im südlichen Pazifik, so dass es vom Rest der Welt möglichst lange unentdeckt bleibt. 

Fertig ist Neuseeland.

 

Unentdeckt waren die beiden Inseln tatsächlich lange Zeit, noch nicht einmal Säugetiere gab es dort, geschweige denn Menschen, als um 1300 die ersten Pazifikstämme mit ihren schlichten Booten dort anlandeten.

Für mich war Neuseeland lange ein Traumziel, der Inbegriff von ganz weit weg. Auf der anderen Seite der Erdkugel, mitten im südlichen Pazifik, „irgendwo hinter Australien“, liegen die beiden Hauptinseln. Über zwanzig  Stunden Flugzeit, 18.000 Kilometer Luftlinie, zwölf Stunden Zeitverschiebung. Weiter weg geht nicht.

Und dann habe ich mir den Traum erfüllt und machte mich mit einem kleinen Camper-Van auf den Weg.

 

Der Vulkan

Nordinsel, Tongariro National Park, 4. Dezember 2017, 5.00 Uhr morgens

 

Seine Majestät hat noch die weiße Nachtmütze auf, ein Heiligenschein aus Wolkenfluff ziert seinen Scheitel. Aufrecht und stolz steht er da, denn bei der „Herr der Ringe Trilogie“ hat er eine der Hauptrollen ergattert als Mount Doom, der Schicksalsberg. Im richtigen Leben heißt er Mount Ngauruhoe, erhebt sich 2291 Meter über dem Meeresspiegel und ist ein nahezu perfekt geformter Vulkankegel, der allein im letzten Jahrhundert 45 Mal ausbrach.

 

Die Legende

Wie so oft bei Beziehungsstreitereien gibt es verschiedene Versionen derselben Geschichte. Jedenfalls gab es da die schöne Dame, Mount Pihanga, gekleidet in herrlich grünen Regenwald, und alle Berggottheiten waren in sie verliebt. Taranaki wagte es, sich der schönen Pihanga zu nähern. Das erzürnte den eifersüchtigen Tongariro und es entbrannte ein heftiger Kampf zwischen den beiden, so dass die Erde bebte und der Himmel sich verdunkelte. Taranaki unterlag und floh Richtung Westen. Einsam steht er nun da an der Westküste; der Nebel, der von seiner Spitze ostwärts zieht, ist das sichtbare Zeichen seiner immer noch lebendigen Liebe zu Pihanga.

 

Ich befinde mich auf einem Parkplatz und schultere meinen Rucksack, es ist fünf Uhr morgens, zartes rosafarbenes Licht schiebt sich am Horizont empor. Der Atem dampft in der kalten Luft. Es ist Anfang Dezember und somit Sommer, doch hier oben auf 1100 Meter ist es noch ziemlich frisch. Knapp zwanzig Kilometer Wanderung liegen vor mir, für eine halbwegs vernünftige Kondition eigentlich kein Problem. Doch diese Strecke hat es in sich, steil geht es die Flanke des Vulkans empor, steinig, felsig, schmale Stiege voller Geröll und scharfkantiger Lavagesteine. Rechts von mir erhebt sich Mt. Ngauruhoe, links von mir etwas niedriger der Mt. Tongariro, nach dem der Nationalpark benannt ist. 

Eine der spektakulärsten Tageswanderungen Neuseelands führt geradewegs zwischen den beiden Vulkanen hindurch. Schnaufend, schwitzend und fast euphorisch erreiche ich in 1900 Meter Höhe den höchsten Punkt der Wanderung. Die Sonnte steht inzwischen hoch. Mein Blick schweift über den oberen Rand des Roten Kraters, einer der zahlreichen Krater in dieser grandiosen Vulkanlandschaft. Es beruhigt mich, dass sein letzter Ausbruch 1850 war.

Überwältigt betrachte ich die Auswirkungen der gewaltigen Kräfte, die hier am Werke waren und immer noch wirken. Bizarre Gebilde erstarrter Lava, Schutt und Geröll in allen Tönen von dunkelrot, grau, braun, schwarz bis schwefelgelb, es dampft und qualmt stinkend aus Erdspalten, meine Beine sind bis über die Knie mit grauer Asche eingestaubt. Unter mir glitzert das giftig-saure Wasser der drei Emerald Lakes (Smaragdseen) türkisgrün im Sonnenlicht. Inmitten dieser unwirtlichen Ödnis treibt ein kleines einsames Pflänzchen gelbe Blüten Richtung Sonnenlicht. Der Anblick rührt mich.

Glückspilzwetter nenne ich das im Stillen, denn hier oben schlägt das Wetter häufig blitzschnell um, und noch häufiger hüllen sich die Gipfel in Wolken. Ich bin froh, dass ich so früh aufgebrochen bin, denn inzwischen ist der Berg bevölkert von den vielen Touristen, die sich einer Karawane gleich den Pfad emporarbeiten. 

Auf der anderen Seite liegen 1200 Meter Abstieg vor mir.

 

Der Baum

Nordinsel, Waipoua Forest, 23. November 2017, 10.00 Uhr

 

Der Herr des Waldes ist über 50 Meter hoch und hat einen Bauchumfang von 15 Metern. Über sein Alter schweigt er beharrlich, aber Biologen schätzen es auf annähernd 2000 Jahre. Zu einer Zeit, als die Römer in Germanien einfielen, keimte hier ein kleiner Kauri-Samen, wuchs über die Jahrhunderte langsam empor und schaffte es, den Raubbau der frühen Siedler und Maori zu überdauern. 

Tane Mahuta, Herr des Waldes, nennen ihn die Maori. Ehrfürchtig stehe ich vor diesem gigantischen Kauri-Baum und fühle mich klein. Es ist nicht nur die Größe, die beeindruckt, vielmehr die Atmosphäre, die den Riesen umgibt. Diesen Baum besucht man nicht einfach, man macht einem Herrscher seine Aufwartung.

 

Die Legende

Einst lagen Vater Himmel und Mutter Erde in inniger Umarmung, ihre Kinder gut behütet zwischen sich. Dort war es dunkel und eng, die Kinder wurden unruhig und wollten raus. Jedoch gelang es keinem der Götterkinder, das Paar zu trennen. Aber dann stemmte sich Tane Mahuta zwischen sie, langsam und unaufhörlich wuchs er empor und trennte die beiden Liebenden, so dass die Welt des Lichts, der Halbgötter und Menschen entstand.

 

Mit bloßem Auge sind die Blätter der ausgefransten Baumkrone in der Höhe kaum auszumachen. Mit dem Tele zoome ich die Krone heran und sehe eine Vielfalt von Pflanzen, Moosen, Flechten, die der Herrscher in seiner Krone beherbergt. Ein ganz eigenes Ökosystem ist da entstanden, voller Leben in den von Wind und Wetter zerzausten Ästen. 

Ein einzelner Kauri-Baum beherbergt rund 60 verschiedene Spezies, bietet ihnen Nahrung, Lebensraum und Schutz. Das starke und doch elastische Holz und sein aufrechter Wuchs jedoch wurden dem Kauri zum Verhängnis. Die geraden Stämme gaben beste Schiffsmasten und Planken, ebenso Bauholz für Häuser ab. Die frühen Siedler und die Maori gleichermaßen holzten ganze Waldstücke ab. 

Heute steht der Kauri unter besonderem Schutz. Neuseeland wurde erst um 1300 von Menschen besiedelt, und Säugetiere gab es bis dahin auch nicht. Jahrhunderte, um nicht zu sagen, Jahrtausende, unbehelligt von Menschenfüßen und buddelnden und nagenden Tieren ist der große starke Baum ein erstaunliches Sensibelchen, denn diese Giganten haben keine Schutzkräfte gegen Eindringlinge oder Krankheitserreger entwickelt. Am Eingang in den Wald besprühe ich meine Schuhe mit einem keimtötenden Mittel, das in einem Fass bereitsteht. Es soll einen eingeschleppten Keim abtöten, der Wurzelfäule verursacht und die Bäume regelrecht zu Tode hungern lässt. Ein Schild belehrt mich, den Weg nicht zu verlassen und meinen Müll wieder mitzunehmen.

Wer wagt es schon, seinen Müll im Palast eines Herrschers zu hinterlassen.

 

Der Gletscher

Südinsel, Southern Alps , 15. Dezember 2917, 12.00 Uhr 

 

Foto 4 Im Tal unten nervt der Lärm der Hubschrauber. Ich aber sitze in einem neben dem Piloten, hinter mir zwei Australier, und bestaune den Anblick der gezackten Eistürme des Fox-Gletschers und der steilen Talwände, an denen der Helikopter beunruhigend dicht entlang fliegt. Wir nähern uns dem Landeplatz am unteren Ende des Fox Gletschers und meiner ersten Gletscherwanderung. Eine viertel Stunde vor dem Start war noch nicht einmal sicher, ob wir überhaupt fliegen können, denn dicke Wolken brauten sich um die Gipfel zusammen. Jetzt stehe ich hier oben, pfriemele die Steigeisen an meine Schuhe und gerate ins Schwitzen, denn die Wolken haben sich so schnell verzogen, wie sie gekommen sind. Glückspilzwetter, denke ich glücklich. Der Helikopter entschwindet dröhnend zurück ins Tal und hinterlässt eine berauschende Stille.

Wir folgen John, dem Guide, der uns streng ermahnt, immer hinter ihm zu bleiben. John war früher Gletscherführer in Alaska. Ich vertraue seiner Erfahrung, dass er uns sicher an Spalten und Abgründen vorbei führt. 

„Der Fox Gletscher ist an seiner dicksten Stelle, am Schneefeld ganz oben, mehr als 300 Meter dick“, erklärt er uns. „Er fließt bis an den Rand des subtropischen Regenwalds herab und endet in nur 250 Meter Höhe und 12 Kilometer von der Küste entfernt.“ Vier Hochgebirgsgletscher nähren ihn auf seiner 13 Kilometer langen Reise, bei der er 2600 Höhenmeter überwindet.

Er ist wunderschön. Und irgendwie dramatisch. Das Eis glitzert in der Sonne, weiß und grell oder klar und blau. In Senken hat sich klares Wasser gesammelt, Eisbrüche bilden bizarre Türme, Spalten verschwinden in der Tiefe. Über uns erheben sich die vier höchsten Gipfel der Southern Alps und ein strahlender Himmel. Am Rand ist das reine Weiß des Gletschers mit grauem Staub bedeckt. Wenn die tonnenschwere Wucht des Gletschers durch das enge Tal rutscht, zermalmt er Felsen und Gestein zu feinem Mehl, das der Wind auf seinen Rändern verteilt und ihn immer irgendwie schmuddelig aussehen lässt.

 

An einem Loch im Eis holt John eine Tasse aus seinem Rucksack und fängt das Schmelzwasser auf. „40 Jahre altes Wasser“, sagt er grinsend. So lange dauert es, bis der Schnee von ganz oben bis hierher rutscht. John führt uns zu einem Tunnel aus Blaueis, eine Märchenlandschaft tut sich auf. An einem Seil hangeln wir uns durch den spiegelglatten Stollen, ich fühle mich wie eine Entdeckerin. Viel zu früh holt uns der Helikopter aus der Märchenlandschaft wieder ab.

Am nächsten Morgen wandere ich durch das Tal zum Gletschermund. Eine Absperrung hindert neugierige Touristen daran, zu dicht an das Eis zu laufen, von dem hin und wieder riesige Brocken stürzen, vom Gesteinsmehl getrübtes Wasser rauscht ins Tal.

Es regnet. Schon wieder Glückspilzwetter, denn ich bin fast allein unterwegs und kein Hubschraubergeknatter trübt die Stille.

 

Neuseeland ist so unglaublich weit weg vom Rest der Welt, so dass die Neuseeländer selbst manchmal die übrige Welt zu vergessen scheinen. Für mich war Neuseeland lange ein Traum. Daran hat sich auch nach  mehreren Reisen dorthin nichts geändert. Ich komme wieder.

 

Christiane Schöniger, Event- und Reise-Organisatorin und Herausgeberin eines Magazins. Sie liebt Natur, Wandern und Reisen, übt seit über dreißig Jahren die Kunst des Japanischen Bogenschießens und hat das Fotografieren wieder für sich entdeckt.

Auf einer persönlich geführten Reise in kleiner Gruppe zeigt sie Ihnen mit großer Freude ihre Lieblingsplätze in Neuseeland. 

 

Termin der Reise in 2019: 27. Nov. bis 20. Dez. 2019. 

Alle Infos: www.christiane-schoeniger.de

 

Neuseeland

• Maori Name: Aotearoa – das Land der langen weißen Wolke

• Größer als Großbritannien und kleiner als Italien

• 80 Millionen Jahre lang geografisch isoliert

• 82 Prozent der Flora ist endemisch

• Rund 4,5 Millionen Einwohner, davon 15 Prozent Maori

• Pro Quadratmeter 18 Einwohner, Deutschland: 231

• Amtssprache: Englisch, Maori, Gebärdensprache

• Keine heimischen Säugetiere, aber 60 Millionen Schafe

• Im Norden subtropisch, im Süden frostig, überall windig

• Lieblingsbeschäftigung der Kiwis: Alles, was draußen geht: Angeln, Boot fahren, surfen, wandern, Barbecue... (Wetter egal)

• Merkwürdigstes Essen: Whitebait (Minikleine Jungfische)

• Die steilste bewohnte Straße und der längste Ortsname der Welt sind hier zuhause

• Die Rugby-Nationalmannschaft geht in kein Spiel ohne Haka (Kriegstanz der Maori-Tradition)

 

© Fotos: Christiane Schöniger