Archiv Nachhaltigkeit & Neue Wirtschaft


2020


August - Dezember 2020


Unsere Welt neu denken


© Gerd Altmann – pixabay.com
© Gerd Altmann – pixabay.com

Autorin: Maja Göpel

 

»Mitte des 20. Jahrhunderts erfahren die Menschen zum ersten Mal, wie ihr Planet aus dem All aussieht.  Vielleicht werden künftige Historiker einmal zu der Einsicht gelangen, daß dieser Anblick unser Bewußtsein grundlegender veränderte, als es selbst der – das menschliche Denken zutiefst erschütternden – kopernikanischen Revolution des 16. Jahrhunderts durch das Verbannen der Erde aus dem Mittelpunkt der Welt gelungen war.«

Aus dem »Brundtland-Bericht« der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen

 

London, Oktober 2019. In der morgendlichen Rushhour klettern zwei Männer auf das Dach einer U-Bahn, sodass diese den Bahnhof nicht mehr verlassen kann. Die Pendler*innen, die mit dem Zug zur Arbeit fahren wollen, stehen vor verschlossenen Waggons. Da die Aktion bald den ganzen Betrieb lahmlegt, wird es auf dem Bahnsteig enger und lauter. Während die Leute langsam verärgert realisieren, dass sie zu spät kommen werden, entrollen die Männer auf dem Zugdach ein Transparent, auf dem steht: »Business as usual = Death«, was so viel heißt wie: Weitermachen wie bisher bedeutet den Tod. Im Fall der Pendler*innen hätte weitermachen wie bisher bedeutet, zur Arbeit zu gehen. In ein Büro etwa oder in eine Fabrik. Sich an einen Computer zu setzen, in eine Konferenz, an eine Maschine, etwas herzustellen oder in Auftrag zu geben. Umsatz und Gewinn zu steigern, zum Wachstum beizutragen, den eigenen Job, die eigene Existenz zu sichern. Um Miete zu zahlen, Kredite zu bedienen und den Kindern und sich etwas kaufen zu können. Kurz: weiterzumachen mit dem Leben, wie Sie, wie wir alle es kennen und gewohnt sind. Was kann daran falsch, ja sogar tödlich sein?

 

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April - August 2020


Handeln: Nicht-Handeln?

Bild: © ejaugsburg auf www.pixabay.com
Bild: © ejaugsburg auf www.pixabay.com

Autor: Manfred Folkers

 

Sollten wir unsere Lust am Neuen einmal vergessen oder versuchen, gar ohne auskommen zu wollen, sind schnell jede Menge pfiffiger Werber und Vermarkter, Investoren und Politiker zur Stelle, um uns wieder daran zu erinnern. Um uns – in ganz einfachen Worten – dazu zu bringen, von dem Geld, das wir nicht haben, Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, um bei Leuten, die uns eigentlich egal sind, Eindruck zu hinterlassen, der nicht anhält.

Tim Jackson

 

Bild Ein ethisch geprägter Umgang mit Sprache ist das Ergebnis einer geistigen Erneuerung, die angesichts der immensen Beharrungskraft von Gewohnheiten unumgänglich scheint, wenn ein Umschwung gelingen soll. Dennoch führt erst ein konkretes Handeln zu einer  veränderten Lebensgestaltung. Der perspektivisch zerstörerische Ist-Zustand unseres Handelns wurde bereits ausführlich beschrieben. Ihm ist nur dann auf heilsame Weise zu entkommen, wenn sich viele einzelne Menschen entschließen, ihr Alltagsverhalten zu überprüfen, es neu auszurichten und entsprechend zu verwirklichen. Diese Transformation hat individuell zu erfolgen, da sich jeder Mensch in einer einzigartigen Lebenssituation befindet.

So werden junge Menschen andere Optionen entwickeln als Alte, Reiche andere als Arme, Afrikaner andere als Asiatinnen, Männer andere als Frauen, Gesunde andere als Kranke. Aus diesem Grund ist es kaum möglich, konkrete Ratschläge zu geben, die von allen Menschen gleichermaßen umgesetzt werden können. Deshalb sind die wenigen nun folgenden Fragestellungen eher als Anregungen aufzufassen, mit deren Hilfe jeder und jede die passenden Schlussfolgerungen für das eigene Handeln ziehen kann. »Möchte ich ständig das Neueste besitzen (Auto, Handy, Mode …)? Wie viel Energie verbraucht meine Mobilität (Einkauf, Flüge, SUV, Hobbys)? Wie gehe ich mit Nahrungsmitteln um (im Restaurant, beim Kochen, im Geschäft) ? Ist meine Wohnung eigentlich zu groß ? Gehe ich achtsam mit Dingen um, die der Allgemeinheit gehören ? Ist mein Kontakt zur Nachbarschaft von gegenseitiger Hilfe geprägt ? Spreche ich mit anderen Menschen über mein und ihr Konsumverhalten, über Umweltkrisen, Genügsamkeit, Politik, Spiritualität etc. ?«

 

Viele selbstsüchtige und verschwenderische Gepflogenheiten werden beflügelt von einer Ideologie, die sich am besten mit dem Begriff »Hyper-Individualismus« überschreiben lässt. Das an sich selbstverständliche Ziel einer persönlichen Vervollkommnung hat sich – vor allem in begüterten Regionen – zu einer Orientierung verdreht, die den Fokus auf den materiellen Aspekt lenkt und irrigerweise davon ausgeht, dass sich Selbstverwirklichung, Glück und Harmonie auf diese Weise erhöhen lassen. Das Motto »Alle denken an sich – nur ich denke an mich !« soll dann nicht nur Vereinzelung und Isolation rechtfertigen. Mit dieser These kann auch verschleiert werden, dass ein derartiger Eigensinn, der manchmal sogar mit »Freiheit« verwechselt wird, nur auf Kosten anderer Menschen und der Mitwelt angestrebt werden kann.

Allerdings praktizieren bereits überall auf der Erde viele Menschen ein solch anderes  Handeln. In einigen Regionen können sie dabei auf noch vorhandene Traditionen zurückgreifen, etwa auf Selbstversorgung in der Landwirtschaft, Nachbarschaftshilfe, Straßengemeinschaften, Selbsthilfegruppen, Genossenschaften, ehrenamtliches Engagement, Gewöhnung an einen niedrigen ökologischen Fußabdruck, eine Wertschätzung der Stille etc.

In den von Industrialisierung, Konsumismus und Selbstbezogenheit beherrschten Regionen ist diese Suche ungleich schwieriger, da hier viele dieser Traditionen verloren gegangen sind. Angesichts wachsender Umwelt-, Ressourcen- und sozialer Probleme bemühen sich jedoch immer mehr Menschen um eine Lebenshaltung, aus der konkrete Projekte entstehen können, die sich als naturschonend und zukunftsfähig erweisen. Obwohl sie zum Teil ein Nischendasein führen, verdienen diese Experimente eigentlich mehr als eine kurze Erwähnung, denn sie ermöglichen einen Blick in die Nachwendezeit: Gemeinschafts-siedlungen; Tiny Houses; Sharing- und Reparaturgruppen; Mehrgenerationenhäuser; Ökodörfer; biologische und solidarische Landwirtschaft; regionale Versorgung; Gebrauchtwaren- und Verschenkmärkte; Lebensmitteltafeln; Transition-Town-Gruppen ; vegetarische und vegane Ernährung und vieles mehr. 

Hierzu gehören auch meditative, also eher direkt »auf den Geist gehende« Praktiken wie Yoga, Taijiquan, Qigong, Sitzmeditation. Viele weitere Initiativen, Projekte und Ideen sind in einigen der in den Literaturanregungen gelisteten Bücher enthalten.

 

Eine wichtige Motivation für diese Neuerungen ist der Versuch, hinsichtlich Besitz, Freiheit, Persönlichkeitsbildung und Zufriedenheit herauszufinden, was »genug« heißt oder ist. Für die Durchführung eines gesellschaftlichen Wandels ergibt sich daraus unter anderem die Konsequenz, einige Tätigkeiten einfach zu unterlassen. Diese Haltung führt keineswegs zum Stillstand, sondern zu einer Rückbesinnung auf das doppelte Mögen und einer Art absichtslosem, quasi nicht-eingreifendem Tun. Dieses »Handeln durch Nicht-Handeln« (in der chinesischen Kultur als »Wuwei« bezeichnet) enthält den Versuch, die Natur und die Zukunft ungestört wirken zu lassen und ihnen eine Stimme zu geben. Allein das Wissen, dass es für jeden Menschen in jedem Augenblick die Option »Nicht-Handeln« gibt, sollte nicht unterschätzt werden. Wenn Verlangen, Eile und Spontanität keine Rolle mehr spielen, zeigen sich mit dieser Einstellung eine Menge Lösungen wie von selbst. Besonders prägnante Hinweise haben bereits vor 25 Jahren Maria Mies und Vandana Shiva in ihrem Buch ökofeminismus formuliert:

 

Eine neue Definition von ›gutem Leben‹ wird nicht einfach Verzicht predigen, sondern die Werte hervorheben, die in unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft auf der Strecke bleiben, z. B. Kooperation statt Konkurrenz, (…), Selbstversorgung (self-sufficiency) anstatt Abhängigkeit von externen Märkten, Absage an Ausbeutung und Kolonisierung als Grundlage für eigene Vorteile, Gesellschaftlichkeit statt Verfolgung privater und egoistischer Einzelinteressen, Kreativität, Souveränität und Würde statt dauerndes ›Schielen nach oben‹, Befriedigung in der eigenen Arbeit statt imitativem und kompensatorischem Konsum und, statt eines stets steigenden quantitativem (?) Lebensstandards, Lebensfreude und Glück, die aus der Zusammenarbeit mit anderen und einer sinnvollen Tätigkeit entspringen.

 

Buddha hat in dieser Hinsicht einen »Mittleren Weg« propagiert: weder an Sinnesfreuden anhaften noch sich selbst quälen; weder Luxus noch Askese, sondern die Versöhnung von Gegensätzen und Gleichmut anstreben. Er traute jedem Menschen zu, Verantwortung für sich und das gesamte Leben um sich herum zu übernehmen. Hinsichtlich der geschilderten Probleme bedeutet dies: Alle haben sich an die eigene Nase zu fassen. Alle haben einen Anteil beizutragen. Jeder und jede ist wichtig. Weil jeder einzelne Mensch ein Teil der Probleme ist, ist er auch ein Teil der Lösungen.

Dabei darf allerdings nie vergessen werden, dass ein Kollaps droht, wenn nicht rechtzeitig eine Wende durchgeführt wird. Wenn sie zu spät erfolgt, wird sie der Menschheit ohne eigene Einflussmöglichkeiten verordnet. Noch ist es jedoch möglich, dass diese Veränderungen aus Motiven heraus entstehen, die eigene Überlegungen und Entscheidungen enthalten.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des oekom-Verlages aus „All you need is less“ von Manfred Folkers und Niko Paech, 2020.

Siehe auch bei „Wortwelten“.

 


Wildbienenhelfer - Die Gewöhnliche Löcherbiene Osmia (Heriades) truncorum

Foto: © Anja Eder
Foto: © Anja Eder

Flugzeit: Juni-Oktober / Vorkommen: häufig / Größe: 6-8 mm

Blütenbesuch: spezialisiert / Osmia-Arten 67: D: 64 / A: 55 / CH: 57

 

Erkennungsmerkmale:

Männchen: Körper schwarz / wenig weiß behaart / hintere Tergitränder mit weißen, feinen Endbinden / Bauchbürste rötlichgelb / Mandibeln (Kieferzange) breit und innen ausgebuchtet wie das Weibchen, aber nur sechs Hinter-leibsegmente / Hinterleib am Ende nach unten eingekrümmt / Gesicht weiß behaart

Lebensraum:

Gärten / Parks / Waldränder / Wälder

Lebensweise:

nistet in vorhandenen Hohlräumen / Käferfraßgänge in Totholz / hohle Stängel / Nisthilfen

Kuckucksbiene:

Düsterbiene Stelis breviuscula, Keulenwespe Sapygina decemguttata

Blütenvorliebe:

spezialisiert auf Korbblütler

Foto: © Anja Eder
Foto: © Anja Eder

Foto: © Anja Eder
Foto: © Anja Eder

Alant, Distel, Flockenblume, Goldrute, Greiskraut, Kamille, Margerite, Prachtscharte, Rainfarn, Ringelblume, Schafgarbe, Sonnenhut, Wasserdost, Wegwarte und viele mehr. Die Zahl der Korbblütler ist sehr groß, so auch das potenzielle Nahrungsangebot für die kleine Löcherbiene. Viele dieser Pflanzen sind ein- bis zweijährig, andere krautig ausdauernd.

 

 

Eine typische Körperbewegung des Weibchens ist das nervös wippende Auf- und Abbewegen des Hinterleibes. Dieses Wippen führt zu einer direkten Pollenaufnahme in die Bauchbürste. Das Männchen trägt ein hell behaartes Gesicht. Das Weibchen besitzt auffällig große Kieferzangen. Der vordere Rand des Clypeus (zwischen den beiden Zangen) ist  gerade abgeflacht.

Dieser Textauszug stammt aus dem wunderschönen Buch „Wildbienenhelfer“ von Anja Eder aus dem Tipp 4-Verlag (vielen Dank!), das wir schon vor einiger Zeit einmal vorgestellt hatten, das aber an Aktualität eher noch gewonnen hat. Das Wildbienenhelfer-Buch macht jeden - der will - zum Wildbienenhelfer. Es führt, nach Monaten gegliedert, durch die Wildbienensaison und zeigt anschaulich, welche Pflanzen Nahrung bieten und welche Wildbienen unterwegs sind. Jeder, der einen Garten, Balkon oder andere Pflanzmöglichkeiten hat, kann gezielt das Nahrungsangebot für die bedrohten Insekten verbessern. Das Buch schärft den Blick auf die teilweise recht unscheinbaren Wildbienenarten und auf unsere heimischen Blühpflanzen.


Der Igel: beliebt und missverstanden – Zeit, dies zu ändern!

© NABU Andreas-Bobanac
© NABU Andreas-Bobanac

NABU-Tipps zur Artenvielfalt zuhause

 

Wohl kaum ein anderes Wildtier genießt eine so große Beliebtheit bei den Menschen in Europa wie der Igel. In Märchen wird ihm die Rolle des Schlauen, der letzten Endes den Hochmütigen besiegt, gegeben. In netten Geschichten und Comics ist er der Humorvolle und Weise. Und viele lieben ihn heiß und innig, sind entsetzt, ihn als Straßenopfer zu finden – aber manche lieben ihn sogar „zu sehr“, sodass mitunter übertriebene Tierliebe in Vermenschlichung umschlägt und den Tieren schadet.

 

Dass Igelschutz am besten durch Lebensraumschutz bewirkt werden kann, zeigt der NABU Niedersachsen auf, und appelliert an Gartenbesitzer, „die Weichen zu stellen, damit dem Igel nachhaltig und mit Sachverstand geholfen werden kann“.

 

„Igel sind Wildtiere, das darf nie vergessen werden. Und sie stehen unter gesetzlichem Schutz“, sagt Rüdiger Wohlers vom NABU. Er hat in mehr als einem Vierteljahrhundert erlebt, dass der die Menschen anrührende Igel oft völlig missverstanden und sogar zum „Haustier“ erklärt wird – oftmals das Todesurteil für das Tier.

 

„Es gibt leider immer noch eine gewisse Einsammelmentalität, gerade im Herbst“, berichtet Wohlers. Doch der reinen „Einsammelei“ muss Einhalt geboten werden – übrigens auch, weil sie gegen Naturschutzrecht verstößt und in Tierquälerei übergehen kann. „Immer wieder erhielten wir Anrufe von gut meinenden Tierfreunden, die vermeintlich hilfsbedürftige Igel allerorten einsammelten oder dieses wollten – was wir zu verhindern wussten –, weil sie Angst hatten, die Tiere könnten den Winter nicht überstehen. Dies ist aber nur bei stark geschwächten oder stark untergewichtigen Tieren der Fall. Auf jeden Fall sollte dann immer ein Tierarzt das letzte Wort haben. Und es sollte eine anerkannte Igelstation einbezogen werden“, mahnt Rüdiger Wohlers. „Zahlreiche Beispiele aus der Praxis zeugen oft von Unverständnis oder sogar von Aggressivität, wenn die Tiere zu Unrecht aufgelesen worden sind und wir als NABU auf das Fehlverhalten hinweisen“, zeigt sich Wohlers bekümmert.

 

„Also: Igel sind Wildtiere!“, unterstreicht der NABU-Aktive. „Igel haben ein Nahrungsspektrum, das sich so gut wie ausschließlich aus tierischem Eiweiß erschließt: Auf ihrem Speiseplan stehen Schnecken in großer Zahl, Regenwürmer, Käfer, Raupen, Ameisen, anderes Kleingetier, aber auch schon mal ein Ei einer bodenbrütenden Vogelart oder Aas, da sind sie nicht wählerisch. Das bedeutet auch, dass nur ein naturnaher Garten ein echter ‚Igelgarten‘ sein kann“, sagt Wohlers: „Wer einen bürstenkurzen Rasen, viele versiegelte Flächen und immergrüne Exoten ohne ökologischen Wert als Hauptbestandteile seines Gartens hat, muss sich nicht wundern, wenn der Igel einen großen Bogen um ihn macht!“

 

Im Garten sollte Vielfalt angesagt sein: Dazu gehören heimische Sträucher, deren Laub auch im Herbst und Winter liegen bleiben darf, sodass sich darunter Insekten und andere Lebewesen aufhalten können, und das der Igel im Winter für sein Schlafnest nutzen kann. Auch Stauden, vielleicht eine „wilde Ecke“ aus Holz, Ästen und Laub, eine kleine Wasserstelle und auch eine Blühwiese sind nützlich – Hauptsache, es werden heimische Pflanzen eingebracht und auch die Nahrungstiere des Igels finden einen Lebensraum, der dann automatisch auch vielen anderen Tieren eine kleine „Arche Noah“ bietet, also beispielsweise Vögeln, Insekten und weiteren Kleinsäugern.

 

Um dem Igel über den Winter zu helfen – der Igel ist ein Säugetier, das in Winterschlaf verfällt, und zwar meist bis in den März oder April, in sehr kalten Frühjahren auch mitunter bis in den Mai hinein –, kann ihm leicht geholfen werden: Sehr gut bewährt hat sich der Bau einer so genannten „Igelburg“, die mit etwas Geschick aus Holz gebaut werden kann und dann mit Geäst und Laub überdeckt wird. Darin kann das Igelweibchen Im Sommer auch ihre Jungtiere zur Welt bringen. „Wichtig ist es, dafür einen trockenen Standort im Garten zu wählen, möglichst unter Sträuchern, nie ganz frei, und niemals in einer Senke, in der sich Regenwasser sammeln kann“, erklärt Rüdiger Wohlers. Gut geeignete Igelburgen gibt es für alle, die diese nicht selbst basteln wollen, auch im Fachhandel; besonders gut geeignet und lange haltbar sind jene aus witterungsbeständigem Holzbeton. Die Igel tragen als Material gern selbst trockene Gräser ein.

 

„In den letzten Jahren werden immer später Jungigelwürfe festgestellt, oft bis in den Frühherbst hinein“, berichtet Wohlers, „sodass diese auch wesentlich länger zu sehen sind, oft bis in den November, und sich dann noch Fettreserven für den Winter anfressen müssen. Diesen Tieren kann durch artgerechte Zufütterung geholfen werden – aber es darf niemals Milch gereicht werden, da diese aufgrund der Laktoseunverträglichkeit für den Igel tödlich wirken kann!“

 

Igel haben sich immer mehr in den Siedlungsraum des Menschen, in Dörfer und Städte aufgemacht. „Eine Folge der großenteils katastrophalen Ausräumung unserer Agrarlandschaft“, sagt Rüdiger Wohlers, „in der Feldgehölze, Brachen und artenreiche Wegränder fehlen, der Acker bis zum letzten Zentimeter ausgenutzt wird und es weder Nahrung noch Unterschlupf für Tiere gibt“, erläutert der Naturschützer. Deshalb komme gerade den Ortsrändern und dem großen Potential der Gärten eine wachsende Rolle zu, was den Schutz des Igels betrifft, denn in weiten Teilen Europas gehen seine Bestände seit Jahren drastisch zurück: „Aus dem Allerweltstier wird eine Seltenheit!“, mahnt Wohlers, „in einigen Bundesländern hat er es bereits in die Vorwarnliste der gefährdeten Arten geschafft – ein traurige Entwicklung, die wir durch unseren Einsatz für Igel im naturnahen Garten zwar nicht beenden, aber zumindest ein Stück weit abfedern können!“

 

Der NABU-Aktive macht zudem auf weitere Gefahren für den Igel aufmerksam: „Neben dem Straßenverkehr, in dem viele tausend Igel ihr Leben lassen, können es auch Gefahrenquellen am Haus und im Garten sein. Dazu zählen etwa der steilkantige Teich, aus dem es keinen Ausstieg gibt und in dem der Igel, aber auch andere Tiere wie Spitzmäuse ertrinken können, der offene Lüftungs- oder Kellerschacht, die offene Baugrube oder der Gullyschacht. Hier sollte Abhilfe geschaffen und mit Sorgfalt gearbeitet werden.“ Auch zu engmaschige Zäune können ihm zum Verhängnis werden, da sie Igel, wenn sie bis in den Boden abgesenkt sind, den Zugang zu Gärten versperren – verschenktes Potential eines kleinen „Igelparadieses“!

Der NABU hofft, dass der Liebe zum Igel möglichst viele Taten folgen. „Wir können im Garten und Kleingarten einiges in die Hand nehmen!“, sagt Rüdiger Wohlers, „aber auch in Schulgärten, Grünanlagen und Gewerbeflächen – wir müssen es nur wollen! Auch dort lässt sich Artenvielfalt einladen, für Igel und Co.!“

 

Für alle, die sich für den Igel einsetzen und mehr über seine spannende Lebensweise erfahren wollen, hat der NABU ein kleines Infopaket zusammengestellt, in dem auch Baupläne für eine „Igelburg“ und Pflanztipps für den naturnahen Garten enthalten sind. Es kann angefordert werden gegen Einsendung von 5 Euro beim NABU Niedersachsen, Stichwort „Igel“, Alleestr. 36, 30167 Hannover.

www.NABU-niedersachsen.de   

 


Winter 2020


Pflanzen in Hülle und Fülle

Jann Weidemann auf pixabay.com
Jann Weidemann auf pixabay.com

Autor: Dave Goulson

 

Der Winter ist ja eine Zeit der Planung für das neue Jahr, und so möchten wir Ihnen gerne ein überaus unterhaltsam-informatives Buch ans Herz legen, das sich mit Frage beschäftigt, wie wir im eigenen Garten die Welt retten könnten: Wildlife Gardening…ein Auszug:

 

Pflanzen in Hülle und Fülle

 

Über Jahrtausende lebten wir Menschen als Jäger und Sammler in kleinen Verbänden, wussten nichts von der Welt jenseits unseres Stammesgebiets, hatten nur mit dem zu tun, was wir sehen, anfassen und schmecken konnten. Wir ernteten Beeren und Nüsse, fingen Fische und Wild, später bauten wir auch Nutzpflanzen an. Die Erde war für uns eine Scheibe. Wir ahnten nichts von globalen Problemen wie Überbevölkerung, Umweltverschmutzung oder Klimawandel, und wahrscheinlich versuchten wir auch nicht, zehn Jahre im Voraus zu planen. Vielleicht sind deshalb unsere Gehirne nicht besonders gut darin, komplexe Probleme zu erfassen, schwerwiegende globale Veränderungen zu begreifen und darauf zu reagieren, wenn ihre Auswirkungen sich erst in Jahrzehnten oder Jahrhunderten zeigen. In Sachen Planung für das langfristige Wohlergehen unseres Planeten hält sich unsere Erfolgsbilanz also ziemlich in Grenzen. 

 

Selbst heute im 21. Jahrhundert und obwohl wir vom Universum inzwischen sehr viel mehr wissen, sprengen die großen Probleme, die vor uns stehen, offenbar unseren persönlichen Rahmen, sind unlösbar, ja unangreifbar. Alles, was ich persönlich vielleicht unternehmen kann, um den Klimawandel zu verhindern, die Rodung des Regenwalds aufzuhalten oder die wegen der angeblichen medizinischen Wirkung ihrer Hörner betriebene Nashornjagd zu stoppen, wirkt trivial und ineffizient. Als Umweltschützer fühlt man sich da leicht einmal hilflos, mutlos. Meine persönliche Motivation, trotzdem weiterzukämpfen, schöpfe ich seit jeher aus den kleinen Siegen, die ich in meinem eigenen Garten erringe, denn auf diesem kleinen Stückchen Erde bestimme ich; es ist klein genug, dass mein Gehirn es erfassen kann, und da kann ich alles richtig machen. Nach einem manchmal mühseligen Tag in meinem Uni-Büro, zum Beispiel mit einer endlosen E-Mail-Schlacht, mit der sich anscheinend die meisten von uns herumschlagen, statt etwas wirklich Sinnvolles zu leisten, ist es für mich unglaublich inspirierend und eine echte Freude, in meinen Garten zu gehen und mir die Hände schmutzig zu machen. Ich säe, ziehe Pflänzchen, gieße, mulche, jäte, ernte, kompostiere und arbeite mit dem Kreislauf der Jahreszeiten. Für mich ist der Maßstab am besten, in dem ich die Ergebnisse meiner Handlungen sehen und anfassen kann. Für mich beginnt die Rettung des Planeten mit der Pflege meines eigenen Stückchens Boden. 

 

Seit ich mit neunzehn von zu Hause weggegangen bin, hatte ich in dreißig Jahren sechs verschiedene Gärten; ausgehend von einem handtuchgroßen Rechteck hinter einem potthässlichen Betonkasten, einer ehemaligen Sozialwohnung in Didcot, bin ich inzwischen aufgestiegen zu meinen aktuellen leicht ungepflegten, aber herrlichen 8000 Quadratmetern im Hügelland von East Sussex. Jeder meiner sechs Gärten war ganz anders, was Boden, Aussehen und die ererbten Pflanzen angeht, aber jedes Mal habe ich, zunehmend bewusster, versucht, ihn sachte so umzugestalten, dass er möglichst vielen natürlichen Arten Raum gibt. Besonders versuche ich Bienen, Hummeln und andere Bestäuber zu fördern, indem ich ihnen Futter zur Verfügung stelle, und, wo immer es geht, ein paar ruhige Stellen zum Nisten, Fortpflanzen oder Überwintern.

 

Naturgärtnern ist ganz einfach. Die Pflanzen wachsen von selbst, und Bienen und Schmetterlinge finden die Blüten alleine. Es kommen Pflanzenfresser, Schnecken, Rüsselkäfer, Blattkäfer und Raupen und mit ihnen auch ihre Räuber. Wenn man einen Teich gräbt, stellen sich wie durch ein Wunder spontan reihenweise Pflanzen, Insekten und Amphibien ein, irgendwie müssen sie das unbeanspruchte Wasser über Meilen hinweg riechen. Für ein erfolgreiches Naturgärtnern ist das, was man nicht tut, genauso wichtig wie das, was man tut. Das heißt nicht, dass ein Naturgarten ein völliges Chaos sein muss. Viele stellen sich einen Naturgarten als ein wildes Durcheinander von Brombeergestrüpp, Brennnesseln und Löwenzahn vor; und es stimmt auch, dass so ein Laissez-faire-Garten sehr viele natürliche Bewohner anlockt. Genauso gut kann man aber einen gepflegten, hübschen Garten haben, der von Leben nur so brummt (wobei Gepflegtheit natürlich tendenziell etwas mehr Arbeit erfordert). Ob gepflegt oder ungepflegt, ob ein winziger Hinterhof oder hektarweise grünes Hügelland: Wahrscheinlich ist Ihr Garten längst Heimat von Hunderten oder gar Tausenden wilden Tier- und Pflanzenarten.

 

Wie viel natürliches Leben sich in einem Garten findet, wurde, soweit ich weiß, wirklich gründlich nur einmal quantifiziert, und zwar am Stadtrand von Leicester. Mein Doktorvater war ein reizender, kettenrauchender Gauner namens Denis Owen, Spezialist für tropische Schmetterlinge und Ex-Mann von Jennifer Owen, die später eine der größten Heldinnen des Wildlife Gardenings werden sollte. Jennifer erstellte ab den 1970er-Jahren über Jahrzehnte einen Katalog der Artenvielfalt in ihrem kleinen Garten in Leicester. Eigentlich war es ein ganz gewöhnlicher Garten, allerdings verwendete sie keine Pestizide. Es gab Beete, ein Stück Rasen, einen oder zwei Bäume und ein Gemüsebeet, insgesamt 700 Quadratmeter. In diesem kleinen Garten hatte sie eine Lichtfalle für Nachtfalter, Fallgruben für krabbelnde Insekten und eine sogenannte Malaise-Falle für Fluginsekten. Ebenso penibel katalogisierte sie die Pflanzenwelt und sämtliche Vögel oder Säugetiere, die sie besuchten. In fleißigen 35 Jahren identifizierte sie nicht weniger als 2673 unterschiedliche Arten, darunter 474 Pflanzen, 1997 Insekten, 138 andere Wirbellose (Spinnen, Hundertfüßer, Schnecken usw.) und 64 Wirbeltiere (überwiegend Vögel). Noch beeindruckender ist, dass Jennifer schon fast genauso lang mit Multipler Sklerose kämpft; leider musste inzwischen ein Großteil ihres Gartens gepflastert werden, damit er für ihren Rollstuhl und Fahrzeuge passierbar ist. Trotzdem, sagt sie, gibt es dort immer noch eine ziemliche Artenvielfalt. 

 

Grundlage eines Naturgartens sind natürlich die Pflanzen; sie stehen ganz unten in der Nahrungskette, sind die Füße, auf denen alles andere aufbaut. Die mikroskopisch kleinen grünen Chloroplasten in Pflanzenblättern fangen die Energie auf, die eine Kugel aus brennendem Wasserstoff ein paar Hundert Millionen Kilometer entfernt im Weltall abgibt. Diese Energie speichern sie in atomaren Verbindungen, als chemische Energie, zunächst in Form von Zuckern, die dann in komplexe Kohlehydrate umgewandelt werden, vor allem Stärke und Zellulose. Die Energie, die in den Blättern, Stämmen und Wurzeln der Pflanzen gespeichert ist, geht dann auf die Raupen und Schnecken über, die ihre Blätter fressen, auf die Blattläuse, die ihren Saft saugen, und auf die Bienen und Schmetterlinge, die den zuckrigen Nektar ihrer Blüten trinken. Diese Tiere werden dann von Drosseln, Blaumeisen, Spitzmäusen und Fliegenschnäppern gefressen, die selbst wiederum die Nahrung für Sperber oder Eulen darstellen. Alles vom leisen Quaken einer Kröte im Gartenteich bis zum Kreisen eines Turmfalken in luftiger Höhe wird letztlich vom Licht dieser fernen Sonne angetrieben. Wenn man zu viel darüber nachdenkt, kommt es einem vor wie ein absurd unwahrscheinliches, wackeliges Konstrukt. 

 

Jede Tierart, die sich von Pflanzen ernährt, hat in der Regel eine Vorliebe für eine bestimmte Pflanzenart und häufig sogar für bestimmte Teile dieser Pflanze. Die Ilexminierfliege etwa verbringt ihre gesamte Entwicklung – also etwas weniger als ein Jahr – unter der Oberhaut eines Ilexblattes. Dort gräbt sie einen typischen bräunlichen Gang und schlüpft schließlich zum Ende des Frühlings als winzige gelbliche Fliege. Man findet sie nie auf anderen Pflanzenarten oder an anderen Stellen eines Ilex-Buschs. Die Raupen des Aurorafalters fressen am liebsten die Schoten vom Wiesenschaumkraut und lassen sich zur Not auch auf die von Knoblauch oder Weg-Rauke ein, verschmähen aber die meisten anderen Kreuzblütler und können sich etwas anderes gar nicht vorstellen. 284 verschiedene Insekten ernähren sich von je einem bestimmten Teil einer Eiche; Gallwespen, Schildläuse, Blattläuse, Nachtfalter- und Schmetterlingsraupen, Schaumzikaden, Rüsselkäfer, Bockkäfer und viele mehr. Jedes Insekt ist dabei meist auf einen bestimmten Pflanzenteil als Nahrung spezialisiert, und auf einen bestimmten Zeitpunkt im Jahr – die Energievorräte, die der Baum anlegt, werden so auf Unmengen winziger Tierchen aufgeteilt. Die Raupen des Blauen Eichen-Zipfelfalters graben sich im Frühling in die Knospen hoch oben in den Wipfeln, während die des Eichenwicklers in Röhren leben, die sie aus älteren Blättern wickeln und mit Seide zusammenkleben. Unterdessen graben sich die Larven des Eichelbohrers still und leise ihre Tunnels durch die Eicheln. So gehen die Insekten dem Wettbewerb untereinander weitgehend aus dem Weg, weil jedes seine eigene kleine Nische besetzt.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlages aus Dave Goulson, Wildlife Gardening. Die Kunst, im eigenen Garten die Welt zu retten. Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke, mit Illustrationen von Nils Hoff, © 2019 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München


Die Würde des Lebens ist unantastbar

seji hwang auf pixabay.com
seji hwang auf pixabay.com

Autor: Claus Eurich

 

 

In der modernen Welt hat sich der Mensch ins Zentrum allen Geschehens gerückt. Er ist sich selbst der einzige und letzte Maßstab geworden. Der technische Fortschritt und der teilweise unermessliche Reichtum wurden mit der schonungslosen Ausbeutung der Lebensgrundlagen und der natürlichen Ressourcen bezahlt. Das nichtmenschliche Leben geriet in diesem Prozess zur reinen Verfügungsmasse für menschliche Konsumbedürfnisse und den Ruf nach immer mehr. So hat ein gewaltiges Artensterben begonnen.

 

Die großen Verfassungen auf dieser Erde haben dies befördert. Dies gilt auch für das ansonsten großartige Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Der Mensch alleine ist hier Ausgangs- und Zielpunkt der Orientierung. Würde kommt alleine ihm zu. Einklagbare Rechte werden im Wesentlichen nur ihm zugesprochen. Seine Vermehrung und seine Bedürfnisse stehen außer Frage.

 

Heute sehen wir nicht nur, sondern wir beginnen zu spüren, welche Folgen diese Selbstbezüglichkeit hat. Nicht nur der Mensch, das Leben an sich auf diesem Planeten steht am Scheideweg. Früh hat der Urwaldarzt, Philosoph und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer diese verheerende Entwicklung erkannt und ihr eine Ethik des Lebens gegenübergestellt. Sie respektiert, dass der Mensch Leben ist, das leben will - aber eben immer inmitten von vielfältigem Leben, das gleichfalls leben will. Die Verantwortung und Aufgabe des Menschen und der Menschheit insgesamt ist es danach, Leben zu fördern, zu bewahren und zu pflegen. Dieser Dienst am Leben ist zugleich der größte Dienst, den der Mensch sich selber leisten kann. Denn nur dann wird er im Netzwerk des Seins überdauern. Das setzt allerdings voraus, dass wir Menschen uns zunächst unserer eigenen Würde und der eines jeden Menschenwesens wahrhaft bewusst werden, diese in Tiefe respektieren und sie leben.

 

Menschenrechte rücken durch die Lebensrechte also nicht in die zweite Reihe, sondern erhalten eine noch größere, und den Menschen überstrahlende Tiefe. Wir plädieren deshalb dafür, der Präambel des Grundgesetzes einen neuen und vertieften Ausgangspunkt zu geben. Statt: Die Würde des Menschen ist unantastbar soll es zukünftig lauten:

Die Würde des Lebens ist unantastbar!

 

Prof. Dr. Claus Eurich ist Philosoph, Publizist, Kontemplationslehrer, Professor für Kommunikation und Ethik.

Zum Blog: http://www.interbeing.de/blog-aktuelles/ 


Archiv Nachhaltigkeit 2019


Herbst 2019


Klimazerrüttung - von Fred Hageneder

© HardyS - www.pixabay.com
© HardyS - www.pixabay.com

Textauszug aus dem Buch „Happy Planet“, Neue Erde Verlag, 2019

 

Smoke and Mirrors: Strategien der Desinformation

 

Konzerne

 

Eine Klimastudie, die als »vertraulich« eingestuft und dem Vorstand von Shell Oil vorgelegt wurde, stellte klar und unmissverständlich fest, dass die CO2-Emissionen durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe den Planeten erhitzen würden. Shell fasste zusammen, dass »die Veränderungen die größten in der Geschichte sein könnten«, und listete Auswirkungen auf, wie den Rückgang der Polkappen, den Anstieg des Meeresspiegels (möglicherweise bis zu fünf bis sechs Meter), das Verschwinden bestimmter Ökosysteme, die Zerstörung von Lebensräumen, zunehmende Probleme mit der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und Trinkwasser, den Rückgang des Wohlstands in verschiedenen Teilen der Welt und die unvermeidbare Massenmigration.* Dieser interne Shell-Bericht ist von – 1986.*

Er war nicht der erste seiner Art. Ein interner Exxon Mobile-Bericht von 1982* prognostizierte, dass sich der globale CO2-Gehalt – ausgehend von seinem vorindustriellen Niveau – bis 2060 auf 560ppm (parts per million) verdoppeln und die Durchschnittstemperaturen des Planeten um etwa 2°C anheben würde.* Der richtige Schritt wäre gewesen, Regierungen und Öffentlichkeit zu informieren. Aber stattdessen »erkannten die Ölfirmen, dass ihre Produkte CO2 in die Atmosphäre einbringen und dies zu einer Erwärmung führen würde, und sie berechneten die wahrscheinlichen Folgen. Daraufhin haben sie sich entschieden, diese Risiken einzugehen – in unserem Namen, auf unsere Kosten und ohne unser Wissen«, sagt Benjamin Franta in The Guardian und fragt: »Wer hat das Recht, einen solchen Schaden vorherzusehen und dann die Prophezeiung selbst zu erfüllen?«*

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Wenn der Funke überspringt

Martin Kirchner und Jane Goodall
Martin Kirchner und Jane Goodall

Martin Kirchner, Mitgründer der „Pioneers of Change“ hat im Rahmen des Pioneers of Change Online Summit im März 2019 Interviews mit über 100 herausragenden Pionier*innen geführt – über den Wandel unserer Gesellschaft und was das mit uns zu tun hat. Irmgard Stelzer (TAU-Magazin) hat ihn getroffen und ein Gespräch mit ihm geführt.

 

Der Online Kongress zu Gesellschafts- und Bewusstseinswandel für Querdenker 

Die Themen waren: Zukunftsalternativen zum globalen Wandel, Inspiration zur persönlichen Potentialentfaltung, Visionen von 33 internationalen Experten. Verhaltensforscherin Jane Goodall, Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie Christian Felber, System-Wandel-Experte Otto Scharmer und viele mehr boten in einstündigen Video-Interviews Einblicke in ihre Berufung und ihr Leben. 

Die Links zu den Speaker*innen des Online-Summits findet ihr hier: https://pioneersofchange-summit.org/ (etwas runterscrollen).

 

 

TAU: Was haben die vielen Geschichten mit dir gemacht?

Martin: Zuerst hab ich mir gedacht: „Mein Gott, ich mach halt einfach Interviews.“ Mit der Zeit hab ich dann aber gemerkt, dass mich diese besonderen Begegnungen tief berühren und mich auch als Mensch verändern. Dass ich innerlich wachse, indem ich offen, präsent und innerlich zugewandt mit meinen persönlichen brennenden Fragen in Dialog gehe.

Mit der Zeit konnte ich auf manche Aussagen von Menschen zugreifen, hatte Schlüssel- Zitate präsent. Neben dieser kognitiven Ebene – also was diese „gscheiten“ Menschen alles sagen – gibt es aber noch eine andere Ebene: Durch diese teilweise wirklich emotionalen Begegnungen entstand bei mir tiefe Berührtheit, es sprang ein Funke über.

Ich habe das auch bei den Pioneers of Change immer wieder erlebt, dass das Wesentliche unsichtbar passiert. Im tibetischen Buddhismus gibt es das Konzept von „Transmission“. Da wird etwas übertragen, man dockt an einem Feld an und schwingt mit. Es sind nicht bloß die Worte, die wir sprechen, sondern etwas geht auf einer unsichtbaren Ebene auf mich über, dadurch, dass da jemand dasteht und etwas verkörpert.

Eine Geschichte zum Beispiel, die lang in mir nachgeschwungen ist: Tobi Rosswog erzählt, wie er als radikal liebevoller Aktivist unterwegs ist, u. a. im Hambacher Forst. Wie er den Polizistinnen und Polizisten liebevoll begegnet, z. B. wenn er verhaftet wird.

Von Nicole Lieger hatte ich vor vielen Jahren schon einen Schlüssel-Gedanken dazu bekommen: „Das sind nicht ‚die und wir‘, ‚die Bösen und wir, die recht haben‘ – das sind ‚diejenigen von uns‘, die in diese Rollen geraten sind, die ihnen auch nicht unbedingt taugen.“

Die Geschichte von Tobi schwingt dann in mir nach und regt mich an zur Frage: „Wie kann ich noch radikaler werden? Wie kann ich die Haltung noch mehr in mein Leben bringen?“ Wenn ich z. B. auf die „Extinction Rebellion-Bewegung“ schaue und höre und lese, wie die das angehen – nach Gandhi und Martin Luther King –, das kann ich dann mit dem Gefühl in Verbindung bringen, das ich hatte, als ich mit Tobi sprach.

 

TAU: Persönlichkeiten als Vorbilder sind inspirierend – und sie können manchmal auch stressen. Ist dir das begegnet?

Martin: Ich hör immer wieder, dass Interviews mit Menschen, die keine „Big Names“ sind bzw. die ganz authentisch von ihrem Scheitern berichten, den Menschen so unheimlich gut tun.

Zum Beispiel hab‘ ich ein Interview mit Ben Paul geführt. Der hat die Uni geschmissen und war dann als Bildungsrebell unterwegs und wurde in jungen Jahren ein sehr erfolgreicher Blogger, Online-Unternehmer und hielt vor tausenden Menschen Vorträge. Ja und dann hat er alles hinter sich gelassen, ALLES!

Sein Interview hat die allermeisten Kommentare gekriegt, wie er da von seiner Metamorphose geredet hat, vom Loslassen von Sicherheiten und Vorstellungen, von Traumata, die ihn angetrieben hatten, sogar von Suizidgedanken, von Heilung in der Dunkelheit. Solche Interviews wie das mit Ben helfen den Menschen zu sehen : „Ok, denen geht’s auch so wie mir. Die sind alle nicht perfekt.“

Diese unperfekte, offene Menschlichkeit ist eine Qualität, die ich auch verkörpere und so auch immer reinzubringen versuche. Gerade Menschen, die viel erreicht haben oder viel bewegen, sind durch schwierige Phasen durchgegangen – das sind eben nicht nur die gülden glitzernden Erfolgsstorys.

Und natürlich fordert mich die Begegnung mit Vorbildern immer wieder auch persönlich. Eine Geschichte dazu: Ich hab einen Lieblingshelden, Rob Hopkins, Gründer der Transition Town Bewegung, vor dem hab ich großen Respekt. Nach einem Jahr intensiver Bemühungen ist es mir wirklich gelungen, dass er für ein Interview zugesagt hat. Das Gespräch war relativ lang, weil ich noch so viele Fragen gehabt hatte und nicht aufhören wollte. Es war dann schon wirklich genug für ihn.

Ich bin dann ausgestiegen mit so einem Gefühl von „er mag mich nicht“ und in einen starken Prozess hineingekommen, wo dieses Gefühl da war, klein zu sein, nicht gut genug zu sein. Wo ich mich sehr zerbrechlich gefühlt hab. Es war ein tief emotionaler Prozess, wo ich dann wunderbar von meiner Frau Petra begleitet worden bin. Ich hab die Emotionen da sein lassen und bin mit ihr durchgegangen. Das ist für mich Teil meines Transformations-prozesses mit dem Summit, dass ich mich dem wirklich stelle und spüre, was da zu spüren ist. Dazu hab‘ ich dann ein Video gemacht, wie‘s mir dabei geht, und dass mich das irgendwie trifft. Und dass ich gleichzeitig auch dastehe und sage: „Ich will nicht warten, bis ich perfekt bin, bevor ich was anfange. Ich will da anfangen, wo ich bin.“ Das Video hat dann am allermeisten Resonanz gehabt, ist richtig viral gegangen, denn wir alle kennen das, dass wir uns nicht trauen, weil wir Angst vor Kritik haben. Nun, ich lerne durch das Tun dazu, bin schon viel „beholfener“.

 

TAU: Was ist die Geschichte, die du, Martin Kirchner, gerne erzählen möchtest auf dieser Welt? An die du glaubst oder an die du gerne glauben möchtest?

Martin: Das ist eine gute Frage – „an die du gerne glauben möchtest“… denn es ist eine Entscheidung! Wir wissen nicht, ob wir als Menschheit auf den totalen Kollaps zurasen oder ob wir doch die Kurve kriegen, wie‘s Rob Hopkins kürzlich bei seinem Vortrag in Wien gesagt hat: „What if everything turns out well?“

Es ist nicht wurscht, welche Geschichte wir uns erzählen. Insofern entscheide ich mich für die Geschichte, dass wir als Menschheit in einer zunehmenden Bewusstwerdung und Wiederverbindung sind. Dazu gibt’s die Perspektive von Sri Aurobindo (Indischer Freiheitskämpfer und Guru): Im Vergleich zu dem, was wir Menschen einmal sein werden, sind wir jetzt sozusagen im Status von Affen. Er hatte eine Entwicklungsperspektive von vielen 100 oder 1000 Jahren, er erwartete nicht, dass in unserer Lebenszeit großartig der „Aufstieg in die nächste Dimension“ stattfindet. Und gleichzeitig ist für meine Geschichte, die ich mir erzähle, die Möglichkeit von plötzlichen Umbrüchen und kollektiven Entwicklungssprüngen aufgrund eines Bewusstseinswandels wichtig.

Die Chaostheorie sagt, dass wir in einem dynamischen Equilibrium leben, wo es einen Punkt geben kann, an dem es plötzlich „umschnalzt“ auf eine andere Ebene, wo sich plötzlich ganz viel verändert. ..Ich sehe auch, dass sich vor einem plötzlichen Wandel die Veränderung unsichtbar aufgebaut hat – unter dem Radar der Medien. Da zähl ich TAU und die Pioneers of Change mit dazu, die wir eine kritische Masse mitaufbauen, die an so einem „Um- schnalzpunkt“ wirksam werden kann.

Ich erzähl mir also: „Ganz viel ist möglich!“ Und wer weiß, wenn Fridays for Future und Extinction Rebellion-Bewegung richtig stark werden, ob dann nicht doch radikalere Systemveränderungen möglich werden, von denen wir heute noch nicht zu träumen wagen.

 

Der nächste Online-Summit findet voraussichtlich im März 2020 statt. Infos unter https://pioneersofchange.org/blog/ .

 

Wir bedanken uns herzlich beim TAU-Magazin für die Überlassung des Interviews. Mehr zum TAU-Magazin ...

 


Sommer 2019


5 Jahre Initiative Bedingungsloses Grundeinkommen in Oldenburg

Autorinnen: Petra Keup, Barbara Kosuch

 

BGE - unsere Chance für eine gute Zukunft!

 

Bei den Oldenburger Zukunftstagen im Mai 2014, mit dem Thema: Ideen – Visionen – Projekte, gründete sich die Initiative Grundeinkommen Oldenburg (GE-OL), die sich seit fünf Jahren vielfältig für das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) engagiert. 

Zunächst war das BGE eine Idee, eine Vision, doch heute ist es bereits ein Projekt, an dem in verschiedenen Regionen, in Deutschland, in Europa, immer mehr Menschen arbeiten, es in die Tat umzusetzen. 

Das BGE wird heute von vielen als Chance für jeden einzelnen Menschen und damit auch für neue Innovationen im gesellschaftlichen Miteinander gesehen. Statt Demütigungen, Ausgrenzungen und Überwachung durch das Hartz4-Jobcenter- System, fördert es Freiheit und Würde und macht es möglich, der Gesellschaft neue Entwicklungsimpulse zu schenken.

Diese Idee des BGE aus den verschiedensten Blickwinkeln – Freiheit, Gesellschaftswandel, Philosophie, Finanzierung, soziale und menschenwürdige Gerechtigkeit, Politik etc. – anzuschauen und in die Gesellschaft zu tragen, ist das Anliegen der Initiative GE-OL.

 

Der sehr aktive Mitgliederkern der Initiative ist mittlerweile auf ganz unterschiedlichen Ebenen zum Thema unterwegs. Regional und in der Stadt Oldenburg gab es bereits viele Veranstaltungen, wie Lesungen und Gespräche, Filmvorführungen, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, Aktionen und Infostände.

 

Doch auch überregional wirkt die Gruppe mit Netzwerktreffen und Kontakten zu anderen Initiativen z. B. der Initiative bedingungsloses Grundeinkommen in Kassel und dem niederländischen Netzwerk Vereniging Basisinkomen in Groningen.

 

Bei den vielen Veranstaltungen der Initiative, auf denen Menschen zum Thema BGE ins Gespräch kommen, wird immer wieder deutlich: Die Finanzierung eines BGE ist gar nicht das zentrale Problem sondern es sind die Denkblockaden in den Köpfen der Menschen und die veralteten politischen Denkstrukturen sowie deren dahinter stehenden Menschenbilder. 

Ein gesellschaftlicher Wandel ist dringend nötig, doch der Wandel kann nur mit einem neuen Denken vollzogen werden. Ein Zitat von Albert Einstein mag uns alle beim Aufwachen helfen: „Wir können unsere Probleme nicht mit dem gleichen Denken lösen, mit dem wir sie erschaffen haben.“

Es geht darum, nicht immer nur Symptome anzuschauen und beheben zu wollen, sondern wir müssen einen Blick auf die Ursachen werfen. Nicht immer nur gegen Symptome rebellieren sondern die tieferen Ursachen erkennen und bewusst machen. Erst so kann ein anderes Handeln möglichen werden und eine Wandlung zum Guten für Alle gelingen.

 

Stellen Sie sich doch einmal folgende Fragen und diskutieren Sie diese mit Menschen in Ihrem Umfeld:

 

1. Was würde sich mit einem BGE gesellschaftlich positiv verändern?

 

2. Was würde ein BGE für die Demokratie in Europa bedeuten?

 

3. Was würden Sie tun, wenn Sie auf Dauer ein bedingungsloses Grundeinkommen hätten? 

  • Weiterarbeiten wie bisher 
  • Weiterarbeiten, aber in einem anderen Bereich (Nämlich:………………….)
  • Die Arbeitszeit grundsätzlich reduzieren.
  • Endlich die Selbständigkeit wagen.
  • Mich beruflich weiterbilden (neue Ausbildung, neues Studium….)
  • Mich im Sozialen engagieren.
  • Mich in der Kultur engagieren.
  • Mich politisch engagieren.
  • Entspannen, reisen, die Seele baumeln lassen…)
  • Eine Auszeit nehmen, um ganz neue Ideen zu entwickeln.
  • Ich werde ……………………………………………….

Gerne können Sie uns Ihre Antworten zu der Frage auch zusenden!

 

Die Initiative GE-OL trifft sich in der Regel jeden letzten Dienstag im Monat um 18 Uhr im Gemeinderaum der Sophienkirche in der Ulmenstraße. Wer sich für das BGE engagieren oder die Veranstaltungen der Initiative finanziell unterstützen möchte, ist herzlich willkommen. 

 

www.grundeinkommen-oldenburg.de 

grundeinkommen-oldenburg@t-online.de 

 


Abschied von der Illusion der Berechenbarkeit

Foto: Ekaterina Simonova
Foto: Ekaterina Simonova

Autorin: Petra Beier

 

Verkörperte Spiritualität als integraler Bestandteil einer zukunftsfähigen Wirtschaft

 

Vom 3. bis 6. Oktober 2019 findet in Kirchzarten bei Freiburg der Kongress „WIRTSCHAFT UND SPIRITUALITÄT – Unternehmerischer Erfolg und Mitmenschlichkeit“ statt. Eine Pionierleistung der Veranstalter mit Hoffnung auf eine integrative Unternehmenskultur, die Wirtschaftlichkeit, globale Verantwortung, Sinnhaftigkeit, Würde und menschliche Wertschätzung gleichermaßen beinhalten kann. 

 

Über 30 Vertreter erfolgreicher Unternehmen und hochkarätige Berater (u.a. aus dem Hause McKinsey & Company, Lufthansa und Weleda), bekannte Lehrende, Kreativitätsforscher, Philosophen und Coaches (u. a. Dr. Franz Alt, Prof. Dr. Claus Eurich, Thomas Hübl) haben ihre Teilnahme zugesagt und wollen in Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden als Impulsgeber für eine mitmenschlichere Unternehmenskultur mit Teilnehmenden in Austausch kommen. Aber was treibt sie an?

 

Der erfahrene Unternehmensberater und Coach Hans-Jürgen Lenz, der den Kongress zusammen mit dem IAK-Forum International auf die Beine stellt, sagt: „In unserer Arbeit mit Tausenden von Menschen, von Friseursalons bis zu Großkonzernen begegneten wir vielen Menschen, die, wenn wir ihnen in die Augen schauten, innerlich leer wirkten und nicht wirklich von ihrem Tun erfüllt waren. Es hatte den Anschein, als wäre niemand mehr zu Hause. Menschen, die nur noch funktionieren, sind wie Bioroboter. Oft sind wir Unternehmenskulturen begegnet, die ausschließlich von Effizienz, Konkurrenz, Regeln, Egoismus und Gewinnmaximierung geprägt waren und deren Führungskräfte darüber ganz vergessen hatten, dass sie mit Menschen zusammenarbeiten.“

 

Die Krise der irrlichternden Ratio

 

Seit der Aufklärung folgen wir gesamtgesellschaftlich einer dem kaufmännischen Denken entsprungenen, allgegenwärtig suggerierten Berechenbarkeit, und entsprechend hat jedes Ding in unserer Gesellschaft seinen Preis: Naturwissenschaftliche Kreativität und Forschungsfinanzierung sind fundamental verknüpft. Gier, Aggression und Verblendung - die „drei Geistesgifte“ in der buddhistischen Ethik - begegnen uns als kulturell etabliertes Profitstreben, Konkurrenzdenken und Geldillusion. 

 

Der Kongress will unternehmerisches Bewusstsein dafür schaffen, dass Menschen sich nicht auf Rechenautomaten reduzieren lassen. Unsere innere Rebellion gegen unsere Programmierung auf „Markttauglichkeit“ und unsere unerfüllte Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit spiegeln sich immer häufiger in Burnout und seelischen oder psychosomatischen Erkrankungen. Was uns durch das rationale Fenster als Makel erscheint, ist aus einer beseelten höheren Perspektive ein „gesunder“ Hilferuf unserer menschlichen Natur.

 

Auch kulturell und global wird die Illusion der Berechenbarkeit seit einigen Jahren immer offenkundiger. Die gesamte Natur ist anders als das, was durch die mathematische Brille erscheint. Dieses Andere zeigt sich immer, wenn die Rechnungen versagen: 

 

Fake-Science, Klimaveränderungen, Naturkatastrophen und Finanzcrashs, Kunst als Ware und entmenschlichtes Unternehmertum markieren die tiefe Krise der irrlichternden Ratio.

 

„Die Größe des Problems verlangt langfristig eine große Lösung“, erläutert Prof. em. Dr. Karl-Heinz Brodbeck, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativitätstechniken. Er hält auf dem Kongress einen Vortrag und gibt anschließend einen Workshop zum Thema „Das Wesen des Geldes aus der Sicht des Buddhismus“. Brodbeck hat zahlreiche Bücher und Schriften, u. a. zum Thema „Geld als Denkform“ und „Buddhistische Wirtschaftsethik“ veröffentlicht. Er sagt: „Eine solche fundamentale Reform lässt sich nicht mit den Mitteln der Vergangenheit bewerkstelligen. Es geht nicht um die Wiedereinführung des Tauschhandels, nicht um neue Etiketten für alte Interessen, sondern um eine grundlegende Reform des Denkens! 

 

Wir brauchen eine ethische Durchdringung von Wissenschaft und Ökonomie von innen heraus. Wir können die Widersprüche, Grenzen und Unhaltbarkeiten etablierter Theorien durchdenkend in unser Bewusstsein bringen und die Illusion der Berechenbarkeit loslassen.“

 

Foto: rawpixel.com
Foto: rawpixel.com

Auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache

 

In einer Welt, in der das Geld zur neuen Religion geworden ist, gilt es, sich an wirkliche Wurzeln der Spiritualität zu erinnern, doch nicht nur in der Wirtschaft gibt es gegenwärtig noch viele Vorurteile gegenüber Spiritualität, vielmehr sind die Vorbehalte auf beiden Seiten groß. Blandina Kalmbach, Geschäftsleitung IAK-Forum International, sagt: „Auch in spirituellen Kreisen gibt es nach wie vor tiefe Berührungsängste mit der Wirtschaft, und es ist in vielen Fällen eine Frage des Selbstbewusstseins. Wir beobachten oft eine innere Haltung, die der Wirtschaft wie selbstverständlich ein Übergewicht an Kompetenz zuschreibt, und die davon ausgeht, dass es ohnehin keine gemeinsame Sprache geben kann.“

 

Es geht also nicht nur um gegenseitige Toleranz, sondern auch darum, selbstbewusst aus der Esoterik-Ecke herauszukommen? „Absolut!“, sagt Kalmbach, „es gibt inzwischen vereinzelt Engagement dafür, Bewusstseinstechniken in die Wirtschaft einfließen zu lassen, aber dafür braucht es mutige, selbstbewusste Führungskräfte, die aufhören, in Paralleluniversen zu denken und integrative Ansätze vorleben. 

 

Es geht um eine lebendige, zeitgemäße Spiritualität, die keine Flucht vom Marktplatz, kein Paralleluniversum und keine Privatsache ist, sondern ein integraler Bestandteil einer gesunden Unternehmenskultur. 

 

Es bedeutet das Hineinwachsen in ein mitmenschliches, zukunftsfähiges Unternehmertum, das Spiritualität nicht abspaltet, sondern Bewusstsein, Sinnhaftigkeit und Würde in den wirtschaftlichen Alltag integriert. Wir brauchen mehr Unternehmer, die sich dafür öffnen, und wir brauchen mehr spirituell erwachsene Führungskräfte, die den integralen Ansatz selbstbewusst verkörpern und in die Welt tragen.“ 

 

Dr. Jens Riese, Senior Partner McKinsey&Company and Senior Expert Mobius Leadership, Executive Coach und Trainer, ist eine solche Führungskraft und einer der Hauptredner beim Kongress. Er erläutert: „Fast alle Manager, die ich berate, stellen sich früher oder später Fragen nach dem Sinn ihres Daseins und ihrer Arbeit. Die Top Talente zieht es zu Firmen, die sich an höheren Werten orientieren. Ethische Erwägungen werden angesichts unserer enormen technischen Fähigkeiten in der Biotechnologie und artifiziellen Intelligenz in der Wirtschaft plötzlich sehr praktisch. All das sind für mich spirituelle Fragen. Die Antworten lassen sich nicht rein analytisch ableiten. Aber sie stehen auch nicht in den alten Schriften. Deshalb ist es wichtiger als je zuvor, Spiritualität und Wirtschaft zusammenzubringen. Im Dialog, als gemeinsame Praxis. Ich freue mich, dass der Kongress einen wichtigen Schritt in diese Zukunft zeigt.“

 

Referenten und Workshopgeber beim Kongress „Wirtschaft und Spiritualität“: https://www.freiburger-forum.com/referenten/  

 

Weitere Infos: https://www.freiburger-forum.com  - siehe auch unter Veranstaltungen

 


PETA – Menschen für ethischen Umgang mit Tieren

Foto: PETA USA
Foto: PETA USA

Quelle: https://peta50plus.de/

 

Was bedeutet der Name PETA? Erfahren Sie, wofür PETA steht und worum es der weltgrößten Tierrechtsorganisation in ihrer Arbeit geht.

 

Ich bin du – nur ein wenig anders.

Der Mensch zieht provisorische und willkürliche Grenzen, um Lebewesen, die sich von ihm unterscheiden, von sich abzutrennen. In der fehlerhaften Annahme, dass jene, die anders sind als wir, nicht leiden und in moralischer Hinsicht nicht berücksichtigt werden müssen, haben wir Kriege, Versklavung, sexuelle Gewalt und militärische Eroberungen gerechtfertigt.

 

Diese menschengemachten Grenzen haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder verschoben. Heute erinnern wir uns mit Entsetzen an die Gräuel, die wir anderen angetan haben, die einst als Außenseiter galten: die Vernichtung des jüdischen Volkes durch die Nazis, die Versklavung von Millionen Afrikanern durch amerikanische Plantagenbesitzer und die Ermordung von Christen zur Unterhaltung von römischen Zenturios. Heute ist die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Rasse, der Religion, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung gesetzlich verboten. Doch es ist gerade einmal 100 Jahre her, dass Menschen, die in den Augen der Mächtigen anders waren, gefoltert, ausgebeutet und getötet wurden. 

 

Es gab Zeiten, in denen jene, die an der Macht waren, behaupteten, Jugendliche oder dunkelhäutige Menschen würden keine Schmerzen empfinden. Es gab Zeiten, in denen jene, die an der Macht waren, glaubten, dass Gott ihnen ihre Vorherrschaft verliehen habe. Unsere heutige Gesellschaft weiß, dass kein Mensch das Recht hat, andere Menschen aus irgendeinem Grund zu vergewaltigen, zu quälen oder zu versklaven. Wir vertreten die gemeinsame Überzeugung, dass jeder Mensch einen grundlegenden Wert besitzt und wir schätzen unsere Unterschiede.

 

Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. 

Diese Goldene Regel lernen wir schon als Kinder. Alle großen Weltreligionen lehren Werte wie Gewaltlosigkeit und Barmherzigkeit. Martin Luther King Jr. sagte: „Wenn irgendwo ein Unrecht geschieht, ist die Gerechtigkeit überall in Gefahr.“ Die goldene Regel der ethisch verantwortlichen Behandlung muss für alle Lebewesen gelten – auch für Reptilien, Säugetiere, Fische, Insekten, Vögel, Amphibien und Krebstiere. 

 

Würden wir unsere Kinder in Käfigen einsperren, die so klein sind, dass sie sich darin nicht bewegen können? Würden wir unsere Schwestern vergewaltigen und ihnen ihre Babys wegnehmen? Würden wir unsere Freunde absichtlich mit Krankheiten infizieren und sie dann nicht ärztlich behandeln? Natürlich nicht! Warum aber behandeln wir dann andere Lebewesen so? Wir müssen die archaische und falsche Abgrenzung des Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen aufgeben, die uns fortwährend als Rechtfertigung für das Massaker an Milliarden von Lebewesen dient. 

 

Vor mehr als einem Jahrhundert hat Charles Darwin aufgezeigt, dass alle Lebewesen der Erde einst gemeinsame Vorfahren hatten. Alle Lebewesen wollen leben. Wir alle fühlen Schmerz, Freude, Trauer und Lust. Jedes Lebewesen hat einen eigenen Wert.

 

Tiere sind nicht dazu da, dass wir sie essen, dass wir sie anziehen, dass wir an ihnen experimentieren, dass sie uns unterhalten müssen oder dass wir sie auf andere Weise ausbeuten oder misshandeln.

 

Alle Lebewesen wollen frei sein und ein Leben führen, das ihren natürlichen Bedürfnissen und Instinkten entspricht. Auch wenn jedes Geschöpf auf dieser Erde in seinem Leben unweigerlich ein gewisses Maß an Leid erfährt, muss der Mensch damit aufhören, allen anderen Lebewesen für seine eigenen egoistischen Zwecke bewusst Leid zuzufügen. Es macht für uns keinen Unterschied, ob wir statt eines Cheeseburgers einen Veggieburger essen oder ob wir einen Geldbeutel aus Kunstleder statt aus Leder kaufen. Die Lebewesen hingegen, die wir ausbeuten, sie bezahlen unseren flüchtigen Genuss oder unsere selbstsüchtigen Vorlieben mit ihrem Leben. 

 

Wir lernen von klein auf, verschiedene Lebewesen unterschiedlich zu behandeln und wachsen in dem Irrglauben auf, es sei in Ordnung, das Fleisch einiger Lebewesen zu essen, die Schreie gejagter Lebewesen zu ignorieren und mit pelzigen Tierbabys zu kuscheln. Wir entwickeln eine konfuse Denkweise. Dies führt dazu, dass die meisten von uns als Erwachsene Abscheu und Betroffenheit empfinden, wenn wir sehen, wie andere Lebewesen gequält und getötet werden. Dennoch kaufen und konsumieren wir tagtäglich das Fleisch, das Fell, die Ausscheidungen und die Haut anderer Lebewesen. Wir geben uns größte Mühe, uns selbst und andere zu täuschen, um die illusorische Grenze zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen aufrechtzuerhalten. 

 

Drohender wirtschaftlicher Kollaps, der starrköpfige Anspruch auf angestammte Rechte, die beharrliche Weigerung, althergebrachte Gewohnheiten zu verändern. Im Laufe der Geschichte wurden solche unzulänglichen Ausreden immer wieder vorgebracht – und letztlich für ungültig erklärt. Bei jeder neuen Verschiebung von Grenzen werden die Befürworter, die Abolitionisten oder die Befreier für ihre Forderung nach Gleichberechtigung zunächst verhöhnt und in Verruf gebracht. Doch irgendwann werden die überlieferten Lügen stets als solche entlarvt und die Freiheit siegt – die Freiheit für Frauen, Schwarze, Christen, Schwule und Lesben, Asiaten, Iren, Katholiken oder Juden. Nun ist es an der Zeit, dass diese Freiheit endlich alle Lebewesen dieser Erde umfasst.

 

Wir sind alle Tiere.

Der Mensch verfügt über keine oder allenfalls nur wenige einzigartige Fähigkeiten. Es gibt viele Lebewesen, die eine Sprache erlernen, komplexe soziale Beziehungen eingehen, zum Wohl der Gemeinschaft auf eigene Wünsche verzichten, Werkzeuge verwenden, sich Dinge vorstellen und träumen können. Es gibt viele Lebewesen, die sich an bestimmte Informationen erinnern können, mit ihren Freunden spielen, Intimität genießen, sich unterhalten und um ihre Verstorbenen trauern. Manche Lebewesen verfügen über Fähigkeiten, die unsere eigenen bei Weitem überragen – sei es im Bereich der Navigation oder hinsichtlich von Ausdauer, Kommunikation oder der Früherkennung von Naturereignissen. Noch wissen wir nicht genau, wie alle Lebewesen denken bzw. was sie denken. Aber ihre Gedankenwelt als weniger entwickelt, weniger rational, weniger ethisch oder weniger intelligent als unsere abzutun, ist eindeutig ein Fehler. 

 

Kein Lebewesen hat es verdient, misshandelt zu werden – ganz gleich, über welche Fähigkeiten es verfügt. Wir wissen alle, dass es falsch ist, Kinder oder behinderte Menschen zu quälen, nur weil sie nicht über die gleichen Fähigkeiten wie Erwachsene verfügen. In gleicher Weise haben alle Lebewesen dieser Erde ein Recht auf Freiheit und Respekt – nicht etwa, weil sie über Fähigkeiten verfügen, die wir bewundern, sondern einfach, weil sie Lebewesen sind. Wir alle haben die gleichen evolutionären Wurzeln, wir alle leben auf der gleichen Erde, und wir alle unterliegen den gleichen Naturgesetzen. Wir sind alle eins.

 

Homepage: https://peta50plus.de/ 

 


Frühjahr 2019


Das Leben wählen

Foto ©: Free fotos - pixabay.com
Foto ©: Free fotos - pixabay.com

Von Joanna Macy und Molly Brown

Joanna Macy und Molly Brown möchten dazu ermutigen, eine ökologisch-spirituelle Transformation im eigenen Leben und mit anderen Menschen in Gang zu setzen – für das Wohl aller fühlenden Wesen und dieser Erde, die unser einziges Zuhause ist.

 

Wir können das Leben wählen. Sogar im Angesicht der weltweiten Klimakatastrophe, der weltumspannenden radioaktiven Verseuchung, von Fracking, dem Abtragen der Berggipfel zur Steinkohlegewinnung, der Ölsandgewinnung, den Tiefseebohrungen und genetisch veränderten Lebensmitteln – wir können das Leben immer wählen. Wir haben noch immer die Möglichkeit, zum Wohle einer lebenswerten Welt zu handeln.

 

Entscheidend ist, dass wir uns Folgendes klarmachen: Wir können unsere Bedürfnisse erfüllen, ohne unser lebenserhaltendes System zu zerstören. Denn wir haben das Wissen und die technischen Möglichkeiten, so zu handeln. Wir haben das Können und die Ressourcen, um ausreichende Mengen von natürlicher, unveränderter Nahrung zu erzeugen. Auch wissen wir, wie wir saubere Luft und sauberes Wasser bewahren können. Wir sind fähig, Energie aus Sonne, Wind, Wasser, Algen und Pilzen zu erzeugen. Wir haben Methoden zur Geburtenkontrolle, um das Wachstum der menschlichen Population zu verlangsamen, um schließlich eine Verringerung zu bewirken. Wir haben die technischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, um Waffen unschädlich zu machen, Kriege zu verhindern und jedem eine Stimme im Prozess demokratischer Selbstbestimmung zu geben. Wir können unsere moralischen Wertvorstellungen darin üben, unseren Lebensstil und Konsum in Einklang mit den Lebenssystemen der Erde zu bringen. Alles, was wir brauchen, ist der kollektive Wille dazu. (...)

 

In dieser Erden-Zeit das Leben zu wählen ist ein mächtiges Abenteuer. Wie Menschen überall entdecken, entfacht dieses Abenteuer mehr Mut und Solidarität als irgendeine Militärkampagne. Zahllose Menschen sind dabei zu organisieren, zu lernen, Aktionen durchzuführen. Es sind Schülerinnen und Schüler, die Flüsse renaturieren, damit die Lachse laichen können, Stadtbewohner, die auf freien Flächen urbane Gemeinschaftsgärten schaffen, First Nations (Ureinwohner Kanadas), die die Ölproduktion und den Bau von Pipelines auf dem Land ihrer Vorfahren blockieren, und Frauen auf dem Land, die Sonnen- und Wasserreinigungstechnologien in ihre Dorfgemeinschaften bringen.

 

All diese vielfältigen menschlichen Aktivitäten dienen dem Leben. Sie machen weder Schlagzeilen noch werden sie in den Nachrichten erwähnt, aber für unsere Nachkommen wird genau das wichtiger sein als alles andere, was wir tun. Schaffen wir die Veränderung von der Industriellen Wachstumsgesellschaft hin zu einer nachhaltig lebensfördernden Gesellschaft, dann ist die Welt für jene, die nach uns kommen, lebenswert. Schauen die zukünftigen Menschen dann auf diesen historischen Moment zurück, werden sie klarer als wir heute sehen können, wie revolutionär unsere Aktionen waren. Vielleicht werden sie es die Zeit des Großen Wandels nennen. Sie werden es als epochal, als bahnbrechendes Ereignis vermerken. Während die landwirtschaftliche Revolution Jahrhunderte und die industrielle Revolution Generationen benötigte, muss die ökologische-spirituelle Revolution innerhalb einiger Jahre geschehen. Ebenso muss klar sein, dass nicht ausschließlich die Wirtschaftspolitik beteiligt ist, sondern auch die Unterstützung durch veränderte Gewohnheiten, Werte und Einsichten.

 

Die größte Gefahr: Die Apathie von Herz und Verstand

 

Es ist die Zerstörung der Welt zu unseren Lebzeiten Die uns schier um unseren Verstand bringt. Das zu zerstören, was uns anvertraut wurde: Wie halten wir das aus?

Wendell Berry 

 

Indem wir an all diesen Zerstreuungen festhalten, hoffen wir, unsere Aufmerksamkeit nicht darauf lenken zu müssen, wer wir sind, nicht fühlen zu müssen, was wir fühlen, nicht sehen zu müssen, was wir sehen.

Judy Lief 

 

Der Große Wandel hin zu einer lebensfördernden Zukunft ist im Angesicht dessen, was mit unserer Welt geschieht, eine Antwort auf das, was wir sehen und fühlen. Er beinhaltet zwei Aspekte: Wir nehmen die Gefahr wahr, und wir finden Wege zum Handeln. Als bewusste Wesen sind wir mit einem Körper und mannigfaltigen Sinnen versehen, um darauf entsprechend reagieren zu können: Ohne zu überlegen springen wir aus dem Weg, wenn ein Lastwagen auf uns zurast, schütten Wasser auf ein Feuer, springen in ein Schwimmbecken, um ein Kind zu retten. Diese Fähigkeit, angemessen zu reagieren, die auch als prosoziales Verhalten bezeichnet wird, ist in der menschlichen Evolutionsgeschichte immer schon ein wesentliches Merkmal des Lebens gewesen. Sie umfasst unsere Anpassungsfähigkeit an neue Herausforderungen und die Entwicklung neuer Möglichkeiten. Sie erlaubt es ganzen Gruppen und Gesellschaften, zu überleben, solange ihre Mitglieder über die erforderlichen Informationen verfügen und in ihrem Handeln frei sind. Systemisch gesprochen, ist die Reaktion auf eine Gefahr Teil einer Rückkopplungsschleife oder eines Feedback-Prozesses, die unsere Wahrnehmung von einem Ereignis mit unserem Handeln verbindet. Situationsgerechte Antworten setzen allerdings voraus, dass solche Rückkopplungsschleifen nicht blockiert werden.

 

Das Leben auf der Erde ist in diesem Moment seiner Entwicklung so massiv und beispiellos bedroht, dass es schwer ist, damit noch fertigzuwerden. Die ernsten Gefahrensignale, die eigentlich unsere Aufmerksamkeit fesseln, unser Blut in Wallung bringen und uns im gemeinschaftlichen Handeln zusammenschweißen sollten, bewirken eher das Gegenteil. Lieber lassen wir die Rollläden herunter und beschäftigen uns mit Nebensächlichkeiten. Von unserem Wunsch nach Ablenkung profitiert eine milliardenschwere Industrie, die uns suggeriert, dass schon alles in Ordnung ist, solange wir nur dieses Auto oder jenes Deodorant kaufen. Wir essen Fleisch aus Massentierhaltung und industriell erzeugte Agrarprodukte. Dabei ignorieren wir die darin enthaltenen Pestizide, Hormone und gentechnischen Veränderungen. Wir kaufen Kleidung ohne Rücksicht darauf, wo sie hergestellt wurde, und denken lieber nicht darüber nach, ob sie vielleicht durch Ausbeutung der Arbeiterinnen in weit entfernten Ländern produziert wurde. Wir gehen nicht wählen, und tun wir es dennoch, dann wählen wir Kandidaten, von denen wir selber nicht glauben, dass sie die realen Probleme anpacken werden. Allen unseren Erfahrungen zum Trotz hoffen wir, dass sie plötzlich aufwachen und mutig handeln mögen, um uns zu retten. Ist unsere Gesellschaft tatsächlich so kaltschnäuzig und nihilistisch geworden? Hat sie damit aufgehört, sich um das Leben auf Erden zu sorgen?

 

Der Schmerz um die Welt

 

Es scheint so. Reformer und Revolutionäre prangern die öffentliche Apathie an. Um das Volk wach zu rütteln, überschütten sie es immer mehr mit grauenvollen Nachrichten und tun dabei so, als wüssten die Menschen nicht, dass unsere Welt in Schwierigkeiten steckt. In moralischem Befehlston predigen sie ihr Wissen so, als würden sich die Menschen nicht schon längst genug Sorgen machen. Ihre Warnungen und Moralpredigten veranlassen uns, die Rollläden noch weiter herunterzulassen, uns zu schützen und alles auszublenden, was zu erdrückend, zu kompliziert, zu sehr außer Kontrolle geraten ist.

 

Umso notwendiger ist es, sich dieser Apathie zu stellen, sie zu verstehen und sich ihr mit Respekt und Mitgefühl anzunähern. Apatheia kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich: Nicht-Leiden. Ausgehend von der Herkunft des Worts, bedeutet es das Unvermögen, Schmerz zu fühlen und ihn abzuwehren. 

 

Was ist das für ein Schmerz, den wir in dieser Erdenzeit fühlen – und krampfhaft versuchen, nicht fühlen zu müssen, um unempfindlich zu bleiben? Es ist etwas völlig anderes als das, was die alten Griechen damit gemeint haben. Dieser Schmerz betrifft nicht den Mangel an Wohlstand, Gesundheit, Ansehen oder geliebten Menschen, sondern er bezieht sich auf so unermessliche Verluste, dass wir es kaum fassen können. Es ist der Schmerz um die Welt. (...) In unserer bedrohten und leidenden Welt ist dieser Schmerz der Preis dafür, dass wir mit einem Bewusstsein ausgestattet sind. Dieser Schmerz ist natürlich und eine unersetzliche Komponente unserer kollektiven Heilung. (...) Wir können versuchen, uns vor dem Schmerz um die Welt zu schützen, jedoch ist der Aufwand enorm groß. Wir bezahlen einen hohen Preis dafür, dass wir unser Bewusstsein, unsere Einsichten und unsere Authentizität willentlich dezimieren. Verdrängung verschlingt eine Unmenge unserer Energie und beeinträchtigt die Mitwelt-Wahrnehmung erheblich. (...) Den Schmerz nicht fühlen zu wollen führt ebenso zu einer Abstumpfung anderer Gefühle – Liebe und Traurigkeit sind oberflächlicher, der Himmel weniger leuchtend, Freude verhaltener. (...) Zugleich beeinträchtigt die Verdrängung von Kummer und Verzweiflung unser Denken und schwächt damit unsere geistigen Fähigkeiten. (...)

 

Engagieren wir uns für das Leben auf Erden, ist unser Schmerz, der Gefühle von Angst, Wut und Trauer beinhaltet, nicht nur allgegenwärtig, sondern zugleich völlig natürlich und gesund. Dysfunktional wird er insofern erst, wenn wir ihn nicht ernst nehmen und unterdrücken.

 

Weder zusammengebissene Zähne noch der Versuch, edle und tapfere Bürger zu werden, befreien uns aus Verleugnung und Apathie. Auch Selbstvorwürfe oder das Weiterkämpfen mit zusammengekniffenen Lippen helfen uns nicht dabei, unsere Leidenschaft für das Leben, unsere wilde, ursprüngliche, schöpferische Intelligenz wiederzufinden. Die Vorstellung vom tapferen Helden gehört in das alte Weltbild des Turbokapitalismus. Die Zeit für Helden dieser Art ist nun vorbei. 

 

Das Bemerkenswerteste dieses historischen Augenblicks ist nicht die Tatsache, dass wir dabei sind, die Erde zu zerstören – denn das tun wir schon eine ganze Weile –, sondern wirklich wichtig ist unser langsames Erwachen wie aus einem Jahrtausende währenden Schlaf. Dieses Erwachen macht eine völlig neue Art der Beziehung zu unserer Erde, zu uns selbst und zu allen anderen Lebensformen möglich. Dadurch kann sich der Große Wandel entfalten.

Auszug aus dem Buch:

 

Joanna Macy & Molly Brown: Für das Leben! – Ohne Warum –

Ermutigung zu einer ökologisch-spirituellen Revolution

 

aus dem Amerikanischen von Barbara Hamburger-Langer und Gunter Hamburger

Junfermann Verlag,

Paderborn 2017

 

Bestellmöglichkeit bei Buchhandlung Plaggenborg, info@buchhandlung-plaggenborg.de oder Tel. 0441-17543


Utopia.de – Deutschlands größtes Portal für Nachhaltigkeit

Von Ulrike Plaggenborg (und Utopia.de)

 

Utopia.de ist eine unerschöpfliche Quelle für Anregungen, nachhaltiger zu leben. Das Themenspektrum ist breit gefächert, die Beiträge gut aufbereitet. Es macht immer Spaß dort zu stöbern und sich anstupsen zu lassen. Wöchentlich gibt es einen Newsletter im Abo, damit man auch nichts verpasst.

 

Die Vision: nachhaltige Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft

 

Die Menschheit steht vor großen ökologischen und sozialen Herausforderungen. Noch aber ist Nachhaltigkeit nicht oberste Priorität: weder auf der politischen Agenda noch bei der Mehrzahl der Verbraucher oder bei Unternehmen. Doch die Zeit drängt.

 

Deshalb möchte Utopia Menschen, Organisationen und Unternehmen zusammenbringen, die gemeinsam einen wirksamen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft leisten wollen.

 

Utopias Beitrag: nachhaltige Kaufberatung

 

Utopia.de möchte Millionen Verbraucher informieren und inspirieren, ihr Konsumverhalten und ihren Lebensstil nachhaltig zu verändern. Nachhaltiger Konsum wird sich nur dann auf breiter gesellschaftlicher Basis durchsetzen, wenn die Angebote attraktiv – und damit massen(markt)tauglich – sind. Deshalb macht es utopia.de den Nutzern so leicht und so attraktiv wie möglich, sich bei Produkten und Dienstleistungen für nachhaltigere Alternativen zu entscheiden.

 

Der Weg: Utopia verbindet die kompetente Kaufberatung einer unabhängigen Redaktion mit den Meinungen und Empfehlungen von mehr als 90.000 registrierten Community-Mitgliedern, die auf Utopia nachhaltige Produkte und Dienstleistungen testen und bewerten.

 

Dabei will Utopia weder belehren noch missionieren, sondern umfassend informieren. Utopia will die Menschen motivieren, den jeweils nächsten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu tun – egal wie groß oder klein dieser ist. Denn: wer einmal angefangen hat, sich mit nachhaltigem Konsum zu beschäftigen, den lässt es nicht mehr los.

 

Die Themen auf Utopia.de

 

Garten, Gesundheit, Lebensmittel, Lifestyle, Plastik, Selbermachen, Auto, Umweltschutz, Fair Trade, Gewusst Wie, Nachhaltigkeit, Vegan, Utopia von A bis Z, Beliebt auf Utopia, Ratgeber, News, Bildergalerien, Siegel. Auch der Newsletter informiert über die besten Infos, Tipps, News, Ratgeber & Kaufberatungen kostenlos per Mail.


Winter 2019


Man kann die Erderwärmung nicht wegmeditieren

Autorinnen: Birgit Stratmann und Cristina Grovu

 

Interview mit Birgit Stratmann, Mit-Initiatorin des Online-Magazins ethik-heute.org von Cristina Grovu

 

Frage: Sie nennen sich Netzwerk Ethik heute, betreiben ein Online-Magazin und organisieren Veranstaltungen. Wie kamen Sie darauf, etwas zum Thema Ethik zu machen?

 

Wir Initiatoren suchten nach etwas Verbindendem zwischen Menschen und Kulturen. Gleichzeitig wollten wir westliche und östliche Perspektiven integrieren, besonders Wissenschaft, Philosophie und Therapie auf der einen Seite, und Meditation, Achtsamkeit und innere Arbeit auf der anderen Seite. 

 

Auch waren wir inspiriert von der Idee der „säkularen Ethik“, die der Dalai Lama seit einiger Zeit promotet. Er spricht viel davon, dass Ethik wichtiger sei als Religion und bezeichnet die Ethik sogar als Schlüssel, um die vielen Probleme in der Welt zu lösen. Seine Definition ist einfach: „Andere Menschen als Brüdern und Schwestern anzusehen, darum geht es bei der Ethik.“

 

Als unser Gründungsmitglied Christof Spitz, der auch sein Dolmetscher für den deutschsprachigen Raum ist, ihm 2013 die Idee eines Ethik-Netzwerks vorstellte war der Dalai Lama begeistert. Spontan spendete er über seine Stiftung 10.000 Euro – das war unser Startkapital. Zu dem Zeitpunkt hatten wir außer einigen guten Ideen und ein paar hochmotivierten Menschen noch gar nichts. 

 

Frage: Wie kam es dann zur Gründung des Netzwerks?

 

Meine Kollegin, die Journalistin Michaela Doepke, und ich dachten zuerst daran, ein Print-Magazin zu machen. Wir haben sogar ein Pilotheft gedruckt und verteilt. Doch als wir dann über den Zahlen brüteten, haben wir die Idee verworfen. Zu teuer, zu riskant und irgendwie nicht mehr zeitgemäß. Dann entschlossen wir uns, ein Online-Magazin aufzubauen. 

 

Parallel arbeiteten Christof Spitz und die anderen beiden Gründungsmitglieder, die Organisationsentwicklerin Uta Frahm und Beate Ludwig, Inhaberin einer Kommunikationsagentur, an einem Veranstaltungsformat „Ethik-Dialoge für Führungskräfte“. Ihnen lag die Frage am Herzen, wie wir Menschlichkeit in Unternehmen bringen können. Irgendwann saßen wir alle zusammen am runden Tisch und beschlossen, eine gemeinnützige Organisation zu gründen – mit Online-Magazin und Veranstaltungen. Das war im November 2013.

 

Ethik hält die Gesellschaft zusammen

 

Frage: Was verstehen Sie unter Ethik?

 

Der Begriff ist, das gebe ich zu, nicht besonders attraktiv. Man denkt an Regeln, Pflichten und den erhobenen Zeigefinger – also alles, was keinen Spaß macht. Für uns ist Ethik das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Ethik als ein Denken und Handeln, das unser Leben ermöglicht und unsere tieferen Bedürfnisse spiegelt – nach einem gelingenden Leben, guten Beziehungen, einer ökologisch und sozialen Gesellschaft.

 

Ethik kommt aus dem Herzen, daher unser Slogan: „Ethik ist Herzenssache“. Wir sehen ja, dass kühle Vernunft nicht immer ausreicht. Nehmen wir zum Beispiel die Erderwärmung: Wir kennen die Fakten, wir wissen um unsere eigenen Anteile daran – aber trotzdem schaffen wir es nicht, unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Wir fliegen, wir konsumieren, wir leben über unsere Verhältnisse. Genau das spiegelt sich auch auf politischer Ebene: Ein wirksames Klimaabkommen gibt es nicht.

 

Vielleicht brauchen wir viel mehr innere Quellen wie Achtsamkeit, Weisheit, ein Gefühl der Verbundenheit, um Lösungen zu finden – natürlich in Kombination mit politischen Veränderungen. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die glauben, man könne den Klimawandel wegmeditieren. Die Frage ist aber: Wie motivieren wir uns zu einem Handeln, das dem Gemeinwohl dient? Und da glaube ich, dass diese Motivation aus inneren Quellen kommen muss. Die Frage ist, wie wir Zugang zu diesen Quellen finden.

 

Frage: Und was ist Ihre Antwort?

 

In dieser stressigen, schnellen Gesellschaft ist es wirklich nicht leicht, zu sich zu kommen. Wir wissen gar nicht mehr, dass wir „innere Quellen“ haben. Sie sind verschüttet. Wir haben ein interdisziplinäres „Weisheitstraining“ entwickelt, um Zugang zu diesen Quellen zu ermöglichen. In den Workshops beschäftigen wir uns mit solchen Fragen: Was ist für mich ein gutes Leben? Wie kann ich meine tieferen menschlichen Bedürfnisse sehen und leben? Wie kann ich mich dabei mit anderen verbinden und mehr zum Wohl des Ganzen wirken?

 

Ich kenne mehrere Menschen, die im Laufe des Trainings ihr Arbeitsumfeld anders gestaltet haben. Die meisten davon haben ihre Arbeitszeit reduziert oder Karrierestufen sein lassen, um mehr Zeit zu haben. Wir können in dem Tempo, wie wir es jetzt leben, nicht mehr weitermachen. Wir verlieren uns selbst, und dadurch womöglich auch den tieferen Kontakt zu anderen Menschen. Ja, das menschliche Leben auf der Erde insgesamt ist in Gefahr.

 

Wir müssen also zu uns kommen. Aussteigen und wie Thoreau in den Wäldern leben, ist für die meisten keine Option, denn wir wollen ja gerade in die Gesellschaft hineinwirken. Aber das Leben verlangsamen, mehr Raum haben und tiefer nachdenken, das tut uns gut.

 

Wir haben auf unserem Portal auch Artikel über das Bedingungslose Grundeinkommen und Unternehmerinnen und Unternehmer, die Wirtschaft anders gestalten. Es muss Alternativen geben zu einer Gesellschaft, die auf Leistung und Konkurrenz setzt. Diese Fragen haben mich motiviert, das Netzwerk zu gründen.

 

Politisches Engagement und Meditation verbinden

 

Frage: Was ist Ihr persönlicher Hintergrund?

 

Ich war in beiden Welten unterwegs: im Politischen und im Spirituellen. Die meiste Zeit meines beruflichen Lebens habe ich für Greenpeace als Texterin gearbeitet. Greenpeace wirkt ja vor allem politisch. Ich mag das Kämpferische im Greenpeace-Spirit, den unbändigen Glauben: Alles ist möglich, wenn wir es gemeinsam anpacken.

 

Anfang der 1990er Jahre habe ich angefangen, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen und zu meditieren. Ich war übrigens bei einigen Retreats von Thich Nhat Hanh in Oldenburg. Er hat mich stark geprägt, da er alles integriert. Er spricht in einem neueren Buch davon, dass wir ein „kollektives Erwachen“ bräuchten, ein starkes Wort! Wir kommt es manchmal so vor, als seien wir eine Gesellschaft im Tiefschlaf.

 

Frage: Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich in Ihrem Online-Magazin? Was bewegt Ihre Leserinnen und Leser?

 

Wir spannen den Bogen von der persönlichen Entwicklung zum gesellschaftlichen Engagement, weil beides zusammengehört. Das geht von Achtsamkeit und Meditation über Liebe und Vertrauen bis hin zu Bildung, Umwelt und anderen gesellschaftlichen Fragen, sei es Digitalisierung, Demokratie, Flüchtlingsthematik. Es gibt kaum etwas, das wir nicht mit Ethik verbinden. Dabei versuchen wir, andere Perspektiven auf Themen zu ermöglichen, die auch sonst durch die Medien gehen. Das verdanken wir einer Vielzahl von ganz unterschiedlichen Autorinnen und Autoren.

 

Ich glaube, dass viele Menschen regelmäßig unser Portal besuchen, weil sie ihre Hoffnung und Zuversicht für eine bessere Welt bewahren wollen. Und darin bestärken wir sie – eigentlich mit jedem Beitrag, den wir veröffentlichen. Wir machen Mut und zeigen: Bei all den Konflikten und Problemen gibt es viele Lichtblicke. 

 

Frage: Wird heutzutage nicht zu viel geredet? Sind nicht eher Taten notwendig?

 

Viele Menschen sind ja normalerweise den ganzen Tag aktiv, manche sogar hyperaktiv, auch im Guten. Sie machen neben Arbeit und Familie sogar mehrere ehrenamtliche Jobs. Thich Nhat Hanh hat oft gefragt: Wir rennen und rennen, aber was wäre, wenn wir mal innehalten, Sorgen und Vorhaben fallen lassen und einfach im Sein ankommen?

 

Auf der anderen Seite gibt es nicht wenige Menschen in unserer Gesellschaft, die unter dem Gegenteil leiden: Apathie und Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das führt dazu, dass wir kostbare Freizeit vor irgendwelchen Bildschirmen verbringen, statt uns mit anderen Menschen zu verbinden und die Welt zu bewegen.

 

Aber natürlich haben Sie recht: Zur Ethik gehören Herz und Hand. Wir müssen das, was wir als richtig erkannt haben, auch in den Alltag bringen, in die Beziehung zu anderen Menschen. Das ist die eigentliche ethische Praxis. 

 

Das „Netzwerk Ethik heute“ ist eine gemeinnützige Organisation, die Veranstaltungen macht und ein kostenloses Online-Magazin betreibt: Jede Woche gibt es neue Artikel rund um Ethik und Achtsamkeit. Das Portal finanziert sich allein durch Spenden: ethik-heute.org

Sie können das Magazin mit einer Mitgliedschaft im Freundeskreis unterstützen. Für 60 € im Jahr erhalten Sie Zugang zur Audiothek – mit Vorträgen, Interviews und Meditationen – und jedes Jahr ein eBook mit den besten Artikeln.

 

Birgit Stratmann ist Mitbegründerin des Netzwerks Ethik heute.

Verantwortlich für die Redaktion der Website und die Programmplanung,

Texterin für Print und Web, u.a. für Greenpeace.


2018


Herbst 2018


Der Umwelt- und Bildungsraum „Jeddeloher Busch“

Von Enno und Gunnar Jeddeloh

 

Die Mitglieder des Umweltvereins „De Jeddeloher Busch e.V.“ betreiben seit mehreren Jahrzehnten ein Waldgrundstück in der Gemeinde Edewecht, das sowohl als Lebensraum für Pflanzen und Tiere als auch ein öffentlicher Raum für Umweltbildung und Gesellschaftsleben eine wichtige Rolle in der Region Ammerland-Oldenburg spielt. Durch schwere Stürme im Herbst 2017 kam es jedoch zu immensen Schäden, die Betreten und Nutzung des Geländes derzeit unmöglich machen. Dieses Konzeptpapier beschreibt die entstandenen Schäden sowie das Konzept zur Wiederherstellung des Geländes. Zentraler Teil des Konzepts sind zudem Umgestaltungen des Geländes sowie ein Ausbau der vorhandenen Infrastruktur, die durch die Sturmschäden nötig und möglich wurden. Dabei werden der steigende Bedarf an Naturräumen für die Umweltbildung und die heutigen Erfordernisse an inklusiver Bildungsarbeit berücksichtigt. 

 

 

Seit über 40 Jahren betreibt die Familie Jeddeloh in Jeddeloh I ein ca. 4 ha großes Waldgrundstück, das in langer Arbeit aufgeforstet und für öffentliche Veranstaltungen zur Verfügung gestellt wurde. Seit 2005 ist die Arbeit durch einen eingetragenen gemeinnützigen Verein staatlich anerkannt. Der Verein „De Jeddeloher Busch e.V.“ kümmert sich um die Erhaltung des Naturraumes Wald. Ziel ist die nachhaltige Verknüpfung von menschlicher Nutzung und Erhaltung des reichhaltigen Pflanzen- und Tierreichs. Dazu gehören neben Renaturierungs- und Pflegemaßnahmen auch forstbetriebliche Arbeiten, die das sichere Betreten und Nutzen des Grundstückes gewährleisten. Zur Stärkung des Umweltbewusstseins in der Gesellschaft ist der Verein auch als Veranstalter tätig, etwa im Rahmen von Ferienpassaktionen für Kinder aus den Kreisen Ammerland und Oldenburg. 

 

Ein Schwerpunkt der Tätigkeiten liegt im Bereich der Umweltpädagogik. Seit vielen Jahren kooperiert der Verein mit Schulen und Kindergärten aus der Umgebung und stellt das Gelände für Bildungsausflüge und Waldunterricht zur Verfügung. Den Bau und Erhalt der erforderlichen Infrastruktur (Wege, Hütten, Sicherheitszäune, Toiletten, Werkzeuge und Geräte) haben die Vereinsmitglieder bisher weitgehend selbst finanziert. Neben Unterrichtstätigkeiten und Ferienpassaktionen wurde das Gelände beispielsweise auch für Theatervorführungen, Firmenausflüge und Hochzeiten zur Verfügung gestellt, stets unter dem Motto: „Mensch trifft Natur“. Der Naturraum Jeddeloher Busch hat damit für das gesellschaftliche Leben des Raumes Ammerland-Oldenburg eine wichtige Bedeutung. Für seine Arbeit wurde der Verein daher 2003 mit dem bundesweiten Muna-Preis des DBU sowie 2016 mit dem Sonderpreis der niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung ausgezeichnet. Seit 2017 ist der Verein, bzw. das Gelände offizielle Außenstelle des Umweltbildungszentrums Ammerland. Darüber hinaus wird das Gelände seit vielen Jahren für Veranstaltungen aller Art genutzt, darunter Hochzeiten, Lesungen, Theateraufführungen, Konzerte und vieles mehr. 

 

Im Herbst 2017 kam es allerdings durch das Sturmtief Xavier sowie Folgeunwetter zu gewaltigen Schäden auf dem Gelände. Große Teile des alten Baumbestands sind umgeweht. Infolge von umgestürzten Bäumen ist zudem der Sauerstoffgehalt in einem der Fischteiche soweit gesunken, dass der gesamte Fischbestand abgestorben ist. Zudem sind große Teile der Hütten zerstört worden. Das Betreten des Waldes ist im Moment nur noch unter Lebensgefahr möglich, die Nutzung als öffentlicher Raum für Bildung und Naturbegegnung infolge dessen völlig ausgeschlossen. 

 

Zielsetzung für die kommenden Monate

 

Erstes Ziel der kommenden Monate ist die weitgehende Wiederherstellung des Geländes in ihren Zustand vor den Sturmschäden. Dies umfasst die Räumung von Bäumen, die Entgiftung des Teichwassers sowie die Neuansiedelung von Fischen. Der Sturm Xavier hat jedoch so große Lücken in den Baumbestand gerissen, dass auch eine Umgestaltung des Geländes notwendig ist, um die restlichen Pflanzen vor weiteren Sturmschäden zu schützen. Nötig ist zudem der Wiederaufbau der zerstörten Gebäude. 

Wir sehen in den Schäden durch den Sturm jedoch nicht nur einen Schicksalsschlag, sondern auch eine Chance. Im Rahmen der für die Wiederherstellung nötigen Aufräumarbeiten bietet sich die einmalige Chance, das Grundstück umzugestalten. Als zweites Ziel forcieren wir daher die Erweiterung von Pflanzenbestand und Infrastruktur. Dabei steht einerseits das Schaffen von neuen Brut- und Rückzugsplätzen für Tiere im Mittelpunkt, anderseits auch der Aus- und Neubau von Hütten, Wegen und technischen Geräten. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Nutzung als Bildungs- und Veranstaltungsraum zu verbessern, etwa durch Anschaffen einer Einrichtung, die Unterricht auch bei schlechtem Wetter möglich macht. Weitere Maßnahmen wie etwa eine Wasserpumpe plus Stromanschluss sind erforderlich, um auch zukünftig eine hohe Wasserqualität und dadurch große Artenvielfalt zu gewährleisten. Der Stromanschluss wäre zudem für moderne Veranstaltungen aller Art eine große Erleichterung und trüge zur langfristigen und nachhaltigen Nutzung des Geländes bei. 

 

Übersicht der geplanten Nutzungsfelder 

 

Neben dem Umweltschutz, der für die Arbeit eines Umweltvereins natürlich zentral ist, lassen sich die Tätigkeiten des Vereins in die beiden Säulen Bildung sowie Förderung von Kunst und Kultur einteilen. Diese Tätigkeitsfelder sind bereits in der Vereinssatzung fest verankert. Im Folgenden werden Pläne zum Ausbau dieser beiden Säulen aufgelistet. Hierbei ist wichtig zu erwähnen, dass das Gelände viele weitere Nutzungsszenarien ermöglicht. Um eine zeitnahe professionelle Umsetzung zu gewährleisten, haben wir hier jedoch nur diejenigen Tätigkeiten aufgelistet, in denen der Verein auf langjährige Erfahrungen und sowie Qualifikationen der Mitglieder zurückblickt, um das Angebot später sukzessive zu erweitern. 

 

Säule Umweltbildung 

  • Fortführung und Ausbau des Engagements zur Kinder- und Jugendbildung (seit Anfang 2017 ist der Jeddeloher Busch offiziell anerkannter Lernort des Umweltbildungszentrums Ammerland) 
  • Ausweitung der Kooperationen mit Kindergärten und Schulen (Durchführung von Aktionstagen im Wald; Schulunterricht im „Grünem Klassenzimmer“) 
  • Einrichtung einer externen Ausbildungsstelle der Gemeinnützigen Werkstätten Oldenburg (Bereich Gartenbau) 
  • Ausbau der Infrastruktur, um eine pädagogische Nutzung auch für Menschen mit Handicap zu ermöglichen 
  • Verstärkte Nutzung des Geländes als Aktionsort für Jugend- und Umweltgruppen wie die Jugendfeuerwehr, Pfadfinder etc. 

 

Säule Kunst und Kultur 

  • Ausbau der Geländenutzung als Ort für Kunst- und Kulturveranstaltungen sowie Weiterbildungsmaßnahmen 
  • Regelmäßige Ausrichtung von Konzerten auf der Waldbühne 
  • Förderung der regionalen Musik- und Kulturszene 
  • Theateraufführungen und Lesungen auf Waldbühne 
  • Live-Rollenspiel auf dem ganzen Gelände 
  • Durchführung von größeren Kulturveranstaltungen wie Wikingerfrühstück, Mittelaltermärkten u.s.w. 

Bitte unterstützen Sie unser Engagement zum Wiederaufbau mit einer Spende.

Nutzen Sie dazu den online Spendenservice von Paypal, oder überweisen Sie uns die Spende auf unser Vereinskonto:

 

Bankverbindung: De Jeddeloher Busch e.V., IBAN: DE50 2806 1822 0055 2054 00, 

BIC: GENODEF1EDE Volksbank Oldenburg

Als anerkannter gemeinnütziger Verein sind wird natürlich gerne bereit Ihnen hierfür eine Spendenquittung auszustellen.

 

Darüber hinaus erreichen Sie uns per Mail unter: jeddeloher-busch@web.de , oder über unsere Webseite www.jeddeloher-busch.de . Dort finden Sie auch Bilder vom Gelände, den Baumzelten und vieles mehr.

 

Zum Thema gibt es auch einen Beitrag in der NWZ vom 19.9.2018.


Frühjahr 2018


Die Wildnis ist zurück: Rückkehr des Wolfs in den deutschsprachigen Raum

Foto © Sam Mittmerham
Foto © Sam Mittmerham

Autor: Sam Mittmerham

 

Angestrengt schaut Peter Schütte, seines Zeichens Wolfsberater, in den Sand der Lüneburger Heide. Sachte umfahren seine Finger die Spur im Sand. Ein, zwei, drei, viele Trittsiegel, gestempelt in die feuchten Körner. Deutliche Hinweise auf ein sonst fast unsichtbares Wesen - scheu, vorsichtig, den Menschen vermeidend. „Das waren vier“, murmelt Schütte schließlich, „zwei Erwachsene und zwei Jungtiere, entspannt laufend in diese Richtung“. Vier Blicke folgen seinem ausgestreckten Arm in die Heide. Vier Blicke aus vier Kontinenten. Vier Blicke die hier sind, weil der Wolf, und mit ihm der Hauch der Wildnis, zurück in Mitteleuropa sind.

 

Julia aus Wien; Rasha aus Australien, Rechtsanwältin einer Naturschutzorganisation aus Melbourne; Brian aus Kanada, der „Glasfaserkabelmann“ aus Vancouver, wie er sich selbst nennt; Lalitha aus Indien, Lehrerin aus Mussoorie. Alle hier, um Schütte zu helfen, Wildnis zu erhalten - oder wieder zu erhalten, denn vor 150 bis 200 Jahren rotteten die Menschen den Wolf in Mitteleuropa aus. Nun kehrt er seit geraumer Zeit zurück - nach Österreich seit 2009 - und sein Schutz ist in der EU gesetzlich verankert. Er dringt, vor allem im ländlichen Raum, immer weiter vor.

 

In Österreich wurden in den Jahren von 2009 bis 2015 jeweils vereinzelt Wölfe genetisch nachgewiesen, allerdings nur Durchzügler aus den Karpaten, der Schweiz und Italien sowie dem slowenisch-kroatischen Raum. Fuß fassen konnte diese Vorhut zunächst nicht. Spätestens Anfang 2016 war es dann soweit: Auf dem Truppenübungsplatz Allensteig im niederösterreichischen Waldviertel ließen sich ein Weibchen und ein Männchen nieder, mit erstem Wolfnachwuchs in Österreich seit mehr als 100 Jahren im August 2016. Deutschland war etwas früher dran. Dort begannen Wölfe im Jahr 2000 aus Polen über die ehemalige DDR bis nach Westdeutschland zurückzukehren. Im Jahr 2006 hatten sie das Bundesland Niedersachsen, und damit Schüttes Einsatzgebiet, erreicht. Und jetzt ziehen sie Menschen aus der ganzen Welt an, denn die gemeinnützige Naturschutzorganisation Biosphere Expeditions hat jüngst ein Wolfsprojekt in Zusammenarbeit mit dem niedersächsischen Wolfsbüro im NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) ins Leben gerufen. "Schon auf der Warteliste waren über 100 Personen", berichtet Dr. Matthias Hammer, Gründer und Geschäftsführer von Biosphere Expeditions, "und als wir den Startschuss gaben, waren zwei Gruppen innerhalb von 24 Stunden ausgebucht.“ 

 

Das Projekt ist offen für jedermann/-frau, es gibt keine Altersbeschränkungen und es sind keine besonderen Fähigkeiten erforderlich. „Bürgerwissenschaft“ (engl. „citizen science“) nennt sich dieses eindrucksvolle Konzept, erprobt seit Jahrzehnten im angelsächsischen Raum; hier bei uns noch relativ neu, aber stark auf dem Vormarsch. Die Expeditionsteilnehmer werden im Rahmen des Projekts geschult, beispielsweise im Erkennen von Spuren oder im Gebrauch eines GPS-Geräts. Einmal als „Bürgerwissenschaftler“ ausgebildet, unterstützen die Teilnehmer das Wolfsbüro und das Netzwerk der ehrenamtlichen Wolfsberater über einige Wochen im Jahr hinweg, wertvolle Felddaten über die niedersächsische Wolfspopulation zu sammeln.

 

"Ich freue mich sehr, dass das Projekt so einen guten Start hingelegt hat", sagt Wolfsberater Peter Schütte. "Mit Menschen aus Deutschland, sicher vielleicht auch aus anderen Teilen Europas, habe ich gerechnet, aber nicht mit den Anmeldungen aus den USA, Kanada und sogar Indien, Singapur und Australien, die alle mithelfen wollen, Daten über Wölfe zu sammeln. Es ist überraschend und ermutigend zugleich zu sehen, wie viel Unterstützung es weltweit für die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland zu geben scheint und wie Menschen bereit sind, ihre Zeit und ihr Geld zu investieren, um uns hier in Niedersachsen zu helfen. Auch Österreicher sind dabei“, schließt Schütte mit einem Augenzwinkern.

 

Foto © Sam Mittmerham
Foto © Sam Mittmerham

Akzeptanz ist entscheidend. In Deutschland, Österreich und anderswo in der Kulturlandschaft Europas hängt das Überleben des Wolfs „hauptsächlich von der Akzeptanz in der Bevölkerung ab“, so Schütte. Und der Wolf ist nicht immer gern gesehen. In der Tat reagiert der WWF Österreich mehr als deutlich auf die von der Jägerschaft wiederholt ins Spiel gebrachten Abschüsse von Wölfen. Es sei nicht nur ein Skandal, dass Teile der Jägerschaft offen für den Abschuss von geschützten Wildtieren werben, wer das mache, sei mit dem Straf-, Jagd- und Naturschutzgesetz konfrontiert und bewegte sich hart an der Grenze der Legalität. Die Abschussfantasien bedeuteten für den WWF eine Überschreitung der Kompetenzen von Seiten der Jägerfunktionäre. „Die fortgesetzte Hetze gegen den Wolf muss sofort aufhören, sie ist kontraproduktiv und hilft nicht dabei, angemessene Lösungen zu erarbeiten. Der WWF wird der Entwicklung eines weiter um sich greifenden Rufes nach der Flinte jedenfalls nicht tatenlos zusehen“, so Christian Pichler, Artenschutz-Experte des WWF Österreich.

 

Deutliche Worte, vor allem vor dem Hintergrund, dass sich Anfang der 1970er-Jahre nur kühnste Naturschützer vorstellen konnten, dass Mittel- und Westeuropa wieder von großen Beutegreifern besiedelt werden könnte. Trotzdem begannen damals einige Visionäre an der Verwirklichung der Utopie zu arbeiten. An Wölfe oder Bären war damals noch nicht zu denken. Aber mit dem Kleinsten der Großen Drei, dem Luchs, wollte man beginnen. So kam es zu den ersten Auswilderungsaktionen in Österreich der Schweiz und Deutschland. Der Wolf indes brauchte keine menschliche Auswilderungs-Hilfe, außer vielleicht den Wegfall des Eisernen Vorhangs vor gut dreißig Jahren. Wildnis braucht der Wolf auch nicht. Er ist höchst anpassungsfähig und in der Lage, in einer vom Menschen dominierten Kulturlandschaft zurechtzukommen, solange er genug Beutetiere – Rehe, Hirsche, Wildschweine – findet und in Ruhe gelassen wird. Aber spätestens wenn tote Schafe auf der Weide liegen, ist die Willkommensfreude bei den Menschen getrübt. "Die Ausbreitung des Wolfes bedeutet, dass die Bedrohung durch den tatsächlichen und subjektiv empfundenen Konflikt mit Menschen, Vieh und Wildarten immer größer wird. Dadurch entsteht die Notwendigkeit von Information der lokalen Bevölkerung auf Grundlage einer soliden Datenbasis“, sagt Schütte. "Je mehr Wölfe in der Natur von Menschen gesehen und je mehr Nutztiere gerissen werden, desto höher wird die Berichterstattung in den Medien. Dies hat zu einer messbaren Abnahme der Akzeptanz von Wölfen bei der Bevölkerung vor Ort geführt, vor allem bei Jägern und Tierhalten. Und gerade diese Menschen spielen eine entscheidende Rolle für das Überleben der Wölfe."

 

Hammer nickt. „Es war schon unverschämt und peinlich zugleich wie unsere Expedition emotionsgeladen angefeindet wurde, vor allem von Jägern, die versuchten alle möglichen Schauer- und Lügengeschichten über unsere Arbeit hier zu verbreiten und uns zu diskreditieren. Stattdessen sollten wir ruhig, kooperativ und basierend auf belastbaren Fakten, unsere Energie darauf verwenden, alle an einem Strang zu ziehen. Denn das Interesse an einem möglichst konfliktfreien Nebeneinander von Mensch und Wolf verbindet ja sogar Jäger und Naturschützer“. Allerdings seien Abschussgelüste weder akzeptabel, noch nützlich, da biologisch sinnlos – „das Territorium eines erschossenen Wolfs ist keine Lösung, denn ein anderer Wolf besetzt es einfach wieder. Dagegen sind Herdenschutzmaßnahmen effektiv und mitunter auch Kompensationsprogramme, wenn sie anständig finanziert sind“, so Hammer.

 

„Bei der Rückkehr des Wolfs sind Zyklen zu beobachten“, beschreibt Hammer weiter. Zuerst wird meist wild und emotionsgeladen diskutiert. Darauf folgt eine Beruhigungsphase und der Rückkehr zur Sachlichkeit, wenigstens bei den meisten. Sobald man dann merkt, dass der verteufelte Wolf doch nicht blutrünstig sämtliche Weidetiere auffrisst“, setzt eine Phase der Lösungsfindung und des Arrangierens mit dem Wolf ein. Dabei hängen die Lösungsansätze sehr deutlich vom politischen Umfeld und der Lobbyismus-Stärke der Jäger ab. „Die Lösungen – und davon gibt es viele – sind dabei so unterschiedlich wie die politischen Landschaften“, erklärt Hammer. Wie sich Österreich dabei mit dem Wolf arrangieren wird bleibt dabei offen, denn das Land ist ja erst am Anfang seines neunen/alten Weges mit dem Wolf.

 

 

Foto © Sam Mittmerham
Foto © Sam Mittmerham

Steckbrief Wolf

 

Canis lupus, ca. 50 kg (Weibchen deutlich leichter), lebt in „Rudel“ genannten Familien und kann so relativ große Tiere wie Hirsche oder Wildschweine erbeuten. Nach Ausrottung bis ins 20. Jahrhundert hinein waren Mittel- und Westeuropa nahezu wolfsfrei, derzeit wieder etwa 12.000 Wölfe in 28 Ländern Europas. Um die 40 Wolfsrudel sind in Deutschland belegt sowie eine Gruppe in Österreich.

 

Biosphere Expeditions

 

Biosphere Expeditions ist eine gemeinnützige, mehrfach ausgezeichnete Naturschutzorganisation und Mitglied des IUCN (International Union for the Conservation of Nature) und Umweltprogrammes der UN. Bei ihr arbeiten freiwillige Helfer aus aller Welt arbeiten Hand in Hand mit Feldforschern und den Menschen vor Ort für den Erhalt der Artenvielfalt. Die nächste Wolfs-Expedition in Niedersachsen findet von Juni bis Juli 2018 statt, Gruppenlänge jeweils eine Woche. www.biosphere-expeditions.org/deutschland (auf Englisch).

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der 51. Ausgabe des Magazins BIORAMA aus Wien, www.biorama.eu .

Vielen Dank für die freundliche Überlassung!


Helfen Sie mit bei der Erforschung des Wolfs in Niedersachsen. Bewerben Sie sich für ein einmaliges Expeditionserlebnis!

Bewerben Sie sich für einen Expeditionsplatz und helfen Sie aktiv auf Expedition mit, den Wolf in Europa zu schützen. Voraussetzungen sind Englischkenntnisse und die Bereitschaft auf einer echten Naturschutzexpedition (keiner Luxusreise!) aktiv mit anzupacken. 

 

Neben dem Hauptgewinn der Expeditionsteilnahme gibt es außerdem einen Schnuppertag mit Biosphere Expeditions zu gewinnen.

 

Biosphere Expeditions

 

Biosphere Expeditions ist eine mehrfach ausgezeichnete, gemeinnützige Organisation, die proaktive Naturschutzexpeditionen als Abenteuer mit Sinn für jedermann/frau organisiert. Die Projekte sind keine Touren, Fotosafaris oder Exkursionen, sondern echte, handfeste Forschungsprojekte, an denen jeder teilnehmen kann, der ein bißchen Schulenglisch beherrscht, auch ohne biologische oder irgendwelche anderen Vorkenntnisse oder besondere Fitness. Die Wolfs-Expedition ist nur eine aus einer ganzen Bandbreite wie zum Beispiel Grosskatzen in Südafrika, Wale auf den Azoren, Schneeleoparden im Tien Shan oder Korallenriffe & Walhaie der Malediven. 

 

Weitere Informationen www.biosphere-expeditions.org

 

1. Preis: Die Wolfs-Expedition nach Niedersachsen

 

Diese Naturschutzexpedition führt sie nach Deutschland, um dort mit einem einheimischen Wissenschaftler Wölfe zu erforschen. Sie werden die Spuren der Tiere lesen und verfolgen lernen und damit wichtige Daten sammeln. All dies, um durch Forschung zum Erhalt der streng geschützten Tierart Wolf in Europa beizutragen.

 

Weitere Informationen www.biosphere-expeditions.org/germany (auf Englisch)  

 

2. Preis: Ein Schnuppertag mit Biosphere Expeditions

 

Verbringen Sie einen unterhaltsamen Tag mit uns und schnuppern Sie rein in das Feldforscherleben und Mitforschen bei Biosphere Expeditions. Als Teil eines kleinen Teams erlernen und probieren Sie Seite an Seite mit einem Naturführer und Ihrem Expeditionsleiter Techniken und Fertigkeiten im Natur- und Artenschutz aus. Schnuppertage finden in einigen der schönsten Nationalparkflecken Deutschlands statt, u.a. im Nationalpark Berchtesgaden an der österreichischen Grenze.

Foto © Biosphere Expeditions
Foto © Biosphere Expeditions

 

 

Weitere Informationen www.biosphere-expeditions.org/schnuppertage 

 

 

Bewerben Sie sich jetzt: www.biosphere-expeditions.org/competition-wolf (auf Englisch)


"Fleischatlas 2018" veröffentlicht: Heinrich-Böll-Stiftung und BUND fordern Umbau der Tierhaltung

Foto ©: Fleischatlas 2018 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique
Foto ©: Fleischatlas 2018 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique

Die Heinrich-Böll-Stiftung, der BUND und Le Monde Diplomatique haben am 10. Januar in Berlin den "Fleischatlas 2018 – Rezepte für eine bessere Tierhaltung" veröffentlicht. Der nunmehr vierte Fleischatlas enthält zahlreiche Daten, Fakten und Grafiken zu den drängendsten Problemen der industriellen Fleischproduktion und konkrete Lösungsansätze für eine bessere Tierhaltung. 

 

Ein ökologischer Wandel in der Tierhaltung sei nur mit neuen politischen Strategien und einem geschärften Bewusstsein bei Verbrauchern möglich, so die Organisationen. Der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung werfen der Bundesregierung Handlungsunwilligkeit vor und fordern den dringend notwendigen Umbau der Nutztierhaltung endlich zu beginnen. Dazu gehöre auch, eine verpflichtende Kennzeichnung bei Fleisch einzuführen – vergleichbar der Eier-Kennzeichnung, die dazu geführt habe, dass Eier aus Käfighaltung ausgelistet wurden. 

 

Ein zentrales Problem der industriellen Tierhaltung sei die exorbitante Güllebelastung der deutschen Böden und Grundwasser. Dagegen könne laut BUND und Heinrich-Böll-Stiftung nur eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse und eine konsequente Begrenzung der Tiermengen pro Hektar helfen. Der Richtwert dürfe zwei Großvieheinheiten pro Hektar nicht überschreiten, das sind zwei Rinder oder zehn ausgewachsene Schweine. Es sei deshalb unumgänglich, dass einzelne Gemeinden wie Vechta oder Cloppenburg in Niedersachsen ihre Bestände massiv abstocken. 

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, sagte: "Qualvoll, umweltschädlich, ungesund und billig – das charakterisiert heute die industrielle Tierproduktion. Das muss sich dringend ändern. Zudem trägt kein anderer Sektor so massiv zum Verlust der Artenvielfalt, zur Zerstörung des Klimas, zur Überdüngung und zur Gefährdung unserer Gesundheit bei wie die industrielle Fleischproduktion. Laut Prognosen wird die Nachfrage nach Fleisch bis zum Jahr 2050 voraussichtlich noch einmal um bis zu 85 Prozent steigen. Ohne Umsteuern, vor allem in den Industrieländern, ist dies ein Garant fürs weitere Aufheizen der Atmosphäre, für globale Ungleichheit, Hunger und Tierleid. Es ist höchste Zeit, dass politisch umgesteuert wird. Ein Hebel dazu ist eine grundlegende Reform der EU-Agrarpolitik. Jedes Jahr gibt die EU knapp 60 Milliarden Euro für agrarpolitische Maßnahmen aus. Dieses Geld sollte zukünftig in Maßnahmen für eine ökologischere und tiergerechtere Landwirtschaft fließen, damit der Graben zwischen umweltpolitischen Notwendigkeiten und den Wünschen der Verbraucherinnen und Verbraucher und der Landwirtschaft nicht noch größer wird. Der Fleischatlas 2018 zeigt konkret für Deutschland praktikable Lösungsstrategien für eine ökologische und global nachhaltige Gestaltung der Fleischproduktion." 

 

Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender, sagte: "Abgesehen von Ankündigungen ist in den vergangenen Jahren wenig passiert, um die Bedingungen in der Nutztierhaltung zu verbessern. Die Bundesregierung muss noch in diesem Jahr die Weichen für einen nachhaltigen Umbau der Tierhaltung stellen. Saubere Gewässer und gesunde Böden kann es nur geben, wenn die Tierhaltung wieder an die Fläche gebunden wird. Wichtig ist dabei auch die Einführung einer verbindlichen staatlichen Haltungskennzeichnung. Ein freiwilliges Tierwohllabel mit laschen Anforderungen, wie es Agrarminister Christian Schmidt vorschlägt, reicht für eine echte Trendwende nicht aus. Ein tiergerechter, ökologischer Wandel der Tierhaltung wird von einer Mehrheit der Menschen in Deutschland unterstützt, dem muss die neue Regierung Rechnung tragen." 

 

Quelle: Fleischatlas 2018 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique auf www.BUND.net


Winter 2018


NEU: Der „Ernährungsrat Oldenburg“

Quelle: www.ernaehrungsrat-oldenburg.de 

 

Für eine sozial gerechte, ökologisch produzierte und regionale Versorgung mit Lebensmitteln

 

Im Oktober 2017 fand die offizielle Gründungsveranstaltung des „Ernährungsrates Oldenburg“ im Stadtmuseum statt. Dem Rat gehören VertreterInnen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung an. Der Ernährungsrat Oldenburg ist ein zukünftiges Projekt des Vereins „transfer – Verein für Medienarbeit zugunsten einer gesunden Umwelt“ mit Sitz in Oldenburg. Die Veranstaltung sowie die Koordinationsstelle des „transfer-Vereins“ wird unterstützt vom Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Ziel ist, Oldenburg als Leuchtturmprojekt für andere Städte in Niedersachsen präsentieren zu können. 

 

Der Ernährungsrat Oldenburg soll ein beratendes Gremium werden, das eng mit der Stadtpolitik und -verwaltung zusammenarbeitet. So erhält die Region Oldenburg und umzu wieder Kontrolle über die Gestaltung ihrer eigenen Ernährungsversorgung. Der Ernährungsrat entwickelt zusammen mit der lokalen Politik eine nachhaltige, gerechte, effektive und ökologische Ernährungsstrategie mit konkreten und messbaren Zielen, in der die Wertschöpfung in der Region und bei den kleinbäuerlichen Betrieben und dem verarbeitenden Handwerk verbleibt. Dadurch wird die ganze Region vielfältiger und lebenswerter.

 

In Ausschüssen werden zu verschiedenen Ernährungsthemen Strategien, Veranstaltungen und Projekte erarbeitet. Der Ernährungsrat regt einen aktiven Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaftsakteuren und der Zivilgesellschaft an, um so langfristig zukunftsfähige Strukturen für eine möglichst regionale Versorgung mit Nahrungsmitteln aufzubauen.

 

Das Ziel ist eine selbstbestimmte Ernährungspolitik sowie die Stärkung der Reputation für die Stadt Oldenburg als einem Akteur nachhaltiger Entwicklung. So kann Oldenburg schließlich Modellregion für eine regionale, vielfältige, auf Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit fokussierte Ernährungspolitik im Nordwesten werden, deren Beispiel andere Städte des Landes und Bundes folgen können.

 

Die Ziele des Ernährungsrates

 

Regional: Nahräumliche Versorgung im Einklang mit den Jahreszeiten, um die regionale Wirtschaft zu stärken und mit dem natürlichen Kreislauf der Natur zu wirtschaften. Prinzipien der Nähe und Transparenz.

 

Fair: Lebensmittel sollen so erzeugt werden, dass die sozialen Bedingungen nachhaltiger Entwicklung erfüllt und nicht auf Kosten der ErzeugerInnen konsumiert werden. LandwirtInnen sollen für ihre Produkte so entlohnt werden, dass sie ihren Lebensunterhalt mit ihrer Arbeit bestreiten und ihren Betrieb langfristig sichern können.

 

Ökologisch: Im Einklang mit der Natur, mit Menschen, Tieren, Pflanzen, Wasser und Boden gesunde, unbelastete und schmackhafte Lebensmittel erzeugen und dabei die natürlichen Ökosysteme schonen.

 

Selbstbestimmt: Im Supermarkt nicht nur passiv ins Regal greifen, sondern Lebensmittel bewusst einkaufen. Uns interessiert: Woher kommen sie? Wer hat sie angebaut? Wo kann ich regionale Lebensmittel einkaufen und lange Lieferketten umgehen? All diese Fragen führen automatisch zu einem selbstbestimmteren Umgang mit dem, was auf den eigenen Teller kommt. Wir möchten Menschen helfen, diese Fragen zu beantworten.

 

Bedürfnisorientiert: Was brauchen wir wirklich? Für eine nachhaltige Entwicklung führt kein Weg an einer Reduktion von materiellem Überfluss vorbei. Wir fragen uns: Was brauchen wir wirklich und was können wir uns leisten und gleichzeitig unserer Umwelt zumuten? Was brauchen wir - VerbraucherInnen und ErzeugerInnen - und wie müssen sich unsere Lebensstile ändern, um ein gutes Leben zu führen und unsere Bedürfnisse so auszurichten, ohne Natur und Mensch zu schaden?

 

Alle Informationen rund um den Ernährungsrat: www.ernaehrungsrat-oldenburg.de