Spiritualität 2016


Sommer 2016


Meditation für New Yorks Problemkinder

Autorin: Valerie Prassl
 
Der Zen-Meister Gregory Snyder leitet seit vier Jahren in einer der ärmsten Gegenden New Yorks das ‚Awake Youth Project’, ein Meditationsprogramm für problembeladene Jugendliche.

Valerie Prassl: Wie kam es zum ‚Awake Youth Project'?
Gregory Snyder: Ich habe zuerst Achtsamkeitskurse an Colleges abgehalten, die Jugendlichen aus unterprivilegierten Nachbarschaften in Brooklyn helfen sollten, ihren Übertritt an Universitäten zu schaffen. Diese Jugendlichen kamen größtenteils aus Familien ohne Bildungshintergrund. Ich habe Workshops abgehalten, um ihnen zu zeigen, wie man Stress bewältigt.

Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?
Zuerst einmal hat ein College bei uns im Zen-Zentrum angerufen und gefragt, ob wir meinten, dass die Zen-Meditation den Schülern helfen könnte, mit ihren Problemen besser umzugehen. Wir haben ihnen daraufhin Meditationskurse angeboten, die von den Jugendlichen hervorragend angenommen wurden. Dieses Programm hat sich dann herumgesprochen. So hat die Arbeit mit der Non-Profit-Organisation ‚Brooklyn College Community Partnership' begonnen, die mit ungefähr 1.500 Kindern aus unterprivilegierten Nachbarschaften zusammenarbeitet. Die Kinder kommen aus fünf verschiedenen High-Schools, die alle unterfinanziert sind, in denen Gewalt auf der Tagesordnung steht und Polizeibeamte in den Schulgängen präsent sind. Aufgrund der enormen disziplinären Probleme baten sie um Hilfe.

Wie haben Sie das Programm gestaltet?
Wir haben erst vierwöchige Workshops für Schüler und Studenten auf freiwilliger Basis abgehalten. Mir wurde im Vorhinein gesagt, es sei schwierig, die Aufmerksamkeit dieser Kinder für nur 20 Minuten zu bekommen. Doch meine Erfahrung ist, dass sie für zweistündige Workshops bleiben und sich die gesamte Zeit über konzentrieren. Deshalb haben wir vor drei Jahren mit den wöchentlichen Meditationsgruppen angefangen. Zuerst nur mit fünf Schülern, die regelmäßig zu uns ins Zentrum kamen. Ihnen haben wir dann auch beigebracht, selbst Meditationen zu leiten, um noch mehr Schüler mit der Meditationspraxis zu erreichen. Heute bieten wir hier im Brooklyn Zen Center zweimal wöchentlich, dienstags und donnerstags, Meditationskurse für High-School-Schüler an.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass sich offizielle Stellen an ein Zen-Zentrum wenden?
Wir arbeiten mittlerweile sogar mit dem New Yorker Bildungsministerium zusammen, nächste Woche halten wir einen Achtsamkeitskurs für Lehrer ab. Das war in der Tat nicht vorauszusehen, weil das New Yorker Bildungsamt eher konservativ ist. Allerdings ist Meditation mittlerweile relativ gut erforscht und das ist allgemein bekannt, daher wird sie angenommen. Außerdem ist die Verzweiflung über diese enormen Probleme in Brooklyns Schulen einfach zu groß. Es wird dringend nach Lösungen gesucht für diese unglaublichen disziplinären Schwierigkeiten. Daher sind viele Schulen offen, Neues zu versuchen. Was auch immer funktionieren könnte, wir tun, was wir können.

Was sind die Probleme der Jugendlichen in Ihrem Programm?
Die Probleme sind vielfältig: die schwierigen sozioökonomischen Umstände, in denen sie aufwachsen, und die Armut, in der sie leben. Die meisten kommen aus Familien ohne finanzielle Mittel, viele mit einem alleinerziehenden Elternteil, der oft mehrere Jobs hat und daher wenig Zeit, um für die Kinder zu sorgen. Viele Jugendliche, mit denen wir arbeiten, müssen auch noch ihre jüngeren Geschwister großziehen. Sie haben in ihrem jungen Leben schon enorm viel Stress und befinden sich in einem Umfeld, auch in der Schule, in dem sie sich nicht sicher fühlen, vor allem emotional. Ein Schüler hat zum Beispiel mehrere Brüder wegen Alkoholismus verloren und auch die Mutter ist alkoholkrank. Meiner Meinung nach sind das alles Auswirkungen von Armut. Wenn Sie mich fragen, was ihr größtes Problem ist: Sie haben kein Geld. 

Wie stellen Sie Fortschritte durch Meditation und Achtsamkeit im Leben der Schüler fest?
Die wöchentlichen Meditationen funktionieren gut. Ich könnte Ihnen viele Geschichten erzählen von Jugendlichen, die begonnen haben zu praktizieren und danach ihr Verhalten änderten. Eine Schülerin, die zu der Zeit auf Bewährung war, kam einmal in die Meditationsgruppe. Die Woche darauf kam sie wieder und erzählte von einer Erfahrung: Sie wäre beinahe in eine Schlägerei geraten, aber dann hat sie getan, was sie in der Sitzung gelernt hatte. Sie ist in diesem Moment ruhig geblieben und hat sich auf ihren Atem konzentriert und sich bewusst gegen die Gewalt entschieden. Viele Mädchen kommen in unser Projekt mit dem Gedanken, das Höchste, was sie je beruflich erreichen könnten, wäre, als Krankenschwester zu arbeiten, denn das sagen ihnen ihre Eltern. Ein Mädchen, das an unserem Programm teilnahm, macht heute eine Ausbildung zur Psychotherapeutin, eine andere zur Ärztin und eine studiert Soziologie. Sie machen diese Entwicklung, weil sie gelernt haben, ihre eigene Geschichte zu hinterfragen.

Wie kommt es durch Meditation zu diesen Veränderungen?
Die Jugendlichen bekommen durch Meditation die Möglichkeit, emotionales Bewusstsein an einem sehr frühen Zeitpunkt im Leben zu entwickeln. Die Freiheit beginnt, wenn man von seinen Gedanken ablässt und sich auf den Atem konzentriert. Teenager sehen ihre Gedanken nicht als unbewussten Antreiber, aber wenn sie das lernen, dann verändert sich etwas an ihrem Verhalten. Eine Sache, die fast alle von ihnen als Erstes realisieren, ist, dass sie andauernd über andere urteilen, und das machen sie auch bei sich selbst. In unseren Gedanken ist so viel Kritik, dass es manchmal schwer ist, authentisch zu sein.

Wir alle kennen Widerstände in der Meditation. Sind diese bei den Teenagern stärker ausgeprägt?
Sie lachen eindeutig mehr und machen blöde Witze. Es ist schwer für sie, zur Ruhe zu kommen, wenn der Rücken schmerzt. Die meisten Widerstände sind jedoch dieselben wie bei Erwachsenen. Die Jungen haben aber oft weniger Durchhaltevermögen. Obwohl, ich kenne auch 16-Jährige, die drei- bis viertägige Retreats mitmachen und sie problemlos durchhalten. Danach erzählen manche, dass sie durch die Straßen gehen und das Gefühl haben, in einer anderen Stadt zu sein als zuvor. Ich denke, dass Meditation für Jugendliche eher weniger spirituellen Kontext hat, das kommt erst später. In der Jugend ist Spiritualität meist noch keine essenzielle Frage.

Was kann man mit dem ‚Awake Youth Project' erreichen?
Die Achtsamkeit wird zur Lebenseinstellung. Zwei Aspekte stehen bei dem ‚Awake Youth Project' im Fokus, wenn es um den achtsamen Umgang mit Emotionen geht: zu lernen, die Ruhe zu bewahren und nicht überzureagieren, egal, was um einen herum geschieht. Ein weiterer Aspekt ist, sich seiner Gedanken bewusst zu werden und folglich seines eigenen Verhaltens. Jemand sagt etwas zu dir, was schmerzvoll ist. Achte auf den Schmerz, achte auf deine mentale Reaktion. In diesem Moment reimt man sich eine innere Geschichte zusammen und rechtfertigt die eigene Reaktion. Wie bei einem Marathonläufer, der seinen Körper trainieren muss, um schneller zu werden, müssen die Teenager die physische Praxis, das Sitzen, durchhalten, um mit ihren Emotionen umgehen zu lernen.

Wie ist der praktische Ablauf des ‚Awake Youth Project'?
In den ersten sechs bis zehn Wochen lehre ich die Grundlagen der Meditation, danach involviere ich mich weniger. In einem Teil der Sitzungen darf über alles gesprochen werden. So lernen die Schüler, mit ihren Emotionen zu arbeiten, und werden sich bewusst, woher ihre Gedanken kommen. Wenn sie es schaffen, einen Schritt zurückzutreten und ihre Gedanken wie ein Objekt zu betrachten, haben sie ihr Ziel erreicht, denn das wird zu ihrer Lebenseinstellung.      

Wie regelmäßig meditieren die Teenager?
Das ist unterschiedlich, von ein- bis dreimal wöchentlich. Ich ermutige sie allerdings, sich täglich mindestens fünf Minuten auf ihren Atem zu konzentrieren. Bei manchen funktioniert dies gut, bei anderen weniger. Es sind schließlich Teenager ...

Wie ist die Erstreaktion der Schüler auf Sie und das Programm?
Erst letzte Woche habe ich eine neue Schule dazubekommen, dort sind alle schon informierter darüber, was Meditation ist. Mehr, als es die meisten waren, als wir vor vier Jahren das Programm gestartet haben. Meditation gehört mittlerweile zur Populärkultur. Die Jungen können heute schon mehr mit dem Begriff anfangen. Das Programm ist auf freiwilliger Basis, diejenigen, die nichts mit Meditation zu tun haben wollen, die sehe ich sowieso nicht.

Gibt es auch negative Reaktionen?
Ich habe einmal einen jungen Mann kennengelernt, der richtig zornig auf die Meditation reagiert hat. Er war emotional nicht bereit und hat die Sitzung verlassen. Ein Jahr später kam er wieder und hat regelmäßig teilgenommen. Viele meiner Schüler kommen aus afroamerikanischen oder afrokaribischen ethnischen Hintergründen, aber auch aus weißen Arbeiterfamilien. In diesem Umfeld hier in New York gibt es große soziale Gewalt. Einmal sagte ein Schüler zu mir: „Wie soll ich ruhig bleiben, wenn ich sehe, wie mein Stiefvater meine Mutter verprügelt?" Das sind echte Lebensfragen.

Wie reagieren Sie auf eine solche Aussage?
Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm nicht einfach raten könne, er solle sich nicht körperlich zwischen den Gewalttäter und sein Opfer stellen, aber, dass er sehr viel geschickter intervenieren könne, wenn er es nicht aus Ärger tut.

Wie geht es für die Teenager nach Beendigung des ‚Awake Youth Project' weiter? Integrieren sie später die Meditation auch in ihr Erwachsenenleben?
Sobald sie aufs College gehen, praktizieren sie im Normalfall weniger. Es ist natürlich ein zeitlicher Aufwand, soziale Kontakte sind ihnen wichtiger. Einer meiner ehemaligen Schüler erzählte mir, dass er vor allem dann wieder auf Meditation zurückgreift, wenn er unter Prüfungsstress steht. Meditation ist ihm nun als Möglichkeit gegeben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass die Jungen die Gewohnheit entwickeln, sich von ihren Denkmustern und ihrem Leid zu befreien. Das braucht Zeit, bei manchen geht es schneller, bei manchen dauert es Jahre. Momentan arbeiten wir an der Kooperation mit lokalen Restaurants, Zen hat eine starke Verbundenheit mit bewusstem Kochen und Essen. Wir arbeiten daran, dass die Jugendlichen nach ihrer Zen-Praxis in Restaurants als Köche arbeiten können.

Gregory Snyder ist buddhistischer Zen-Mönch, Gründer und Geschäftsführer des ‚Brooklyn Zen Center' und leitet das ‚Awake Youth Project'. Er war zuvor im sozialen Dienstleistungssektor tätig. Nach seinem Post-Graduate-Studium in Human Rights an der Columbia University war er für das ‚Center for International Conflict Resolution' tätig, wo er an Trainingsprogrammen gegen Gewalt und für Prävention von Völkermord arbeitete.

Dieses Interview wurde uns freundlicherweise von der Zeitschrift Ursache & Wirkung zur Verfügung gestellt.
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Kann Glaube und Hoffnung heilen?

Autorin: Theresia de Jong

„Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7,7)

Heilung ist ein großes Wort. Es impliziert, dass etwas heil, ganz und gesund ist. Vielleicht sogar ein wenig heilig. Denn auch dies ist im Wortstamm ein enger Verwandter der Heilung. Es bedeutet etymologisch so viel wie: heil, zugehörig, der Gottheit gehörig, ihr geweiht. Nun hat im heutigen Gesundheitswesen Gott keine Priorität geschweige denn eine kassenrechtliche Abrechungsnummer. Und doch: ganz verschwunden ist er auch nicht. Besonders wenn wir mit schwierigen Diagnosen konfrontiert werden, mit Krankheitsbildern, die tödlich enden können, dann schleicht sich das Göttliche, das Unbennbare, Numiose häufig ganz leise durch die Hintertür wieder mitten ins Geschehen. Wurde Gottes Sohn nicht auch „Heiland“ genannt? Der, der heil und ganz macht. Nicht nur seelisch, sondern – wollen wir den zahlreichen Berichten in der Bibel Glauben schenken – auch sehr konkret im Körperlichen. Blinde konnten wieder sehen, Lahme wieder gehen und sogar Tote kehrten ins Reich der Lebenden zurück.

Kurz bevor Jesus unsere Erde körperlich verließ, gab er seinen Jüngern einige Aufgaben mit auf den Weg. Eine davon war tatsächlich auch das Heilen. Pfarrer Dr. Wolfgang Bittner, Beauftragter für Spiritualität der Ev. Landeskirche Berlin-Brandenburg-Oberlausitz sprach auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin die erstaunlichen Worte:  “Es gibt nicht nur die Aussendung zur Verkündung, sondern auch zur Heilung. Im Glauben öffnen wir uns der Gegenwart Gottes. Glaube ist kein Mittel, sondern ein Weg. Die Kirche hat sich aus der Heilung zurückgezogen und den Naturwissenschaftlern und Medizinern überlassen, zu beider Schaden. Es ist jedoch so, dass nicht nur das, was messbar ist, zur Schöpfung gehört, sondern auch das Nichtmessbare. Wir sollten uns der Frage stellen, was passieren muss, damit unsere Kirche wieder heilen lernt.“ Oder soll die Medizin womöglich lernen, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen und ins Heilgeschehen zu integrieren? Oder sollen beide sich vielleicht die Hände reichen und gemeinsam Körper, Geist und Seele in die Ganzheit und zur Heilung führen? 

In den USA geht man gerne pragmatisch vor. Wenn etwas funktioniert, dann wird es auch angewandt, ohne Rücksichten auf eventuelle Empfindsamkeiten rein traditioneller Natur. Nun hat sich in mehr als 1200 Studien herausgestellt, dass Gläubige insgesamt gesünder sind als ihre spirituell ahnungslosen Mitmenschen. Erkranken Gläubige doch einmal, so genesen sie schneller und ohne größere Komplikationen. Sie kommen mit weniger Schmerzmitteln aus, sind weniger oft im Krankenhaus, haben einen niedrigeren Blutdruck und scheinen besser vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt zu sein. Sie reagieren darüber hinaus auf belastende Lebensereignisse und Krankenhausaufenthalte weniger häufig mit Depressionen. Wenn sie dennoch einmal depressiv werden, erholen sie sich meist schneller. Patienten, die glauben und beten waren nach Operationen schneller wieder auf den Beinen. Menschen, die regelmäßig einer spirituellen Praxis nachgehen, verfügen offenbar über ein stärkeres Immunsystem. Sie haben signifikant niedrigere Blutwerte von Interleukin-6, das bei chronischem Stress erhöht ist und Zeichen eines geschwächten Immunsystems ist. Ein geschwächtes Immunsystem wiederum ist bekanntlich ein wichtiger Faktor bei zahlreichen Erkrankungen angefangen bei einfachen (immer wiederkehrenden) Infekten bis hin zu schwerwiegenden Krankheitsbildern. Die gesundheitsrelevanten Unterschiede zwischen Menschen, die sich in irgendeiner Weise spirituell rückverbinden und solchen, die das nicht tun, ist ähnlich wie der zwischen Nichtrauchern und Rauchern.

Das Vertrauen der Menschen in die Schulmedizin sinkt zunehmend. Wie eine repräsentative Emnid-Umfrage ermittelte, ziehen 80 Prozent der Deutschen Naturheilmittel chemischen Medikamenten vor. Doch nicht nur das: Immer mehr Menschen glauben, dass die spirituelle Dimension in einer Krankheit wichtig ist. „Die Menschen haben genug davon, als mechanisches Zufallsprodukt der Evolution behandelt zu werden, wenn sie sich ihres fühlenden und verstehenden Wesens innewerden“, meint Psychiater Jakob Bösch. Neueste Untersuchungen bestätigen das. Der Arzt Arndt Büssing, tätig am Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin der Universität Witten/Herdecke, hat zusammen mit seinen Kollegen Thomas Ostermann und Peter F. Matthiesen 112 Krebspatienten und 57 an multipler Sklerose leidende Menschen danach befragt, welche Rolle Spiritualität und Religion bei ihrer Krankheitsbewältigung spielen. Dabei stellte sich heraus, so Büssing, dass die meisten Patienten „sowohl Vertrauen in eine höhere Macht haben, die sie trägt, als auch in ihre innere Stärke. Und sie erleben ihre Krankheit als Hinweis, etwas in ihrem Leben ändern zu müssen.“ 70 Prozent nehmen die Krankheit als Anstoß, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, 65 Prozent sehen sie als Chance für die innere Weiterentwicklung. Knapp 40 Prozent sind der Überzeugung, dass sie mithilfe spiritueller Quellen ihre Krankheit günstig beeinflussen können. Wenig überraschend ist, dass Frauen in ihrer Krankheit häufiger eine Chance für ihre innere Entwicklung sehen als erkrankte Männer. Diese beschäftigen sich auch deutlich weniger mit spirituellen oder religiösen Fragen. Soziodemografisch ließ sich feststellen: Je höher die Schulbildung, umso stärker die Bereitschaft, spirituelle Quellen für die Krankheitsbewältigung zu nutzen.

„Wenn Spiritualität ein Medikament wäre, wäre es längst zugelassen, denn sie wirkt“, meint Ellis Huber, von 1987 bis 1999 Präsident der Berliner Ärztekammer. Auch der Psychologe Nikola Kohls kommt in seiner Doktorarbeit über die Wirkung von Spiritualität auf die Gesundheit zu dem eindeutigen Schluss: Wer Religion und Spiritualität gegenüber abgeneigt ist, hat ein gesundheitlich höheres Risiko als ein gläubiger Mensch. Denn der Nichtgläubige verfügt über weniger Möglichkeiten, mit schwierigen Erfahrungen und Schicksalsschlägen umzugehen.

Soll also Spiritualität in Zukunft ärztlich verordnet werden? Das hätte wohl wenig Aussicht auf Erfolg, denn Heilung lässt sich auch auf spirituellem Weg nicht herbeizwingen. Möglicherweise liegt gerade in der Absichtslosigkeit einer spirituellen Übung der Schlüssel zum Erfolg. Der Psychologe Michael Utsch, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche, gibt zu bedenken, dass Meditationsforscher – sowohl christlicher als auch buddhistischer Tradition – übereinstimmend zu dem paradoxen Befund gekommen sind, dass die Heilwirkung der Meditation gerade dann besonders groß ist, wenn sie weder zielgerichtet noch funktional eingesetzt wird: „Gesundheit und Entspannung treten demnach nur als indirekte Nebeneffekte ein.“ Eine Einschätzung, die auch vom amerikanischen Verhaltensmediziner Jon Kabat-Zinn seit Jahren vertreten wird: „Wir meditieren nicht, um Schmerzen, Krankheit oder Probleme zu beseitigen. Der beste Weg, in der Meditation Ziele zu erreichen, ist, diese loszulassen. Es geht nicht darum, irgendetwas zu erreichen. Die Entspannung entsteht als Nebenprodukt regelmäßiger Übung, sie ist nicht das Ziel.“ Utsch verweist darauf, dass dieser Ansatz vergleichbar sei mit dem christlichen Bekenntnis: Dein Wille geschehe. „Nur wer loslassen und sein Schicksal vertrauensvoll in die Hand Gottes oder einer anderen höheren Macht legen kann, profitiert von der gesundheitsförderlichen Kraft des Glaubens.“

Andererseits gibt es in den USA ermutigende Ansätze, die zeigen, dass sich spirituelle Konzepte mit der Schulmedizin durchaus verknüpfen lassen. Immer mehr Universitätskliniken eröffnen so genannte mind/body-Abteilungen – allen voran die renommierte Harvard Universität –, wo spirituelle Praxis mit medizinischer Therapie Hand in Hand geht. Am Columbia Presbyterian Hospital in New York – einem führenden Zentrum in der Herzchirurgie – werden die Patienten vor und nach einer Operation mit Meditation, Musiktherapie, Yoga und Tai-Chi begleitet: Drei Viertel der medizinischen Hochschulen in den Staaten bieten Kurse in Komplementärmedizin an; an den meisten Krankenpflegeschulen wird zum Beispiel Therapeutic Touch, eine systematische Form des geistigen Heilens gelehrt. In Deutschland gibt es zwar auch eine steigende Anzahl von Ärzten und besonders Krankenschwestern, die privat spirituelle (Heil)Ausbildungen absolvieren. Allerdings wenden sie dieses Wissen meist aus Angst vor Sanktionen der Klinikleitungen nicht offen an.

Zwischen den naturwissenschaftlich ausgerichteten Wissenschaften, zu denen sich auch die Medizin zählt, und den ganzheitlich ausgerichteten Bemühungen, spirituelle Bereiche wieder zu etablieren, klafft ein Graben des gegenseitigen Misstrauens. Zu Unrecht, wie Harald Walach von der Universität Freiburg meint. Im Altertum, bei den Griechen, Ägyptern und fast allen anderen Hochkulturen, war die geistige Dimension stets ein wesentlicher Faktor bei der Heilung von Krankheiten. Als Scharlatane wurden damals die Heiler tituliert, die sich lediglich den körperlichen Beschwerden widmeten und zur geistigen Dimension keinen Zugang hatten.

Im Verlauf der Aufklärung begann sich die Wissenschaft von der zur damaligen Zeit doktrinären kirchlichen Lehrmeinung zu lösen, die im geistigen Bereich eine Monopolstellung innehatte und diese auch mit allen Mitteln der Macht verteidigte. Es war in diesem Zusammenhang für die Freiheit der Forschung fast eine Notwendigkeit, spirituelle Gedanken außen vor zu lassen. Die Wissenschaft – und damit auch die Medizin – in ihrem Bestreben, die materielle Welt zu durchschauen und zu erklären, hat sich in der Folge völlig von geistigen Einflüssen entfernt. Diese galten als suspekt, unbeweisbar und daher unbrauchbar, die Welt zu erklären. Inzwischen kommt jedoch gerade die moderne Physik zu ähnlichen Erkenntnissen, wie sie in den meisten alten spirituellen Lehren anzutreffen sind.

Die große Rolle, die Gesundheit für den modernen Menschen spielt, hat sicherlich auch damit zu tun, dass metaphysische und spirituelle Dimensionen in den offiziellen modernen, aufgeklärten Weltbildern weitgehend abhanden gekommen sind. Insofern hat der Mensch keine andere Sicherheit mehr für seine Existenz als einen gesunden Körper und eine stabile Psyche. „Gesundheit, vor allem der Versuch, diese zu ‚erlangen‘ und ‚aufrechtzuerhalten‘ ist zur postmodernen Ersatzreligion geworden, und es ist ein Kampf gegen die Uhr des Lebens, der nicht zu gewinnen ist“, analysiert Nikola Kohls. Ein Zusammenrücken von körperlich orientierter Medizin und metaphysischer Ausrichtung könnte also beiden Seiten zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

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Frühling 2016


Spirituelle Kompetenz

Autor: Thomas Hübl

Hohes Bewusstsein krisensicherer machen - Herausforderungen kreativ begegnen

„Die Verinnerlichung unserer spirituellen Praxis und Verkörperung höheren Bewusstseins zeigt sich nicht in der experimentellen Blase von Retreat-Centern, sondern in herausfordernden Lebenssituationen, auf dem Marktplatz, beim Einsatz in Krisengebieten, in der Konfrontation mit Armut, Krankheit und Konflikten.“

Höhere Perspektiven, höhere Zustände und höhere Strukturen im Bewusstsein können – das kennen wir alle - in belastenden persönlichen oder inter-personellen Situationen sehr leicht wieder zerfallen. Passiert dies einem einzelnen Menschen in einem stabilisierenden Umfeld, kann sich die Situation schnell wieder normalisieren.

Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein kollektiver höherer Zustand in einer extremen kulturellen Situation halten lässt, beispielsweise wenn die globale Erderwärmung zu einer Massenmigration führt und sich viele Menschen existenziell bedroht fühlen? Ich glaube, dass wir in einer derart unsicheren Situation gewisse Gedanken, die wir heute für normal halten, nicht einmal mehr denken können. Sie existieren dann einfach nicht mehr. Wenn unser Bewusstseinslevel auf frühere Stufen regrediert, die stabiler sind, weil sie schon viel länger existieren, sind wir nicht einmal mehr fähig, Einsichten zu haben, die wir vormals bereits hatten. Und: Kann eine Kultur die Regression Einzelner oder kleinerer Gruppen nicht mehr abpuffern, kommt es zu einer zunehmenden Fragmentierung gesellschaftlichen Bewusstseins.

Die Kraft, mit der die einzelne Seele inkarniert, ist individuell. Es gibt Menschen, die in ganz verheerenden Umständen leben und/oder mit sehr wenig menschlicher Bindung groß werden, aber eine sehr starke Gottesresilienz haben, unabhängig von einer kontinuierlichen spirituellen Praxis. Solche Menschen sind auf ganz natürliche Weise sogar in lebensgefährlichen Situationen unerschütterlich mit Gott verbunden. Doch das sind Wenige!

Spirituelle Praxis kann uns dabei unterstützen, unsere spirituellen Kompetenzen so zu stärken, dass wir auch in Krisen immer mehr auf unser höchstes Potenzial zugreifen, uns innerlich wieder stabilisieren und höchstmögliches Bewusstsein verkörpern können, z.B. durch Arbeit an der Körperpräsenz, durch Zeugenbewusstsein und Schattenintegration, durch transparente Kommunikation, durch die Verfeinerung unserer subtilen Kompetenzen, durch Präsenz- und Lichtmeditationen.

Es ist unsere Aufgabe, uns bewusst um die Dinge zu kümmern, die wir tun können, um höhere Bewusstseinsentfaltung in uns selbst, inter-personell und kulturell krisensicherer zu machen, und zwar nicht nur, wenn alles gut läuft. Es bedeutet, uns insbesondere auch dann um unsere spirituelle Praxis zu kümmern, wenn uns Symptome wie Ängste, emotionale Ausbrüche, Kontraktionen etc. darauf hinweisen, dass wir uns gerade im bewusstseinsmäßigen Sinkflug befinden. Und es bedeutet, dass wir uns bewusst mit globalen Konflikten auseinandersetzen und diese nicht ausblenden.

Der Terror in der Welt, kriegerische Auseinandersetzungen, die globale Erderwärmung, die Flüchtlingskrise in Europa, all das spiegelt sich in meinem individuellen holografischen Resonanzkörper wieder. Gleichzeitig bin ich als Einzelner aber auch im kollektiven Resonanzkörper aufgehoben. Ich kann mich zwar von den aktuellen Nachrichten innerlich distanzieren, aber dennoch bin ich Teil des kollektiven Feldes, in dem all die Dinge geschehen, die ich nicht erfahren möchte.

Wenn immer mehr Menschen die innere Reflektion der Welt konstruktiv in sich beheimaten und sich bewusst dazu in Beziehung setzen, beginnt etwas Neues. Konflikte laufen dann nicht mehr einfach ab, sondern können immer mehr bezeugt, erfühlt, intellektuell verarbeitet, und in einem synchronisierten Innenraum an eine höhere Intelligenz angebunden werden. So kann eine neue globale Bewusstseinskultur entstehen.

Dieses Thema steht im Mittelpunkt des diesjährigen Celebrate Life Festival vom 28. Juli bis 8. August 2016 im Hof Oberlethe.

Mehr Infos unter: www.celebrate-life.info & www.innerscience.info.


Winter 2016


Erfahre diesen Augenblick als frei von Leid

Autor: Adyashanti

Nimm wahr, wie sich dein Körper anfühlt, wenn dein Verstand dem widerspricht, was ist. Nimm die emotionale Veränderung wahr und bemerke, was passiert, wenn du anfängst, deinen Verstand auch nur ein klein wenig zu öffnen und die Möglichkeit einlädst – nur die Möglichkeit – dass deine Schlussfolgerungen über ein Ereignis im Leben, deine Urteile darüber vielleicht nicht ganz so wahr sind, wie du glaubst. Du wirst sehen, dass sich dein emotionales Milieu zu ändern beginnt, wenn du das auch nur für möglich hältst. Du wirst mehr in den gegenwärtigen Augenblick kommen, und das ist es, worum es bei der Freiheit vom Leid geht.

Wenn du in diesen Augenblick eintrittst, beginnst du, einen Moment zu erleben, der tatsächlich frei von Leid ist. Wenn du ihn wortlos und mit offenem Herzen betrittst und dir selbst erlaubst, das zu fühlen, was ist, wirst du bemerken, dass du den Schlüssel bereits in der Tasche hast, alles Leid loszulassen. Es ist nicht ungewöhnlich, Angst zu spüren, wenn du anfängst, hier und jetzt präsent zu sein. „Oh! Wie kann ich hier und jetzt sein, so nackt, so offen? Was wird mir widerfahren? Werde ich verletzt, wenn ich vollkommen hier und jetzt bin?“ Solche Fragen werden auftauchen. Solche Ängste könnten sich selbst zum Vorschein bringen, deshalb braucht es Mut. Es bedarf einiger Bereitschaft zu fühlen, was hier ist, gerade jetzt. Wenn Angst auftaucht, erlaube ihr, sich zu zeigen und lass sie sich selbst von deinem Körper und Verstand waschen.

Durch deine Bereitschaft, in einem schwierigen Augenblick innezuhalten, ein paar Atemzüge zu nehmen und dich auf das, was ist, einzustellen, könntest du bemerken, dass sich eine beruhigende Präsenz beginnt zu zeigen. Indem du dir erlaubst, diese Präsenz zu fühlen und zu erfahren, kannst du dich dem, was sich in diesem Augenblick von selbst offenbart, mehr und mehr öffnen. Selbst wenn es sich beängstigend anfühlt, darunter befindet sich ein Gefühl des Wohlseins, das immer bei dir ist und vollkommen zur Verfügung steht, selbst wenn du dich nicht wohl fühlst. Meine Lehrerin nannte es „das Du, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn du Schwierigkeiten hast.“

Als ich zum ersten Mal von diesem immer gegenwärtigen „Du“ hörte, verstand ich nicht, worüber sie sprach, aber es sollte einen großen Eindruck auf mich machen. Es blieb bei mir und ich dachte: „Was ist das? Was ist das für ein Ich, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn ich Schwierigkeiten habe?“ Bis dahin dachte ich, dass ich entweder Schwierigkeiten habe oder nicht. Eins von beidem. Trotzdem, wenn du Angst erlebst, wenn du wirklich anhältst und dich öffnest, dann wirst du sehen, dass sich Angst in einem Raum der Angstlosigkeit ereignet, dass sich Traurigkeit in einer tröstlichen Präsenz ereignet. Wenn wir bereit sind, uns wirklich zu öffnen und unseren eigenen Widerstand gegen die Offenheit zu spüren, erfahren wir einen Zustand von Leichtigkeit (ease) und Entspannung, der unserem Trauma zugrunde liegt, unserer ganzen „Nicht-Leichtigkeit“ („dis-ease“ [disease – Krankheit]).

Letzten Endes erlaubt uns das sich Öffnen zu diesem anderen Feld des Seins hin – das buchstäblich der Vorgeschmack auf einen anderen Bewusstseinszustand ist – über das Leid hinauszugehen. Leid ist ein fester Bestandteil des egoistischen Bewusstseinszustands, in dem wir uns selbst als getrennt wahrnehmen. Aus diesem Bewusstseinszustand heraus wird jeder schmerzhafte Augenblick in unserem Leben auf eine Weise interpretiert, die unser Gefühl der Trennung und Isolation verstärkt. Aus diesem Grund fühlen sich viele Menschen getrennter und isolierter, wenn sie älter werden. So vieles im Leben wird im egoistischen Bewusstseinszustand ganz leicht als Beweis dafür angesehen, dass wir tatsächlich völlig allein sind. Wenn wir auf diese egoistische Sichtweise begrenzt sind, kann das Leid nicht wirklich aufhören bzw. dann gibt es keine echte Erleichterung davon. Aber wenn wir unser Bedürfnis und Verlangen aufgeben, zu kontrollieren, zu erklären und dem zu glauben, was unser Verstand uns darüber erzählt, was war und was ist, finden wir die Kapazität, uns einem neuen Bewusstseinszustand zu öffnen.

Zunächst wird er nur als ein Zustand des Stillseins erfahren, als Vorgeschmack auf das erwachte Bewusstsein, in dem sich Gegenwärtigkeit zu enthüllen beginnt. Wenn du dir gestattest, in dieses Stillsein hinein zu entspannen, in die Stille, dann beginnst du zu bezeugen, wie Präsenz aufkommt. Zunächst scheint das etwas Subtiles zu sein, aber was da eigentlich passiert, ist, dass du in einen vollkommen neuen Bewusstseinszustand eintrittst – in einen, der völlig unermesslich ist. Indem du deine Aufmerksamkeit darauf lenkst und dir der inneren Präsenz und Stille inmitten aller Aktivität bewusst wirst, stellst du dich dem Anbruch dieser unendlichen Weite mehr und mehr zur Verfügung, in der du vom Glauben und der Erfahrung an die Trennung erwachen kannst. Du realisierst, dass du selbst ein tiefer Brunnen des Gewahrseins bist – eine innere Weite, die immer da ist. Du musst dich ihr nur öffnen.

Versuche nicht zu verstehen. Dann wird es nur schwieriger werden. Denk nicht darüber nach. Das wird dich eine Million Kilometer wegtragen. Halte einfach an und fühle es. Halte für einen Augenblick, atme und fange an, das Du zu bemerken, das keine Schwierigkeiten hat – die innere Präsenz und Stille, das Gewahrseinsfeld. Jedes Mal, wenn dein Verstand versucht dich fortzutragen, indem er seine Geschichten darüber erzählt, warum das Leiden gerechtfertigt ist, kannst du wählen zu sehen, dass es nicht wahr ist. Du kannst anfangen zu sehen, dass es wirklich keinen berechtigten Grund gibt, warum wir uns mit dem, was ist, im Krieg befinden sollten. Es gibt keine Möglichkeit, diesen Krieg zu gewinnen. Es gibt keinen Weg aus ihm heraus, bis wir sehen, dass das alles eingebildet ist. Sehr schwierige Dinge sind passiert und sehr schwierige Dinge könnten sich noch ereignen, aber wenn wir ihnen aus einem Zustand der Offenheit begegnen, erkennen wir nach und nach, dass wir eine Fähigkeit haben, von der wir nie wussten, dass es sie gibt. Wir fangen an, das „Du, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn du Schwierigkeiten hast“ kennenzulernen. Wir beginnen herauszufinden, dass es selbst inmitten von unglaublichem Schmerz und Verlust ein großes Reservoir des Wohlseins gibt.

Textauszug aus „In Gnade fallen“ von Adyashanti, mit freundlicher Genehmigung des Noumenon Verlages.

Mehr zu Adyashanti: Adyashanti Books CDs DVDs


Geh und sieh selbst

Autorin: Sylvia Kolk

Auszug aus Kapitel  V. Ruhe und Einsicht durch Meditation

Grundlagen

Was ist Meditation?
Meditation ist eine sanfte Methode der Geistesschulung, die zu mehr Ruhe, Gelassenheit und Zufriedenheit führt. Im weiteren Verlauf bewirkt Meditation eine Klärung und Befreiung des Geistes.

Meditation

  • ist ein ruhiges, entspanntes Verweilen in der Gegenwart.
  • gepaart mit Achtsamkeit im Alltag, ist sie ein geistiges Training, das uns ermöglicht, bei allem, was wir tun, gesammelt, energievoll, gelassen, geistig klar und offen zu sein.
  • bedeutet, frei von Beurteilungen zu sein. Der meditative Geist nimmt erst einmal das, was ist, unvoreingenommen wahr, um dann angemessen reagieren zu können. Dadurch entsteht mehr Harmonie im Leben.
  • zentriert durch den Zustand geistiger Sammlung und die damit verbundene Ruhe, führt sie zu einer Regeneration des Geistes.
  • stabilisiert Geist und Herz durch das Erlernen einer bewussten und annehmenden geistigen Haltung.
  • entwickelt unsere emotionalen Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut.
  • verbindet Körper und Geist, da die Aufmerksamkeit unmittelbar mit dem Erlebten gekoppelt ist. Es setzt ein Heilungsprozess ein, da körperliche und psychische Blockaden gelöst werden.
  • ist eine Praxis der Selbsterforschung und -erkenntnis. Wir erforschen den Geist, ausgehend von seinem alltäglichen Ausdruck bis hin zu subtilsten Ebenen, auf denen wir alles als fließend, verbunden und unendlich erleben.
  • führt – bei einem kontinuierlichen Training – zu einer tieferen Sichtweise. Es ist die Sicht weiser Menschen, unabhängig davon, welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören. Diese Sichtweise entsteht durch eine direkte Erfahrung der letztendlichen Realität: Nibbāna.

Alles in allem schult Meditation die Grundkompetenzen unseres Geistes (Achtsamkeit, Vertrauen, Energie, Sammlung, Weisheit), deren Kultivierung entscheidend sein wird für eine konstruktive geistige und politische Entwicklung, nicht nur in der westlichen Welt.

Umgang mit Gedanken in der Meditation
Beim Umgang mit Gedanken während der Meditation geht es um einen Perspektivenwechsel: Die eine Perspektive ist die der Denkerin, die davon überzeugt ist, dass alles von ihr Gedachte unmittelbar zu ihr gehört. Es ist ein Gefühl völliger Identifikation mit den Gedankeninhalten wie: „Ich denke all diese Gedanken.“ Es entsteht eine undurchschaubare Vermischung und Verwicklung von Gedanken, Emotionen und Gefühlen. Und all das macht uns als Persönlichkeit aus. Die andere Perspektive ist die der neutralen Beobachterin: „Ah, da ist ein Gedanke aufgekommen.“ Ein Gedanke kommt auf, und dann ist er auch schon vergangen. Das ist alles.
Der Unterschied zwischen „Identifiziert-Sein“ und „mit Abstand betrachten“ ist der zwischen Unfreiheit und Freiheit. Und diesen Unterschied gilt es zu erleben, sodass die befreiende Wirkung mittels der neutralen Beobachterin erfahren werden kann. Dieses Beobachten ist ein sanftes, klares Erkennen ohne Identifikation. „Ah, da steigen Gedanken auf.“ „Und diese Gedanken gehen zu Ende.“ Wenn wir das in dieser Weise betrachten können, haben wir losgelassen. Losgelassen von der mentalen Fixierung. Aus der Warte der neutralen Beobachterin können wir nun die Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo wir sie haben möchten. Wenn wir zur Ruhe kommen wollen, lenken wir die Aufmerksamkeit zentriert auf den Atem.
Die neutrale Beobachterin ist die Achtsamkeit (Sati). Es wird deutlich, dass es nicht darum geht, nicht mehr zu denken oder gar gegen die Gedanken zu kämpfen, sondern die Identifikation zu lösen.
Wenn die Gedanken sehr stark sind und der Atem ein zu feines Objekt darstellt für den noch groben Geist, dann gibt es eine andere Möglichkeit, die sehr hilfreich ist. Wir lenken die Achtsamkeit auf ein stärker wahrnehmbares Objekt und untersuchen, welche Körperempfindungen mit den Gedanken verbunden sind. Wo befindet sich das stärkste Gefühl? Im Bauch, Brustbereich, Hals? Wie fühlt es sich genau an? Vielleicht ein Brennen, eine Übelkeit, Unruhe, Druck, Enge? Es können auch Bilder entstehen, die mit den Gefühlen verbunden sind.
Wir erkennen dann auch, dass mit den Gedanken eine Unruhe verbunden ist oder Emotionen wie Wut, Trauer, Ärger, vielleicht aber auch ein dumpfes Gefühl. Achtsamkeit nimmt wahr: „Ah, interessant.“ Annehmen und beobachten, wie sich das Gefühl verändert, ist hier der Königsweg. Was passiert, wenn z.B. der Ärger verschwunden ist? Vielleicht wird es still. Vielleicht kommen weitere Gedanken auf, die das, was wahrgenommen wurde, bewerten möchten. „Ich sollte nicht so ärgerlich sein. Ich sollte verzeihen können.“ Stopp!
Zurückkehren zur reinen Beobachterin. Aus der Perspektive der reinen Beobachterin erkennen wir: „Ah, da sind Gedanken der Selbstabwertung.“ Und diese führen wir nicht weiter, sondern lenken die Aufmerksamkeit auf den Atem.
Vor allem auch die Veränderungen wahrnehmen. Es kann zu einem fluktuierenden Gewahrsein kommen. Der Geist ist dann geschmeidig, eilt ohne anzuhaften von Objekt zu Objekt. Dabei ist entscheidend, dass die Achtsamkeit gewahrt bleibt und es nicht zum diskursiven Denken kommt.

Umgang mit schwierigen Emotionen in der Meditation und im Alltag

I. Gegenmittel einsetzen
Die Gegenmittel finden wir:

  1. im Kultivieren der vier höchsten Emotionen: Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude, Gleichmut. Mitfreude vermag zum Beispiel Ablehnung zu transformieren. Solange diese Übung sich darauf bezieht, sukzessive das Herz an diese förderlichen Zustände zu gewöhnen, hält sie für uns keine großen Fallstricke bereit.
  2. in der Übung, einen unheilsamen Geisteszustand mit einem heilsamen zu ersetzen, bedarf es eines sehr geübten, bereits weitgehend geklärten Geistes, sodass es zu dieser Umwandlung kommen kann und nicht zu einem Verdrängen unliebsamer Geisteszustände.
  3. in der Geduld, die eine intelligente und geschickte Maßnahme bei Aufregung und Wut ist.
  4. in der Achtsamkeit bzw. dem reinen Gewahrsein. Achtsamkeit ist in diesem Fall ein Mittel, um der inneren Unruhe zu begegnen, die aus einem Mangel entsteht und nicht anders kann, als sich etwas herbei zu wünschen, damit der Mangel nicht spürbar wird. Traditionell sprechen wir von dem Bewachen der Sinnestore durch Achtsamkeit, sodass wir in einem heilsamen Kontakt mit unserem Innenleben bleiben können, auch wenn es unangenehme Gefühle gibt. Wir können dann tiefer fragen, was wirklich erfüllend wäre.
  5. in der Stabilisierung eines ethisch-moralischen Lebens, auf der Grundlage der Erkenntnis, dass wir nichts folgenlos tun können.
  6. in der Kontemplation, d. h. einer meditativen, intuitiven Durchdringung der existenziellen Ursachen unserer Hindernisse und unseres Leidens.


II. Annehmen und erforschen
Das bedeutet, annehmen und erforschen eines geistigen Zustandes, der schon entstanden ist. Annehmen verhindert Verdrängung, Abwehr, Kontrolle und Manipulation.
Der erste Schritt besteht allerdings darin, den folgenden Prozess unmittelbar zu erkennen: Da ist ein unangenehmes Gefühl, und es entsteht Ärger. Dann kommt das Entscheidende: den Ärger wahrzunehmen und zu erforschen. Dabei ist es hilfreich, mit der Achtsamkeit auf die Ebene der Körperempfindungen zu gehen. Das heißt, im Körper nachzuspüren, was geschieht, wenn Ärger empfunden wird: zum Beispiel Hitze, Unruhe oder Kontraktionen im Solarplexus. Wenn es gelingt, bei diesen Empfindungen mit der Achtsamkeit zu bleiben und sie nicht weiter mit Kommentaren zu verstärken, werden sie sich verändern. Wir erkennen, wie vielschichtig ein emotionaler Prozess sein kann, und nach und nach wird es ruhiger werden, sodass wir wieder klar sehen können.
Alle Gedanken und Emotionen sind vorübergehende Zustände. Diese Erkenntnis ist entscheidend für die befreiende Einsicht. Indem wir nicht mehr auf die Objekte fixiert sind, auf die wir mit Ablehnung oder Anziehung reagieren, sondern uns die Reaktionen selbst anschauen, erkennen wir, dass nichts Angenehmes oder Unangenehmes in den Objekten enthalten ist, sondern dass wir das aufgrund unserer körperlich-geistigen Reaktionen hinein interpretieren.
So können wir eine magische Verzauberung, einen Bann oder eine Verstörung, die von den Objekten auszugehen scheint, in unsere Verantwortung  nehmen und die geistigen Reaktionen in ihrer Flüchtigkeit wahrnehmen. Bleiben wir hingegen auf das Objekt fixiert, werden sich die unheilsamen Emotionen durch einen fortlaufenden Gedankenstrom steigern. Betrachtet die Achtsamkeit direkt die Emotion, z.B. Ärger, löst er sich auf, und es entsteht Raum, gründlicher zu forschen und zu erkennen, wie schnell eine geistige Trübung und emotionale Bedrückung entsteht, wenn den Gedanken gestattet wird, das Bewusstsein zu überwältigen.

Auszug aus dem Buch „Geh und sieh selbst“ von Sylvia Kolk mit freundlicher Genehmigung von © JhanaVerlag im Buddha-Haus
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