Spiritualität 2020


August - Dezember 2020


Geweihte Zeit

©Joshua_seajw92 – pixabay.com
©Joshua_seajw92 – pixabay.com

Autorin: Rani Kaluza

 

“. . . Die einzige Verabredung, die ihr noch wichtig erschien, war die mit der Zeit. Diese Verabredung war es auch, wo sie sich wieder ansammelte, anfing Atem zu haben, anfing Beine zu haben, Arme, anfing eine neue Art von Körper zu haben, der am Ende, das wusste sie, ein Lächeln tragen würde wie eine Krone . . .“

 

Eine Weile völlig absichtslos da sein, Sinn und Zweck nicht kennen müssen. Einfach wahrnehmen, im Innen und im Außen, die momentane Befindlichkeit des Körpers, des Gemüts, des Verstandes, und die Atmosphäre des Raumes, in dem man ist und wo gerade nichts passiert. 

    

 

Nicht Tun.

 

Mühelos, ohne etwas zu beabsichtigen, sitzen, auf einem Stuhl, einer Bank, einem Meditationskissen, gehen, an den Ufern eines Sees, liegen, auf einem Baumstamm im Wald, auf einer Couch, mit Blick in den Garten oder in den Himmel.       

 

Man kann dem reinen Nicht Tun täglich ein paar Minuten weihen oder sich für längere Zeit darauf einlassen, für eine Stunde, einen Tag, für fünf Tage. Wie lange auch immer, jede Minute ist kostbar. Niemals verschwendet man seine Zeit, im Gegenteil, man segnet sie.

 

Sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, es geschieht von allein: Das Ticken einer Uhr, das Rauschen des Windes draußen in dem Bäumen, die zarte Staubschicht auf einer Vase, Licht, das auf den Blättern der Pflanze glänzt, ein Gefühl von Traurigkeit im Bereich des Bauches.    

 

Manchmal ist es gut den Rücken aufzurichten. Den Rücken aufrichten gleicht eine Pflanze, die sich zur Sonne hin ausrichtet. Es hat eine ordnende und klärende Wirkung.

 

Wahrnehmen und nichts verbessern müssen. So wie es in diesem Moment ist, ist es gut. Man könnte sich müde fühlen, rastlos, unsicher, verliebt oder genervt – alle Zustände und Gefühle sind willkommen und haben die Erlaubnis da zu sein, ohne Angst haben zu müssen, verurteilt zu werden. Man kann sich selbst fragen: Wie geht es mir? Wie fühle ich mich? Wen oder was finde ich, wenn ich die Augen schließe und in mich hineinspüre? Und man kann diese Fragen restlos ehrlich beantworten. Denn alles darf hier sein, genauso wie es ist, in der Zeit des Nicht Tuns (und natürlich auch sonst). 

 

Wenn ein Mensch auf diese Weise mit sich selbst umgeht, gleicht er einer Sonne, die mit ihren warmen Strahlen alles berührt, was ihr hingehalten wird. Die Sonne macht keinen Unterschied, ob sie auf einen Holzstapel oder auf eine Mülltonne scheint. Sie bewertet nichts, sie bevorzugt nichts, sie verbreitet ihr Licht.  

 

Bemerken wie Gedanken kommen und gehen. Spüren, wie die Hände den Stoff der Kleidung berühren oder die Armlehne des Stuhles, die kühl und glatt ist. Hören, wie irgendwo in der Nachbarschaft Telefon klingelt, sehen, wie die Gardine sich ganz leicht bewegt, als würde sie atmen. Bemerken, wie nach und nach immer mehr Stille einkehrt, während gleichzeitig absolut nichts passiert. Ein wahrhaftiger Mensch, der einfach nur da ist.

 

Am Anfang nimmt man die Stille vor allem in der Abwesenheit von Lärm wahr. In einer leeren Kirche, auf einem einsamen Berg, mitten auf einem See. Lässt man sich jedoch für eine längere Zeit auf das einfache Da-Sein ein, wird man früher oder später noch eine andere Stille kennenlernen. Eine raumhafte, kristallklare, tiefe Stille – eher wie Präsenz spürbar. Diese Stille ist überall, in jeder Rockfalte, in jedem Blatt, unter jedem Stein, in den Wolken und in den Bäumen, in den Pfützen und in den Muscheln, in den Haaren und in den Gedanken, ja selbst zwischen den Gedanken. Sie durchdringt alles, und ist selbst in dröhnendem Lärm anwesend. 

 

Vor allem, wenn man sich dem Nicht Tun mit ganzem Herzen überlässt, lädt man diese Stille unweigerlich zu sich ein. 

 

Indem Du nichts tust, um das Leben zu finden, findet das Leben Dich. Indem Du nichts tust, um Deinen momentanen Zustand zu verändern, findet Begegnung statt. Der Wunsch oder das Bestreben etwas anderes erreichen zu wollen, wird dabei Schritt für Schritt aufgegeben. Man gibt das Suchen und das Verändern-Wollen immer wieder auf und ist einfach. Das ist die Weisheit einfachen Da-Seins.

 

www.doingnothing.de

 


April - August 2020


Es geht um die Liebe

Bild © skeeze auf pixabay.com
Bild © skeeze auf pixabay.com

Autorin: Ursula Richard

 

Die Liebe zeigt sich oft da, wo wir sie am allerwenigsten erwarten. Doch wenn sie uns findet und ergreift, eröffnet sie uns Möglichkeiten, uns selbst und das Leben neu zu verstehen. Ursula Richard beschreibt Begegnungen mit der Liebe und was diese sie gelehrt haben.

 

In der Schlussszene des Films „Alice still alive“ sitzen die schon in relativ jungen Jahren an Alzheimer erkrankte Alice, eine vormalige Universitätsprofessorin, und ihre Tochter, eine ziemlich erfolglose Schauspielerin, beisammen, und die Tochter, die inzwischen wieder im Elternhaus lebt und ihre Mutter pflegt, memoriert einen recht komplexen Text – vielleicht für eine Rolle – und fragt am Ende ihre Mutter, um was es denn darin gegangen sei. Alice, die große Mühe hat, überhaupt noch Worte hervorzubringen, sagt recht undeutlich, doch verständlich: „Liebe.“ Und die Tochter bekräftigt: „Ja, es geht um Liebe.“

 

Meine Mutter ist seit einigen Jahren dement. Seither lebt sie in einem Heim. Sie erkennt mich und meine Schwestern noch und weiß auch meist unsere Namen. Auch sich selbst erkennt sie auf Fotos, vor allem wenn sie aus ihrer Zeit als frisch verheiratete Frau oder junge Mutter stammen. Ihre Enkeltöchter erkennt sie auf Fotos meist nicht mehr. Wenn ich sie bei meinen Besuchen fotografiere und ihr die Bilder dann zeige, sagt sie manchmal ganz erstaunt: „Das ist ja mein Vater.“ Meine Mutter lächelt mich häufig an, ich streichle ihr Gesicht. Wir sind uns nah, so wie wir es jahrzehntelang nicht waren. Unser „Krieg“ war erst zu Ende, als sie dement wurde, da haben wir beide die Waffen der gegenseitigen Verachtung endgültig niedergelegt. Heute, wenn ich meine Mutter besuche, habe ich den Eindruck, dass sie immer mehr abwirft oder immer mehr von ihr abfällt und der Raum, der da in ihr entsteht, von Liebe und Zufriedenheit erfüllt ist. 

 

Das Loslassen von Selbstbildern

Weder Alice, die Filmfigur, noch meine Mutter haben sich in ihrem Leben besonderen spirituellen Übungen unterzogen, um dahin zu gelangen – zu dem Wissen, dass es letztlich, selbst wenn man sonst nichts mehr weiß, um Liebe geht, oder dahin, dass die Liebe immer mehr hervortritt. Die Liebe, immer wieder von Dichtern, aber auch von Mystikerinnen und religiösen Weisen wort- und bildreich beschrieben und besungen, scheint das zu sein, was bleibt, wenn, wie im Fall von Alice, alle anderen Gewissheiten verschwunden sind, es nichts mehr gibt, an dem man sich festhalten könnte, weder an einem Ich noch an einem Du. 

 

Der tibetisch-buddhistische Lehrer Chögyam Trungpa sprach in diesem Zusammenhang von einer uns angeborenen, grundlegenden Gutheit. Das heißt aber auch, wir müssen auf dem Weg der Liebe nichts entwickeln oder kultivieren, nichts schaffen, was wir nicht schon hätten, was nicht schon da wäre. Wir müssen „nur“ zulassen, dass es sich entfalten oder hervortreten kann. In den spirituellen Traditionen gibt es zahlreiche Methoden, Liebe und Wohlwollen in sich zu erwecken und zu kultivieren (im Buddhismus zum Beispiel die Metta-Meditation oder Tonglen), Übungen der liebenden Güte und des befreienden Mitgefühls. Sie mögen hilfreich sein, weil sie uns an das erinnern und mit dem verbinden können, was ohnehin da ist. Aber wir sollten nicht glauben, mit diesen Methoden etwas Neues zu schaffen, und uns daher von anderen meinen abheben und als etwas Besonderes fühlen zu können, weil wir ja „praktizieren“. 

 

Auf unserem Weg geht es nicht darum, immer mehr Gepäckstücke mit uns herumzutragen, sondern immer weniger. Letztlich geht es darum, dass wir uns selbst nicht mehr mit uns herumschleppen. Der tibetisch-buddhistische Lehrer Dzongsar Khyentse spricht vom Abschälen von Schichten oder Schalen, „um schließlich herauszufinden, dass es innen gar keine Frucht gibt“. Ihm zufolge geht es darum, dass wir uns von diesen Schichten befreien. Aber das fällt uns sehr schwer, weil wir uns an sie gewöhnen, sie unsere Identität ausmachen und wir an ihnen hängen: „In der Kindheit sind uns Sandburgen sehr wichtig. Wenn wir dann 16 Jahre alt sind, ist es das Skateboard und zu dem Zeitpunkt ist die Sandburg zu einer verrotteten Schale geworden. Im Alter von 30 oder 45 Jahren treten Geld, Autos und Beziehungen an die Stelle des Skateboards. All das sind weitere Schalen. Und mehr als das: Selbst die Pfade, die wir praktizieren, machen weitere Schichten aus, mit deren Hilfe wir zu weiteren Schichten vordringen, um sie abzutragen. Die innere Schale hilft uns, über die äußere nachzudenken, und motiviert uns, sie abzuschälen. Aber letztlich sollten wir frei sein von allen Systemen, von allen Schalen.“ 

 

Liebende statt Einsiedlerin

Manchmal erleben wir, wenn sich Selbstbilder, durch die wir uns vielleicht lange definiert und an die wir geglaubt haben, auflösen und nicht sofort ein neues an ihre Stelle tritt, Momente von Freiheit und Weite. Aber schnell stellen sich dann Gefühle von Ungeschütztheit und Unsicherheit ein – und schon greifen wir zu neuen Selbstbildern, die unsere Freiheit zwar wieder einengen, aber eine gewisse Sicherheit versprechen: Wir wissen wieder, wer wir sind, wo es für uns langgeht, denn dies nicht zu wissen, ist doch schwer auszuhalten. 

 

Nachdem ich gemerkt hatte, dass Selbstidentitäten wie „Buddhistin“ oder „Zen-Frau“ für mich immer brüchiger wurden und immer weniger stimmig waren, bildete sich in mir die Überzeugung, mein Weg führe fortan jenseits von klar definierten Traditionen mehr ins Alleinsein und in die Stille. Auch wenn ich davon in meinem Alltag recht wenig realisierte, stand mir als eine Art Ideal-Identität „die Einsiedlerin“ vor Augen, und ich war sicher, dass das letztlich die mir gemäße Lebensform war – und dann verliebte ich mich während eines Zen-Retreats Hals über Kopf in eine Teilnehmerin, und dieses einsiedlerische Selbstideal löste sich schneller auf als eine Wolkenformation am Himmel. Ich hatte die Liebe in Form einer „Liebesbeziehung“ nicht gesucht, vor allem nicht an einem solchen Ort; sie hat mich einfach gefunden. Bin ich nun dabei, eine „Liebende“ zu werden, neue Ideal-Identitäten zu entwerfen, die abgefallenen Schalen durch neue zu ersetzen? Die Versuchung ist groß. Ich beobachte es, während sich unsere Beziehung auf das Schönste zu entfalten beginnt.

 

„Ich bin durch dich so ich“

Was werden wir finden, wenn alle Schalen abgefallen sind und wir sehen, dass da keine innere Frucht, kein Kern ist? Ich weiß es nicht, da zu viele Schalen mir noch den Blick versperren, aber in manchen Momenten bin ich sicher, dass dort die Liebe ihren Ursprung hat, in diesem weiten Raum, den wir nicht mehr durch unsere Selbstbilder begrenzen. Es ist aber weder meine Liebe noch mein Wesenskern, den ich dort finde, sondern es ist diese wunderbare, magische Energie der Liebe als dieses offene, weite Feld.

 

Jenseits der Reichweite

von Richtig und Falsch,

liegt ein Feld – ein singendes Feld.

Dort werde ich dich treffen ...

(Mevlana Rumi)

 

„Ich bin durch Dich so ich“ lautet der Titel der Biografie des Benediktinermönchs David Steindl-Rast. Das ist für mich der Name dieses Feldes, denn wir sind nicht diese   abgetrennten Ichs, für die wir uns meist halten, sondern auf das Innigste miteinander verwoben und verbunden. In jeder Sekunde bringen wir einander in einem Prozess fortwährenden Entstehens und Vergehens wechselseitig hervor. Eigenschaften, Selbstbilder, die wir uns schnell als Wesensmerkmale zuschreiben, zeigen sich als viel flüssiger, flüchtiger als gedacht. Auch sie sind letztlich Beziehung. Alles ist Beziehung, alles ein Tanz, ein Halten und Gehaltenwerden, damit wir uns mit größtmöglicher Freiheit, Anmut und Würde bewegen können.

 

„Ich bin durch dich so ich“ beschreibt das Wesen der Liebe und damit das Wesen unserer Existenz. Wenn wir einander lieben, können wir diese Wahrheit auf eine nährende, heilsame Weise erfahren. Wenn wir lieben, lieben wir aber immer mehr als den konkreten geliebten Menschen, in ihm lieben wir unser Menschsein, lieben wir das Leben, lieben wir die Welt. Dies gegenwärtig zu halten  und immer wieder lebendig werden zu lassen, macht den Weg der Liebe ähnlich wie den Weg der Dankbarkeit zu einem so erfüllenden, transformativen Weg. Oft heißt es: Man muss erst einmal sich selbst lieben, erst dann kann man andere lieben. Ich denke, man kann es auch genau umgekehrt formulieren: Man muss erst einmal andere lieben, dann kann man sich selbst lieben. Letztlich sagt man damit aber auch das Gleiche, denn wir sind nicht getrennt, wir sind eins, nicht als du oder ich, sondern als dieses lebendige Feld der Liebe.

Ja, es geht um Liebe …

 

Ursula Richard ist Autorin und war viele Jahre Chefredakteurin der Zeitschrift „Buddhismus aktuell“. 

 

Zuerst veröffentlicht in moment by moment, Ausgabe 4‘2017. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion moment by moment: www.moment-by-moment.de.

 


Winter 2020


Vollkommen unvollkommen

Foto: Honey Kochphon Onshawee auf pixabay.com
Foto: Honey Kochphon Onshawee auf pixabay.com

Autorin: Marie Mannschatz

 

Unsere Zeit auf diesem Planeten ist begrenzt. Wie möchten wir sie verbringen? Überlassen wir den Lauf unseres Lebens dem Schicksal, dem Zufall, oder möchten wir Einfluss nehmen und unser Leben klug gestalten? Seit mehr als zwei Jahrtausenden wenden sich Menschen an den Buddha und seine Lehre, um Antworten auf die großen Daseinsfragen zu erhalten: Wie kann man glücklich und bewusst leben? Welche Entwicklungsmöglichkeiten habe ich? Wie kann ich innere Freiheit finden? Auch in der heutigen Zeit möchten wir erfahren, wie wir ein Leben im Einklang mit uns selbst und der Welt führen können. 

 

Der Buddha ging von der Vollkommenheit eines jeden Menschen aus. Er war davon überzeugt, dass wir alle ursprüngliches Gutsein in uns tragen. Im Kern sind wir erleuchtete Essenz, reines Licht, absoluter Frieden. Unzerstörbar. Diesen menschlichen Kern verglich der Buddha mit einem Goldklumpen, der seit unzähligen Daseinszyklen bis zur Unkenntlichkeit verkrustet und verborgen in uns schlummert. Den Goldklumpen in uns und anderen zu erkennen, ihn freizulegen und zu polieren, darum geht es in der buddhistischen Lehre. 

 

Der Weg der Meditation gibt uns Mittel und Werkzeuge an die Hand, die Juwelen in uns auszugraben und zum Funkeln zu bringen. Wenn wir bewusst unsere Erkenntnisfähigkeit entwickeln und uns auf das achtsame Erleben des gegenwärtigen Moments einlassen, werden wir täglich neu belohnt. Durch regelmäßige Meditationsübungen entfaltet sich eine umfassende, leuchtende Klarheit in Herz und Geist. Und nicht nur das: Wer sich auf den Weg macht, die kostbarsten Eigenschaften in sich zu entdecken, wird überrascht feststellen, dass sich nach Jahrzehnten des Übens fast nebenher Geisteshaltungen entwickeln, die im Buddhismus als die sogenannten Vollkommenheiten bekannt sind. Sie werden die Paramita genannt. Ihre Zahl variiert – es sind entweder sechs oder zehn. Im vorliegenden Buch wollen wir uns mit den zehn Vollkommenheiten befassen. Das Wort Paramita bedeutet »zum jenseitigen Ufer gelangen«. Mit dem jenseitigen Ufer ist das Land des freien Geistes gemeint, der nicht mehr von Hindernissen, inneren Kämpfen und Verwicklungen belastet ist. Die zehn Vollkommenheiten heißen: 

 

1. Großzügigkeit, 2. Energie, 3. Entschiedenheit, 4. Wohlwollen, 5. Nichtverletzendes Handeln, 6. Wahrhaftigkeit, 7. Geduld, 8. Weisheit, 9. Gelassenheit, 10. Einfachheit, Loslassen

 

Wir können die Paramita wie einen Kompass verwenden. Sie geben uns eine Ausrichtung in alltäglichen Konflikten und bereiten den Geist für befreiende Einsicht vor. Sie stimmen uns ein auf ein Leben in Gesundheit, Frieden und Furchtlosigkeit. Die zehn Vollkommenheiten sind innere Eigenschaften, die wir durch bewusstes Üben zum Leuchten bringen können. Jedes Kapitel in diesem Buch ist einer Vollkommenheit gewidmet. Sie überschneiden und durchdringen sich jedoch gegenseitig, sind genau genommen nicht voneinander zu trennen und auch nicht auf eine bestimmte Reihenfolge festgelegt. Es ist wie bei einem dicken Seil, das aus zehn Strängen geknüpft ist – jeder einzelne Strang ist wichtig, um vereinte Tragkraft zu schaffen. Jede einzelne Vollkommenheit möchte erkannt und verstanden werden. In der Verknüpfung aber werden sie mehr, als Worte fassen können. Der Buddha hat einmal gesagt: »Um die Unwissenheit und das Leiden in dieser Welt zu besiegen, habe ich mich über unzählige Zeitalter hinweg in den zehn Vollkommenheiten geübt. Hört mir aufmerksam zu, ich werde euch davon berichten.«

 

Materielles kann wieder zu nichts zerfallen, aber geistige, charakterliche Vollkommenheiten schenken uns einen inneren Reichtum und grundlegenden Frieden, den uns niemand nehmen kann. Deshalb ist es wirklich lohnend, sich auf die zehn Vollkommenheiten auszurichten. Wenn wir sie auf unserem inneren Weg bewusst erkennen und benennen, werden sie in ihrer Ausprägung und Wirkung vertieft. Sie bringen unsere besten Eigenschaften zum Vorschein und lassen den Goldklumpen in uns glänzen.

Ganz gleich, ob wir uns im ersten Drittel oder in der Reifephase unseres Lebens befinden, die zehn Vollkommenheiten geben uns einen Maßstab, um unser Verhalten und unsere Erkenntnisfähigkeit einzuschätzen. Unser Bemühen um radikale Akzeptanz und charakterliche Vervollkommnung kann so kontinuierlich ausgelotet werden.

 

Da ich seit Jahrzehnten Vipassana- und Metta-Meditation praktiziere, möchte ich in diesem Buch auch schauen, ob und wie die zehn Vollkommenheiten meinen Geist und mein Leben geprägt haben, um zu verdeutlichen, wie viel diese Geisteshaltungen bei uns allen bewirken können. Was hat sich durch all die Jahre intensiver Meditationspraxis verändert? Habe ich gelernt, meine eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren und meinen Frieden damit zu finden?

 

Dieses Buch gewährt einen Einblick in den Garten meines Geistes. Wie bei uns allen gibt es darin Beete, die viel Sonnenlicht und gute Bewässerung empfangen haben, und Hügel, die weit hinten am Rand liegen, im Schatten alter Bäume, unter denen Efeu und Unkraut wuchern. Der ganze Garten gehört zu mir. Auch das trockene Gestrüpp, das schon seit Jahren darauf wartet, weggeräumt zu werden, und die unordentlichen Ecken, über die ich – getreu meinen Gewohnheiten – so gerne hinwegschaue. Der Garten ist vollkommen unvollkommen. Weiträumig. An vielen Stellen einladend und von Licht durchflutet, aber auch feucht und muffig.

 

Gibt es zwei völlig identische Gärten auf der Welt? Ich glaube nicht. Wenn ich jedoch einen Garten anlegen will, schenkt mir der Blick in die Gärten anderer Ideen und Motivation für meine eigene Gartengestaltung. In diesem Sinne möchte ich anhand meiner eigenen Erfahrungen – und auch der Erfahrungen anderer – vermitteln, was es bedeutet, den Garten unseres Geistes zu kultivieren, einen geistigen Weg zu wählen und sich auf kontinuierliches Üben einzulassen.

 

Mein Weg ist nicht nur buddhistisch geprägt. Ich habe von wunderbaren Meistern verschiedenster Schulen, von Indianer-Schamanen und Therapeuten gelernt. Über ganze Lebensphasen hinweg wurde ich stark von Fritz Perls, Wilhelm Reich und Frieda Goralewski beeinflusst. Sie alle haben mir dazu verholfen, das Verständnis der zehn Vollkommenheiten zu entwickeln, das ich in diesem Buch zum Ausdruck bringe. Ich hoffe, dass meine Leserinnen und Leser im inneren Dialog mit diesem Buch dazu inspiriert werden, ihr eigenes Bewusstsein mithilfe der Vollkommenheiten zu schärfen und ihre eigene Unvollkommenheit liebevoll zu umarmen. 

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des O.W. Barth Verlages aus „Vollkommen unvollkommen“, Marie Mannschatz, 2019, 288 S., 19,99 €