Archiv Gesundheit & Heilen


2021


August - Dezember 2021


Sackgasse Helfermentalität

© Foundry Co – pixabay.com
© Foundry Co – pixabay.com

Autorin: Dr. Christina Barbara Petersen

 

In keinem anderen Bereich verkaufen sich so viele Menschen unter Wert wie im sozialen. Lange Zeit habe ich mich gefragt, warum Mediziner (oder auch Mitarbeiter in anderen sozialen Berufen wie z. B. Pfleger, Sozialarbeiter usw.) das mit sich machen lassen. Klar, Gesundheit ist das höchste Gut, und man kann die Arbeit am Menschen nicht mit Büroarbeit vergleichen, vor allem deshalb ist ein Verweigern oder Nicht-Antreten des Dienstes aus moralischer Sicht nur schwer zu rechtfertigen. Trotzdem ist mir aufgefallen, dass ein Großteil des medizinischen Personals seine eigenen Bedürfnisse weder erfüllt noch wahrnimmt. So bin ich auf das Thema Arztgesundheit gestoßen, und mir ist klar geworden, dass viele Mitarbeiter im medizinischen System eine besondere Persönlichkeit haben. Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass ich von einer in Stein gemeißelten Tatsache spreche. Vielmehr geht es mir um meine eigenen Erfahrungen und Eindrücke, die ich im Laufe meiner mittlerweile 35 Jahre im Kontakt mit anderen Menschen gesammelt habe.

 

Der Begriff »Helfersyndrom« geht auf den Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer zurück, der bereits 1977 in seinem Buch »Hilflose Helfer« davon berichtete. Ein vom Helfersyndrom Betroffener ist mit seiner Aufmerksamkeit nicht bei sich selbst, sondern bei den Befindlichkeiten seiner Mitmenschen. Wenn er einem Kranken hilft, geht es ihm besser. Das Helfen bzw. Gebraucht-werden-Wollen wird zur Sucht. Laut dem Modell von Schmidbauer hat ein vom Helfersyndrom Betroffener ein geringes Selbstwertgefühl und ist auf seine Helferrolle fixiert. Die Hilfsbereitschaft geht bis zur Aufopferung und Vernachlässigung der eigenen Gesundheit, Hobbys, Familie und Freunde. Dadurch kann es zum Burn-out oder zur Depression kommen. Zu den Risikogruppen zählen die genannten Personen, die dann gehäuft zur entsprechenden Berufswahl greifen. Den Persönlichkeitsstrukturen liegen häufig biografische Erfahrungen zugrunde, die den Eigenwert des Betroffenen infrage stellen.

 

Menschen mit einer Helfermentalität wählen aus folgendem Grund häufig unterbewusst einen Helferberuf: Wenn sie immer nur bei den Bedürfnissen der anderen sind, müssen sie ihre eigenen »Themen« nicht sehen, es erlaubt ein »Ausblenden« der eigenen »Baustellen«.

 

Das Bedürfnis zu helfen ist grundsätzlich etwas Positives und ein natürlicher und gesunder menschlicher Wert. Das gilt auch dann, wenn zeitweilig eigene Interessen hintangestellt werden. Es gilt, eine gesunde Balance zwischen Geben und Nehmen zu entwickeln und beim Helfen auch die eigenen Wünsche, körperlichen Bedürfnisse und Grenzen sowie auch den Nutzen und die Bedürfnisse desjenigen, dem man Hilfe zukommen lässt, zu beachten. Verliert der Helfende das Bedürfnis des anderen wie auch seine eigenen Wünsche, Ziele und körperlichen Grenzen aus dem Blick und hilft vor allem deshalb, um die eigene Person aufzuwerten, wird sein Helfen pathologisch.

 

Während solidarische Hilfe sich am Nutzen des Hilfeempfängers orientiert, ist pathologische Hilfe auf unbewusste psychologische Bedürfnisse des Helfers ausgerichtet.2 Meist wird das Muster, sich von der Anerkennung durch andere abhängig zu machen, bereits in der Kindheit erlernt. Betroffene halten sich nur dann für liebenswert und wertvoll, wenn sie sich opfern und dafür Bestätigung durch andere bekommen und so eine Aufwertung ihres Selbst erfahren (Märtyrerrolle). Dabei verlernen sie, ihre eigenen Wünsche, Bedürfnisse und körperlichen Grenzen zu sehen wie auch selbst Hilfe anzunehmen.3 Ein wirksamer Helfer, im Sinne eines reifen und partnerschaftlichen Verhaltens, wird dem Opfer »nur« zur Selbsthilfe verhelfen. Falls notwendig, wird er das Opfer auch aus der Schusslinie nehmen, aber ihm immer nur so weit Hilfe geben, bis die Person sich wieder selbst helfen kann.

 

Das Thema Arztgesundheit rückte erst im Jahre 2017 durch eine Fortbildung der Ärztekammer zu diesem Thema, die von Herrn Professor Dr. med. Braun und Herrn PD Dr. Langs gehalten wurde, in meinen Fokus. Den Begriff der Arztgesundheit gibt es noch gar nicht so lange, und im Internet ist nicht viel dazu zu finden. Daraus leite ich ab, dass die Begrifflichkeit erst in das Bewusstsein der Menschen rücken muss. Das kann etwas Zeit in Anspruch nehmen. Meines Erachtens ist das Thema sehr wichtig. Denn die Ärzte befinden sich nach wie vor in einer Schlüsselposition und erfüllen eine Vorbildfunktion. Deshalb stellen sie bildlich gesehen die Wurzel dar. Wenn die Wurzel einer Pflanze nicht gesund ist, kann die ganze Pflanze nicht gesund sein. Deshalb ist es so unglaublich wichtig, an der Wurzel anzusetzen und den Ärzten wieder zu mehr Gesundheit zu verhelfen, damit wir alle davon profitieren.

 

Ich habe bei einigen Ärzten (und auch anderem medizinischem Fachpersonal) besondere Persönlichkeitsmerkmale festgestellt, die gehäuft auftreten:

• Hoher Selbstanspruch

• Perfektionismus

• Hohe Leidensbereitschaft

• Mangelnde Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge

• Ausgeprägte Empathie und fehlende Abgrenzung

• Großes Verantwortungsgefühl

• Neigung zu schlechtem Gewissen und Schuldgefühle

 

Die Kombination dieser Eigenschaften in Verbindung mit den immer höher werdenden Anforderungen der Arbeit führt dazu, dass Ärzte anfällig dafür sind, sich selbst nicht wahrzunehmen und sich für andere aufzuopfern. So sind sie wenig bei sich und ihren eigenen Bedürfnissen, dafür mehr im Außen und bei den Bedürfnissen der anderen. So verlieren sie das Gefühl zum eigenen Körper, d. h. sie akzeptieren die eigenen Bedürfnisse nicht, sondern kämpfen dagegen an. Sie haben nicht gelernt, die körpereigenen Signale wahrzunehmen, und sind viel zu sehr im Kopf. Das führt dementsprechend schneller zur Selbstaufgabe, einer Verausgabung der eigenen Kräfte und damit zum Burn-out. Dieser Prozess wird durch die aktuelle Situation des Fachkräftemangels noch verstärkt.

(…)

Lösungsansätze

Wir als Mediziner haben die Chance, diese Situation zu nutzen und unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir können über das Thema sprechen. Damit meine ich keinen Jammerklub, sondern konstruktive Diskussionen zu den Themen mit lösungsorientierten Vorschlägen zur Verbesserung. Wir können die Aufklärung selbst angehen, also mit offenen Karten spielen, offen kommunizieren und unseren Patienten mehr Eigenverantwortung zurückgeben. Wir können Hilfe zur Selbsthilfe lehren, anstatt die Patienten in einer Abhängigkeit zu halten.

 

Wir können reflektieren – also statt mitzumachen, was seit Jahren »eben so gemacht wird«, können wir hinterfragen und neue Ideen einbringen. Wir können nach vorn blicken und aus unseren Fehlern lernen. Wir können eine Kultur der Wertschätzung und gegenseitigen Fürsorge einführen: Wir dürfen uns wieder wertschätzen und anerkennen, dass wir selbst die wichtigsten Menschen in unserem Leben sind. Wir können uns vom Mythos abkehren und dürfen Schwäche zeigen. Wir können lernen, wieder auf unseren Körper zu hören und die Signale wahrzunehmen, statt sie zu bekämpfen. Wir können herausfinden, was wir selbst eigentlich wollen und was unsere Grundbedürfnisse sind. Wir können lernen, uns abzugrenzen und Nein zu sagen, wenn eine Grenze erreicht ist. Wir können regelmäßige ungestörte Pausen einfordern. Wir können uns einen Mentor für psychisch herausfordernde Fälle und einen Hausarzt suchen. Durch Achtsamkeit, Meditation und Yoga können wir die Stressantwort des Körpers regulieren. Atemübungen, Bewegung an der frischen Luft und die gezielte Steuerung der Gedanken schaffen eine emotionale Distanz in krisenhaften Situationen. Mittlerweile bieten auch gewisse Krankenkassen Stressbewältigungskurse an – auch online (höre dazu auch gerne mal in meinen Podcast rein).

 

Wir können klare Vorgaben des Arbeitgebers bei Krankheit einfordern und Ideen für Maßnahmen zur Gesundheit am Arbeitsplatz einbringen (wie z. B. Gruppentraining zur Verbesserung der Stressbewältigung, Angebote für Prävention). Wir können Entscheidungen treffen, anstatt abzuwarten: Kaum etwas setzt den Körper stärker unter Stress als Kontrollverlust und das Gefühl, machtlos zu sein. Doch genau in dieser Position verharren viele und wünschen sich einen Zauber, der sie aus der Situation befreit.

 

Dabei hast du in jedem Augenblick die Wahl: Du kannst aus der Opferhaltung aussteigen, wieder Verantwortung übernehmen und aktiv werden. Anzufangen und einen Plan zu erstellen lässt positivere Gefühle frei als das Ausharren in der Opferhaltung.

 

Dr. med. Christina Barbara Petersen (geboren 1985) ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin; in ihrer eigenen Praxis in Eutin begleitet sie Patienten, die durch negative Glaubenssätze blockiert und chronisch krank geworden sind.

 

Textauszug aus „Intuitiv gesund“ von Dr. med. Christina Barbara Petersen mit freundlicher Genehmigung des Mankau Verlags.
Siehe auch bei „Wortwelten“.

 


April -August 2021


Naturkraft aus Pflanzen: So wirken Bitterstoffe

© Gutsmiedl Natur-Produkte GmbH
© Gutsmiedl Natur-Produkte GmbH

Hildegard von Bingen erkannte als Heilige und Universalgelehrte bereits vor rund 1000 Jahren, dass bittere Lebensmittel unseren Ernährungsplan bereichern und essenziell für unseren Körper sind. Als natürlicher Bestandteil vieler Pflanzen wie Rucola, Limette und Grapefruit bergen Bitterstoffe eine Vielzahl an positiven Eigenschaften. Trotz des hohen Stellenwertes, den eine gesunde Ernährung in der heutigen Gesellschaft besitzt, ist es in den westlichen Industrienationen meist nicht mehr möglich, ausreichende Mengen an Vitalstoffen – insbesondere Bitterstoffen – allein über die Nahrung aufzunehmen. Immer mehr Menschen integrieren deshalb Bitterkräuter wie Arnika, Brennnessel oder Kurkuma in ihren täglichen Speiseplan, um von der gesundheitsfördernden und entschlackenden Wirkung zu profitieren.

 

Der einzigartige Wirkkomplex pflanzlicher Bitterstoffe

 

Bitterstoffe sind als natürlicher Bestandteil in vielen Pflanzen zu finden – zugunsten des milderen Geschmacks wurden sie im Laufe der Zeit jedoch aktiv aus unseren Lebensmitteln herausgezüchtet, wodurch das gesamte Geschmacksgefüge des modernen Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Besonders in der Naturheilkunde gelten Bitterstoffe jedoch bereits seit Jahrhunderten als „Allheilmittel“: Sie besitzen für den Körper essenzielle bioaktive Funktionen und können direkten Einfluss auf die Stoffwechselvorgänge des Organismus haben. So können sie etwa die Verdauungsdrüsen wie Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse aktivieren sowie durch die vermehrte Ausschüttung von nahrungsspaltenden Enzymen zu einer schnelleren und vollständigeren Verdauung von Eiweiß, Kohlenhydraten und Fetten beitragen. Bitterstoffe werden deshalb häufig zur Bekämpfung von Blähungen und Verstopfungen sowie zur Entgiftung des Körpers eingesetzt. Nicht nur auf der Zunge, auch im Darm finden sich Bitterrezeptoren, die durch die Aufnahme von Bitterstoffen angeregt werden und sich somit insbesondere positiv auf den Verdauungstrakt auswirken können. Ihre entsäuernden Eigenschaften können zusätzlich bei Sodbrennen und einem Ausgleich des Säure-Basen-Haushalts helfen. Das Wirkungsspektrum bitterer Pflanzen-Inhaltstoffe erstreckt sich darüber hinaus auch auf das Herz-Kreislauf- und Nervensystem sowie die Harnwege: Aufgrund ihrer antibakteriellen, Kreislauf stabilisierenden und Blut reinigenden Wirkung gelten viele Bitterkräuter als „Universalheilmittel“ und Booster für die Immunabwehr. 

Auch zur Stärkung der Knochen und Gelenke können Bitterstoffe einen Beitrag leisten. Essenzielle Spurenelemente und Mineralstoffe wie Calcium und Magnesium können nur bei einer ausreichenden Magensaftproduktion vom Körper aufgenommen werden – Bitterstoffe sorgen für eine Regulierung ebendieser. Die Bitterrezeptoren auf der Haut machen Kräuter wie Arnika und Beinwell auch für Cremes und Salben interessant: Durch ein Andocken der Bitterstoffe an die Rezeptoren können ein Calcium-Einstrom in die Hautzellen bewirkt und somit die Knochen gestärkt werden. 

 

Die beliebtesten Bitterkräuter

 

Ob in Form von Lebensmitteln, Tropfen und Konzentraten, Tees oder durch äußerliche Anwendung von Cremes und Salben – Bitterstoffe können bei vielerlei Beschwerden Abhilfe schaffen und zu einer natürlichen Heilung beitragen. So gilt unter anderem die Angelikawurzel aufgrund ihrer antibakteriellen, Kreislauf stabilisierenden und Blut reinigenden Wirkung als Universalheilmittel und kann beispielsweise zur Bekämpfung von Leberschwäche, Magenkrämpfen oder Verdauungsbeschwerden eingesetzt werden. Auch die Artischocke zählt zu den wichtigen Arzneipflanzen: Aufgrund des hohen Gehalts an Bitterstoffen in den Blättern und Wurzeln wird diese in der Naturheilkunde als Regulator für die Verdauung und Blutfettwerte angesehen. Häufig als Gewürz eingesetzt, kann Ingwer durch sein verdauungsförderndes Enzym die Nährstoffaufnahme aus dem Darm fördern und ebenfalls entgiftend und hustenstillend wirken. Zudem werden Kardamom – in Indien als „König der Gewürze“ bekannt – auch antimykotische, antibakterielle und virustatische Eigenschaften zugesprochen. Mariendistelkraut wird unter anderem zu therapeutischen Zwecken von entzündlichen Lebererkrankungen herangezogen und zudem gegen Beschwerden wie Migräne, Gallenprobleme oder Krampfadern eingesetzt. 

Die bitteren Bestandteile der Kräuter zählen dabei nicht zu den Nährstoffen, sondern gehören zur Gruppe der sekundären Pflanzenstoffe, in der sie eine eigene Wirkstoffklasse bilden. Ähnlich wie primären Pflanzenstoffen – darunter Eiweiß, Fette und Kohlenhydrate – kommen diesen Stoffen ebenfalls wichtige bioaktive Funktionen zu. Die Äbtissin Hildegard von Bingen erkannte die gesundheitsfördernde Bedeutung der Bitterstoffe bereits vor vielen Jahrhunderten und machte diese zu einem wichtigen Bestandteil der Kloster- und Heilmedizin. Neben dem direkten Verzehr von bitteren Gemüsesorten oder Bitterkräutern können die Pflanzenstoffe dem Körper beispielsweise in Form einer Mischung aus unterschiedlichen Kräutern und Gewürzen zugeführt werden. Als Ergänzung zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung können auch Bittertropfen und -Konzentrate zur Aufnahme von Bitterstoffen genutzt werden.

 

Mehr zum Thema: www.gutsmiedl.de und hier.


Dezember 2020 - April 2021


Die instabile Halswirbelsäule und ihre Auswirkung

Bild: Sergey G. auf Pixabay.com
Bild: Sergey G. auf Pixabay.com

Autorin: Ursula Starke

Nichts bestimmt unsere Lebensqualität mehr, ob wir uns in unserem Körper wohl und gesund fühlen. Akute und chronische Schmerzen, Probleme des Bewegungsapparates können unser Wohlbefinden stark einschränken.

 

Die menschliche Wirbelsäule (WS) ist wie ein Turm aus Holzbauklötzchen aufgebaut. Sie ist das tragende Element unseres knöchernen Skeletts und besteht aus 24 Wirbelkörpern, hält den Körper aufrecht und trägt den Kopf, Rumpf und Arme. Durch alle Wirbel hindurch führt der Wirbelkanal, der das Rückenmark beherbergt und Nervenimpulse zu den Schalt- und Steuerzentren im Gehirn und den ausführenden Organen weiterleitet.

Die Halswirbelsäule (HWS) ist der obere Teil der Wirbelsäule und besteht aus sieben Wirbelkörpern. Als Bindeglied zwischen Schädel und Wirbelsäule ermöglicht sie Dreh- und Nickbewegungen und schützt das Rückenmark zur Blutversorgung des Gehirns.

 

Die beiden oberen Halswirbel sind untrennbar miteinander verbunden. Der 1. Halswirbel - Atlas - ist ein knöcherner Ring mit zwei Gelenkflächen, mittig liegt die Austrittsöffnung (Nadelöhr) des Rückenmarks. Der darunter liegende 2. Halswirbel - Axis verfügt bereits über einen Dornfortsatz und einen Wirbelkörper, DENS genannt, der nach oben in den knöchernen Bogen des Atlas hineinragt und die Verbindung zwischen Atlas und der restlichen Wirbelsäule bildet. Die beidseitig angeordneten Gelenkflächen treffen direkt aufeinander, da hier keine Bandscheibe als Puffer zwischen Atlas und Schädel liegt. Ebenso ist zwischen Atlas und Axis keine Bandscheibe. Ab dem 3. Halswirbel ist der Aufbau der Wirbelsäule gleichbleibend, Wirbelkörper und Bandscheibe im Wechsel bis hinunter zum Kreuzbein. Zur Stabilisierung dienen seitliche Muskeln und Bänder.

 

Die Versorgung des Gehirns über Blutbahnen und Nervenstränge ist nur gewährleistet, wenn der Atlas in Balance steht. Der oberste Halswirbel ist bei den meisten Menschen „schief“ oder blockiert. Die Zusammenarbeit von Atlas und Axis ist nicht mehr exakt gegeben. Der DENS beginnt zu „tanzen“ und die Versorgung des Gehirns ist gestört. Durch Einengung, Quetschung oder Nerveneinklemmung empfängt das Gehirn falsche Informationen. Das führt zu Chaos im Körper. Infolgedessen können sich muskuläre Verspannungen, Schiefhaltung, Beinlängendifferenz, Schulterprobleme oder auch Schwindel, Sensibilitäts- oder Sehstörungen und vieles mehr einstellen. Reiben die knöchernen Strukturen länger aneinander, können sich an den Wirbelkörpern die ersten Verschleißerscheinungen zeigen. Eine Verschiebung des Atlas gleicht die WS mit einer Rotation bis zum Kreuzdarmbeingelenk (ISG) aus. Das kann die Psyche manchmal aus dem Gleichgewicht bringen. 

 

Eine Dislokation des Atlas nimmt großen Einfluss auf unseren gesamten Körper und alles was das Gehirn steuert. So ist auch bei Sprachstörungen, Asthma, Trigeminus-Neuralgien, Kiefergelenksprobleme, ISG-Blockaden an eine Atlasblockierung zu denken. Nach Aussagen von Louise L. Hay kann die Verschiebung des obersten Halswirbels Angst, Nervosität, Verwirrung, Schlaflosigkeit bis hin zu Depressionen auslösen.

 

Weitere mögliche Ursachen eines blockierten Atlas sind im täglichen Alltag zu finden: Geburtstrauma wie die Zangengeburt, Zahnspange, Fehlbiss, nach OP mit Vollnarkose, jeglicher Sturz auf Kopf oder Hintern wie beim Übersehen einer Treppenstufe, Fahrradsturz, Ausrutschen auf nassen Fliesen. Auch Fehlhaltungen durch zu langes Sitzen am PC und der typische Auto-Auffahrunfall können den wichtigen Atlas verschieben. Durch ein unsanftes Aufkommen des Körpers und den Aufprall auf das Steißbein zieht sich die ganze Kraft des Sturzes weiter hoch durch den gesamten Körper bis hin zum Kopf, zu den Genickgelenken. Da diese keine schützenden Bandscheiben haben bewegt sich der Kopf über seine natürlich vorgesehene Bewegungsmöglichkeit hinaus und es kann zu Einrissen der stabilisierenden Bänder am Axis kommen, was die HWS instabil werden lässt.

 

Egal ob das Herz und der Puls schneller schlägt, die Atmung beschleunigt ist, die Durchblutung der Muskulatur verstärkt, der Riech- und Sehsinn beeinträchtigt wird, und gleichzeitig aber die Magen-Darmtätigkeit ihre Arbeit verlangsamt - immer sind zahlreiche Nerven beteiligt und eine Fehlstellung des Atlas ist nicht auszuschließen. Da ist z.B. der wichtigste Vagusnerv (Selbstheilungsnerv), größter Nerv des parasympathischen Systems, der an der Regulation fast aller inneren Organe beteiligt ist. Bei größeren Belastungen und Fehlhaltungen reagiert er sehr empfindlich und deutet das mit Sensibilisierungsstörungen an. Gleichzeitig ist er fähig als Heiler zu fungieren und reguliert und gleicht Dysbalancen im Körper aus. Gleichgewichtsstörungen können Auswirkungen auf stark gereizte Nerven haben. 

Ebenso beteiligt ist das vegetative Nervensystem, der Sympathikus, der sich beidseitig am Hals hinab zieht und weitere Nervengeflechte im Körper mit all seinen Organen verbindet. 

 

Nährstoffe, Mineralien , Spurenelemente und Vitamine braucht der Mensch zum Überleben. Der Körper scheidet bei einem angeknacksten Nacken Mineralstoffe aus, was sich u. U. in Muskelkrämpfen, Herzrhythmusstörungen zeigt. Die Mitochondrien, Kraftwerke unserer Zellen zur Energiegewinnung und Entgiftung nehmen eine nicht unwichtige Rolle bei der Atlasfehlstellung ein. Dieses bleibt leider bei Problemen mit der HWS oft unerkannt. 

 

Es gibt viele Behandlungsmöglichkeiten zur Korrektur der Atlasfehlstellung mit speziellen Geräten, über manuelle Therapie bis hin zur OP.

Weitere Möglichkeiten der Wirbelsäulenkorrektur sind energetische Heilweisen. Nach einer energetischen Wirbelsäulenkorrektur (Beinlängendifferenz) verändert sich das Belastungsmuster im Bereich des Rückens und kann zu einer deutlichen Linderung akuter und chronischer Rückenleiden beitragen. Mit der Karmic-Atlas-Release-Methode (KAR) wird eine energetische Atlas- Reponierung ohne Manipulation vorgenommen. Hier zieht sich der aus dem Lot geratene Atlas durch Energiearbeit zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte selbständig zurück in seine optimale Position.

 

Auch geistig-seelische Belastungen wie gerade in dieser veränderten Zeit von Corona machen Angst und Sorge und können dazu beitragen, dass sich der Atlas durch überaus starke Nervenanspannung bemerkbar macht. Der Körper reagiert möglicherweise mit unklaren Symptomen und starken Emotionen. Durch Auflösen der negativen Emotionen kann sich wieder Klarheit einstellen. 

 

In jedem Fall ist es ratsam, fachlichen Rat einzuholen. Schon ein Überdenken der eigenen Lebensweise und ein Blick auf den Speiseplan kann eine hilfreiche Unterstützung sein. Entspannung reduziert den Alltagsstress. Jeder Mensch trägt die Fähigkeit in sich, sein Leben legendär werden zu lassen.

 

www.heilpraxis-prolumeno.de

 

Buchempfehlungen:

Bodo Kuklinski: Schwachstelle Genick;

Stanley Rosenberg: Der Selbstheilungsnerv;

Annette Bokpe, Annette Müller: amazinGRACE - Die neue Dimension der Heilung;

Annette Bokpe: Emotion und Psyche 


2020


August - Dezember 2020


Gesundheit für Mensch und Erde – der schamanische Weg

Foto: Wolf Ondruschka
Foto: Wolf Ondruschka

Autor: Wolf Ondruschka

 

Ein Schamane besucht den Papst, der ihn mit seinem speziellen Telefon mit Gott sprechen lässt und dafür 500 € verlangt, weil es ein Ferngespräch über „sehr große Entfernung“ war. Beim Gegenbesuch in der Waldhütte revanchiert sich der Schamane und lässt den Papst mit dem Großen Geist telefonieren. Er verlangt dafür 20 Cent und erklärt dem erstaunten Papst: „Ortsgespräch!“

Der alte Witz beschreibt recht gut die schamanische Sicht: In der Natur ist spirituelles Leben, alles ist beseelt und miteinander verbunden. Geist und Materie sind nicht getrennt und „in großer Entfernung“ voneinander, sondern eins.

 

Was Schamanismus (nicht) ist 

Der Schamanismus ist der älteste uns bekannte Weg der Heilung, der Erhaltung von Gleichgewicht und Harmonie in Mensch und Natur. Er ist kein Glaubenssystem, sondern ein Weg der Erfahrung

Und des Herzens, der uns zurück zum Wesenskern unserer Seele führt. Deshalb fällt es vielen Menschen nicht schwer, schamanische Grundtechniken wie die schamanische Seelenreise zu erlernen. Die dabei erlebte Magie ist keine Zauberei, sondern intensiver Kontakt zum Leben jenseits dessen, was die Oberfläche zeigt. Schamanismus ist geerdete Spiritualität und damit immun gegen ‚esoterische’ Schauermärchen und Verschwörungsphantasien. Die Lehren der alten schamanischen Kulturen, die über Jahrtausende in Harmonie mit der Erde lebten kommen jetzt wieder ans Licht, weil sie gebraucht werden.

 

Die Arbeit der Schamanen

Zu allen Zeiten war es Aufgabe der schamanisch arbeitenden Männer und Frauen, für das Wohlergehen ihrer Mitmenschen zu sorgen. Sie arbeiten dabei direkt mit der Energie der Seele, erkennen so verborgene Zusammenhänge von Krankheit und Krise und können mit Hilfe ihrer geistigen Verbündeten, der Spirits dem Heilungsprozess Raum geben. „Ohne Spirits kein Schamane“, bringt Jonathan Horvitz es auf den Punkt. Hauptursachen einer Krankheit können schädliche Energien sein, die der Seele anhaften oder der Verlust der Verbindung von Körper und Seele. 

 

Trennung macht krank

Alles ist beseelt und verbunden. Dazu gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Wir können diese Verbindung stören; dann verursachen wir Krankheit und Krise – in uns und in der Welt. Die gute Nachricht: Wir können sie nicht zer-stören. Eine tief in uns verwurzelte Sehnsucht nach Einssein mit dem Leben hält die Tür offen, damit wir immer wieder nach Hause finden. Im Grunde sind wir Menschen, die sog. ‚Krone der Schöpfung’ (‚Corona della Creazione’) die abhängigsten Wesen, die von allem brauchen, um zu überleben.

 

Schamanische Ökologie

Wir heilen uns, wenn wir die Erde heilen, denn nur auf einem gesunden Planeten gibt es gesundes Leben. Waren Schamanen früher hauptsächlich für das Überleben ihres Stammes zuständig, so könnte die Renaissance des Schamanismus heute auf die immer drängenderen Probleme des Überlebens auf unserem Planeten hinweisen. Schamanische Erd- und Selbstheilung besteht in der seelischen Kommunikation mit Tieren, Pflanzen, Steinen, mit den Kräften und Geistern der Natur, um mit ihnen in Harmonie zu leben.

 

Und es funktioniert  

Welche wunderbaren Auswirkungen die Zusammenarbeit mit den Mitbewohnern unseres Heimatplaneten haben kann, zeigt ein Beispiel unserer Tage: Als die Gründer der spirituellen Findhorn-Community in Schottland zu ihrer Überraschung feststellten, dass es ihnen möglich war, mit ihren Gartenpflanzen zu sprechen, nahmen sie deren Anweisungen für optimales Wachstum trotz intellektueller Zweifel vertrauensvoll entgegen. Die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen, und der Findhorn-Garten, vorher nur ein armseliger Streifen sandigen Bodens wurde weltberühmt. Findhorn ist Wunder und Wirklichkeit und zeigt uns, wie der Geist der Natur uns entgegenkommt, wenn wir uns nur dafür öffnen. (www.findhorn.org.uk)

 

Schamanische Wege

Als wir am Ufer der düngeverseuchten Isar ein Medizinrad legten, um Heilung für den Fluss einzuladen, ahnten wir nicht, was kommen würde: Genau 40 Tage später kam es zu einem politischen Beschluss, die Isar in 4 Jahren „wieder zu einem quellfrische, klaren Gebirgsfluss“ zu machen. Die  Kraft der Medizinräder beruht wesentlich auf der natürlichen Magie der Vier, 4 Himmelsrichtungen, 4 Elemente, 4 Jahreszeiten u.m. Wir überließen den Prozess dieser Kraft und baten lediglich um das, was gebraucht würde (mehr dazu auf www.medizinradgeber.de).

Moderne SchamanInnen können sich dazu aufgerufen fühlen, das Bewusstsein für ein gleichberechtigtes Miteinander allen Lebens zu wecken. Es ist Zeit. Wir heilen die Erde, wenn wir uns von ihr heilen lassen: Geh hinaus, lege die Hände auf die Erde und lausche. Auf deinen Herzschlag. Auf den Herzschlag der Erde. Auf ihren Zusammenklang. – Danke, du hast soeben ein Stück Heilarbeit geleistet, für die Erde und für dich selbst.

„Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ 

(Che Guevara)

 

Mehr dazu unter www.medizinradgeber.de und in „Geh den Weg des Schamanen“ und „Entdecke die Liebe zur Erde“ von Wolf Ondruschka beim Verlag Neue Erde.

 


April - August 2020


Die Wildpflanzen-Apotheke

© Shutterstock
© Shutterstock

Autor: Dr. Markus Strauß

 

Zum Beispiel: der Giersch

Mit der Vorstellung des Gierschs als Mitglied des wilden Triumvirats möchte ich Sie dazu ermutigen, tiefe Freundschaft mit ihm zu schließen. Als schnell wachsendes Wildgemüse ist er ein wahres Geschenk im Garten, auf der Streuobstwiese oder in lichten Laub- und Mischwäldern – und damit kein Störenfried mehr. Schon im zeitigen Frühjahr können die ersten Triebspitzen geerntet werden, danach die schnell wachsenden Blätter bis hin zu den weißen Blüten – und wenn er ab und zu auch mit der Sense abgemäht wird, fängt der grüne Zyklus wieder von vorn an – bis in den Herbst hinein! 

Die Hinwendung zum Giersch ist heute unerlässlich, denn in Zeiten großer Anforderungen, sei es körperlicher, geistiger oder seelischer Natur, entfaltet Giersch allzu gern sein heilsames Potenzial. Und wer kann heute darauf schon verzichten? Er erinnert geschmacklich an Petersilie oder Sellerie, besticht aber durch sein ganz eigenes »Profil«. Der Geschmack ist für Sie vielleicht zu Beginn noch ungewohnt, doch bald werden Sie ihn genauso mögen wie ich. Egal, ob er im zeitigen Frühling roh im Salat und Kräuterquark, später »wie Spinat« oder mit seinen Blüten als essbare Dekoration zubereitet wird: Er ist ein treuer und zuverlässiger Begleiter im Alltag. Ich nutze ihn in vielfältiger Zubereitungsform, als Gemüse, Saft und Smoothie, aber auch beim Wandern als Erste-Hilfe-Umschlag bei Verstauchungen oder zu Hause als Badezusatz (siehe Wald-Apotheke).

 

Hier wächst er:

 

Oft ist Giersch im eigenen Garten an halbschattigen Plätzen, auf nährstoffreichen und feuchten Böden zu finden. Er wächst recht üppig in der lichten Krautschicht im Laub- und Mischwald, am Waldrand, unter Hecken und Obstbäumen sowie an Gebüschen. Oftmals gesellen sich, wie hier im Bild zu sehen, Brennnesseln und Taubnesseln mit dazu. Zu übersehen ist er wegen seines massenhaften Auftretens jedenfalls nicht! Vielleicht werden Sie schon bald feststellen, dass Sie fast alles durch die grüne »Gierschbrille« sehen.

© Bernd Schönfelder
© Bernd Schönfelder

Daran erkennen Sie ihn: 

Giersch gehört zur Familie der Doldenblütengewächse (Apia-ceae) und hat zwei Erkennungsmerkmale, die man sich gut merken kann: den 3-kantigen Blattstiel sowie die 3-teilige Grundform der Blätter. Nur der Haupttrieb ist rundlich gefurcht und innen hohl. Als junger Austrieb sind die Blätter noch »wie zusammengefaltet«, erst später breitet sich die 3-teilige Form vollständig aus. Die Blattränder haben deutlich sichtbare kleine Zähnchen, die weiße Blüte wächst als flache Dolde. Giersch ist eine mehrjährige Staude und kann Wuchshöhen zwischen 50 und 100 cm erreichen. 

 

So wirkt er:

Der hohe Eiweißgehalt (6,7 g pro 100 g), Magnesium, Kalzium, Eisen, Kupfer, Mangan, Vitamin C sowie Provitamin A toppen jeden müden Kopfsalat aus dem Supermarkt. Dazu kommen wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe wie ätherische Öle. Giersch ist damit ohne Zweifel ein einheimisches Superfood. Die größte gesundheitliche Wirkung liegt in seiner Fähigkeit, Harnsäure auszuleiten. Bei regelmäßigem Verzehr von Fleisch, insbesondere Schweinefleisch, erweist er damit Ihrem Körper große Dienste, denn Harnsäure gehört zu den häufigsten Stoffwechselrückständen unserer Zivilisation – und nur eine Ernährung mit einem hohen Anteil an basisch wirkenden Lebensmitteln kann diesen Ablagerungen zu Leibe rücken. Auch Stress und Überforderung steuern zur Übersäuerung des Körpers bei. Somit kann der regelmäßige Genuss von Giersch auf ausgleichende Weise sein gutes Werk tun.

 

So bauen Sie Giersch selbst an:

In den mittelalterlichen Klostergärten wurde Giersch als Gemüse kultiviert. Besonders Hildegard von Bingen (1098–1179) hat ihn hoch gelobt. Als dauerhafte Staude ist er – ähnlich wie Brennnessel und Löwenzahn – kinderleicht anzusiedeln. Die Triumvirat-Pflanzen spielen zukünftig auch in Essbaren Wildpflanzenparks (Ewilpa®), bei der natürlichen Gartengestaltung sowie in der fortschrittlichen (Öko-)Landwirtschaft eine bedeutende Rolle. Diese wertvollen Wildgemüse können auf naturschonende Art angebaut werden. Der Fachbegriff hierfür ist »extensiv« – diese Bezeichnung werden Sie sicherlich noch oft im Buch lesen. Im Garten ist Giersch als Bodendecker unter Beerensträuchern wie Himbeeren, Johannisbeeren oder Stachelbeeren sowie unter Strauchrosen oder anderen Sträuchern ideal. Wichtig ist, dass Giersch ungefähr drei- bis viermal im Jahr, am besten immer kurz vor oder während der Blüte abgesichelt wird. Dann wächst in »Frühlingsqualität« wieder frisches Blattgemüse nach und versorgt uns so über ein halbes Jahr mit gesunder Grünkraft. Giersch liebt reichlich Humus und auch Feuchtigkeit. Ideal ist daher eine Düngung mit ca. 3 cm Komposterde im Frühjahr sowie das herbstliche Mulchen mit Laub.

 

Mein persönlicher Rat:

Junge, noch nicht voll entfaltete Gierschblätter – ich nenne diese bei Führungen auch gerne scherzhaft »Klappgiersch« – esse ich gerne auch gleich frisch gepflückt, somit ungewaschen und roh. Dieser kulinarische Genuss kann auch einen Beitrag zur Versorgung mit Vitamin B12 leisten. Dieses Vitamin ist gerade bei Veganern, aber auch bei Fleischessern mit einer veränderten Darmflora oft Mangelware und muss künstlich substituiert werden (mittels Vitamin-B12-Injektion, Tabletten oder einer Vitamin-B12-haltigen Zahncreme). Es ist jedoch nicht der Giersch direkt, der uns mit dem wichtigen Vitamin versorgt: Die auf den Blättern lebenden Mikroorganismen produzieren Vitamin B12. Auch für anderes Wildgemüse sowie Beeren, Früchte und Fallobst empfehle ich aus diesem Grund den teilweise ungewaschenen Rohverzehr. Voraussetzung dabei ist selbstverständlich ein Sammelort ohne Hundeauslauf, zum Beispiel in Ihrem Garten oder einem Hochbeet bzw. an höher gelegenen Büschen (…).

 

Sammelhinweise:

Blattgrün (für Blattgemüse) März–Oktober; Blüten Juni

 

Die Rezepte:

Giersch-Brusschetta - Das regionale Antipasto mit Aha-Effekt

 

Für 4 Personen

1 Handstrauß junger Gierschblätter

1 rote Zwiebel oder 2 Frühlingszwiebeln

1 Knoblauchzehe

4 reife Tomaten

3 EL natives Olivenöl

2 EL Trauben-Shrub oder Saft einer Biozitrone

Salz und Pfeffer

1 Dinkelbaguette

 

Das Baguette in Scheiben schneiden und auf dem Toaster oder im Backofen bei 150 °C Umluft anrösten. Danach mit der geschälten Knoblauchzehe einreiben. Gierschblätter, Tomaten und Zwiebeln feinstückig schneiden und mit Shrub oder Zitronensaft, Öl, Salz und Pfeffer anmachen. In kleinen Häufchen auf die Scheiben verteilen.

 

Giersch-Möhren-Fenchen-Eintopf

Dreierlei von den Doldenblütlern

 

Für 4 Personen

2 Handsträuße Gierschblätter, gewaschen und klein geschnitten

1 Zwiebel

2 EL Kokosöl

4 Möhren, klein geschnitten

2 Fenchelknollen, in Würfel geschnitten

½ l Gemüsebrühe

Pfeffer, Kreuzkümmel und Salz zum Abschmecken

 

Kokosöl im Topf erhitzen, die klein ge¬schnittene Zwiebel sowie die Möhren- und Fenchelstücke andünsten und die Gemüsebrühe dazugeben. Danach den Giersch ungefähr 2–3 Minuten im Dampf unter geschlossenem Deckel mitdünsten. Gewürze nach Geschmack hinzufügen.

 

Das Gemüse passt hervorragend zu Hirse, Quinoa, Vollkorn- oder Dinkelreis.


Textauszug aus „Die Wildpflanzen-Apotheke“ von Dr. Markus Strauß mit freundlicher Genehmigung des Knaur-Menssana Verlags.

Siehe auch bei „Wortwelten“.