Spiritualität 2018


Frühjahr 2018


Wahre Freiheit

Von Jack Kornfield 

 

Einladung zur Freiheit

 

Liebe Freunde, nach über vierzig Jahren, in denen ich Tausenden Menschen auf dem spirituellen Pfad Achtsamkeit und Mitgefühl vermittelt habe, ist dies die wichtigste Mitteilung, die ich machen kann: Ihr müsst auf die Freiheit nicht warten. Ihr braucht das Glück nicht aufzuschieben.

Viel zu oft verbindet sich die schöne Praxis der Achtsamkeit und des Mitgefühls mit Vorstellungen von Selbstdisziplin und Pflichterfüllung. Wir sehen uns von ihnen auf einen langen Hindernisparcours geführt, an dessen fernem Ende die angestrebten Ergebnisse winken. Ja, es gibt sie, die Arbeit des Herzens, und unser Leben hat seine Zyklen, die uns so manches abverlangen. Doch wo jeder Einzelne auch stehen mag auf seinem Weg, es existiert noch eine andere wunderbare Wahrheit, und die heißt „Die Früchte ernten“ oder „Mit dem Ergebnis beginnen“. Die Früchte des Wohlbefindens, der Freude, der Freiheit und der Liebe sind schon jetzt in unmittelbarer Reichweite, wie auch immer Ihre Lebensumstände sein mögen.

 

Als Nelson Mandela nach siebenundzwanzig Jahren Haft die Gefängnisinsel Robben Island verließ, war er ein Mann voller Würde und Großmut, so ganz und gar bereit zu verzeihen, dass sein Geist das Land verwandelte und für die Welt zur Inspiration wurde. Auch Sie können diese Freiheit und Würde leben, und zwar genau da, wo Sie jetzt sind. Die Umstände mögen schwierig, die Zeiten unsicher sein – vergessen Sie nie, dass Freiheit nicht für ganz besondere Menschen reserviert ist. Niemand kann Ihren Geist einsperren.

 

Wenn Sie zum Chef zitiert werden und Sie Befürchtungen oder bange Erwartungen in sich aufsteigen fühlen, wenn jemand in Ihrer Familie unter Konflikten und Nöten zusammenzubrechen droht, wenn die zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Probleme der Welt Ihnen schwer zu schaffen machen, haben Sie immer verschiedene Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Sie können dann erstarren und sich wie bewegungsunfähig fühlen, oder aber Sie nutzen die schwierige Phase, um sich weiter zu öffnen, bis sich Ihnen zeigt, wie Sie während dieses Abschnitts auf Ihrem Weg sinnvoll und weise reagieren können. Zyklisch geht das Leben mal seinen ruhigen Gang, dann wieder stellt es uns vor große Herausforderungen oder bringt tiefe Schmerzen mit sich, und manchmal scheint die ganze Gesellschaft ringsum im Umbruch zu sein. In alldem bleibt uns immer die Möglichkeit, tief durchzuatmen, den Blick ein wenig weicher werden zu lassen und uns in Erinnerung zu rufen, dass Mut und Freiheit in unserem Inneren darauf warten, dass wir uns ihrer bewusst werden, um auch andere daran teilhaben zu lassen. Selbst unter ganz düsteren Umständen bleibt die Freiheit des Geistes bestehen – auf wundersame Weise großartig und einfach zugleich. Wir sind in diesem Leben frei und fähig zu lieben, was auch immer geschehen mag.

 

Ganz in unserer Tiefe wissen wir das. Wir wissen es immer dann, wenn wir uns in etwas Größeres eingebunden fühlen – wenn wir Musik hören, bei der Liebe, beim Wandern in den Bergen oder beim Schwimmen im Meer, wenn wir am Sterbelager eines geliebten Menschen Zeugen dieses Mysteriums werden, dass der Geist still wie eine Sternschnuppe den Körper verlässt, oder bei der Geburt eines Kindes. In solchen Momenten geht eine Welle freudevoller Offenheit durch unseren Körper, und unser Herz ist in Frieden gehüllt.

 

Freiheit fängt da an, wo wir sind. (…) Jedes Kapitel dieses Buchs stellt die Einladung zu einer bestimmten Form der Freiheit dar. Wir beginnen im persönlichen Bereich mit der Freiheit des Geistes, der Freiheit des Neubeginns, der Freiheit jenseits der Angst und der Freiheit, zu sein, was wir sind. Wir erschließen uns die Freiheit, zu lieben, die Freiheit, für das einzustehen, was wirklich zählt, und schließlich die Freiheit, glücklich zu sein. Anhand von Geschichten, Überlegungen, Lehren und Übungen führen wir uns vor Augen, wie wir uns festfahren und wie wir frei werden können. Frei werden, das ist ein nie abgeschlossener, stets aktiver Prozess, der Herz, Verstand und Gemüt einbezieht. Die Mittel und die Ziele sind dabei eigentlich dieselben: man selbst sein, träumen, vertrauen, mutig sein und handeln.

Sie können wählen, in welchem Geist Sie leben möchten. Freiheit, Liebe und Freude jedenfalls gehören Ihnen bereits, und das unter allen Umständen. Sie sind Ihr Geburtsrecht.

 

 

 

Aus dem Vorwort zu Jack Kornfields neuem Buch „Wahre Freiheit“,

mit freundlicher Genehmigung des O. W. Barth Verlags.

 

Siehe auch unter „Wortwelten“.

 

 

 

Foto oben © www.pixabay.com 


Winter 2018


Jesus, der spirituelle Revolutionär - Von Adyashanti

Jesus ist der stille Koloss, der die westliche Kultur für mehr als zweitausend Jahre bestimmt hat. Er ist die zentrale Figur im kollektiven Traum der westlichen Kultur. In den letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaft versucht herauszufinden, welche Teile der Jesus-Geschichte historischen Tatsachen entsprechen und welche nicht. Mit anderen Worten: Was ist in Judäa vor zweitausend Jahren wirklich passiert? Das wissenschaftliche Interesse an Jesus galt dem, was Jesus wirklich sagte im Gegensatz zu dem, was er nicht sagte. Nach meiner Meinung werden wir das nie mit Sicherheit wissen. Wir können nicht wissen, was geschehen ist und was nicht geschehen ist oder wie groß der historisch wahre Anteil ist und wie groß der mythologische. Diese Suche nach dem historischen Jesus geht am  entscheidenden Punkt vorbei, auch wenn sie interessant und sogar faszinierend ist. Der Kernpunkt ist die Geschichte, der kollektive Traum.

 

In der westlichen Kultur haben wir weitgehend die Kraft der Geschichte vergessen; die Kraft des Mythos, Wahrheit in sich zu tragen und zu vermitteln – grundlegende Wahrheit, spirituelle Wahrheit. Der Mythos spricht zu unseren Seelen. Die mythologische Sprache verbindet uns mit unserem Unbewussten und erweckt eine Ahnung von Ewigkeit, von einem Leuchten, das durch die Welt von Zeit und Raum schimmert. Der Mythos ist letztendlich eine Weise, über das zu sprechen, was nicht gesagt werden kann, und das zu enthüllen, worüber nicht geschrieben werden kann. Deshalb meine ich, dass die Jesus-Geschichte erst dann vollkommen lebendig wird, wenn wir die Versessenheit auf die Historie und das, was geschah oder nicht geschah, aufgeben.

 

Letzten Endes ist es nicht wirklich wichtig, ob wir die Bibel als akkurate Historie und Tatsache lesen oder ob wir die Geschichte mythologisch und metaphorisch auffassen, als etwas, das unserem bewussten und unbewussten Sein Wahrheiten über das Göttliche vermitteln kann und uns hilft, etwas zu erkennen, das von Fakten nicht berührt werden kann. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Geschichte und den Charakter von Jesus zu betrachten. Hoffentlich sieht jeder von uns die Geschichte auf seine eigene Weise, sodass sie zu uns spricht. In diesem Buch betrachte ich die Geschichte von Jesus auf besondere Weise. Meine interpretatorische Linse fokussiert sich darauf, Jesus als spirituellen Revolutionär zu enthüllen: Jesus als eine Präsenz göttlicher Strahlung und Erleuchtung, welche die Grenzen und Trennungslinien durchbricht, die uns einschränken – ob diese Trennungslinien nun kulturell bedingt sind, zwischenmenschlich, rassisch oder einfach durch unsere Psychologie.

 

Für mich vermittelt Jesus, der Revolutionär, in einzigartiger Weise das Leuchten des Geistes, und deshalb möchte ich in diesem Buch diese besondere Sichtweise anbieten. Aber letztendlich wird jeder von uns die Jesus-Geschichte auf die Weise interpretieren, die für ihn am sinnvollsten ist, und genau so soll es sein. Tatsächlich muss das so sein, denn wenn wir uns nur an die Interpretation von jemand anderem halten, wenn wir die Geschichte nur durch eine Linse betrachten, blockiert das unsere eigene einzigartige Kreativität. Wenn ich also die Jesus-Geschichte als die Geschichte von Jesus, dem Revolutionär, interpretiere, ist es wichtig, dass jeder von uns in diese Geschichte so eintaucht, dass sie für ihn lebendig wird.

 

Die Jesus-Geschichte durch die Linse von Jesus, dem Revolutionär, zu betrachten, ist ein Mittel, die Geschichte ganz lebendig werden zu lassen. Indem ich durch diese Linse blicke, spüre ich, wie Leben in die Geschichte zurückkehrt. Sie wird lebendig auf schöne und gleichzeitig sehr herausfordernde Weise, denn Jesus, der spirituelle Revolutionär, hat die Fähigkeit, uns aus unserem eigenen individuellen Traum der Trennung und Isolation aufzuwecken.

 

In der westlichen Kultur haben die meisten von uns sich angewöhnt, Jesus als die Verkörperung der höchsten Form von Ethik und Moral zu sehen – er ist der gute Hirte, wir sind die Herde, und er zeigt uns den Weg. Das ist der Jesus der Kirche; die Kirchen sind sehr angetan von Jesus als ethischem und moralischem Priester. Das macht Sinn, denn die ethische und moralische Dimension ist Teil dessen, was jede Religion am Leben hält, was sie entwickelt und in die Kultur hinein vermittelt. Aber wenn das alles ist, was wir in der Jesus-Geschichte sehen, werden wir blind für die darunterliegende Transzendenz, für das Strahlen der Präsenz von Jesus. Ohne dieses transzendente Strahlen wird Jesus nur eine weitere Figur in der langen Geschichte moralischer und ethischer Propheten.

 

Wir wissen, dass die Art, in der die gesamte Kultur die Jesus-Geschichte definiert und interpretiert hat, heute nicht mehr die Herzen der Menschen in der Tiefe erreicht. Die Gottesdienste sind immer schlechter besucht. Im letzten Jahr fuhr ich nach Europa und sah erstaunliche Kathedralen, die zum Teil über tausend Jahre alt sind. Diese Kathedralen sind der Beweis, dass es eine Zeit gab, in der die Geschichte von Jesus höchst lebendig war und die Gesellschaft erreichte. Aber die meisten dieser Kirchen sind heute leer, und das sagt uns etwas Wichtiges. Es sagt uns, dass die gesamte Kirche dabei versagt hat, die Geschichte neu zu interpretieren und die Botschaft aktuell und lebendig zu halten als etwas, das zu unseren Herzen spricht, das die geheimnisvollen Regungen in uns anspricht und uns erlaubt, uns dem Mysterium unseres Seins anzuvertrauen.

 

Deshalb denke ich, wir sollten uns die Geschichte neu anschauen. Wenn wir beginnen, die Jesus-Geschichte mythologisch zu interpretieren, suchen wir nach ihren Metaphern und Symbolen. Wir beginnen zu fragen: »Was meinen die Metaphern für mich? Was bedeutet mir Jesus?« Wenn wir Jesus nicht nur als historische Figur ansehen, die geboren wurde und gelebt hat, auf der Erde wandelte, lehrte, seine Botschaft verkündete und schließlich am Kreuz starb, sondern Jesus auch als eine zeitlose lebendige Gegenwart betrachten, als eine Metapher für die Ewigkeit in uns selbst, können wir beginnen, den inneren Raum zu  betreten, in dem wir die Söhne und Töchter von Gott werden. Dann wird die Geschichte wiederbelebt. Dann kann die Jesus- Geschichte auf eine Weise lebendig werden, die wirklich Bedeutung für uns hat. Natürlich könnte das für manche Menschen ziemlich herausfordernd sein. Für manche könnte es sogar blasphemisch erscheinen, der Geschichte eine so konkrete Form zu geben, wie ich das vorschlage. Aber ich meine, die Einladung, genau dies zu tun, ist in der Geschichte selbst enthalten. Wenn ich dem, was die Geschichten zu sagen haben, wirklich lausche, ist es, als würde Jesus sagen: »Komm, komm ins Himmelreich. Das Himmelreich befindet sich auf der Erde, und Männer und Frauen verstehen es nicht.« Mir scheint, dass Jesus eine lebendige Verkörperung der Ewigkeit ist, eine Verkörperung dessen, was in uns selbst existiert.

 

Die Jesus-Geschichte ist ein Spiegel, der uns hilft, uns selbst klarer zu sehen. Die wichtigste Funktion der mythischen Erzählung ist es, das Leben durchlässig zu machen für die Transzendenz, die an seinem Grund liegt und hindurchscheint. Das ist die Kraft des Geschichtenerzählens. Das Erzählen von Geschichten lädt uns ein, in eine schöpferische Beziehung zur Geschichte zu treten. Wir können nicht distanzierte Beobachter bleiben; wir müssen in die Geschichte eintreten und selbst zu ihren Figuren werden. Wir müssen uns erlauben, das Leben mit den Augen von Jesus, den Augen von Christus, zu sehen, und die Welt durch die Augen der Jünger zu betrachten und durch die Augen jener, die geheilt und erlöst wurden durch die Gegenwart Christi.

 

Wie ich sagte, wird jeder von uns die Jesus-Geschichte auf seine eigene Weise betrachten. Ich möchte eine besondere Sichtweise anbieten, die ich für sehr machtvoll, wirksam und wichtig für unsere Zeit halte. Aber wenn wir uns nun miteinander in die Geschichte vertiefen, möchte ich Sie auch ermuntern, Ihre eigene kreative Beziehung zur Geschichte zu finden. Halten Sie Ihre Ohren offen und finden Sie heraus, wie jeder Teil der Geschichte zu Ihnen spricht. Wenn wir auf diese Weise lauschen, wird die zweitausend Jahre alte mythische Reise von Jesus zur Reise in unser Inneres, führt uns zur Offenbarung Gottes in uns selbst und letztendlich zu der Erkenntnis, wer und was wir wirklich und wahrhaftig sind.

 

Textauszug aus

„Jesus, der Zenmeister“

von Adyashanti

mit freundlicher Genehmigung des

Herder-Verlages.

Siehe auch unter Wortwelten


Ins Licht geschubst... Von Monika Weber

Textauszug aus dem Buch von Monika Weber, Innenwelt Verlag

 

Meditation: Definition und Anleitung

 

Was ist Meditation – und was nicht?

Meditation ist, wenn man Äußeres wie Geräusche und Inneres wie Gedanken,  Empfindungen, Schmerzen passiv wahrnimmt. Wir sind dann mehr und mehr in einem Zustand von Stille, Frieden und Einheit. Wir erlangen Gelassenheit und zugleich geistige Wachheit. Wir können zu einem Bewusstseinszustand jenseits des Verstandes kommen und erkennen, wer wir sind. Für mich bedeutet dieses Erkennen, wie schon beschrieben, ein Zustand von Stille oder Nirvana – letztendlich gibt es hierfür keine genauen Worte. 

Oder anders ausgedrückt, im Verständnis meines Mannes: Der Sinn der Meditation ist es zu erkennen, dass wir geistige Wesen sind und Gedanken, Gefühle, Bilder, Körpersensationen haben. Ich, das geistige Wesen, bin jenseits von Raum und Zeit und reine Qualität. Alles andere ist Quantität. In der Meditation lerne ich, der bewusste Beobachter zu sein und meine Gedanken, Gefühle, Bilder oder körperlichen Sensationen kommen und gehen zu lassen, das heißt wahrzunehmen, dass ich das nicht bin.

 

Meditation ist nicht Autogenes Training, nicht Autosuggestion, nicht Imagination, nicht Selbsthypnose, nicht Visualisierung und auch keine Trance.

  • Autosuggestion heißt Selbstbeeinflussung. Durch formelhafte Sätze, die wir uns immer wieder sagen, soll unser Verhalten beeinflusst werden: „Das Leben ist schön. Es ist alles in Ordnung“ oder Ähnliches.
  • Autogenes Training ist eine Entspannungstechnik durch Selbstbeeinflussung, also eine von innen heraus erzeugte Entspannung, auch „konzentrative Selbstentspannung“ genannt. Dem Gehirn werden hierbei immer wieder entspannende Formeln eingegeben, die in erster Linie auf Funktionen des Körpers abzielen, wie zum Beispiel: „Mein rechter Arm ist schwer.“
  • Bei der Imagination (von lat. Imago – Bild) handelt es sich um bildhafte Vorstellungen, zum Beispiel einer grünen Wiese, oder um bewusste Fantasiereisen, die Traumbildern gleichen.
  • Bei der Visualisierung werden Vorstellungsbilder hervorgerufen; es ist also der Imagination ähnlich. Bei bestimmten Meditationsformen können auch Visualisierungsübungen eingesetzt werden.

Es gibt aktive und passive Meditationen. Eine passive Meditation beruht auf Wahrnehmung, zum Beispiel des Atems, oder auf Visualisierung, zum Beispiel von Licht oder Bildern. Ich habe viele verschiedene Meditationsarten ausgeübt und die, die mir persönlich am besten gefallen hat, praktiziere ich regelmäßig – es ist die Vipassana-Meditation, eine stille und passive Meditation. 

Meditationen, die mit körperlichen Bewegungen einhergehen, werden aktive Meditationen genannt. Für Menschen, die sehr unruhig sind und zu viel überschüssige Energie haben, ist entweder eine solche aktive Meditationsform ratsam oder das körperliche Sich-Ausagieren als Vorbereitung für die folgende meditative Stille. 

Mit zu viel Unruhe in Körper und Geist kann man nur sehr schwer in die Atemwahrnehmung, in die innere Tiefe gehen und die Gedanken passiv beobachten. Wenn jemand nicht die Möglichkeit hat, sich in der eigenen Wohnung aktiv auszuagieren, ist ein Dauerlauf, Trampolin springen oder Ähnliches empfehlenswert. Was tun, wenn zu viele Gedanken da sind? Wenn Sie nicht zur Ruhe, nicht in die meditative Stille kommen?

 

Wie schon erwähnt, ist es eine gute Methode, dass Sie sich vor dem Meditieren aktiv betätigen, austoben, joggen, sich schütteln oder Ähnliches. Gut ist es, sportliche  Betätigungen an frischer Luft auszuüben – das beruhigt den Verstand.

Eine andere Methode, wenn Sie zu sehr in Gedanken oder zu aufgeregt sind, ist folgende: Zählen Sie zu Beginn der Meditation in Ihrem Inneren lautlos von zehn bis null.

Benennen Sie jede Zahl mit dem Ausatmen, immer wieder bei zehn beginnend. Machen Sie das so lange, bis Sie Ihre innere Ruhe gefunden haben. Je länger Sie üben, in die Gedankenstille zu kommen, sie wahrzunehmen, desto schneller können Sie „abschalten“, auch im Alltag. Generell stärkt die Meditationspraxis die Willenskraft und die  Konzentrationsfähigkeit.

Jetzt folgt eine besonders praktische, das heißt kurze, meditative Übung, mit unmittelbarer Wirkung bei zu vielen Gedanken oder bei Stress.

 

Übung

 

Ort: Wo immer Sie sind

Zeit: Wenn Sie sich im Stress fühlen, wenn ihr Aktivitäts- und Gedankenfluss sich nicht aufhalten lässt. 

Methode: Als Erstes nehmen Sie Ihren Atem wahr, anschließend halten Sie Ihren Ausatem nur ganz kurz an, bevor Sie wieder einatmen. Es genügt der Bruchteil einer Sekunde oder ca. eine Sekunde. Ich persönlich liebe diese Übung, in der ich einfach die kleine Pause am Ende des Ausatmens, nach meinem Gefühl recht lange, verlängere. Auch wenn ich keinen Stress habe, mache ich diese Atemübung zwischendurch und bin dann zwangsläufig am Ende des Ausatmens in der Stille, die immer da ist. Und das ist für mich purer Genuss.

Mögliche Resultate: Das Zentrum unserer Aufmerksamkeit wird von den Gedanken auf unseren Atem, also in unseren Körper gelenkt. Weil wir unser Bewusstsein nicht gleichzeitig bei unserem Atem und unserem Denken haben können, sind wir nicht mehr in unserem Gedankenkarussell. Auf diese Weise kann sich innere Ruhe, Zu-sich-Kommen, Besonnenheit und Präsenz einstellen.

 

Erfahrungen sammeln und aufschreiben

 

In den folgenden Abschnitten werden unter anderem Meditationsanleitungen und Übungen beschrieben. Die jeweiligen Übungen sind wie in dem Beispiel oben gegliedert in Ort, Zeit, Methode und mögliches Resultat. Ich beschreibe hier meine eigenen Erfahrungen und die meiner Klienten. Vielleicht sammeln Sie andere Erkenntnisse als ich unter „mögliche Resultate“ angebe. Von daher nehmen Sie diese Erfahrungen am besten nur als eine Möglichkeit dafür, was man mit der jeweiligen Übung bewirken kann.

Ich empfehle Ihnen, Ihre Meditationserfahrungen in einem Notizheft aufzuschreiben. Ihre Aufzeichnungen werden Sie dabei unterstützen, Ihre Einsichten für sich selbst transparenter zu machen. Wer möchte, kann auch seine Träume aufschreiben. Erfahrungsgemäß nimmt bei Meditierenden in den ersten Jahren die Quantität und Qualität der Träume zu. Träume sind für mich Helfer und Wegweiser auf meinem inneren Weg. Die östlichen spirituellen Lehren besagen, dass ein Mensch, der in „Einheit mit dem Sein“ ist, der erleuchtet ist, keine Träume mehr hat. Er ist reine Bewusstheit, völlig im Hier und Jetzt. Die meisten von uns haben jedoch sicherlich noch Träume und es kann sehr hilfreich sein, diese zu erinnern.

Zu Beginn ist das Aufschreiben von Erfahrungen vor allem sehr unterstützend, weil das Wirken der Meditation dann klarer zu erkennen ist. Für den einen bedeutet es zum Beispiel mehr Ausgeglichenheit, für einen anderen mehr Konzentrationsfähigkeit, für den nächsten ist Meditation eine Selbsterforschung, die in Sinnerkenntnis mündet und dem Leben eine Richtung gibt, die über die Grenzen des materiellen Lebens hinausweist. Alle können durch das Meditieren einen Anker in sich selbst finden und das Gefühl „zu Hause“ angekommen zu sein. Damit gewinnen sie auch mehr Selbstsicherheit, mehr Gelassenheit.

Es ist außerdem ein Weg zu mehr Selbstliebe, sich auch mit seinen Fehlern zu akzeptieren und sich so anzunehmen, wie man ist. Selbstliebe ist für uns alle immer wieder eine Herausforderung – und doch ist sie für mich das Heilmittel überhaupt.

All diese Auswirkungen sind Nebenprodukte auf dem Meditationsweg. Doch ist dabei der Weg das Ziel, wie schon Laotse sagte, und das Eigentliche weist darüber hinaus. Es wird in der Literatur je nach philosophischer Ausrichtung mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet, wie zum Beispiel: im Hier-und-Jetzt sein, Erleuchtung, Einheit im Sein, Erwachen, Auferstehung, Nirvana, oder Brahman-Bewusstsein, Stille, Alles, Nichts.

Letztendlich gibt es keine genauen Worte hierfür – jeder findet seinen persönlichen Ausdruck.

 

Verschiedene Facetten der Meditation

 

Es gibt, wie bereits erwähnt, viele verschiedene Meditationstechniken und ich empfehle es, verschiedene Methoden auszuprobieren. Dann wird sich zeigen, was Ihnen am meisten liegt und am besten gefällt. Es gibt Methoden, die mehr über den Verstand oder über die meditative Aufmerksamkeit, Achtsamkeit oder Hingabe gehen oder eher mehr Bewegung beinhalten. In jedem Fall sammeln Sie dabei Erkenntnisse und lernen sich selbst tiefer kennen.

Diese meditativen Erfahrungen können sehr faszinierend sein, sodass der Alltag  vergleichsweise banal wirkt. Ich persönlich war für einige Zeit fast süchtig nach diesen meditativen Zuständen von Erkenntnissen, von Stille oder von auraähnlichen Erscheinungen, die unvorhergesehen auftraten. In dieser Zeit meditierte ich täglich für mehrere Stunden ohne Pause, was natürlich zu viel des Guten war und ist. Nach einer Stunde des Meditierens ist eine Pause mit Bewegung unbedingt erforderlich! Nach ein paar Wochen hatte ich das Gefühl eines rauschähnlichen Zustandes. Also balancierte ich meine Meditationszeiten aus und gewann eine neue Ebene der Wahrnehmung. Ich habe mich dann bewusst entschieden, mich darin zu üben, mit meiner Aufmerksamkeit im Alltag, im Hier und Jetzt zu sein.

 

Ein sehr wichtiger Aspekt des Meditierens ist – gleichgültig, ob Sie verschiedene Arten ausprobiert haben oder nicht –, dass Sie sich irgendwann für „eine “Meditationsart entscheiden. Wie schon erwähnt, fiel meine Wahl auf die Vipassana-Meditation und ich bin dabei geblieben. Es kamen und kommen immer wieder neue Meditationstechniken hinzu, unter anderem von bekannten Persönlichkeiten, die vermitteln, wie sie auf ihre Weise Heilung erfahren haben. Es ist verführerisch, sich dann von „seiner“ Meditation wegziehen zu lassen; diesem Gefühl, diesem Drang habe ich immer widerstanden. Die „neue“ Meditationsart kann verstanden werden als eine Ablenkung, die erst einmal wieder unbekannte Zugänge ins Meditative beinhaltet. Bei allem, was wir regelmäßig üben, wie zum Beispiel Klavierspielen oder Kopfrechnen, bilden sich im Gehirn spezielle neuronale Verknüpfungen. Genauso ist es auch bei einer Meditationsart und deswegen bewährt es sich meist, bei ein und derselben zu bleiben und tiefer zu gehen. Der Erfahrungsschatz wird größer, sodass wir im Laufe der Zeit leichter in die Stille jenseits des Denkens gelangen. Generell ist ohne regelmäßiges Üben kein so bedeutungsvolles Ergebnis zu erwarten.

 

Nachfolgend stelle ich Ihnen verschiedene Meditationsarten vor, unter denen Sie die passende auswählen können. Die verschiedenen Meditationen habe ich von meinen Reisen aus verschiedenen Ländern und von spirituellen Weisheitslehrern mitgebracht, einige sind von mir selbst. Ich habe sie alle längere Zeit praktiziert, intensive Erfahrungen damit gemacht und hier aufgeschrieben.

 

Vipassana-Meditation

 

Vipassana ist eine stille Meditation. Es ist ein Wort aus der altindischen Sprache Pali. Passana bedeutet „sehen“ und Vipassana heißt „in sich hineinschauen“ – alles so zu betrachten, wie es „wirklich“ ist, bis die letzte Wahrheit geschaut ist, unabhängig von Verstand und Körper erfahren wird. Als Methode liegt dem die Selbstbetrachtung durch Wahrnehmung des eigenen Atems zugrunde. Wenn wir die letzte Wahrheit erfahren haben, sind wir vollkommen befreit von allen Unreinheiten, von allem menschlichen Leid. Wir haben dann einen reinen Geist und ein reiner Geist kann nur Liebe und Mitgefühl sein. Wir sind „erwacht“. Östliche spirituelle Lehrer sprechen in diesem Zusammenhang von Nirvana, der vom Bewusst sein erfahrbaren Dimension des Letztendlichen.

 

Der historische Buddha, Siddhartha Gautama, wurde im 5. Jahrhundert vor Christus geboren. Es soll vor ihm bereits andere Buddhas gegeben haben. Das Wort Buddha bezeichnet einen Menschen, der „erwacht“ ist, der die vollkommene Erleuchtung und somit die vollkommene Befreiung, Nirvana, verwirklicht hat – die Erlösung aus dem Kreislauf der Existenzen. Zu Lebzeiten des Siddhartha Gautama gab es bereits Vipassana; sie ist eine der ältesten Meditationsarten und führt in das eigene innere Zentrum jenseits der Gedanken. Und es sei an dieser Stelle noch einmal erwähnt: Vipassana ist die Grundlage, die Essenz aller Meditationsarten, die dann abgewandelt wurden und auch heute noch den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden. Neben den unschätzbaren Vorteilen der Meditation trägt sie das jahrtausendealte Potenzial und die Kraft der Tradition in sich.

 

Als eine Art Nebenprodukt führt Vipassana zu Einsicht, Erkenntnissen und einer Zunahme der intuitiven Fähigkeiten. Für mich kann ich sagen, dass ich dadurch wahrnehmungsfähiger geworden bin. Wie ich schon ausführte, wurden mir dadurch Träume zugänglicher, und ich integriere die visionären Botschaften in mein Leben.

Wir bedanken uns herzlich für den Textauszug aus

„Ins Licht geschubst“

von Monika Weber

beim Innenwelt Verlag!


Impuls zum Thema "Hoffnung" - Von Fernand Braun

„Verlasse dich nicht!

Begrabe den Schmerz, 

der noch der deine ist,

nicht unter Felsgestein der Vergangenheit,

denn unbeweint kann er nicht Hoffnung gebären,

dich nicht zu verborgener Quelle führen,

die dir Leben verheißt."                                  (Antje Sabine Naege)

 

In den Gesprächen mit Kursteilnehmenden werde ich oft mit großem Leid und Schmerz konfrontiert. Eine Frau, die seit Jahren regelmäßig an den Übungstagen teilnimmt, erzählte mir die Geschichte ihrer Mutter, die als junges Mädchen mit ihr schwanger wurde, von der Familie verstoßen und noch vor der Geburt vom Vater des Kindes verlassen wurde. Ihre Enttäuschung vergrub sie unter ihrem Schmerz und ihrer existentiellen Angst. In ihrer maßlosen Enttäuschung und zunehmenden Verbitterung konnte sie ihrem Kind keine emotionale Nähe schenken. Sie kam als Kind ins Heim - die Mutter verstarb verwahrlost und vereinsamt.

 

Auf dem spirituellen Weg wollte sie ihre eigene Geschichte aufarbeiten, sich selbst unter den Trümmern ihrer „zerstörten“ Kindheit zurückgewinnen, indem sie sich ihren eigenen existentiellen Ängsten stellen wollte. Nun, der spirituelle Weg ist und ersetzt keine Therapie. Kann ein Mensch auf dem spirituellen Weg seine leidvolle Geschichte aufarbeiten? Kann er der Angst und dem Schmerz, die er unter dem „Felsgestein der Vergangenheit begraben“ hat und nicht „beweinen“ durfte und konnte, erneut begegnen, stand- und aushalten? Denn Angst und Schmerz werden ihm begegnen - wie in der Therapie führt auch der spirituelle Weg den Übenden mitten darin hinein.

 

Irvin Yalom, ein US-amerikanischer Psychoanalytiker, hat einen bemerkenswerten Satz geschrieben, der nicht nur in der Therapie, sondern auch auf dem spirituellen Weg gilt: „Wir müssen aufhören mit der Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit!“ Wir können die Vergangenheit nicht umschreiben. Aber nicht nur die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit, sondern auch die (falsche) Hoffnung auf eine Zukunft, wo alles vollkommen ist, sofern sie an bestimmte Erwartungen oder Vorstellungen geknüpft ist, sollten wir lassen! Auf dem spirituellen Weg geht es weder um Vergangenheit noch Zukunft – es ist die Gegenwart, um die es geht und uns ganz und gar zur Verfügung steht! Die alten Ängste aus der Vergangenheit oder die Sorgen um die Zukunft erscheinen in diesem gegenwärtigen Augenblick und spiegeln sich in unserem Bewusstsein als Erwartungen und Erinnerungen. Das Entscheidende scheint mir, wirklich zu erkennen, dass es nur um die Gegenwärtigkeit geht. „Wir sollten die Illusion aufgeben, als hätten wir eine Alternative zu dem, was jetzt ist!“ so Willigis Jäger.

 

„Verlasse dich nicht!“ bedeutet in diesem Sinne das Leben in diesem Augenblick als ein einzigartiges Geschenk und von unschätzbarem Wert zu würdigen, indem ich es lebe und mich nicht von Ängsten und Sorgen wegtragen lasse bzw. mich sozusagen in meine Erinnerungen und Erwartungen verabschiede. Mein Leben wird ehrlicher und wahrhaftiger und ich erkenne die Tatsache an, dass das Leben immer im Wandel ist und ich dem Geschehen – sofern es mir möglich ist, und das wäre eine unabdingbare Voraussetzung auf dem spirituellen Weg – Raum lassen kann: Raum für Trauer, Raum für Linderung, Raum für Schmerz und Elend, aber auch Raum für Freude. Es geht nicht darum, an einen Ort anzukommen, wo alles besser oder vollkommen ist. Der spirituelle Weg führt nicht in den Himmel, sondern an den einzigen Ort, wo du sein kannst: „Jetzt“, bei dir!

 

Fernand Braun ist Mitglied der spirituellen Leitung „Wolke des Nichtwissens - Kontemplationslinie Willigis Jäger“. Er ist spiritueller Leiter des Benediktushofes und Mitglied im Präsidium der "West-Östlichen Weisheit - Willigis Jäger Stiftung". Neuerscheinung: „Ich suche nicht, ich finde“, Kösel Verlag

Benediktushof – Zentrum für Meditation und Achtsamkeit

In Stille und Klarheit das Leben erfahren

 

Der Benediktushof ist eines der größten Zentren für Meditation und Achtsamkeit in Europa. Hier können Menschen in Stille zu sich selber kommen, sich auf Wesentliches besinnen und mit lebenspraktischen Impulsen gestärkt in den Alltag zurückkehren. Dafür bietet der Benediktushof ein breites Seminar- und Kursangebot. Die großen östlichen und westlichen Meditationswege Zen und Kontemplation bilden die zentralen Säulen. Hinzu kommen moderne Achtsamkeitsmethoden wie MBSR, Yoga sowie Kurse aus den Bereichen Führungskompetenz, Kreativität, Gesundheit und Selbsterfahrung. Weitere Infos: www.benediktushof-holzkirchen.de