Spiritualität 2017


Frühling 2017


Kollektives Trauma - Mystik - Integration - ein Interview mit Thomas Hübl

Echos und Antworten in einer fragmentierten Welt

Ein Interview mit Thomas Hübl, dem Initiator des Celebrate Life Festivals:

Thomas, was ist das Wesen von Trauma, und in welcher Beziehung dazu steht die Mystik?
Thomas Hübl: Das Thema Trauma ist von besonderer Relevanz in der Bewusstseinsevolution. Evolution ist Bewegung. Trauma wirkt als bremsende Kraft. Wenn wir inspiriert sind, wenn wir etwas Neues herausfinden und frische Einsichten haben, wenn wir kreativ sind, wenn wir gemeinsam in einen interessanten Dialog gehen, wird Bewegung angeregt und wir kommen intensiver in den Fluss. Treffen diese Anregungen oder Anforderungen jedoch auf ein traumatisiertes Areal, passiert das Gegenteil: Es  entsteht Angst, Konfusion, Überaktivierung, Rückzug, Eskalation etc. Dieser Mechanismus hat sowohl in der persönlichen Entwicklung des Einzelnen als auch für die Beziehung zu anderen Menschen und im kollektiven Miteinander erhebliche Auswirkungen. Erfahrungsfähigkeit, Beziehungsfähigkeit und Verarbeitungsfähigkeit sind eingeschränkt.
Neben unvorhergesehenen Begebenheiten, die zu traumatischen Schockreaktionen führen können, ist Trauma für die meisten Menschen etwas, das aus einer nicht adäquaten Beziehung und /oder einer überwältigenden Erfahrung entsteht und nicht erlöst werden kann.


Im Trauma ist unser Organismus überfordert. Es gibt eine Überladung von der Erfahrung, die nicht verarbeitet werden kann. Durch die Überlastung des Nervensystems reduziert der Organismus seine Sensitivität. Es gibt also eine Hyperaktivität und zugleich eine bremsende Aktivität. Sich weiterbewegen zu wollen und gleichzeitig energetisch auf der Bremse zu stehen, das ist das Wesen von Trauma.
Die Mystik begreift Trauma als gefrorene Vergangenheit. Sie geht davon aus, dass die Vergangenheit nicht das ist, was im Sinne einer Zeitlinie gestern passiert ist, sondern das, was vom Gestern noch unerledigt ist und deshalb heute immer noch unser Leben beeinflusst.  Ein Päckchen also, das ein Mensch mit sich herumträgt, welches seine Entscheidungen und Beziehungen mitbestimmt und ihn zumindest subtil fortwährend beschäftigt. Im Fernen Osten nennt man das Karma. Wir nennen es hier Trauma. Aber ganz gleich, wie wir es nennen, – es ist ein Phänomen, das in der Gesellschaftsentwicklung und Bewusstseinsevolution eine enorme Tragweite hat.

Wie äußert sich individuelles Trauma im Alltag, und wie können wir alltäglichen Traumasymptomen begegnen?
T.H.: In den Momenten, in denen ein Mensch nicht seiner Intelligenz entsprechend auf die Wirklichkeit antworten kann, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er gerade entweder einer starken Konditionierung oder einem Trauma in sich begegnet. Da ihm das jedoch nicht bewusst ist, nennt er es Problem. Doch dieser Mechanismus ist ja nur der nach außen projizierte Versuch, für seine eigene Konfusion  und/oder Unzulänglichkeit eine Erklärung zu finden. Ihm fehlt in solchen Situationen die innere Möglichkeit, zu der gestellten Herausforderung eine Beziehung zu finden. Wird diese Beziehungsfähigkeit wieder hergestellt, wird enorm viel Energie frei, die bis dahin gebunden war.
Umso gesünder sich diese Beziehungsfähigkeit in den ersten Lebensjahren entwickeln kann, desto besser ist die Basis, die Menschen für ihr Leben haben. Gibt es diesen guten Nährboden nicht, führt das manchmal zu einem lebenslangen Abmühen mit bestimmten Themen und zu zirkulär wiederkehrenden Schwierigkeiten, die mit viel Leid verbunden sind.

Jeder kann seine eigenen Traumasymptome im Alltag erforschen und daran arbeiten: Wenn ich nicht automatisiert lebe, sondern lerne, mich mehr und mehr bewusst auf mich selbst zu beziehen, bekomme ich immer mehr mit, wo mir das Leben schwer fällt, wo ich keine Selbstbeziehung herstellen kann.
Wenn ich dann genug Mut habe, fange ich an, mir meine Themen in der Ich-Du-Beziehung, ggf. gemeinsam mit einem Profi, tiefer anzuschauen. So kann das nachreifen oder heilen, was aus nicht adäquaten Beziehungen entstanden ist. Hilfreiche Werkzeuge hierfür sind sowohl Traumatherapien als auch die spirituelle Praxis, sowie Gemeinschaften, die ein gesundes Beziehungsumfeld und eine gesunde Basis für individuelle und inter-personelle Praxis bieten.
Für manche Menschen gilt es jedoch, überhaupt erst einmal anzuerkennen, dass sie traumatisiert sind; dass sie also je nach Abstufung in ihrem Leben etwas überwältigt hat oder sehr schwer zu ertragen war. Indem sie das ernst nehmen, öffnen sie ein Tor für ein Umfeld, in dem Heilung entstehen kann.

Es gibt exzellente psychologische Methoden zur Auflösung von Traumata. Welche Verbindung gibt es zwischen der Mystik und moderner Traumatherapie?
T.H.: Aus Sicht des Mystikers gibt es beim Verständnis von Trauma keinen Unterschied zwischen Mystik und Psychologie. Gerade die neuesten Erkenntnisse der Psychologie zeigen, dass es eine sehr starke Übereinstimmung zwischen Mystik, Energetik und Traumatherapie gibt. Die Mystik spricht von eingefrorener Energie in Raum und Zeit, und es geht, genau wie in der Traumatherapie, darum, diese gefrorenen Areale zu kontaktieren und zu erlösen, also in eine neue Beziehung zu führen, und dadurch die Entwicklung des Menschen wieder in Fluss zu bringen. Moderne Traumatherapie und Mystik wirken synergistisch.
Wenn man sich Traumata stellen möchte, sind Mystik und Psychologie vortreffliche Partner, die sich wechselseitig darin verstärken können, kristallisierte Energie in Bewegung zurückzuführen und die Synchronizität von Körper, Herz und Geist wieder herzustellen.  

Trauma gab es zu allen Zeiten. Warum erachtest du dieses Thema gesamtgesellschaftlich gegenwärtig als besonders relevant?
T.H.: Die ganze Welt erlebt derzeit eine Welle von Aufruhr, Umbruch und Retraumatisierung. Jahrtausende alte Schatten entladen sich. Die Erlösung alter Traumata ist von immenser Bedeutung für die globale gesellschaftliche Weiterentwicklung. Überall dort, - in uns selbst und in der Welt -, wo es uns nicht gelingt, Karma/Trauma zu erlösen, müssen wir erneut durch die Erfahrung hindurch.
Gerade in Deutschland ist es aktuell wesentlich, für traumatische Zusammenhänge bewusst zu sein, weil die vielen Flüchtlingen, z. B aus Syrien, die frisch traumatisiert ins Land kommen, hier auf eine Kultur treffen, die noch dabei ist, den Holocaust und den zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten. Verdrängtes Unbewältigtes wird reaktiviert. Das kann einerseits zu sehr spannungs- und konfliktbeladenen Situationen führen, zugleich liegt darin aber auch eine enorme Heilungschance, weil wir durch diese Aktivierung Zugang bekommen zu der verschütteten kollektiven deutschen Traumatisierung, die durch die Generationen weitergegeben wurde und immer noch in vielen Menschen aktiv ist.
 
Wenn wir einen heilsamen Beitrag in der Welt leisten wollen, sind wir aktuell mehr denn je gefordert, uns sowohl mit individuellen Traumata als auch mit kollektiven Regulationsphänomenen und deren Beziehung zueinander zu beschäftigen. Die transpersonale Dimension unterstützt uns dabei, die Vergangenheit heilsam umzuschreiben. Rationales Wissen und das Schauen auf Symptome bringt uns nicht weiter.
Wir brauchen ein kulturelles Reflexionsfeld, in dem wir uns gegenseitig von der Idee einer idealen Welt „ent-süchtigen“, denn das Aufrechterhalten dieses Ideals führt zur Vermeidung einer tiefen inneren Beziehung zu dem, was wirklich geschieht. Die Transformation von kollektivem Trauma beginnt, wo wir uns individuell allem, was uns in diesem Augenblick begegnet, radikal zur Verfügung stellen können.

Wie sind individuelle und kollektive Traumata miteinander verwoben und welche Verantwortung ergibt sich daraus?
T.H.: Durch die angespannte Weltlage werden wir über die Medien täglich mit Traumatisierung konfrontiert. Doch sehr viele Menschen sind gar nicht in der Lage, das, was sie dort sehen, adäquat zu verarbeiten, weil die Nachrichten auf ihr eigenes gefrorenes Areal treffen.
Wir alle sind in kollektive Traumata hineingeboren, aber wir sind uns dessen nicht bewusst, weil diese Traumata uns geprägt haben und alle Menschen in unserer Kultur darin verbunden sind. Viele Beziehungsgefüge, die wir als gegeben und normal hinnehmen, sind  bei tieferem Hinschauen Schattensymptome.
Anschaulich wird dieses, wenn z.B. jemand bislang vollkommen Unbekanntes in meiner Umgebung auftaucht und in mir selbst erst einmal eine Distanz, ein Fremdheitsgefühl, entsteht. Gelingt es mir, dieses distanzierte Gefühl bewusst als zu mir selbst gehörend anzunehmen, habe ich die Freiheit zu schauen, was als nächstes tatsächlich passiert. Wenn ich dieses Fremdheitsgefühl jedoch gewohnheitsmäßig von mir weg auf den Unbekannten richte und mich mit bekannteren Menschen in meiner Umgebung zusammenschließe, denen das auch so geht, fühlen wir uns als Gesellschaft verbunden - und der Unbekannte wird zu einem Fremden.
So wird die Fremdheit im einzelnen Menschen vor dem Hintergrund jahrtausendealter Traumata und Schmerzen als gesamtgesellschaftliche „Wahrheit“ ins Außen projiziert.
Wenn wir Verantwortung für die Weiterentwicklung und mögliche Erlösung unserer Kultur übernehmen, müssen wir uns fragen, wie es eine Kultur schafft, Traumata wie den Holocaust kollektiv zu verdrängen. Wie machen wir es, dass die ganze, von Massenmorden und Kriegen übrig gebliebene Energie nicht ständig mit uns an unserem Arbeitstisch sitzt? Wie kann man präventiv in Krisensituationen handeln und neue Wege/Instrumente entwickeln, um die Effekte von kollektiver Traumatisierung bereits im Vorfeld zu reduzieren?
Es ist inzwischen vieles bekannt über die Dynamiken, mit denen der einzelne Mensch seine Traumata verdrängt. Aber wir wissen relativ wenig darüber, wie die kollektive Verdrängung funktioniert. Noch weniger wissen wir darüber, wie genau wir an diesen Dynamiken Anteil nehmen. Und es ist schwieriger, diese Dynamiken zu erforschen, weil jeder von uns selbst auch darin lebt.
Man muss sehr bewusst sein, um sich langsam aus diesen Gewohnheiten und Verständigungen herauszuschälen. Aber wenn wir das erforschen, tun sich vollkommen neue Welten auf. Es betrifft uns alle. Und meiner Ansicht nach werden sich viele zukünftige Einsichten in der Psychologie aus dieser neuen Dimension heraus entwickeln.

Was können wir als Einzelne und als Kultur zur Traumaheilung beitragen?
T.H.: In all den traumatischen Schatten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, liegt auf höherer Bewusstseinsebene auch das höchste Potenzial für Transformation.
Die Chance unserer Zeit besteht nicht in der Indifferenz. Gewisse Dinge existieren kollektiv nur weiter, weil sie nicht gesehen werden können. Wir müssen sowohl als Individuen als auch als Kultur lernen, mit einer echten Empfindungsfähigkeit Anteil zu nehmen. Wir müssen hinschauen lernen, wo die meisten Leute heute noch wegschauen oder nur intellektuell hinsehen können, weil es zu schwierig ist.
Wir können uns in der spirituellen Praxis verbinden und sie als Ressource zur Prävention und Bewältigung von Traumata nutzen. Wir können uns um die Auflösung unserer individuellen Traumata kümmern und andere darin unterstützen, ihre Traumata aufzulösen. Wir können tiefgreifende Beziehungs-Kompetenzen ausbilden, um auch starke Emotionen und scheinbar Widersprüchliches in uns beheimaten zu lernen und nicht abzuspalten.
Die Menschen, die schon heute dazu in der Lage sind, hinzuschauen und sich dem Unangenehmen zu stellen, können diesen Mut und diese Lebensverpflichtung für unsere gemeinsame Lebensgrundlage einsetzen und Teil einer transformatorischen Bewegung werden.

Multidisziplinäre Zugänge, gespeist u.a. aus Recht, Soziologie, Bildung, Kunst, Medizin und Spiritualität, können helfen, Traumata zu beleuchten, zu erforschen, zu integrieren und zu heilen. Gemeinsam können wir dafür Verantwortung übernehmen, jenseits der Traumatisierung zu einer Wiederherstellung der natürlichen Bezogenheit und Bewegung zu gelangen. In dieser Wiederherstellung liegt die transformatorische Kraft dafür, traumatische Zyklen zu stoppen und als Menschheit einen echten Lernschritt weiterzugehen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Foto Th. Hübl: Stig Albansson

Das 14. Celebrate Life Festival 2017 findet vom 28. Juli bis 6. August im Hof Oberlethe statt.

Ausführliche Infos bald auf www.celebrate-life.info.


Winter 2017


Dialogische Achtsamkeit in der Psychosynthese - von Kerem Böge

Mentale Gesundheit als einen Prozess des persönlichen Wachstums begreifen - eine empirische Studie von Kerem Böge

Kerem Böge ist Psychologe, Wissenschaftler und Psychosynthese-Therapeut. Neben seiner Tätigkeiten als Lehrtherapeut am Institut für Psychosynthese und Transpersonale Psychologie Köln hat er eine eigene Praxis in Berlin. Weiterhin promoviert er an der Charité Berlin, wo er die erste deutschsprachige Akzeptanz und Commitment Therapie und einen achtsamkeitsbasierten Leitfaden in der psychotherapeutischen Behandlung von psychotischen Störungsbildern entwickelt.

In den letzten Jahren zeichnet sich ein Wandel in der medizinischen wie psychologischen Wissenschaft, hin zu einem personenzentrierten Verständnis von Gesundheit ab. Holistisch-östliche Ansätze, wie Yoga und Achtsamkeit, erlangen hierbei auch innerhalb der westlichen Psychotherapieansätze einen signifikanten Popularitätsschub. Die dialogische Achtsamkeit, nach dem 'Kölner Modell', beschreibt den Prozess eines inneren Dialogs des mentalen Systems und seiner psychologischen, sowie psychosomatischen, Komponenten, aus einer achtsamen Beobachterposition heraus.

„Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen blickt, erwacht.“ (Jung 1968)
Fragt man Patienten in westlichen Ländern nach ihrem therapeutischen Ziel, so ist die Antwort eindeutig: Komplette Genesung. Doch immer mehr Experten lehnen die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab und favorisieren stattdessen einen Paradigmenwechsel hin zu einem Ansatz, der die Fähigkeiten der Anpassung und der Selbstverwaltung des Individuums als Antwort auf Herausforderungen einbezieht, anstatt sich lediglich auf das Erreichen eines ‘Zustands absoluten Wohlergehens’ zu konzentrieren, wie die WHO vorgibt. Gesundheit sollte daher als ein Prozess begriffen werden, in dem die Verständlichkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit schwieriger Situationen zu einer Steigerung der persönlichen Ressourcen, einer eigenen Anpassung und einer Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens führt, von denen sodann eine positive Interaktion zwischen Geist und Körper erwächst.

Achtsamkeit
Gemäß Johnson (Präsidentin der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft), sollte Psychologie, damit auch Psychotherapie, die Möglichkeit in den Fokus rücken, Klienten in ihrer Gesamtheit zu begreifen, welche Geist, Körper, Kultur und Religion verbindet, um den vorherrschenden Dualismus von Geist und Körper aufzuweichen. In der Öffentlichkeit entsteht ein wachsender Bedarf nach ganzheitlichen Ansätzen, die die westlichen Grenzen zu therapeutisch wertvollen östlichen Praktiken öffnen. Um die Verbindung zwischen der Wahrnehmung mentaler Gesundheit und der Anwendung von Achtsamkeit zu verstehen, hilft eine Vertiefung in ihre Definition. In den letzten Jahren sind viele Definitionen der Achtsamkeit entstanden, jede vom jeweils Ausübenden geprägt. Die unterschiedlichen Annahmen zusammenfassend kann Achtsamkeit zunächst als Zustand klaren Bewusstseins beschrieben werden, wobei die Aufmerksamkeit inhaltslos ist. Des Weiteren ist Achtsamkeit eine nicht-wertende Bewusstheit der gegenwärtigen Erfahrungen, die darauf aufbaut, das eigene subjektive Bewusstsein zu erspüren. Wer Achtsamkeit ausübt, kann somit zum bewussten Beobachter des eigenen Bewusstseins werden - zum Meta-Beobachter.

Es wird angenommen, dass man durch ein verändertes Bewusstsein, im Kontext der Achtsamkeit, ein vertieftes Einsichtsvermögen erhält, welches zu einem Zustand von Gelassenheit führt. Dies wird als Qualität eines Bewusstseins definiert, welches sinnliche und kognitive Objekte wahrnimmt, ohne sie mit Bindung oder Abneigung zu betrachten. Zeitgenössische Forschung deutet klar auf die klinisch wertvollen Effekte von achtsamkeitsbasierten Maßnahmen bei der Therapie verschiedener klinischer Störungen, wie Angstzuständen und Depressionen, Essstörungen und Substanzabhängigkeiten hin. Darüber hinaus haben Achtsamkeitsinterventionen auch zu Verbesserungen der physischen und psychologischen Gesundheit, sowie der Gehirn- und Immunfunktionen geführt.

Psychosynthese
Ein Ansatz, der dafür bekannt ist westliche, traditionelle Techniken wie Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und Jung‘sche Analyse mit östlichen achtsamkeitsorientierten Ansätzen zu verbinden, ist die Psychosynthese. Die Psychosynthese basiert auf einem transpersonalen Psychologieverständnis, welches Körper, Seele, Gefühle und Verhalten einer Person einbezieht und in eine ausgewogene Synthese integriert. Gleichzeitig werden physische, emotionale, mentale und essenziell menschliche Dimensionen mit einbezogen. Transpersonale Psychologie wie die Psychosynthese versteht das ‘Selbst’ als eine Kontrollinstanz des menschlichen Lebens, während das ‘Ich’ die Reflexion des eigenen vollen Potentials ist. Das ‘Ich’ ist somit ein innerer Ruhepunkt, welcher als das wahre Selbst erfahren wird. Folglich kann das ‘Ich’ als das volle Potential des ‘Selbst’ verstanden werden. Diese Beziehung wurde von Neumann als ‘Ich-Selbst-Achse’ beschrieben. Daher gilt ein bewusster und anhaltender Zugriff des ‘Ichs’ auf das ‘Selbst’ als der entscheidende Schritt im psychosynthetischen Verständnis des Heilungsprozesses. Um eine Synthese, dem ganzheitlichen Verständnis des Menschen folgend, zu erreichen, werden weitere therapeutische Maßnahmen genutzt um diesen Integrationsprozess zu erzielen. Dies ist der Kern des potentialerweiternden Ansatzes der Psychosynthese - die Entwicklung einer authentischen Persönlichkeit, die aus den inneren seelischen Stärken erwächst.

Aktuelle empirische Studie
Eine erste empirische Studie über die Psychosynthese nach dem 'Kölner Modell' konnte 2015 die Effizienz von Psychosynthese und deren Effekt auf psychopathologische Symptome nachweisen. Als entscheidender therapeutischer Wirkfaktor konnte bei den Teilnehmern eine Bewusstseinsveränderung gemessen werden, die den Schritt von Fremd- zu Selbstbestimmung hervorhebt. Weitere einzigartige und maßgebliche Merkmale der Psychosynthese sind die ganzheitliche Anthropologie, ihr Gebrauch der Achtsamkeit, ihr erfahrungsorientierter Ansatz und ihre Förderung transpersonaler Einsichten.
Die diesem Artikel zugrundeliegende Studie war die erste ihrer Art, die dialogische Achtsamkeit in der Psychosynthese Therapie zur Arbeit mit elterlicher Introjektion nutzte. Ziel war es ihre Wirksamkeit zur Verringerung von psychopathologischen Symptomen und zur Steigerung von Achtsamkeitsfertigkeiten von Teilnehmern zu testen. Hierzu wurden Teilnehmer während zwei Psychosynthesekursen mit dem Titel "Das innere Kind und die Heilung der Selbstliebe" begleitet, welche vom Institut für Psychosynthese und Transpersonale Psychologie angeboten wurden.

Dialogische Achtsamkeit
Die Grundlagen für den Kurs liefert Jungs Archetyp des ‘göttlichen Kindes’, das als Verkörperung des Individuationsprozesses und des künftigen Potentials eines Menschen verstanden wird.
Hauptziel des Kurses ist das Erwecken von ‘dialogischer Achtsamkeit’, worunter der Prozess eines inneren Dialogs mit dem mentalen System und seinen psychologischen Bestandteilen, von einer achtsamen Beobachterposition aus - dem Zentrum - verstanden wird. Die Kernaussage ist, dass das ‘Ich’ in einem konstanten Dialog mit den mannigfaltigen Reizen und Signalen des Lebens steht, um sich von Identifikationen loszusagen und ein achtsames Bewusstsein zu entwickeln, welches die Entwicklung eines tiefgreifenden Verständnisses der persönlichen Identität ermöglicht. Hierzu wurden die folgenden fünf Schritte für die Arbeit mit von den Eltern übernommenen Einstellungen definiert.

Achtsames Beobachten
Durch eine geleitete Imagination wird der Klient dazu befähigt, einen Zustand erhöhter Wachsamkeit und Präsenz zu erreichen, in dem Signale des Körpers besser wahrgenommen werden können und ein klarerer Sinn für die innere Wahrnehmung entsteht.

 

Elterliche Introjektion bemerken
Ein achtsamer Bewusstseinszustand ermöglicht Klienten sich der Introjektion bewusst werden. In der Psychoanalyse versteht man unter Introjektion einen Prozess - im Gegensatz zu einem Identifikationsprozess - in dem Verhaltensweisen, Attribute und Fragmente der Umwelt reproduziert und übernommen werden. Die verbreitetsten und wohl schwierigsten Introjektionsmuster entstammen der Kindheit, in der bestimmte Aspekte des elterlichen Verhaltens in die Persönlichkeit übernommen werden, was das eigene Selbstverständnis renitent bestimmt und bestehende Möglichkeiten unwirksam macht. Sich dieser elterlichen Introjektion bewusst zu werden, kann somit als Disidentifikationsprozess beschrieben werden, der durch das Erfühlen der schädlichen psychischen Energie und des Wertesystems erreicht wird. Anschließend kann der Klient sich von der darunterliegenden Introjektion lösen, die persönliches Wachstum und Selbstbestimmung gehemmt hat.

Wahrnehmung des eigenen Selbst
Nach dem Begründer der Psychosynthese, Assagioli, werden wir durch alles was mit unserem Selbst identifiziert ist dominiert. Wir wiederum können alles beherrschen von dem wir uns gelöst haben. Die Konzepte Kontrolle und Beherrschung sind nicht als Machterfahrung zu verstehen, sondern vielmehr als ein Gefühl von Inhaltsleere, Disidentifikation oder Entbindung. Sich dessen bewusst zu werden, mit etwas bewusst identifiziert zu sein und gleichzeitig zu entscheiden mit welchem Inhalt, ist der bedeutendste Ich-stärkende, therapeutische Effekt, im Gegensatz zur achtsamkeitsbasierten Meditation. Daher ist die pure Wahrnehmung von ‘Ich’ oder ‘Selbst’ eine konstante Identifikation mit inhaltsleerer Achtsamkeit (reinem Bewusstsein) und Willen. Während dieses Prozesses ermöglicht die Lösung von der gestörten elterlichen Introjektion die Chance, mit dem eigenen inneren Kind in Kontakt zu kommen.

Dialog
Von einem losgelösten Blickpunkt aus, dem Zentrum, kann der Klient direkte Fragen an die psychische Energie, die unter der schädigenden Introjektion liegt, richten. Dieser Prozess führt zu einer Offenlegung der angewachsenen Macht der Introjektion und folglich zu einer Enthüllung ihres wahren Sinnes, nämlich Fremdbestimmtheit. Durch das Erfühlen schmerzhafter Emotionen, die von diesen gestörten Wertevorstellungen herrühren, wird deren schädliche Energie entmachtet. 

Inneres Wachstum
Dieser wiederholte und bewusste Prozess der Interaktion zwischen ‘Ich’, ‘Selbst’, innerem Kind und der Energie der Introjektion, bestärkt die eigene persönliche Identität und lässt eine gesunde und ergiebige Brücke zwischen ‘Ich’ und ‘Selbst’ (Ich-Selbst-Achse) erwachsen. So kann der Klient einen bedeutsamen Schritt von Fremdbestimmtheit zur Eigenständigkeit bestreiten.

Ergebnisse
Die Resultate der Studie konnten einen bedeutenden Anstieg der Achtsamkeitsfähigkeiten von Kursbeginn bis Kursende messen. Außerdem konnten die Ergebnisse einer vorherigen Studie erfolgreich bestätigt werden, indem eine große Bandbreite an psychopathologischen Symptomen (Depression, Angst, Aggression, etc.) von Kursbeginn bis Kursende abnahm. Entscheidend hierbei ist, dass der Anstieg an Achtsamkeitsfähigkeiten mit der Verringerung der psychopathologischen Symptome korreliert. Dies veranschaulicht den therapeutischen Effekt des Kurses, welcher auch drei Wochen nach Kursende stabil blieb und somit einen langanhaltenden therapeutischen Effekt nachweist.

Schlussfolgerungen
Als mögliche Erklärung gelten die wiederholten Übungen, die den Disidentifikationsprozess von elterlicher Introjektion unterstützen, wodurch die Teilnehmer ein Gefühl der Entbindung von schädigenden psychischen Energien erfahren. Indem der Klient aus dieser Erfahrung heraus seinen Problemen achtsame Aufmerksamkeit widmet, kann ein vertieftes Verständnis des ‘Selbst’ und der persönlichen Identität, zu einer besseren Wahrnehmung des Selbstbewusstseins führen, was zu erhöhten Selbst-regulierenden Prozessen führt. Somit führt dialogische Achtsamkeit, in steter Ausübung, zu einem veränderten Selbst-Wahrnehmungszustand, der zum ultimativen therapeutischen Ziel, innerem Wachstum, führt. Dialogische Achtsamkeit strebt im Kontext des Kurses einen fruchtbaren Austausch mit dem inneren Kind an. Die Klienten ziehen bildlich gesprochen ihr inneres Kind groß, was Selbstliebe und einen Individualisierungsprozess veranschaulicht. Die anhaltende achtsame Interaktion mit dem eigenen Inneren führt zu einem fortschreitenden Erwachungsprozess, der einen essenziellen Anteil der Selbsttherapie darstellt. Dank des Fokus auf die eigenen, naturgegebenen Stärken (Ressourcen) der Psychosynthese ermöglicht dieser konstante Dialog mit dem inneren Kind auch nach Kursende fortlaufende Reifung und selbst-regulative Prozesse.

Infos zur Arbeit des Kölner Institutes für Psychosynthese, deren Leiter Harald Reinhardt und Birgit Haus regelmäßig hier in der Region tätig sind: http://psychosyntheseinstitut.de. Im Februar 2017 findet ein neuer Kurs "Das innere Kind und die Heilung der Selbstliebe" im Kunze-Hof in Seefeld statt. Siehe unter Veranstaltungen.


Aufruf der Hopi – Indianer an die Menschheit

Wir befinden uns in einem reißenden kosmischen Fluss.
Dieser ist so stark und mächtig,
dass ihn viele Menschen fürchten werden.
Sie werden versuchen, sich am Ufer festzuhalten.
Sie werden auch das Gefühl haben,
auseinander gerissen zu werden und
werden aus diesem Grund auch sehr leiden.

Wisse, dass der Fluss seine Absicht und sein Ziel hat.
Die Weisen der Hopi-Indianer rufen dazu auf, sich vom Ufer loszulösen
und in die Mitte des Flusses reißen zu lassen.
Wir sollen unsere Häupter über dem Wasser halten,
um den Blick für jene freizuhalten, die wie wir selbst
mit Vertrauen und Freude im Flusse treiben.

In dieser Zeit sollten wir nichts persönlich nehmen
und auf uns alleine beziehen. Tun wir das dennoch,
beginnen unsere spirituelle Reise und unser Wachstum zu blockieren.
Die Zeit des einsamen Wolfes ist vorbei.
Orientiert euch an der Gemeinschaft, an den Mitmenschen.
Streichen wir doch das Wort ‚Kampf’ aus unserem Vokabular,
aus unserem Bewusstsein.

Alles, was wir im Alltag machen,
sollte als heiliger Akt betrachtet werden.
Suche keinen Führer abseits deiner selbst.
Gewinne deine eigene Kraft zurück
und erhalte sie für deine Entwicklung.

Es gibt keine Landkarten mehr,
keine Glaubensbekenntnisse und keine Philosophien.
Von jetzt kommen die Anweisungen geradewegs aus dem Universum.
Der Plan wird offenbar, Millisekunde auf Millisekunde,
unsichtbar, intuitiv, spontan, liebevoll.
Gehe in deine Zelle und deine Zelle wird dich alles lehren,
was es zu wissen gibt.