Spiritualität 2019


Sommer 2019


Immer geht es um die Liebe

Foto: Alexandra Koch - pixabay.com
Foto: Alexandra Koch - pixabay.com

Autorin: Christa Spannbauer

 

Die Evolution der Liebe

Die Liebe ist das faszinierendste Phänomen, das die Evolution des Lebens auf dieser Erde hervorgebracht hat. Sie ist es, die den Einzelnen, das Paar, die menschliche Gesellschaft und letztlich die gesamte lebendige Welt im Innersten zusammenhält. Davon ist der Neurobiologe Gerald Hüther überzeugt. Anders als die meisten seiner Kollegen aus der Sozio- und Evolutionsbiologie erblickt er in der Liebe weniger einen genetischen Instinkt, ein Planspiel der Hormone zum Arterhalt der Spezies, sondern vielmehr das Wunder der Evolution, deren schöpferische Kraft bislang Getrenntes miteinander verbindet und unablässig Neues gestaltet. Die Liebe zeigt sich als die entscheidende Triebfeder für die Entwicklung und Transformation der Menschheit. 

Die Herausforderungen der Liebe

Doch seien wir ehrlich: In der Liebe müssen wir noch viel lernen. Wir erwarten viel von ihr und wissen wenig über sie. Zugleich waren die Hoffnungen und Erwartungen, die an sie herangetragen werden, noch nie so groß wie in der Gegenwart. Nahezu Unmögliches soll sie leisten: Unendliche Glücksgefühle, emotionale Geborgenheit und ewige Lust soll sie uns bescheren. Im Partner wird nicht nur die Erfüllung der Liebe, sondern auch die Sinnerfüllung des eigenen Lebens ersehnt. Die Idealisierung der Liebesbeziehung, so der Paartherapeut Hans Jellouschek, nimmt damit fast schon religiöse Ausmaße an. Wodurch jede Partnerschaft heillos überfrachtet wird. In den überzogenen Ansprüchen, die der Partnerliebe für das  persönliche Glück beigemessen wird, sieht der Therapeut die Hauptursache der Krise, in die viele heutige Beziehungen geraten.   

 

Lieben lernen 

Dass die wichtigste Aufgabe des Menschseins darin liegt, sich in der Kunst des Liebens zu schulen, darauf wies der Philosoph Erich Fromm in seinem gleichnamigen Weltbestseller hin. Ist es doch die Liebe, die den Menschen zu seinem wahren Selbst führt, die Mauern einreißt, die ihn von seinen Mitmenschen trennen und die ihn schließlich seine Bestimmung in der Welt erkennen lässt. Nein, eine leichte Kunst ist das nicht. Zumal die Liebe genau das einfordert, was uns Menschen so schrecklich schwer fällt: das Loslassen. „Was du liebst, lass frei“, verlangte bereits der weise Konfuzius vor 2500 Jahren. Das aber ist leichter gesagt als getan. Denn insgeheim glauben wir doch alle, dass der geliebte Mensch uns gehört und dass es seine Aufgabe ist, unsere Wünsche zu erfüllen. In unserer materialistischen Zeit haben wir die Liebe zum Besitztum erklärt. Wir wollen sie haben und wir wollen, dass sie uns alleine gehört. Wir stecken sie in eine „Beziehungskiste“ und wehe der Partner wagt es, aus dieser herauszulugen oder gar herauszuspringen. So wird Liebe zum Zweckbündnis, zum Tauschgeschäft: „Wenn du mich liebst, dann liebe ich dich auch.“ Ein solches Denken aber entspricht nicht dem Wesen der Liebe. Denn Liebe stellt keine Bedingungen. Sie verschenkt sich. Sie ist ein Kind der Freiheit. Und als ein solches scheut sie die Enge. Sie zerrinnt uns zwischen den Fingern, mit denen wir sie festhalten wollen. 

 

Visionen der Liebe

In geradezu kindlicher Manier glauben wir häufig, dass es in der Liebe in erster Linie darum ginge, geliebt zu werden. Doch die Liebe ist eine Aktivität, die im Geben ihre Erfüllung findet. Im Schenken der Liebe erlebt sich der Mensch als überströmend, lebendig und mit dem Strom des Lebens verbunden. Eine Erfahrung, die den jungen Goethe ausrufen ließ: „Und doch, welch Glück, geliebt zu werden. Und lieben, Götter, welch ein Glück!“

Wäre es daher nicht an der Zeit, die Liebe aus der Enge zu befreien, in die wir sie hineingetrieben haben? Denn die Liebe ist immer schon größer als der Einzelne oder das Paar. Ihr ist es gänzlich fremd, sich in der Zweisamkeit zu verbarrikadieren. Vielmehr ermöglicht sie den Liebenden, gemeinsam neue Räume zu betreten, die ihnen alleine verschlossen blieben und schenkt ihnen Erfahrungen, die ihnen alleine nicht möglich wären. Die Liebe ist auf Transformation angelegt und weitet den Raum für Wachstum und Entwicklung. Miteinander und aneinander wachsen die Liebenden und reifen hinein in eine größere Liebe. Gemeinsam schaffen sie Neues und bringen dies in die Welt.   

Wenn wir wahrhaft lieben, sind wir frei. „Liebe und tue, was du willst", konnte deshalb der Kirchenvater Augustinus sagen. Dies ist kein Aufruf zu hemmungslosem Egoismus, sondern Ausdruck des bedingungslosen Vertrauens in die Kraft der Liebe. Einer Liebe, in der die Partnerschaft zur Keimzelle einer mitfühlenderen Gesellschaft wird. Sie wacht nicht eifersüchtig über das Herz des anderen, sondern öffnet das Herz für die Welt. „Wenn ich einen Menschen wahrhaft liebe, so liebe ich alle Menschen, so liebe ich die Welt, so liebe ich das Leben. Wenn ich zu einem anderen sagen kann: ‚Ich liebe dich‘, muss ich auch sagen können: ‚Ich liebe in dir auch alle anderen, ich liebe durch dich die ganze Welt, ich liebe in dir auch mich selbst,“ erkannte Erich Fromm. So führt die Partnerliebe zur fundamentalsten Art der Liebe, der Nächstenliebe, die sich in der tätigen Fürsorge und Achtung für unsere Mitmenschen und dem Wunsch, dass alle Menschen glücklich sein mögen, ausdrückt. 

 

Lust und Liebe

Wer Liebe zu verschenken vermag, wer sich einem anderen Menschen hingeben kann, wer bereit ist, sich im Anderen zu verlieren, um sich selbst zu finden, taucht ein in das Mysterium der Liebe. Nirgendwo sonst erleben wir dies so intensiv und mit all unseren Sinnen wie in der sexuellen Vereinigung mit dem Geliebten. In der seelisch-körperlichen Hingabe an einen anderen Menschen schmelzen die Grenzen unseres Ichs auf und machen die Vereinigung mit einem Du möglich. Zwei Menschen werden in der erotischen Ekstase über sich selbst hinausgetragen und erfahren sich als Teil eines größeren Ganzen. Eine kosmische Versöhnung im Kleinen, nannte dies Walter Schubart in seinem Buch Religion und Eros: „Zuletzt treibt die Geschlechterliebe den Menschen der Gottheit in die Arme und löscht den Trennungsstrich aus zwischen Ich und Du, Ich und Welt, Welt und Gottheit“.

Dass dieses fast schon religiöse Heilsversprechen, das in der Moderne an die Sexualität herangetragen wird, eine Beziehung im Alltag aber auch reichlich überfrachten kann, liegt nahe. Der Anspruch an die Sexualität war noch nie so hoch wie heute. Sie gilt als wichtigster Signifikant einer erfüllten Liebesbeziehung und ihr lustvoller Vollzug als Beweis der emotionalen Verbundenheit der Partner, der immer wieder aufs Neue erbracht werden muss. Vielleicht sind die hohe Trennungsrate und der Trend zum Single-Leben ein Hinweis darauf, dass wir damit ein letztlich unstillbares Begehren in die Welt gesetzt haben. 

 

Die Heimkehr der Liebe 

In das Herz eines jeden Menschen, so sagen die Sufis, legte Gott in seinem Schöpfungsakt einen göttlichen Funken. Diesen göttlichen Funken zu finden, ihn zu entfachen und zum Brennen zu bringen, so dass er den ganzen Menschen mit seinem Feuer erfasst, bis dieser völlig in Liebe versinkt und sein Wesen aufgeht in allumfassender Liebe – darin erblicken die Liebesmystiker des Islam die wahre Berufung eines jeden Menschen. Wer einmal vom Geschmack dieser Liebe gekostet hat, den kann nichts mehr davon abhalten, ihrem Ruf zu folgen. Denn in uns allen brennt die Sehnsucht nach dem Wunderbaren, dem Unendlichen, dem Göttlichen. Wir sehnen uns nach Vereinigung und Verschmelzung mit diesem Urgrund, aus dem wir kommen und in den wir zurückkehren. Jede weltliche Liebe ist letztlich Ausdruck der Sehnsucht nach Heimkehr, ein Trennungsschmerz, der nicht aufhören wird, bis wir zurückkehren in die Einheit. Je tiefer die spirituelle Einheitserfahrung des Menschen ist, umso größer seine Liebe. Denn diese ermöglicht es, im anderen sich selbst zu erkennen. Dieser Erfahrung erwächst ein universales Mitgefühl, das alle Menschen einschließt. Deshalb wohl kam der Zen-Meister Willigis Jäger zu der Schlussfolgerung: „Was wir am Ende unseres Lebens in Händen halten, sind nicht unsere Leistungen und unsere Werke. Wir werden uns zuerst und vor allem die Frage stellen müssen, wie viel wir geliebt haben.“  

 

Wir bedanken uns herzlich bei der Berliner Autorin Christa Spannbauer für diesen Text, der zuerst im SEIN-Magazin erschien.

In ihren Publikationen und Vorträgen zeigt sie die Alltagstauglichkeit der Weisheitswege aus Ost und West auf - www.christa-spannbauer.de.

Siehe auch unter Wortwelten.

 


Frühjahr 2019


Fühlen ist Leben

Foto ©: suju - Pixabay.com
Foto ©: suju - Pixabay.com

Von Sylvia Wetzel

 

Gefühle sind das Salz in der Suppe des Lebens, mit angenehmen und starken Gefühlen fühlen wir uns lebendig und wir wollen sie festhalten. Unter unangenehmen Gefühlen leiden wir und wir möchten sie loswerden. Wenn wir uns bedroht fühlen, werden wir entweder wütend und greifen an oder wir fürchten uns und wollen flüchten. Scheitern Angriff und Flucht, stellen wir uns tot und spüren nichts mehr.

Ich möchte in diesem Buch das große Thema Gefühle aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Im Zentrum stehen die fast unersättliche Sehnsucht nach Liebe, persönlicher Zuwendung und Anerkennung und die Wut, die wir spüren, wenn wir nicht das bekommen, worauf wir ein Anrecht zu haben glauben. Das Gefühl, beleidigt zu werden, und die wütende Beschimpfung scheinbarer Feinde gehören zu den dominanten Gefühlen, die vor allem im Internet, aber auch in den traditionellen Medien Tag für Tag zum Ausdruck kommen.

 

Die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung und das Ausdrücken von Wut und Enttäuschung scheinen nicht nur unsere privaten Dramen zu begleiten, sondern auch die zentralen Faktoren im sozialen und politischen Miteinander zu sein. Sie manifestieren sich als eine Vielzahl komplexer Gefühle und Emotionen, die im engen Zusammenspiel mit Dogmatismus und Rechthaberei und der Unwilligkeit, den eigenen Beitrag zu unserem Lebensgefühl zu sehen, entstehen. Der Buddhismus spricht anschaulich von 84 000 „Verblendungen“ oder reaktiven Emotionen: Das sind je 21 000 Varianten von Gier, Hass und Verblendung im engeren Sinn und 21 000 Mischformen. Ich bin mir sicher, dass das kein buddhistischer Gelehrter und auch keine Yogini in ihrer Höhle jemals gezählt haben. Es ist einfach ein drastisches Bild für die unermessliche Vielfalt schwieriger Gefühle.

 

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich sehr froh darüber bin, dass diese schwierigen Gefühle nur einen kleinen Teil unserer Alltagserfahrung ausmachen. Ich bin immer wieder erstaunt und erfreut, wie hilfsbereit und klug viele Menschen sich verhalten, wenn sie Herausforderungen begegnen. Das stärkt meine Zuversicht, dass wir durch genaues Hinhören auf die Botschaft, die uns schwierige Gefühle geben, so mit ihnen umgehen können, dass wir damit Probleme verringern und nicht vermehren. In dieser Hinsicht sind für mich buddhistische Gedanken und Übungen die zentrale Orientierung. Sie inspirieren mich seit vierzig Jahren zu einem konstruktiven Umgehen mit sehr unterschiedlichen Gefühlen.

 

Wir verwenden den Begriff „Gefühl“ für sehr unterschiedliche Erfahrungen, und das hat wohl mit ihrer zentralen Rolle im Leben zu tun. Was man alles unter Gefühlen und Emotionen versteht und wie sie entstehen und sich auch wieder verändern können, ist Inhalt des ersten Teils. Allerdings verändern sich nicht nur die erlebten Gefühle selbst, sondern auch Funktion und Rolle von Gefühlserfahrungen und ihr Ausdruck in unterschiedlichen Zeiten und  Kulturen, und das nicht nur im Westen, sondern auch in Asien. Wir leben zwar alle in der gleichen Kalenderzeit, in der christlich-westlichen Zeitrechnung, aber nicht nur in Asien und Afrika, sondern auch in Deutschland und in Europa, in Nord- und Südamerika und in allen westlich geprägten Gesellschaften leben nicht alle Menschen in der gleichen kulturellen Zeit, und das gilt vermutlich auch für die Leserinnen und Leser dieses Buches und ihre Angehörigen und Bekannten.

 

Aus diesem Grund frage ich mich immer wieder: „Wer bin ich?“, und wenn es um andere geht: „Wer hat welche Gefühle?“ Die Antwort darauf entscheidet, welche  Herangehensweisen sich für welche Menschen besser oder weniger gut eignen. Das kann sich im Laufe eines Lebens verändern, aber auch je nach Stimmung und Tagesverfassung brauchen wir unterschiedliche Ansätze. Der Prozess der Individualisierung in der Moderne hat dazu geführt, dass wir inzwischen so unterschiedlich sind, dass uns ein bestimmter Ansatz oder eine bestimmte Reihe von Überlegungen und Methoden zum konstruktiven Umgehen mit schwierigen Gefühlen nicht ausreicht. Wir brauchen ein breites Angebot von Ansätzen und Übungen, die wir je nachdem anwenden können. Da nicht nur das Spüren von Gefühlen und ihr Ausdruck, sondern auch das Verstehen emotionaler Prozesse eine wichtige Rolle im Umgehen damit spielen, stelle ich immer wieder Erklärungsansätze vor, die mir einleuchten. Erklärungen sollen hier aber nicht primär als Rechtfertigung von Gefühlen dienen, sondern wollen vor allem bei schwierigen Gefühlen einen Hinweis auf unheilsame Kausalketten geben, die wir mit solchen Erklärungen vielleicht unterbrechen können – wenn wir das wollen und viele, viele Male auch ausprobieren.

 

Eingefahrene Gefühls- und Verhaltensmuster lassen sich nur verstehen und verändern, wenn wir uns ihnen regelmäßig und mit Interesse und Aufmerksamkeit zuwenden und immer wieder ausprobieren, was uns hilft, konstruktiv damit umzugehen. Es gibt keine schnellen Lösungen für emotionale Verstrickungen, sondern nur das geduldige und ausdauernde Experimentieren mit Ansätzen, die wir inspirierend finden. Und diese Geduld und Ausdauer finden wir nur, wenn wir einigermaßen Vertrauen ins Leben haben und im regelmäßigen Kontakt und Gespräch mit Menschen bleiben, die lebendig und aufrichtig sind, mit ihren Gefühlen und Emotionen gut umgehen können und niemandem damit schaden.

 

Auch der Buddhismus hat sich im Laufe seiner zweitausendfünfhundertjährigen Geschichte verändert, je nachdem, in welchem Land er von welchen Menschen studiert und praktiziert wurde. Im zweiten Teil stelle ich daher einige zentrale Thesen und Methoden des frühen Buddhismus, des Mahayana und des tantrischen Buddhismus vor, die sich an Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen und Fähigkeiten richten. Und ich untersuche die kulturellen Brillen, die Menschen aus dem Westen tragen, wenn sie sich mit buddhistischen Lehren und Übungen befassen. Denn je nachdem, wer wir sind und wie wir „ticken“, interpretieren wir Lehren und Übungen, so oder anders. Manchmal führt das zu mehr Offenheit, Klarheit und Feinfühligkeit, und manchmal stabilisieren wir mit buddhistischen Übungen lediglich unsere vertrauten Selbstbilder und eingefahrenen Muster.

 

Im dritten Teil gehe ich dann auf unterschiedliche schwierige Gefühle und auf einfache und komplexe reaktive Emotionen ein und schlage Übungen vor, wie wir die Stimme der Weisheit in ihnen hören können. Wir lernen konstruktiv mit ihnen umzugehen, wenn wir das ernsthaft und aufrichtig wollen. Denn das ist mir im Laufe meines Lebens klar geworden: Unser Leben kann nur dann gelingen, wenn wir alle Erfahrungen freundlich und aufmerksam zur Kenntnis nehmen, sie anerkennen und wertschätzen und einigermaßen verstehen. Das gelingt uns leichter, wenn wir auch Zugang zu den „schönen“ und erhebenden Gefühlen haben, die der Buddhismus himmlische Gefühle beziehungsweise Haltungen nennt: Freundlichkeit, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Man kann sie auch mit Wohlwollen, freudige Dankbarkeit und heitere Gelassenheit übersetzen. Sie sind der Boden und der Hintergrund, der es uns möglich macht, angemessen und konstruktiv mit schwierigen Erfahrungen und Gefühlen umzugehen.

 

Erst wenn wir unangenehme Erfahrungen und schwierige Gefühle wahr- und annehmen, können wir die Lebenskraft, die in ihnen steckt, befreien und zum eigenen Wohl und dem aller verwenden. Das ist zumindest meine Vision eines gelingenden Lebens, und so interpretiere ich auch den Kern des demokratischen Ideals. Es drückt für mich die Zuversicht aus, dass wir im respektvollen Gespräch mit „Menschen im Plural“ über die gemeinsame Welt Wege finden können, das Beste auch aus schwierigen Umständen zu machen. Wir spüren alle, ob eine Situation gut oder schlecht für uns und andere ist, und dabei helfen uns unsere Gefühle, die angenehmen und die unangenehmen, die schönen und die schwierigen. Mögen wir alle die für uns geeigneten Wege finden, klug und angemessen mit unseren Gefühlen und denen von anderen umzugehen.

Textauszug aus

 

Fühlen ist Leben

 

von Sylvia Wetzel – siehe auch unter Wortwelten

 

mit freundlicher Genehmigung des Herder-Verlages.

 

www.sylvia-wetzel.de siehe auch unter Veranstaltungen

 

Bestellmöglichkeit bei Buchhandlung Plaggenborg, info@buchhandlung-plaggenborg.de oder Tel. 0441-17543

 


In Liebe getränkt, der Liebe entsprungen, aus Liebe gemacht

Dieser wunderschöne Morgen,

Nebel fließt über die Felder wie Wasser.

Tautropfen in den Spinnweben 

fangen die Sonnenstrahlen ein.

 

In Liebe getränkt, 

der Liebe entsprungen,

aus Liebe gemacht.

 

Ein Kind läuft über die Wiesen,

laut lachend und frei.

Lässt sich fallen und fällt

in den unendlichen Himmel.

 

In Liebe getränkt, 

der Liebe entsprungen,

aus Liebe gemacht.

 

Das dunkle Tuch der Nacht 

deckt die Erde zu.

Sterne glitzern wie Öffnungen im Himmel,

aus denen Licht zur Erde tropft.

 

In Liebe getränkt, 

der Liebe entsprungen,

aus Liebe gemacht.

 

Deine Angst und meine Angst,

Dinge, die aus Zorn geschehen,

verklebte, uralte Geschichten,

die das Atmen schwer machen.

 

Auch dies:

In Liebe getränkt, 

der Liebe entsprungen,

aus Liebe gemacht.

Möge meine (unsere) Liebe tief genug reichen,

all diese Masken zu durchdringen,

meine und deine und die unserer Welt.

 

Aus: „Trilogie – Spirituelle Gedichte“ von Andrea Kasper, tao.de

Bestellmöglichkeit bei Buchhandlung Plaggenborg, 

info@buchhandlung-plaggenborg.de oder Tel. 0441-17543

 



Winter 2019


Das innere Zuhause

Foto © Peter Hill / pixelio.de
Foto © Peter Hill / pixelio.de

Von Samarona Buunk

 

Was Spiritualität heute bedeuten kann

Auszug aus dem Vorwort zum Buch

 

Buch Wenn mich jemand fragt, was ich von Beruf bin, dann fällt es mir oft nicht leicht, zu erklären, was ich täglich mache. Vor allem, wenn ich es jemandem erklären soll, der mit dem, was meine Arbeit ausmacht, noch keine Erfahrung gemacht hat. Manchmal sage ich, dass ich Heilpraktiker für Psychotherapie sei – das ist sozusagen die offizielle Bezeichnung. Ich bin aber weder Heilpraktiker noch würde ich mich als Psychotherapeut beschreiben, obwohl ich einige Jahre Psychologie studiert und zahlreiche psychotherapeutische Verfahren gelernt habe und in meiner Arbeit anwende. Ich empfinde die Bezeichnung Psychotherapeut dennoch nicht als zutreffend. Was mir besser gefällt, ist, mich als Wegbegleiter zu bezeichnen, als Reisegefährte. Ich bin jemand, der andere ein Stück auf ihrem Lebensweg begleitet. Dass ich an einem Punkt meines Lebens dazu übergegangen bin, andere auf ihrem Weg zu begleiten, hat mit meinem eigenen Lebensweg zu tun. 

Mein Weg hat mich schon in sehr jungem Alter mit Meditation und Spiritualität in Kontakt gebracht. Ich habe der Praxis von Meditation und Selbsterkundung in meinem persönlichen Leben eine zentrale Rolle eingeräumt. Ich habe in spirituellen Gemeinschaften gelebt und mich von verschiedenen spirituellen Lehrern unterrichten lassen. Wenn ich beschreiben soll, was die spirituelle Praxis mir gezeigt hat, dann würde ich sagen, dass sie mir ermöglicht hat, mein inneres Zuhause zu finden. Ich meine damit keinen geografischen Ort irgendwo auf dieser Erde, sondern eine Verwirklichung dessen, was ich in meiner Tiefe bin.

Seitdem ich selbst erfahren habe, was es heißt, das innere Zuhause zu finden, sehe ich, dass dies im Grunde alle Menschen auf ihrem Lebensweg versuchen. Manche erfahren die Schritte, die sie auf diesem Weg machen, sehr bewusst, andere stolpern durch ihr Leben, ohne zu spüren, dass es eine innere Instanz gibt, die sie durch das Leben führt. Die Erkenntnis, dass es in der Natur des Menschen liegt, den Weg zum inneren Zuhause zu suchen, macht es für mich selbstverständlich, andere in einem Rahmen von Offenheit und liebevoller Zuwendung auf ihrem Weg nach Hause zu begleiten. So ist meine Arbeit, die zum Teil auf psychotherapeutischen Methoden und zum Teil auf Meditation und spiritueller Praxis beruht, zu einem Prozess geworden, der Menschen auf ihrem Weg nach Hause begleitet. Es ist eine Begegnung östlicher Weisheitstraditionen mit der modernen, westlichen Psychotherapie.

 

Das innere Zuhause zu finden, kann für jeden Menschen etwas sehr Unterschiedliches bedeuten. Es kann eine Pause bedeuten vom Rennen im Hamsterrad des Alltags, ein Ankommen im einfachen Sein. Es kann einen Moment von Frieden bedeuten, eine Auszeit von konfliktreichen oder ambivalenten Situationen. Es kann in Situationen von emotionalem Schmerz und Leid eine Zuflucht im Herzen sein. Nach Hause kommen kann auch bedeuten, dass ich einen Abstand finde zu den Rollen, die ich im Leben spiele, sodass ich für einen Moment ganz ich selbst sein kann. Je mehr wir uns im Nach-Hause-Kommen üben, umso deutlicher wird uns, dass damit ein lebenslanger Prozess der Selbstverwirklichung in Gang gesetzt wird, der die Transformation unseres Selbst ermöglicht. Wenn wir im inneren Zuhause angekommen sind, dann wissen wir, dass es eine tiefe Wahrheit gibt, ein Bewusstsein, das jedem von uns zur Verfügung steht. Wir wissen, dass dieses Bewusstsein der Ursprung ist von allem, was uns im Leben führt, es ist die Quelle des inneren Friedens, der Freude, der Liebe, es ist der Platz, der uns ermöglicht, mit Mut ins Unbekannte zu gehen und beharrlich zu sein, bis wir im inneren Zuhause angekommen sind. 

 

Durch Selbsterforschung und die Praxis der Meditation lernen wir, nach Hause zu kommen. In den östlichen Weisheitstraditionen hat Meditation einen zentralen Stellenwert. Meditation ist keine Aktivität, deswegen ist das Verb „meditieren“ missverständlich. Meditation ist Bewusstsein, ein Bewusstsein, das tiefer ist als der Verstand. Ein Bewusstsein davon, was natürlich ist, was nicht durch Aktivität erzeugt wird. Meditation erlaubt einen Zugang zu dem, was wahr, was real in uns ist. Manche nennen es: das, was essenziell ist. Meditation ist der natürliche Zustand, den wir meistens nicht mehr spüren, weil wir zu sehr in unserem „Tun“ verhaftet sind. Meditation ist die Abwesenheit von Tun, von Aktivität. Wenn wir uns in Ruhe lassen, sind wir im Stande, den ursprünglichen Zustand zu spüren, unsere wahre Natur. Das ist es, was wir „im inneren Zuhause ankommen“ nennen. Wir erfahren wieder unsere wahre Natur. Sie kann nicht verloren gehen, sie kann nur in Vergessenheit geraten. Ein passendes Bild ist der Mond, der hinter einer Wolke zum Vorschein kommt. Die Wolke gehört nicht zur Natur des Mondes. Der Mond bleibt der gleiche Mond, unabhängig davon, ob Wolken ihn verhängen oder nicht. Die Wolke war nur vorübergehend da. 

Der Verstand ist wie eine Wolke. Das Denken ist eine Wolke. Durch das Denken fällt es uns oft schwer, das Bewusstsein hinter dem Denken wahr¬zunehmen. Deine Natur kümmert das nicht. Sie bleibt unberührt, pur, essenziell. Genauso wie es den Mond nicht kümmert, ob die Wolke da ist oder nicht. So gesehen ist das Ankommen im inneren Zuhause ein Prozess der Selbstverwirklichung, und das, was wir verwirklichen oder realisieren, ist unser essenzielles Selbst, unsere „Buddhanatur“, wie das im Buddhismus genannt wird. Der Prozess der Selbstverwirklichung ist zur gleichen Zeit auch ein Transformationsprozess unseres Ego-Selbst.

Die östliche Tradition beschreibt einen Prozess des Vergessens durch die Kristallisierung des Egos, und auch die westliche Psychotherapie beschreibt einen Prozess, in dem das Ego-Selbst im Laufe der ersten sechs Lebensjahre entsteht. Dieses Buch setzt sich mit den Umständen auseinander, die notwendig sind, um uns an das zu erinnern, was wir glauben, durch das Vergessen verloren zu haben.

 

Ein Buch zu schreiben, das Spiritualität zum Gegenstand hat, ist herausfordernd. Spiritualität beruht nicht auf Konzepten, sondern ist nur durch unmittelbare Präsenz im Hier und Jetzt erfahrbar. Genauso schwierig ist es, jemandem den Klang einer Bambusflöte zu beschreiben. Wenn wir ver-suchen, darüber zu sprechen, brauchen wir Worte und Konzepte. Die Ego-Realität beruht auf Konzepten. Deshalb sind bei dem Versuch, Spiritualität durch Konzepte zu beschreiben, Missverständnisse vorprogrammiert. Viele Weisheitstraditionen waren sich dieses Umstands bewusst. Sowohl in der Zen-Tradition als auch in der Sufi-Tradition hat man deswegen Geschichten erzählt, die die Wahrheit umschreiben. Im Zen sagt man, dass der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht der Mond sei. Worte, die den Klang einer Bambusflöte beschreiben, sind nicht der Klang der Bambusflöte.

Deswegen erzähle ich in diesem Buch viele unterschiedliche Geschichten. Es ist nicht relevant, ob diese wahr oder erfunden sind, sie sind Andeutungen, Metaphern, und ich hoffe, dass man dadurch etwas erfährt und sich daran erinnert, was diese Geschichten vermitteln wollen. Die Finger sind nicht wichtig, verschiedene Traditionen werden mit unterschiedlichen Fingern zeigen. Was wichtig ist, ist dasjenige, worauf die verschiedenen Finger hinweisen.

Wenn man den Geschichten nur mit dem Verstand zuhört, wird er sich an den Worten festbeißen, und dadurch wird man die wahre Bedeutung verpassen. Man braucht ein poetisches Herz, um diesen Geschichten zuzuhören. Nur so können wir uns daran erinnern, wo unser inneres Zuhause ist.

 

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil behandelt das Thema „Das innere Zuhause“ im Allgemeinen. Zuerst beschreibe ich die wichtigsten Wegweiser und Meilensteine, die unterstützend sind bei der Heimkehr: Präsenz, Essenz, die spirituelle Dimension, die wahre Natur und das Erwachen. Dann folgt ein Überblick über die traditionellen und die modernen Wege nach Hause, und ich versuche, einige Vorurteile über Spiritualität, Religion, Psychologie und Wissenschaft zu klären. Ich schildere, wie man zuerst seine Herkunft vergessen und dann wieder heimkehren kann. Und wie der Prozess des Vergessens mit der Verfestigung des Egos zusammenhängt.

 

Der zweite Teil behandelt die spirituelle Praxis. Die Praxis beschreibt den Weg nach Hause. Wir tragen alle die „Buddhanatur“ in uns, das bedeutet: Jeder kann sein inneres Zuhause finden. Ob das auch wirklich stimmt, kann man nur herausfinden, indem man sich auf den Weg nach Hause begibt. Damit die Wahrheit uns in unserer Tiefe erreichen und transformieren kann, braucht es Praxis. Durch ein tiefes Verständnis von Ego und Essenz wird deutlich, wie die Schritte der Praxis aussehen. Ich habe zehn Schlüssel der Praxis beschrieben, die alle den Weg nach Hause weisen.

Ich habe diesem Buch die Widmung des Navkar Mantra vorangestellt, weil sie eine Verbeugung vor allen Menschen beinhaltet, die jemals sich selbst gekannt haben. Zahllose Menschen haben sich immer wieder die gleichen Fragen gestellt: „Wer bin ich, was ist mein Ursprung, wo komme ich her, wo gehe ich hin?“ Durch die Praxis konnten die Fragen beantwortet werden, nicht auf eine kognitive, mentale Art, aber durch ein Erfahren der Wahrheit im Hier und Jetzt. Dies ist es, was man spirituelle Praxis nennt, und es gibt sehr viele verschiedene Traditionen der spirituellen Praxis. 

 

Ich verbeuge mich vor allen Menschen, die jemals sich selbst erkannt haben. Ich verbeuge mich vor allen Meistern und Lehrern, die mich begleitet haben auf meinem Weg. Ganz im Besonderen bedanke ich mich bei Osho, der mir die Augen geöffnet hat und mich seit vielen Jahren führt, sogar nachdem sein Körper diese Erde verlassen hat. Ich bedanke mich auch besonders bei A. H. Almaas, der mir durch die Ridhwan Schule einen Platz geboten hat, meine Praxis ganz lebendig zu halten und in immer tieferen Dimensionen anzukommen. Ich bedanke mich bei Jiddu Krishnamurti und Faisal Muqaddam, die für Abschnitte meiner Reise meine Begleiter waren.

Ich verbeuge mich vor allen Meistern und Lehrern der vielen verschiedenen Traditionen der spirituellen Praxis. Ich verbeuge mich vor allen Meistern der hinduistischen Tradition, vor allen Meistern der buddhistischen Tradition, vor allen Meistern der Sufi-Tradition, vor allen Meistern der Dao-Tradition, ich verbeuge mich vor den christlichen Mystikern, den mystischen Strömungen aus dem griechischen Raum, den jüdischen Mystikern und den vielen Mystikern, die sich nicht innerhalb einer Religion verorten lassen. Ich bin geneigt, diese vielen Namen der Mystiker aufzulisten, der Klang dieser Namen bringt mein Herz in Schwingung. Diese vielen Namen sind die Verkörperungen des Namenlosen, der Wahrheit, die wir alle in uns tragen und die uns alle verbindet.

 

Ich verbeuge mich vor allen Menschen,

die jemals sich selbst erkannt haben.

Ich verbeuge mich vor allen,

die angekommen sind.

Ich verbeuge mich vor allen,

die Meister sind.

Ich verbeuge mich vor allen Lehrern.

Ich verbeuge mich vor allen Menschen,

die jemals sich selbst gekannt haben.

Uneingeschränkt.

Om shantih shantih shantih

 

Das innere Zuhause –

Was Spiritualität heute bedeuten kann

 

Samarona Buunk

 

Innenwelt Vlg., 280 S., 18,50 €

 

Bestellmöglichkeit bei Buchhandlung Plaggenborg, info@buchhandlung-plaggenborg.de oder Tel. 0441-17543