Spiritualität 2022/2023


Ausgabe Dezember 2022 - April 2023


Grüne Tara - Freie Frau

Foto: © Karin Henseler – www.pixabay.com
Foto: © Karin Henseler – www.pixabay.com

Autorin: Sylvia Wetzel

 

Am Vollmondtag Ende Juli 1977 kam ich morgens um acht Uhr im nordindischen Dharamsala, dem Residenz-Dörfchen des Dalai Lama, an. Ich war etwas müde und aufgedreht nach dem Flug von Hongkong nach Delhi, einer Fahrt mit dem Nachtzug im Ladies’ Compartment von Delhi bis Pathankot und drei Stunden Busfahrt auf dem Dach beim Gepäck, bei Vollmond und Sonnenaufgang. Wie es Schicksal oder Zufall so wollten, saß ich schon nachmittags um drei Uhr in einer Guru-Puja in der Library of Tibetan Works and Archives. Mitten im Singen tibetischer Verse, mit englischer Übersetzung in unserem Puja-Heft, spürte ich: »Ja. Ich bin angekommen«. Mein Verstand fand und erfand in den vergangenen mehr als vierzig Jahren viele gute Argumente, um diese Erfahrung irgendwie zu verstehen.

Ich blieb bis Ende Oktober in Dharamsala, etwa 1500 Meter ü.d.M., studierte an der Tibetan Library, d. h. ich hörte täglich einen Vortrag über Buddhismus zu Shantidevas poetischen Versen zum Bodhisattva-Weg, lernte meditieren und besuchte einen Tibetischkurs. Ich ging in den Ausläufern des Himalaya mit neuen Dharma-Freundinnen und Weggefährten wandern und genoss die grandiose Aussicht ins indische Tiefland. Gut zwei Wochen später, Mitte August 1977, hörte ich den ersten Vortrag über die Grüne Tara – und spürte noch einmal: »Ja. Ich bin angekommen«. Anfang 1977 war dieser Vortragszyklus angekündigt worden, und alle hatten sich seit Monaten darauf gefreut. Während dieser Tara-Woche wuchsen die etwa fünfzehn Frauen unter den rund dreißig Hippies, die zuhörten, gefühlt jeden Tag um einen Zentimeter.

 

Als der tibetische Lama Geshe Ngawang Dhargyey die Tara-Legende erzählte, amüsierte ich mich über die kluge feministische Widerlegung der patriarchalen Scheinargumente der Mönche durch die Prinzessin Mondengleiche Weisheit, jnana chandra, tib. yeshe dawa, die Tara in spe. Die Mönche empfahlen ihr, sie solle sich mit ihren übersinnlichen Kräften noch in diesem Leben in einen Mann verwandeln oder sich von Herzen wünschen, wenigstens im nächsten Leben als Mann wiedergeboren zu werden. Sie hörte sich die gutgemeinten naiven Wünsche der Mönche an, zerpflückte sie mit dem unschlagbaren Argument der Leerheit von Zuschreibung und überraschte sie mit einem revolutionären Entschluss.

Prinzessin Mondengleiche Weisheit sagte sinngemäß: »Habt ihr noch nie davon gehört, dass alle klugen Konzepte bestenfalls angemessene Zuschreibungen sind? Ich habe lange danach gesucht, aber noch nie das wahre Wesen einer Frau oder eines Mannes gefunden, immer nur kulturelle Zuschreibungen. Und aus dem Grund gelobe ich, in allen künftigen Leben als Frau wiedergeboren zu werden und als Frau zu erwachen, als Inspiration für Frauen und als fassbarer Beweis für Männer, dass Frauen genauso erwachen können wie Männer«. Sie erfüllte ihr Gelübde, erwachte als Frau und wird seit rund zweitausend Jahren in Indien und seit dem 11. Jahrhundert in Tibet von Frauen und Männern aller Schichten der Bevölkerung verehrt. (…)

 

Wie kommt ein katholisch aufgewachsenes Schwarzwaldmädel, das 1968 Abitur machte und mit der linken und feministischen Szene der 1970er-Jahre in Berlin vertraut war, dazu, mit einer weiblichen grünen Lichtgestalt aus Tibet zu meditieren? Diesen Weg will ich in diesem Buch nachzeichnen. (…) Das Buch ist Ausdruck meiner Dankbarkeit für einen Weg, der mein Leben tiefgreifend verändert hat. Es will und kann keine definitive Interpretation des Buddhismus und der Praxis der Grünen Tara geben, und das kann vermutlich auch niemand. Es will zu einem wohlwollenden und kritischen Blick auf die eigene buddhistische Praxis anregen und Mut machen zu einer alten Imaginations-Übung mit einem weiblichen Bild des Erwachens. In kleinen Essays beschreibe ich den Reichtum buddhistischer Überlegungen so lebendig und nachvollziehbar wie möglich.

 

Dieses Buch richtet sich vor allem an Personen, die die Praxis der Grünen Tara bereits kennen und schätzen, mit der tibetischen Tradition vertraut sind oder eine andere Gottheiten-Praxis üben. Wer in einer anderen Tradition des Buddhismus übt, fragt sich vielleicht, was denn diese vielen Bilder und Mantras und liturgischen Gebete für moderne Menschen bedeuten können und sollen. Vielleicht lesen es auch Menschen, die nach einem Weg suchen, der nicht nur den Verstand und die Neigung zur Selbstoptimierung anspricht, sondern Herz und Geist berührt und beruhigt und für die vielen Dimensionen der Wirklichkeit öffnet, die unser Herz ahnt.

 

Für mich war und ist die ungewöhnliche Verbindung von berührenden Bildern und Gesängen, von körperlichen Gesten und klugen und intellektuell anspruchsvollen Erklärungen und Hinweisen ein Schatz. Der Schatz im Acker oder unter der Türschwelle und die blaue Blume im eigenen Garten. Tara-Praxis hat mir den Weg »nach Hause«, zu der Quelle von Liebe und Einsicht, von Vertrauen und klugem Handeln gezeigt. Und sie schenkt mir immer wieder Zuversicht, wenn Herz und Geist eng werden oder ich glaube, ich müsste alles alleine schaffen und in den Griff bekommen.

Weil die Tara-Praxis uns als ganze Menschen erfassen will und soll, braucht sie wie jede spirituelle oder religiöse Übung eine persönliche, direkte und analoge Einführung durch eine Person, die diese Übung schätzt, selbst lange übt und zu ihrer Weitergabe autorisiert wurde. Aus dem Grund stelle ich die gesprochene Tara-Praxis oder unsere gesungene Puja nicht öffentlich als Audioaufnahmen zur Verfügung und auch nicht als Download ins Internet. Die Übung entfaltet ihre volle Wirkung nach meiner Erfahrung erst dann, wenn wir sie im Rahmen von Kursen mit erfahrenen Lehrerinnen kennenlernen und über längere Zeit alleine und gemeinsam mit anderen und einer guten Begleitung üben.

 

Möge dieses Buch Ihre Zuversicht stärken, dass es in Ihnen und allen Menschen aller Kulturen und Religionen und auch in Atheistinnen, Agnostikern und Menschen, die wir nicht verstehen, seltsam finden oder ablehnen, die Anlagen für kluges und mitfühlendes Leben und Handeln gibt. Wir können diese Anlagen in uns allen stärken durch die eigene Übung und ein mitfühlendes und ethisches Verhalten. Und durch Dankbarkeit und Wertschätzung für die über hundert Generationen von Meistern und Lehrerinnen und ihrer Schüler und Nachfolgerinnen, die seit der Zeit des historischen Buddha vor zweieinhalbtausend Jahren die Lehren bewahrt und aufgeschrieben, übersetzt und kommentiert, für ihre Zeit neu interpretiert und weitergegeben haben.

Möge meine freie Interpretation der Praxis der Grünen Tara Ihr Herz öffnen und Ihren Geist klären, zum eigenen Wohl und dem aller.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung der Edition Steinrich. 

Siehe auch unter Wortwelten.

 

Grüne Tara – Freie Frau

Sylvia Wetzel

Edition Steinrich, 440 S., 36 €

 


August - Dezember 2022


Gegen den Strich - die Tonglen-Praxis

© Foto: Ian Lindsay auf Pixabay.com
© Foto: Ian Lindsay auf Pixabay.com

Autorin: Pema Chödrön

 

Damit wir Mitgefühl für andere empfinden können, müssen wir Mitgefühl mit uns selbst haben. Speziell wenn es um Mitgefühl für Menschen geht, die ängstlich, zornig, eifersüchtig, abhängig von Süchten, arrogant, stolz, geizig, selbstsüchtig, gemein oder was auch immer sind: Wenn wir uns um diese Menschen kümmern wollen, dürfen wir nicht vor der schmerzlichen Entdeckung all dieser Eigenschaften in uns selbst davonlaufen. Tatsächlich ist es möglich, dass sich unsere Einstellung dem Leiden gegenüber vollkommen verwandelt. Statt Schmerz auszugrenzen und uns vor ihm zu ducken, können wir unser Herz öffnen und uns gestatten, den Schmerz als etwas zu empfinden, das uns aufweicht und reinigt und uns liebevoll und sanftmütig macht.

 

Tonglen ist eine Praxis, die uns mit dem Leiden in Kontakt bringt – unserem eigenen und all dem, auf das wir stoßen, wo immer wir uns hinwenden. Tonglen ist eine Methode, um unsere Angst vor dem Leiden zu überwinden und die Enge unseres Herzens aufzulösen. Zuallererst aber weckt diese Praxis das Mitgefühl, das wir alle in uns tragen, gleichgültig, für wie grausam oder kalt wir uns halten.

 

Wir beginnen die Übung damit, dass wir uns eines Menschen annehmen, von dessen Leiden wir wissen und dem wir helfen möchten. Wenn wir zum Beispiel von einem Kind wissen, das verletzt wurde, atmen wir mit dem Wunsch ein, allen Schmerz und alle Angst dieses Kindes auf uns zu nehmen. Und wenn wir ausatmen, senden wir Glück, Freude und alles, was dem Kind Linderung verschafft. Das ist der Kern der Praxis: Man atmet das Leid anderer ein, damit es ihnen gut geht und sie mehr Raum finden, sich zu entspannen und zu öffnen, und mit dem Ausatmen sendet man Entspannung und alles, von dem man glaubt, dass es dem anderen Linderung verschafft und Glück bringt.

 

Häufig misslingt uns diese Übung jedoch, weil wir mit unserer eigenen Angst, unserem Widerstand, Zorn oder was immer unser persönlicher Schmerz gerade sein mag, konfrontiert sind. In diesem Fall ändern wir die Ausrichtung der Praxis und üben Tonglen für das, was wir gerade empfinden und für die Millionen anderen Menschen, die sich in diesem Augenblick ebenso festgefahren und elend fühlen wie wir. Vielleicht können wir unseren Schmerz beim Namen nennen. Wir erkennen ihn klar als panische Angst, als Abscheu, Zorn oder Rachsucht. Also atmen wir für alle Menschen ein, die in der gleichen Emotion gefangen sind, und wir senden Linderung, alles, was uns selbst und den zahllosen anderen wieder Raum schafft. Vielleicht können wir unser Gefühl nicht beim Namen nennen. Aber fühlen können wir es – unser Magen zieht sich zusammen, eine schwere Dunkelheit lastet auf uns oder ähnliches. Wir berühren einfach, was wir fühlen und atmen es ein, wir nehmen es in uns auf und senden mit dem Ausatmen Erleichterung für uns selbst und alle anderen aus.

 

Viele Menschen sagen, diese Übung ginge unseren gewohnten Reaktionen völlig gegen den Strich. Ehrlich gesagt, diese Praxis geht uns tatsächlich gegen den Strich. Sie torpediert unseren Wunsch, dass alles nach unserer Pfeife tanzt, unsere Erwartung, dass alles in unserem Sinn ausgeht, egal, was die anderen brauchen. Die Praxis von Tonglen reißt die Mauern nieder, die wir um unser Herz gebaut haben. Sie löst die Schichten des Selbstschutzes auf, die wir so angestrengt zu errichten versucht haben. Buddhisten würden sagen, diese Praxis löst die Fixierung und das Anhaften des Ich.

 

Tonglen stellt die übliche Logik, nach der wir Leid aus dem Weg gehen und Vergnügen suchen, auf den Kopf. Im Verlauf dieser Übung befreien wir uns von uralten selbstsüchtigen Gewohnheitsmustern. Wir beginnen, sowohl uns selbst als auch andere zu lieben; wir beginnen, sowohl für uns selbst als auch für andere zu sorgen. Tonglen weckt unser Mitgefühl und schenkt uns eine weitere Sicht der Wirklichkeit. Es zeigt uns die unbegrenzte Offenheit von Shunyata. Durch die Praxis von Tonglen kommen wir allmählich in Kontakt mit der offenen Dimension unseres Seins. Es beginnt damit, dass wir die Welt nicht länger als großes Drama sehen. Wir erkennen, dass nichts so solide ist, wie wir angenommen hatten.

 

Man kann Tonglen für Menschen praktizieren, die krank sind, die im Sterben liegen oder bereits gestorben sind, für alle, die auf irgendeine Weise leiden. Man kann Tonglen im Rahmen einer formellen Meditation üben oder jederzeit und überall. Wir machen einen Spaziergang und sehen jemanden, der leidet – direkt an Ort und Stelle können wir den Schmerz dieses Menschen einatmen und Linderung ausatmen. Oder wir wenden uns wie gewohnt ab, sobald wir Leiden begegnen. Der Schmerz bringt unsere eigene Angst und unseren Zorn zum Vorschein; er konfrontiert uns mit unseren eigenen Widerständen und unserer Verwirrung. Sofort können wir dann Tonglen für alle üben, denen es genauso geht wie uns, für alle also, die mitfühlend sein wollen, aber ängstlich sind, die mutig sein möchten, aber feige sind. Statt uns selbst abzukanzeln, können wir unsere persönliche Unbeweglichkeit als Sprungbrett nutzen, um zu verstehen, womit Menschen in der ganzen Welt zu kämpfen haben. Atmen Sie für uns alle ein und aus. Machen Sie aus dem scheinbaren Gift eine Medizin. Wir können unser eigenes Leiden als Pfad zum Mitgefühl für alle Wesen nutzen.

 

Wenn Sie jetzt Tonglen üben möchten, atmen Sie einfach ein und aus, nehmen Sie Schmerz an, und senden Sie Offenheit und Linderung aus.

Wenn Sie Tonglen im Rahmen einer formellen Meditationspraxis üben, halten Sie sich an vier Stufen:

  1. Lassen Sie Ihren Geist zuerst für ein oder zwei Sekunden in einem Zustand von Offenheit oder Stille ruhen. Diese Stufe wird traditionell das Aufblitzen absoluten Bodhichittas genannt: Plötzlich öffnen Sie sich der fundamentalen Offenheit und Klarheit.
  2. Dann arbeiten Sie mit materieller Struktur. Atmen Sie ein Gefühl von heiß, dunkel und schwer ein – eine Empfindung von Klaustrophobie –, und atmen Sie ein Gefühl von kühl, hell und leicht aus – eine Empfindung von Frische. Atmen Sie vollständig ein, durch alle Poren Ihres Körpers, und atmen Sie ebenso vollständig durch alle Poren Ihres Körpers aus. Üben Sie das so lange, bis es mit Ihrem Atemrhythmus synchron läuft.
  3. Nun arbeiten Sie mit einer persönlichen Situation. Sie können jede schmerzhafte Situation nehmen, die real für Sie ist. Traditionell beginnt man die Übung von Tonglen mit jemandem, der einem am Herzen liegt und dem man helfen möchte. Wenn man sich blockiert fühlt, kann man die Praxis jedoch ohne weiteres auch auf den eigenen Schmerz anwenden und zugleich für alle üben, denen es ähnlich geht. Wenn Sie sich zum Beispiel überfordert fühlen, dann atmen Sie dieses Gefühl für sich selbst und alle anderen, die im selben Boot sitzen, ein, und senden Sie mit dem Ausatmen Vertrauen und Kompetenz oder Erleichterung in jeder beliebigen Form aus.
  4. Schließlich dehnen Sie das Nehmen und Geben weiter aus. Wenn Sie Tonglen für einen geliebten Menschen üben, dehnen Sie Ihre Praxis auf die aus, die sich in der gleichen Situation befinden wie Ihr Freund. Wenn Sie Tonglen für jemanden üben, den Sie im Fernsehen oder auf der Straße gesehen haben, praktizieren Sie auch für alle anderen, die im selben Boot sitzen. Gehen Sie über den einen Menschen hinaus. Wenn Sie Tonglen für alle üben, die denselben Ärger, dieselbe Angst, dasselbe Leiden spüren wie Sie selbst, dann denken Sie wahrscheinlich weit genug. Aber in jedem Fall können Sie immer noch weiter gehen. Sie können Tonglen zum Beispiel auch für Ihre Feinde üben, für diejenigen, die Ihnen selbst oder anderen wehtun. Stellen Sie sich vor, dass sie unter derselben Verwirrung, derselben Unbeweglichkeit leiden wie Sie selbst und Ihre Liebsten. Atmen Sie ihr Leiden ein, und senden Sie ihnen Linderung.

Tonglen lässt sich unendlich ausdehnen. Wenn Sie die Praxis regelmäßig üben, nimmt Ihr Mitgefühl im Lauf der Zeit ganz natürlich zu, ebenso Ihre Erkenntnis, dass alles weniger solide ist, als Sie geglaubt haben. Wenn Sie die Praxis allmählich in Ihrem eigenen Tempo üben, werden Sie überrascht sein, wie sehr es Ihnen mehr und mehr gelingt, für andere da zu sein, selbst in Situationen, die Sie sich früher nicht einmal hatten vorstellen können.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Goldmann Verlages. 

Pema Chödrön: „Wenn alles zusammenbricht“, Goldmann Vlg., 224 S., 8 €. Mehr zum Buch: www.buchhandlung-plaggenborg.de 

Siehe auch unter „Wortwelten E-Books“.


April - August 2022


Nachruf auf Thich Nhat Hanh

© Karl-Heinz Plaggenborg
© Karl-Heinz Plaggenborg

Autor: Manfred Folkers

 

Am 22.1.2022 ist der am 11.10.1926 geborene Dharma-Lehrer und Friedensarbeiter Thich Nhat Hanh in seiner vietnamesischen Heimat gestorben. Er war 80 Jahre lang Mönch und lebte 50 Jahre im Exil in Frankreich. Er war engagierter Buddhist und Schriftsteller. Seine rund 100 Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Er gründete mehrere Klöster (plumvillage.org) und das europäische Institut für angewandten Buddhismus in Waldbröl (eiab.eu).

 

Im Rahmen der vom Kulturamt der Stadt Oldenburg organisierten Vortragsreihe ‘Orientierung in bedrohlicher Zeit‘ sprach Thich Nhat Hanh am 21. Mai 1993 im völlig überfüllten Großen Saal des PFL zum Thema ‘Innerer Friede Äußerer Friede - Buddhistische Anregungen für westliche Lebensgestaltung‘. Später leitete er eine Geh-Meditation vom PFL zum Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus. Diese Veranstaltungen bewirkten ein großes Interesse am Thema ‘Achtsamkeit‘, das zur Gründung des gemeinnützigen Vereins ‘Achtsamkeit in Oldenburg‘ führte und letztlich auch dem Magazin ‘Achtsames Leben‘ seinen Namen gab.

 

Drei Jahre später organisierte das Kulturamt unter dem Titel ‘Mit dem Herzen verstehen‘ einen weiteren Vortrag mit Thich Nhat Hanh, dem über 1.000 Interessierte in der Aula der Cäcilienschule beiwohnten. Wie 1993 leitete er anschließend ein 6-tägiges Retreat im Seminarhaus Hof Oberlethe bei Wardenburg; weitere Retreats folgten 2001 und 2005.

 

Bevor er Vietnam verlassen musste, hatte er eine ‘Schule für soziale Dienste‘ gegründet, deren zahlreiche Mitglieder sich intensiv dem Beheben von Kriegsfolgen widmete. Außerdem war er damals schon als Dichter beliebt. Seine Fähigkeit, tiefe spirituelle Erfahrungen in einer einfachen Sprache zu beschreiben, machte ihn auch später weit über buddhistische Kreise hinaus bekannt.

 

Als Buddhist war Thich Nhat Hanh traditionsübergreifend unterwegs, wobei es ihm gelang, wichtige Aspekte der Buddha-Lehre (Dharma) zeitgenössisch zu interpretieren. So bearbeitete er die Auffassung, Leiden sei ein Merkmal des Daseins, indem er betonte, dass die Überwindung von Leid zwar das zentrale Ziel des Dharma, aber Leiden kein Grundelement von Existenz ist. Er befreite das Wiedergeburtskonzept von esoterischen Annahmen, indem er von Fortdauer sprach und das Leben des einzelnen Menschen mit einer Welle verglich, die immerzu auch Wasser ist. Außerdem erläuterte er eine Kernaussage des Dharma (‘Alles ist ohne eigenständiges Selbst‘), indem er sie aus dem Herz-Sutra ableitete und mit dem Satz veranschaulichte: ‘Leer von einem eigenständigen Selbst zu sein bedeutet, erfüllt zu sein von allem‘. Das Ziel aller meditativen Methoden (die eigene Anwesenheit achtsam wahr- und annehmen) erreichte er mit den Worten: ‘Einatmend verweile ich ganz im gegenwärtigen Augenblick - ausatmend weiß ich, dass es ein wundervoller Augenblick ist‘. 

 

Thich Nhat Hanh gehört neben dem Dalai Lama zu den bekanntesten Dharma-Lehrenden der Gegenwart. Mit seinem Tod haben wir zwar einen achtsamen Menschen verloren, aber uns bleibt die Praxis einer ökologisch orientierten Seinslehre, die uns hilft, unsere Verabredung mit dem Leben einzuhalten und unsere Integration in das Universum als waches Wesen zu erfahren.