Spiritualität Ältere Ausgaben


Herbst 2018


Die Ewigkeit ist jetzt - Frieden und Freiheit durch die Lehre Buddhas

Von Ayya Khema

 

„Was wir auch tun, es kommt darauf an, wie wir es tun. Es ist völlig gleich, ob wir ein Buch schreiben oder Karotten schneiden“. 

 

Meditation beeinflusst unser Leben

 

Stellt euch einen Menschen vor, der die letzten zwanzig, dreißig Jahre in einem Zimmer gelebt und es nie für nötig befunden hat, es sauberzumachen. All die Speisereste und die schmutzige Kleidung – der angesammelte Unrat reicht bis zur Decke. In diesem Müll zu leben ist äußerst unangenehm. Der Mensch in dem Zimmer nimmt das gar nicht wahr, bis eines Tages ein Freund zu Besuch kommt und sagt: «Warum machst du nicht mal sauber?» Gemeinsam machen sie eine kleine Ecke sauber. Jetzt findet diese imaginäre Person heraus, dass es sich in dieser sauberen Ecke wesentlich angenehmer leben lässt. Daraufhin beginnen die beiden den ganzen Raum zu reinigen, bis man schließlich aus dem Fenster schauen und sich im Zimmer bewegen kann. Da er sich nun behaglicher fühlt, kann dieser Mensch ungehindert über seinen Geist verfügen, ohne sich mit körperlichen Unannehmlichkeiten abgeben zu müssen.

Das Haus, in dem wir leben, ist unser Körper. Es spielt keine Rolle, wohin wir uns begeben, unseren Körper nehmen wir überallhin mit, bis er zerfällt und zu Staub wird. In diesem Haus benötigen wir etwas mehr Platz und Behaglichkeit. Bei unseren psychischen Hindernissen und Blockaden handelt es sich um Ablagerungen unserer emotionalen Reaktionen. Der Geist hat sie angenommen, und darum kann der Geist sie auch wieder loslassen. Für unsere Meditationspraxis bedeutet das: Die Empfindung erkennen, nicht reagieren, dann loslassen!

 

Nicht-Reagieren 

 

Das zweite Merkmal unserer Meditationspraxis ist das Nicht-Reagieren: Ein überaus wichtiger Aspekt, wenn wir inneren Frieden und Harmonie erreichen wollen. Ohne dieses Nicht-Reagieren werden unsere Reaktionen uns in Wellenbewegungen mit sich reißen, und wir können den Weg nicht klar erkennen. Er wird uns schleierhaft bleiben. Wir mögen von ihm hören. Wir mögen sogar ahnen, was gemeint ist, aber wir werden ihn nie sehen, weil sehen hier Einsicht bedeutet, inneres Sehen also. Diese innere Sicht wird von unseren psychischen Reaktionen behindert.

 

Beobachten wir Gefühle und Empfindungen während der Meditation, dann ist es selten notwendig, darauf zu reagieren. Sich einer Reaktion zu enthalten ist also möglich: Genau daran arbeiten wir! Wir können dieses Nicht-Reagieren in unseren Alltag übernehmen, indem wir lernen, alle auftauchenden Gefühle als das zu betrachten, was sie sind: Emotionen, die zum Vorschein gekommen sind und wieder verschwinden. Wenn wir das in unserer Meditationspraxis lernen, so lernen wir etwas ganz Wertvolles über den Umgang mit uns selbst.

Zu den Absurditäten des menschlichen Daseins gehört das weitverbreitete Missverständnis, zu glauben, da wir Lebewesen sind, wüssten wir auch, wie man lebt. Das Leben zu leben ist eine Kunst, und die meisten Menschen erleben im Laufe ihres Daseins manchen Reinfall. Das nennen sie dann eine Tragödie oder ein individuelles Problem. Dabei haben sie lediglich die Kunst zu leben nicht vervollkommnet.

 

Die Erfahrung der Vergänglichkeit

 

Der dritte, doch nicht minder wichtige Aspekt der Meditation ist die persönliche Erfahrung der Vergänglichkeit. Bevor wir nicht selbst diese Erfahrung gemacht haben, wird sie nur ein Wort bleiben. Worte können niemals befreiend wirken, dazu ist Erfahrung nötig. Den Weg des Buddha gehen heißt, nach Befreiung streben, vollkommene und absolute Freiheit, und die kann man nur erfahren. In der Meditation ist die Erfahrung der Vergänglichkeit sehr direkt. Wenn ihr den eigenen Atem beobachtet, merkt ihr, dass der hereinfließende Atem nicht derselbe ist wie der ausströmende. Empfindungen kommen und gehen. Ein Schmerz im Bein: Man bewegt es, und schon ist er fort. Empfindungen kommen und gehen!

Mit ein bisschen mehr Übung in der Meditation ist die Vergänglichkeit der Gefühle und Empfindungen leicht zu erkennen. Gleichzeitig gewinnen wir aber auch Einsicht in die Vergänglichkeit unseres Körpers. Jeder weiß darüber Bescheid. Auf der ganzen Welt gibt es keinen einzigen Menschen, der nicht über die Vergänglichkeit des Körpers Bescheid weiß. Trotzdem leben wir alle so, als ginge uns die Vergänglichkeit nichts an und sind betrübt über jene, deren Körper bereits dem gesetzmäßigen Verfall und dem Naturgesetz unterworfen waren, als ob das etwas ganz und gar Unerwartetes sei.

Offenbar haben wir da wenig realistische Vorstellungen. Das liegt daran, dass wir vor der Wirklichkeit unsere Augen schließen. Wir wollen nur sehen, was uns gefällt. Dass wir trotzdem unentwegt auch mit Unannehmlichkeiten konfrontiert werden, ist ein Umstand, für den wir ständig anderen die Schuld geben wollen. Viele Menschen gehen sogar so weit und suchen immer einen Sündenbock.

Aber in Wirklichkeit ist das Leben totale Vergänglichkeit und nichts bleibt bestehen wie es ist. Das müssen wir erfahren und akzeptieren. Dann können wir dementsprechend leben.

 

Ständige Bewegung

 

Wenn wir lernen, in tiefere Bereiche vorzudringen, werden wir feststellen, dass in jeder Zelle unseres Körpers ständig Bewegung herrscht. Dieses Naturgesetz haben wir alle in der Schule gelernt. Wir waren vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, als man uns beigebracht hat, dass sich die Körperzellen alle sieben Jahre erneuern. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich überlegt habe, ob der Körper wohl all seine Zellen verliert und diese durch neue ersetzt werden. Da mir das unmöglich schien, gab ich auf. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Jetzt können wir verstehen, was wirklich geschieht: Im Verlauf von sieben Jahren haben sämtliche Körperzellen einen Verfallsprozess durchlaufen und sind erneuert worden – ständige Bewegung.

Es muss doch einen Weg geben, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. In meditativer Sammlung können wir uns die Bewegung auf der Haut und unter der Haut bewusst machen. Danach werden wir uns selbst und die Welt um uns herum mit anderen Augen betrachten, weil wir aus persönlicher Erfahrung wissen, dass es nichts Festes und Statisches gibt. Am allerwenigsten in unserem Körper.

Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass es im ganzen Universum nicht einen einzigen stabilen Baustein gibt. Alles Existierende besteht aus Energiepartikeln. Sie bewegen sich mit solcher Geschwindigkeit – treffen aufeinander und entfernen sich wieder –, dass die Illusion von Stabilität entsteht. Ebendies sagte der Buddha, als er vor zweieinhalbtausend Jahren von solchen Partikeln sprach. Er benötigte allerdings kein Labor, um dies herauszufinden und zu beweisen. Er selbst machte diese Erfahrung. Daraus erwuchs seine Erleuchtung. Unsere Wissenschaftler wissen alles darüber. Dennoch kann man sie kaum als erleuchtet bezeichnen. Was ihnen fehlt, ist die persönliche Erfahrung.

Wir können selbst erkennen, dass es nirgendwo etwas Festes gibt. Sogar die verstandesmäßige Logik zeigt uns, dass es nichts Statisches geben kann, sonst wären wir keine menschlichen Wesen, sondern nur leblose Körper. Das verstandesmäßige Wissen genügt aber nicht, diese Tatsachen müssen erfahren werden. Erst wenn wir dies in der Meditation empfinden, wissen wir Bescheid. Was man aus persönlicher Erfahrung weiß, lässt sich nicht wegdiskutieren. Würde euch auch alle Welt von der Beständigkeit des Körpers zu überzeugen versuchen, ihr würdet euch nicht überzeugen lassen, denn ihr habt eure eigenen Erfahrungen gemacht. Als die Menschen über die Lehren des Buddha diskutierten, widersprach er niemals. Er hatte keinen Standpunkt zu verteidigen, denn er sprach über seine eigene Erfahrung.

Wenn wir uns besser sammeln und in tiefere Schichten vordringen können, werden wir diese unablässige Bewegung in uns erkennen. Für den Geist ist klar, dass diese Bewegung, wenn sie denn innen ständig vorhanden ist, auch außen stattfinden muss. Wo also ist etwas Festes zu finden? Der Geist mag fragen: «Wenn alles ständig in Bewegung ist, wo bleibt dann das Ich? Empfindungen ändern sich andauernd, von Augenblick zu Augenblick. Der Körper ist in Bewegung. An nichts kann ich mich halten. Die Gedanken sind unablässig in Bewegung. Wo also bin ich?» Um sich selbst «finden» zu können, ersinnen die Menschen etwas Imaginäres wie zum Beispiel ein höheres Selbst, einen festen Wesenskern oder eine Seele. Bei genauerer Nachforschung stellt sich allerdings heraus, dass es sich hierbei wiederum nur um Illusionen handelt. Vergänglichkeit muss erfahren werden.

 

Die vier Elemente

 

Einen anderen Aspekt unserer Meditationspraxis hat der Buddha in den Lehrreden über die Grundlagen der Achtsamkeit erwähnt: Die Meditation über die vier Elemente – Erde, Wasser, Feuer und Luft. Die Empfindung von Festigkeit im Körper entspricht dem Erdelement. Ebenso die Festigkeit des Sitzkissens, das wir spüren. Das Erdelement ist überall gegenwärtig, auch im Wasser, sonst könnten wir nicht schwimmen; auch in der Luft, sonst könnten weder Vögel noch Flugzeuge fliegen.

Das Feuerelement ist gleichfalls überall gegenwärtig. Innerlich wird es für uns spürbar, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf lenken. Normalerweise nehmen wir es nur wahr, wenn uns eiskalt oder glühend heiß ist oder wenn wir Fieber haben. Aber Temperatur (die Ausdrucksform des Feuerelements) ist stets und überall vorhanden – in allem, was lebt.

Das Wasserelement können wir in unserem Blut, im Speichel und im Urin wahrnehmen. Das Wasserelement ist die verbindende Kraft. Um einen Teig herzustellen, muss man dem Mehl etwas Wasser hinzufügen. Wasser ist das überall anzutreffende Verbindungselement. Ohne Wasser würden all die sich ständig bewegenden Zellen auseinanderfallen. Ohne die haltgebende Kraft dieses Verbindungselements würde niemand von uns hier sitzen. Das alles klingt sehr interessant, hilft uns jedoch nicht weiter, solange wir es nicht selbst erfahren haben. Erst durch die persönliche Erfahrung entwickelt sich die Einsicht, wie die Dinge wirklich sind: Die Dinge so erkennen und sehen, «wie sie wirklich sind» – dieser Worte bedient sich der Buddha häufig.

 

Wir können als fünftes Element den Raum hinzufügen. In uns ist Raum im Sinne von Öffnungen vorhanden, Mund und Nase beispielsweise. Entsprechendes gilt für das Körperinnere. Das Universum ist Raum. Wenn wir uns dies klarmachen und uns mit der Tatsache anfreunden können, dass diese Elemente überall gleichermaßen zu finden sind, werden wir etwas von unserer Gewohnheit, alles zu trennen, aufgeben können – dieses: «Das bin ich – mag der Rest der Welt in Frieden leben, aber ich sorge zuerst mal für mich selbst. Die anderen sollen mir bloß nicht zu nahe kommen.»

Begreifen wir, dass wir lediglich aus Energiepartikel bestehen, die zusammentreffen und sich wieder trennen, nichts weiter als die fünf Elemente – was ist dann jenes «Ich», das wir so eifrig schützen? Und was ist der Rest der Welt, der so bedrohlich scheint?

 

Meditation bedeutet nach Einsicht streben. Einsicht ist das Ziel der buddhistischen Meditation. Die Techniken dienen dabei als Werkzeug. Ihr nutzt sie, so gut ihr eben könnt. Jeder geht mit Werkzeug ein wenig anders um. Je geschickter wir damit umzugehen lernen, desto einfacher und schneller erzielen wir Resultate. Die volle Aufmerksamkeit muss jedoch auf das Werkzeug gerichtet sein und nicht auf das eventuelle Resultat. Erst dann können sich Geschicklichkeit und Leichtigkeit entwickeln.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Jhana-Verlages aus

 

Die Ewigkeit ist jetzt

Ayya Khema

überarbeitete Neuauflage

248 Seiten

14 €

 


Sommer 2018


Das besondere Buch: Die Seele Europas erwacht

Kaiser, Annette

Crotona Vlg., 120 S., 15,95 €

 

Die Grundidee Europa

 

Die Idee von einem vereinten, transnationalen Europa wird essenziell von uns Menschen, die wir in Europa leben, getragen und geformt. Der Wunsch nach einem vereinigten Europa entstand nach den schrecklichen Erfahrungen des Ersten und zweiten Weltkrieges. Es sollte ein neues Miteinander entstehen, um weitere Kriege zu vermeiden – ein Miteinander, das sich auf die Grundwerte von Gleichheit, Brüderlichkeit / Schwesterlichkeit und Freiheit zurückbesinnt auf der Basis grundlegender Menschenrechte. Die wirtschaftliche Entwicklung stand dabei im Vordergrund. Sie sollte den Wohlstand für alle ermöglichen.

 

Heute ist die Europäische Union gefährdet – und dies aus ganz unterschiedlichen Gründen. Wir stellen verschiedene Tendenzen fest, darunter solche, die spalten, und solche, welche die Grundidee eines vereinigten Europas aufrechterhalten möchten. Die beiden Tendenzen sind nicht gleichzusetzen. Ihre Bewusstseinsfrequenzen sind unterschiedlich. Während die eine in die Trennung von Nationen und Menschen führt, ist die andere höherschwingend: Sie hat in sich das Bestreben, zu vereinen. Diese Einschätzung ist nicht wertend. Sie ist neutral erkennend, was Wirklichkeit ist.

Um die Europäische Union grundlegend zu erneuern, bedarf es allerdings eines Bewusstseinssprunges, der jenseits von positivem und negativem Gedankengut liegt. Es ist ein Bewusstseinssprung in die Kraft der Gegenwart. Dieser ermöglicht erst einen grundlegenden Wandel, welcher in der untrennbaren Einheit vor jeglicher Verschiedenheit wurzelt.

 

Europa und die Welt

 

Im Licht des untrennbaren Einen ist die gesamte Welt ein untrennbares Ganzes. So sind Europa und die Welt in Essenz untrennbar eins. Die von uns Menschen geformte und gestaltete Welt hat heute einen äußerst hohen interdependenten Komplexitätsgrad erreicht. Ein mechanistisches Weltbild, das mehrheitlich auf einem rationalen Verständnis beruht, welchem die Trennung von Subjekt und Objekt zugrunde liegt, vermag diese komplexen multidimensionalen Prozesse kaum mehr zu erfassen, geschweige denn sie zu steuern. Es ist so, als ob eine bestimmte Entwicklungsstufe zu Ende gehen würde und sich etwas Tieferes, Umfassenderes im Bewusstsein entfalten möchte.

 

Aus einer evolutionären Perspektive betrachtet, kann das heutige Geschehen in der Welt und im Speziellen in Europa als ein Übergang in eine nächst-höhere Holon-Ebene verstanden werden. Wirkliche Lösungen für die heute anstehenden globalen Herausforderungen können nicht auf der Ebene, wo sie entstanden sind, gefunden werden. Dies hat schon Albert Einstein festgestellt. Wir benötigen dazu eine erweiterte, umfassendere Bewusstseinsperspektive. Keine einzelne Nation, keine einzelne Religion oder Kultur vermag dies zu bewerkstelligen. Die großen Herausforderungen dieser Zeit, wie Klimaveränderung, Ökologie, Migration, Ressourcen- und Energiefragen, Trinkwasserversorgung oder Armut, können nur in einem neuen kreativen Zusammenwirken überwunden werden. Die komplexen multidimensionalen Prozesse sind weitgehend nur aus dem Jetzt, aus der Kraft der Gegenwart, durch Innenschau intuitiv wirklich erfass- und lösbar. Das ist ein Quantensprung! – Ein gewaltiger Sprung in die nächst höhere Bewusstseinsdimension der einen untrennbaren Wirklichkeit, der Kern in freiwillig angenommener Verantwortung dem Wohl des Ganzen dient.

Europa hat eine hohe Dichte bewusst lebender Menschen. Das ist ein Potenzial, welches für die grundlegende Erneuerung eines vereinigten Europas von großer Bedeutung sein kann.

 

Wertschätzung für Europa

 

Wenn wir nach dem Ursprung unseres heutigen menschlichen Daseins in der Welt forschen, begegnen wir unseren Wurzeln – dem homo sapiens sapiens. Die wissenschaftliche Forschung lokalisiert unseren Ursprung in Afrika. Unsere einstigen Vorfahren wanderten wohl über Asien oder über die Beringstrasse vor allem nach Europa ein. Diese Tatsache widerspiegelt sich in jedem Menschen und ist heute durch einen DNS-Test wissenschaftlich überprüfbar. Unser menschlicher Ursprung ist somit derselbe. Mit anderen Worten ausgedrückt, bedeutet dies, dass uns vor jeglicher Unterschiedlichkeit wie Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder kultureller Besonderheiten, zuerst einmal der homo sapiens sapiens verbindet. Auch hier zeigt sich das kosmische Prinzip der Einheit vor jeglicher Verschiedenheit. 

 

Es ist vielleicht gut, sich für einen Moment die Zeit zu nehmen, um sich diese großen Wanderungen unserer Vorfahren zu vergegenwärtigen. Sie alle haben dazu beigetragen, dass die Welt heute so ist, wie sie ist. Es bedarf des Respektes gegenüber allen Menschen und Wesen, die an der heute vorhandenen Vielfalt an Kulturen, Sprachen, Religionen und Nationen beigetragen haben. Vor allem Europa ist im speziellen ein Schmelztiegel bewegter Geschichte, die auch mit viel Leid verbunden war. (…)

 

Die neue Kultur Europas

 

Ein vereintes Europa entsteht in den Herzen der Menschen

 

Europa ist eine kollektiv geformte, transnationale Einheit. Das Bewusstsein jedes Menschen, der in Europa lebt, prägt dessen Ausdruck als Gemeinschaft. So widerspiegelt die Europäische Union, wie sie sich heute darstellt, ein durchschnittliches, kollektives Bewusstsein der in ihr lebenden Bevölkerung. Jedes einzelne menschliche Bewusstsein ist Teil des kollektiven Bewusstseins. Jeder Gedanke – ob positiv oder negativ – jedes Wort und jede Handlung prägen die Qualität oder die Frequenz des kollektiven gemeinsamen Feldes. Dies bedeutet, dass wir in der europäischen Gemeinschaft direkt über unsere Lebens- und Denkweise und über unser Selbst- und Weltbild einwirken. Kollektiv wird eine bestimmte Meinung, eine Idee, ein Vorschlag, ein Schritt oder eine Veränderung dann wirksam, wenn eine bestimmte „Masse“ an Bewusstsein damit einverstanden ist und/oder daran glaubt.

 

Indem mehr und mehr Menschen diese kollektiven, meist unbewusst ablaufenden Prozesse erkennen, eröffnet sich eine Möglichkeit für ein neues Miteinander: Die Wahl nämlich, von nun an bewusst gemeinsam eine Europäische Union zu gestalten.

In jedem Menschen gibt es einen „ortlosen Ort“, der weiß, was dem Gesamtwohl dient und was ihm schadet. Manche nennen es das Gewissen, diese innere Stimme, frei von jeglicher Konditionierung, die „weiß“. Das ist kein angelerntes Wissen, das über die Erinnerungsfunktion des Gehirns abgerufen werden kann, sondern etwas Grundlegendes, Tiefes: Es ist dem Leben selbst inhärent. Jeder Mensch hat Zugang zu diesem Wissen, wenn er dies will. Dieses Wissen ist über die Introspektion wahrnehmbar, über die reine Intuition oder – nochmals ganz anders ausgedrückt – über die Weisheit des Herzens.

In der Tiefe des Seins – Jetzt – von Augenblick zu Augenblick, ist der Zugang zum Herzen geöffnet. Schon „der kleine Prinz“ hat gesagt, dass man nur mit dem Herzen gut sieht. Es ist ein „Sehen“, das frei von Konditionierungen ist, ein Wahrnehmen, das die Liebe in sich birgt für das Kleinste wie für das Größte. Es weiß um das Gesamtwohl von allem-und allem zugleich.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Crotona Verlages. Mehr dazu: www.buchhandlung-plaggenborg.de  


Frühjahr 2018


Wahre Freiheit

Von Jack Kornfield 

 

Einladung zur Freiheit

 

Liebe Freunde, nach über vierzig Jahren, in denen ich Tausenden Menschen auf dem spirituellen Pfad Achtsamkeit und Mitgefühl vermittelt habe, ist dies die wichtigste Mitteilung, die ich machen kann: Ihr müsst auf die Freiheit nicht warten. Ihr braucht das Glück nicht aufzuschieben.

Viel zu oft verbindet sich die schöne Praxis der Achtsamkeit und des Mitgefühls mit Vorstellungen von Selbstdisziplin und Pflichterfüllung. Wir sehen uns von ihnen auf einen langen Hindernisparcours geführt, an dessen fernem Ende die angestrebten Ergebnisse winken. Ja, es gibt sie, die Arbeit des Herzens, und unser Leben hat seine Zyklen, die uns so manches abverlangen. Doch wo jeder Einzelne auch stehen mag auf seinem Weg, es existiert noch eine andere wunderbare Wahrheit, und die heißt „Die Früchte ernten“ oder „Mit dem Ergebnis beginnen“. Die Früchte des Wohlbefindens, der Freude, der Freiheit und der Liebe sind schon jetzt in unmittelbarer Reichweite, wie auch immer Ihre Lebensumstände sein mögen.

 

Als Nelson Mandela nach siebenundzwanzig Jahren Haft die Gefängnisinsel Robben Island verließ, war er ein Mann voller Würde und Großmut, so ganz und gar bereit zu verzeihen, dass sein Geist das Land verwandelte und für die Welt zur Inspiration wurde. Auch Sie können diese Freiheit und Würde leben, und zwar genau da, wo Sie jetzt sind. Die Umstände mögen schwierig, die Zeiten unsicher sein – vergessen Sie nie, dass Freiheit nicht für ganz besondere Menschen reserviert ist. Niemand kann Ihren Geist einsperren.

 

Wenn Sie zum Chef zitiert werden und Sie Befürchtungen oder bange Erwartungen in sich aufsteigen fühlen, wenn jemand in Ihrer Familie unter Konflikten und Nöten zusammenzubrechen droht, wenn die zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Probleme der Welt Ihnen schwer zu schaffen machen, haben Sie immer verschiedene Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Sie können dann erstarren und sich wie bewegungsunfähig fühlen, oder aber Sie nutzen die schwierige Phase, um sich weiter zu öffnen, bis sich Ihnen zeigt, wie Sie während dieses Abschnitts auf Ihrem Weg sinnvoll und weise reagieren können. Zyklisch geht das Leben mal seinen ruhigen Gang, dann wieder stellt es uns vor große Herausforderungen oder bringt tiefe Schmerzen mit sich, und manchmal scheint die ganze Gesellschaft ringsum im Umbruch zu sein. In alldem bleibt uns immer die Möglichkeit, tief durchzuatmen, den Blick ein wenig weicher werden zu lassen und uns in Erinnerung zu rufen, dass Mut und Freiheit in unserem Inneren darauf warten, dass wir uns ihrer bewusst werden, um auch andere daran teilhaben zu lassen. Selbst unter ganz düsteren Umständen bleibt die Freiheit des Geistes bestehen – auf wundersame Weise großartig und einfach zugleich. Wir sind in diesem Leben frei und fähig zu lieben, was auch immer geschehen mag.

 

Ganz in unserer Tiefe wissen wir das. Wir wissen es immer dann, wenn wir uns in etwas Größeres eingebunden fühlen – wenn wir Musik hören, bei der Liebe, beim Wandern in den Bergen oder beim Schwimmen im Meer, wenn wir am Sterbelager eines geliebten Menschen Zeugen dieses Mysteriums werden, dass der Geist still wie eine Sternschnuppe den Körper verlässt, oder bei der Geburt eines Kindes. In solchen Momenten geht eine Welle freudevoller Offenheit durch unseren Körper, und unser Herz ist in Frieden gehüllt.

 

Freiheit fängt da an, wo wir sind. (…) Jedes Kapitel dieses Buchs stellt die Einladung zu einer bestimmten Form der Freiheit dar. Wir beginnen im persönlichen Bereich mit der Freiheit des Geistes, der Freiheit des Neubeginns, der Freiheit jenseits der Angst und der Freiheit, zu sein, was wir sind. Wir erschließen uns die Freiheit, zu lieben, die Freiheit, für das einzustehen, was wirklich zählt, und schließlich die Freiheit, glücklich zu sein. Anhand von Geschichten, Überlegungen, Lehren und Übungen führen wir uns vor Augen, wie wir uns festfahren und wie wir frei werden können. Frei werden, das ist ein nie abgeschlossener, stets aktiver Prozess, der Herz, Verstand und Gemüt einbezieht. Die Mittel und die Ziele sind dabei eigentlich dieselben: man selbst sein, träumen, vertrauen, mutig sein und handeln.

Sie können wählen, in welchem Geist Sie leben möchten. Freiheit, Liebe und Freude jedenfalls gehören Ihnen bereits, und das unter allen Umständen. Sie sind Ihr Geburtsrecht.

 

 

 

Aus dem Vorwort zu Jack Kornfields neuem Buch „Wahre Freiheit“,

mit freundlicher Genehmigung des O. W. Barth Verlags.

 

Siehe auch unter „Wortwelten“.

 

 

 

Foto oben © www.pixabay.com 


Winter 2018


Jesus, der spirituelle Revolutionär - Von Adyashanti

Jesus ist der stille Koloss, der die westliche Kultur für mehr als zweitausend Jahre bestimmt hat. Er ist die zentrale Figur im kollektiven Traum der westlichen Kultur. In den letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaft versucht herauszufinden, welche Teile der Jesus-Geschichte historischen Tatsachen entsprechen und welche nicht. Mit anderen Worten: Was ist in Judäa vor zweitausend Jahren wirklich passiert? Das wissenschaftliche Interesse an Jesus galt dem, was Jesus wirklich sagte im Gegensatz zu dem, was er nicht sagte. Nach meiner Meinung werden wir das nie mit Sicherheit wissen. Wir können nicht wissen, was geschehen ist und was nicht geschehen ist oder wie groß der historisch wahre Anteil ist und wie groß der mythologische. Diese Suche nach dem historischen Jesus geht am  entscheidenden Punkt vorbei, auch wenn sie interessant und sogar faszinierend ist. Der Kernpunkt ist die Geschichte, der kollektive Traum.

 

In der westlichen Kultur haben wir weitgehend die Kraft der Geschichte vergessen; die Kraft des Mythos, Wahrheit in sich zu tragen und zu vermitteln – grundlegende Wahrheit, spirituelle Wahrheit. Der Mythos spricht zu unseren Seelen. Die mythologische Sprache verbindet uns mit unserem Unbewussten und erweckt eine Ahnung von Ewigkeit, von einem Leuchten, das durch die Welt von Zeit und Raum schimmert. Der Mythos ist letztendlich eine Weise, über das zu sprechen, was nicht gesagt werden kann, und das zu enthüllen, worüber nicht geschrieben werden kann. Deshalb meine ich, dass die Jesus-Geschichte erst dann vollkommen lebendig wird, wenn wir die Versessenheit auf die Historie und das, was geschah oder nicht geschah, aufgeben.

 

Letzten Endes ist es nicht wirklich wichtig, ob wir die Bibel als akkurate Historie und Tatsache lesen oder ob wir die Geschichte mythologisch und metaphorisch auffassen, als etwas, das unserem bewussten und unbewussten Sein Wahrheiten über das Göttliche vermitteln kann und uns hilft, etwas zu erkennen, das von Fakten nicht berührt werden kann. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Geschichte und den Charakter von Jesus zu betrachten. Hoffentlich sieht jeder von uns die Geschichte auf seine eigene Weise, sodass sie zu uns spricht. In diesem Buch betrachte ich die Geschichte von Jesus auf besondere Weise. Meine interpretatorische Linse fokussiert sich darauf, Jesus als spirituellen Revolutionär zu enthüllen: Jesus als eine Präsenz göttlicher Strahlung und Erleuchtung, welche die Grenzen und Trennungslinien durchbricht, die uns einschränken – ob diese Trennungslinien nun kulturell bedingt sind, zwischenmenschlich, rassisch oder einfach durch unsere Psychologie.

 

Für mich vermittelt Jesus, der Revolutionär, in einzigartiger Weise das Leuchten des Geistes, und deshalb möchte ich in diesem Buch diese besondere Sichtweise anbieten. Aber letztendlich wird jeder von uns die Jesus-Geschichte auf die Weise interpretieren, die für ihn am sinnvollsten ist, und genau so soll es sein. Tatsächlich muss das so sein, denn wenn wir uns nur an die Interpretation von jemand anderem halten, wenn wir die Geschichte nur durch eine Linse betrachten, blockiert das unsere eigene einzigartige Kreativität. Wenn ich also die Jesus-Geschichte als die Geschichte von Jesus, dem Revolutionär, interpretiere, ist es wichtig, dass jeder von uns in diese Geschichte so eintaucht, dass sie für ihn lebendig wird.

 

Die Jesus-Geschichte durch die Linse von Jesus, dem Revolutionär, zu betrachten, ist ein Mittel, die Geschichte ganz lebendig werden zu lassen. Indem ich durch diese Linse blicke, spüre ich, wie Leben in die Geschichte zurückkehrt. Sie wird lebendig auf schöne und gleichzeitig sehr herausfordernde Weise, denn Jesus, der spirituelle Revolutionär, hat die Fähigkeit, uns aus unserem eigenen individuellen Traum der Trennung und Isolation aufzuwecken.

 

In der westlichen Kultur haben die meisten von uns sich angewöhnt, Jesus als die Verkörperung der höchsten Form von Ethik und Moral zu sehen – er ist der gute Hirte, wir sind die Herde, und er zeigt uns den Weg. Das ist der Jesus der Kirche; die Kirchen sind sehr angetan von Jesus als ethischem und moralischem Priester. Das macht Sinn, denn die ethische und moralische Dimension ist Teil dessen, was jede Religion am Leben hält, was sie entwickelt und in die Kultur hinein vermittelt. Aber wenn das alles ist, was wir in der Jesus-Geschichte sehen, werden wir blind für die darunterliegende Transzendenz, für das Strahlen der Präsenz von Jesus. Ohne dieses transzendente Strahlen wird Jesus nur eine weitere Figur in der langen Geschichte moralischer und ethischer Propheten.

 

Wir wissen, dass die Art, in der die gesamte Kultur die Jesus-Geschichte definiert und interpretiert hat, heute nicht mehr die Herzen der Menschen in der Tiefe erreicht. Die Gottesdienste sind immer schlechter besucht. Im letzten Jahr fuhr ich nach Europa und sah erstaunliche Kathedralen, die zum Teil über tausend Jahre alt sind. Diese Kathedralen sind der Beweis, dass es eine Zeit gab, in der die Geschichte von Jesus höchst lebendig war und die Gesellschaft erreichte. Aber die meisten dieser Kirchen sind heute leer, und das sagt uns etwas Wichtiges. Es sagt uns, dass die gesamte Kirche dabei versagt hat, die Geschichte neu zu interpretieren und die Botschaft aktuell und lebendig zu halten als etwas, das zu unseren Herzen spricht, das die geheimnisvollen Regungen in uns anspricht und uns erlaubt, uns dem Mysterium unseres Seins anzuvertrauen.

 

Deshalb denke ich, wir sollten uns die Geschichte neu anschauen. Wenn wir beginnen, die Jesus-Geschichte mythologisch zu interpretieren, suchen wir nach ihren Metaphern und Symbolen. Wir beginnen zu fragen: »Was meinen die Metaphern für mich? Was bedeutet mir Jesus?« Wenn wir Jesus nicht nur als historische Figur ansehen, die geboren wurde und gelebt hat, auf der Erde wandelte, lehrte, seine Botschaft verkündete und schließlich am Kreuz starb, sondern Jesus auch als eine zeitlose lebendige Gegenwart betrachten, als eine Metapher für die Ewigkeit in uns selbst, können wir beginnen, den inneren Raum zu  betreten, in dem wir die Söhne und Töchter von Gott werden. Dann wird die Geschichte wiederbelebt. Dann kann die Jesus- Geschichte auf eine Weise lebendig werden, die wirklich Bedeutung für uns hat. Natürlich könnte das für manche Menschen ziemlich herausfordernd sein. Für manche könnte es sogar blasphemisch erscheinen, der Geschichte eine so konkrete Form zu geben, wie ich das vorschlage. Aber ich meine, die Einladung, genau dies zu tun, ist in der Geschichte selbst enthalten. Wenn ich dem, was die Geschichten zu sagen haben, wirklich lausche, ist es, als würde Jesus sagen: »Komm, komm ins Himmelreich. Das Himmelreich befindet sich auf der Erde, und Männer und Frauen verstehen es nicht.« Mir scheint, dass Jesus eine lebendige Verkörperung der Ewigkeit ist, eine Verkörperung dessen, was in uns selbst existiert.

 

Die Jesus-Geschichte ist ein Spiegel, der uns hilft, uns selbst klarer zu sehen. Die wichtigste Funktion der mythischen Erzählung ist es, das Leben durchlässig zu machen für die Transzendenz, die an seinem Grund liegt und hindurchscheint. Das ist die Kraft des Geschichtenerzählens. Das Erzählen von Geschichten lädt uns ein, in eine schöpferische Beziehung zur Geschichte zu treten. Wir können nicht distanzierte Beobachter bleiben; wir müssen in die Geschichte eintreten und selbst zu ihren Figuren werden. Wir müssen uns erlauben, das Leben mit den Augen von Jesus, den Augen von Christus, zu sehen, und die Welt durch die Augen der Jünger zu betrachten und durch die Augen jener, die geheilt und erlöst wurden durch die Gegenwart Christi.

 

Wie ich sagte, wird jeder von uns die Jesus-Geschichte auf seine eigene Weise betrachten. Ich möchte eine besondere Sichtweise anbieten, die ich für sehr machtvoll, wirksam und wichtig für unsere Zeit halte. Aber wenn wir uns nun miteinander in die Geschichte vertiefen, möchte ich Sie auch ermuntern, Ihre eigene kreative Beziehung zur Geschichte zu finden. Halten Sie Ihre Ohren offen und finden Sie heraus, wie jeder Teil der Geschichte zu Ihnen spricht. Wenn wir auf diese Weise lauschen, wird die zweitausend Jahre alte mythische Reise von Jesus zur Reise in unser Inneres, führt uns zur Offenbarung Gottes in uns selbst und letztendlich zu der Erkenntnis, wer und was wir wirklich und wahrhaftig sind.

 

Textauszug aus

„Jesus, der Zenmeister“

von Adyashanti

mit freundlicher Genehmigung des

Herder-Verlages.

Siehe auch unter Wortwelten


Ins Licht geschubst... Von Monika Weber

Textauszug aus dem Buch von Monika Weber, Innenwelt Verlag

 

Meditation: Definition und Anleitung

 

Was ist Meditation – und was nicht?

Meditation ist, wenn man Äußeres wie Geräusche und Inneres wie Gedanken,  Empfindungen, Schmerzen passiv wahrnimmt. Wir sind dann mehr und mehr in einem Zustand von Stille, Frieden und Einheit. Wir erlangen Gelassenheit und zugleich geistige Wachheit. Wir können zu einem Bewusstseinszustand jenseits des Verstandes kommen und erkennen, wer wir sind. Für mich bedeutet dieses Erkennen, wie schon beschrieben, ein Zustand von Stille oder Nirvana – letztendlich gibt es hierfür keine genauen Worte. 

Oder anders ausgedrückt, im Verständnis meines Mannes: Der Sinn der Meditation ist es zu erkennen, dass wir geistige Wesen sind und Gedanken, Gefühle, Bilder, Körpersensationen haben. Ich, das geistige Wesen, bin jenseits von Raum und Zeit und reine Qualität. Alles andere ist Quantität. In der Meditation lerne ich, der bewusste Beobachter zu sein und meine Gedanken, Gefühle, Bilder oder körperlichen Sensationen kommen und gehen zu lassen, das heißt wahrzunehmen, dass ich das nicht bin.

 

Meditation ist nicht Autogenes Training, nicht Autosuggestion, nicht Imagination, nicht Selbsthypnose, nicht Visualisierung und auch keine Trance.

  • Autosuggestion heißt Selbstbeeinflussung. Durch formelhafte Sätze, die wir uns immer wieder sagen, soll unser Verhalten beeinflusst werden: „Das Leben ist schön. Es ist alles in Ordnung“ oder Ähnliches.
  • Autogenes Training ist eine Entspannungstechnik durch Selbstbeeinflussung, also eine von innen heraus erzeugte Entspannung, auch „konzentrative Selbstentspannung“ genannt. Dem Gehirn werden hierbei immer wieder entspannende Formeln eingegeben, die in erster Linie auf Funktionen des Körpers abzielen, wie zum Beispiel: „Mein rechter Arm ist schwer.“
  • Bei der Imagination (von lat. Imago – Bild) handelt es sich um bildhafte Vorstellungen, zum Beispiel einer grünen Wiese, oder um bewusste Fantasiereisen, die Traumbildern gleichen.
  • Bei der Visualisierung werden Vorstellungsbilder hervorgerufen; es ist also der Imagination ähnlich. Bei bestimmten Meditationsformen können auch Visualisierungsübungen eingesetzt werden.

Es gibt aktive und passive Meditationen. Eine passive Meditation beruht auf Wahrnehmung, zum Beispiel des Atems, oder auf Visualisierung, zum Beispiel von Licht oder Bildern. Ich habe viele verschiedene Meditationsarten ausgeübt und die, die mir persönlich am besten gefallen hat, praktiziere ich regelmäßig – es ist die Vipassana-Meditation, eine stille und passive Meditation. 

Meditationen, die mit körperlichen Bewegungen einhergehen, werden aktive Meditationen genannt. Für Menschen, die sehr unruhig sind und zu viel überschüssige Energie haben, ist entweder eine solche aktive Meditationsform ratsam oder das körperliche Sich-Ausagieren als Vorbereitung für die folgende meditative Stille. 

Mit zu viel Unruhe in Körper und Geist kann man nur sehr schwer in die Atemwahrnehmung, in die innere Tiefe gehen und die Gedanken passiv beobachten. Wenn jemand nicht die Möglichkeit hat, sich in der eigenen Wohnung aktiv auszuagieren, ist ein Dauerlauf, Trampolin springen oder Ähnliches empfehlenswert. Was tun, wenn zu viele Gedanken da sind? Wenn Sie nicht zur Ruhe, nicht in die meditative Stille kommen?

 

Wie schon erwähnt, ist es eine gute Methode, dass Sie sich vor dem Meditieren aktiv betätigen, austoben, joggen, sich schütteln oder Ähnliches. Gut ist es, sportliche  Betätigungen an frischer Luft auszuüben – das beruhigt den Verstand.

Eine andere Methode, wenn Sie zu sehr in Gedanken oder zu aufgeregt sind, ist folgende: Zählen Sie zu Beginn der Meditation in Ihrem Inneren lautlos von zehn bis null.

Benennen Sie jede Zahl mit dem Ausatmen, immer wieder bei zehn beginnend. Machen Sie das so lange, bis Sie Ihre innere Ruhe gefunden haben. Je länger Sie üben, in die Gedankenstille zu kommen, sie wahrzunehmen, desto schneller können Sie „abschalten“, auch im Alltag. Generell stärkt die Meditationspraxis die Willenskraft und die  Konzentrationsfähigkeit.

Jetzt folgt eine besonders praktische, das heißt kurze, meditative Übung, mit unmittelbarer Wirkung bei zu vielen Gedanken oder bei Stress.

 

Übung

 

Ort: Wo immer Sie sind

Zeit: Wenn Sie sich im Stress fühlen, wenn ihr Aktivitäts- und Gedankenfluss sich nicht aufhalten lässt. 

Methode: Als Erstes nehmen Sie Ihren Atem wahr, anschließend halten Sie Ihren Ausatem nur ganz kurz an, bevor Sie wieder einatmen. Es genügt der Bruchteil einer Sekunde oder ca. eine Sekunde. Ich persönlich liebe diese Übung, in der ich einfach die kleine Pause am Ende des Ausatmens, nach meinem Gefühl recht lange, verlängere. Auch wenn ich keinen Stress habe, mache ich diese Atemübung zwischendurch und bin dann zwangsläufig am Ende des Ausatmens in der Stille, die immer da ist. Und das ist für mich purer Genuss.

Mögliche Resultate: Das Zentrum unserer Aufmerksamkeit wird von den Gedanken auf unseren Atem, also in unseren Körper gelenkt. Weil wir unser Bewusstsein nicht gleichzeitig bei unserem Atem und unserem Denken haben können, sind wir nicht mehr in unserem Gedankenkarussell. Auf diese Weise kann sich innere Ruhe, Zu-sich-Kommen, Besonnenheit und Präsenz einstellen.

 

Erfahrungen sammeln und aufschreiben

 

In den folgenden Abschnitten werden unter anderem Meditationsanleitungen und Übungen beschrieben. Die jeweiligen Übungen sind wie in dem Beispiel oben gegliedert in Ort, Zeit, Methode und mögliches Resultat. Ich beschreibe hier meine eigenen Erfahrungen und die meiner Klienten. Vielleicht sammeln Sie andere Erkenntnisse als ich unter „mögliche Resultate“ angebe. Von daher nehmen Sie diese Erfahrungen am besten nur als eine Möglichkeit dafür, was man mit der jeweiligen Übung bewirken kann.

Ich empfehle Ihnen, Ihre Meditationserfahrungen in einem Notizheft aufzuschreiben. Ihre Aufzeichnungen werden Sie dabei unterstützen, Ihre Einsichten für sich selbst transparenter zu machen. Wer möchte, kann auch seine Träume aufschreiben. Erfahrungsgemäß nimmt bei Meditierenden in den ersten Jahren die Quantität und Qualität der Träume zu. Träume sind für mich Helfer und Wegweiser auf meinem inneren Weg. Die östlichen spirituellen Lehren besagen, dass ein Mensch, der in „Einheit mit dem Sein“ ist, der erleuchtet ist, keine Träume mehr hat. Er ist reine Bewusstheit, völlig im Hier und Jetzt. Die meisten von uns haben jedoch sicherlich noch Träume und es kann sehr hilfreich sein, diese zu erinnern.

Zu Beginn ist das Aufschreiben von Erfahrungen vor allem sehr unterstützend, weil das Wirken der Meditation dann klarer zu erkennen ist. Für den einen bedeutet es zum Beispiel mehr Ausgeglichenheit, für einen anderen mehr Konzentrationsfähigkeit, für den nächsten ist Meditation eine Selbsterforschung, die in Sinnerkenntnis mündet und dem Leben eine Richtung gibt, die über die Grenzen des materiellen Lebens hinausweist. Alle können durch das Meditieren einen Anker in sich selbst finden und das Gefühl „zu Hause“ angekommen zu sein. Damit gewinnen sie auch mehr Selbstsicherheit, mehr Gelassenheit.

Es ist außerdem ein Weg zu mehr Selbstliebe, sich auch mit seinen Fehlern zu akzeptieren und sich so anzunehmen, wie man ist. Selbstliebe ist für uns alle immer wieder eine Herausforderung – und doch ist sie für mich das Heilmittel überhaupt.

All diese Auswirkungen sind Nebenprodukte auf dem Meditationsweg. Doch ist dabei der Weg das Ziel, wie schon Laotse sagte, und das Eigentliche weist darüber hinaus. Es wird in der Literatur je nach philosophischer Ausrichtung mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet, wie zum Beispiel: im Hier-und-Jetzt sein, Erleuchtung, Einheit im Sein, Erwachen, Auferstehung, Nirvana, oder Brahman-Bewusstsein, Stille, Alles, Nichts.

Letztendlich gibt es keine genauen Worte hierfür – jeder findet seinen persönlichen Ausdruck.

 

Verschiedene Facetten der Meditation

 

Es gibt, wie bereits erwähnt, viele verschiedene Meditationstechniken und ich empfehle es, verschiedene Methoden auszuprobieren. Dann wird sich zeigen, was Ihnen am meisten liegt und am besten gefällt. Es gibt Methoden, die mehr über den Verstand oder über die meditative Aufmerksamkeit, Achtsamkeit oder Hingabe gehen oder eher mehr Bewegung beinhalten. In jedem Fall sammeln Sie dabei Erkenntnisse und lernen sich selbst tiefer kennen.

Diese meditativen Erfahrungen können sehr faszinierend sein, sodass der Alltag  vergleichsweise banal wirkt. Ich persönlich war für einige Zeit fast süchtig nach diesen meditativen Zuständen von Erkenntnissen, von Stille oder von auraähnlichen Erscheinungen, die unvorhergesehen auftraten. In dieser Zeit meditierte ich täglich für mehrere Stunden ohne Pause, was natürlich zu viel des Guten war und ist. Nach einer Stunde des Meditierens ist eine Pause mit Bewegung unbedingt erforderlich! Nach ein paar Wochen hatte ich das Gefühl eines rauschähnlichen Zustandes. Also balancierte ich meine Meditationszeiten aus und gewann eine neue Ebene der Wahrnehmung. Ich habe mich dann bewusst entschieden, mich darin zu üben, mit meiner Aufmerksamkeit im Alltag, im Hier und Jetzt zu sein.

 

Ein sehr wichtiger Aspekt des Meditierens ist – gleichgültig, ob Sie verschiedene Arten ausprobiert haben oder nicht –, dass Sie sich irgendwann für „eine “Meditationsart entscheiden. Wie schon erwähnt, fiel meine Wahl auf die Vipassana-Meditation und ich bin dabei geblieben. Es kamen und kommen immer wieder neue Meditationstechniken hinzu, unter anderem von bekannten Persönlichkeiten, die vermitteln, wie sie auf ihre Weise Heilung erfahren haben. Es ist verführerisch, sich dann von „seiner“ Meditation wegziehen zu lassen; diesem Gefühl, diesem Drang habe ich immer widerstanden. Die „neue“ Meditationsart kann verstanden werden als eine Ablenkung, die erst einmal wieder unbekannte Zugänge ins Meditative beinhaltet. Bei allem, was wir regelmäßig üben, wie zum Beispiel Klavierspielen oder Kopfrechnen, bilden sich im Gehirn spezielle neuronale Verknüpfungen. Genauso ist es auch bei einer Meditationsart und deswegen bewährt es sich meist, bei ein und derselben zu bleiben und tiefer zu gehen. Der Erfahrungsschatz wird größer, sodass wir im Laufe der Zeit leichter in die Stille jenseits des Denkens gelangen. Generell ist ohne regelmäßiges Üben kein so bedeutungsvolles Ergebnis zu erwarten.

 

Nachfolgend stelle ich Ihnen verschiedene Meditationsarten vor, unter denen Sie die passende auswählen können. Die verschiedenen Meditationen habe ich von meinen Reisen aus verschiedenen Ländern und von spirituellen Weisheitslehrern mitgebracht, einige sind von mir selbst. Ich habe sie alle längere Zeit praktiziert, intensive Erfahrungen damit gemacht und hier aufgeschrieben.

 

Vipassana-Meditation

 

Vipassana ist eine stille Meditation. Es ist ein Wort aus der altindischen Sprache Pali. Passana bedeutet „sehen“ und Vipassana heißt „in sich hineinschauen“ – alles so zu betrachten, wie es „wirklich“ ist, bis die letzte Wahrheit geschaut ist, unabhängig von Verstand und Körper erfahren wird. Als Methode liegt dem die Selbstbetrachtung durch Wahrnehmung des eigenen Atems zugrunde. Wenn wir die letzte Wahrheit erfahren haben, sind wir vollkommen befreit von allen Unreinheiten, von allem menschlichen Leid. Wir haben dann einen reinen Geist und ein reiner Geist kann nur Liebe und Mitgefühl sein. Wir sind „erwacht“. Östliche spirituelle Lehrer sprechen in diesem Zusammenhang von Nirvana, der vom Bewusst sein erfahrbaren Dimension des Letztendlichen.

 

Der historische Buddha, Siddhartha Gautama, wurde im 5. Jahrhundert vor Christus geboren. Es soll vor ihm bereits andere Buddhas gegeben haben. Das Wort Buddha bezeichnet einen Menschen, der „erwacht“ ist, der die vollkommene Erleuchtung und somit die vollkommene Befreiung, Nirvana, verwirklicht hat – die Erlösung aus dem Kreislauf der Existenzen. Zu Lebzeiten des Siddhartha Gautama gab es bereits Vipassana; sie ist eine der ältesten Meditationsarten und führt in das eigene innere Zentrum jenseits der Gedanken. Und es sei an dieser Stelle noch einmal erwähnt: Vipassana ist die Grundlage, die Essenz aller Meditationsarten, die dann abgewandelt wurden und auch heute noch den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden. Neben den unschätzbaren Vorteilen der Meditation trägt sie das jahrtausendealte Potenzial und die Kraft der Tradition in sich.

 

Als eine Art Nebenprodukt führt Vipassana zu Einsicht, Erkenntnissen und einer Zunahme der intuitiven Fähigkeiten. Für mich kann ich sagen, dass ich dadurch wahrnehmungsfähiger geworden bin. Wie ich schon ausführte, wurden mir dadurch Träume zugänglicher, und ich integriere die visionären Botschaften in mein Leben.

Wir bedanken uns herzlich für den Textauszug aus

„Ins Licht geschubst“

von Monika Weber

beim Innenwelt Verlag!


Impuls zum Thema "Hoffnung" - Von Fernand Braun

„Verlasse dich nicht!

Begrabe den Schmerz, 

der noch der deine ist,

nicht unter Felsgestein der Vergangenheit,

denn unbeweint kann er nicht Hoffnung gebären,

dich nicht zu verborgener Quelle führen,

die dir Leben verheißt."                                  (Antje Sabine Naege)

 

In den Gesprächen mit Kursteilnehmenden werde ich oft mit großem Leid und Schmerz konfrontiert. Eine Frau, die seit Jahren regelmäßig an den Übungstagen teilnimmt, erzählte mir die Geschichte ihrer Mutter, die als junges Mädchen mit ihr schwanger wurde, von der Familie verstoßen und noch vor der Geburt vom Vater des Kindes verlassen wurde. Ihre Enttäuschung vergrub sie unter ihrem Schmerz und ihrer existentiellen Angst. In ihrer maßlosen Enttäuschung und zunehmenden Verbitterung konnte sie ihrem Kind keine emotionale Nähe schenken. Sie kam als Kind ins Heim - die Mutter verstarb verwahrlost und vereinsamt.

 

Auf dem spirituellen Weg wollte sie ihre eigene Geschichte aufarbeiten, sich selbst unter den Trümmern ihrer „zerstörten“ Kindheit zurückgewinnen, indem sie sich ihren eigenen existentiellen Ängsten stellen wollte. Nun, der spirituelle Weg ist und ersetzt keine Therapie. Kann ein Mensch auf dem spirituellen Weg seine leidvolle Geschichte aufarbeiten? Kann er der Angst und dem Schmerz, die er unter dem „Felsgestein der Vergangenheit begraben“ hat und nicht „beweinen“ durfte und konnte, erneut begegnen, stand- und aushalten? Denn Angst und Schmerz werden ihm begegnen - wie in der Therapie führt auch der spirituelle Weg den Übenden mitten darin hinein.

 

Irvin Yalom, ein US-amerikanischer Psychoanalytiker, hat einen bemerkenswerten Satz geschrieben, der nicht nur in der Therapie, sondern auch auf dem spirituellen Weg gilt: „Wir müssen aufhören mit der Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit!“ Wir können die Vergangenheit nicht umschreiben. Aber nicht nur die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit, sondern auch die (falsche) Hoffnung auf eine Zukunft, wo alles vollkommen ist, sofern sie an bestimmte Erwartungen oder Vorstellungen geknüpft ist, sollten wir lassen! Auf dem spirituellen Weg geht es weder um Vergangenheit noch Zukunft – es ist die Gegenwart, um die es geht und uns ganz und gar zur Verfügung steht! Die alten Ängste aus der Vergangenheit oder die Sorgen um die Zukunft erscheinen in diesem gegenwärtigen Augenblick und spiegeln sich in unserem Bewusstsein als Erwartungen und Erinnerungen. Das Entscheidende scheint mir, wirklich zu erkennen, dass es nur um die Gegenwärtigkeit geht. „Wir sollten die Illusion aufgeben, als hätten wir eine Alternative zu dem, was jetzt ist!“ so Willigis Jäger.

 

„Verlasse dich nicht!“ bedeutet in diesem Sinne das Leben in diesem Augenblick als ein einzigartiges Geschenk und von unschätzbarem Wert zu würdigen, indem ich es lebe und mich nicht von Ängsten und Sorgen wegtragen lasse bzw. mich sozusagen in meine Erinnerungen und Erwartungen verabschiede. Mein Leben wird ehrlicher und wahrhaftiger und ich erkenne die Tatsache an, dass das Leben immer im Wandel ist und ich dem Geschehen – sofern es mir möglich ist, und das wäre eine unabdingbare Voraussetzung auf dem spirituellen Weg – Raum lassen kann: Raum für Trauer, Raum für Linderung, Raum für Schmerz und Elend, aber auch Raum für Freude. Es geht nicht darum, an einen Ort anzukommen, wo alles besser oder vollkommen ist. Der spirituelle Weg führt nicht in den Himmel, sondern an den einzigen Ort, wo du sein kannst: „Jetzt“, bei dir!

 

Fernand Braun ist Mitglied der spirituellen Leitung „Wolke des Nichtwissens - Kontemplationslinie Willigis Jäger“. Er ist spiritueller Leiter des Benediktushofes und Mitglied im Präsidium der "West-Östlichen Weisheit - Willigis Jäger Stiftung". Neuerscheinung: „Ich suche nicht, ich finde“, Kösel Verlag

Benediktushof – Zentrum für Meditation und Achtsamkeit

In Stille und Klarheit das Leben erfahren

 

Der Benediktushof ist eines der größten Zentren für Meditation und Achtsamkeit in Europa. Hier können Menschen in Stille zu sich selber kommen, sich auf Wesentliches besinnen und mit lebenspraktischen Impulsen gestärkt in den Alltag zurückkehren. Dafür bietet der Benediktushof ein breites Seminar- und Kursangebot. Die großen östlichen und westlichen Meditationswege Zen und Kontemplation bilden die zentralen Säulen. Hinzu kommen moderne Achtsamkeitsmethoden wie MBSR, Yoga sowie Kurse aus den Bereichen Führungskompetenz, Kreativität, Gesundheit und Selbsterfahrung. Weitere Infos: www.benediktushof-holzkirchen.de

 


Herbst 2017


Vision des Herzens - von Sabrina Gundert

Foto: ©Raphi See photography
Foto: ©Raphi See photography

Ich hatte keine Ahnung, wer er war und woher er kam, als ich ihn plötzlich hörte. 

 

Zuvor war ich eine Stunde Zug gefahren. Hatte viel geschrieben. Mir Gedanken darüber gemacht, wie weit ich meiner Vision folgen konnte, wie weit es sinnvoll war. Ob ich nicht manchmal doch lieber vernünftig werden, mich um das Geld kümmern, einen Plan machen sollte. 

 

Ob ich wirklich so weit vertrauen durfte, auf mich, den Ruf in mir und die Vision einer Welt, in der Menschen sich erinnern an das, wofür sie hier sind. In der sie ihr Eingebundensein zwischen Himmel und Erde wieder spüren, den tiefen Frieden, der daraus erwächst, und es wagen, einander als Menschen zu begegnen.

 

Und dann stand er da. Davide Martello, dessen Namen ich erst viel später erfahren sollte, und sein Flügel, angehängt an ein E-Bike. Er stand da, mitten auf der Marktstätte in Konstanz am Bodensee, einem sonst eher kahlen, fast baumlosen Platz, über den die Menschen an gewöhnlichen Tagen in die Stadt hetzen, mit Einkaufstaschen, Plänen im Kopf, gesenktem Blick.

 

Doch heute war etwas anders. Oder: alles. In einem Kreis standen da Menschen um ihn, seinen Flügel und sein E-Bike, während seine Klavierklänge die Marktstätte fluteten. Die Zeit schien verlangsamt, die Menschen mit ihr, ursprüngliche Pläne nicht länger wichtig.

 

Ich hörte einen Mann neben mir zu jemandem sagen, der Klavierspieler hieße Davide, er spiele überall auf der Welt, vor allem auch an Orten, an denen Unruhen und Gewalt herrschten. Überall dort baue er seinen Flügel auf und spiele. Nur das.

 

So schloss ich die Augen, öffnete sie wieder, sah mich um. Meine eigene Einkaufsliste hatte ich längst abgehakt. Denn ich bemerkte, dass ich mitten in der Antwort auf all die Fragen stand, die mich die ganze Zugfahrt über begleitet hatten – und die mir inzwischen so fern erschienen.

 

Mit jedem Klang flog die Antwort über den Platz und schien zu rufen: Ja, es ist sinnvoll seiner Vision zu folgen. Ja, es ist unendlich wertvoll, an etwas Größeres zu glauben. Auch, wenn es manchmal idiotisch, unerreichbar, idealistisch oder weltfern scheint.

 

Und ja, es ist möglich, dass wir einander wieder als Menschen begegnen. Dafür braucht es nicht viel. Manchmal reicht ein Klavierstück im Nieselregen auf einem zugigen Platz aus. Um die Stille, das Leuchten und unser Verbundensein als Menschen wieder so greifbar zu erfahren.

 

Zurück zuhause sah ich noch ein Video an: Das der Herzensfolger, einer Familie, die sich im Norden Norwegens in einer Art rundem Glashaus ein nachhaltiges, naturverbundenes Leben geschaffen hat und damit der Vision ihres Herzens gefolgt ist.

 

Am Ende dieses Tages spürte ich, wie mein Mut zurückgekehrt war. Darein, zwischen verspäteten Bahnen, täglich neuen Kriegsschauplätzen und der Vorsteuerabgabe das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren: meine Vision. Das, wofür ich stehe. Wofür ich gehe. Wofür ich hier bin.

 

Und sie zu erinnern, vielleicht auch: sie erst einmal zu finden. Um sie dann in die Welt zu tragen und zu leben.

 

Zu Davide Martello: www.klavierkunst.com, zu den Herzensfolgern: www.vimeo.com/151048885

 

Foto: ©Alexandra Stehle
Foto: ©Alexandra Stehle

Der Text stammt aus Sabrina Gunderts - www.sabrinagundert.de - neuem Printmagazin "Verbundensein".

 

Mehr dazu hier und www.magazin-verbundensein.de


Sommer 2017


Der Weg des Erwachens

Ein Erfahrungsbericht von Michael Gleich
   
Es war bei einer Busfahrt. Ich blickte aus dem Fenster, Straßenzüge der Großstadt glitten vorbei, keine besondere Situation – und plötzlich wurde es still in mir. Keine Gedanken mehr. Die Zeit blieb stehen. Der Raum dehnte sich ins Unendliche, ohne dass sich etwas bewegte. Grenzenlose Verbundenheit mit allem. Ein klares Sehen, dass alles, was existiert, grundgut ist. – War das Erwachen? Ja. Bin ich erwacht? Nein. Schon wenig später begann der alte Lärm im Kopf wieder. Gedanken, Urteile, Wünsche, Selbstanklagen, Schuldgefühle. Das ganze Theater des Ich-Geistes.

 

Solche Stille-Momente haben in mir eine brennende Sehnsucht geweckt. Ich hatte den Geschmack von Freiheit gekostet. Gleichzeitig gab es das Eingeständnis: Mit meinen bisherigen Versuchen, Lebensglück zu finden, war ich komplett gescheitert. Ich hatte auf Liebesbeziehungen gesetzt, materielle Sicherheit, Erfolge im Beruf, und mir davon Erfüllung und inneren Frieden erhofft. Stattdessen fühlte ich mich leer, erfüllt nur von Sinnlosigkeit.

Seitdem will ich wissen, was jenseits leidvoller Gedanken-Mühlen ist, die sich immer wieder um dasselbe drehen. Mich treibt die Frage um: Wer bin ich wirklich – ohne dieses Leiden?
„Menschen, die sich auf den Inneren Weg machen, haben zunächst eine sehr oberflächliche Vorstellung von Leiden“, sagt der spirituelle Meister OM C. Parkin, der seit 30 Jahren spirituell Suchende begleitet. Erst später, mit zunehmender Reifung, erschließe sich ihnen, was Leiden in der Tiefe bedeutet: die Identifikation mit einem Ich-Geist, der das Bewusstsein verengt und verdunkelt. Beruhend auf der Vorstellung „ich bin dieser Körper“, trennt er von der Realität, vom Sein.
Weisheitslehrer wie OM weisen den Weg zurück. Nach Hause. In die Realität der Einheit. Dazu reicht es jedoch nicht, Schülern zu predigen, „ihr seid schon DAS“. Es ist notwendig, die Illusionen eines Geistes zu entlarven, der von sich behauptet, ein eigenständiges Wesen zu sein und sich selbst an die oberste Stelle stellt. Er beansprucht für sich, die Wahrheit zu kennen und prüfen zu können.
Geister haben die Eigenschaft, dass man sie nicht einfach sehen, anfassen, dingfest machen kann. Sie sind unsichtbar, flüchtig, unfassbar. Und dennoch ist der Ego-Geist kein unüberwindlicher Gegner. Zunächst gilt es, seine Spuren zu lesen. Das geschieht in der Selbsterforschung.
„Der denkende Geist will sich der Grundkräfte des Seins bemächtigen. Alles meins!“ So beschreibt die Diplom-Psychologin Ulrike Porep, Lehrerin an der Enneallionce, die Anmaßung des Egos. „Das Zorn-Ich sagt dann: Ich will nicht. Das Angst-Ich sagt: Ich will weg. Das Wunsch-Ich sagt: Ich will es anders! Aber wer ist eigentlich ‚ich’? Letztlich zeigt sich ein System, das aus Geschichten besteht, die wir uns immer wieder neu erzählen.“ Leidensgeschichten. Es geht darum, sie immer feiner zu durchdringen, zu entlarven und dadurch für den Kontakt zur Realität durchlässiger zu werden.


Ja, wir tragen den göttlichen Funken in uns. Und nein, wir wissen es nicht, solange wir uns als vom Sein getrennt wähnen. Deshalb gibt es Erwachen nicht gratis. Wir haben einen Weg zu gehen, der unbequem und herausfordernd ist. Und womöglich – für das Ego – zum Tod führt.
Vortrag, Dialog & Workshop mit OM C. Parkin siehe unter „Veranstaltungen“.


Frühling 2017


Kollektives Trauma - Mystik - Integration - ein Interview mit Thomas Hübl

Echos und Antworten in einer fragmentierten Welt

Ein Interview mit Thomas Hübl, dem Initiator des Celebrate Life Festivals:

Thomas, was ist das Wesen von Trauma, und in welcher Beziehung dazu steht die Mystik?
Thomas Hübl: Das Thema Trauma ist von besonderer Relevanz in der Bewusstseinsevolution. Evolution ist Bewegung. Trauma wirkt als bremsende Kraft. Wenn wir inspiriert sind, wenn wir etwas Neues herausfinden und frische Einsichten haben, wenn wir kreativ sind, wenn wir gemeinsam in einen interessanten Dialog gehen, wird Bewegung angeregt und wir kommen intensiver in den Fluss. Treffen diese Anregungen oder Anforderungen jedoch auf ein traumatisiertes Areal, passiert das Gegenteil: Es  entsteht Angst, Konfusion, Überaktivierung, Rückzug, Eskalation etc. Dieser Mechanismus hat sowohl in der persönlichen Entwicklung des Einzelnen als auch für die Beziehung zu anderen Menschen und im kollektiven Miteinander erhebliche Auswirkungen. Erfahrungsfähigkeit, Beziehungsfähigkeit und Verarbeitungsfähigkeit sind eingeschränkt.
Neben unvorhergesehenen Begebenheiten, die zu traumatischen Schockreaktionen führen können, ist Trauma für die meisten Menschen etwas, das aus einer nicht adäquaten Beziehung und /oder einer überwältigenden Erfahrung entsteht und nicht erlöst werden kann.


Im Trauma ist unser Organismus überfordert. Es gibt eine Überladung von der Erfahrung, die nicht verarbeitet werden kann. Durch die Überlastung des Nervensystems reduziert der Organismus seine Sensitivität. Es gibt also eine Hyperaktivität und zugleich eine bremsende Aktivität. Sich weiterbewegen zu wollen und gleichzeitig energetisch auf der Bremse zu stehen, das ist das Wesen von Trauma.
Die Mystik begreift Trauma als gefrorene Vergangenheit. Sie geht davon aus, dass die Vergangenheit nicht das ist, was im Sinne einer Zeitlinie gestern passiert ist, sondern das, was vom Gestern noch unerledigt ist und deshalb heute immer noch unser Leben beeinflusst.  Ein Päckchen also, das ein Mensch mit sich herumträgt, welches seine Entscheidungen und Beziehungen mitbestimmt und ihn zumindest subtil fortwährend beschäftigt. Im Fernen Osten nennt man das Karma. Wir nennen es hier Trauma. Aber ganz gleich, wie wir es nennen, – es ist ein Phänomen, das in der Gesellschaftsentwicklung und Bewusstseinsevolution eine enorme Tragweite hat.

Wie äußert sich individuelles Trauma im Alltag, und wie können wir alltäglichen Traumasymptomen begegnen?
T.H.: In den Momenten, in denen ein Mensch nicht seiner Intelligenz entsprechend auf die Wirklichkeit antworten kann, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er gerade entweder einer starken Konditionierung oder einem Trauma in sich begegnet. Da ihm das jedoch nicht bewusst ist, nennt er es Problem. Doch dieser Mechanismus ist ja nur der nach außen projizierte Versuch, für seine eigene Konfusion  und/oder Unzulänglichkeit eine Erklärung zu finden. Ihm fehlt in solchen Situationen die innere Möglichkeit, zu der gestellten Herausforderung eine Beziehung zu finden. Wird diese Beziehungsfähigkeit wieder hergestellt, wird enorm viel Energie frei, die bis dahin gebunden war.
Umso gesünder sich diese Beziehungsfähigkeit in den ersten Lebensjahren entwickeln kann, desto besser ist die Basis, die Menschen für ihr Leben haben. Gibt es diesen guten Nährboden nicht, führt das manchmal zu einem lebenslangen Abmühen mit bestimmten Themen und zu zirkulär wiederkehrenden Schwierigkeiten, die mit viel Leid verbunden sind.

Jeder kann seine eigenen Traumasymptome im Alltag erforschen und daran arbeiten: Wenn ich nicht automatisiert lebe, sondern lerne, mich mehr und mehr bewusst auf mich selbst zu beziehen, bekomme ich immer mehr mit, wo mir das Leben schwer fällt, wo ich keine Selbstbeziehung herstellen kann.
Wenn ich dann genug Mut habe, fange ich an, mir meine Themen in der Ich-Du-Beziehung, ggf. gemeinsam mit einem Profi, tiefer anzuschauen. So kann das nachreifen oder heilen, was aus nicht adäquaten Beziehungen entstanden ist. Hilfreiche Werkzeuge hierfür sind sowohl Traumatherapien als auch die spirituelle Praxis, sowie Gemeinschaften, die ein gesundes Beziehungsumfeld und eine gesunde Basis für individuelle und inter-personelle Praxis bieten.
Für manche Menschen gilt es jedoch, überhaupt erst einmal anzuerkennen, dass sie traumatisiert sind; dass sie also je nach Abstufung in ihrem Leben etwas überwältigt hat oder sehr schwer zu ertragen war. Indem sie das ernst nehmen, öffnen sie ein Tor für ein Umfeld, in dem Heilung entstehen kann.

Es gibt exzellente psychologische Methoden zur Auflösung von Traumata. Welche Verbindung gibt es zwischen der Mystik und moderner Traumatherapie?
T.H.: Aus Sicht des Mystikers gibt es beim Verständnis von Trauma keinen Unterschied zwischen Mystik und Psychologie. Gerade die neuesten Erkenntnisse der Psychologie zeigen, dass es eine sehr starke Übereinstimmung zwischen Mystik, Energetik und Traumatherapie gibt. Die Mystik spricht von eingefrorener Energie in Raum und Zeit, und es geht, genau wie in der Traumatherapie, darum, diese gefrorenen Areale zu kontaktieren und zu erlösen, also in eine neue Beziehung zu führen, und dadurch die Entwicklung des Menschen wieder in Fluss zu bringen. Moderne Traumatherapie und Mystik wirken synergistisch.
Wenn man sich Traumata stellen möchte, sind Mystik und Psychologie vortreffliche Partner, die sich wechselseitig darin verstärken können, kristallisierte Energie in Bewegung zurückzuführen und die Synchronizität von Körper, Herz und Geist wieder herzustellen.  

Trauma gab es zu allen Zeiten. Warum erachtest du dieses Thema gesamtgesellschaftlich gegenwärtig als besonders relevant?
T.H.: Die ganze Welt erlebt derzeit eine Welle von Aufruhr, Umbruch und Retraumatisierung. Jahrtausende alte Schatten entladen sich. Die Erlösung alter Traumata ist von immenser Bedeutung für die globale gesellschaftliche Weiterentwicklung. Überall dort, - in uns selbst und in der Welt -, wo es uns nicht gelingt, Karma/Trauma zu erlösen, müssen wir erneut durch die Erfahrung hindurch.
Gerade in Deutschland ist es aktuell wesentlich, für traumatische Zusammenhänge bewusst zu sein, weil die vielen Flüchtlingen, z. B aus Syrien, die frisch traumatisiert ins Land kommen, hier auf eine Kultur treffen, die noch dabei ist, den Holocaust und den zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten. Verdrängtes Unbewältigtes wird reaktiviert. Das kann einerseits zu sehr spannungs- und konfliktbeladenen Situationen führen, zugleich liegt darin aber auch eine enorme Heilungschance, weil wir durch diese Aktivierung Zugang bekommen zu der verschütteten kollektiven deutschen Traumatisierung, die durch die Generationen weitergegeben wurde und immer noch in vielen Menschen aktiv ist.
 
Wenn wir einen heilsamen Beitrag in der Welt leisten wollen, sind wir aktuell mehr denn je gefordert, uns sowohl mit individuellen Traumata als auch mit kollektiven Regulationsphänomenen und deren Beziehung zueinander zu beschäftigen. Die transpersonale Dimension unterstützt uns dabei, die Vergangenheit heilsam umzuschreiben. Rationales Wissen und das Schauen auf Symptome bringt uns nicht weiter.
Wir brauchen ein kulturelles Reflexionsfeld, in dem wir uns gegenseitig von der Idee einer idealen Welt „ent-süchtigen“, denn das Aufrechterhalten dieses Ideals führt zur Vermeidung einer tiefen inneren Beziehung zu dem, was wirklich geschieht. Die Transformation von kollektivem Trauma beginnt, wo wir uns individuell allem, was uns in diesem Augenblick begegnet, radikal zur Verfügung stellen können.

Wie sind individuelle und kollektive Traumata miteinander verwoben und welche Verantwortung ergibt sich daraus?
T.H.: Durch die angespannte Weltlage werden wir über die Medien täglich mit Traumatisierung konfrontiert. Doch sehr viele Menschen sind gar nicht in der Lage, das, was sie dort sehen, adäquat zu verarbeiten, weil die Nachrichten auf ihr eigenes gefrorenes Areal treffen.
Wir alle sind in kollektive Traumata hineingeboren, aber wir sind uns dessen nicht bewusst, weil diese Traumata uns geprägt haben und alle Menschen in unserer Kultur darin verbunden sind. Viele Beziehungsgefüge, die wir als gegeben und normal hinnehmen, sind  bei tieferem Hinschauen Schattensymptome.
Anschaulich wird dieses, wenn z.B. jemand bislang vollkommen Unbekanntes in meiner Umgebung auftaucht und in mir selbst erst einmal eine Distanz, ein Fremdheitsgefühl, entsteht. Gelingt es mir, dieses distanzierte Gefühl bewusst als zu mir selbst gehörend anzunehmen, habe ich die Freiheit zu schauen, was als nächstes tatsächlich passiert. Wenn ich dieses Fremdheitsgefühl jedoch gewohnheitsmäßig von mir weg auf den Unbekannten richte und mich mit bekannteren Menschen in meiner Umgebung zusammenschließe, denen das auch so geht, fühlen wir uns als Gesellschaft verbunden - und der Unbekannte wird zu einem Fremden.
So wird die Fremdheit im einzelnen Menschen vor dem Hintergrund jahrtausendealter Traumata und Schmerzen als gesamtgesellschaftliche „Wahrheit“ ins Außen projiziert.
Wenn wir Verantwortung für die Weiterentwicklung und mögliche Erlösung unserer Kultur übernehmen, müssen wir uns fragen, wie es eine Kultur schafft, Traumata wie den Holocaust kollektiv zu verdrängen. Wie machen wir es, dass die ganze, von Massenmorden und Kriegen übrig gebliebene Energie nicht ständig mit uns an unserem Arbeitstisch sitzt? Wie kann man präventiv in Krisensituationen handeln und neue Wege/Instrumente entwickeln, um die Effekte von kollektiver Traumatisierung bereits im Vorfeld zu reduzieren?
Es ist inzwischen vieles bekannt über die Dynamiken, mit denen der einzelne Mensch seine Traumata verdrängt. Aber wir wissen relativ wenig darüber, wie die kollektive Verdrängung funktioniert. Noch weniger wissen wir darüber, wie genau wir an diesen Dynamiken Anteil nehmen. Und es ist schwieriger, diese Dynamiken zu erforschen, weil jeder von uns selbst auch darin lebt.
Man muss sehr bewusst sein, um sich langsam aus diesen Gewohnheiten und Verständigungen herauszuschälen. Aber wenn wir das erforschen, tun sich vollkommen neue Welten auf. Es betrifft uns alle. Und meiner Ansicht nach werden sich viele zukünftige Einsichten in der Psychologie aus dieser neuen Dimension heraus entwickeln.

Was können wir als Einzelne und als Kultur zur Traumaheilung beitragen?
T.H.: In all den traumatischen Schatten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, liegt auf höherer Bewusstseinsebene auch das höchste Potenzial für Transformation.
Die Chance unserer Zeit besteht nicht in der Indifferenz. Gewisse Dinge existieren kollektiv nur weiter, weil sie nicht gesehen werden können. Wir müssen sowohl als Individuen als auch als Kultur lernen, mit einer echten Empfindungsfähigkeit Anteil zu nehmen. Wir müssen hinschauen lernen, wo die meisten Leute heute noch wegschauen oder nur intellektuell hinsehen können, weil es zu schwierig ist.
Wir können uns in der spirituellen Praxis verbinden und sie als Ressource zur Prävention und Bewältigung von Traumata nutzen. Wir können uns um die Auflösung unserer individuellen Traumata kümmern und andere darin unterstützen, ihre Traumata aufzulösen. Wir können tiefgreifende Beziehungs-Kompetenzen ausbilden, um auch starke Emotionen und scheinbar Widersprüchliches in uns beheimaten zu lernen und nicht abzuspalten.
Die Menschen, die schon heute dazu in der Lage sind, hinzuschauen und sich dem Unangenehmen zu stellen, können diesen Mut und diese Lebensverpflichtung für unsere gemeinsame Lebensgrundlage einsetzen und Teil einer transformatorischen Bewegung werden.

Multidisziplinäre Zugänge, gespeist u.a. aus Recht, Soziologie, Bildung, Kunst, Medizin und Spiritualität, können helfen, Traumata zu beleuchten, zu erforschen, zu integrieren und zu heilen. Gemeinsam können wir dafür Verantwortung übernehmen, jenseits der Traumatisierung zu einer Wiederherstellung der natürlichen Bezogenheit und Bewegung zu gelangen. In dieser Wiederherstellung liegt die transformatorische Kraft dafür, traumatische Zyklen zu stoppen und als Menschheit einen echten Lernschritt weiterzugehen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Foto Th. Hübl: Stig Albansson

Das 14. Celebrate Life Festival 2017 findet vom 28. Juli bis 6. August im Hof Oberlethe statt.

Ausführliche Infos bald auf www.celebrate-life.info.


Winter 2017


Dialogische Achtsamkeit in der Psychosynthese - von Kerem Böge

Mentale Gesundheit als einen Prozess des persönlichen Wachstums begreifen - eine empirische Studie von Kerem Böge

Kerem Böge ist Psychologe, Wissenschaftler und Psychosynthese-Therapeut. Neben seiner Tätigkeiten als Lehrtherapeut am Institut für Psychosynthese und Transpersonale Psychologie Köln hat er eine eigene Praxis in Berlin. Weiterhin promoviert er an der Charité Berlin, wo er die erste deutschsprachige Akzeptanz und Commitment Therapie und einen achtsamkeitsbasierten Leitfaden in der psychotherapeutischen Behandlung von psychotischen Störungsbildern entwickelt.

In den letzten Jahren zeichnet sich ein Wandel in der medizinischen wie psychologischen Wissenschaft, hin zu einem personenzentrierten Verständnis von Gesundheit ab. Holistisch-östliche Ansätze, wie Yoga und Achtsamkeit, erlangen hierbei auch innerhalb der westlichen Psychotherapieansätze einen signifikanten Popularitätsschub. Die dialogische Achtsamkeit, nach dem 'Kölner Modell', beschreibt den Prozess eines inneren Dialogs des mentalen Systems und seiner psychologischen, sowie psychosomatischen, Komponenten, aus einer achtsamen Beobachterposition heraus.

„Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen blickt, erwacht.“ (Jung 1968)
Fragt man Patienten in westlichen Ländern nach ihrem therapeutischen Ziel, so ist die Antwort eindeutig: Komplette Genesung. Doch immer mehr Experten lehnen die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab und favorisieren stattdessen einen Paradigmenwechsel hin zu einem Ansatz, der die Fähigkeiten der Anpassung und der Selbstverwaltung des Individuums als Antwort auf Herausforderungen einbezieht, anstatt sich lediglich auf das Erreichen eines ‘Zustands absoluten Wohlergehens’ zu konzentrieren, wie die WHO vorgibt. Gesundheit sollte daher als ein Prozess begriffen werden, in dem die Verständlichkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit schwieriger Situationen zu einer Steigerung der persönlichen Ressourcen, einer eigenen Anpassung und einer Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens führt, von denen sodann eine positive Interaktion zwischen Geist und Körper erwächst.

Achtsamkeit
Gemäß Johnson (Präsidentin der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft), sollte Psychologie, damit auch Psychotherapie, die Möglichkeit in den Fokus rücken, Klienten in ihrer Gesamtheit zu begreifen, welche Geist, Körper, Kultur und Religion verbindet, um den vorherrschenden Dualismus von Geist und Körper aufzuweichen. In der Öffentlichkeit entsteht ein wachsender Bedarf nach ganzheitlichen Ansätzen, die die westlichen Grenzen zu therapeutisch wertvollen östlichen Praktiken öffnen. Um die Verbindung zwischen der Wahrnehmung mentaler Gesundheit und der Anwendung von Achtsamkeit zu verstehen, hilft eine Vertiefung in ihre Definition. In den letzten Jahren sind viele Definitionen der Achtsamkeit entstanden, jede vom jeweils Ausübenden geprägt. Die unterschiedlichen Annahmen zusammenfassend kann Achtsamkeit zunächst als Zustand klaren Bewusstseins beschrieben werden, wobei die Aufmerksamkeit inhaltslos ist. Des Weiteren ist Achtsamkeit eine nicht-wertende Bewusstheit der gegenwärtigen Erfahrungen, die darauf aufbaut, das eigene subjektive Bewusstsein zu erspüren. Wer Achtsamkeit ausübt, kann somit zum bewussten Beobachter des eigenen Bewusstseins werden - zum Meta-Beobachter.

Es wird angenommen, dass man durch ein verändertes Bewusstsein, im Kontext der Achtsamkeit, ein vertieftes Einsichtsvermögen erhält, welches zu einem Zustand von Gelassenheit führt. Dies wird als Qualität eines Bewusstseins definiert, welches sinnliche und kognitive Objekte wahrnimmt, ohne sie mit Bindung oder Abneigung zu betrachten. Zeitgenössische Forschung deutet klar auf die klinisch wertvollen Effekte von achtsamkeitsbasierten Maßnahmen bei der Therapie verschiedener klinischer Störungen, wie Angstzuständen und Depressionen, Essstörungen und Substanzabhängigkeiten hin. Darüber hinaus haben Achtsamkeitsinterventionen auch zu Verbesserungen der physischen und psychologischen Gesundheit, sowie der Gehirn- und Immunfunktionen geführt.

Psychosynthese
Ein Ansatz, der dafür bekannt ist westliche, traditionelle Techniken wie Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und Jung‘sche Analyse mit östlichen achtsamkeitsorientierten Ansätzen zu verbinden, ist die Psychosynthese. Die Psychosynthese basiert auf einem transpersonalen Psychologieverständnis, welches Körper, Seele, Gefühle und Verhalten einer Person einbezieht und in eine ausgewogene Synthese integriert. Gleichzeitig werden physische, emotionale, mentale und essenziell menschliche Dimensionen mit einbezogen. Transpersonale Psychologie wie die Psychosynthese versteht das ‘Selbst’ als eine Kontrollinstanz des menschlichen Lebens, während das ‘Ich’ die Reflexion des eigenen vollen Potentials ist. Das ‘Ich’ ist somit ein innerer Ruhepunkt, welcher als das wahre Selbst erfahren wird. Folglich kann das ‘Ich’ als das volle Potential des ‘Selbst’ verstanden werden. Diese Beziehung wurde von Neumann als ‘Ich-Selbst-Achse’ beschrieben. Daher gilt ein bewusster und anhaltender Zugriff des ‘Ichs’ auf das ‘Selbst’ als der entscheidende Schritt im psychosynthetischen Verständnis des Heilungsprozesses. Um eine Synthese, dem ganzheitlichen Verständnis des Menschen folgend, zu erreichen, werden weitere therapeutische Maßnahmen genutzt um diesen Integrationsprozess zu erzielen. Dies ist der Kern des potentialerweiternden Ansatzes der Psychosynthese - die Entwicklung einer authentischen Persönlichkeit, die aus den inneren seelischen Stärken erwächst.

Aktuelle empirische Studie
Eine erste empirische Studie über die Psychosynthese nach dem 'Kölner Modell' konnte 2015 die Effizienz von Psychosynthese und deren Effekt auf psychopathologische Symptome nachweisen. Als entscheidender therapeutischer Wirkfaktor konnte bei den Teilnehmern eine Bewusstseinsveränderung gemessen werden, die den Schritt von Fremd- zu Selbstbestimmung hervorhebt. Weitere einzigartige und maßgebliche Merkmale der Psychosynthese sind die ganzheitliche Anthropologie, ihr Gebrauch der Achtsamkeit, ihr erfahrungsorientierter Ansatz und ihre Förderung transpersonaler Einsichten.
Die diesem Artikel zugrundeliegende Studie war die erste ihrer Art, die dialogische Achtsamkeit in der Psychosynthese Therapie zur Arbeit mit elterlicher Introjektion nutzte. Ziel war es ihre Wirksamkeit zur Verringerung von psychopathologischen Symptomen und zur Steigerung von Achtsamkeitsfertigkeiten von Teilnehmern zu testen. Hierzu wurden Teilnehmer während zwei Psychosynthesekursen mit dem Titel "Das innere Kind und die Heilung der Selbstliebe" begleitet, welche vom Institut für Psychosynthese und Transpersonale Psychologie angeboten wurden.

Dialogische Achtsamkeit
Die Grundlagen für den Kurs liefert Jungs Archetyp des ‘göttlichen Kindes’, das als Verkörperung des Individuationsprozesses und des künftigen Potentials eines Menschen verstanden wird.
Hauptziel des Kurses ist das Erwecken von ‘dialogischer Achtsamkeit’, worunter der Prozess eines inneren Dialogs mit dem mentalen System und seinen psychologischen Bestandteilen, von einer achtsamen Beobachterposition aus - dem Zentrum - verstanden wird. Die Kernaussage ist, dass das ‘Ich’ in einem konstanten Dialog mit den mannigfaltigen Reizen und Signalen des Lebens steht, um sich von Identifikationen loszusagen und ein achtsames Bewusstsein zu entwickeln, welches die Entwicklung eines tiefgreifenden Verständnisses der persönlichen Identität ermöglicht. Hierzu wurden die folgenden fünf Schritte für die Arbeit mit von den Eltern übernommenen Einstellungen definiert.

Achtsames Beobachten
Durch eine geleitete Imagination wird der Klient dazu befähigt, einen Zustand erhöhter Wachsamkeit und Präsenz zu erreichen, in dem Signale des Körpers besser wahrgenommen werden können und ein klarerer Sinn für die innere Wahrnehmung entsteht.

 

Elterliche Introjektion bemerken
Ein achtsamer Bewusstseinszustand ermöglicht Klienten sich der Introjektion bewusst werden. In der Psychoanalyse versteht man unter Introjektion einen Prozess - im Gegensatz zu einem Identifikationsprozess - in dem Verhaltensweisen, Attribute und Fragmente der Umwelt reproduziert und übernommen werden. Die verbreitetsten und wohl schwierigsten Introjektionsmuster entstammen der Kindheit, in der bestimmte Aspekte des elterlichen Verhaltens in die Persönlichkeit übernommen werden, was das eigene Selbstverständnis renitent bestimmt und bestehende Möglichkeiten unwirksam macht. Sich dieser elterlichen Introjektion bewusst zu werden, kann somit als Disidentifikationsprozess beschrieben werden, der durch das Erfühlen der schädlichen psychischen Energie und des Wertesystems erreicht wird. Anschließend kann der Klient sich von der darunterliegenden Introjektion lösen, die persönliches Wachstum und Selbstbestimmung gehemmt hat.

Wahrnehmung des eigenen Selbst
Nach dem Begründer der Psychosynthese, Assagioli, werden wir durch alles was mit unserem Selbst identifiziert ist dominiert. Wir wiederum können alles beherrschen von dem wir uns gelöst haben. Die Konzepte Kontrolle und Beherrschung sind nicht als Machterfahrung zu verstehen, sondern vielmehr als ein Gefühl von Inhaltsleere, Disidentifikation oder Entbindung. Sich dessen bewusst zu werden, mit etwas bewusst identifiziert zu sein und gleichzeitig zu entscheiden mit welchem Inhalt, ist der bedeutendste Ich-stärkende, therapeutische Effekt, im Gegensatz zur achtsamkeitsbasierten Meditation. Daher ist die pure Wahrnehmung von ‘Ich’ oder ‘Selbst’ eine konstante Identifikation mit inhaltsleerer Achtsamkeit (reinem Bewusstsein) und Willen. Während dieses Prozesses ermöglicht die Lösung von der gestörten elterlichen Introjektion die Chance, mit dem eigenen inneren Kind in Kontakt zu kommen.

Dialog
Von einem losgelösten Blickpunkt aus, dem Zentrum, kann der Klient direkte Fragen an die psychische Energie, die unter der schädigenden Introjektion liegt, richten. Dieser Prozess führt zu einer Offenlegung der angewachsenen Macht der Introjektion und folglich zu einer Enthüllung ihres wahren Sinnes, nämlich Fremdbestimmtheit. Durch das Erfühlen schmerzhafter Emotionen, die von diesen gestörten Wertevorstellungen herrühren, wird deren schädliche Energie entmachtet. 

Inneres Wachstum
Dieser wiederholte und bewusste Prozess der Interaktion zwischen ‘Ich’, ‘Selbst’, innerem Kind und der Energie der Introjektion, bestärkt die eigene persönliche Identität und lässt eine gesunde und ergiebige Brücke zwischen ‘Ich’ und ‘Selbst’ (Ich-Selbst-Achse) erwachsen. So kann der Klient einen bedeutsamen Schritt von Fremdbestimmtheit zur Eigenständigkeit bestreiten.

Ergebnisse
Die Resultate der Studie konnten einen bedeutenden Anstieg der Achtsamkeitsfähigkeiten von Kursbeginn bis Kursende messen. Außerdem konnten die Ergebnisse einer vorherigen Studie erfolgreich bestätigt werden, indem eine große Bandbreite an psychopathologischen Symptomen (Depression, Angst, Aggression, etc.) von Kursbeginn bis Kursende abnahm. Entscheidend hierbei ist, dass der Anstieg an Achtsamkeitsfähigkeiten mit der Verringerung der psychopathologischen Symptome korreliert. Dies veranschaulicht den therapeutischen Effekt des Kurses, welcher auch drei Wochen nach Kursende stabil blieb und somit einen langanhaltenden therapeutischen Effekt nachweist.

Schlussfolgerungen
Als mögliche Erklärung gelten die wiederholten Übungen, die den Disidentifikationsprozess von elterlicher Introjektion unterstützen, wodurch die Teilnehmer ein Gefühl der Entbindung von schädigenden psychischen Energien erfahren. Indem der Klient aus dieser Erfahrung heraus seinen Problemen achtsame Aufmerksamkeit widmet, kann ein vertieftes Verständnis des ‘Selbst’ und der persönlichen Identität, zu einer besseren Wahrnehmung des Selbstbewusstseins führen, was zu erhöhten Selbst-regulierenden Prozessen führt. Somit führt dialogische Achtsamkeit, in steter Ausübung, zu einem veränderten Selbst-Wahrnehmungszustand, der zum ultimativen therapeutischen Ziel, innerem Wachstum, führt. Dialogische Achtsamkeit strebt im Kontext des Kurses einen fruchtbaren Austausch mit dem inneren Kind an. Die Klienten ziehen bildlich gesprochen ihr inneres Kind groß, was Selbstliebe und einen Individualisierungsprozess veranschaulicht. Die anhaltende achtsame Interaktion mit dem eigenen Inneren führt zu einem fortschreitenden Erwachungsprozess, der einen essenziellen Anteil der Selbsttherapie darstellt. Dank des Fokus auf die eigenen, naturgegebenen Stärken (Ressourcen) der Psychosynthese ermöglicht dieser konstante Dialog mit dem inneren Kind auch nach Kursende fortlaufende Reifung und selbst-regulative Prozesse.

Infos zur Arbeit des Kölner Institutes für Psychosynthese, deren Leiter Harald Reinhardt und Birgit Haus regelmäßig hier in der Region tätig sind: http://psychosyntheseinstitut.de. Im Februar 2017 findet ein neuer Kurs "Das innere Kind und die Heilung der Selbstliebe" im Kunze-Hof in Seefeld statt. Siehe unter Veranstaltungen.


Aufruf der Hopi – Indianer an die Menschheit

Wir befinden uns in einem reißenden kosmischen Fluss.
Dieser ist so stark und mächtig,
dass ihn viele Menschen fürchten werden.
Sie werden versuchen, sich am Ufer festzuhalten.
Sie werden auch das Gefühl haben,
auseinander gerissen zu werden und
werden aus diesem Grund auch sehr leiden.

Wisse, dass der Fluss seine Absicht und sein Ziel hat.
Die Weisen der Hopi-Indianer rufen dazu auf, sich vom Ufer loszulösen
und in die Mitte des Flusses reißen zu lassen.
Wir sollen unsere Häupter über dem Wasser halten,
um den Blick für jene freizuhalten, die wie wir selbst
mit Vertrauen und Freude im Flusse treiben.

In dieser Zeit sollten wir nichts persönlich nehmen
und auf uns alleine beziehen. Tun wir das dennoch,
beginnen unsere spirituelle Reise und unser Wachstum zu blockieren.
Die Zeit des einsamen Wolfes ist vorbei.
Orientiert euch an der Gemeinschaft, an den Mitmenschen.
Streichen wir doch das Wort ‚Kampf’ aus unserem Vokabular,
aus unserem Bewusstsein.

Alles, was wir im Alltag machen,
sollte als heiliger Akt betrachtet werden.
Suche keinen Führer abseits deiner selbst.
Gewinne deine eigene Kraft zurück
und erhalte sie für deine Entwicklung.

Es gibt keine Landkarten mehr,
keine Glaubensbekenntnisse und keine Philosophien.
Von jetzt kommen die Anweisungen geradewegs aus dem Universum.
Der Plan wird offenbar, Millisekunde auf Millisekunde,
unsichtbar, intuitiv, spontan, liebevoll.
Gehe in deine Zelle und deine Zelle wird dich alles lehren,
was es zu wissen gibt.



Sommer 2016


Meditation für New Yorks Problemkinder

Autorin: Valerie Prassl
 
Der Zen-Meister Gregory Snyder leitet seit vier Jahren in einer der ärmsten Gegenden New Yorks das ‚Awake Youth Project’, ein Meditationsprogramm für problembeladene Jugendliche.

Valerie Prassl: Wie kam es zum ‚Awake Youth Project'?
Gregory Snyder: Ich habe zuerst Achtsamkeitskurse an Colleges abgehalten, die Jugendlichen aus unterprivilegierten Nachbarschaften in Brooklyn helfen sollten, ihren Übertritt an Universitäten zu schaffen. Diese Jugendlichen kamen größtenteils aus Familien ohne Bildungshintergrund. Ich habe Workshops abgehalten, um ihnen zu zeigen, wie man Stress bewältigt.

Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?
Zuerst einmal hat ein College bei uns im Zen-Zentrum angerufen und gefragt, ob wir meinten, dass die Zen-Meditation den Schülern helfen könnte, mit ihren Problemen besser umzugehen. Wir haben ihnen daraufhin Meditationskurse angeboten, die von den Jugendlichen hervorragend angenommen wurden. Dieses Programm hat sich dann herumgesprochen. So hat die Arbeit mit der Non-Profit-Organisation ‚Brooklyn College Community Partnership' begonnen, die mit ungefähr 1.500 Kindern aus unterprivilegierten Nachbarschaften zusammenarbeitet. Die Kinder kommen aus fünf verschiedenen High-Schools, die alle unterfinanziert sind, in denen Gewalt auf der Tagesordnung steht und Polizeibeamte in den Schulgängen präsent sind. Aufgrund der enormen disziplinären Probleme baten sie um Hilfe.

Wie haben Sie das Programm gestaltet?
Wir haben erst vierwöchige Workshops für Schüler und Studenten auf freiwilliger Basis abgehalten. Mir wurde im Vorhinein gesagt, es sei schwierig, die Aufmerksamkeit dieser Kinder für nur 20 Minuten zu bekommen. Doch meine Erfahrung ist, dass sie für zweistündige Workshops bleiben und sich die gesamte Zeit über konzentrieren. Deshalb haben wir vor drei Jahren mit den wöchentlichen Meditationsgruppen angefangen. Zuerst nur mit fünf Schülern, die regelmäßig zu uns ins Zentrum kamen. Ihnen haben wir dann auch beigebracht, selbst Meditationen zu leiten, um noch mehr Schüler mit der Meditationspraxis zu erreichen. Heute bieten wir hier im Brooklyn Zen Center zweimal wöchentlich, dienstags und donnerstags, Meditationskurse für High-School-Schüler an.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass sich offizielle Stellen an ein Zen-Zentrum wenden?
Wir arbeiten mittlerweile sogar mit dem New Yorker Bildungsministerium zusammen, nächste Woche halten wir einen Achtsamkeitskurs für Lehrer ab. Das war in der Tat nicht vorauszusehen, weil das New Yorker Bildungsamt eher konservativ ist. Allerdings ist Meditation mittlerweile relativ gut erforscht und das ist allgemein bekannt, daher wird sie angenommen. Außerdem ist die Verzweiflung über diese enormen Probleme in Brooklyns Schulen einfach zu groß. Es wird dringend nach Lösungen gesucht für diese unglaublichen disziplinären Schwierigkeiten. Daher sind viele Schulen offen, Neues zu versuchen. Was auch immer funktionieren könnte, wir tun, was wir können.

Was sind die Probleme der Jugendlichen in Ihrem Programm?
Die Probleme sind vielfältig: die schwierigen sozioökonomischen Umstände, in denen sie aufwachsen, und die Armut, in der sie leben. Die meisten kommen aus Familien ohne finanzielle Mittel, viele mit einem alleinerziehenden Elternteil, der oft mehrere Jobs hat und daher wenig Zeit, um für die Kinder zu sorgen. Viele Jugendliche, mit denen wir arbeiten, müssen auch noch ihre jüngeren Geschwister großziehen. Sie haben in ihrem jungen Leben schon enorm viel Stress und befinden sich in einem Umfeld, auch in der Schule, in dem sie sich nicht sicher fühlen, vor allem emotional. Ein Schüler hat zum Beispiel mehrere Brüder wegen Alkoholismus verloren und auch die Mutter ist alkoholkrank. Meiner Meinung nach sind das alles Auswirkungen von Armut. Wenn Sie mich fragen, was ihr größtes Problem ist: Sie haben kein Geld. 

Wie stellen Sie Fortschritte durch Meditation und Achtsamkeit im Leben der Schüler fest?
Die wöchentlichen Meditationen funktionieren gut. Ich könnte Ihnen viele Geschichten erzählen von Jugendlichen, die begonnen haben zu praktizieren und danach ihr Verhalten änderten. Eine Schülerin, die zu der Zeit auf Bewährung war, kam einmal in die Meditationsgruppe. Die Woche darauf kam sie wieder und erzählte von einer Erfahrung: Sie wäre beinahe in eine Schlägerei geraten, aber dann hat sie getan, was sie in der Sitzung gelernt hatte. Sie ist in diesem Moment ruhig geblieben und hat sich auf ihren Atem konzentriert und sich bewusst gegen die Gewalt entschieden. Viele Mädchen kommen in unser Projekt mit dem Gedanken, das Höchste, was sie je beruflich erreichen könnten, wäre, als Krankenschwester zu arbeiten, denn das sagen ihnen ihre Eltern. Ein Mädchen, das an unserem Programm teilnahm, macht heute eine Ausbildung zur Psychotherapeutin, eine andere zur Ärztin und eine studiert Soziologie. Sie machen diese Entwicklung, weil sie gelernt haben, ihre eigene Geschichte zu hinterfragen.

Wie kommt es durch Meditation zu diesen Veränderungen?
Die Jugendlichen bekommen durch Meditation die Möglichkeit, emotionales Bewusstsein an einem sehr frühen Zeitpunkt im Leben zu entwickeln. Die Freiheit beginnt, wenn man von seinen Gedanken ablässt und sich auf den Atem konzentriert. Teenager sehen ihre Gedanken nicht als unbewussten Antreiber, aber wenn sie das lernen, dann verändert sich etwas an ihrem Verhalten. Eine Sache, die fast alle von ihnen als Erstes realisieren, ist, dass sie andauernd über andere urteilen, und das machen sie auch bei sich selbst. In unseren Gedanken ist so viel Kritik, dass es manchmal schwer ist, authentisch zu sein.

Wir alle kennen Widerstände in der Meditation. Sind diese bei den Teenagern stärker ausgeprägt?
Sie lachen eindeutig mehr und machen blöde Witze. Es ist schwer für sie, zur Ruhe zu kommen, wenn der Rücken schmerzt. Die meisten Widerstände sind jedoch dieselben wie bei Erwachsenen. Die Jungen haben aber oft weniger Durchhaltevermögen. Obwohl, ich kenne auch 16-Jährige, die drei- bis viertägige Retreats mitmachen und sie problemlos durchhalten. Danach erzählen manche, dass sie durch die Straßen gehen und das Gefühl haben, in einer anderen Stadt zu sein als zuvor. Ich denke, dass Meditation für Jugendliche eher weniger spirituellen Kontext hat, das kommt erst später. In der Jugend ist Spiritualität meist noch keine essenzielle Frage.

Was kann man mit dem ‚Awake Youth Project' erreichen?
Die Achtsamkeit wird zur Lebenseinstellung. Zwei Aspekte stehen bei dem ‚Awake Youth Project' im Fokus, wenn es um den achtsamen Umgang mit Emotionen geht: zu lernen, die Ruhe zu bewahren und nicht überzureagieren, egal, was um einen herum geschieht. Ein weiterer Aspekt ist, sich seiner Gedanken bewusst zu werden und folglich seines eigenen Verhaltens. Jemand sagt etwas zu dir, was schmerzvoll ist. Achte auf den Schmerz, achte auf deine mentale Reaktion. In diesem Moment reimt man sich eine innere Geschichte zusammen und rechtfertigt die eigene Reaktion. Wie bei einem Marathonläufer, der seinen Körper trainieren muss, um schneller zu werden, müssen die Teenager die physische Praxis, das Sitzen, durchhalten, um mit ihren Emotionen umgehen zu lernen.

Wie ist der praktische Ablauf des ‚Awake Youth Project'?
In den ersten sechs bis zehn Wochen lehre ich die Grundlagen der Meditation, danach involviere ich mich weniger. In einem Teil der Sitzungen darf über alles gesprochen werden. So lernen die Schüler, mit ihren Emotionen zu arbeiten, und werden sich bewusst, woher ihre Gedanken kommen. Wenn sie es schaffen, einen Schritt zurückzutreten und ihre Gedanken wie ein Objekt zu betrachten, haben sie ihr Ziel erreicht, denn das wird zu ihrer Lebenseinstellung.      

Wie regelmäßig meditieren die Teenager?
Das ist unterschiedlich, von ein- bis dreimal wöchentlich. Ich ermutige sie allerdings, sich täglich mindestens fünf Minuten auf ihren Atem zu konzentrieren. Bei manchen funktioniert dies gut, bei anderen weniger. Es sind schließlich Teenager ...

Wie ist die Erstreaktion der Schüler auf Sie und das Programm?
Erst letzte Woche habe ich eine neue Schule dazubekommen, dort sind alle schon informierter darüber, was Meditation ist. Mehr, als es die meisten waren, als wir vor vier Jahren das Programm gestartet haben. Meditation gehört mittlerweile zur Populärkultur. Die Jungen können heute schon mehr mit dem Begriff anfangen. Das Programm ist auf freiwilliger Basis, diejenigen, die nichts mit Meditation zu tun haben wollen, die sehe ich sowieso nicht.

Gibt es auch negative Reaktionen?
Ich habe einmal einen jungen Mann kennengelernt, der richtig zornig auf die Meditation reagiert hat. Er war emotional nicht bereit und hat die Sitzung verlassen. Ein Jahr später kam er wieder und hat regelmäßig teilgenommen. Viele meiner Schüler kommen aus afroamerikanischen oder afrokaribischen ethnischen Hintergründen, aber auch aus weißen Arbeiterfamilien. In diesem Umfeld hier in New York gibt es große soziale Gewalt. Einmal sagte ein Schüler zu mir: „Wie soll ich ruhig bleiben, wenn ich sehe, wie mein Stiefvater meine Mutter verprügelt?" Das sind echte Lebensfragen.

Wie reagieren Sie auf eine solche Aussage?
Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm nicht einfach raten könne, er solle sich nicht körperlich zwischen den Gewalttäter und sein Opfer stellen, aber, dass er sehr viel geschickter intervenieren könne, wenn er es nicht aus Ärger tut.

Wie geht es für die Teenager nach Beendigung des ‚Awake Youth Project' weiter? Integrieren sie später die Meditation auch in ihr Erwachsenenleben?
Sobald sie aufs College gehen, praktizieren sie im Normalfall weniger. Es ist natürlich ein zeitlicher Aufwand, soziale Kontakte sind ihnen wichtiger. Einer meiner ehemaligen Schüler erzählte mir, dass er vor allem dann wieder auf Meditation zurückgreift, wenn er unter Prüfungsstress steht. Meditation ist ihm nun als Möglichkeit gegeben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass die Jungen die Gewohnheit entwickeln, sich von ihren Denkmustern und ihrem Leid zu befreien. Das braucht Zeit, bei manchen geht es schneller, bei manchen dauert es Jahre. Momentan arbeiten wir an der Kooperation mit lokalen Restaurants, Zen hat eine starke Verbundenheit mit bewusstem Kochen und Essen. Wir arbeiten daran, dass die Jugendlichen nach ihrer Zen-Praxis in Restaurants als Köche arbeiten können.

Gregory Snyder ist buddhistischer Zen-Mönch, Gründer und Geschäftsführer des ‚Brooklyn Zen Center' und leitet das ‚Awake Youth Project'. Er war zuvor im sozialen Dienstleistungssektor tätig. Nach seinem Post-Graduate-Studium in Human Rights an der Columbia University war er für das ‚Center for International Conflict Resolution' tätig, wo er an Trainingsprogrammen gegen Gewalt und für Prävention von Völkermord arbeitete.

Dieses Interview wurde uns freundlicherweise von der Zeitschrift Ursache & Wirkung zur Verfügung gestellt.
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Kann Glaube und Hoffnung heilen?

Autorin: Theresia de Jong

„Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7,7)

Heilung ist ein großes Wort. Es impliziert, dass etwas heil, ganz und gesund ist. Vielleicht sogar ein wenig heilig. Denn auch dies ist im Wortstamm ein enger Verwandter der Heilung. Es bedeutet etymologisch so viel wie: heil, zugehörig, der Gottheit gehörig, ihr geweiht. Nun hat im heutigen Gesundheitswesen Gott keine Priorität geschweige denn eine kassenrechtliche Abrechungsnummer. Und doch: ganz verschwunden ist er auch nicht. Besonders wenn wir mit schwierigen Diagnosen konfrontiert werden, mit Krankheitsbildern, die tödlich enden können, dann schleicht sich das Göttliche, das Unbennbare, Numiose häufig ganz leise durch die Hintertür wieder mitten ins Geschehen. Wurde Gottes Sohn nicht auch „Heiland“ genannt? Der, der heil und ganz macht. Nicht nur seelisch, sondern – wollen wir den zahlreichen Berichten in der Bibel Glauben schenken – auch sehr konkret im Körperlichen. Blinde konnten wieder sehen, Lahme wieder gehen und sogar Tote kehrten ins Reich der Lebenden zurück.

Kurz bevor Jesus unsere Erde körperlich verließ, gab er seinen Jüngern einige Aufgaben mit auf den Weg. Eine davon war tatsächlich auch das Heilen. Pfarrer Dr. Wolfgang Bittner, Beauftragter für Spiritualität der Ev. Landeskirche Berlin-Brandenburg-Oberlausitz sprach auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin die erstaunlichen Worte:  “Es gibt nicht nur die Aussendung zur Verkündung, sondern auch zur Heilung. Im Glauben öffnen wir uns der Gegenwart Gottes. Glaube ist kein Mittel, sondern ein Weg. Die Kirche hat sich aus der Heilung zurückgezogen und den Naturwissenschaftlern und Medizinern überlassen, zu beider Schaden. Es ist jedoch so, dass nicht nur das, was messbar ist, zur Schöpfung gehört, sondern auch das Nichtmessbare. Wir sollten uns der Frage stellen, was passieren muss, damit unsere Kirche wieder heilen lernt.“ Oder soll die Medizin womöglich lernen, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen und ins Heilgeschehen zu integrieren? Oder sollen beide sich vielleicht die Hände reichen und gemeinsam Körper, Geist und Seele in die Ganzheit und zur Heilung führen? 

In den USA geht man gerne pragmatisch vor. Wenn etwas funktioniert, dann wird es auch angewandt, ohne Rücksichten auf eventuelle Empfindsamkeiten rein traditioneller Natur. Nun hat sich in mehr als 1200 Studien herausgestellt, dass Gläubige insgesamt gesünder sind als ihre spirituell ahnungslosen Mitmenschen. Erkranken Gläubige doch einmal, so genesen sie schneller und ohne größere Komplikationen. Sie kommen mit weniger Schmerzmitteln aus, sind weniger oft im Krankenhaus, haben einen niedrigeren Blutdruck und scheinen besser vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt zu sein. Sie reagieren darüber hinaus auf belastende Lebensereignisse und Krankenhausaufenthalte weniger häufig mit Depressionen. Wenn sie dennoch einmal depressiv werden, erholen sie sich meist schneller. Patienten, die glauben und beten waren nach Operationen schneller wieder auf den Beinen. Menschen, die regelmäßig einer spirituellen Praxis nachgehen, verfügen offenbar über ein stärkeres Immunsystem. Sie haben signifikant niedrigere Blutwerte von Interleukin-6, das bei chronischem Stress erhöht ist und Zeichen eines geschwächten Immunsystems ist. Ein geschwächtes Immunsystem wiederum ist bekanntlich ein wichtiger Faktor bei zahlreichen Erkrankungen angefangen bei einfachen (immer wiederkehrenden) Infekten bis hin zu schwerwiegenden Krankheitsbildern. Die gesundheitsrelevanten Unterschiede zwischen Menschen, die sich in irgendeiner Weise spirituell rückverbinden und solchen, die das nicht tun, ist ähnlich wie der zwischen Nichtrauchern und Rauchern.

Das Vertrauen der Menschen in die Schulmedizin sinkt zunehmend. Wie eine repräsentative Emnid-Umfrage ermittelte, ziehen 80 Prozent der Deutschen Naturheilmittel chemischen Medikamenten vor. Doch nicht nur das: Immer mehr Menschen glauben, dass die spirituelle Dimension in einer Krankheit wichtig ist. „Die Menschen haben genug davon, als mechanisches Zufallsprodukt der Evolution behandelt zu werden, wenn sie sich ihres fühlenden und verstehenden Wesens innewerden“, meint Psychiater Jakob Bösch. Neueste Untersuchungen bestätigen das. Der Arzt Arndt Büssing, tätig am Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin der Universität Witten/Herdecke, hat zusammen mit seinen Kollegen Thomas Ostermann und Peter F. Matthiesen 112 Krebspatienten und 57 an multipler Sklerose leidende Menschen danach befragt, welche Rolle Spiritualität und Religion bei ihrer Krankheitsbewältigung spielen. Dabei stellte sich heraus, so Büssing, dass die meisten Patienten „sowohl Vertrauen in eine höhere Macht haben, die sie trägt, als auch in ihre innere Stärke. Und sie erleben ihre Krankheit als Hinweis, etwas in ihrem Leben ändern zu müssen.“ 70 Prozent nehmen die Krankheit als Anstoß, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, 65 Prozent sehen sie als Chance für die innere Weiterentwicklung. Knapp 40 Prozent sind der Überzeugung, dass sie mithilfe spiritueller Quellen ihre Krankheit günstig beeinflussen können. Wenig überraschend ist, dass Frauen in ihrer Krankheit häufiger eine Chance für ihre innere Entwicklung sehen als erkrankte Männer. Diese beschäftigen sich auch deutlich weniger mit spirituellen oder religiösen Fragen. Soziodemografisch ließ sich feststellen: Je höher die Schulbildung, umso stärker die Bereitschaft, spirituelle Quellen für die Krankheitsbewältigung zu nutzen.

„Wenn Spiritualität ein Medikament wäre, wäre es längst zugelassen, denn sie wirkt“, meint Ellis Huber, von 1987 bis 1999 Präsident der Berliner Ärztekammer. Auch der Psychologe Nikola Kohls kommt in seiner Doktorarbeit über die Wirkung von Spiritualität auf die Gesundheit zu dem eindeutigen Schluss: Wer Religion und Spiritualität gegenüber abgeneigt ist, hat ein gesundheitlich höheres Risiko als ein gläubiger Mensch. Denn der Nichtgläubige verfügt über weniger Möglichkeiten, mit schwierigen Erfahrungen und Schicksalsschlägen umzugehen.

Soll also Spiritualität in Zukunft ärztlich verordnet werden? Das hätte wohl wenig Aussicht auf Erfolg, denn Heilung lässt sich auch auf spirituellem Weg nicht herbeizwingen. Möglicherweise liegt gerade in der Absichtslosigkeit einer spirituellen Übung der Schlüssel zum Erfolg. Der Psychologe Michael Utsch, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche, gibt zu bedenken, dass Meditationsforscher – sowohl christlicher als auch buddhistischer Tradition – übereinstimmend zu dem paradoxen Befund gekommen sind, dass die Heilwirkung der Meditation gerade dann besonders groß ist, wenn sie weder zielgerichtet noch funktional eingesetzt wird: „Gesundheit und Entspannung treten demnach nur als indirekte Nebeneffekte ein.“ Eine Einschätzung, die auch vom amerikanischen Verhaltensmediziner Jon Kabat-Zinn seit Jahren vertreten wird: „Wir meditieren nicht, um Schmerzen, Krankheit oder Probleme zu beseitigen. Der beste Weg, in der Meditation Ziele zu erreichen, ist, diese loszulassen. Es geht nicht darum, irgendetwas zu erreichen. Die Entspannung entsteht als Nebenprodukt regelmäßiger Übung, sie ist nicht das Ziel.“ Utsch verweist darauf, dass dieser Ansatz vergleichbar sei mit dem christlichen Bekenntnis: Dein Wille geschehe. „Nur wer loslassen und sein Schicksal vertrauensvoll in die Hand Gottes oder einer anderen höheren Macht legen kann, profitiert von der gesundheitsförderlichen Kraft des Glaubens.“

Andererseits gibt es in den USA ermutigende Ansätze, die zeigen, dass sich spirituelle Konzepte mit der Schulmedizin durchaus verknüpfen lassen. Immer mehr Universitätskliniken eröffnen so genannte mind/body-Abteilungen – allen voran die renommierte Harvard Universität –, wo spirituelle Praxis mit medizinischer Therapie Hand in Hand geht. Am Columbia Presbyterian Hospital in New York – einem führenden Zentrum in der Herzchirurgie – werden die Patienten vor und nach einer Operation mit Meditation, Musiktherapie, Yoga und Tai-Chi begleitet: Drei Viertel der medizinischen Hochschulen in den Staaten bieten Kurse in Komplementärmedizin an; an den meisten Krankenpflegeschulen wird zum Beispiel Therapeutic Touch, eine systematische Form des geistigen Heilens gelehrt. In Deutschland gibt es zwar auch eine steigende Anzahl von Ärzten und besonders Krankenschwestern, die privat spirituelle (Heil)Ausbildungen absolvieren. Allerdings wenden sie dieses Wissen meist aus Angst vor Sanktionen der Klinikleitungen nicht offen an.

Zwischen den naturwissenschaftlich ausgerichteten Wissenschaften, zu denen sich auch die Medizin zählt, und den ganzheitlich ausgerichteten Bemühungen, spirituelle Bereiche wieder zu etablieren, klafft ein Graben des gegenseitigen Misstrauens. Zu Unrecht, wie Harald Walach von der Universität Freiburg meint. Im Altertum, bei den Griechen, Ägyptern und fast allen anderen Hochkulturen, war die geistige Dimension stets ein wesentlicher Faktor bei der Heilung von Krankheiten. Als Scharlatane wurden damals die Heiler tituliert, die sich lediglich den körperlichen Beschwerden widmeten und zur geistigen Dimension keinen Zugang hatten.

Im Verlauf der Aufklärung begann sich die Wissenschaft von der zur damaligen Zeit doktrinären kirchlichen Lehrmeinung zu lösen, die im geistigen Bereich eine Monopolstellung innehatte und diese auch mit allen Mitteln der Macht verteidigte. Es war in diesem Zusammenhang für die Freiheit der Forschung fast eine Notwendigkeit, spirituelle Gedanken außen vor zu lassen. Die Wissenschaft – und damit auch die Medizin – in ihrem Bestreben, die materielle Welt zu durchschauen und zu erklären, hat sich in der Folge völlig von geistigen Einflüssen entfernt. Diese galten als suspekt, unbeweisbar und daher unbrauchbar, die Welt zu erklären. Inzwischen kommt jedoch gerade die moderne Physik zu ähnlichen Erkenntnissen, wie sie in den meisten alten spirituellen Lehren anzutreffen sind.

Die große Rolle, die Gesundheit für den modernen Menschen spielt, hat sicherlich auch damit zu tun, dass metaphysische und spirituelle Dimensionen in den offiziellen modernen, aufgeklärten Weltbildern weitgehend abhanden gekommen sind. Insofern hat der Mensch keine andere Sicherheit mehr für seine Existenz als einen gesunden Körper und eine stabile Psyche. „Gesundheit, vor allem der Versuch, diese zu ‚erlangen‘ und ‚aufrechtzuerhalten‘ ist zur postmodernen Ersatzreligion geworden, und es ist ein Kampf gegen die Uhr des Lebens, der nicht zu gewinnen ist“, analysiert Nikola Kohls. Ein Zusammenrücken von körperlich orientierter Medizin und metaphysischer Ausrichtung könnte also beiden Seiten zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

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Frühling 2016


Spirituelle Kompetenz

Autor: Thomas Hübl

Hohes Bewusstsein krisensicherer machen - Herausforderungen kreativ begegnen

„Die Verinnerlichung unserer spirituellen Praxis und Verkörperung höheren Bewusstseins zeigt sich nicht in der experimentellen Blase von Retreat-Centern, sondern in herausfordernden Lebenssituationen, auf dem Marktplatz, beim Einsatz in Krisengebieten, in der Konfrontation mit Armut, Krankheit und Konflikten.“

Höhere Perspektiven, höhere Zustände und höhere Strukturen im Bewusstsein können – das kennen wir alle - in belastenden persönlichen oder inter-personellen Situationen sehr leicht wieder zerfallen. Passiert dies einem einzelnen Menschen in einem stabilisierenden Umfeld, kann sich die Situation schnell wieder normalisieren.

Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein kollektiver höherer Zustand in einer extremen kulturellen Situation halten lässt, beispielsweise wenn die globale Erderwärmung zu einer Massenmigration führt und sich viele Menschen existenziell bedroht fühlen? Ich glaube, dass wir in einer derart unsicheren Situation gewisse Gedanken, die wir heute für normal halten, nicht einmal mehr denken können. Sie existieren dann einfach nicht mehr. Wenn unser Bewusstseinslevel auf frühere Stufen regrediert, die stabiler sind, weil sie schon viel länger existieren, sind wir nicht einmal mehr fähig, Einsichten zu haben, die wir vormals bereits hatten. Und: Kann eine Kultur die Regression Einzelner oder kleinerer Gruppen nicht mehr abpuffern, kommt es zu einer zunehmenden Fragmentierung gesellschaftlichen Bewusstseins.

Die Kraft, mit der die einzelne Seele inkarniert, ist individuell. Es gibt Menschen, die in ganz verheerenden Umständen leben und/oder mit sehr wenig menschlicher Bindung groß werden, aber eine sehr starke Gottesresilienz haben, unabhängig von einer kontinuierlichen spirituellen Praxis. Solche Menschen sind auf ganz natürliche Weise sogar in lebensgefährlichen Situationen unerschütterlich mit Gott verbunden. Doch das sind Wenige!

Spirituelle Praxis kann uns dabei unterstützen, unsere spirituellen Kompetenzen so zu stärken, dass wir auch in Krisen immer mehr auf unser höchstes Potenzial zugreifen, uns innerlich wieder stabilisieren und höchstmögliches Bewusstsein verkörpern können, z.B. durch Arbeit an der Körperpräsenz, durch Zeugenbewusstsein und Schattenintegration, durch transparente Kommunikation, durch die Verfeinerung unserer subtilen Kompetenzen, durch Präsenz- und Lichtmeditationen.

Es ist unsere Aufgabe, uns bewusst um die Dinge zu kümmern, die wir tun können, um höhere Bewusstseinsentfaltung in uns selbst, inter-personell und kulturell krisensicherer zu machen, und zwar nicht nur, wenn alles gut läuft. Es bedeutet, uns insbesondere auch dann um unsere spirituelle Praxis zu kümmern, wenn uns Symptome wie Ängste, emotionale Ausbrüche, Kontraktionen etc. darauf hinweisen, dass wir uns gerade im bewusstseinsmäßigen Sinkflug befinden. Und es bedeutet, dass wir uns bewusst mit globalen Konflikten auseinandersetzen und diese nicht ausblenden.

Der Terror in der Welt, kriegerische Auseinandersetzungen, die globale Erderwärmung, die Flüchtlingskrise in Europa, all das spiegelt sich in meinem individuellen holografischen Resonanzkörper wieder. Gleichzeitig bin ich als Einzelner aber auch im kollektiven Resonanzkörper aufgehoben. Ich kann mich zwar von den aktuellen Nachrichten innerlich distanzieren, aber dennoch bin ich Teil des kollektiven Feldes, in dem all die Dinge geschehen, die ich nicht erfahren möchte.

Wenn immer mehr Menschen die innere Reflektion der Welt konstruktiv in sich beheimaten und sich bewusst dazu in Beziehung setzen, beginnt etwas Neues. Konflikte laufen dann nicht mehr einfach ab, sondern können immer mehr bezeugt, erfühlt, intellektuell verarbeitet, und in einem synchronisierten Innenraum an eine höhere Intelligenz angebunden werden. So kann eine neue globale Bewusstseinskultur entstehen.

Dieses Thema steht im Mittelpunkt des diesjährigen Celebrate Life Festival vom 28. Juli bis 8. August 2016 im Hof Oberlethe.

Mehr Infos unter: www.celebrate-life.info & www.innerscience.info.


Winter 2016


Erfahre diesen Augenblick als frei von Leid

Autor: Adyashanti

Nimm wahr, wie sich dein Körper anfühlt, wenn dein Verstand dem widerspricht, was ist. Nimm die emotionale Veränderung wahr und bemerke, was passiert, wenn du anfängst, deinen Verstand auch nur ein klein wenig zu öffnen und die Möglichkeit einlädst – nur die Möglichkeit – dass deine Schlussfolgerungen über ein Ereignis im Leben, deine Urteile darüber vielleicht nicht ganz so wahr sind, wie du glaubst. Du wirst sehen, dass sich dein emotionales Milieu zu ändern beginnt, wenn du das auch nur für möglich hältst. Du wirst mehr in den gegenwärtigen Augenblick kommen, und das ist es, worum es bei der Freiheit vom Leid geht.

Wenn du in diesen Augenblick eintrittst, beginnst du, einen Moment zu erleben, der tatsächlich frei von Leid ist. Wenn du ihn wortlos und mit offenem Herzen betrittst und dir selbst erlaubst, das zu fühlen, was ist, wirst du bemerken, dass du den Schlüssel bereits in der Tasche hast, alles Leid loszulassen. Es ist nicht ungewöhnlich, Angst zu spüren, wenn du anfängst, hier und jetzt präsent zu sein. „Oh! Wie kann ich hier und jetzt sein, so nackt, so offen? Was wird mir widerfahren? Werde ich verletzt, wenn ich vollkommen hier und jetzt bin?“ Solche Fragen werden auftauchen. Solche Ängste könnten sich selbst zum Vorschein bringen, deshalb braucht es Mut. Es bedarf einiger Bereitschaft zu fühlen, was hier ist, gerade jetzt. Wenn Angst auftaucht, erlaube ihr, sich zu zeigen und lass sie sich selbst von deinem Körper und Verstand waschen.

Durch deine Bereitschaft, in einem schwierigen Augenblick innezuhalten, ein paar Atemzüge zu nehmen und dich auf das, was ist, einzustellen, könntest du bemerken, dass sich eine beruhigende Präsenz beginnt zu zeigen. Indem du dir erlaubst, diese Präsenz zu fühlen und zu erfahren, kannst du dich dem, was sich in diesem Augenblick von selbst offenbart, mehr und mehr öffnen. Selbst wenn es sich beängstigend anfühlt, darunter befindet sich ein Gefühl des Wohlseins, das immer bei dir ist und vollkommen zur Verfügung steht, selbst wenn du dich nicht wohl fühlst. Meine Lehrerin nannte es „das Du, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn du Schwierigkeiten hast.“

Als ich zum ersten Mal von diesem immer gegenwärtigen „Du“ hörte, verstand ich nicht, worüber sie sprach, aber es sollte einen großen Eindruck auf mich machen. Es blieb bei mir und ich dachte: „Was ist das? Was ist das für ein Ich, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn ich Schwierigkeiten habe?“ Bis dahin dachte ich, dass ich entweder Schwierigkeiten habe oder nicht. Eins von beidem. Trotzdem, wenn du Angst erlebst, wenn du wirklich anhältst und dich öffnest, dann wirst du sehen, dass sich Angst in einem Raum der Angstlosigkeit ereignet, dass sich Traurigkeit in einer tröstlichen Präsenz ereignet. Wenn wir bereit sind, uns wirklich zu öffnen und unseren eigenen Widerstand gegen die Offenheit zu spüren, erfahren wir einen Zustand von Leichtigkeit (ease) und Entspannung, der unserem Trauma zugrunde liegt, unserer ganzen „Nicht-Leichtigkeit“ („dis-ease“ [disease – Krankheit]).

Letzten Endes erlaubt uns das sich Öffnen zu diesem anderen Feld des Seins hin – das buchstäblich der Vorgeschmack auf einen anderen Bewusstseinszustand ist – über das Leid hinauszugehen. Leid ist ein fester Bestandteil des egoistischen Bewusstseinszustands, in dem wir uns selbst als getrennt wahrnehmen. Aus diesem Bewusstseinszustand heraus wird jeder schmerzhafte Augenblick in unserem Leben auf eine Weise interpretiert, die unser Gefühl der Trennung und Isolation verstärkt. Aus diesem Grund fühlen sich viele Menschen getrennter und isolierter, wenn sie älter werden. So vieles im Leben wird im egoistischen Bewusstseinszustand ganz leicht als Beweis dafür angesehen, dass wir tatsächlich völlig allein sind. Wenn wir auf diese egoistische Sichtweise begrenzt sind, kann das Leid nicht wirklich aufhören bzw. dann gibt es keine echte Erleichterung davon. Aber wenn wir unser Bedürfnis und Verlangen aufgeben, zu kontrollieren, zu erklären und dem zu glauben, was unser Verstand uns darüber erzählt, was war und was ist, finden wir die Kapazität, uns einem neuen Bewusstseinszustand zu öffnen.

Zunächst wird er nur als ein Zustand des Stillseins erfahren, als Vorgeschmack auf das erwachte Bewusstsein, in dem sich Gegenwärtigkeit zu enthüllen beginnt. Wenn du dir gestattest, in dieses Stillsein hinein zu entspannen, in die Stille, dann beginnst du zu bezeugen, wie Präsenz aufkommt. Zunächst scheint das etwas Subtiles zu sein, aber was da eigentlich passiert, ist, dass du in einen vollkommen neuen Bewusstseinszustand eintrittst – in einen, der völlig unermesslich ist. Indem du deine Aufmerksamkeit darauf lenkst und dir der inneren Präsenz und Stille inmitten aller Aktivität bewusst wirst, stellst du dich dem Anbruch dieser unendlichen Weite mehr und mehr zur Verfügung, in der du vom Glauben und der Erfahrung an die Trennung erwachen kannst. Du realisierst, dass du selbst ein tiefer Brunnen des Gewahrseins bist – eine innere Weite, die immer da ist. Du musst dich ihr nur öffnen.

Versuche nicht zu verstehen. Dann wird es nur schwieriger werden. Denk nicht darüber nach. Das wird dich eine Million Kilometer wegtragen. Halte einfach an und fühle es. Halte für einen Augenblick, atme und fange an, das Du zu bemerken, das keine Schwierigkeiten hat – die innere Präsenz und Stille, das Gewahrseinsfeld. Jedes Mal, wenn dein Verstand versucht dich fortzutragen, indem er seine Geschichten darüber erzählt, warum das Leiden gerechtfertigt ist, kannst du wählen zu sehen, dass es nicht wahr ist. Du kannst anfangen zu sehen, dass es wirklich keinen berechtigten Grund gibt, warum wir uns mit dem, was ist, im Krieg befinden sollten. Es gibt keine Möglichkeit, diesen Krieg zu gewinnen. Es gibt keinen Weg aus ihm heraus, bis wir sehen, dass das alles eingebildet ist. Sehr schwierige Dinge sind passiert und sehr schwierige Dinge könnten sich noch ereignen, aber wenn wir ihnen aus einem Zustand der Offenheit begegnen, erkennen wir nach und nach, dass wir eine Fähigkeit haben, von der wir nie wussten, dass es sie gibt. Wir fangen an, das „Du, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn du Schwierigkeiten hast“ kennenzulernen. Wir beginnen herauszufinden, dass es selbst inmitten von unglaublichem Schmerz und Verlust ein großes Reservoir des Wohlseins gibt.

Textauszug aus „In Gnade fallen“ von Adyashanti, mit freundlicher Genehmigung des Noumenon Verlages.

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Geh und sieh selbst

Autorin: Sylvia Kolk

Auszug aus Kapitel  V. Ruhe und Einsicht durch Meditation

Grundlagen

Was ist Meditation?
Meditation ist eine sanfte Methode der Geistesschulung, die zu mehr Ruhe, Gelassenheit und Zufriedenheit führt. Im weiteren Verlauf bewirkt Meditation eine Klärung und Befreiung des Geistes.

Meditation

  • ist ein ruhiges, entspanntes Verweilen in der Gegenwart.
  • gepaart mit Achtsamkeit im Alltag, ist sie ein geistiges Training, das uns ermöglicht, bei allem, was wir tun, gesammelt, energievoll, gelassen, geistig klar und offen zu sein.
  • bedeutet, frei von Beurteilungen zu sein. Der meditative Geist nimmt erst einmal das, was ist, unvoreingenommen wahr, um dann angemessen reagieren zu können. Dadurch entsteht mehr Harmonie im Leben.
  • zentriert durch den Zustand geistiger Sammlung und die damit verbundene Ruhe, führt sie zu einer Regeneration des Geistes.
  • stabilisiert Geist und Herz durch das Erlernen einer bewussten und annehmenden geistigen Haltung.
  • entwickelt unsere emotionalen Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut.
  • verbindet Körper und Geist, da die Aufmerksamkeit unmittelbar mit dem Erlebten gekoppelt ist. Es setzt ein Heilungsprozess ein, da körperliche und psychische Blockaden gelöst werden.
  • ist eine Praxis der Selbsterforschung und -erkenntnis. Wir erforschen den Geist, ausgehend von seinem alltäglichen Ausdruck bis hin zu subtilsten Ebenen, auf denen wir alles als fließend, verbunden und unendlich erleben.
  • führt – bei einem kontinuierlichen Training – zu einer tieferen Sichtweise. Es ist die Sicht weiser Menschen, unabhängig davon, welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören. Diese Sichtweise entsteht durch eine direkte Erfahrung der letztendlichen Realität: Nibbāna.

Alles in allem schult Meditation die Grundkompetenzen unseres Geistes (Achtsamkeit, Vertrauen, Energie, Sammlung, Weisheit), deren Kultivierung entscheidend sein wird für eine konstruktive geistige und politische Entwicklung, nicht nur in der westlichen Welt.

Umgang mit Gedanken in der Meditation
Beim Umgang mit Gedanken während der Meditation geht es um einen Perspektivenwechsel: Die eine Perspektive ist die der Denkerin, die davon überzeugt ist, dass alles von ihr Gedachte unmittelbar zu ihr gehört. Es ist ein Gefühl völliger Identifikation mit den Gedankeninhalten wie: „Ich denke all diese Gedanken.“ Es entsteht eine undurchschaubare Vermischung und Verwicklung von Gedanken, Emotionen und Gefühlen. Und all das macht uns als Persönlichkeit aus. Die andere Perspektive ist die der neutralen Beobachterin: „Ah, da ist ein Gedanke aufgekommen.“ Ein Gedanke kommt auf, und dann ist er auch schon vergangen. Das ist alles.
Der Unterschied zwischen „Identifiziert-Sein“ und „mit Abstand betrachten“ ist der zwischen Unfreiheit und Freiheit. Und diesen Unterschied gilt es zu erleben, sodass die befreiende Wirkung mittels der neutralen Beobachterin erfahren werden kann. Dieses Beobachten ist ein sanftes, klares Erkennen ohne Identifikation. „Ah, da steigen Gedanken auf.“ „Und diese Gedanken gehen zu Ende.“ Wenn wir das in dieser Weise betrachten können, haben wir losgelassen. Losgelassen von der mentalen Fixierung. Aus der Warte der neutralen Beobachterin können wir nun die Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo wir sie haben möchten. Wenn wir zur Ruhe kommen wollen, lenken wir die Aufmerksamkeit zentriert auf den Atem.
Die neutrale Beobachterin ist die Achtsamkeit (Sati). Es wird deutlich, dass es nicht darum geht, nicht mehr zu denken oder gar gegen die Gedanken zu kämpfen, sondern die Identifikation zu lösen.
Wenn die Gedanken sehr stark sind und der Atem ein zu feines Objekt darstellt für den noch groben Geist, dann gibt es eine andere Möglichkeit, die sehr hilfreich ist. Wir lenken die Achtsamkeit auf ein stärker wahrnehmbares Objekt und untersuchen, welche Körperempfindungen mit den Gedanken verbunden sind. Wo befindet sich das stärkste Gefühl? Im Bauch, Brustbereich, Hals? Wie fühlt es sich genau an? Vielleicht ein Brennen, eine Übelkeit, Unruhe, Druck, Enge? Es können auch Bilder entstehen, die mit den Gefühlen verbunden sind.
Wir erkennen dann auch, dass mit den Gedanken eine Unruhe verbunden ist oder Emotionen wie Wut, Trauer, Ärger, vielleicht aber auch ein dumpfes Gefühl. Achtsamkeit nimmt wahr: „Ah, interessant.“ Annehmen und beobachten, wie sich das Gefühl verändert, ist hier der Königsweg. Was passiert, wenn z.B. der Ärger verschwunden ist? Vielleicht wird es still. Vielleicht kommen weitere Gedanken auf, die das, was wahrgenommen wurde, bewerten möchten. „Ich sollte nicht so ärgerlich sein. Ich sollte verzeihen können.“ Stopp!
Zurückkehren zur reinen Beobachterin. Aus der Perspektive der reinen Beobachterin erkennen wir: „Ah, da sind Gedanken der Selbstabwertung.“ Und diese führen wir nicht weiter, sondern lenken die Aufmerksamkeit auf den Atem.
Vor allem auch die Veränderungen wahrnehmen. Es kann zu einem fluktuierenden Gewahrsein kommen. Der Geist ist dann geschmeidig, eilt ohne anzuhaften von Objekt zu Objekt. Dabei ist entscheidend, dass die Achtsamkeit gewahrt bleibt und es nicht zum diskursiven Denken kommt.

Umgang mit schwierigen Emotionen in der Meditation und im Alltag

I. Gegenmittel einsetzen
Die Gegenmittel finden wir:

  1. im Kultivieren der vier höchsten Emotionen: Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude, Gleichmut. Mitfreude vermag zum Beispiel Ablehnung zu transformieren. Solange diese Übung sich darauf bezieht, sukzessive das Herz an diese förderlichen Zustände zu gewöhnen, hält sie für uns keine großen Fallstricke bereit.
  2. in der Übung, einen unheilsamen Geisteszustand mit einem heilsamen zu ersetzen, bedarf es eines sehr geübten, bereits weitgehend geklärten Geistes, sodass es zu dieser Umwandlung kommen kann und nicht zu einem Verdrängen unliebsamer Geisteszustände.
  3. in der Geduld, die eine intelligente und geschickte Maßnahme bei Aufregung und Wut ist.
  4. in der Achtsamkeit bzw. dem reinen Gewahrsein. Achtsamkeit ist in diesem Fall ein Mittel, um der inneren Unruhe zu begegnen, die aus einem Mangel entsteht und nicht anders kann, als sich etwas herbei zu wünschen, damit der Mangel nicht spürbar wird. Traditionell sprechen wir von dem Bewachen der Sinnestore durch Achtsamkeit, sodass wir in einem heilsamen Kontakt mit unserem Innenleben bleiben können, auch wenn es unangenehme Gefühle gibt. Wir können dann tiefer fragen, was wirklich erfüllend wäre.
  5. in der Stabilisierung eines ethisch-moralischen Lebens, auf der Grundlage der Erkenntnis, dass wir nichts folgenlos tun können.
  6. in der Kontemplation, d. h. einer meditativen, intuitiven Durchdringung der existenziellen Ursachen unserer Hindernisse und unseres Leidens.


II. Annehmen und erforschen
Das bedeutet, annehmen und erforschen eines geistigen Zustandes, der schon entstanden ist. Annehmen verhindert Verdrängung, Abwehr, Kontrolle und Manipulation.
Der erste Schritt besteht allerdings darin, den folgenden Prozess unmittelbar zu erkennen: Da ist ein unangenehmes Gefühl, und es entsteht Ärger. Dann kommt das Entscheidende: den Ärger wahrzunehmen und zu erforschen. Dabei ist es hilfreich, mit der Achtsamkeit auf die Ebene der Körperempfindungen zu gehen. Das heißt, im Körper nachzuspüren, was geschieht, wenn Ärger empfunden wird: zum Beispiel Hitze, Unruhe oder Kontraktionen im Solarplexus. Wenn es gelingt, bei diesen Empfindungen mit der Achtsamkeit zu bleiben und sie nicht weiter mit Kommentaren zu verstärken, werden sie sich verändern. Wir erkennen, wie vielschichtig ein emotionaler Prozess sein kann, und nach und nach wird es ruhiger werden, sodass wir wieder klar sehen können.
Alle Gedanken und Emotionen sind vorübergehende Zustände. Diese Erkenntnis ist entscheidend für die befreiende Einsicht. Indem wir nicht mehr auf die Objekte fixiert sind, auf die wir mit Ablehnung oder Anziehung reagieren, sondern uns die Reaktionen selbst anschauen, erkennen wir, dass nichts Angenehmes oder Unangenehmes in den Objekten enthalten ist, sondern dass wir das aufgrund unserer körperlich-geistigen Reaktionen hinein interpretieren.
So können wir eine magische Verzauberung, einen Bann oder eine Verstörung, die von den Objekten auszugehen scheint, in unsere Verantwortung  nehmen und die geistigen Reaktionen in ihrer Flüchtigkeit wahrnehmen. Bleiben wir hingegen auf das Objekt fixiert, werden sich die unheilsamen Emotionen durch einen fortlaufenden Gedankenstrom steigern. Betrachtet die Achtsamkeit direkt die Emotion, z.B. Ärger, löst er sich auf, und es entsteht Raum, gründlicher zu forschen und zu erkennen, wie schnell eine geistige Trübung und emotionale Bedrückung entsteht, wenn den Gedanken gestattet wird, das Bewusstsein zu überwältigen.

Auszug aus dem Buch „Geh und sieh selbst“ von Sylvia Kolk mit freundlicher Genehmigung von © JhanaVerlag im Buddha-Haus
Foto: Fotolia #67916457 Urheber: malostranske1973