Spiritualität Ältere Ausgaben


Herbst 2017


Vision des Herzens - von Sabrina Gundert

Foto: ©Raphi See photography
Foto: ©Raphi See photography

Ich hatte keine Ahnung, wer er war und woher er kam, als ich ihn plötzlich hörte. 

 

Zuvor war ich eine Stunde Zug gefahren. Hatte viel geschrieben. Mir Gedanken darüber gemacht, wie weit ich meiner Vision folgen konnte, wie weit es sinnvoll war. Ob ich nicht manchmal doch lieber vernünftig werden, mich um das Geld kümmern, einen Plan machen sollte. 

 

Ob ich wirklich so weit vertrauen durfte, auf mich, den Ruf in mir und die Vision einer Welt, in der Menschen sich erinnern an das, wofür sie hier sind. In der sie ihr Eingebundensein zwischen Himmel und Erde wieder spüren, den tiefen Frieden, der daraus erwächst, und es wagen, einander als Menschen zu begegnen.

 

Und dann stand er da. Davide Martello, dessen Namen ich erst viel später erfahren sollte, und sein Flügel, angehängt an ein E-Bike. Er stand da, mitten auf der Marktstätte in Konstanz am Bodensee, einem sonst eher kahlen, fast baumlosen Platz, über den die Menschen an gewöhnlichen Tagen in die Stadt hetzen, mit Einkaufstaschen, Plänen im Kopf, gesenktem Blick.

 

Doch heute war etwas anders. Oder: alles. In einem Kreis standen da Menschen um ihn, seinen Flügel und sein E-Bike, während seine Klavierklänge die Marktstätte fluteten. Die Zeit schien verlangsamt, die Menschen mit ihr, ursprüngliche Pläne nicht länger wichtig.

 

Ich hörte einen Mann neben mir zu jemandem sagen, der Klavierspieler hieße Davide, er spiele überall auf der Welt, vor allem auch an Orten, an denen Unruhen und Gewalt herrschten. Überall dort baue er seinen Flügel auf und spiele. Nur das.

 

So schloss ich die Augen, öffnete sie wieder, sah mich um. Meine eigene Einkaufsliste hatte ich längst abgehakt. Denn ich bemerkte, dass ich mitten in der Antwort auf all die Fragen stand, die mich die ganze Zugfahrt über begleitet hatten – und die mir inzwischen so fern erschienen.

 

Mit jedem Klang flog die Antwort über den Platz und schien zu rufen: Ja, es ist sinnvoll seiner Vision zu folgen. Ja, es ist unendlich wertvoll, an etwas Größeres zu glauben. Auch, wenn es manchmal idiotisch, unerreichbar, idealistisch oder weltfern scheint.

 

Und ja, es ist möglich, dass wir einander wieder als Menschen begegnen. Dafür braucht es nicht viel. Manchmal reicht ein Klavierstück im Nieselregen auf einem zugigen Platz aus. Um die Stille, das Leuchten und unser Verbundensein als Menschen wieder so greifbar zu erfahren.

 

Zurück zuhause sah ich noch ein Video an: Das der Herzensfolger, einer Familie, die sich im Norden Norwegens in einer Art rundem Glashaus ein nachhaltiges, naturverbundenes Leben geschaffen hat und damit der Vision ihres Herzens gefolgt ist.

 

Am Ende dieses Tages spürte ich, wie mein Mut zurückgekehrt war. Darein, zwischen verspäteten Bahnen, täglich neuen Kriegsschauplätzen und der Vorsteuerabgabe das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren: meine Vision. Das, wofür ich stehe. Wofür ich gehe. Wofür ich hier bin.

 

Und sie zu erinnern, vielleicht auch: sie erst einmal zu finden. Um sie dann in die Welt zu tragen und zu leben.

 

Zu Davide Martello: www.klavierkunst.com, zu den Herzensfolgern: www.vimeo.com/151048885

 

Foto: ©Alexandra Stehle
Foto: ©Alexandra Stehle

Der Text stammt aus Sabrina Gunderts - www.sabrinagundert.de - neuem Printmagazin "Verbundensein".

 

Mehr dazu hier und www.magazin-verbundensein.de


Sommer 2017


Der Weg des Erwachens

Ein Erfahrungsbericht von Michael Gleich
   
Es war bei einer Busfahrt. Ich blickte aus dem Fenster, Straßenzüge der Großstadt glitten vorbei, keine besondere Situation – und plötzlich wurde es still in mir. Keine Gedanken mehr. Die Zeit blieb stehen. Der Raum dehnte sich ins Unendliche, ohne dass sich etwas bewegte. Grenzenlose Verbundenheit mit allem. Ein klares Sehen, dass alles, was existiert, grundgut ist. – War das Erwachen? Ja. Bin ich erwacht? Nein. Schon wenig später begann der alte Lärm im Kopf wieder. Gedanken, Urteile, Wünsche, Selbstanklagen, Schuldgefühle. Das ganze Theater des Ich-Geistes.

 

Solche Stille-Momente haben in mir eine brennende Sehnsucht geweckt. Ich hatte den Geschmack von Freiheit gekostet. Gleichzeitig gab es das Eingeständnis: Mit meinen bisherigen Versuchen, Lebensglück zu finden, war ich komplett gescheitert. Ich hatte auf Liebesbeziehungen gesetzt, materielle Sicherheit, Erfolge im Beruf, und mir davon Erfüllung und inneren Frieden erhofft. Stattdessen fühlte ich mich leer, erfüllt nur von Sinnlosigkeit.

Seitdem will ich wissen, was jenseits leidvoller Gedanken-Mühlen ist, die sich immer wieder um dasselbe drehen. Mich treibt die Frage um: Wer bin ich wirklich – ohne dieses Leiden?
„Menschen, die sich auf den Inneren Weg machen, haben zunächst eine sehr oberflächliche Vorstellung von Leiden“, sagt der spirituelle Meister OM C. Parkin, der seit 30 Jahren spirituell Suchende begleitet. Erst später, mit zunehmender Reifung, erschließe sich ihnen, was Leiden in der Tiefe bedeutet: die Identifikation mit einem Ich-Geist, der das Bewusstsein verengt und verdunkelt. Beruhend auf der Vorstellung „ich bin dieser Körper“, trennt er von der Realität, vom Sein.
Weisheitslehrer wie OM weisen den Weg zurück. Nach Hause. In die Realität der Einheit. Dazu reicht es jedoch nicht, Schülern zu predigen, „ihr seid schon DAS“. Es ist notwendig, die Illusionen eines Geistes zu entlarven, der von sich behauptet, ein eigenständiges Wesen zu sein und sich selbst an die oberste Stelle stellt. Er beansprucht für sich, die Wahrheit zu kennen und prüfen zu können.
Geister haben die Eigenschaft, dass man sie nicht einfach sehen, anfassen, dingfest machen kann. Sie sind unsichtbar, flüchtig, unfassbar. Und dennoch ist der Ego-Geist kein unüberwindlicher Gegner. Zunächst gilt es, seine Spuren zu lesen. Das geschieht in der Selbsterforschung.
„Der denkende Geist will sich der Grundkräfte des Seins bemächtigen. Alles meins!“ So beschreibt die Diplom-Psychologin Ulrike Porep, Lehrerin an der Enneallionce, die Anmaßung des Egos. „Das Zorn-Ich sagt dann: Ich will nicht. Das Angst-Ich sagt: Ich will weg. Das Wunsch-Ich sagt: Ich will es anders! Aber wer ist eigentlich ‚ich’? Letztlich zeigt sich ein System, das aus Geschichten besteht, die wir uns immer wieder neu erzählen.“ Leidensgeschichten. Es geht darum, sie immer feiner zu durchdringen, zu entlarven und dadurch für den Kontakt zur Realität durchlässiger zu werden.


Ja, wir tragen den göttlichen Funken in uns. Und nein, wir wissen es nicht, solange wir uns als vom Sein getrennt wähnen. Deshalb gibt es Erwachen nicht gratis. Wir haben einen Weg zu gehen, der unbequem und herausfordernd ist. Und womöglich – für das Ego – zum Tod führt.
Vortrag, Dialog & Workshop mit OM C. Parkin siehe unter „Veranstaltungen“.


Frühling 2017


Kollektives Trauma - Mystik - Integration - ein Interview mit Thomas Hübl

Echos und Antworten in einer fragmentierten Welt

Ein Interview mit Thomas Hübl, dem Initiator des Celebrate Life Festivals:

Thomas, was ist das Wesen von Trauma, und in welcher Beziehung dazu steht die Mystik?
Thomas Hübl: Das Thema Trauma ist von besonderer Relevanz in der Bewusstseinsevolution. Evolution ist Bewegung. Trauma wirkt als bremsende Kraft. Wenn wir inspiriert sind, wenn wir etwas Neues herausfinden und frische Einsichten haben, wenn wir kreativ sind, wenn wir gemeinsam in einen interessanten Dialog gehen, wird Bewegung angeregt und wir kommen intensiver in den Fluss. Treffen diese Anregungen oder Anforderungen jedoch auf ein traumatisiertes Areal, passiert das Gegenteil: Es  entsteht Angst, Konfusion, Überaktivierung, Rückzug, Eskalation etc. Dieser Mechanismus hat sowohl in der persönlichen Entwicklung des Einzelnen als auch für die Beziehung zu anderen Menschen und im kollektiven Miteinander erhebliche Auswirkungen. Erfahrungsfähigkeit, Beziehungsfähigkeit und Verarbeitungsfähigkeit sind eingeschränkt.
Neben unvorhergesehenen Begebenheiten, die zu traumatischen Schockreaktionen führen können, ist Trauma für die meisten Menschen etwas, das aus einer nicht adäquaten Beziehung und /oder einer überwältigenden Erfahrung entsteht und nicht erlöst werden kann.


Im Trauma ist unser Organismus überfordert. Es gibt eine Überladung von der Erfahrung, die nicht verarbeitet werden kann. Durch die Überlastung des Nervensystems reduziert der Organismus seine Sensitivität. Es gibt also eine Hyperaktivität und zugleich eine bremsende Aktivität. Sich weiterbewegen zu wollen und gleichzeitig energetisch auf der Bremse zu stehen, das ist das Wesen von Trauma.
Die Mystik begreift Trauma als gefrorene Vergangenheit. Sie geht davon aus, dass die Vergangenheit nicht das ist, was im Sinne einer Zeitlinie gestern passiert ist, sondern das, was vom Gestern noch unerledigt ist und deshalb heute immer noch unser Leben beeinflusst.  Ein Päckchen also, das ein Mensch mit sich herumträgt, welches seine Entscheidungen und Beziehungen mitbestimmt und ihn zumindest subtil fortwährend beschäftigt. Im Fernen Osten nennt man das Karma. Wir nennen es hier Trauma. Aber ganz gleich, wie wir es nennen, – es ist ein Phänomen, das in der Gesellschaftsentwicklung und Bewusstseinsevolution eine enorme Tragweite hat.

Wie äußert sich individuelles Trauma im Alltag, und wie können wir alltäglichen Traumasymptomen begegnen?
T.H.: In den Momenten, in denen ein Mensch nicht seiner Intelligenz entsprechend auf die Wirklichkeit antworten kann, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er gerade entweder einer starken Konditionierung oder einem Trauma in sich begegnet. Da ihm das jedoch nicht bewusst ist, nennt er es Problem. Doch dieser Mechanismus ist ja nur der nach außen projizierte Versuch, für seine eigene Konfusion  und/oder Unzulänglichkeit eine Erklärung zu finden. Ihm fehlt in solchen Situationen die innere Möglichkeit, zu der gestellten Herausforderung eine Beziehung zu finden. Wird diese Beziehungsfähigkeit wieder hergestellt, wird enorm viel Energie frei, die bis dahin gebunden war.
Umso gesünder sich diese Beziehungsfähigkeit in den ersten Lebensjahren entwickeln kann, desto besser ist die Basis, die Menschen für ihr Leben haben. Gibt es diesen guten Nährboden nicht, führt das manchmal zu einem lebenslangen Abmühen mit bestimmten Themen und zu zirkulär wiederkehrenden Schwierigkeiten, die mit viel Leid verbunden sind.

Jeder kann seine eigenen Traumasymptome im Alltag erforschen und daran arbeiten: Wenn ich nicht automatisiert lebe, sondern lerne, mich mehr und mehr bewusst auf mich selbst zu beziehen, bekomme ich immer mehr mit, wo mir das Leben schwer fällt, wo ich keine Selbstbeziehung herstellen kann.
Wenn ich dann genug Mut habe, fange ich an, mir meine Themen in der Ich-Du-Beziehung, ggf. gemeinsam mit einem Profi, tiefer anzuschauen. So kann das nachreifen oder heilen, was aus nicht adäquaten Beziehungen entstanden ist. Hilfreiche Werkzeuge hierfür sind sowohl Traumatherapien als auch die spirituelle Praxis, sowie Gemeinschaften, die ein gesundes Beziehungsumfeld und eine gesunde Basis für individuelle und inter-personelle Praxis bieten.
Für manche Menschen gilt es jedoch, überhaupt erst einmal anzuerkennen, dass sie traumatisiert sind; dass sie also je nach Abstufung in ihrem Leben etwas überwältigt hat oder sehr schwer zu ertragen war. Indem sie das ernst nehmen, öffnen sie ein Tor für ein Umfeld, in dem Heilung entstehen kann.

Es gibt exzellente psychologische Methoden zur Auflösung von Traumata. Welche Verbindung gibt es zwischen der Mystik und moderner Traumatherapie?
T.H.: Aus Sicht des Mystikers gibt es beim Verständnis von Trauma keinen Unterschied zwischen Mystik und Psychologie. Gerade die neuesten Erkenntnisse der Psychologie zeigen, dass es eine sehr starke Übereinstimmung zwischen Mystik, Energetik und Traumatherapie gibt. Die Mystik spricht von eingefrorener Energie in Raum und Zeit, und es geht, genau wie in der Traumatherapie, darum, diese gefrorenen Areale zu kontaktieren und zu erlösen, also in eine neue Beziehung zu führen, und dadurch die Entwicklung des Menschen wieder in Fluss zu bringen. Moderne Traumatherapie und Mystik wirken synergistisch.
Wenn man sich Traumata stellen möchte, sind Mystik und Psychologie vortreffliche Partner, die sich wechselseitig darin verstärken können, kristallisierte Energie in Bewegung zurückzuführen und die Synchronizität von Körper, Herz und Geist wieder herzustellen.  

Trauma gab es zu allen Zeiten. Warum erachtest du dieses Thema gesamtgesellschaftlich gegenwärtig als besonders relevant?
T.H.: Die ganze Welt erlebt derzeit eine Welle von Aufruhr, Umbruch und Retraumatisierung. Jahrtausende alte Schatten entladen sich. Die Erlösung alter Traumata ist von immenser Bedeutung für die globale gesellschaftliche Weiterentwicklung. Überall dort, - in uns selbst und in der Welt -, wo es uns nicht gelingt, Karma/Trauma zu erlösen, müssen wir erneut durch die Erfahrung hindurch.
Gerade in Deutschland ist es aktuell wesentlich, für traumatische Zusammenhänge bewusst zu sein, weil die vielen Flüchtlingen, z. B aus Syrien, die frisch traumatisiert ins Land kommen, hier auf eine Kultur treffen, die noch dabei ist, den Holocaust und den zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten. Verdrängtes Unbewältigtes wird reaktiviert. Das kann einerseits zu sehr spannungs- und konfliktbeladenen Situationen führen, zugleich liegt darin aber auch eine enorme Heilungschance, weil wir durch diese Aktivierung Zugang bekommen zu der verschütteten kollektiven deutschen Traumatisierung, die durch die Generationen weitergegeben wurde und immer noch in vielen Menschen aktiv ist.
 
Wenn wir einen heilsamen Beitrag in der Welt leisten wollen, sind wir aktuell mehr denn je gefordert, uns sowohl mit individuellen Traumata als auch mit kollektiven Regulationsphänomenen und deren Beziehung zueinander zu beschäftigen. Die transpersonale Dimension unterstützt uns dabei, die Vergangenheit heilsam umzuschreiben. Rationales Wissen und das Schauen auf Symptome bringt uns nicht weiter.
Wir brauchen ein kulturelles Reflexionsfeld, in dem wir uns gegenseitig von der Idee einer idealen Welt „ent-süchtigen“, denn das Aufrechterhalten dieses Ideals führt zur Vermeidung einer tiefen inneren Beziehung zu dem, was wirklich geschieht. Die Transformation von kollektivem Trauma beginnt, wo wir uns individuell allem, was uns in diesem Augenblick begegnet, radikal zur Verfügung stellen können.

Wie sind individuelle und kollektive Traumata miteinander verwoben und welche Verantwortung ergibt sich daraus?
T.H.: Durch die angespannte Weltlage werden wir über die Medien täglich mit Traumatisierung konfrontiert. Doch sehr viele Menschen sind gar nicht in der Lage, das, was sie dort sehen, adäquat zu verarbeiten, weil die Nachrichten auf ihr eigenes gefrorenes Areal treffen.
Wir alle sind in kollektive Traumata hineingeboren, aber wir sind uns dessen nicht bewusst, weil diese Traumata uns geprägt haben und alle Menschen in unserer Kultur darin verbunden sind. Viele Beziehungsgefüge, die wir als gegeben und normal hinnehmen, sind  bei tieferem Hinschauen Schattensymptome.
Anschaulich wird dieses, wenn z.B. jemand bislang vollkommen Unbekanntes in meiner Umgebung auftaucht und in mir selbst erst einmal eine Distanz, ein Fremdheitsgefühl, entsteht. Gelingt es mir, dieses distanzierte Gefühl bewusst als zu mir selbst gehörend anzunehmen, habe ich die Freiheit zu schauen, was als nächstes tatsächlich passiert. Wenn ich dieses Fremdheitsgefühl jedoch gewohnheitsmäßig von mir weg auf den Unbekannten richte und mich mit bekannteren Menschen in meiner Umgebung zusammenschließe, denen das auch so geht, fühlen wir uns als Gesellschaft verbunden - und der Unbekannte wird zu einem Fremden.
So wird die Fremdheit im einzelnen Menschen vor dem Hintergrund jahrtausendealter Traumata und Schmerzen als gesamtgesellschaftliche „Wahrheit“ ins Außen projiziert.
Wenn wir Verantwortung für die Weiterentwicklung und mögliche Erlösung unserer Kultur übernehmen, müssen wir uns fragen, wie es eine Kultur schafft, Traumata wie den Holocaust kollektiv zu verdrängen. Wie machen wir es, dass die ganze, von Massenmorden und Kriegen übrig gebliebene Energie nicht ständig mit uns an unserem Arbeitstisch sitzt? Wie kann man präventiv in Krisensituationen handeln und neue Wege/Instrumente entwickeln, um die Effekte von kollektiver Traumatisierung bereits im Vorfeld zu reduzieren?
Es ist inzwischen vieles bekannt über die Dynamiken, mit denen der einzelne Mensch seine Traumata verdrängt. Aber wir wissen relativ wenig darüber, wie die kollektive Verdrängung funktioniert. Noch weniger wissen wir darüber, wie genau wir an diesen Dynamiken Anteil nehmen. Und es ist schwieriger, diese Dynamiken zu erforschen, weil jeder von uns selbst auch darin lebt.
Man muss sehr bewusst sein, um sich langsam aus diesen Gewohnheiten und Verständigungen herauszuschälen. Aber wenn wir das erforschen, tun sich vollkommen neue Welten auf. Es betrifft uns alle. Und meiner Ansicht nach werden sich viele zukünftige Einsichten in der Psychologie aus dieser neuen Dimension heraus entwickeln.

Was können wir als Einzelne und als Kultur zur Traumaheilung beitragen?
T.H.: In all den traumatischen Schatten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, liegt auf höherer Bewusstseinsebene auch das höchste Potenzial für Transformation.
Die Chance unserer Zeit besteht nicht in der Indifferenz. Gewisse Dinge existieren kollektiv nur weiter, weil sie nicht gesehen werden können. Wir müssen sowohl als Individuen als auch als Kultur lernen, mit einer echten Empfindungsfähigkeit Anteil zu nehmen. Wir müssen hinschauen lernen, wo die meisten Leute heute noch wegschauen oder nur intellektuell hinsehen können, weil es zu schwierig ist.
Wir können uns in der spirituellen Praxis verbinden und sie als Ressource zur Prävention und Bewältigung von Traumata nutzen. Wir können uns um die Auflösung unserer individuellen Traumata kümmern und andere darin unterstützen, ihre Traumata aufzulösen. Wir können tiefgreifende Beziehungs-Kompetenzen ausbilden, um auch starke Emotionen und scheinbar Widersprüchliches in uns beheimaten zu lernen und nicht abzuspalten.
Die Menschen, die schon heute dazu in der Lage sind, hinzuschauen und sich dem Unangenehmen zu stellen, können diesen Mut und diese Lebensverpflichtung für unsere gemeinsame Lebensgrundlage einsetzen und Teil einer transformatorischen Bewegung werden.

Multidisziplinäre Zugänge, gespeist u.a. aus Recht, Soziologie, Bildung, Kunst, Medizin und Spiritualität, können helfen, Traumata zu beleuchten, zu erforschen, zu integrieren und zu heilen. Gemeinsam können wir dafür Verantwortung übernehmen, jenseits der Traumatisierung zu einer Wiederherstellung der natürlichen Bezogenheit und Bewegung zu gelangen. In dieser Wiederherstellung liegt die transformatorische Kraft dafür, traumatische Zyklen zu stoppen und als Menschheit einen echten Lernschritt weiterzugehen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Foto Th. Hübl: Stig Albansson

Das 14. Celebrate Life Festival 2017 findet vom 28. Juli bis 6. August im Hof Oberlethe statt.

Ausführliche Infos bald auf www.celebrate-life.info.


Winter 2017


Dialogische Achtsamkeit in der Psychosynthese - von Kerem Böge

Mentale Gesundheit als einen Prozess des persönlichen Wachstums begreifen - eine empirische Studie von Kerem Böge

Kerem Böge ist Psychologe, Wissenschaftler und Psychosynthese-Therapeut. Neben seiner Tätigkeiten als Lehrtherapeut am Institut für Psychosynthese und Transpersonale Psychologie Köln hat er eine eigene Praxis in Berlin. Weiterhin promoviert er an der Charité Berlin, wo er die erste deutschsprachige Akzeptanz und Commitment Therapie und einen achtsamkeitsbasierten Leitfaden in der psychotherapeutischen Behandlung von psychotischen Störungsbildern entwickelt.

In den letzten Jahren zeichnet sich ein Wandel in der medizinischen wie psychologischen Wissenschaft, hin zu einem personenzentrierten Verständnis von Gesundheit ab. Holistisch-östliche Ansätze, wie Yoga und Achtsamkeit, erlangen hierbei auch innerhalb der westlichen Psychotherapieansätze einen signifikanten Popularitätsschub. Die dialogische Achtsamkeit, nach dem 'Kölner Modell', beschreibt den Prozess eines inneren Dialogs des mentalen Systems und seiner psychologischen, sowie psychosomatischen, Komponenten, aus einer achtsamen Beobachterposition heraus.

„Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen blickt, erwacht.“ (Jung 1968)
Fragt man Patienten in westlichen Ländern nach ihrem therapeutischen Ziel, so ist die Antwort eindeutig: Komplette Genesung. Doch immer mehr Experten lehnen die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab und favorisieren stattdessen einen Paradigmenwechsel hin zu einem Ansatz, der die Fähigkeiten der Anpassung und der Selbstverwaltung des Individuums als Antwort auf Herausforderungen einbezieht, anstatt sich lediglich auf das Erreichen eines ‘Zustands absoluten Wohlergehens’ zu konzentrieren, wie die WHO vorgibt. Gesundheit sollte daher als ein Prozess begriffen werden, in dem die Verständlichkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit schwieriger Situationen zu einer Steigerung der persönlichen Ressourcen, einer eigenen Anpassung und einer Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens führt, von denen sodann eine positive Interaktion zwischen Geist und Körper erwächst.

Achtsamkeit
Gemäß Johnson (Präsidentin der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft), sollte Psychologie, damit auch Psychotherapie, die Möglichkeit in den Fokus rücken, Klienten in ihrer Gesamtheit zu begreifen, welche Geist, Körper, Kultur und Religion verbindet, um den vorherrschenden Dualismus von Geist und Körper aufzuweichen. In der Öffentlichkeit entsteht ein wachsender Bedarf nach ganzheitlichen Ansätzen, die die westlichen Grenzen zu therapeutisch wertvollen östlichen Praktiken öffnen. Um die Verbindung zwischen der Wahrnehmung mentaler Gesundheit und der Anwendung von Achtsamkeit zu verstehen, hilft eine Vertiefung in ihre Definition. In den letzten Jahren sind viele Definitionen der Achtsamkeit entstanden, jede vom jeweils Ausübenden geprägt. Die unterschiedlichen Annahmen zusammenfassend kann Achtsamkeit zunächst als Zustand klaren Bewusstseins beschrieben werden, wobei die Aufmerksamkeit inhaltslos ist. Des Weiteren ist Achtsamkeit eine nicht-wertende Bewusstheit der gegenwärtigen Erfahrungen, die darauf aufbaut, das eigene subjektive Bewusstsein zu erspüren. Wer Achtsamkeit ausübt, kann somit zum bewussten Beobachter des eigenen Bewusstseins werden - zum Meta-Beobachter.

Es wird angenommen, dass man durch ein verändertes Bewusstsein, im Kontext der Achtsamkeit, ein vertieftes Einsichtsvermögen erhält, welches zu einem Zustand von Gelassenheit führt. Dies wird als Qualität eines Bewusstseins definiert, welches sinnliche und kognitive Objekte wahrnimmt, ohne sie mit Bindung oder Abneigung zu betrachten. Zeitgenössische Forschung deutet klar auf die klinisch wertvollen Effekte von achtsamkeitsbasierten Maßnahmen bei der Therapie verschiedener klinischer Störungen, wie Angstzuständen und Depressionen, Essstörungen und Substanzabhängigkeiten hin. Darüber hinaus haben Achtsamkeitsinterventionen auch zu Verbesserungen der physischen und psychologischen Gesundheit, sowie der Gehirn- und Immunfunktionen geführt.

Psychosynthese
Ein Ansatz, der dafür bekannt ist westliche, traditionelle Techniken wie Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und Jung‘sche Analyse mit östlichen achtsamkeitsorientierten Ansätzen zu verbinden, ist die Psychosynthese. Die Psychosynthese basiert auf einem transpersonalen Psychologieverständnis, welches Körper, Seele, Gefühle und Verhalten einer Person einbezieht und in eine ausgewogene Synthese integriert. Gleichzeitig werden physische, emotionale, mentale und essenziell menschliche Dimensionen mit einbezogen. Transpersonale Psychologie wie die Psychosynthese versteht das ‘Selbst’ als eine Kontrollinstanz des menschlichen Lebens, während das ‘Ich’ die Reflexion des eigenen vollen Potentials ist. Das ‘Ich’ ist somit ein innerer Ruhepunkt, welcher als das wahre Selbst erfahren wird. Folglich kann das ‘Ich’ als das volle Potential des ‘Selbst’ verstanden werden. Diese Beziehung wurde von Neumann als ‘Ich-Selbst-Achse’ beschrieben. Daher gilt ein bewusster und anhaltender Zugriff des ‘Ichs’ auf das ‘Selbst’ als der entscheidende Schritt im psychosynthetischen Verständnis des Heilungsprozesses. Um eine Synthese, dem ganzheitlichen Verständnis des Menschen folgend, zu erreichen, werden weitere therapeutische Maßnahmen genutzt um diesen Integrationsprozess zu erzielen. Dies ist der Kern des potentialerweiternden Ansatzes der Psychosynthese - die Entwicklung einer authentischen Persönlichkeit, die aus den inneren seelischen Stärken erwächst.

Aktuelle empirische Studie
Eine erste empirische Studie über die Psychosynthese nach dem 'Kölner Modell' konnte 2015 die Effizienz von Psychosynthese und deren Effekt auf psychopathologische Symptome nachweisen. Als entscheidender therapeutischer Wirkfaktor konnte bei den Teilnehmern eine Bewusstseinsveränderung gemessen werden, die den Schritt von Fremd- zu Selbstbestimmung hervorhebt. Weitere einzigartige und maßgebliche Merkmale der Psychosynthese sind die ganzheitliche Anthropologie, ihr Gebrauch der Achtsamkeit, ihr erfahrungsorientierter Ansatz und ihre Förderung transpersonaler Einsichten.
Die diesem Artikel zugrundeliegende Studie war die erste ihrer Art, die dialogische Achtsamkeit in der Psychosynthese Therapie zur Arbeit mit elterlicher Introjektion nutzte. Ziel war es ihre Wirksamkeit zur Verringerung von psychopathologischen Symptomen und zur Steigerung von Achtsamkeitsfertigkeiten von Teilnehmern zu testen. Hierzu wurden Teilnehmer während zwei Psychosynthesekursen mit dem Titel "Das innere Kind und die Heilung der Selbstliebe" begleitet, welche vom Institut für Psychosynthese und Transpersonale Psychologie angeboten wurden.

Dialogische Achtsamkeit
Die Grundlagen für den Kurs liefert Jungs Archetyp des ‘göttlichen Kindes’, das als Verkörperung des Individuationsprozesses und des künftigen Potentials eines Menschen verstanden wird.
Hauptziel des Kurses ist das Erwecken von ‘dialogischer Achtsamkeit’, worunter der Prozess eines inneren Dialogs mit dem mentalen System und seinen psychologischen Bestandteilen, von einer achtsamen Beobachterposition aus - dem Zentrum - verstanden wird. Die Kernaussage ist, dass das ‘Ich’ in einem konstanten Dialog mit den mannigfaltigen Reizen und Signalen des Lebens steht, um sich von Identifikationen loszusagen und ein achtsames Bewusstsein zu entwickeln, welches die Entwicklung eines tiefgreifenden Verständnisses der persönlichen Identität ermöglicht. Hierzu wurden die folgenden fünf Schritte für die Arbeit mit von den Eltern übernommenen Einstellungen definiert.

Achtsames Beobachten
Durch eine geleitete Imagination wird der Klient dazu befähigt, einen Zustand erhöhter Wachsamkeit und Präsenz zu erreichen, in dem Signale des Körpers besser wahrgenommen werden können und ein klarerer Sinn für die innere Wahrnehmung entsteht.

 

Elterliche Introjektion bemerken
Ein achtsamer Bewusstseinszustand ermöglicht Klienten sich der Introjektion bewusst werden. In der Psychoanalyse versteht man unter Introjektion einen Prozess - im Gegensatz zu einem Identifikationsprozess - in dem Verhaltensweisen, Attribute und Fragmente der Umwelt reproduziert und übernommen werden. Die verbreitetsten und wohl schwierigsten Introjektionsmuster entstammen der Kindheit, in der bestimmte Aspekte des elterlichen Verhaltens in die Persönlichkeit übernommen werden, was das eigene Selbstverständnis renitent bestimmt und bestehende Möglichkeiten unwirksam macht. Sich dieser elterlichen Introjektion bewusst zu werden, kann somit als Disidentifikationsprozess beschrieben werden, der durch das Erfühlen der schädlichen psychischen Energie und des Wertesystems erreicht wird. Anschließend kann der Klient sich von der darunterliegenden Introjektion lösen, die persönliches Wachstum und Selbstbestimmung gehemmt hat.

Wahrnehmung des eigenen Selbst
Nach dem Begründer der Psychosynthese, Assagioli, werden wir durch alles was mit unserem Selbst identifiziert ist dominiert. Wir wiederum können alles beherrschen von dem wir uns gelöst haben. Die Konzepte Kontrolle und Beherrschung sind nicht als Machterfahrung zu verstehen, sondern vielmehr als ein Gefühl von Inhaltsleere, Disidentifikation oder Entbindung. Sich dessen bewusst zu werden, mit etwas bewusst identifiziert zu sein und gleichzeitig zu entscheiden mit welchem Inhalt, ist der bedeutendste Ich-stärkende, therapeutische Effekt, im Gegensatz zur achtsamkeitsbasierten Meditation. Daher ist die pure Wahrnehmung von ‘Ich’ oder ‘Selbst’ eine konstante Identifikation mit inhaltsleerer Achtsamkeit (reinem Bewusstsein) und Willen. Während dieses Prozesses ermöglicht die Lösung von der gestörten elterlichen Introjektion die Chance, mit dem eigenen inneren Kind in Kontakt zu kommen.

Dialog
Von einem losgelösten Blickpunkt aus, dem Zentrum, kann der Klient direkte Fragen an die psychische Energie, die unter der schädigenden Introjektion liegt, richten. Dieser Prozess führt zu einer Offenlegung der angewachsenen Macht der Introjektion und folglich zu einer Enthüllung ihres wahren Sinnes, nämlich Fremdbestimmtheit. Durch das Erfühlen schmerzhafter Emotionen, die von diesen gestörten Wertevorstellungen herrühren, wird deren schädliche Energie entmachtet. 

Inneres Wachstum
Dieser wiederholte und bewusste Prozess der Interaktion zwischen ‘Ich’, ‘Selbst’, innerem Kind und der Energie der Introjektion, bestärkt die eigene persönliche Identität und lässt eine gesunde und ergiebige Brücke zwischen ‘Ich’ und ‘Selbst’ (Ich-Selbst-Achse) erwachsen. So kann der Klient einen bedeutsamen Schritt von Fremdbestimmtheit zur Eigenständigkeit bestreiten.

Ergebnisse
Die Resultate der Studie konnten einen bedeutenden Anstieg der Achtsamkeitsfähigkeiten von Kursbeginn bis Kursende messen. Außerdem konnten die Ergebnisse einer vorherigen Studie erfolgreich bestätigt werden, indem eine große Bandbreite an psychopathologischen Symptomen (Depression, Angst, Aggression, etc.) von Kursbeginn bis Kursende abnahm. Entscheidend hierbei ist, dass der Anstieg an Achtsamkeitsfähigkeiten mit der Verringerung der psychopathologischen Symptome korreliert. Dies veranschaulicht den therapeutischen Effekt des Kurses, welcher auch drei Wochen nach Kursende stabil blieb und somit einen langanhaltenden therapeutischen Effekt nachweist.

Schlussfolgerungen
Als mögliche Erklärung gelten die wiederholten Übungen, die den Disidentifikationsprozess von elterlicher Introjektion unterstützen, wodurch die Teilnehmer ein Gefühl der Entbindung von schädigenden psychischen Energien erfahren. Indem der Klient aus dieser Erfahrung heraus seinen Problemen achtsame Aufmerksamkeit widmet, kann ein vertieftes Verständnis des ‘Selbst’ und der persönlichen Identität, zu einer besseren Wahrnehmung des Selbstbewusstseins führen, was zu erhöhten Selbst-regulierenden Prozessen führt. Somit führt dialogische Achtsamkeit, in steter Ausübung, zu einem veränderten Selbst-Wahrnehmungszustand, der zum ultimativen therapeutischen Ziel, innerem Wachstum, führt. Dialogische Achtsamkeit strebt im Kontext des Kurses einen fruchtbaren Austausch mit dem inneren Kind an. Die Klienten ziehen bildlich gesprochen ihr inneres Kind groß, was Selbstliebe und einen Individualisierungsprozess veranschaulicht. Die anhaltende achtsame Interaktion mit dem eigenen Inneren führt zu einem fortschreitenden Erwachungsprozess, der einen essenziellen Anteil der Selbsttherapie darstellt. Dank des Fokus auf die eigenen, naturgegebenen Stärken (Ressourcen) der Psychosynthese ermöglicht dieser konstante Dialog mit dem inneren Kind auch nach Kursende fortlaufende Reifung und selbst-regulative Prozesse.

Infos zur Arbeit des Kölner Institutes für Psychosynthese, deren Leiter Harald Reinhardt und Birgit Haus regelmäßig hier in der Region tätig sind: http://psychosyntheseinstitut.de. Im Februar 2017 findet ein neuer Kurs "Das innere Kind und die Heilung der Selbstliebe" im Kunze-Hof in Seefeld statt. Siehe unter Veranstaltungen.


Aufruf der Hopi – Indianer an die Menschheit

Wir befinden uns in einem reißenden kosmischen Fluss.
Dieser ist so stark und mächtig,
dass ihn viele Menschen fürchten werden.
Sie werden versuchen, sich am Ufer festzuhalten.
Sie werden auch das Gefühl haben,
auseinander gerissen zu werden und
werden aus diesem Grund auch sehr leiden.

Wisse, dass der Fluss seine Absicht und sein Ziel hat.
Die Weisen der Hopi-Indianer rufen dazu auf, sich vom Ufer loszulösen
und in die Mitte des Flusses reißen zu lassen.
Wir sollen unsere Häupter über dem Wasser halten,
um den Blick für jene freizuhalten, die wie wir selbst
mit Vertrauen und Freude im Flusse treiben.

In dieser Zeit sollten wir nichts persönlich nehmen
und auf uns alleine beziehen. Tun wir das dennoch,
beginnen unsere spirituelle Reise und unser Wachstum zu blockieren.
Die Zeit des einsamen Wolfes ist vorbei.
Orientiert euch an der Gemeinschaft, an den Mitmenschen.
Streichen wir doch das Wort ‚Kampf’ aus unserem Vokabular,
aus unserem Bewusstsein.

Alles, was wir im Alltag machen,
sollte als heiliger Akt betrachtet werden.
Suche keinen Führer abseits deiner selbst.
Gewinne deine eigene Kraft zurück
und erhalte sie für deine Entwicklung.

Es gibt keine Landkarten mehr,
keine Glaubensbekenntnisse und keine Philosophien.
Von jetzt kommen die Anweisungen geradewegs aus dem Universum.
Der Plan wird offenbar, Millisekunde auf Millisekunde,
unsichtbar, intuitiv, spontan, liebevoll.
Gehe in deine Zelle und deine Zelle wird dich alles lehren,
was es zu wissen gibt.



Sommer 2016


Meditation für New Yorks Problemkinder

Autorin: Valerie Prassl
 
Der Zen-Meister Gregory Snyder leitet seit vier Jahren in einer der ärmsten Gegenden New Yorks das ‚Awake Youth Project’, ein Meditationsprogramm für problembeladene Jugendliche.

Valerie Prassl: Wie kam es zum ‚Awake Youth Project'?
Gregory Snyder: Ich habe zuerst Achtsamkeitskurse an Colleges abgehalten, die Jugendlichen aus unterprivilegierten Nachbarschaften in Brooklyn helfen sollten, ihren Übertritt an Universitäten zu schaffen. Diese Jugendlichen kamen größtenteils aus Familien ohne Bildungshintergrund. Ich habe Workshops abgehalten, um ihnen zu zeigen, wie man Stress bewältigt.

Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?
Zuerst einmal hat ein College bei uns im Zen-Zentrum angerufen und gefragt, ob wir meinten, dass die Zen-Meditation den Schülern helfen könnte, mit ihren Problemen besser umzugehen. Wir haben ihnen daraufhin Meditationskurse angeboten, die von den Jugendlichen hervorragend angenommen wurden. Dieses Programm hat sich dann herumgesprochen. So hat die Arbeit mit der Non-Profit-Organisation ‚Brooklyn College Community Partnership' begonnen, die mit ungefähr 1.500 Kindern aus unterprivilegierten Nachbarschaften zusammenarbeitet. Die Kinder kommen aus fünf verschiedenen High-Schools, die alle unterfinanziert sind, in denen Gewalt auf der Tagesordnung steht und Polizeibeamte in den Schulgängen präsent sind. Aufgrund der enormen disziplinären Probleme baten sie um Hilfe.

Wie haben Sie das Programm gestaltet?
Wir haben erst vierwöchige Workshops für Schüler und Studenten auf freiwilliger Basis abgehalten. Mir wurde im Vorhinein gesagt, es sei schwierig, die Aufmerksamkeit dieser Kinder für nur 20 Minuten zu bekommen. Doch meine Erfahrung ist, dass sie für zweistündige Workshops bleiben und sich die gesamte Zeit über konzentrieren. Deshalb haben wir vor drei Jahren mit den wöchentlichen Meditationsgruppen angefangen. Zuerst nur mit fünf Schülern, die regelmäßig zu uns ins Zentrum kamen. Ihnen haben wir dann auch beigebracht, selbst Meditationen zu leiten, um noch mehr Schüler mit der Meditationspraxis zu erreichen. Heute bieten wir hier im Brooklyn Zen Center zweimal wöchentlich, dienstags und donnerstags, Meditationskurse für High-School-Schüler an.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass sich offizielle Stellen an ein Zen-Zentrum wenden?
Wir arbeiten mittlerweile sogar mit dem New Yorker Bildungsministerium zusammen, nächste Woche halten wir einen Achtsamkeitskurs für Lehrer ab. Das war in der Tat nicht vorauszusehen, weil das New Yorker Bildungsamt eher konservativ ist. Allerdings ist Meditation mittlerweile relativ gut erforscht und das ist allgemein bekannt, daher wird sie angenommen. Außerdem ist die Verzweiflung über diese enormen Probleme in Brooklyns Schulen einfach zu groß. Es wird dringend nach Lösungen gesucht für diese unglaublichen disziplinären Schwierigkeiten. Daher sind viele Schulen offen, Neues zu versuchen. Was auch immer funktionieren könnte, wir tun, was wir können.

Was sind die Probleme der Jugendlichen in Ihrem Programm?
Die Probleme sind vielfältig: die schwierigen sozioökonomischen Umstände, in denen sie aufwachsen, und die Armut, in der sie leben. Die meisten kommen aus Familien ohne finanzielle Mittel, viele mit einem alleinerziehenden Elternteil, der oft mehrere Jobs hat und daher wenig Zeit, um für die Kinder zu sorgen. Viele Jugendliche, mit denen wir arbeiten, müssen auch noch ihre jüngeren Geschwister großziehen. Sie haben in ihrem jungen Leben schon enorm viel Stress und befinden sich in einem Umfeld, auch in der Schule, in dem sie sich nicht sicher fühlen, vor allem emotional. Ein Schüler hat zum Beispiel mehrere Brüder wegen Alkoholismus verloren und auch die Mutter ist alkoholkrank. Meiner Meinung nach sind das alles Auswirkungen von Armut. Wenn Sie mich fragen, was ihr größtes Problem ist: Sie haben kein Geld. 

Wie stellen Sie Fortschritte durch Meditation und Achtsamkeit im Leben der Schüler fest?
Die wöchentlichen Meditationen funktionieren gut. Ich könnte Ihnen viele Geschichten erzählen von Jugendlichen, die begonnen haben zu praktizieren und danach ihr Verhalten änderten. Eine Schülerin, die zu der Zeit auf Bewährung war, kam einmal in die Meditationsgruppe. Die Woche darauf kam sie wieder und erzählte von einer Erfahrung: Sie wäre beinahe in eine Schlägerei geraten, aber dann hat sie getan, was sie in der Sitzung gelernt hatte. Sie ist in diesem Moment ruhig geblieben und hat sich auf ihren Atem konzentriert und sich bewusst gegen die Gewalt entschieden. Viele Mädchen kommen in unser Projekt mit dem Gedanken, das Höchste, was sie je beruflich erreichen könnten, wäre, als Krankenschwester zu arbeiten, denn das sagen ihnen ihre Eltern. Ein Mädchen, das an unserem Programm teilnahm, macht heute eine Ausbildung zur Psychotherapeutin, eine andere zur Ärztin und eine studiert Soziologie. Sie machen diese Entwicklung, weil sie gelernt haben, ihre eigene Geschichte zu hinterfragen.

Wie kommt es durch Meditation zu diesen Veränderungen?
Die Jugendlichen bekommen durch Meditation die Möglichkeit, emotionales Bewusstsein an einem sehr frühen Zeitpunkt im Leben zu entwickeln. Die Freiheit beginnt, wenn man von seinen Gedanken ablässt und sich auf den Atem konzentriert. Teenager sehen ihre Gedanken nicht als unbewussten Antreiber, aber wenn sie das lernen, dann verändert sich etwas an ihrem Verhalten. Eine Sache, die fast alle von ihnen als Erstes realisieren, ist, dass sie andauernd über andere urteilen, und das machen sie auch bei sich selbst. In unseren Gedanken ist so viel Kritik, dass es manchmal schwer ist, authentisch zu sein.

Wir alle kennen Widerstände in der Meditation. Sind diese bei den Teenagern stärker ausgeprägt?
Sie lachen eindeutig mehr und machen blöde Witze. Es ist schwer für sie, zur Ruhe zu kommen, wenn der Rücken schmerzt. Die meisten Widerstände sind jedoch dieselben wie bei Erwachsenen. Die Jungen haben aber oft weniger Durchhaltevermögen. Obwohl, ich kenne auch 16-Jährige, die drei- bis viertägige Retreats mitmachen und sie problemlos durchhalten. Danach erzählen manche, dass sie durch die Straßen gehen und das Gefühl haben, in einer anderen Stadt zu sein als zuvor. Ich denke, dass Meditation für Jugendliche eher weniger spirituellen Kontext hat, das kommt erst später. In der Jugend ist Spiritualität meist noch keine essenzielle Frage.

Was kann man mit dem ‚Awake Youth Project' erreichen?
Die Achtsamkeit wird zur Lebenseinstellung. Zwei Aspekte stehen bei dem ‚Awake Youth Project' im Fokus, wenn es um den achtsamen Umgang mit Emotionen geht: zu lernen, die Ruhe zu bewahren und nicht überzureagieren, egal, was um einen herum geschieht. Ein weiterer Aspekt ist, sich seiner Gedanken bewusst zu werden und folglich seines eigenen Verhaltens. Jemand sagt etwas zu dir, was schmerzvoll ist. Achte auf den Schmerz, achte auf deine mentale Reaktion. In diesem Moment reimt man sich eine innere Geschichte zusammen und rechtfertigt die eigene Reaktion. Wie bei einem Marathonläufer, der seinen Körper trainieren muss, um schneller zu werden, müssen die Teenager die physische Praxis, das Sitzen, durchhalten, um mit ihren Emotionen umgehen zu lernen.

Wie ist der praktische Ablauf des ‚Awake Youth Project'?
In den ersten sechs bis zehn Wochen lehre ich die Grundlagen der Meditation, danach involviere ich mich weniger. In einem Teil der Sitzungen darf über alles gesprochen werden. So lernen die Schüler, mit ihren Emotionen zu arbeiten, und werden sich bewusst, woher ihre Gedanken kommen. Wenn sie es schaffen, einen Schritt zurückzutreten und ihre Gedanken wie ein Objekt zu betrachten, haben sie ihr Ziel erreicht, denn das wird zu ihrer Lebenseinstellung.      

Wie regelmäßig meditieren die Teenager?
Das ist unterschiedlich, von ein- bis dreimal wöchentlich. Ich ermutige sie allerdings, sich täglich mindestens fünf Minuten auf ihren Atem zu konzentrieren. Bei manchen funktioniert dies gut, bei anderen weniger. Es sind schließlich Teenager ...

Wie ist die Erstreaktion der Schüler auf Sie und das Programm?
Erst letzte Woche habe ich eine neue Schule dazubekommen, dort sind alle schon informierter darüber, was Meditation ist. Mehr, als es die meisten waren, als wir vor vier Jahren das Programm gestartet haben. Meditation gehört mittlerweile zur Populärkultur. Die Jungen können heute schon mehr mit dem Begriff anfangen. Das Programm ist auf freiwilliger Basis, diejenigen, die nichts mit Meditation zu tun haben wollen, die sehe ich sowieso nicht.

Gibt es auch negative Reaktionen?
Ich habe einmal einen jungen Mann kennengelernt, der richtig zornig auf die Meditation reagiert hat. Er war emotional nicht bereit und hat die Sitzung verlassen. Ein Jahr später kam er wieder und hat regelmäßig teilgenommen. Viele meiner Schüler kommen aus afroamerikanischen oder afrokaribischen ethnischen Hintergründen, aber auch aus weißen Arbeiterfamilien. In diesem Umfeld hier in New York gibt es große soziale Gewalt. Einmal sagte ein Schüler zu mir: „Wie soll ich ruhig bleiben, wenn ich sehe, wie mein Stiefvater meine Mutter verprügelt?" Das sind echte Lebensfragen.

Wie reagieren Sie auf eine solche Aussage?
Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm nicht einfach raten könne, er solle sich nicht körperlich zwischen den Gewalttäter und sein Opfer stellen, aber, dass er sehr viel geschickter intervenieren könne, wenn er es nicht aus Ärger tut.

Wie geht es für die Teenager nach Beendigung des ‚Awake Youth Project' weiter? Integrieren sie später die Meditation auch in ihr Erwachsenenleben?
Sobald sie aufs College gehen, praktizieren sie im Normalfall weniger. Es ist natürlich ein zeitlicher Aufwand, soziale Kontakte sind ihnen wichtiger. Einer meiner ehemaligen Schüler erzählte mir, dass er vor allem dann wieder auf Meditation zurückgreift, wenn er unter Prüfungsstress steht. Meditation ist ihm nun als Möglichkeit gegeben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass die Jungen die Gewohnheit entwickeln, sich von ihren Denkmustern und ihrem Leid zu befreien. Das braucht Zeit, bei manchen geht es schneller, bei manchen dauert es Jahre. Momentan arbeiten wir an der Kooperation mit lokalen Restaurants, Zen hat eine starke Verbundenheit mit bewusstem Kochen und Essen. Wir arbeiten daran, dass die Jugendlichen nach ihrer Zen-Praxis in Restaurants als Köche arbeiten können.

Gregory Snyder ist buddhistischer Zen-Mönch, Gründer und Geschäftsführer des ‚Brooklyn Zen Center' und leitet das ‚Awake Youth Project'. Er war zuvor im sozialen Dienstleistungssektor tätig. Nach seinem Post-Graduate-Studium in Human Rights an der Columbia University war er für das ‚Center for International Conflict Resolution' tätig, wo er an Trainingsprogrammen gegen Gewalt und für Prävention von Völkermord arbeitete.

Dieses Interview wurde uns freundlicherweise von der Zeitschrift Ursache & Wirkung zur Verfügung gestellt.
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Kann Glaube und Hoffnung heilen?

Autorin: Theresia de Jong

„Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7,7)

Heilung ist ein großes Wort. Es impliziert, dass etwas heil, ganz und gesund ist. Vielleicht sogar ein wenig heilig. Denn auch dies ist im Wortstamm ein enger Verwandter der Heilung. Es bedeutet etymologisch so viel wie: heil, zugehörig, der Gottheit gehörig, ihr geweiht. Nun hat im heutigen Gesundheitswesen Gott keine Priorität geschweige denn eine kassenrechtliche Abrechungsnummer. Und doch: ganz verschwunden ist er auch nicht. Besonders wenn wir mit schwierigen Diagnosen konfrontiert werden, mit Krankheitsbildern, die tödlich enden können, dann schleicht sich das Göttliche, das Unbennbare, Numiose häufig ganz leise durch die Hintertür wieder mitten ins Geschehen. Wurde Gottes Sohn nicht auch „Heiland“ genannt? Der, der heil und ganz macht. Nicht nur seelisch, sondern – wollen wir den zahlreichen Berichten in der Bibel Glauben schenken – auch sehr konkret im Körperlichen. Blinde konnten wieder sehen, Lahme wieder gehen und sogar Tote kehrten ins Reich der Lebenden zurück.

Kurz bevor Jesus unsere Erde körperlich verließ, gab er seinen Jüngern einige Aufgaben mit auf den Weg. Eine davon war tatsächlich auch das Heilen. Pfarrer Dr. Wolfgang Bittner, Beauftragter für Spiritualität der Ev. Landeskirche Berlin-Brandenburg-Oberlausitz sprach auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin die erstaunlichen Worte:  “Es gibt nicht nur die Aussendung zur Verkündung, sondern auch zur Heilung. Im Glauben öffnen wir uns der Gegenwart Gottes. Glaube ist kein Mittel, sondern ein Weg. Die Kirche hat sich aus der Heilung zurückgezogen und den Naturwissenschaftlern und Medizinern überlassen, zu beider Schaden. Es ist jedoch so, dass nicht nur das, was messbar ist, zur Schöpfung gehört, sondern auch das Nichtmessbare. Wir sollten uns der Frage stellen, was passieren muss, damit unsere Kirche wieder heilen lernt.“ Oder soll die Medizin womöglich lernen, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen und ins Heilgeschehen zu integrieren? Oder sollen beide sich vielleicht die Hände reichen und gemeinsam Körper, Geist und Seele in die Ganzheit und zur Heilung führen? 

In den USA geht man gerne pragmatisch vor. Wenn etwas funktioniert, dann wird es auch angewandt, ohne Rücksichten auf eventuelle Empfindsamkeiten rein traditioneller Natur. Nun hat sich in mehr als 1200 Studien herausgestellt, dass Gläubige insgesamt gesünder sind als ihre spirituell ahnungslosen Mitmenschen. Erkranken Gläubige doch einmal, so genesen sie schneller und ohne größere Komplikationen. Sie kommen mit weniger Schmerzmitteln aus, sind weniger oft im Krankenhaus, haben einen niedrigeren Blutdruck und scheinen besser vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt zu sein. Sie reagieren darüber hinaus auf belastende Lebensereignisse und Krankenhausaufenthalte weniger häufig mit Depressionen. Wenn sie dennoch einmal depressiv werden, erholen sie sich meist schneller. Patienten, die glauben und beten waren nach Operationen schneller wieder auf den Beinen. Menschen, die regelmäßig einer spirituellen Praxis nachgehen, verfügen offenbar über ein stärkeres Immunsystem. Sie haben signifikant niedrigere Blutwerte von Interleukin-6, das bei chronischem Stress erhöht ist und Zeichen eines geschwächten Immunsystems ist. Ein geschwächtes Immunsystem wiederum ist bekanntlich ein wichtiger Faktor bei zahlreichen Erkrankungen angefangen bei einfachen (immer wiederkehrenden) Infekten bis hin zu schwerwiegenden Krankheitsbildern. Die gesundheitsrelevanten Unterschiede zwischen Menschen, die sich in irgendeiner Weise spirituell rückverbinden und solchen, die das nicht tun, ist ähnlich wie der zwischen Nichtrauchern und Rauchern.

Das Vertrauen der Menschen in die Schulmedizin sinkt zunehmend. Wie eine repräsentative Emnid-Umfrage ermittelte, ziehen 80 Prozent der Deutschen Naturheilmittel chemischen Medikamenten vor. Doch nicht nur das: Immer mehr Menschen glauben, dass die spirituelle Dimension in einer Krankheit wichtig ist. „Die Menschen haben genug davon, als mechanisches Zufallsprodukt der Evolution behandelt zu werden, wenn sie sich ihres fühlenden und verstehenden Wesens innewerden“, meint Psychiater Jakob Bösch. Neueste Untersuchungen bestätigen das. Der Arzt Arndt Büssing, tätig am Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin der Universität Witten/Herdecke, hat zusammen mit seinen Kollegen Thomas Ostermann und Peter F. Matthiesen 112 Krebspatienten und 57 an multipler Sklerose leidende Menschen danach befragt, welche Rolle Spiritualität und Religion bei ihrer Krankheitsbewältigung spielen. Dabei stellte sich heraus, so Büssing, dass die meisten Patienten „sowohl Vertrauen in eine höhere Macht haben, die sie trägt, als auch in ihre innere Stärke. Und sie erleben ihre Krankheit als Hinweis, etwas in ihrem Leben ändern zu müssen.“ 70 Prozent nehmen die Krankheit als Anstoß, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, 65 Prozent sehen sie als Chance für die innere Weiterentwicklung. Knapp 40 Prozent sind der Überzeugung, dass sie mithilfe spiritueller Quellen ihre Krankheit günstig beeinflussen können. Wenig überraschend ist, dass Frauen in ihrer Krankheit häufiger eine Chance für ihre innere Entwicklung sehen als erkrankte Männer. Diese beschäftigen sich auch deutlich weniger mit spirituellen oder religiösen Fragen. Soziodemografisch ließ sich feststellen: Je höher die Schulbildung, umso stärker die Bereitschaft, spirituelle Quellen für die Krankheitsbewältigung zu nutzen.

„Wenn Spiritualität ein Medikament wäre, wäre es längst zugelassen, denn sie wirkt“, meint Ellis Huber, von 1987 bis 1999 Präsident der Berliner Ärztekammer. Auch der Psychologe Nikola Kohls kommt in seiner Doktorarbeit über die Wirkung von Spiritualität auf die Gesundheit zu dem eindeutigen Schluss: Wer Religion und Spiritualität gegenüber abgeneigt ist, hat ein gesundheitlich höheres Risiko als ein gläubiger Mensch. Denn der Nichtgläubige verfügt über weniger Möglichkeiten, mit schwierigen Erfahrungen und Schicksalsschlägen umzugehen.

Soll also Spiritualität in Zukunft ärztlich verordnet werden? Das hätte wohl wenig Aussicht auf Erfolg, denn Heilung lässt sich auch auf spirituellem Weg nicht herbeizwingen. Möglicherweise liegt gerade in der Absichtslosigkeit einer spirituellen Übung der Schlüssel zum Erfolg. Der Psychologe Michael Utsch, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche, gibt zu bedenken, dass Meditationsforscher – sowohl christlicher als auch buddhistischer Tradition – übereinstimmend zu dem paradoxen Befund gekommen sind, dass die Heilwirkung der Meditation gerade dann besonders groß ist, wenn sie weder zielgerichtet noch funktional eingesetzt wird: „Gesundheit und Entspannung treten demnach nur als indirekte Nebeneffekte ein.“ Eine Einschätzung, die auch vom amerikanischen Verhaltensmediziner Jon Kabat-Zinn seit Jahren vertreten wird: „Wir meditieren nicht, um Schmerzen, Krankheit oder Probleme zu beseitigen. Der beste Weg, in der Meditation Ziele zu erreichen, ist, diese loszulassen. Es geht nicht darum, irgendetwas zu erreichen. Die Entspannung entsteht als Nebenprodukt regelmäßiger Übung, sie ist nicht das Ziel.“ Utsch verweist darauf, dass dieser Ansatz vergleichbar sei mit dem christlichen Bekenntnis: Dein Wille geschehe. „Nur wer loslassen und sein Schicksal vertrauensvoll in die Hand Gottes oder einer anderen höheren Macht legen kann, profitiert von der gesundheitsförderlichen Kraft des Glaubens.“

Andererseits gibt es in den USA ermutigende Ansätze, die zeigen, dass sich spirituelle Konzepte mit der Schulmedizin durchaus verknüpfen lassen. Immer mehr Universitätskliniken eröffnen so genannte mind/body-Abteilungen – allen voran die renommierte Harvard Universität –, wo spirituelle Praxis mit medizinischer Therapie Hand in Hand geht. Am Columbia Presbyterian Hospital in New York – einem führenden Zentrum in der Herzchirurgie – werden die Patienten vor und nach einer Operation mit Meditation, Musiktherapie, Yoga und Tai-Chi begleitet: Drei Viertel der medizinischen Hochschulen in den Staaten bieten Kurse in Komplementärmedizin an; an den meisten Krankenpflegeschulen wird zum Beispiel Therapeutic Touch, eine systematische Form des geistigen Heilens gelehrt. In Deutschland gibt es zwar auch eine steigende Anzahl von Ärzten und besonders Krankenschwestern, die privat spirituelle (Heil)Ausbildungen absolvieren. Allerdings wenden sie dieses Wissen meist aus Angst vor Sanktionen der Klinikleitungen nicht offen an.

Zwischen den naturwissenschaftlich ausgerichteten Wissenschaften, zu denen sich auch die Medizin zählt, und den ganzheitlich ausgerichteten Bemühungen, spirituelle Bereiche wieder zu etablieren, klafft ein Graben des gegenseitigen Misstrauens. Zu Unrecht, wie Harald Walach von der Universität Freiburg meint. Im Altertum, bei den Griechen, Ägyptern und fast allen anderen Hochkulturen, war die geistige Dimension stets ein wesentlicher Faktor bei der Heilung von Krankheiten. Als Scharlatane wurden damals die Heiler tituliert, die sich lediglich den körperlichen Beschwerden widmeten und zur geistigen Dimension keinen Zugang hatten.

Im Verlauf der Aufklärung begann sich die Wissenschaft von der zur damaligen Zeit doktrinären kirchlichen Lehrmeinung zu lösen, die im geistigen Bereich eine Monopolstellung innehatte und diese auch mit allen Mitteln der Macht verteidigte. Es war in diesem Zusammenhang für die Freiheit der Forschung fast eine Notwendigkeit, spirituelle Gedanken außen vor zu lassen. Die Wissenschaft – und damit auch die Medizin – in ihrem Bestreben, die materielle Welt zu durchschauen und zu erklären, hat sich in der Folge völlig von geistigen Einflüssen entfernt. Diese galten als suspekt, unbeweisbar und daher unbrauchbar, die Welt zu erklären. Inzwischen kommt jedoch gerade die moderne Physik zu ähnlichen Erkenntnissen, wie sie in den meisten alten spirituellen Lehren anzutreffen sind.

Die große Rolle, die Gesundheit für den modernen Menschen spielt, hat sicherlich auch damit zu tun, dass metaphysische und spirituelle Dimensionen in den offiziellen modernen, aufgeklärten Weltbildern weitgehend abhanden gekommen sind. Insofern hat der Mensch keine andere Sicherheit mehr für seine Existenz als einen gesunden Körper und eine stabile Psyche. „Gesundheit, vor allem der Versuch, diese zu ‚erlangen‘ und ‚aufrechtzuerhalten‘ ist zur postmodernen Ersatzreligion geworden, und es ist ein Kampf gegen die Uhr des Lebens, der nicht zu gewinnen ist“, analysiert Nikola Kohls. Ein Zusammenrücken von körperlich orientierter Medizin und metaphysischer Ausrichtung könnte also beiden Seiten zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

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Frühling 2016


Spirituelle Kompetenz

Autor: Thomas Hübl

Hohes Bewusstsein krisensicherer machen - Herausforderungen kreativ begegnen

„Die Verinnerlichung unserer spirituellen Praxis und Verkörperung höheren Bewusstseins zeigt sich nicht in der experimentellen Blase von Retreat-Centern, sondern in herausfordernden Lebenssituationen, auf dem Marktplatz, beim Einsatz in Krisengebieten, in der Konfrontation mit Armut, Krankheit und Konflikten.“

Höhere Perspektiven, höhere Zustände und höhere Strukturen im Bewusstsein können – das kennen wir alle - in belastenden persönlichen oder inter-personellen Situationen sehr leicht wieder zerfallen. Passiert dies einem einzelnen Menschen in einem stabilisierenden Umfeld, kann sich die Situation schnell wieder normalisieren.

Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein kollektiver höherer Zustand in einer extremen kulturellen Situation halten lässt, beispielsweise wenn die globale Erderwärmung zu einer Massenmigration führt und sich viele Menschen existenziell bedroht fühlen? Ich glaube, dass wir in einer derart unsicheren Situation gewisse Gedanken, die wir heute für normal halten, nicht einmal mehr denken können. Sie existieren dann einfach nicht mehr. Wenn unser Bewusstseinslevel auf frühere Stufen regrediert, die stabiler sind, weil sie schon viel länger existieren, sind wir nicht einmal mehr fähig, Einsichten zu haben, die wir vormals bereits hatten. Und: Kann eine Kultur die Regression Einzelner oder kleinerer Gruppen nicht mehr abpuffern, kommt es zu einer zunehmenden Fragmentierung gesellschaftlichen Bewusstseins.

Die Kraft, mit der die einzelne Seele inkarniert, ist individuell. Es gibt Menschen, die in ganz verheerenden Umständen leben und/oder mit sehr wenig menschlicher Bindung groß werden, aber eine sehr starke Gottesresilienz haben, unabhängig von einer kontinuierlichen spirituellen Praxis. Solche Menschen sind auf ganz natürliche Weise sogar in lebensgefährlichen Situationen unerschütterlich mit Gott verbunden. Doch das sind Wenige!

Spirituelle Praxis kann uns dabei unterstützen, unsere spirituellen Kompetenzen so zu stärken, dass wir auch in Krisen immer mehr auf unser höchstes Potenzial zugreifen, uns innerlich wieder stabilisieren und höchstmögliches Bewusstsein verkörpern können, z.B. durch Arbeit an der Körperpräsenz, durch Zeugenbewusstsein und Schattenintegration, durch transparente Kommunikation, durch die Verfeinerung unserer subtilen Kompetenzen, durch Präsenz- und Lichtmeditationen.

Es ist unsere Aufgabe, uns bewusst um die Dinge zu kümmern, die wir tun können, um höhere Bewusstseinsentfaltung in uns selbst, inter-personell und kulturell krisensicherer zu machen, und zwar nicht nur, wenn alles gut läuft. Es bedeutet, uns insbesondere auch dann um unsere spirituelle Praxis zu kümmern, wenn uns Symptome wie Ängste, emotionale Ausbrüche, Kontraktionen etc. darauf hinweisen, dass wir uns gerade im bewusstseinsmäßigen Sinkflug befinden. Und es bedeutet, dass wir uns bewusst mit globalen Konflikten auseinandersetzen und diese nicht ausblenden.

Der Terror in der Welt, kriegerische Auseinandersetzungen, die globale Erderwärmung, die Flüchtlingskrise in Europa, all das spiegelt sich in meinem individuellen holografischen Resonanzkörper wieder. Gleichzeitig bin ich als Einzelner aber auch im kollektiven Resonanzkörper aufgehoben. Ich kann mich zwar von den aktuellen Nachrichten innerlich distanzieren, aber dennoch bin ich Teil des kollektiven Feldes, in dem all die Dinge geschehen, die ich nicht erfahren möchte.

Wenn immer mehr Menschen die innere Reflektion der Welt konstruktiv in sich beheimaten und sich bewusst dazu in Beziehung setzen, beginnt etwas Neues. Konflikte laufen dann nicht mehr einfach ab, sondern können immer mehr bezeugt, erfühlt, intellektuell verarbeitet, und in einem synchronisierten Innenraum an eine höhere Intelligenz angebunden werden. So kann eine neue globale Bewusstseinskultur entstehen.

Dieses Thema steht im Mittelpunkt des diesjährigen Celebrate Life Festival vom 28. Juli bis 8. August 2016 im Hof Oberlethe.

Mehr Infos unter: www.celebrate-life.info & www.innerscience.info.


Winter 2016


Erfahre diesen Augenblick als frei von Leid

Autor: Adyashanti

Nimm wahr, wie sich dein Körper anfühlt, wenn dein Verstand dem widerspricht, was ist. Nimm die emotionale Veränderung wahr und bemerke, was passiert, wenn du anfängst, deinen Verstand auch nur ein klein wenig zu öffnen und die Möglichkeit einlädst – nur die Möglichkeit – dass deine Schlussfolgerungen über ein Ereignis im Leben, deine Urteile darüber vielleicht nicht ganz so wahr sind, wie du glaubst. Du wirst sehen, dass sich dein emotionales Milieu zu ändern beginnt, wenn du das auch nur für möglich hältst. Du wirst mehr in den gegenwärtigen Augenblick kommen, und das ist es, worum es bei der Freiheit vom Leid geht.

Wenn du in diesen Augenblick eintrittst, beginnst du, einen Moment zu erleben, der tatsächlich frei von Leid ist. Wenn du ihn wortlos und mit offenem Herzen betrittst und dir selbst erlaubst, das zu fühlen, was ist, wirst du bemerken, dass du den Schlüssel bereits in der Tasche hast, alles Leid loszulassen. Es ist nicht ungewöhnlich, Angst zu spüren, wenn du anfängst, hier und jetzt präsent zu sein. „Oh! Wie kann ich hier und jetzt sein, so nackt, so offen? Was wird mir widerfahren? Werde ich verletzt, wenn ich vollkommen hier und jetzt bin?“ Solche Fragen werden auftauchen. Solche Ängste könnten sich selbst zum Vorschein bringen, deshalb braucht es Mut. Es bedarf einiger Bereitschaft zu fühlen, was hier ist, gerade jetzt. Wenn Angst auftaucht, erlaube ihr, sich zu zeigen und lass sie sich selbst von deinem Körper und Verstand waschen.

Durch deine Bereitschaft, in einem schwierigen Augenblick innezuhalten, ein paar Atemzüge zu nehmen und dich auf das, was ist, einzustellen, könntest du bemerken, dass sich eine beruhigende Präsenz beginnt zu zeigen. Indem du dir erlaubst, diese Präsenz zu fühlen und zu erfahren, kannst du dich dem, was sich in diesem Augenblick von selbst offenbart, mehr und mehr öffnen. Selbst wenn es sich beängstigend anfühlt, darunter befindet sich ein Gefühl des Wohlseins, das immer bei dir ist und vollkommen zur Verfügung steht, selbst wenn du dich nicht wohl fühlst. Meine Lehrerin nannte es „das Du, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn du Schwierigkeiten hast.“

Als ich zum ersten Mal von diesem immer gegenwärtigen „Du“ hörte, verstand ich nicht, worüber sie sprach, aber es sollte einen großen Eindruck auf mich machen. Es blieb bei mir und ich dachte: „Was ist das? Was ist das für ein Ich, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn ich Schwierigkeiten habe?“ Bis dahin dachte ich, dass ich entweder Schwierigkeiten habe oder nicht. Eins von beidem. Trotzdem, wenn du Angst erlebst, wenn du wirklich anhältst und dich öffnest, dann wirst du sehen, dass sich Angst in einem Raum der Angstlosigkeit ereignet, dass sich Traurigkeit in einer tröstlichen Präsenz ereignet. Wenn wir bereit sind, uns wirklich zu öffnen und unseren eigenen Widerstand gegen die Offenheit zu spüren, erfahren wir einen Zustand von Leichtigkeit (ease) und Entspannung, der unserem Trauma zugrunde liegt, unserer ganzen „Nicht-Leichtigkeit“ („dis-ease“ [disease – Krankheit]).

Letzten Endes erlaubt uns das sich Öffnen zu diesem anderen Feld des Seins hin – das buchstäblich der Vorgeschmack auf einen anderen Bewusstseinszustand ist – über das Leid hinauszugehen. Leid ist ein fester Bestandteil des egoistischen Bewusstseinszustands, in dem wir uns selbst als getrennt wahrnehmen. Aus diesem Bewusstseinszustand heraus wird jeder schmerzhafte Augenblick in unserem Leben auf eine Weise interpretiert, die unser Gefühl der Trennung und Isolation verstärkt. Aus diesem Grund fühlen sich viele Menschen getrennter und isolierter, wenn sie älter werden. So vieles im Leben wird im egoistischen Bewusstseinszustand ganz leicht als Beweis dafür angesehen, dass wir tatsächlich völlig allein sind. Wenn wir auf diese egoistische Sichtweise begrenzt sind, kann das Leid nicht wirklich aufhören bzw. dann gibt es keine echte Erleichterung davon. Aber wenn wir unser Bedürfnis und Verlangen aufgeben, zu kontrollieren, zu erklären und dem zu glauben, was unser Verstand uns darüber erzählt, was war und was ist, finden wir die Kapazität, uns einem neuen Bewusstseinszustand zu öffnen.

Zunächst wird er nur als ein Zustand des Stillseins erfahren, als Vorgeschmack auf das erwachte Bewusstsein, in dem sich Gegenwärtigkeit zu enthüllen beginnt. Wenn du dir gestattest, in dieses Stillsein hinein zu entspannen, in die Stille, dann beginnst du zu bezeugen, wie Präsenz aufkommt. Zunächst scheint das etwas Subtiles zu sein, aber was da eigentlich passiert, ist, dass du in einen vollkommen neuen Bewusstseinszustand eintrittst – in einen, der völlig unermesslich ist. Indem du deine Aufmerksamkeit darauf lenkst und dir der inneren Präsenz und Stille inmitten aller Aktivität bewusst wirst, stellst du dich dem Anbruch dieser unendlichen Weite mehr und mehr zur Verfügung, in der du vom Glauben und der Erfahrung an die Trennung erwachen kannst. Du realisierst, dass du selbst ein tiefer Brunnen des Gewahrseins bist – eine innere Weite, die immer da ist. Du musst dich ihr nur öffnen.

Versuche nicht zu verstehen. Dann wird es nur schwieriger werden. Denk nicht darüber nach. Das wird dich eine Million Kilometer wegtragen. Halte einfach an und fühle es. Halte für einen Augenblick, atme und fange an, das Du zu bemerken, das keine Schwierigkeiten hat – die innere Präsenz und Stille, das Gewahrseinsfeld. Jedes Mal, wenn dein Verstand versucht dich fortzutragen, indem er seine Geschichten darüber erzählt, warum das Leiden gerechtfertigt ist, kannst du wählen zu sehen, dass es nicht wahr ist. Du kannst anfangen zu sehen, dass es wirklich keinen berechtigten Grund gibt, warum wir uns mit dem, was ist, im Krieg befinden sollten. Es gibt keine Möglichkeit, diesen Krieg zu gewinnen. Es gibt keinen Weg aus ihm heraus, bis wir sehen, dass das alles eingebildet ist. Sehr schwierige Dinge sind passiert und sehr schwierige Dinge könnten sich noch ereignen, aber wenn wir ihnen aus einem Zustand der Offenheit begegnen, erkennen wir nach und nach, dass wir eine Fähigkeit haben, von der wir nie wussten, dass es sie gibt. Wir fangen an, das „Du, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn du Schwierigkeiten hast“ kennenzulernen. Wir beginnen herauszufinden, dass es selbst inmitten von unglaublichem Schmerz und Verlust ein großes Reservoir des Wohlseins gibt.

Textauszug aus „In Gnade fallen“ von Adyashanti, mit freundlicher Genehmigung des Noumenon Verlages.

Mehr zu Adyashanti: Adyashanti Books CDs DVDs


Geh und sieh selbst

Autorin: Sylvia Kolk

Auszug aus Kapitel  V. Ruhe und Einsicht durch Meditation

Grundlagen

Was ist Meditation?
Meditation ist eine sanfte Methode der Geistesschulung, die zu mehr Ruhe, Gelassenheit und Zufriedenheit führt. Im weiteren Verlauf bewirkt Meditation eine Klärung und Befreiung des Geistes.

Meditation

  • ist ein ruhiges, entspanntes Verweilen in der Gegenwart.
  • gepaart mit Achtsamkeit im Alltag, ist sie ein geistiges Training, das uns ermöglicht, bei allem, was wir tun, gesammelt, energievoll, gelassen, geistig klar und offen zu sein.
  • bedeutet, frei von Beurteilungen zu sein. Der meditative Geist nimmt erst einmal das, was ist, unvoreingenommen wahr, um dann angemessen reagieren zu können. Dadurch entsteht mehr Harmonie im Leben.
  • zentriert durch den Zustand geistiger Sammlung und die damit verbundene Ruhe, führt sie zu einer Regeneration des Geistes.
  • stabilisiert Geist und Herz durch das Erlernen einer bewussten und annehmenden geistigen Haltung.
  • entwickelt unsere emotionalen Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut.
  • verbindet Körper und Geist, da die Aufmerksamkeit unmittelbar mit dem Erlebten gekoppelt ist. Es setzt ein Heilungsprozess ein, da körperliche und psychische Blockaden gelöst werden.
  • ist eine Praxis der Selbsterforschung und -erkenntnis. Wir erforschen den Geist, ausgehend von seinem alltäglichen Ausdruck bis hin zu subtilsten Ebenen, auf denen wir alles als fließend, verbunden und unendlich erleben.
  • führt – bei einem kontinuierlichen Training – zu einer tieferen Sichtweise. Es ist die Sicht weiser Menschen, unabhängig davon, welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören. Diese Sichtweise entsteht durch eine direkte Erfahrung der letztendlichen Realität: Nibbāna.

Alles in allem schult Meditation die Grundkompetenzen unseres Geistes (Achtsamkeit, Vertrauen, Energie, Sammlung, Weisheit), deren Kultivierung entscheidend sein wird für eine konstruktive geistige und politische Entwicklung, nicht nur in der westlichen Welt.

Umgang mit Gedanken in der Meditation
Beim Umgang mit Gedanken während der Meditation geht es um einen Perspektivenwechsel: Die eine Perspektive ist die der Denkerin, die davon überzeugt ist, dass alles von ihr Gedachte unmittelbar zu ihr gehört. Es ist ein Gefühl völliger Identifikation mit den Gedankeninhalten wie: „Ich denke all diese Gedanken.“ Es entsteht eine undurchschaubare Vermischung und Verwicklung von Gedanken, Emotionen und Gefühlen. Und all das macht uns als Persönlichkeit aus. Die andere Perspektive ist die der neutralen Beobachterin: „Ah, da ist ein Gedanke aufgekommen.“ Ein Gedanke kommt auf, und dann ist er auch schon vergangen. Das ist alles.
Der Unterschied zwischen „Identifiziert-Sein“ und „mit Abstand betrachten“ ist der zwischen Unfreiheit und Freiheit. Und diesen Unterschied gilt es zu erleben, sodass die befreiende Wirkung mittels der neutralen Beobachterin erfahren werden kann. Dieses Beobachten ist ein sanftes, klares Erkennen ohne Identifikation. „Ah, da steigen Gedanken auf.“ „Und diese Gedanken gehen zu Ende.“ Wenn wir das in dieser Weise betrachten können, haben wir losgelassen. Losgelassen von der mentalen Fixierung. Aus der Warte der neutralen Beobachterin können wir nun die Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo wir sie haben möchten. Wenn wir zur Ruhe kommen wollen, lenken wir die Aufmerksamkeit zentriert auf den Atem.
Die neutrale Beobachterin ist die Achtsamkeit (Sati). Es wird deutlich, dass es nicht darum geht, nicht mehr zu denken oder gar gegen die Gedanken zu kämpfen, sondern die Identifikation zu lösen.
Wenn die Gedanken sehr stark sind und der Atem ein zu feines Objekt darstellt für den noch groben Geist, dann gibt es eine andere Möglichkeit, die sehr hilfreich ist. Wir lenken die Achtsamkeit auf ein stärker wahrnehmbares Objekt und untersuchen, welche Körperempfindungen mit den Gedanken verbunden sind. Wo befindet sich das stärkste Gefühl? Im Bauch, Brustbereich, Hals? Wie fühlt es sich genau an? Vielleicht ein Brennen, eine Übelkeit, Unruhe, Druck, Enge? Es können auch Bilder entstehen, die mit den Gefühlen verbunden sind.
Wir erkennen dann auch, dass mit den Gedanken eine Unruhe verbunden ist oder Emotionen wie Wut, Trauer, Ärger, vielleicht aber auch ein dumpfes Gefühl. Achtsamkeit nimmt wahr: „Ah, interessant.“ Annehmen und beobachten, wie sich das Gefühl verändert, ist hier der Königsweg. Was passiert, wenn z.B. der Ärger verschwunden ist? Vielleicht wird es still. Vielleicht kommen weitere Gedanken auf, die das, was wahrgenommen wurde, bewerten möchten. „Ich sollte nicht so ärgerlich sein. Ich sollte verzeihen können.“ Stopp!
Zurückkehren zur reinen Beobachterin. Aus der Perspektive der reinen Beobachterin erkennen wir: „Ah, da sind Gedanken der Selbstabwertung.“ Und diese führen wir nicht weiter, sondern lenken die Aufmerksamkeit auf den Atem.
Vor allem auch die Veränderungen wahrnehmen. Es kann zu einem fluktuierenden Gewahrsein kommen. Der Geist ist dann geschmeidig, eilt ohne anzuhaften von Objekt zu Objekt. Dabei ist entscheidend, dass die Achtsamkeit gewahrt bleibt und es nicht zum diskursiven Denken kommt.

Umgang mit schwierigen Emotionen in der Meditation und im Alltag

I. Gegenmittel einsetzen
Die Gegenmittel finden wir:

  1. im Kultivieren der vier höchsten Emotionen: Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude, Gleichmut. Mitfreude vermag zum Beispiel Ablehnung zu transformieren. Solange diese Übung sich darauf bezieht, sukzessive das Herz an diese förderlichen Zustände zu gewöhnen, hält sie für uns keine großen Fallstricke bereit.
  2. in der Übung, einen unheilsamen Geisteszustand mit einem heilsamen zu ersetzen, bedarf es eines sehr geübten, bereits weitgehend geklärten Geistes, sodass es zu dieser Umwandlung kommen kann und nicht zu einem Verdrängen unliebsamer Geisteszustände.
  3. in der Geduld, die eine intelligente und geschickte Maßnahme bei Aufregung und Wut ist.
  4. in der Achtsamkeit bzw. dem reinen Gewahrsein. Achtsamkeit ist in diesem Fall ein Mittel, um der inneren Unruhe zu begegnen, die aus einem Mangel entsteht und nicht anders kann, als sich etwas herbei zu wünschen, damit der Mangel nicht spürbar wird. Traditionell sprechen wir von dem Bewachen der Sinnestore durch Achtsamkeit, sodass wir in einem heilsamen Kontakt mit unserem Innenleben bleiben können, auch wenn es unangenehme Gefühle gibt. Wir können dann tiefer fragen, was wirklich erfüllend wäre.
  5. in der Stabilisierung eines ethisch-moralischen Lebens, auf der Grundlage der Erkenntnis, dass wir nichts folgenlos tun können.
  6. in der Kontemplation, d. h. einer meditativen, intuitiven Durchdringung der existenziellen Ursachen unserer Hindernisse und unseres Leidens.


II. Annehmen und erforschen
Das bedeutet, annehmen und erforschen eines geistigen Zustandes, der schon entstanden ist. Annehmen verhindert Verdrängung, Abwehr, Kontrolle und Manipulation.
Der erste Schritt besteht allerdings darin, den folgenden Prozess unmittelbar zu erkennen: Da ist ein unangenehmes Gefühl, und es entsteht Ärger. Dann kommt das Entscheidende: den Ärger wahrzunehmen und zu erforschen. Dabei ist es hilfreich, mit der Achtsamkeit auf die Ebene der Körperempfindungen zu gehen. Das heißt, im Körper nachzuspüren, was geschieht, wenn Ärger empfunden wird: zum Beispiel Hitze, Unruhe oder Kontraktionen im Solarplexus. Wenn es gelingt, bei diesen Empfindungen mit der Achtsamkeit zu bleiben und sie nicht weiter mit Kommentaren zu verstärken, werden sie sich verändern. Wir erkennen, wie vielschichtig ein emotionaler Prozess sein kann, und nach und nach wird es ruhiger werden, sodass wir wieder klar sehen können.
Alle Gedanken und Emotionen sind vorübergehende Zustände. Diese Erkenntnis ist entscheidend für die befreiende Einsicht. Indem wir nicht mehr auf die Objekte fixiert sind, auf die wir mit Ablehnung oder Anziehung reagieren, sondern uns die Reaktionen selbst anschauen, erkennen wir, dass nichts Angenehmes oder Unangenehmes in den Objekten enthalten ist, sondern dass wir das aufgrund unserer körperlich-geistigen Reaktionen hinein interpretieren.
So können wir eine magische Verzauberung, einen Bann oder eine Verstörung, die von den Objekten auszugehen scheint, in unsere Verantwortung  nehmen und die geistigen Reaktionen in ihrer Flüchtigkeit wahrnehmen. Bleiben wir hingegen auf das Objekt fixiert, werden sich die unheilsamen Emotionen durch einen fortlaufenden Gedankenstrom steigern. Betrachtet die Achtsamkeit direkt die Emotion, z.B. Ärger, löst er sich auf, und es entsteht Raum, gründlicher zu forschen und zu erkennen, wie schnell eine geistige Trübung und emotionale Bedrückung entsteht, wenn den Gedanken gestattet wird, das Bewusstsein zu überwältigen.

Auszug aus dem Buch „Geh und sieh selbst“ von Sylvia Kolk mit freundlicher Genehmigung von © JhanaVerlag im Buddha-Haus
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