Spiritualität 2021/2022


Dezember 2021 - April 2022


Der erste Schritt - Orientierung

© Jan Huber auf Unsplash.com
© Jan Huber auf Unsplash.com

Autor: David Steindl-Rast

 

Freunde erzählten mir von ihrem Zweijährigen: „Wenn er morgens aufwacht, muss er sich zuerst zurechtfinden, er sucht seine Orientierung. Wir hören ihn in seinem Kinderbett nebenan mit sich selber reden. Er orientiert sich, indem er die Dinge in seinem Zimmer eins nach dem andren beim Namen nennt und eine ganze Litanei neu erlernter Wörter laut wiederholt: ,Decke, Lampe, Teddybär‘.“ Nicht nur als Kinder, sondern unser Leben lang  verwenden wir Wörter, um unsren Weg durch das Labyrinth dieser verwirrenden Welt zu finden, um uns zu orientieren.

 

Das Wort Orientierung kommt wie „Orient“ aus dem Lateinischen, wo „oriens“ auf den „Sonnenaufgang“, den „Osten“ hinweist. Wenn wir wissen, wo die Sonne aufgeht, können wir alle andren Himmelsrichtungen bestimmen und uns auf unser Ziel ausrichten. Manche Wörter können uns auf ähnliche Weise den Weg weisen. Sie strahlen auf wie Leuchtturmlichter und leiten uns verlässlich durch stürmische See. Solche leuchtenden Wörter können zu Schlüsselwörtern werden, die uns neue Erkenntnisse eröffnen. Wir müssen nur „der Sprache nachdenken“; lernen, wie man einem Pfad durch Wiesen nachgeht und sich dabei Blume um Blume an neuen Entdeckungen freut. „Der Sprache nachdenken“ ist ein Ausdruck, den der Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) geprägt hat. Ich habe schon vor langer Zeit die Freude entdeckt, die diesem Nachdenken entspringt. Es lehrt uns, den Einsichten große Aufmerksamkeit zu schenken, die unsre Vorfahren als Spuren ihres Denkens in der Sprache zurückgelassen und uns so vererbt haben. So wie wir versuchten ja auch sie, sich in der Welt und im Leben zurechtzufinden. Auch sie suchten nach verlässlichen Koordinaten für innere Ausrichtung und spirituelle Orientierung. Deshalb steckt in der Sprache, die sie uns hinterlassen haben, ein Schatz an wegweisender Weisheit. Und weil Dichtung die Sprache um ein Vielfaches verdichtet, enthüllen oft Gedichte diesen Schatz in seiner reinsten und strahlendsten Erscheinungsform.

 

Bei der Suche nach Orientierung muss zweierlei zusammentreffen: unsre eigene Erfahrung und die Erfahrungen andrer, die in Karten und andren Orientierungshilfen niedergelegt sind. Sowohl ein Globus als auch eine Wanderkarte können uns bei der Orientierung helfen, solange wir lernen, klar zwischen ihnen zu unterscheiden und den Maßstab auszuwählen, der sich für unsre Zwecke eignet. Wir wollen uns ja nicht in Einzelheiten verlieren. Uns geht es hier um  Orientierung am Gesamtbild. Dabei wollen wir nicht vergessen, dass wir Landkarten nur dann richtig lesen können, wenn wir unsren eigenen Standort kennen. 

 

Das Ich – mein Dasein als Geschenk

Meine Orientierung in der Welt beginnt notwendigerweise dort, wo ich bin. Ein Stern mit  der Aufschrift „Sie sind hier!“ bezeichnet oft unsren Platz auf dem großen Orientierungsschild mit  Landkarte beim Eingang zu einer Wanderregion. Ebenso ist der Umstand, dass ich „hier bin“ in dieser Welt, die grundlegende Tatsache, mit der meine Orientierung beginnen muss. Ich kann keinen andren Ausgangspunkt finden als diesen sehr persönlichen, weil es keinen andren gibt. Aber es hat weitreichende Folgen, dass ich diese grundlegende Einsicht auf zwei verschiedene Weisen ausdrücken kann: „Ich bin da“ oder „Es gibt mich“. Die Unterscheidung zwischen „Ich bin da“ und „Es gibt mich“ kann viel dazu beitragen, unsren Platz im Gesamtbild zu finden.

 

Mit dem Satz „Ich bin da“ bestätige ich natürlich, dass meine Existenz eine gegebene Tatsache ist, aber ich drücke dies in der 1. Person Einzahl als meine unbestreitbare Erfahrung aus. Diese Erfahrung abzustreiten, hieße sie zu bestätigen, denn wenn ich nicht existierte, könnte ich meine Existenz nicht leugnen. So wird meine Existenz also notwendigerweise zum zentralen Ausgangspunkt, um mich in der Welt* zu orientieren. Ich bin freilich nur für mich selber Mittelpunkt der Welt.

 

Aber dies kann leicht dazu verleiten, den Mittelpunkt meiner Welt für den absoluten Mittelpunkt der Welt schlechthin zu halten. Wenn das passiert, fange ich an, mir alles andre so vorzustellen, als würde es sich um mein kleines Ich drehen. Meine ganze Mitwelt, der ich angehöre, wird dann zu meiner bloßen Umgebung: Wenn aber ein „Ich“ alles auf sich selbst bezieht, bleibt es in sich selbst stecken. 

 

Die zweite Ausdrucksweise für die Einsicht, dass ich existiere – „Es gibt mich“ – wird in der 3. Person Einzahl formuliert. Dieser grammatische Unterschied ist tiefgreifend: Die Betonung dieser neuen Formulierung liegt nicht mehr auf meinem Ich, sondern auf dem Es, das mich mir selber und der Welt gibt – schenkt. Mit dem Satz „Es gibt mich“ stelle ich diesen Sachverhalt fest, als ob ich ein außenstehender Betrachter wäre. Das vermindert die Gefahr, mich zum Mittelpunkt zu machen und in mir selber steckenzubleiben. Außer mir gibt es noch unzählig viel andres. Und am Gegebensein erkenne ich mein Dasein als Geschenk, als Geschenk des  Universums. Ich sehe mich eingebettet in ein Geben und Nehmen, und meine Umwelt wird dadurch zur Mitwelt – zu einem Netzwerk von Beziehungen, das alles mit allem verbindet. Diese Art, mich selbst zu verstehen, ermöglicht die gesunde Entwicklung des „Ich-Selbst“. 

 

Das Selbst – mein ureigenstes Wesen

Wenn ich von meinem Selbst spreche, meine ich mein ureigenstes Wesen. Ich bin mir bewusst, dass ich „in mich gehen“ kann, in einen inneren Bereich, der nur mir selbst zugänglich ist. Nur ich kann mein Bewusstsein erfahren, die andren erfahren nur meine von außen sichtbare Gegenwart als Körper unter andren Körpern. Aber normalerweise sagen wir nicht „Ich bin ein Körper“, sondern „Ich habe einen Körper“. Das ist jedoch seltsam, wenn wir es bedenken. Da sitzt ein Körper und sagt: „Ich habe einen Körper.“ Wer spricht denn da? Es ist mein verkörpertes Selbst, das spricht – als eins mit meinem Körper. Und zugleich spricht es über meinen Körper als seine sichtbare Erscheinung. Innen und außen können nicht getrennt, sondern nur unterschieden werden. Wenn ich also „Ich selbst“ sage, dann meine ich eine Einheit, mein verkörpertes Selbst.

 

Wie aber kann ich mein Ich klar von meinem Selbst unterscheiden? Kann ich den Unterschied zwischen Selbst und Ich bewusst erleben? Das lässt sich an einem Experiment erproben. Unser refektierendes Bewusstsein ermöglicht es uns, uns selbst zu beobachten. Beobachte dich also, wie du dasitzt und diese Zeilen liest. Damit uns das gelingt, müssen wir uns innerlich von dem, was wir beobachten, „distanzieren“. Schau noch einmal genau hin mit deinem inneren Auge: Siehst du irgendwie gleichzeitig dich selbst als beobachtet und als Beobachter? Dann musst du dich noch ausschließlicher auf das Beobachten konzentrieren. Früher oder später wird es dir gelingen, nur mehr das Beobachtete zu beachten, weil du dich vollständig mit dem Beobachter identifizierst. Wenn dir das gelingt, hast du das Ziel erreicht. Der Beobachter, den niemand mehr beobachtet, ist das Selbst. 

 

Wo ist dieses Selbst? Nirgends und überall. Du kannst es nicht verorten. Daher ist es auch nicht in Teile zerlegbar. Daraus entspringt die überraschende Einsicht, dass es nur ein einziges Selbst gibt: eins für uns alle – ein grenzenloses, unteilbares Ganzes! Trotzdem ist unser Ich einzigartig und verschieden von jedem andren Ich. Das eine unerschöpfliche Selbst drückt sich immer wieder in einem neuen Ich aus. Wir sind so verschieden voneinander, dass nicht einmal unsere Fingerabdrücke sich zweimal unter Milliarden andrer finden. Und doch meinen wir alle ein und dasselbe Selbst, wenn wir „Ich selbst“ sagen. In jedem, dem ich gegenüberstehe, begegnet mir das eine Selbst, das uns allen gemeinsam ist. Dies ist von schwerwiegender Bedeutung für meine Beziehung zu andren.

 

Das Selbst ist nicht nur über den Raum erhaben, sondern auch über die Zeit und ist in diesem Sinne überzeitlich. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, finde ich ein andres, ein kindliches Ich, nicht mein jetziges. Trotzdem aber ist mein Selbst damals wie heute das gleiche; es bleibt auch in meiner Erinnerung unverändert. Schulfreunde erkennen einander nach dreißig Jahren wieder, obwohl nicht ein einziges Molekül in ihren Körpern mehr das gleiche ist. Sie erkennen einander, weil das bleibende Selbst sich im stets veränderlichen Ich des andren ausdrückt. Trotz all unsrer Einschränkungen ist jeder Mensch eine neue Verwirklichung der unbegrenzten Möglichkeiten des Selbst.

 

Erinnerst du dich an den Beginn deiner allerersten Freundschaft – vielleicht schon im Kindergarten? War das nicht ein Augenblick überwältigten Staunens: Wie kann ein andres Kind so völlig anders sein und gleichzeitig so ich? Nicht wie ich – die große Verschiedenheit zwischen uns macht das Ganze erst so spannend – und doch im wahrsten Sinn des Wortes ich! Der griechische Philosoph Aristoteles (385-332 v. Chr.) verstand Freundschaft als „eine einzige Seele, die in zwei Körpern wohnt“ – ein einziges Selbst in unsrer Terminologie. Natürlich wohnt in allen Körpern „ein einziges Selbst“, wenn wir es so ausdrücken wollen. Aber die Augen von Freunden sind offen für diese ausschlaggebende Tatsache und sie sind sich ihrer Bedeutung füreinander bewusst. Wenn wir uns dessen in Bezug auf alle andren wenigstens manchmal bewusst sein könnten, dann wäre unsere Welt ein freundlicherer Ort.

 

Im Laufe meines Lebens wurde mir mehrmals die Freude zuteil, Menschen kennenzulernen, deren Ich das Selbst mit großer Klarheit durchscheinen ließ. In ihrer Gegenwart fiel es mir leichter, „ich selbst“ zu sein. Sie machten mir bewusst, dass auch ich ein einzigartiger Ausdruck des einen großen Selbst bin.  Verschiedene Traditionen geben dem Selbst unter diesem Aspekt unterschiedliche Namen. Für die Pima in Arizona heißt es z. B. „I’itoi“, für Hindus „Atman“, für Buddhisten „Buddha-Natur“. Christen nennen es „Christus in uns“. In diesem Sinne schreibt der heilige Paulus: „Ich lebe, aber nicht ich, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Dieses Selbst immer klarer durchscheinen zu lassen durch unser Ich, stellt die große Aufgabe dar, „zu werden, wer wir wirklich sind“. Das ist die Aufgabe, „unsre Rolle im Leben gut zu spielen“, wie man sagt.

 

Was heißt das aber? Unsre Rolle im Leben ist kein festes Drehbuch, und sie zu spielen, bedeutet zu improvisieren – wie Schauspieler bei Improvisationsaufführungen oder wie Jazzmusiker.

 

Textauszug aus „Orientierung finden“ von David Steindl-Rast mit freundlicher Genehmigung des Tyrolia-Verlages.

Siehe auch unter „Wortwelten“.


August - Dezember 2021


Vom Tun und Sein

© Matteo Orlandi - pixabay.com
© Matteo Orlandi - pixabay.com

Autorin: Doris Iding

 

Vielleicht werden Sie sich wundern, dass Sie sich um Ihr Energiefeld kümmern sollen. Sollten Sie nicht alles loslassen? Hatte ich Ihnen nicht erst vor ein paar Seiten erklärt, dass es darum geht, sich nicht mehr länger mit Gefühlen zu identifizieren? Und jetzt sollen Sie auch noch neue Samen säen. Damit sind wir wieder beim Paradox! Auf der Ebene des reinen Gewahrseins sind wir heil, auf der Ebene des Alltagsbewusstseins werden wir tagtäglich mit unseren Eigenarten, Launen und Schattenseiten konfrontiert. Der Zen-Lehrer Suzuki Roshi drückt es so aus: »Wir sind vollkommen und es gibt immer noch genug zu tun.«

Wir sind vollkommen, so wie wir sind. Auf der anderen Seite sind wir auch das Alltagsbewusstsein, haben ein ICH mit Verletzungen und wir tun gut daran, eine Verbindung zwischen diesen beiden Ebenen zu bauen und das reine Gewahrsein immer im Auge zu behalten. Wenn wir versuchen, die Verbindung zum reinen Gewahrsein aufzubauen und möglicherweise zu vertiefen, können wir einen Perspektivenwechsel vornehmen. Unser Blick wird sich nicht mehr nur ausschließlich auf das richten, was uns verletzt hat, sondern auf das, was uns heil sein lässt.

 

Das, was heil ist

Vor einigen Jahren kam eine Frau zu mir, deren Mann sie betrogen und der sich wegen einer jüngeren Frau von ihr getrennt hatte. Ich war ihr als Meditationslehrerin empfohlen worden  und sie wollte einen MBSR-Kurs machen. Ich konnte beim Vorgespräch trotz ihres tiefen Schmerzes deutlich ihr reines Gewahrsein spüren. Ich sagte ihr, dass sie nicht nur die verletzte Frau ist, sondern dass es etwas in ihr gibt, das sehr schön und heil ist – wie ein Kunstwerk. Um besser zu verstehen, was ich meinte, las ich ihr eine Geschichte über Michelangelo vor, die ich in jedem Kurs vorlese: Michelangelo ging in Florenz spazieren und kam an einem Geschäft für Steinblöcke vorbei. Er schaute sich die Steinblöcke auf dem Hof an und entschied sich für einen bestimmten: »Diesen Block will ich kaufen.« Der Marmorhändler erwiderte: »Dieser Block ist nicht gut, er hat zu viel Maserung. Den kann ich nicht empfehlen.« Michelangelo bestand aber darauf: »Nein, genau den will ich haben! Ich komme hinterher vorbei und zeige dir, was daraus geworden ist.«

Aus diesem Marmorblock schuf Michelangelo die Pietà, jene wunderschöne Skulptur, die heute im Petersdom in Rom steht. Sie zeigt Mutter Maria mit dem toten Jesus in den Armen und ist ein unglaubliches Kunstwerk, das einen nicht unberührt lässt. Michelangelo zeigte die Pietà dem Steinhändler, der überrascht fragte: »Aus diesem Block hast du sie gemacht?« Michelangelo erwiderte dem Steinmetz: »Nein, ich habe sie nicht gemacht. Sie war die ganze Zeit schon darin. Ich habe nur alles entfernt, was nicht dazugehörte.«

 

Die Frau war sehr berührt und irritiert gleichzeitig. Als sie von mir wegging, suchte sie nach der Pietà in sich. Zuerst fand sie das Kunstwerk nicht, aber dann erkannte sie, dass es unter all den Schichten der Verletzungen etwas gibt, was sie ausmacht. Etwas ganz Besonderes, schwer in Worte zu fassen, aber es war etwas, das sich deutlich von ihr als verletzter Person unterschied und heil und wunderschön war. Gleichzeitig wusste sie, dass sie viel innere Arbeit zu tun hatte, um sich von den tiefen Verletzungen, die ihr Mann ihr angetan hatte, zu erholen. Aber der Unterschied war jetzt, dass sie sich mit diesem heilen Teil in Momenten verbinden konnte, in denen der Schmerz der Trauer sie zu überwältigen schien. Sie erinnerte sich daran, dass sie viel mehr war als dieser Schmerz, und dieses Gefühl machte es ihr erträglicher, durch diese Krise zu gehen.

 

Auf dem Weg des Erwachens ist es immer wieder wichtig, sich liebevoll den eigenen Verletzungen zuzuwenden. Denn leider werden wir alte Erfahrungen und traumatische Erlebnisse nicht einfach löschen können, selbst wenn wir uns noch so bemühen. Diese »Entfernen«-Taste im Bewusstsein gibt es nicht. Wir können die schädlichen Samen auf unserem Energiefeld nicht in nützliche Samen und auch das Salz unseres Lebens nicht in Zucker verwandeln. Wir können auch die Verletzungen, die wir im Verlaufe unseres Lebens erfahren, nicht auslöschen. Aber wir können daran arbeiten, alte schmerzhafte »Wege« im Gehirn durch neue, freudvolle Pfade zu ersetzen, und uns immer wieder daran erinnern, dass wir mehr sind als unsere Biografie. Wir können innehalten und unser Augenmerk auf das richten, was schön ist und uns nährt. Tun wir dies nicht, rasen wir automatisch die eingefahrenen neuronalen Bahnen im Gehirn entlang und verpassen die Abfahrt Richtung Entspannung und inneren Frieden.

 

Jeder bewusste Atemzug und auch drei bewusste Atemzüge, die auf nährende Qualitäten wie Achtsamkeit, Mitgefühl oder Dankbarkeit oder auf das reine Gewahrsein ausgerichtet sind, führen uns aus der Unbewusstheit zum Erwachen. Manche Menschen brauchen sehr viele bewusste Atemzüge, um sich aus schmerzvollen Erfahrungen zu befreien und inneren Frieden zu finden, andere weniger. Dass wir uns nicht einfach nur in das reine Gewahrsein hinein entspannen können und einfach nur SEIN können, hat seine Gründe. Der Neurowissenschaftler Rick Hanson sagt, dass sich unser Gehirn zwischen uns und das reine Gewahrsein stellt.

 

Unser Gehirn beeinflusst uns maßgeblich und es tut sich schwer mit der Vergänglichkeit, dass es das Leben nicht kontrollieren und nicht auf die komplexen Gesetze des Kosmos einwirken kann. Da wir Schwierigkeiten haben, diese Gesetzmäßigkeit als Teil des Daseins zu akzeptieren, agieren wir aus den evolutionsgeschichtlich alten Hirnstrukturen des Reptiliengehirns und des limbischen Systems, was zu andauerndem Stress führt. Wir können uns jedoch diese Gesetzmäßigkeiten mithilfe des jüngsten Teils unseres Gehirns, dem reflektierenden Präfrontalkortex, bewusst machen und uns vertrauensvoll in das Leben hinein entspannen. Drei Atemzüge sind auch hier eine gute Möglichkeit, in den gegenwärtigen Moment zurückzufinden und zu erwachen.

 

Textauszug aus „Erleuchtet in drei Atemzügen“ von Doris Iding, mit freundlicher Genehmigung des Irisiana-Verlags. Siehe auch unter „Wortwelten“. 


Urkraft des Nordens


April - August 2021


Wie komme ich in den Himmel...?

© Ulrike Plaggenborg
© Ulrike Plaggenborg

Schon früh in meiner Kindheit begann mir zu dämmern, dass ich ein Anliegen hatte, das andere nicht zu teilen schienen– ich wollte wissen, wer ich war. Ich wusste, dass ich etwas suchte, aber ich hatte keine Ahnung, was es war oder wie ich es finden sollte. Nahe bei dem Haus, in dem ich aufwuchs, gab es ein großes, offenes Feld, zu dem ich im Sommer oft hin spazierte. Dort lag ich auf dem Rücken und sah zu, wie prächtige Wolken über den blauen Himmel zogen. Dabei hatte ich das Gefühl, in eine andere Dimension einzutauchen, so endlos und so fern von meiner Familie und meinen Freunden, dass sie sich fremd und verboten anfühlte – als sei es nicht richtig, diese Dimension des Lebens wahrzunehmen, diese unglaublich machtvolle Gegenwart.

Es war, als würde ich im Fluss meines eigenen Atems verschwinden, mich auflösen in die wechselnden Formen der Wolken, als zöge ich mit ihnen dort oben am Himmel entlang. Ich war völlig vertieft ins Erleben des Augenblicks, und wenn ich schließlich in meinen Alltag zurückkehrte, konnte ich spüren, wie klein und eng er war. Wer bin ich? Und um was geht es in diesem Leben eigentlich? Das alles war ein großes Mysterium, und diese Fragen begleiteten mich ständig und folgten mir in mein Erwachsenenleben.

Viele Jahre später schaute ich eines Tages in einer völlig anderen Umgebung den Wolken zu. Ich befand mich auf einem Hügel in der Nähe eines tibetischen Klosters außerhalb von Kathmandu. Auch hier die endlose Weite des blauen Himmels, aber die Erfahrung war so intensiv, dass ich meine ganze Kraft brauchte, um sie einfach nur aufzunehmen und bei jedem ekstatischen Atemzug präsent zu bleiben. Die Falken, die über den Bäumen kreisten, schienen sich so langsam zu bewegen wie in einem Traum, als stünde die Zeit still und mit ihr meine eigenen Gedanken, die sich so träge bewegten wie die Wolken, die am Himmel ihre Gestalt veränderten. Ich konnte meinen Gedanken aus großer Entfernung zuschauen und beobachten, wie sie allmählich in mein Bewusstsein traten und wieder verschwanden. 

Ich fühlte mich, als sei ich der Raubvogel, getragen von der warmen Mittagsbrise, als sei ich die weißen Wolken, die über den blauen Himmel zogen – ich empfand mich als ekstatische Präsenz, die keiner Zeit, keinem Ort, keiner Form angehörte. Zu der Zeit meines Lebens glaubte ich, all jene Fragen beantwortet oder zumindest zugelassen zu haben, dass sie sich auflösten in einer Wirklichkeit, die jenseits von Fragen lag. Ich wusste, wer ich war. Oder wusste vielmehr, wer ich nicht war– nicht mein Körper, nicht mein Geist, nicht meine Konditionierung, nicht meine Überzeugungen, nicht meine Persönlichkeit.(…) 

Zu der Zeit meditierte ich viele Stunden täglich unter der Anleitung tibetischer Lamas. Es war eine Zeit voller Ekstase, Glückseligkeit und Staunen. Das Leben schien ein einziges Wunder zu sein und alle Dinge hatten eine Bedeutung, die weit über sie hinaus verwies. Alles war so lebendig, selbst die sogenannten „toten“ Gegenstände. Mein Geist und mein Körper fühlten sich durchscheinend an, durchlässig, als wäre mein Körper aus Licht. Ich spürte, wie ich auf alles, was mich umgab, empfindsamer reagierte, selbst auf die seltsamen Insekten, die mich in meiner Hütte besuchten. 

Ich hatte das Gefühl, mich in einer anderen Dimension zu bewegen, genauso wie in meiner Kindheit, nur betrat ich sie diesmal bewusst. Es war, als würde ich die Wirklichkeit hinter jeder Form entdecken und das Paradies betreten. 

 

In der Hölle landen

Dieses Paradies erwies sich allerdings als ziemlich wackelige Angelegenheit. Ein paar Jahre später befand ich mich mitten in einem hässlichen Scheidungsprozess von meiner Frau. Ich war allein, hatte meine Richtung im Leben verloren und fühlte mich, als hätte man mich im Niemandsland ausgesetzt. Jeder Tag war ein Alptraum, voll von Selbstvorwürfen, Verzweiflung und Angst. Ich war in der Hölle gelandet und es gab keinen Ausgang, außer der Möglichkeit des Selbstmords. Und ich konnte meine Erfahrungen von Glückseligkeit, Ekstase und Licht mit der Dunkelheit und Depression, Hilflosigkeit und Scham, die ich jetzt erlebte, nicht in Einklang bringen. Warum im Licht leben, wenn es zugleich die dunkle Nacht der Seele gab? Wie sollte  ich jemals diese beiden Erfahrungen, die so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht, zusammenbringen oder verstehen? Jahrelang brannten diese Fragen in mir. Die Antworten kamen schließlich in Form des Enneagramms zu mir, diesem uralten System zum Verständnis der Persönlichkeit. 

 

Erste Begegnungen mit dem Enneagramm 

Zum ersten Mal war mir das Enneagramm im Iran begegnet, wo sich damals viele meiner Freunde mit der Lehre von George Gurdjieff beschäftigten, dem russischen Mystiker, der das Enneagramm als Erster in den Westen brachte. (…) Aber ich fand Gurdjieffs Ausführungen zum Enneagramm mysteriös und unverständlich. Ich wusste, das Enneagramm war ein System von neun Persönlichkeitstypen und hatte etwas mit spirituellem Wachstum zu tun, aber darüber hinaus begriff ich nicht, um was es da eigentlich ging. 

Als ich viele Jahre später erneut auf das Enneagramm stieß, dieses Mal in Indien, präsentierte es sich mir ganz anders. Denn jetzt hatte jeder Persönlichkeitstyp ein spezifisches psychologisches Profil, wie zum Beispiel abhängig, vermeidend, narzisstisch und so weiter. Ich sah darin eine beeindruckende Verbesserung der christlichen Darstellung, die das frühere Enneagramm prägte, wo die Persönlichkeitstypen beherrscht waren von Sünde oder Charakterfehlern wie Lust, Neid, Stolz, Gier und Habsucht – negativen Eigenschaften, die ich eher Dantes Inferno oder Chaucers Canterbury Erzählungen zuschrieb als der heutigen Welt. Außerdem wiesen die dargestellten Persönlichkeiten jetzt sowohl gesunde als auch ungesunde Aspekte auf, und das half mir, manches negative Urteil, das ich über einzelne Persönlichkeitstypen hegte, zumindest im Ansatz zu mildern. Und ich konnte meinen eigenen Typ jetzt klar erkennen, die romantische Nummer Vier. 

Die Beschreibung meiner eigenen Persönlichkeit traf so genau zu, dass ich anfangs völlig verblüfft war. Wie konnte ein System so gründlich über mich Bescheid wissen? Wie konnte es mein Innenleben, meine Gefühlszustände, meine Überzeugungen und Motive so genau kennen? Und obwohl mich die neuere Version des Enneagramms beeindruckte, konnte ich immer noch nicht die praktischen Anwendungsmöglichkeiten dieses Systems der Persönlichkeitstypen erkennen.

 

Essenz und Enneagramm

Erst als ich begriff, welche Rolle die Essenz im Enneagramm spielt, begann ich seine wirkliche Bedeutung zu verstehen. Im Kern jedes einzelnen Persönlichkeitstyps des Enneagramms befindet sich eine essenzielle Qualität, ein wichtiger Aspekt unseres Seins, die uns im Lauf unseres Heranwachsens genommen, geschwächt oder verzerrt wurde. 

Das Enneagramm ist eine Art kosmischer Spiegel, der uns nicht nur unsere Persönlichkeit widerspiegelt, sondern sämtliche verschiedenen Dimensionen unseres Wesens, unserer wahren Natur. Für mich war das Enneagramm die Tür zum Verständnis von Dunkelheit und Licht in mir, sowohl der Qual als auch der Ekstase. 

Durch meine Arbeit mit der Essenz und dem Enneagramm erlebte ich ganz real, dass im Kern jedes Themas oder jeder Schwierigkeit, mit der wir konfrontiert sind, Essenz ist. Diese Arbeit wurde zum Weg, auf dem ich die essenziellen Qualitäten, mit denen ich nicht mehr in Kontakt war, zurückgewann. Die Essenz und das Enneagramm waren der Schlüssel, um sowohl die Grenzen meiner Persönlichkeit als auch die transpersonalen Erfahrungen, die über die Persönlichkeit hinausweisen, zu verstehen. Durch dieses Verstehen erfüllte sich die tiefste Sehnsucht meines Herzens.

 

Textauszug aus „Essenz und Enneagramm“ von David Hey mit freundlicher Genehmigung des Innenwelt Verlages. Siehe auch unter „Wortwelten“.

 


Musik und Liebe

© Hans – pixabay.com
© Hans – pixabay.com

Autor: Markus Stockhausen

 

Markus Stockhausen, auf Trompete, Flügelhorn und Klavier – im Jazz und in der klassischen Musik gleichermaßen zu Hause, hat die Oldenburger Zukunftstage 2018 musikalisch begleitet. Auch bei den nächsten Zukunftstagen wird er wieder dabei sein. Achtsames Leben freut sich, hier einen Artikel von Markus Stockhausen vorstellen zu können.

 

Mein Motto: Durch die Gnade, Freude und Liebe des Höchsten ist alles Leben entstanden.

Liebe ist die verborgene und doch sich in allem offenbarende Urkraft des Absoluten, des Göttlichen, die mit einer unendlichen Weisheit und Kunst alles Leben hervorbringt, und immer neue Formen entstehen lässt. Es ist das göttliche Spiel (in sanskrit: Lila), sich immer wieder zu verbergen und neu in Erscheinung zu treten. 

Hinter der Welt der Erscheinungen liegt die Welt der Möglichkeiten und Energien, der Wirkkräfte. Und je tiefer wir vordringen zur Quelle des Seins, auch in uns selbst, desto mehr nähern wir uns dem Urimpuls der Schöpfung, der Liebe ist und Freude, auch Seligkeit (Ananda) genannt. 

Liebe manifestiert sich auf allen Ebenen. Auf der ganz physischen Ebene als Magnetismus, der die Teilchen miteinander in Beziehung treten lässt; als kosmische Harmonie, die die Planeten und alle Gestirne in vollkommener Ordnung hält, und als Anziehung auf menschlicher Ebene. Alle Beziehungen, auch die der Töne in der Musik, könnte man als verschiedene Grade von Liebe bezeichnen. 

 

Der indische Musiker und Sufimeister Hazrat Inayat Khan sagte: „Alles Leben ist Musik“, und: „Musik ist die Sprache der Seele“. Musik hat die Möglichkeit, die mannigfaltigen Formen von Beziehungen und die damit verbundenen Gefühle in sehr schöner und reiner Form auszudrücken. Sie übersteigt das Mental-Konzeptionelle, sie kann tief verborgene Empfindungen hervorrufen, bringt die Seele zum Schwingen, lässt uns zuweilen die Göttliche Liebe und Schönheit fühlen, die Einheit der Schöpfung, und uns teilhaben an ihren Wundern.

Wenn wir an Liebe denken, dann haben wir alle sofort eine Vorstellung von etwas Schönem, Erfüllendem, Gutem. Unmittelbar verbinden wir uns mit der göttlichen Urenergie. Einige werden vielleicht auch an Enttäuschungen denken, an Leid, das durch missverstandene oder nicht gewährte Liebe entstand. Doch im Grunde sehnen wir uns nach ihr, wir suchen und brauchen Liebe, immer wieder, und sind glücklich wenn wir sie empfinden können.  

Liebe ist immer da. Sie ist ein universeller Raum, den wir jederzeit betreten können - wenn wir bereit sind uns ihr zu öffnen. Wenn wir Liebe im Herzen tragen, sind wir ein Segen für alle Wesen, nah und fern. Wir können zu einem bewussten Generator der Liebe werden, wie eine strahlende Sonne: Liebe, die von unseren Herzen ausströmt. Wir erkennen den Kreislauf der Liebe im Universum: je mehr wir von Herzen geben, desto mehr fließt die Liebe zu uns zurück, oft ganz unerwartet von irgendwoher. 

 

Beginnen wir mit der Liebe zu uns selbst. Erlösen wir alle Spannungen in uns: mit anderen Menschen in der Gegenwart und in der Vergangenheit, mit bestimmten Erlebnissen, mit unserer eigenen Situation und Vergangenheit, denn am meisten sind wir mit uns selbst im inneren Konflikt. Wenn all diese Spannungen gelöst sind — wenn auch nur für eine gewisse Zeit —, dann stellt sich ein natürlicher Frieden ein, eine Lebensfreude, und ja, dann erscheint eine ganz grundlegende Liebe zum Leben, eine Lust zu leben.

Ein zur Liebe passendes Wort ist die „Resonanz“, auch ein musikalischer Begriff. Da entsteht ein Gleichklang, eine Harmonie zwischen zwei Elementen, und in diesem Gleichklang findet eine Übertragung von Energie statt, die wir als beglückend empfinden. Resonanz - „sonare“ heißt klingen, Re steht für das Höchste. Wir finden es in vielen Wörtern. Die Urenergie des Universums klingt in uns, re-soniert in uns.

Ich schaue am Morgen in einen Tautropfen am Grashalm, das Sonnenlicht spiegelt sich in ihm, ein Glücksgefühl steigt in mir auf. Ich spüre Klarheit, Reinheit, funkelnde Lebensenergie. Ein Lächeln, oder die Berührung eines lieben Menschen - wir sind bewegt, schwingen miteinander. Immer dann empfinden wir Liebe, wenn ein Resonanzfeld entsteht, der besagte Gleichklang. Liebe zwischen Menschen ist das, Sympathie ist ein Gleichklang. Zwei Menschen finden zueinander, beginnen gleich zu schwingen, weil sie „auf der gleichen Wellenlänge“ sind.

Dieses Resonanzfeld entsteht ganz oft durch Musik. Wenn uns eine Musik besonders gut gefällt, dann schwingt etwas in uns im gleichen Rhythmus, wir werden berührt und mitgenommen auf eine Reise, die uns verwandelt. Wir sind dann nicht mehr dieselben wie zuvor, sondern der Klang moduliert all unsere Zellen, dringt ein in unser Gemüt, etwas verändert sich in uns. Eine seelisch-geistige Befruchtung findet statt. 

Klang ist eine Manifestation des Unhörbaren, jenseits alles Begrifflichen. Die Musik, der Klang eröffnet uns einen weiten, freien Raum des Verbundenseins. Wir erleben eine Resonanz, eine harmonische Übereinstimmung, die wir alle spüren können. Unser innerstes Wesen IST Liebe, und immer, wenn wir daran erinnert werden, sind wir glücklich.

 

Markus Stockhausen, geb. 1957, Trompeter und Komponist, bekannt als vielseitiger Grenzgänger. Er gibt Seminare zum Thema „Intuitive Music and More“, “Kreatives Trompetenspiel” und seit vielen Jahren „Singen und Stille – Wenn die Seele singt“. Sein Interesse gilt der “Transformation durch Klang”. Über 90 CD-Veröffentlichungen, zur neuen CD: www.markusstockhausen.de .

 

Das Datum für die nächsten Oldenburger Zukunftstage stand bei Drucklegung noch nicht fest.

Infos dazu finden Sie hier: https://werkstatt-zukunft.org/ 


Dezember 2020 - April 2021


Durchbruchsenergie - die Intuition

Bild: Reynardo Etenia Wongso – Unsplash.com
Bild: Reynardo Etenia Wongso – Unsplash.com

Autor: Dr. Claus Eurich

 

Wo Denken und Grübeln an ihre Grenzen stoßen, wartet die Intuition, um einem verstockten und sich selbst im Wege stehenden Geist unter die Arme zu greifen. Sie ist die wohl unmittelbarste und stärkste Erkenntniskraft.

Jeder Mensch kennt Intuition und die intuitive Regung als gefühltes Wissen, als den Geistesblitz, das Aha-Erlebnis, den aufsteigenden musikalischen Klang, das diffuse und doch unmissverständliche Bauchgefühl. Was dadurch geboren oder angestoßen wird, bedarf keiner Begründung durch die sogenannte Ratio. Es basiert auf Vertrauen. Zugleich scheitern wir daran, hinreichend zu erklären, was das denn sei, diese Regung, und woher sie komme.

 

Neben unbewussten Spuren integriert die Intuition zielgerichtet geistige und sinnliche Prozesse. Sie verdichtet diese sprunghaft zu einer Eingebung, die Klarheit und eine Orientierung schenkt und zur Handlung drängt. Intuition wächst in der Befreiung von einem Geschehen, das in Routinen erstickt und  mechanisiert abläuft. Sie steht in der zeitlichen Spannung zwischen Schon Jetzt und Noch Nicht. Dabei setzt sie spezifische Energien und emotionale Zustände frei. Der Stress fällt ab, in einer ausweglosen oder verstrickten Situation zu sein.

 

In der Intuition wird ein neues Bild der Wirklichkeit geboren. Es zeigt sich vor unserem inneren Auge, als wäre eine Tür aufgestoßen, die den Blick freigibt in einen zwar schon immer vorhandenen, aber erst jetzt entdeckten Raum. Alte Erfahrungen sowie Denk- und Verhaltensmuster fügen sich mit bislang unbekannten Impressionen zu einem neuen Ganzen zusammen.

In der Intuition begegnen wir keinem analytischen oder diskursiven Denken, es wird auch nicht bloß ein Gefühl emporgespült. Vielmehr entsteht in einem komplexen Akt der Koordination aus einzelnen bewussten und unbewussten Erkenntniselementen ein neues Ganzes, eine neue Wissensgestalt. Diese fällt uns zu, oder besser, wird uns geschenkt, ohne dass wir den Weg nachzeichnen können, den sie ging. Wer sich durch Intuition bereichern lassen möchte, sollte eine gewisse Unbefangenheit und das unschuldige Staunen nicht verlernt haben. Denn es geht darum, eine Gewissheit zu akzeptieren, die sich der Frage nach ihrem Woher entzieht.

 

Aus welchen Quellen nun schöpft die Intuition? Sie greift auf alles zurück, was geistig und energetisch im Menschen und in seinem lebendigen Umfeld ruht, die Übertragung von Gedanken und Gefühlen selbstredend nicht ausgeschlossen. Ihr dienen das biografische und das Leibgedächtnis genauso wie das universale Menschheitsgedächtnis. Sie stellt die Verbindung her zwischen Bewusstsein und Unterbewusstem – die Botschaft der Träume und den Schatz der Archetypen inbegriffen.

 

Vor allem das Leibgedächtnis des Menschen verdient hier besondere Beachtung. Im Alltagsverständnis reduzieren wir Gedächtnis und Gehirn ja gerne auf unser Kopfgehirn. Doch von nicht minderer Bedeutung ist dessen Abbild, das im Bauch des Menschen lebt und wirkt. Es besteht aus nahezu 100 Millionen Nervenzellen, steuert psychische Prozesse wie Freude und Leid. Es fühlt und hält eine kontinuierliche Kommunikation mit dem Kopfhirn von unten nach oben aufrecht. Seine Emotions-Gedächtnisbank beinhaltet Erinnerungen aus dem gesamten Leben, die pränatale Phase inbegriffen. Das so genannte „Bauchgefühl“ und die „Weisheit des Bauches“ erhalten damit einen neuen Sinn.

 

Das intuitive Geschehen durchbricht die bisherigen Muster des Denkens und der Wahrnehmung. Dazu benötigt es Spielraum und innere Freiheit. Denn es sind die ausgetretenen inneren Wege und gedanklichen Verhaftungen genau wie die unhinterfragten und festgefahrenen äußeren Gewohnheiten, die Überraschungen und neuen Orientierungen entgegenstehen. Vergleichbar blockierend wirken Tabus und Verbote. Sie führen genau wie Angst und Stress zu einschneidenden Begrenzungen nicht nur der Wahrnehmung, sondern auch der sichtbaren Deutungs- und Handlungsoptionen.

 

Bestimmt Achtsamkeit unsere innere Präsenz, hält sie auch die Intuition mit im Spiel. Dann führt der Blick unter die Oberflächenschicht und abseits von dem raumzeitlichen Komplex, in dem sich unsere Wahrnehmung normalerweise aufhält. So widersetzt Intuition sich den Gesetzen der vorübereilenden messbaren Zeit und befreit aus ihrer Umklammerung. Zeit macht sie nicht als Sequenz und als Abfolge erfahrbar, sondern als erlebte und metaphysisch gegebene Unmittelbarkeit. In ihr verschmelzen alle Zeitlinien, das Zukünftige eingeschlossen. Es ist das, was wir Kairos-Erfahrung nennen. Bereit zu sein für den intuitiven Vorgang, heißt, bereit dafür zu sein, so lange mit Fragen zu leben, bis wir, ohne es planen zu können, in die Antwort hineingeführt werden.

 

Das intuitive Erfassen führt zu Ergebnissen, die wir manchmal erst nachher verstehen,

dass es genauso und nicht anders hätte sein dürfen, wie es gekommen ist. Und dazu muss man stille werden…

Das Universum meint es gut mit uns. Wenn man die Zeichen erkennt, dann bekommt man immer rechtzeitig eine Warnung.

(Markus Stockhausen)

 

Prof. Dr. Claus Eurich, Philosoph, Publizist, Kontemplationslehrer, Professor für Kommunikation und Ethik (i.R.),

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