Archiv Bewusstes Leben


2020


August - Dezember 2020


Die Krise nutzen

© Ulrike Plaggenborg
© Ulrike Plaggenborg

Autorin: Safi Nidiaye

 

Wenn ein so selbstverständlicher und meist kaum groß beachteter geachteter Artikel wie Klopapier – wie zu Beginn der Corona-Epidemie geschehen – plötzlich knapp wird; wenn es auf einmal gar nicht mehr sicher ist, ob wir noch alles bekommen können, an das wir gewöhnt sind und das wir brauchen oder zu brauchen meinen – dann ist es für die meisten von uns ein Schock. Auf einmal erkennen wir, dass Dinge kostbar und achtenswert sind, an die wir früher keinen Gedanken verschwendet haben. Auf einmal sehen wir bestimmte Umstände und Verhältnisse in einem ganz anderen Licht, so zum Beispiel die ganz banalen menschlichen Kontakte, wie wir sie im Café, in der Bahn, im Geschäft oder beim Spaziergang erleben. Wer hätte gedacht, dass man auf einmal niemanden mehr treffen darf! Und wie sehr kann man diese Begegnungen vermissen, wenn sie auf einmal nicht mehr stattfinden! Und wie kostbar, einzigartig, unwiederbringlich unser Leben und das unserer Lieben ist! Alles, was wir so selbstverständlich hingenommen haben, auf das wir unbewusst meinten, für immer Anspruch zu haben, ist auf einmal in Gefahr.

 

In der Natur fungieren Krisen als Geburtshelfer für eine neue, höhere Ordnung. Ob das in der menschlichen Gesellschaft ebenso vor sich geht, wird sich am Ende dieser Krise herausstellen. Das hängt nicht nur davon ab, wie die Regierungen sich weiter verhalten werden, wenn die Epidemie vorbei ist – , sondern auch davon, ob und wie wir Einzelnen die Krise nutzen. Vielleicht weckt sie unser Bewusstsein, wie oben geschildert, macht uns achtsamer und aufmerksamer. Aber vielleicht löst sie auch einfach nur ganz viel Angst und Ungewissheit in uns aus. Das wichtigste erscheint mir nun, dass wir uns um die Gefühle kümmern, die jetzt ausgelöst werden. Wie fühle ich mich, wenn ich allenthalben höre, dass diese Epidemie uns noch jahrelang begleiten wird? Was macht es mit mir, dass die Welt und mein eigenes Leben sich auf einmal so drastisch verändert? Dass Wirtschaftskrisen drohen? Was macht es mit mir, dass jemand mir befehlen kann, zu Hause zu bleiben, mir verbieten kann, mich frei zu bewegen, und überhaupt zu tun, was ich will? Was macht es mit mir, auf einmal so viel Geld zu verlieren, meine Reserven aufbrauchen zu müssen, oder ohne Arbeit dazustehen?

 

In spirituellen Kreisen neigen viele dazu, Gefühle wie Angst und Unsicherheit hinter einer bewusst fröhlichen, sorglosen oder vertrauensvollen Attitude vor sich und anderen zu verstecken. Aber in unserer Psyche herrscht ein Grundgesetz: Je mehr du ein Gefühl verdrängst, desto mehr beherrscht es dich. Gefühle sind Äußerungen unserer Seele und sie haben eine Botschaft, eine Funktion für uns. Um diese zu erkennen, müssen wir uns ihnen zuwenden. Angst beispielsweise hat die Funktion, dich vorsichtig, vorausschauend, aufmerksam zu machen.

Was unsere Gefühle brauchen, ist, dass wir sie beachten. Das bedeutet das Gegenteil unserer üblichen Haltung: Üblicherweise sind wir mit unseren Gefühlen identifiziert. Wir „sind“ ängstlich – als sei Angst eine Eigenschaft unseres Wesens – anstatt zu erkennen, dass es ein Gefühl ist, also eine Art, wie wir uns gerade fühlen. Als die Ängstliche schaue ich in die Situation, die Angst beherrscht mich, und bestimmt, was ich sehe, wie ich die Lage interpretiere, was ich in die Zukunft projiziere. Aber in dem Wissen, dass da eine große Angst in mir ist, und dass diese Angst ein Gefühl ist, kann ich es wagen, mich diesem Gefühl einmal zuzuwenden und ihm zu geben, was es von mir braucht. Was es sicher nicht braucht, ist, dass ich es wegargumentiere. Aber auch nicht, dass ich mich mit ihm identifiziere. Wenn dein Kind Angst hat, und du redest ihm die Angst aus, wird es mit seiner Angst allein sein. Sie ist nicht verstanden, nicht geachtet, nicht mitgefühlt worden. Aber wenn du dich mit seiner Angst identifizierst, dich von ihr anstecken lässt, ist ihm ebensowenig gedient. Was es von dir braucht, ist Verständnis dafür dass es Angst hat, es braucht Achtung für seine Angst, es braucht Mitgefühl, es braucht, dass du dich um seine Angst kümmerst – aber nicht, dass du dich von ihr überwältigen lässt.

 

Wenn du das gleiche mit dir selber übst, wirst du sehen, dass sich in deinem Innern etwas zurechtrückt. Anstatt größer zu erscheinen als du selber und dich zu terrorisieren, ist sie nun einfach ein Gefühl in deinem Herzen, das Beachtung verdient, aber dein Kopf ist klar und du kannst die Situation wahrnehmen, ohne sie durch die Brille der Angst verzerrt zu sehen. 

 

So habe ich festgestellt, dass alle Gefühle, die die Corona-Krise in mir ausgelöst hat, sich als wertvolle Tore zu einem neuen Bewusstsein erwiesen haben, nachdem ich mein Herz für sie geöffnet habe. Die Technik, die ich dabei verwende, ist die Körperzentrierte Herzensarbeit. Herzensarbeit, da es darum geht, unser Herz für unsere Gefühle aufzumachen; körperzentriert, denn der Ort, in dem wir ein Gefühl wahrnehmen können, ist unser Körper (in seltenen Fällen auch ein Teil des Energiefeldes, das sich außerhalb der Haut des Körpers befindet). Mich dem Gefühl zuzuwenden, das jetzt gerade nach meiner Aufmerksamkeit schreit, bedeutet also, dass ich meine Aufmerksamkeit von der „Welt dort draußen“ abziehe und auf meinen Körper richte. Meinen Körper und meinen Atem spürend, erlebe ich meine Emotion, berühre sie mit meinem Atem, meiner Präsenz, mit der Aufmerksamkeit meines Herzens. Dann rührt dieses Gefühl auf einmal an mein Herz, und mein Herz – also ich selber, in meinem fühlenden Kern – öffnet sich ihm. 

 

Körperzentrierte Herzensarbeit einzusetzen, um sich um seine Gefühle zu kümmern, führt zu Erkenntnissen, Offenbarungen und zu vielen magischen Momenten, in denen mein Herz sich öffnet und eine alte Bürde von mir abgleitet. Oft erkennt man dabei, dass die Emotion, die einen gerade so stark beherrscht, zum Beispiel die Angst, die eine solche Krise auslösen kann, gar nicht unsere eigene ist, sondern dem Kollektiv gehört. In Situationen, die ein so großes Kollektiv betreffen, liegt die Angst, die Unsicherheit, die Trauer, die Hilflosigkeit, aber auch die Wut, die Empörung geradezu in der Luft und wir fangen sie auf, ohne zu merken, dass das gar nicht unsere eigenen Gefühle sind. Wir tragen sie also weiter in uns und identifizieren uns damit. So übernehmen wir viele Gefühle von anderen. In der Körperzentrierten Herzensarbeit lernen wir, diese zu erkennen und dorthin „zurückzugeben“, wo sie hingehören. Die Folge ist, dass uns nur noch das eigene Gefühl bleibt; und dieses eigene Gefühl ist nun nicht mehr so übergroß und kann problemlos mit der richtigen Bewusstheit wahrgenommen und von unserem Herzen versorgt werden. Nun, mit diesem – zurechtgeschrumpften – Gefühl in meinem Herzen und einem klaren Kopf, kann ich erneut die Situation anschauen. Auf einmal enthüllen sich Aspekte, an die ich vorher, von der Angst blind gemacht, nicht wahrgenommen habe. Weitere Gefühle treten hervor, die ebenfalls ins Herz wollen, und jede neue Entdeckung und Herzöffnung führt zu einer erneuten Veränderung meiner Perspektive. So wird aus einer persönlichen Lebenskrise, die mir nicht zu bewältigen schien, durch Herzensarbeit eine spannende Reise des Entdeckens. 

 

Auch im spirituellen Sinne kann eine Krise ein Auslöser für eine neue Entwicklung sein. „Spirituelle Überzeugungen“, aus früheren Meditationen, Inspirationen, Erkenntnissen gewonnen und zu Glaubenssätzen verhärtet, finden sich plötzlich auf dem Prüfstein. Trägt diese Überzeugung noch, in der gegenwärtigen Situation? Werfe ich sie über den Haufen? Verliere ich meinen Glauben, oder wende ich ihn bewusst an und beobachte, was geschieht? In der Körperzentrierten Herzensarbeit erkennen wir Gedanken einfach als das, was sie sind: nämlich Gedanken. Um aus einer Überzeugung zu erwachen, brauche ich sie nicht zu verändern, sondern sie einfach als Überzeugung zu erkennen. Eine Überzeugung ist niemals die Wahrheit - sondern immer nur ein Gedanke über die Wahrheit. Sie drückt eine Art zu sehen, zu interpretieren aus. Auf dem spirituellen Weg schreiten wir voran durch Erkenntnis, und wir können nur voranschreiten, wenn wir uns neuen Erkenntnissen öffnen. Sonst verkalken wir sozusagen.

 

Für mich ist es daher eine gute Art, Krisen und bedrohliche Lebensumstände zu nutzen, um zu beobachten, mit welchen grundlegenden Überzeugungen ich identifiziert bin. Wie sehe ich die Situation und was geschieht, wenn ich diese Überzeugung bewusst anwende? Oder: Wie wirkt sich mein Erleben der Situation auf meine Überzeugung aus? 

Was auch immer die Entscheidungsträger „da oben“ tun, beschließen oder verhängen: Dieses Leben ist immer noch meine eigene Reise, in dieser Zeit und dieser Welt, mein ganz eigenes Abenteuer der Entdeckung und Verwirklichung. Und wenn ich mir das immer wieder in Erinnerung rufe, dann kann jede Situation, so schwierig sie auch sein mag, mir helfen einen neuen Schritt zu tun.

Und wenn viele das tun… wenn wir alle das tun… kann eine neue Welt entstehen!

 

 

Safi Nidiaye ist Autorin zahlreicher Bücher über psycho-spirituelle Lebenshilfe, Intuition, Meditation und Herzensarbeit. Die von ihr entwickelte „Körperzentrierte Herzensarbeit“ ist eine effiziente Methode zur Problemlösung, emotionalen Bewusstheit, Klärung von Beziehungen und Selbstheilung. Safi Nidiaye gibt Seminare und Ausbildung in Herzensarbeit. www.safi-nidiaye.com 

Siehe auch unter "Wortwelten".

 


Meine Welt und deine Welt

© silvio mencarelli  - www.pixabay.com
© silvio mencarelli - www.pixabay.com

Autor: Wilfried Nelles

 

Wir leben alle in einer anderen Welt, jeder in seiner eigenen, und keine dieser Welten ist die Wirklichkeit. Wir streiten uns deswegen über das, was richtig ist, was man tun muss oder auf gar keinen Fall tun darf oder was die „Wahrheit“ ist, weil jeder die Welt und das Leben anders sieht und meint, seine Sicht sei die richtige. Wenn vier Leute in einem Raum vor jeweils einer der vier Wände sitzen und den Raum sehen, sehen sie jeweils etwas anderes. Ihre Erfahrung des Raumes ist verschieden, die Wand, die der eine von vorne sieht, sehen die anderen von der Seite oder (die Wand hinter ihnen) gar nicht, und der ganze Raum fühlt sich anders an, je nachdem, in welcher Ecke man sitzt. Keine Sicht ist falsch, aber jede ist unvollständig.

Jeder schaut aus einer anderen Perspektive, von einem anderen Standort aus, und jeder sieht nur das, was man von diesem Standort aus sehen kann. Das ist, das Wort ist sehr genau, seine „Ansicht“. In den meisten Fällen, vor allem dann, wenn es um Dinge geht, die uns wichtig sind, halten wir diese Ansicht aber für mehr als nur eine Ansicht, wir halten sie für das Richtige, wenn schon nicht für die Wirklichkeit oder die Wahrheit. Sofern man bescheiden ist und weiß oder zugibt, dass die jeweilige Sicht vom jeweiligen Standort und der von diesem bestimmten Perspektive abhängt, wird man die eigene Ansicht nicht über die Ansichten der anderen stellen, sondern deren Ansichten aufnehmen und der eigenen hinzufügen und so sein Bild der Welt wie auch von sich selbst erweitern.

 

Um zu sehen, was das für Ihr Bild der Welt und der Menschen um Sie herum bedeutet, können Sie folgenden kleinen Test machen: Wenn Sie Geschwister haben, dann lassen Sie jeden Ihre Eltern beschreiben – wie war (ist) Ihre Mutter, wie der Vater, welche Stärken, welche Schwächen hatten sie, wie war ihre Beziehung untereinander, wie haben sie die Kinder behandelt, usw.. Sie werden feststellen, dass jedes Kind andere Eltern hat. Jedes hat auch eine andere Familie, obwohl es tatsächlich immer dieselbe Familie ist. Dennoch besteht in den meisten Fällen jeder darauf, dass sein Bild das richtige ist, dass seine Beurteilung der Eltern stimmt, und dass seine Kindheit tatsächlich so war, wie er dies empfindet.

Dasselbe können Sie mit Ihrem Lebenspartner oder Kollegen bei der Arbeit oder mit Freunden machen: Jeder sieht den anderen anders. Das gilt nicht nur für das allgemeine Bild, das man sich von ihm macht, sondern auch für die Beschreibung faktischer Ereignisse, also Dinge und Prozesse, die scheinbar objektiv sind. Sie alle haben zwei Seiten: die faktische Wirklichkeit und die, die im Blick des Betrachters erscheint.

Ich kenne meine Frau jetzt fast fünfzig Jahre, und fünfundvierzig leben wir zusammen; selbst wenn wir uns über Ereignisse unterhalten, die wir gemeinsam erlebt haben, weichen unsere Erinnerungen und unsere Geschichten oft erheblich voneinander ab, manchmal bis zum Gegenteil. Dies gilt erst recht für die Beschreibung und Beurteilung anderer Menschen. Wir schaffen es inzwischen meistens, darüber nicht in Streit zu geraten, sondern die Perspektive des anderen als dessen Sicht der Dinge zu nehmen und gelten zu lassen. Das ist sehr wohltuend und bereichernd, es war aber viele Jahre lang erst dann möglich, wenn wir uns zuvor – manchmal sogar sehr heftig – gestritten hatten, vor allem, wenn eine dritte Person dabei war. Oft hat sich dann jeder in seine Welt zurückgezogen und sich unverstanden gefühlt. Nur die Liebe konnte es überbrücken, wobei das Nicht-Verstehen blieb. Die Welten sind und werden nie deckungsgleich. Vor allem für mich, der den tiefen Traum hatte, dass man sich doch über die Wahrheit einigen können müsste, war es sehr schmerzhaft, das zu erkennen.

Das ist aber nicht nur zwischen verschiedenen Menschen so, sondern auch bei ein und demselben Menschen. Unsere Welt (unsere Sicht auf die Welt und uns selbst) ändert sich fortwährend, meistens allmählich und kaum wahrnehmbar, manchmal aber auch plötzlich und gewaltig. Ich hatte als Kind ein ganz anderes Bild meiner Eltern als mit zwanzig, und mit sechzig noch einmal ein ganz anderes. Auch ein ganz anderes Bild der Welt, sowohl der faktischen Welt als auch ganz andere Vorstellungen, was gut und wichtig und richtig ist. Und auch ein anderes Bild von mir selbst, wer ich bin, was ich kann, was ich will. Wenn man diese Bilder malen oder fotografieren oder als Film darstellen würde, bekäme man völlig verschiedene Welten zu sehen. Ich habe anderes geglaubt, anderes für richtig oder gut oder falsch oder böse oder schön oder hässlich oder wichtig oder unverzichtbar oder egal oder möglich oder unmöglich oder wahr gehalten. Mein Bild der Menschen um mich herum oder der Zeit und ihrer Ereignisse wandelt sich fortwährend, und zwar nicht nur, weil sich die Welt dauernd ändert, sondern auch, weil ich mich dauernd ändere. Dasselbe gilt für mein Selbstbild.

 

Keines dieser Bilder ist per se falsch, aber auch keines richtig in einem objektiven Sinne. Sie sind immer sowohl-als-auch. Ein Kind kann kein anderes Bild von der Welt haben als ein kindliches Bild, und daher ist sein Bild für das Kind richtig. Es ist aber auch beschränkt, und wenn man sein Leben lang daran festhält, bleibt man geistig ein Kind. Zum Beispiel ist es für ein Kind wichtig, dass jemand für es sorgt. Daher ist das Leben gut, wenn dies der Fall ist, und es ist schlecht oder gar furchtbar, wenn das nicht der Fall ist und es allein gelassen und auf sich gestellt ist. Für einen Erwachsenen ist es genau umgekehrt. Wenn er an dem kindlichen Bedürfnis festhält, dass jemand für ihn sorgen muss, ist er innerlich ein Kind. Das heißt, was für ein Kind richtig und gut ist, ist es für einen Erwachsenen und auch einen Jugendlichen keineswegs. Ein Jugendlicher sieht sich selbst und die Welt durch die Brille der Jugend; das, was die Jugend von ihm verlangt – etwa das Elternhaus zu verlassen (sich von dessen Vorgaben zu „befreien“) und sich einen eigenen Platz im Leben zu suchen –, bestimmt seine Perspektive und damit sein Bild der Welt und auch sein Gefühl und seine Urteile über richtig und falsch. Ein Erwachsener, der eine eigene Familie gründet und für seine Kinder sorgen muss, hat wieder einen anderen Standort und wird wieder eine andere Lebenssicht entwickeln. Mit jeder dieser Lebensstufen treten wir in eine andere Welt ein. 

 

Man kann sich, wie gesagt, darüber verständigen, indem man die jeweils andere Perspektive anerkennt und nicht für falsch erklärt. Im Falle der Lebensstufen Kindheit, Jugend und Erwachsensein geht es aber, anders als bei dem oben erwähnten Raumbeispiel, um ein Wachstum und eine Entwicklung. Jede neue Stufe umfasst mehr und ist höher und weiter als die vorherige. Wenn es sich um ein wirkliches Wachstum handelt, umfasst und beinhaltet die höhere (spätere) Stufe die vorangegangenen, also: die Jugend beinhaltet und umfasst die Kindheit, und das Erwachsensein beinhaltet und umfasst beide. Jede Lebensstufe geht aus der vorherigen hervor. Es ist eine Weiter- und eine Höherentwicklung – aber nur dann, wenn das Vorherige aufgenommen und nicht abgewehrt wird.

Die kindliche Sicht der Welt – die Welt der Märchen, der Zauberer, der Zugehörigkeit zu den Eltern und zur Familie (allgemein: zu etwas Größerem, das einen trägt und schützt und versorgt), etc. – ist für ein Kind vollkommen richtig und damit auch „wahr“. Sie darf Kindern deshalb auch – etwa durch das, was man heute „Aufklärung“ nennt oder durch die Zumutung von Eigenverantwortung oder der „freien Wahl und Entscheidung“ – nicht genommen werden. In der Jugend zerbricht diese Welt in tausend Scherben, und das muss so sein. Wenn man wirklich erwachsen sein will, muss man diese Scherben wieder einsammeln und schauen, welches neue Bild daraus entstehen will. Es wird ein vollkommen anderes sein als das, welches man sich in der Jugend erträumt hat.

Erwachsen wird man, wenn man die Kindheit und die Jugend in sich aufnimmt, und zwar genau so, wie sie waren – ohne Urteil, selbst ohne den Wunsch, daran etwas ändern zu wollen oder es anders gehabt haben zu wollen. Mit jedem großen Schritt in die Welt hinein: der Geburt, der Pubertät, dem Erwachsensein, den verschiedenen Stufen des Alters bis in den Tod, ändert sich unsere Welt nicht nur, sondern sie wird auch weiter und größer. Wenn wir dem im Bewusstsein folgen, weitet sich auch unser Geist und wird größer und umfassender. Das bedeutet auch: Ein Älterer kann einen Jüngeren verstehen, ein Jüngerer aber nicht einen Älteren, weil er dessen Erfahrungen noch nicht gemacht hat oder, um im Bild zu bleiben, dessen Welt noch nicht betreten hat. Daraus lassen sich wichtige Einsichten sowohl für die Beziehung der Generationen untereinander als auch und vor allem für das innere Wachstum eines jeden Menschen ableiten, die ich in diesem Buch darlegen werde.

 

Die verschiedenen Weltbilder oder Ansichten der Welt betreffen nicht nur Einzelne, sondern auch Kulturen, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einmal sind die Kulturen – und mit ihnen die Menschen, die ihnen angehören – in mannigfacher Weise verschieden. Die Chinesen zum Beispiel denken grundsätzlich in Bildern, weil ihre Schrift eine Bilderschrift ist; das abstrakte Denken ist ihnen fremd und nicht so leicht zugänglich wie Europäern. Aus demselben Grund ist das Kopieren für sie nichts Schlechtes, denn sie lernen ihre Schrift nicht durch das Zusammensetzen von 26 Buchstaben, die in sich nichts bedeuten, sondern nur durch das Kopieren und Verstehen von mehreren tausend Zeichen, die jeweils ein ganzheitliches Bild darstellen. Aufgrund der tiefen Bedeutung von Yin und Yang, die als komplementäre Polaritäten und nicht als Gegensätze verstanden werden, denken sie (ebenso wie Japaner und Koreaner) auch nicht ideologisch und nicht, wie wir Westler, in sich ausschließenden Gegensätzen, in schwarz und weiß beziehungsweise entweder-oder. In China und Japan ist alles sowohl als auch. Das bestimmt auch ganz stark ihr Bild von Fortschritt und ihren Umgang mit der Vergangenheit. In ähnlicher Weise bildet jede Kultur eine eigene Welt, die die jeweilige Sicht der Menschen auf das Leben bestimmt, so dass man sagen kann, wir leben in verschiedenen Welten. Auch beim besten Willen macht dies die Verständigung sehr schwierig, und sie ist nur in dem Maße möglich, in dem man die jeweilige Weltsicht als der eigenen gleich gültig akzeptiert.

 

Ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber, es ist nicht mein Thema. Mir geht es eher um die zweite Ebene der Unterschiedlichkeit der Kulturen, nämlich die des unterschiedlichen Entwicklungsniveaus. Denn ähnlich wie Kindheit, Jugend und Erwachsensein beim einzelnen Menschen entwickelt sich auch das Bewusstsein der Menschheit insgesamt in Stufen, die aufeinander folgen und die höher und umfassender sind als die vorherige. Ein Europäer hat nicht nur deshalb eine andere Weltsicht als ein Araber, weil er einen christlichen Hintergrund hat und jener einen muslimischen, sondern auch, weil Europa (und auch das Christentum) eine Entwicklung durchgemacht hat, die den muslimischen Ländern (und anderen auch) noch bevorsteht. Das gilt für die gesamte Globalisierungsthematik: Hier stoßen Moderne und Tradition aufeinander und müssen in eine neue Balance gebracht werden. Allerdings erleben wir dabei dasselbe, was ich bereits für die individuelle Ebene angedeutet habe: Der Westen glaubt, seine Perspektive auf die Welt, insbesondere sein Weg der Modernisierung und seine Interpretation der Moderne, sei die einzig richtige. Damit wird er scheitern. Das ist, jenseits aller ökonomischen und politischen Differenzen (etwa Demokratie und Menschenrechte) und Machtspiele, der große Konflikt mit China (das selbstbewusst und stark genug ist, sich die westliche Perspektive nicht aufzwingen zu lassen), während es bei den Konflikten im vorderen Orient eher um den Kampf zwischen Moderne und Tradition/Religion geht. Auch die Migranten werden einsehen müssen, dass sie nicht in einer Welt Zuflucht finden können, die sie innerlich ablehnen. 

 

(…) Für die jeweilige Perspektive, aus der wir die Welt sehen und die damit unser Bild der Welt, unsere Empfindungen, Meinungen und Bewertungen und zuletzt auch unser Handeln bestimmt, benutze ich den Begriff des Bewusstseins. Unter „Bewusstsein“ verstehe ich die Art und Weise, wie wir die Welt und uns selbst sehen und wahrnehmen, die Perspektive, aus der wir auf das Leben schauen und es daher erleben. „Bewusstsein“ bezeichnet zugleich unseren inneren Ort in der Welt als auch die Art und Weise, wie die Welt in uns präsent ist. Welt und Bewusstsein sind in diesem Sinne keine verschiedenen Dinge.

 

Weiterlesen in „Die Welt in der wir leben“ von Wilfried Nelles. Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Innenwelt Verlages.

Siehe auch bei „Wortwelten“.

 


April - August 2020


Behalte deine Krone auf! Resilienz in Corona-Zeiten

© roegger- pixabay.com
© roegger- pixabay.com

Autorin: Theresia de Jong

 

Die derzeitige Lage ist eine gute Gelegenheit die eigene Resilienzfähigkeit zu polieren. Das kann manchmal anstrengend sein. Wer den derzeitigen Sturm meistern will, muss nicht nur wetterfeste Kleidung tragen, sondern vor allem seine innere Sonne aktivieren.  

  

Resilienz – das ist die Fähigkeit, auch in widrigen Zeiten nicht den Kopf zu verlieren und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass auch diese Krise vorüber gehen wird, um etwas Neuem Platz zu machen. Das ist bei kleinen Katastrophen ebenso anzuwenden, wie bei mittleren und sogar großen. Oft ist es so, dass wir die Situation nicht selbst sofort verändern können, von kontrollieren gar keine Rede. Was jetzt zählt, ist unsere Fähigkeit zu akzeptieren, was ist.  

  

Es hat wenig Sinn, sich aufzuregen und in Panik zu verfallen. Das raubt uns und unserem Immunsystem nötige Energiereserven, die wir besser einsetzen können. Resilienz heißt auch, die innere, psychische Immunkraft zu stärken, weil dies auch Auswirkungen auf unsere körperliche Immunstärke hat, wie zahlreiche Studien bewiesen haben. Es ist eine grundsätzliche Entscheidung, die wir treffen können: Lasse ich mich in den Strudel hineinziehen und fange an zu jammern, oder akzeptiere ich das, was ist – auch wenn es mir nicht gefällt – und halte gleichzeitig Ausschau nach dem, was jetzt noch möglich ist. Es gibt dazu einen schönen Weisheitssatz aus Asien: „Wer im Loch sitzt, muss mit dem Graben aufhören.“ 

  

Jetzt heißt es, sich auf die eigenen Fähigkeiten zu konzentrieren. Sich klar darüber zu werden, dass wir auch vorher schon schwierige Situationen gemeistert haben. Und dass deshalb die Chancen nicht schlecht stehen, auch aus dieser Situation halbwegs heil hinaus zu kommen. Es ist vielleicht auch als Weckruf zu verstehen, hinzuschauen, was derzeit schon lange nicht mehr gut lief. Global, aber auch im eigenen Subuniversum. Denn dort, im Kleinen kann ich Veränderungen angehen. Das setzt voraus, dass ich mir zunächst bewusst darüber werde, was will gehen, und was will und kann werden.  

  

In Zeiten, in denen ein System kollabiert, weil es seine maximale Nützlichkeit überschritten hat, ist es wichtig kurz einmal inne zu halten. Wir sollten aus der gegenwärtigen Lage die richtigen Schritte ableiten. Nicht in Hektik, nicht aus Panik, um überhaupt etwas zu unternehmen, sondern aus einer inneren Zentriertheit heraus. Das Gebot der Stunde ist also zunächst: Bleibe bei dir, konzentriere dich auf alles, was noch gut läuft, hab Geduld mit der Situation und dir selbst. Widerstehe der Panik! Dies mag eine Pandemie sein, es mag vielleicht auch das Ende eines Wirtschaftssystems sein, das in vielen Stellen übers Ziel hinausgeschossen ist, aber es ist nicht das Ende unserer Zivilgesellschaft. Systeme können sich verändern. Die Weichen und die Zeichen stehen auf Veränderung. Nun denn! Was kann mein Beitrag dazu sein? Das ist die Frage, der wir uns nun stellen dürfen. 

  

Wie sagte schon Albert Camus: „Im tiefsten Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ 

www.theresia-dejong.de

 


Nachwendekinder – Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen

©bounty - www.Pixabay.com
©bounty - www.Pixabay.com

Autor: Johannes Nichelmann

Berlin-Pankow, 1996. Ich bin sieben Jahre alt, als mein Bruder und ich die Uniform finden, in einer Mülltüte im Keller. Sie ist grüngrau, mit Schulterabzeichen in Silber und Gold. Wir setzen die Schirmmütze nacheinander auf unsere kleinen Köpfe, schlüpfen in die viel zu große Jacke. »Zieht das sofort wieder aus!« Mein Vater steht in der Tür, Zorn in den Augen. »Wehe, ihr fasst das noch einmal an!« Wir verlieren nie wieder ein Wort darüber. Zumindest bis ich Abitur mache, genau zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Ich habe vor, mich in Geschichte prüfen zu lassen, interessiere mich für das Thema Grenzsoldaten und erzähle meinem Vater davon. »Wenn du das machst, enterbe ich dich!«, sagt er. Nun ist es nicht so, dass ich auf ein großes Erbe hoffen könnte. Außerdem ist mein Vater zu diesem Zeitpunkt gerade einmal Mitte vierzig. Was er mir damit eigentlich sagen will: dass über diesen Teil seiner Geschichte, unserer Familiengeschichte, nicht gesprochen wird. Unter gar keinen Umständen.                                                                                                 Weiterlesen...


Märchen und Musik

Foto: © Petra Keup
Foto: © Petra Keup

Autorin: Petra Keup

 

Was haben Musik und Märchen miteinander zu tun? Was haben Märchen und Musik gemeinsam?

Gesang und Musik, egal aus welchen Regionen und Kulturen dieser Erde sie stammen, lassen uns aufhorchen, berühren uns. Märchen, die uns erzählt werden, ganz egal woher sie stammen, machen aus uns staunende Zuhörer/innen. Gesang, Instrumentalmusik und Märchen, sie lassen ungeahnte Gefühle in uns hervortreten und sind in der Lage diesen Gefühlen Wege zur Wandlung zu offenbaren.

 

In der Musik geht es um das Spiel mit den Tönen, die mal harmonisch, mal disharmonisch erklingen, die sich mal an bestimmte Regeln halten, doch genauso gut frei improvisiert werden können. In der Musik können ganz verschiedene Instrumente zum Erklingen kommen, Stimmen oder Instrumente können solistisch erklingen oder auch in der großen Gemeinschaft eines Chores oder Orchesters. 

 

In den Märchen geht es, um das in Erscheinung treten von Bildern. Es wird etwas erzählt, was die inneren, verborgenen Bilder aus unserer Seele hervortreten lassen kann. In Märchenbildern geht es immer wieder um Wandlung, um den Sieg über das Böse, um die individuelle Weiterentwicklung des Menschen und die dazugehörenden Prüfungen, die in allen Märchen mit eindrücklichen Bildern beschrieben werden. Es geht um das Nichtaufgeben, um das Vertrauen in unerwartete Hilfen, wenn Aufgaben, die gestellt werden, schwer zu bewältigen sind oder wenn die Gegner so stark sind, dass es zunächst durchaus zum Scheitern kommen kann. 

 

In der Musik wird in der Regel die Disharmonie, die im Zusammenspiel entstehen kann, immer wieder in die Harmonie übergeführt. In Märchenbildern wird in der Regel das Böse, das Negative besiegt und zum Guten gewandelt. So verwundert es dann auch nicht, dass weltweit, in vielen Märchen der Gesang und die Musik eine wichtige Rolle spielen. Beim Gesang in den Märchen ist zu bemerken, dass nicht nur den Menschen der Gesang zu eigen ist, denn es singen auch die Kräfte in der Natur, wie die Elfen, die Feen und die Meerminnen. Es singen aber auch die Vögel. So sind in vielen Märchen Vögel die vielfältigsten Sänger und in vielen Sprachen wird das ja auch so ausgedrückt. Es wird in den verschiedensten Sprachen viel häufiger von singenden als von piepsenden Vögeln gesprochen.

 

Doch dann wird in den verschiedensten Märchen von etwas ganz Besonderem erzählt – den singenden Knochen.  Aus Knochen wurden von Menschen die ersten Flöten geschaffen, deren älteste wohl 35 000 Jahre alt ist. Doch die Menschen entwickelten ihre Flöten, inspiriert von der Natur, immer weiter. Ausgehend von der Knochenflöte entstanden Holz- und Bambusflöten und irgendwann dann auch Flöten aus Metall. Jedes Material, aus dem eine Flöte gemacht wird, gibt dieser ihren ganz eigenen Klang. Der Atem, der die Töne ja im Gesang hervorbringt, geht über in das Flötenspiel und etwas neues tritt hinzu. In Märchen, in denen Flöten zum Erklingen kommen, wird häufig von Schäfern und anderen Tierhütern erzählt, die zunächst für ihre Tiere flöten. Mit den Flötenklängen tritt dann aber etwas ganz Besonderes in Erscheinung – der Tanz. Dem geben sich zunächst die Tiere und dann ganz schnell auch die Menschen völlig hin. Musik und Bewegung lassen sich nicht voneinander trennen. 

 

Doch immer wieder drückt das Spiel auf den Flöten und Pfeifen auch etwas darüber aus, wohin die zu bewältigenden Aufgaben, die der Held oder die Heldin des Märchens zu lösen hat, im Leben wirklich führen sollen. Also machen sie sich flötend und pfeifend auf den Weg. Die heute noch gültige Redewendung: „Mir ist etwas flöten gegangen“, weist vielleicht schon auf etwas hin, was einem in den Märchen begegnen kann.

 

Es verbinden Märchen, die erzählt werden, Lieder, die gesungen werden, Musik, die gespielt wird, die Kulturen und die Menschen auf der ganzen Welt, denn sie sprechen die Seele der Menschen an, sprechen aus der Seele des Menschen heraus, bringen sie in Bewegung. So verbindet, von Musik und von Märchen berührt zu werden, Menschen, ganz unabhängig von Nationen und Kulturen in denen ein Mensch aufgewachsen ist und lebt. Von ihnen berührt zu werden, kann jeden Menschen aber auch mit seiner ganz eigenen geistigen und spirituellen Herkunft in Verbindung bringen, ganz unabhängig von einer Religionszugehörigkeit. Denn die Seele eines jeden Menschen ist eine einzigartige Melodie, ist ein individuelles Lied, ist ein unnachahmbarer Klang voller Bilder und sie will erhört und erkannt werden. Nur so kann sie sich in einem harmonischen Miteinander mit Anderen verbinden. Erst dann kann in einem sozialen Miteinander jede Disharmonie auch wieder in Harmonie gewandelt werden und Neues kann frei klingend entstehen.

 

Und nicht vergessen: Märchen sind nicht nur etwas für Kinder, sondern auch Erwachsene können immer wieder Neues für sich und ihr Leben darinnen entdecken. Tauchen wir in die Märchenbilder ein, können diese sich wie ein Spiegel unserer Seele gestalten und das Abenteuer besteht darin, dieses Spiegelbild genau zu betrachten und uns dadurch ganz neu zu entdecken. Dabei wird die Melodie unserer Seele, wird das Lied unserer Seele in Bewegung gebracht oder auch auf den Weg gebracht, sich ganz neu zu finden. 

 

Petra Keup ist Autorin und Lehrerin und lebt in Oldenburg.

Bücher: Singende und klingende Märchen aus aller Welt – Bd. 1 Gesang,

Bd. 2 Flöten und Pfeifen;

Das Weltmusik Lesebuch 


Winter 2020


Jede Generation macht ihre Erfahrungen und hat ihre Aufgaben

Foto: NiklasPntk auf pixabay.com
Foto: NiklasPntk auf pixabay.com

Autorin: Ulrike Plaggenborg

 

Die Fridays for Future-Bewegung hat einiges in Bewegung gebracht, auch wenn noch nicht im erhofften Umfang darauf reagiert wurde (die Politik stellt sich nach wie vor mehr oder weniger stur). Die jungen Menschen mit ihrem wunderbaren Engagement scheinen jedoch bei vielen aus meiner Generation, der (nach) 68er-Generation, sowas wie Schuldgefühle und Selbstverurteilung hervorzurufen. So wird zuweilen behauptet, wir hätten „der Jugend einen Scherbenhaufen hinterlassen“. Und natürlich sind wir an dieser Entwicklung beteiligt, d. h. wir haben sie mit verursacht und es braucht unsere Unterstützung für die anstehenden Veränderungen. Und gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass jede Generation ihre ganz eigenen Aufgaben in ihrer jeweiligen Zeit hat und ihre eigenen Erfahrungen macht.                     Weiterlesen....  


Auch du müllst dein Gehirn zu

Foto: Gerd Altmann auf pixabay.com
Foto: Gerd Altmann auf pixabay.com

Autorin: Prof. Dr. Maren Urner 

 

Bevor wir loslegen, mach zunächst eine kurze – aber ehrliche – Bestandsaufnahme deines Informationskonsums. Beantworte dafür spontan ein paar ganz banale Fragen: 

  • Wie viel Zeit verbringst du täglich online?
  • Wie viel vor dem Fernseher oder mit anderen Medien?
  • Was schätzt du, wie oft du dich täglich durch E-Mails, Push-Nachrichten, Social-Media-Benachrichtigungen und andere »Ich checke das mal eben«-Botschaften ablenken lässt?
  • Wie oft ärgerst du dich darüber und wünschst dir, dich anders zu verhalten?

Wenn unser Informationsdrang süchtig macht

Im 21. Jahrhundert besteht die Herausforderung nicht mehr darin, stunden- oder gar tagelang in Bibliotheken nach einer bestimmten Jahreszahl oder Aussage zu suchen. Ausgerüstet mit einem internetfähigen Mobilgerät kannst du von fast überall in Sekundenschnelle an eine unbegrenzte, ja unüberschaubare Menge an Informationen kommen. Kein vergebliches Suchen mehr, kein Streit mehr darüber, wann Napoleon lebte, und keine Sorge mehr darüber, ob wir auf dem Weg zur Arbeit vom Regen kalt erwischt werden.

Doch was, wenn unser Gehirn da nicht hinterherkommt – weil es einfach nicht dafür gemacht ist, unsere regelrechte Informationswut zu verarbeiten, und stattdessen überfordert ist? Wenn es vielleicht sogar abhängig wird von bestimmten Informationsquellen? 

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Wie uns die Liebe durch das Leben trägt

Foto: yc0407206360 www.pixabay.com
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Autorin: Theresia de Jong

Frühe Bindungserfahrungen

Eine kleine Geschichte zeigt, dass die Nähe zwischen Mutter und Kind schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt gestaltet wird. Die Mutter-Kind-Bindung umfasst durchaus auch die Kommunikation mit unserem eigenen innersten Sein. Dabei glaube ich, dass die Beziehung, die wir zu unserem Kind knüpfen, wenn wir es auf dem Arm tragen, immer auch etwas mit der Beziehung zu unserem eigenen inneren Kind zu tun hat, das heißt: Verletzungen, die unsere Seele in frühester Zeit erlitten hat und noch nicht geheilt wurden, können sich dann auch auf die Beziehung zu unserem Kind auswirken und dadurch an die nächste Generation weitergegeben werden.

Nun aber zunächst zu dieser Geschichte, die ich angekündigt habe: Sie gefällt mir auch deshalb so gut, weil sie uns vieles über die Kontinuität des Daseins sagen kann, im ewigen Kreis von Tod und Leben und auch über die innige Verknüpfung zwischen Mutter und Kind. Es ist eine Geschichte von einem ostafrikanischen Stamm, die zeigt, wie Liebesfähigkeit auch über Rituale angelegt werden kann.

Wenn sich bei diesem Stamm eine Frau, ein Paar, ein Kind wünscht, zieht sich die Frau in die Einsamkeit zurück. Sie setzt sich unter einen Baum und wartet, bis sie das Lied ihres (zukünftigen) Kindes empfängt. Hat sie das Lied vernommen, geht sie singend in ihr Dorf zurück. Sie bringt das Lied allen Dorfmitgliedern bei. Wenn sie mit ihrem Mann in Liebe verbunden ist, singen sie beide das Lied, um die Seele des Kindes zu sich einzuladen. Ist sie dann schwanger, singt sie das Lied für ihr Kind im Bauch. Bei der Geburt singen die Frauen des Dorfes das Lied. Es ist das erste, was das Kind hört, wenn es geboren wird. Dieses Lied wird es sein gesamtes Leben begleiten. Es wird bei allen wichtigen Übergängen im Leben gesungen, bei der Hochzeit und auch auf dem Sterbebett.

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2019


Herbst 2019


Achtsamkeit und Resilienz

© Marc Pascual - www.pixabay.com
© Marc Pascual - www.pixabay.com

Autorin: Doris Kirch

 

Resilienz fördert, salopp gesagt, ein dickeres Fell im Umgang mit dem Stress des Alltags. Von Achtsamkeit sagt man das Gleiche. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen dem Konzept der „7 Säulen der Resilienz“ und der buddhistisch basierten Achtsamkeitspraxis? Wissenswertes für jeden, der an einem wirkungsvollen Stressmanagement interessiert ist. 

 

Definition von Resilienz 

Der Begriff Resilienz bedeutet kurz gesagt: psychische Widerstandsfähigkeit. Damit wird die Fähigkeit eines Individuums bezeichnet, schwierige Ereignisse wie Krisen Widrigkeiten, Verluste, Traumata, Bedrohungen, Beziehungs- und Familienprobleme, ernste Gesundheitsprobleme oder Stress am Arbeitsplatz gut bewältigen zu können, das Beste daraus zu machen und daraus zu lernen. 

Ein resilienter Mensch ist jemand, den das Leben nicht so schnell „auf die Bretter schickt“. Wenn das doch einmal geschieht, findet er schnell in sein inneres Gleichgewicht zurück.

 

Das Geheimnis innerer Stärke: Die Resilienzforschung 

Das wohl bekannteste Forschungsprojekt zu Resilienz führte Prof. Emmy Werner von der University of California durch. Im Jahr 1977 veröffentlichte sie eine Längsschnittstudie von 698 Kindern, die 1955 auf der hawaianischen Insel Kauai unter schwierigen biologischen und psychosozialen Bedingungen geboren wurden. 

Das Ergebnis war nicht wirklich überraschend: Kinder, die unter Armut und disharmonischen häuslichen Bedingungen aufwuchsen, entwickelten sich negativer als Kinder, die unter günstigeren Bedingungen groß wurden.

 

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In den Wellen des Wandels

© Dimitris Vetsikas - www.pixabay.com
© Dimitris Vetsikas - www.pixabay.com

Autorin: Katharina Sebert

 

Wenn du dich im Zwischenreich von dem, was nicht mehr ist und dem, was noch nicht ist, befindest, gibt es nur das Hier und Jetzt und die Möglichkeit, mit den Wellen des Wandels zu sein und dich ihnen hinzugeben. Wenn es dir wie mir und vielen Menschen in meinem Umfeld geht, liegt das Ende einer bedeutsamen Lebensphase hinter dir und vor dir etwas Neues, was du noch nicht kennst, vielleicht erahnen kannst und eventuell eine Vision dafür hast. Die Sonnen– und Mondfinsternisse in diesem Monat (Juli, Anm. d. R.) haben ihren Teil dazu beigetragen, in die Klärung zu bringen, wo du noch Unerlöstes aus der Vergangenheit lösen und befreien darfst, um wirklich in deiner Wahrheit zu stehen und zu wirken.

 

Wandelzeiten sind Wellenzeiten 

Wellen der Wehmut durchfluten dich möglicherweise, wenn du auf das Vergangene zurückblickst, das dir entrissen wurde, unmöglich wurde und nicht mehr gelang. Ein Zeitfenster hat sich geschlossen und du kannst nicht mehr zurückkehren in das Bisherige. Es ist unwiderruflich vorbei. Wellen des Schmerzes wollen durchfühlt, zugelassen, wahrgenommen, empfangen und willkommen geheißen werden. Wellen der Liebe schenken dir Schutz, Führung, Halt und Geborgenheit. Wellen der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht wollen zärtlich umarmt und Wellen der Angst, Unsicherheit und Mutlosigkeit in Vertrauen hineingeliebt werden.

Es ist eine wackelige Zeit. Du fühlst dich entwurzelt. Der Boden, der dich möglicherweise lange und stabil getragen hat, ist weg und neues Sein und Keimen, Wachsen und Gedeihen noch in den Traumzeitwelten verborgen. Nun gilt es umso mehr, deinen Mutterboden in dir zu sondieren, dich ganz in dir zu verwurzeln und noch tiefer als je zuvor. Wie ein Baum im Sturm seine Wurzeln tief und innig in den eigenen Seelenurgrund hinein versenkt. Dich auszudehnen in deinen inneren Räumen und sie wieder ganz zu bewohnen, nachdem du dich im Abschied und Sterben vielleicht nach außen orientiert und verausgabt hast.

 

Die Gnade des Offenbarungseides

Es sind Held*innentore, die du in Wandelzeiten durchschreitest, in den Übergängen von einem alten Zyklus in einen neuen, in der Phase zwischen Tod und Neugeburt, zwischen Festhalten und Loslassen, zwischen Erschöpfen und Aufgeben. Im Offenbarungseid liegt die Gnade des Friedens. Du überlässt dem Universum, dem Fluss des Lebens die Richtung und gibst dich endlich dem Unvermeidlichen hin. Schwierig, erschöpfend und zehrend ist der Prozess, solange du ringst, kämpfst und eine Vorstellung davon hast, wie es sein sollte. Sobald du dich dem Größeren, was geschieht und geschehen will, hingibst, kehrt Friede ein und Durchatmen, und du befindest dich mit einem Mal in der Mitte eines Stromes, der dich kraftvoll trägt und deine Bestimmung kennt. Einverstandensein durchflutet dich immer mehr und ist magisch und erschütternd zugleich. So einfach ist es nach all dem Ringen, Versuchen und Festhaltenwollen?

 

Schmerz ist unumgänglich

Emotionaler Schmerz ist das entscheidende Momentum, durch das du vorher gehen musst, um bereit zu werden, dich wirklich zu lösen, dich hinzugeben und dem Großen anzuvertrauen, was sich verwirklichen will. Heilen heißt Fühlen: Im vollständig durchfühlten Schmerz geschieht eine Katharsis und Reinigung von Mustern, Glaubenssätzen und Ängsten, die Heilung von Wunden, Verletzungen, Schuld- und Schamgefühlen und die Transformation, die den Wandel überhaupt erst ermöglicht.

Übergänge sind gekennzeichnet von Chaos. Aus Abbruch wird erst Umbruch und dann irgendwann Aufbruch. Aus Zusammenbruch erwächst Durchbruch. Aus Angst, Schmerz und Widerstand werden Hingabe, Friede und Zuversicht geboren. Du wirst und lebst in wachsenden Ringen und jeder Übergang ist Sterben in eine Übergangsphase und dann Neugeburt.

 

Sterben geschieht in Hingabe

Wie auch beim Übergang vom Leben in den Tod, so bestimmst du allein, wann du bereit bist, dich hinzugeben, dich in die Arme des Geschehens zu legen und dich dem Fluss anzuvertrauen, den Wellen des Sterbens und Gebärens, die dich in neue Lebensräume tragen. Es ist keine Verstandesentscheidung, sondern eine deiner Seele und deines Herzens, wann du in der Hingabe tief und vertrauensvoll genug geworden bist, um nicht mehr selbst die Dinge lenken zu wollen, sondern dich zu überlassen: „Übernimm das Ruder, Universum“, ist die Haltung, die dich durch das Nadelöhr gleiten lässt.

Du hörst auf, den Fluss kontrollieren zu wollen und gibst auf und dich damit hin. Was vorher deine größte Befürchtung war, wird nun der größte Segen. Du gibst ab. Und erstaunlicherweise zeigt sich in diesem Augenblick oder kurze Zeit später, wenn die Wellenberge eine Höhe annehmen, die dir wieder etwas Weitblick schenkt, ein Leuchtturm, dessen Lichtsignal dir vermittelt, dass alles gut ist, einem tieferen Sinn folgt und das Leben dir Gaben in deine leergewordenen Hände legen will, was keinen Raum gehabt hätte, solange du noch festhältst an Vergangenem.

 

Den tieferen Sinn atmen

Die Wellen zerstören dich nicht mehr. Sie erschüttern dich noch, langsam werden sie seltener, weniger heftig und die Phasen der Zuversicht zwischen den Wellen werden länger und nachhaltiger. Du ahnst ihn nicht nur, sondern atmest langsam den würzigen Duft des tieferen Sinns, der hinter allem liegt. Das Licht des Leuchtturms wird dir den weiteren Weg weisen und ein neuer Ruf wird eines Tages aus deinem Herzen aufsteigen, dem du folgen wirst, um über unbekannte Ozeane neue Kontinente deines Lebens zu erreichen und zu bewohnen. Ein neuer Zyklus beginnt.

 

Zuletzt weißt du: Es war gut. Es ist gut. Es wird gut. Alles.

 

Zur Autorin:

Katharina Sebert ist Heilpraktikerin, Wegbegleiterin, Lehrerin, Autorin, Heilungs- und Friedensaktivistin, Lebens-, Liebes-, Glücksforscherin und allzeit Lernende beim Zentrum für Tiefenheilung ‚In guten Händen‘ (www.in-guten-Haenden.com). 

Diesen Text haben wir gefunden auf www.newslichter.de. Vielen Dank an Bettina Sahling für die freundliche Überlassung.


Sommer 2019


Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess - Teil 2

Autorin: Sabine Rickels

 

Von Achtsamkeit bis Naturtherapie - die Wirkung von Naturaufenthalten in verschiedenen Kontexten

 

"Die Erfahrung von äußerer Natur ist auch bedeutsam für die Entwicklung der inneren Natur des Menschen". Ulrich Gebhard

 

In der Frühlingsausgabe von Achtsames Leben beschrieb der erste Teil die physiologische Wirkung von Naturaufenthalten sowie die Wirkung von Achtsamkeit in der Natur. Im zweiten Teil steht die Natur als Wirkfaktor im Kontext von Begleitungsprozessen.

 

Natur als Wirkfaktor in Coaching, Beratung und Therapie 

Die Natur bzw. das Naturerleben wird hier in den Veränderungsprozess mit einbezogen. Dabei kann der gewählte Naturraum einfach unterschwellig wirken oder aktiv mitgenutzt werden.  Die positiven Wirkungen von Naturaufenthalten wie Entspannung, Aufmerksamkeits-erholung, Stimmungsaufhellung, Stressabbau, besserer Konzentrationsfähigkeit usw. schaffen ideale Voraussetzungen, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Daher profitieren Begleitungsprozesse wie Coaching und Therapie allein schon durch die physiologischen Wirkungen des Draußenseins. Zusätzlich verändern sich auch die mentalen Voraussetzungen: Sich in der Natur zu bewegen, schafft ein Gefühl von Abstand zum Alltag. Es entsteht mehr Offenheit und Bereitschaft zu einem Perspektivwechsel. Der Kontrast zur Lebens- und Arbeitswelt stimuliert die Nutzung der rechten Gehirnhälfte, die für unsere Kreativität zuständig ist. Bei Bewegung in der Natur schwingen sich - wie bei einer tiefen Meditation -  beide Gehirnhälften auf gleichem Rhythmus im sogenannten Alphawellenbereich ein. Sie arbeiten ideal zusammen und steigern so unsere Fähigkeit zum Lösungsdenken.

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10 Regeln für eine gute Debatte

Foto: Helmut J. Salzer - pixelio.de
Foto: Helmut J. Salzer - pixelio.de

Autor*in: Romy Jaster und David Lanius

 

Wir leben in Zeiten, in denen sich viele Menschen ungehört fühlen und sich in den sozialen Medien entsprechend auf eine Art und Weise Gehör verschaffen, dass einem ganz anders wird. Dieser Umstand wirft mit neuer Dringlichkeit die Frage auf, wie wir wieder konstruktiv miteinander ins Gespräch kommen. Romy Jaster und David Lanius haben zehn Regeln formuliert, die bei Streitgesprächen mit Andersdenkenden helfen können.

 

1. Versuchen Sie, wirklich zu verstehen

Hören Sie zu, wenn Ihr Gegenüber spricht, und versuchen Sie zu verstehen, worum es ihm im Kern geht. Fassen Sie zusammen, was bei Ihnen angekommen ist. Sie können zum Beispiel sagen: „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann ist Ihre Sorge, dass …“ oder „Ihr Punkt ist also, dass …“ Nur so können Sie sicherstellen, dass Sie wirklich verstanden haben, was dem anderen wichtig ist. In der Theorie der gewaltfreien Kommunikation nennt man dieses Vorgehen „aktives Zuhören“.

 

2. Bleiben Sie beim Thema

Menschen neigen in Diskussionen dazu, an entscheidenden Stellen abrupt das Thema zu wechseln oder in schneller Abfolge verschiedene Meinungen zu äußern. Das führt dazu, dass Streitpunkte aus dem Blick geraten, bevor Sie ihnen auf den Grund gegangen sind. Machen Sie das Parolenspringen nicht mit. Moderieren Sie das Gespräch und haken Sie nach: „Das scheint mir ein neuer Punkt zu sein. Können Sie mir erst noch erklären, was Sie gemeint haben mit …“

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Frühjahr 2019


Natur als Ressource im persönlichen Entwicklungsprozess – Teil 1

Von Sabine Rickels

Von Achtsamkeit bis Naturtherapie -

die Wirkung von Naturaufenthalten in verschiedenen Kontexten 

 

„In every walk with nature one receives far more than he seeks.“

John Muir

 

Frische Luft, ein Gang ins Grüne - Rausgehen tut gut, das ist allgemein bekannt. Seit jeher suchen Menschen instinktiv in der Natur nach Ruhe, Klarheit und Inspiration. Waren es in der Vergangenheit meist eher spirituelle Beweggründe, so ist es heute im Kontext unserer beschleunigten Lebenswelt vornehmlich die Suche nach Erholung und Entspannung. Neben den klassischen Natursportarten finden mittlerweile auch andere Aktivitäten vermehrt den Weg nach draußen: Yoga und Achtsamkeitstraining im Freien, Waldbaden, Naturcoaching, Naturtherapie u.v.m.. Aber was ist dran an dieser Naturkomponente und wie viel Potenzial hat sie? Wie wirkt Natur und kann sie uns helfen, unsere seelische und körperliche Gesundheit zu unterstützen, ja sogar uns persönlich weiterzuentwickeln? Ist es ein Unterschied, ob der gewählte Naturraum reine Kulisse ist, ob wir ihm ganz bewusst mit allen Sinnen begegnen oder ihn sogar als Resonanzraum nutzen, der uns unsere inneren Prozesse spiegelt? 

 

In dieser und in der nächsten Ausgabe werden diese Fragen aus verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet. Der folgende Teil stellt zunächst die rein physiologischen Wirkungen vom "Draußen-Sein" dar und erörtert die Verbindung von Achtsamkeit und Naturaufenthalten. Der zweite Teil beschreibt die Bedeutung von Naturaufenthalten als Ressource in Coachingprozessen sowie im therapeutischen Kontext. 

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Neustart - aufräumen ist mehr als aufräumen

Von Michael Schöckel und Priscilla Willms

 

Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf, Sie öffnen Ihre Augen, und alles und jedes, das Sie sehen, ist eine Einladung, ein Weckruf, ein „Einen wunderschönen guten Morgen“, extra für Sie persönlich. Jeder Gegenstand, dem Sie auf Ihren ersten Wegen jedes Tages begegnen, gefällt Ihnen wirklich gut, ermutigt Sie und erinnert Sie an das, was Sie wollen, was Sie sich wünschen, und was Ihnen wichtig ist. Ist das eine gute Vorstellung? Nicht mehr sozusagen das Wachwerden mühsam ‚gegen‘ Ihre eigene Wohnung durchsetzen zu müssen, sondern von Schönheit, Klarheit und Stimmigkeit liebevoll in den Tag gehoben zu werden? Gut? Davon handelt dieser Artikel.

 

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Dein Pferd - Spiegel deiner Seele

Von Ina Ruschinski

 

Pferde – seit Jahrzehnten versuche ich diese wunderbaren Tiere zu begreifen, alles über sie zu lernen, zu wissen, zu verinnerlichen – und je mehr ich über sie erfahre, je mehr ich mit ihnen zusammen an meiner Seite erlebe, umso größer wird das Mysterium Pferd für mich. Ihr Wesen zu erforschen und ihnen wahrhaftig nah zu sein, erfordert nicht allein Wissen, das habe ich mittlerweile gelernt, sondern Hingabe, einfach Sein, pur und authentisch. Dann offenbaren sich Wunder, die mich jedes Mal sprachlos und tief dankbar werden lassen. 

 

In die Wesenheit Pferd hinein zu tauchen, bringt uns zurück, zu unserem alten, ewig existenten Selbst – unserer Seele. Es ist die Ursprünglichkeit der Pferde, ihre Stille, ihre achtsame, immer gut geerdete Gegenwärtigkeit, die uns an uns selbst erinnert – daran, wie wir mal waren, als wir noch das Leben mit einem Atemzug erspürten und in seiner Gesamtheit erfassten – lange bevor wir Schöpfung intellektuell zu erklären und zu erforschen versuchten.

 

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Winter 2019


„PaarZeit – Mit dem Wunsch-Spiel zu einer erfüllenden Liebeskultur“

Foto: www.pixabay.com
Foto: www.pixabay.com

Von Monika Entmayr und Reiner Kaminski

Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sich im Laufe einer Paarbeziehung Verhaltensweisen einschleichen, die unvermeidlich erscheinen: vorschnell Kompromisse machen, sich anpassen, ständig Rücksicht nehmen und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurückstellen - oder umgekehrt: viel zu oft die Verantwortung tragen oder die Initiative ergreifen müssen. Und immer wieder gibt es Missverständnisse, Vorwürfe oder Streit. Das muss nicht sein. 

Eine erfüllende Liebeskultur

Ein glückliches Liebesleben hat mit erfüllten Bedürfnissen zu tun. Auf die Frage, was sie sich für eine glückliche Partnerschaft wünschen, antworten die meisten Menschen jedoch zunächst, womit sie unzufrieden sind und was sie nicht möchten. In unseren Paar-Workshops und -Beratungen beobachten wir immer wieder, dass viele Frauen und Männer ihre Bedürfnisse kaum kennen und sich oft nicht trauen, über ihre Wünsche zu sprechen – geschweige denn für deren Erfüllung zu sorgen. Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht ernst nehmen, tut es die Partnerin/der Partner auch nicht. Sich über die Bedeutung von erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen bewusst zu sein, ist ein wesentlicher Schlüssel zu einer liebevollen, befriedigenden Partnerschaft.

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Über Liebe und Vergebung

Foto © ipopba - adobestock.com
Foto © ipopba - adobestock.com

Von Nicola Bludau

 

„Wir vergeben, um uns selbst und das Leben zu lieben.“

(Dr. Leonard Laskow)

 

Liebe und Vergebung sind beides Begriffe, die einerseits total überfrachtet und gleichzeitig oft nur noch leere Hüllen sind. Eine, wie ich finde, ganz einfache und sehr treffende Beschreibung davon, was Liebe bedeutet, gibt uns Christina von Dreien, die vielleicht wichtigste Friedensfürstin unserer Zeit: 

„Lass Liebe in all‘ ihren verschiedenen Formen in Dein Leben treten, wie zum Beispiel als Dankbarkeit, Freude, Akzeptanz, Vergebung, Ehrlichkeit“. 

Und damit schlägt sie auch gleich die Brücke zwischen Liebe und Vergebung: Vergebung ist ein Ausdruck unserer Liebesfähigkeit. Darauf möchte ich nun etwas näher eingehen.       Weiterlesen... 

 


Wieder fühlen lernen

Von Simone Klatt

Der Weg der Transformation mit Hilfe buddhistischer Psychologie und Meditation 

Wir leben in einer Zeit, in der scheinbar alles zu schnell geht. Vieles verändert sich im Äußeren, alles ist in stetem Wandel, und das Tempo scheint weiter zuzunehmen. Gleichzeitig erleben Menschen eine große Rastlosigkeit, innere Leere und sind immer irgendwie auf der Suche nach etwas. Nach sich selbst, nach einem besseren Leben, nach Glück, nach Partnern und vielem mehr. Dieses Suchen gab es natürlich schon zu allen Zeiten und gehört zur Natur des Menschen, aber was sich verstärkt hat, ist die Rastlosigkeit, Unruhe, das Getrieben-Sein und damit auch die Zunahme an psychischen Problemen und psychosomatischen Erkrankungen.

 

Denken reicht nicht 

Der tibetische Gelehrte Rinpoche Tarab Tulku meinte dazu, dass wir in einer Zeit leben, in der das konzeptuelle Bewusstsein, also der Verstand, unser Leben völlig dominiert und wir dadurch unsere anderen Bewusstseinsarten und Möglichkeiten, das Leben und uns selbst zu erfahren, kaum nutzen. Die tibetische Philosophie unterscheidet zwischen verschiedenen Bewusstseinsarten, mit denen wir uns selbst und das Leben wahrnehmen können. Der Verstand ist nur eine Form davon. In der spirituellen Szene aber wird der Verstand häufig als etwas Schlechtes betrachtet oder negativ konnotiert, was aber nicht richtig ist.                           Weiterlesen... 


Pferdefutter

Von W.W. Lasko

 

Der Mullah, ein Prediger, kam in einen Saal, um zu sprechen. Der Saal war leer, bis auf einen jungen Stallmeister, der in der ersten Reihe saβ. Der Mullah überlegte sich: „Soll ich sprechen oder es lieber bleiben lassen?“ Schlieβlich fragte er den Stallmeister: „Es ist niemand auβer dir da, soll ich deiner Meinung nach sprechen oder nicht?“ Der Stallmeister antwortete: „Herr, ich bin ein einfacher Mann, davon verstehe ich nichts. Aber wenn ich in einen Stall komme und sehe, dass alle Pferde weggelaufen sind und nur ein einziges dageblieben ist, werde ich es trotzdem füttern.“ Der Mullah nahm sich das zu Herzen und begann seine Predigt. Er sprach über zwei Stunden lang. Danach fühlte er sich erleichtert und glücklich und wollte durch den Zuhörer bestätigt wissen, wie gut seine Rede war.

Er fragte: „Wie hat dir meine Predigt gefallen?“ Der Stallmeister antwortete: „Ich habe bereits gesagt, dass ich ein einfacher Mann bin und von so etwas nicht viel verstehe. Aber wenn ich in einen Stall komme und sehe, dass alle Pferde auβer einem weggelaufen sind, werde ich es trotzdem füttern. Ich würde ihm aber nicht das ganze Futter geben, das für alle Pferde gedacht ist.“          Weiterlesen...

 

 


2018


Herbst 2018


Eltern sind auch nur Menschen

Von Jörg Mangold

 

Vater und Mutter zu sein in der heutigen Lebenswelt ist nicht leicht. Kinder- und Jugendpsychiater zu sein übrigens auch nicht! Ich bin Vater und Kinder- und Jugendpsychiater, zusätzlich Lehrer für Achtsamkeit und Mitgefühl, − eine sehr seltene Kombination. Eltern und Kinder liegen mir sehr am Herzen.

In meiner Rolle als Kinder- und Jugendpsychiater erlebe ich häufig kleine und große Dramen in Familien und möchte helfen. Als Achtsamkeitslehrer will ich gerne Begleiter sein und Angebote machen, bevor es zu Störungen kommt. Als Vater reagiere ich sensibel auf die vielen öffentlichen Klagen und die massive Verunsicherung von Eltern, deren angeblich abnehmende Erziehungskompetenz oder gar den Ruf nach einem Eltern-Führerschein. Da haut uns Eltern doch jemand Anschuldigungen um die Ohren, die ganz wo anders hingehören!

 

Steigende Zahl von seelischen Erkrankungen 

 

Ich wundere mich, warum von den Entscheidungsträgern, die diese Anklagen hervorbringen, keiner die folgenden Fragen stellt: Was sind die Lebensbedingungen in Deutschland, dass wir eine ständig steigende Zahl von seelischen Erkrankungen sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen verzeichnen müssen? Welchen Lebensstil und welche Werte kultivieren wir, dass diese Auffälligkeiten und Nöte ständig zunehmen, obwohl wir in einem der wohlhabendsten Ländern dieser Erde leben?

Das ist nicht eine Angelegenheit von uns Eltern, sondern von unserer Art zu leben, inklusive der dazugehörigen Risiken und Nebenwirkungen. Dazu möchte ich einen echten Experten in diesem Bereich zitieren. Professor Fritz Mattejat hat zur Frage des steigenden Therapiebedarfs für Kinder und Jugendliche zwei wesentliche Antworten herausgearbeitet.

 

1. Armut und prekäre Lebenssituation lassen die Zahl der Risikofaktoren für psychische Erkrankungen bei allen Beteiligten in der Familie deutlich steigen. In Berlin leben z. B. 30 Prozent der Kinder von Sozialleistungen. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem letzten Jahr zeigt, wenn Familien erst in der Armut landen, dann bleiben sie lange dort.

 

2. Wir setzen uns unter Druck. Familien ohne gravierende Einschränkungen erleben eine hohe elterliche Stressbelastung, die sich aus den eigenen hohen Ansprüchen ergibt. Elterliche Stressbelastung erhöht wiederum die Anfälligkeit für psychische Auffälligkeiten bei den Kindern. Mit dem hohen Anspruch an sich selbst ist auch ein erhöhter Anspruch an die Kinder verbunden. Als Folge sinkt  die Toleranzschwelle bezüglich Interventionen bei Auffälligkeiten. Das zeigt sich besonders bei den schulischen Erwartungen an die Kinder.

(Zitate aus dem Vortrag von Professor Fritz Mattejat auf dem Symposium 2016 „Über den Tellerrand 2“…)

 

Aus meiner psychiatrischen Tätigkeit kann ich diese Fakten bestätigen. Ich kenne die eine und die andere Gruppe gut. Aber wir müssen aufpassen, dass wir hier nicht den Eltern einfach den „Schwarzen Peter“ zuschieben. Wenn Eltern in prekären Lebenslagen wenig Ressourcen und noch weniger Energie haben, leiden sie selbst oft am meisten daran. Sie wünschen sich auch, ihren Kindern ganz Anderes anbieten zu können.

Das Phänomen der zweiten Gruppe bezieht sich nicht vordringlich aufs Elternsein. Es tritt dort nur verstärkt auf und wirkt sich in der Folge auf die Kinder weiter aus. Ist es nicht unglaublich, dass jeder vierte Mann und jede dritte Frau in Deutschland innerhalb der nächsten 12 Monate die Diagnosekriterien einer psychischen Störung erfüllen wird (www.degs-studie.de)?

 

Wir machen uns Druck und werden krank

 

Ich möchte die steigende Zahl der psychischen Erkrankungen, der Burn-Out-Fälle, der Stress-Geplagten klar als den „Kaufpreis“ und damit als Aus- und Nebenwirkungen unserer Lebensart benennen. Es ist unlauter, diese Thematik dem Einzelnen als „Patient“ in die Schuhe zu schieben. Die genannten psychischen Erkrankungen sind eine direkte Folge unseres gewählten Lebensstils, wie die Klimaerwärmung oder wie die Zahl der Verkehrstoten, die wir eben in Kauf nehmen.

Zu Beginn meiner Ausbildung vor 25 Jahren waren wir seltene Exoten und mussten Öffentlichkeitsarbeit leisten, damit überhaupt jemand mit seinem Kind zum Psychiater kam, obwohl wir zu so vielen Störbildern wirklich Hilfen angeboten hatten. Das Versorgungsnetz mit Kliniken und Praxen ist heute viel dichter geworden und die Schwellen zur Inanspruchnahme von Hilfe sind geringer.

Aber zäumen wir heute nicht viel zu oft das Pferd von hinten auf? Wir versuchen, die steigende Zahl der psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen zu versorgen, wenn sie schon eingetreten sind. Was tun wir alle dafür, dass es nicht soweit kommt? Wo bleibt die Vorsorge? Um ein Bild zu bemühen: Ich fühle mich in der Praxis mit all den Dringlichkeitsanfragen oft wie in einem „Emergency Room“. Laufend kommen Menschen mit abgesägten Fingern oder Armen, und ich bin so damit beschäftigt, sie zu versorgen, dass ich gar keine Zeit habe für die Frage: „Wo ist denn das verdammte Sägewerk? Wo kommen die denn alle her?“

 

Wer ist denn hier ver-rückt?

 

Wir haben weltweit mit eine der höchsten Kapazitäten für ambulante und stationäre Psychotherapie. Es kann doch nicht die Antwort sein, noch mehr und am besten alle Betroffenen in Psychotherapie und Behandlung zu schicken. Wer oder was ist denn hier ver-rückt? Beim System Schule gerät die gesellschaftliche Entwicklung, die eigenen Wünsche und die entstehenden Nöte für die Kinder und Eltern unters Brennglas. Es scheint leider eines der größten Sägewerke zu sein.

Wir geben aufgrund der Veränderungen im Berufs- und Familienleben immer mehr grundlegende Aufgaben der Erziehung an Krippen, Kindergärten und Schulen im Ganztages-Modus ab. Wir statten sie aber nicht mit den notwendigen Ressourcen dafür aus, dass es gelingen kann. Mit den Ausgaben für Erziehung liegt Deutschland im hinteren Feld in Europa (www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/armutsmuster-in-kindheit-und-jugend/).

Ich soll als Kinder- und Jugendpsychiater oft die Störer dazu bringen, nicht mehr zu stören. Aber wer ist hier eigentlich gestört? Die einzelnen Kids, die mit den Bildungs- und Betreuungsangeboten nicht klarkommen? Oder wir als ganze Gesellschaft, die wir dem Aufwachsen unserer Kinder so wenig Bedeutung einräumen?

 

Reparatur an der falschen Stelle

 

Ich erlebe das als Kinder- und Jugendpsychiater zunehmend als ethischen Konflikt. Ich soll „doktorn“, damit alles wieder klappt. Ich kann ja mit der Hilfe für die Kinder nicht warten, bis sich etwas ändert im System. Aber ich komme auch nicht klar damit, dass ich immer mehr Reparaturaufträge aus einem kranken System bekomme. Reparatur an der falschen Stelle.

 

Hier meldet sich der Achtsamkeitslehrer zu Wort: Wir brauchen viel Weiterentwicklung: eine Evolution hin zu Nachhaltigkeit, lebenswerten Rhythmen und endlich die Einsicht, dass die Kinder unser höchster Wert und unsere Zukunft sind. Eltern sind auch nur Menschen! Sie und die Kinder stehen im Mittelpunkt der Misere. Sie wollen von Herzen das Beste für ihre Kinder. Wir Experten laufen leider Risiko, mit in die Optimierungsfalle zu tappen aus vermeintlich besten Absichten für das Kind, um damit den Druck auf Eltern noch weiter zu erhöhen.

 

Achtsamkeit und Selbstmitgefühl als Prävention

 

Ich bin überzeugt, dass Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bzw. Mitgefühl mit anderen entscheidende hilfreiche Gegenmittel für etliche der Ver-rücktheiten unserer Lebensart sind. Für Eltern sind sie hilfreich, mit den vielen Herausforderungen, dem Druck, den eigenen begrenzten  Möglichkeiten und den unweigerlichen Konflikten und Missgeschicken heilsamer klarzukommen. Therapeuten und Psychiatern helfen sie für das eigene Seelenwohl, gerade angesichts des vielen Leids, dem wir begegnen. Beratung aus dieser mitfühlenden Haltung macht einen großen Unterschied für Eltern. Ich freue mich, wenn wir Achtsamkeit und Selbstmitgefühl als präventive Kraft in die Elternarbeit in Kindergärten, Horteinrichtungen, Schulen und Erziehungsberatungsstellen tragen können. Ich bin überzeugt, wir brauchen dann weniger psychische Behandlungen.

 

Da klingt mir mein erster Psychiatrie-Lehrmeister, Prof. Wolfgang Werner aus dem Saarland, im Ohr: „Wir sollten als Psychiater und Psychotherapeuten darauf hinarbeiten, dass wir möglichst überflüssig werden, nicht immer wichtiger!“ Ich bin gerne dabei, überflüssiger zu werden. Damit dies möglich ist, will ich auch, dass wir politisch etwas an den Lebensbedingungen für Eltern und Kinder ändern und die Prioritäten neu setzen.

 

Jörg Mangold, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Achtsamkeitslehrer, Dozent, Elterncoach.

Mehr Info: www.we-mind.life.

 

Autor des Buches „Wir Eltern sind auch nur Menschen! Selbstmitgefühl zwischen Säbelzahntiger und Smartphone.

Siehe auch unter „Wortwelten“ .

 

Diesen Beitrag haben wir gefunden auf www.ethik-heute.org . Ethik heute ist ein kostenloses Online-Magazin, das jede Woche neue Artikel rund um Ethik und achtsames Leben veröffentlicht. Das Projekt finanziert sich allein durch Spenden. 

 


Woher? Wohin? Orientierung im Leben

Von Christian Brehmer

 

Salatkopf und Gartenzaun                                                                  

 

Gib einem Esel einen Salatkopf, und er wird fragen: „Nanu, was ist das für eine Distel?“

 

Dieses Gleichnis aus der Sufi-Tradition will unsere Wahrnehmung hinterfragen. Was auch immer das Leben uns bietet an schönen Dingen: eine glückliche Partnerschaft, einen erfolgreichen Job, einen gesunden Körper, soziale Anerkennung u.a.m.  Oder weniger schöne Dinge: mieses Wetter, einen hartnäckigen Infekt, Ärger mit dem Chef oder Spannungen in der Beziehungskiste. Immer ist es unser Bewusstsein, das diese Dinge wahrnimmt und bewertet. Der Esel kennt nichts anderes als Disteln, und der Salatkopf wird vom Distel-Bewusstsein beurteilt. Unser Bewusstsein ist die Bühne, auf der sich alles abspielt. Das gilt für den Esel, das gilt für uns.

 

Wir haben alle unseren privaten Bewusstseinsgarten mit etlichen Salatköpfen und einem Gartenzaun mit keinem Zwischenraum, hindurchzuschauen.

 

Wir haben den Wahrnehmungshorizont, der uns gerade verfügbar ist. Und meistens sind wir uns dessen gar nicht bewusst. Bei Kindern schmunzeln wir belustigt (nicht immer!)  über ihren kleinen Bewusstseinsgarten, auch wenn sie jede Menge Blödsinn bauen. Aber dass wir auch als Erwachsene in unserem Bewusstseinsgarten eingegrenzt sind, das fällt uns nicht weiter auf. So tragen wir u.a. unbemerkt unsere Konditionierungen von Kindesbeinen an mit uns herum und können sie oft ein Leben lang nicht loswerden. Männer, beispielsweise, projizieren häufig unbewusst ihr Mutterbild auf ihre Partnerin. Und wenn die gute Frau dem nicht entspricht, gibt es handfeste Anpassungsprobleme. 

   

Manchmal wird unser Gartengrundstück eingeengt. Durch Krankheit z.B. oder eine schlechte Nachricht, die wir nicht loslassen können. Sind wir dann in einem Gespräch mit unserem Partner, können wir gar nicht richtig zuhören – es rotiert und rotiert in unserer Birne.  Und auch die Wahrnehmung ist eingetrübt. Wir sehen nur Disteln statt Salatköpfe. Fazit: Wir erleben die Welt,  so wie wir sind. 

 

Das ist nichts Neues. Schon in der Philosophie des Mittelalters, der Scholastik, wusste man: „Quidquid recipitur, recipitur ad modem recipientis“, was  immer auch empfangen wird, wird im Modus des Empfängers empfangen. Es wird aufgenommen und integriert, oder es bleibt liegen bis die Zeit gekommen ist. Deswegen bringen wir am Schluss unseres Buches nach all den Ausführungen das Zitat: „Du kann einen Esel ans Wasser führen, trinken aber muss er selbst.“   

 

Zusammen mit dem Eingangszitat bildet es die umfassende Klammer unseres Buches. Es ist die Klammer unseres gegenwärtigen  Bewusstseins.       

Aber zurück zu unserem Gartenzaun. Es gibt nämlich auch kollektive Gartengrundstücke, die eine ganze Gesellschaft eingrenzen. So ist zum Beispiel die Mehrheit unserer Bevölkerung, der sogenannte Mainstream, dem Sog des Materialismus verfallen. Denken, Fühlen und Wollen kreisen um Geld und Wohlstand: Arbeitsplatz, Anschaffungen, Krankenversicherung, Altersversorgung, Spaß und Konsum usw. Nicht verkehrt, aber eben begrenzt. Dieses materiell orientierte Bewusstsein drückt sich in der Priorität der Wirtschaft vor der Politik aus und wird dadurch weiter verfestigt. 

 

Schließlich wird auch die ganze Menschheit von Wahrnehmungszäunen geprägt. Etwa das  geographische Weltbild. Für die frühen Naturvölker war die Erde eine Scheibe; damals kam man nicht viel über die unmittelbare Umgebung hinaus. Der griechische Astronom Claudius Ptolemäus stellte die Erde in den Mittelpunkt der Welt. War ja auch logo, denn unsere Beobachtung suggeriert, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Dann aber kam Kopernikus und belehrte uns eines Besseren. Er rückte die Sonne in den Mittelpunkt. Heute wissen wir, dass auch die Sonne samt ihrer Planetenfamilie innerhalb der Milchstraße, unserer Heimatgalaxie, mit ihren Milliarden von Sternen,  sich um einen zentralen Kern dreht. Und vielleicht rotiert die gesamte Milchstraße in einem System von Galaxien in einem gigantischen Reigen. Da kann einem nur schwindelig werden… 

 

Aber auch das Erkenntnisvermögen, mit dem wir unser Weltbild aufbauen, hat eine kopernikanische Wende hinter sich. Bis zur Aufklärung im 18. Jahrhundert glaubte man noch allgemein, dass unsere Wahrnehmung  der Dinge den Dingen selbst entspricht. Immanuel Kant belehrte uns eines Anderen. Er zeigte auf, dass es unser Bewusstsein ist, das der Wahrnehmung der Dinge ihre Gesetze vorschreibt. Unser Bewusstsein ist die Bedingung aller Erfahrungen. 

   

Zu dieser Erkenntnis war auch Stephen Hawking gekommen, der einer der größten Wissenschaftler der Gegenwart galt. In seinem zusammen mit Leonard Mlodinow verfassten Buch „Der große Entwurf“ kommt er zu der Einsicht, dass alle Wahrnehmungen und Beobachtungen als Grundlage menschlicher Erkenntnis von den Deutungsstrukturen unseres Gehirns abhängig sind. Wir arrangieren uns in einem „modellabhängigen Realismus“.      

 

Das ist eine zentrale Einsicht. Es sind nicht die Dinge selbst, die uns glücklich oder unglücklich machen, die der Wirklichkeit entsprechen oder nicht, sondern unsere Wahrnehmung und Beurteilung der Dinge gemäß unseren Bewusstseins, unseren Gartenhorizonts. Freud und Leid sind eine Sache des Bewusstseins. Somit müssen wir hier ansetzen, wenn wir unsere Lebensqualität verbessern wollen. Das Leben, die Evolution, hat es auf die Entfaltung des Bewusstseins angelegt, auf die Erweiterung unseres Erkenntnis- und Erlebnishorizonts und auf mehr Daseinsfreude: das ultimative Abenteuer.

 

Textauszug aus dem Buch „Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise“ von Christian Brehmer, Vianova Vlg. 2018.


Sommer 2018


Hochsensibilität – ihre verschiedenen Gesichter

Von Bettina Keller

 

Gerade steht sie mir etwas im Wege, meine eigene Hochsensibilität (HS) – beim Schreiben dieses Artikels. Ich möchte alle Aspekte berücksichtigen, allen Facetten gerecht werden, gewissenhaft alles richtig machen. Ich merke, wie mir der innere Perfektionist im Nacken sitzt. Durch das vernetzte Denken – typisch für hochsensible Personen (HSP) – fällt es mir nicht leicht, zu entscheiden, worauf sich mein Artikel fokussieren soll. 

Glücklicherweise bin ich weder hungrig noch leide ich unter Schlafmangel, was meine Konzentration beeinträchtigen würde, und ich schreibe in einer reizarmen Umgebung. 

Gestern habe ich noch vergeblich versucht, im Zug zu arbeiten. Eine Zugfahrt kann ja ein regelrechter Ansturm auf die Sinne sein. Stimmen aus dem Lautsprecher und von Mitreisenden … jemand verzehrt etwas, das einen intensiven Geruch verströmt … am Tag die vorbeiziehende Landschaft, abends die Lichtreflexe im Zug … viele Menschen um einen herum, alle unterschiedlich gestimmt … insgesamt unzählige Informationen, die da aufgenommen und verarbeitet werden müssen.

Hochsensibilität ist komplex und lässt sich nicht in eingängige Schemata pressen, genauso wie dies auch mit hochsensiblen Menschen nicht machbar ist. Aber einige mögliche Eigenschaften dieses beständigen Persönlichkeitsmerkmales der HS habe ich oben bereits eingeflochten.

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Phänomen alleingeborener Zwilling

Foto/ Grafik: Birgit Annette Schulz
Foto/ Grafik: Birgit Annette Schulz

Autorinnen: Britta Steinbach und Petra Becker, twin-light.de 

 

Verwirrende Gefühle

 

Kennen Sie vielleicht das Gefühl von unerklärlicher Traurigkeit, die ganz tief verwurzelt zu sein scheint? Oder führen Sie eine Partnerschaft, die zwar unerfüllt ist, aber aus der Sie sich nicht zu lösen vermögen? Oder leiden Sie an unerklärbaren Ängsten, die sich allein durch den Verstand nicht beseitigen lassen? 

Möglicherweise ist die Ursache ein im Mutterleib verlorener Zwilling. Dieses Urtrauma ist vom Bewusstsein nicht erinnerbar und somit gibt es für die psychischen und/oder körperlichen Symptome keinen nachvollziehbaren Anker. Der auf Zellebene angelegte Informationsspeicher führt dazu, dass immer wieder Erinnerungen an der Körperebene auftauchen, die bewusst nicht kontrollierbar sind. 

Beginnen wir mit der Frage: Was heißt das denn „Im Mutterleib verlorener Zwilling“? - Jede Lebensform, die sich über Jahrmillionen auf der Erde durchgesetzt und überlebt hat, benötigte dazu eine enorme Fähigkeit, sich immer wieder an den äußeren Gegebenheiten zu orientieren und anzupassen. Der Mensch selbst ist eine der überlebensstärksten Arten auf der Erde. Um dies zu leisten, ist das Fortbestehen der Art hinsichtlich der Fortpflanzung grundlegend wichtig. Gerade weil eine Schwangerschaft beim Menschen verhältnismäßig lang dauert, ist es wichtig, dass diese mit der erfolgreichen Geburt eines gesunden Neugeborenen endet.                                                                                                      Weiterlesen... 

 


Der verwundete Heiler

Von Andreas Nager

 

Ein fundiertes Fachwissen und technische Kompetenz sind wichtige Voraussetzungen für das erfolgreiche Ausüben eines therapeutischen Berufes. Doch die einseitige Ausrichtung unseres heutigen Gesundheitssystems auf Technik und Fachwissen geht immer mehr auf Kosten der menschlichen Qualitäten. Die essentielle Grundlage jedes wirksamen therapeutischen Arbeitens ist der heiltätige Mensch selber. Jeder therapeutisch tätige Mensch „hat nicht nur eine Methode: er selber ist sie.“ (i) Der Inhalt seiner persönlichen Lebensgeschichte hat einen wesentlichen Einfluss auf den Heilerfolg. 

„Nur wo der Arzt selber betroffen ist, wirkt er.“, schreibt C.G. Jung in seiner Autobiographie. „Nur der Verwundete heilt.“ (ii) Das Motiv vom „verwundeten Heiler“ dreht sich um den schöpferischen Umgang des Therapeuten mit seiner eigenen Verwundung, seinem persönlich erlebten Schmerz und Leid. Seine an Leib und Seele durchlittene Auseinandersetzung mit eigenen Verletzungen und Nöten ist das Kapital, welches er - neben seinem Fachwissen - mitbringt, um andere Menschen von ihrer Wunde zu heilen. Nur wer den dreistufigen Prozess von Leiden, „Zu-Grunde-Gehen“ und wieder Auferstehen selbst durchlebt hat, ist qualifiziert, mit seinen Patienten in eine Beziehung zu treten, die Heilung ermöglicht. Nur derjenige Therapeut, der einen offenen und bewussten Umgang mit seiner eigenen Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit pflegt, ist imstande, seinem verwundeten Gegenüber in echter Resonanz zu begegnen - mit Einfühlungsvermögen und aufrichtigem Mitgefühl.                                           Weiterlesen...

 


Irren ist nützlich

Von Henning Beck

Aus der Einleitung des gleichnamigen Buches

 

Dies ist kein Buch, das Ihnen zeigt, wie toll das Gehirn funktioniert. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Dies ist auch kein Buch, in dem Sie lesen können, wie perfekt das Gehirn arbeitet. Das tut es nämlich nicht. Und wenn Sie nach dieser Lektüre mit Ihrem Gehirn noch schneller und konzentrierter denken wollen, muss ich dem gleich zu Beginn eine Absage erteilen: Auch das wird nicht passieren, denn das Gehirn ist alles andere als präzise oder flott im Rechnen. Es ist ein verträumter Schussel, oft abgelenkt und unkonzentriert, nie zu hundert Prozent verlässlich, es verrechnet sich, irrt ständig und vergisst mehr, als es behält. Kurzum: Es ist ein etwa 1,5 Kilo schwerer Fehler. Sie alle tragen diesen schlampigen Zeitgenossen ständig im Kopf mit sich herum – und ich gratuliere herzlich dazu.

 

Nachdem ich nun einen Großteil der Leserschaft verschreckt haben dürfte, gibt es eigentlich nur noch einen Grund, dieses Buch weiterzulesen: weil es Ihnen zeigt, dass es gerade das Nichtperfekte, das Fehlerhafte, das scheinbar Ineffiziente ist, was Ihr Gehirn so einzigartig und so erfolgreich macht. Jeder kennt es aus dem eigenen Leben: Das Gehirn macht Fehler – manchmal größere, manchmal kleinere; es vergeht kein Tag, an dem nicht auch Ihr Gehirn irgendwelchen Unsinn baut, sich verrechnet oder irrt. Sie schätzen die Zeit falsch ein, haben vergessen, was Sie gerade erst gelesen haben oder lassen sich von Ihrem Handy ablenken. Und gerade das ist eine prima Sache.

 

Denn es sind die vermeintlichen Schwächen und Ungenauigkeiten, die Ihr Gehirn so anpassungsfähig, dynamisch und kreativ machen.

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Frühjahr 2018


Die Algorithmen und wir - wem gehört die Zukunft?

Von Thomas Steininger

 

Künstliche Intelligenz wird unsere Welt völlig verändern. Viele ihrer Vordenker haben die Vision, dass wir Menschen in naher Zukunft mit intelligenten Maschinen verschmelzen. Mit einer Intelligenz, die unsere Intelligenz weit in den Schatten stellt. Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt zu fragen, was ein Mensch und was eine Maschine ist.

 

Wir leben mitten in der Big-Data-Revolution, und diese technische Revolution ist ein großer weltgeschichtlicher Umbruch, mehr – als uns oft bewusst ist. In großer Geschwindigkeit werden immer weitere Dimensionen unserer Welt Teil eines großen algorithmischen Netzwerks. Mit den Suchmaschinen, den sozialen Medien, mit unseren Smartphones, aber auch den Webkameras und der neuen Wearable Technology verbinden wir immer größere Bereiche unserer analogen Welt mit den Rechenzentren der Internetkonzerne.

Und diese Rechenzentren entwickeln in einem rasanten Tempo eine neue, künstliche Intelligenz, die wir uns vor wenigen Jahren noch nicht vorstellen konnten. Im Mai 2017 gewann Googles DeepMind-Programm gegen den chinesischen Weltmeister des Go-Spiels Ke Jie. Auch die Fachwelt war völlig überrascht. Go ist nicht Schach, es ist viel komplexer. Es braucht viel mehr Intuition und Improvisation – Fähigkeiten, die wir dem Computer noch nicht zutrauten.

Und DeepMind ist nicht einfach ein Programm. Es ist eine künstliche Intelligenz, die sich das Go-Spiel selbst beigebracht hat und täglich weiter lernt, viel schneller als wir. Die Verbindung der alles umspannenden digitalen Netze mit einer technischen Intelligenz, die in rasender Geschwindigkeit immer Neues lernt, wird unsere Zukunft bestimmen. Bald wird sie unsere gesamte menschliche Intelligenz überflügeln. Sie wird Lösungen für Probleme entwickeln, an die wir noch nicht einmal gedacht haben. Dieser Moment, an dem sie uns ein für allemal überflügeln wird, hat auch schon einen Namen. Ray Kurzweil, der technische Direktor von Google und einer der Propheten dieser digitalen Zukunft, nennt ihn Singularität, und er sagt ihn für das Jahr 2045 voraus.

 

Bibel der Singularität

 

Es gibt auch schon eine neue Bibel der Singularität. In dem weltweiten Bestseller Homo Deus beschreibt der israelische Historiker Yuval Harari mit einer brillanten Fülle an Details und Hintergrundinformationen, wie unsere bisherige menschliche Geschichte bald zu Ende gehen wird. Die Zukunft gehört ganz der künstlichen Intelligenz. Wir dürfen nicht vergessen, auch wir Menschen haben die biologische Evolution mit unserer kulturellen Evolution als bestimmendem Entwicklungsfaktor für den Planeten Erde abgelöst. Genauso wird jetzt die künstliche Intelligenz unsere bisherige menschliche Geschichte ablösen. Zu uns herkömmlichen Menschen wird diese neue technische Intelligenz, so Harari, ein ähnliches Verhältnis entwickeln, wie wir es zu unseren Nutz- und Haustieren entwickelt haben. Dieser Prozess ist schon im Gange. In dem Maße, in dem immer mehr Menschen mit dieser neuen künstlichen Wirklichkeit verschmelzen – nicht nur mit Smartphone und Computer, sondern bald auch durch Implantate, technische Schnittstellen und künstliche Verbesserungen unserer Körper – wird der neue Cyborg-Mensch so etwas wie unsterblich, allwissend und allmächtig werden. Deswegen nennt Yuval Harari sein Buch auch Homo Deus.

 

Das sind sehr religiöse Töne, und das ist besonders interessant, weil die Transhumanisten rund um Ray Kurzweil oder Yuval Harari meist überzeugte Materialisten sind. Ihr Traum ist, und das sprechen sie ganz offen aus, dass uns die Technik von unseren Unzulänglichkeiten erlösen wird. Dieser Erlösungsgedanke hat viel mit ihrer Vorstellung des Menschen zu tun. Wir sind, so ihre Meinung, eine Form hoch entwickelter biologischer Technik. Yuval Harari, der sich in seinem Buch gleichzeitig als Buddhist und Materialist darstellt, bringt diese Ansicht so auf den Punkt: „Alle Lebewesen sind eine Form von Algorithmus.“ Das ist für ihn die logische Schlussfolgerung aus den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft. So wie Nietzsche Gott für tot erklärt hat, spricht Harari heute vom Tod des Humanismus. Die Zukunft gehört dem „Dataismus“, einer Welt, in der nicht mehr die Menschenrechte den höchsten Wert unserer Gesellschaft darstellen werden, sonden der frei lernende Informationsfluss im globalen Datennetz.

 

Das ist vielleicht der Kern der Big-Data-Revolution, die wir gerade erleben. Die Frage ist, ob wir diesen Übergang wirklich so wollen. Aber das hängt auch davon ab, wer wir als Menschen eigentlich sind. Die gängige materialistische Naturwissenschaft neigt ja wirklich zu der Ansicht, wir seien hochkomplexe biologische Algorithmen. Sollte das so sein, haben wir von der transhumanistischen Zukunft vielleicht nichts zu befürchten. Wir bauen, so ein wesentliches Argument der Transhumanisten, einfach die besseren algorithmischen Maschinen. Wäre unser Dasein damit erfüllt? Um diese Frage zu beantworten, ist es heute so wichtig, noch einmal darüber nachzudenken, wer wir unserem Wesen nach wirklich sind. Gibt es etwas in uns, das Maschinen nie sein können? Wenn dem so ist, stehen wir an einem kritischen Punkt. Dann müssen wir dringend darauf achten, wie wir unsere technische Zukunft so gestalten können, dass wir diese besonderen Qualitäten des Menschseins nicht von einer anderen, der künstlichen Intelligenz, einfach an die Seite drängen lassen. Vielleicht ist das ja der Moment, einen alten Humanisten zu Wort kommen zu lassen. Goethe meinte in seiner Ballade „Der Zauberlehrling“: „Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.“ Es ist ein guter Zeitpunkt, darüber nachzudenken: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wir können uns dabei nicht allein auf persönliche, vielleicht religiöse oder spirituelle Glaubenssätze zurückziehen. Diese Frage betrifft uns alle gemeinsam, als ganze Menschheit. Wir müssen in unserer offenen Gesellschaft miteinander Antworten finden, zusammen mit Agnostikern, Traditionalisten, Fundamentalisten, postmodernen Spirituellen und allen anderen Menschen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Dialog darüber, wer wir sind.

 

Wir sind hier

 

Der kürzlich verstorbene amerikanische Philosoph Hubert Dreyfus hat uns hier vielleicht etwas zu sagen. Schon in den 60er Jahren war Dreyfus einer der ersten prominenten Kritiker der künstlichen Intelligenz. Er machte darauf aufmerksam, dass uns Menschen etwas Prinzipielles von künstlicher Intelligenz unterscheidet. Es ist fast zu offensichtlich, um es bewusst zu sehen: „Wir sind hier. Die Welt betrifft uns. Sie berührt uns. Sie ist uns ein Anliegen. Du bist mir ein Anliegen.“ Diese Fähigkeit, in diesem Sinn anwesend zu sein, betroffen zu sein, können auch die intelligentesten Maschinen nur simulieren. Auch wenn sie mit aller nur denkbaren zukünftigen Rechenleistung perfekte fürsorgliche Antworten auf alle Fragen dieser Welt finden werden, so werden diese Antworten doch nur berechnete Antworten, Algorithmen sein. Da ist niemand in der Maschine, der in unserem Sinne von der Welt persönlich betroffen ist. Diese Betroffenheit unterscheidet uns. Und nur weil uns die Welt betrifft, empfinden wir so etwas wie das Bedürfnis nach dem Wahren, dem Guten und dem Schönen. Aus dieser grundlegenden menschlichen Fähigkeit entsteht ein ganzes, eigenes Universum, in dem wir einander etwas bedeuten. Nur so gibt es Sinn in der Welt.

 

Spirituelle Menschen können natürlich noch viel weiter gehen. Eine grundlegende spirituelle Erfahrung ist ja, dass diese Sinnerfahrung nicht eine willkürliche persönliche Erfahrung ist, sondern dass sie eine universelle Wirklichkeit besitzt. Da würden Atheisten oder Agnostiker vielleicht nicht mitgehen. Aber wir können uns darin treffen, dass uns die Welt als Menschen etwas angeht, dass wir in ihr einen Sinn empfinden oder zumindest einen Sinn suchen. Kein Transhumanist behauptet, dass das in absehbarer Zeit eine noch so intelligente Maschine auch so empfinden wird. Aber wenn, wie die Transhumanisten hoffen, die künstliche Intelligenz uns ab 2045 in der Gestaltung der Welt überflügelt, dann wird diese Frage auch nicht mehr in unserer Hand liegen. Wir leben in einem Moment der Geschichte, in dem wir vielleicht die Deutungshoheit über unser Menschsein verlieren. Wir haben ein Zeitfenster, in dem wir uns neu besinnen können, welche Zukunft wir wollen.

Wir haben uns so daran gewöhnt, die Welt und uns selbst, unser eigenes Menschsein mit einem technisch-instrumentellen Blick wahrzunehmen. Wir schauen sozusagen von außen durch unsere technisch-instrumentelle Brille auf uns selbst zurück. Auf diese Weise nehmen wir uns aus einer Perspektive wahr, aus der wir vielleicht auch Maschinen sein könnten. Unsere materialistisch-moderne Zivilisation ist heute größtenteils von dieser Art der Wahrnehmung durchdrungen. Und unsere großen technischen Zukunftsprojekte wie das der künstlichen Intelligenz werden von Menschen konzipiert, deren nahezu gesamtes Leben von diesem Blickwinkel bestimmt ist. Wenn das einzige Werkzeug, das du kennst, ein Hammer ist, dann kann es leicht geschehen, dass alles in der Welt wie ein Nagel erscheint. Die Menschen in all den Silicon Valleys dieser Welt haben eine gigantische Vision, wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen wird. Doch es werden wahrscheinlich Menschen mit einer anderen Wahrnehmung sein müssen, die diesen verengten Blick infrage stellen können.

 

Die technische Brille

 

Es ist gar nicht so leicht, die technische Brille als technische Brille zu erkennen – und es braucht Mut. Der Schlüssel dazu liegt darin, dass ich mich von der Welt ansprechen lasse. In dem Augenblick, in dem ich wahrnehme, dass ich wirklich von etwas oder von jemandem gemeint bin, eröffnet sich eine völlig andere Welt. In diesem Angesprochensein wird mir mein unmittelbares In-der-Welt-Sein bewusst, es ist ein umfassendes Empfinden, das unsere üblichen Wahrnehmungs-gewohnheiten aufbricht. Erst in dieser Unmittelbarkeit entdecken wir auch wirklich einander. Ich erlebe, dass ich von dir angesprochen bin und du von mir. Eine spirituelle Sichtweise lässt diesen Horizont noch weiter werden. Es ist Teil der spirituellen Erfahrung, dass auch die Natur, die Welt, der Kosmos uns meint, uns anspricht. Wir sind nicht in ein bedeutungs- und beziehungsloses Universum geworfen. Alles, was ist, spricht uns an. Wir fühlen uns vom Ganzen angesprochen. Es ist das Wesen der mystischen Erfahrung, dass das, woraus alles kommt, mich, uns meint. Auch hier würden agnostische Menschen natürlich nicht mitgehen. Diese Erfahrung geht ihnen zu weit. Aber dass wir uns als Menschen voneinander angesprochen fühlen, dass wir einander meinen, ist eine universelle menschliche Erfahrung, wenn wir uns auf sie einlassen. In dieser Fähigkeit zeigt sich unser Menschsein in einer besonderen Art, in einer Art, die wir von außen, mit dem analytischen Blick der gängigen Wissenschaft übersehen. Eigentlich wird diese Sicht in der konventionellen Wissenschaft sogar tabuisiert. Nur die Außensicht ist für sie gültig, so als gäbe es im Weltinnenraum nichts zu sehen. Aber erst in diesem direkten Blick sieht man, dass Maschinen, auch superintelligente Maschinen, kein wirkliches Du sein können – kein Du, das mich anspricht, das mich meint. Wie können wir diese authentische Ich-Du-Beziehung, die Fähigkeit, gemeint zu sein und den anderen als Du zu meinen, in einer Zukunft schützen, die uns vielleicht nicht mehr gehört? Diese Frage müssen wir heute an die Transhumanisten richten und an jene, die diese Singularität möglichst schnell technisch verwirklichen wollen.

 

Ein globaler Besinnungsprozess

 

Der philippinische Soziologe Nicanor Perlas, den wir für diese Ausgabe von evolve interviewen konnten, hofft, dass dieses Gespräch in der globalen Zivilgesellschaft stattfinden wird. Dort sieht er den globalen Ort, an dem wir für ein neues Verständnis unseres Menschseins eintreten können. Diese Zivilgesellschaft ist neben den internationalen staatlichen Strukturen und den großen wirtschaftlichen Playern die dritte weltweit wirkende Kraft, die unsere planetare Zukunft mitgestalten kann. In diesem immer dichter werdenden Netzwerk treffen sich in erster Linie nicht politische oder wirtschaftliche Interessen, sondern Menschen und Kulturen mit ihren Werten und ihren Beziehungen. Vielleicht ist die globale Zivilgesellschaft wirklich jenes internationale Forum, in dem es gelingt, gerade durch den Druck der Big-Data-Revolution ein weltweites Gespräch anzustoßen, sozusagen im letzten möglichen Augenblick: Wer sind wir eigentlich? Wer wollen wir sein? Und wie können wir unseren menschlichen Freiraum und Gestaltungswillen auch in einer umfassend digitalisierten Zukunft nicht nur schützen und bewahren, sondern ihm immer neue Ausdrucksformen verleihen? Mit der für 2045 angekündigten Singularität hat Ray Kurzweil eine Vision unserer Zukunft zur Diskussion gestellt. Es liegt an uns, ob es die einzige Vision bleiben wird. Möchten wir, dass eine auf Algorithmen basierende, vernetzte Intelligenz unsere Kultur dominiert? Oder wollen wir darüber sprechen, wie wir unserer menschlichen Intelligenz und Empfindungsfähigkeit im bewussten Umgang mit den Technologien Ausdruck verleihen können, sodass wir mehr und etwas Anderes als biologische Algorithmen sind? Wir sind in der Welt. Wir fühlen uns von ihr angesprochen. Aus dieser Perspektive können wir das Menschsein neu entdecken.

 

Eine der Herausforderungen, die Nicanor Perlas in diesem historischen Augenblick sieht, liegt darin, dass auch viele Aktivisten der globalen Zivilgesellschaft einem materialistisch-mechanistischen Menschenbild anhängen, das dem der Transhumanisten durchaus ähnelt. Aus dieser Perspektive ist es schwierig, die bestehende Herausforderung in ihrer Tiefe wahrzunehmen. Deswegen ist es wichtig, dieses Gespräch anzustoßen. Wer sind wir eigentlich? In einer unserer Initiativen, unserer Online-Plattform „One World in Dialogue“ machen wir auch die überraschende Erfahrung, dass es gerade mittels der neuen Technologien möglich ist, global auf eine ganz neue, unmittelbare Weise zusammenzukommen. Gerade im Kontrast zu dem, was Technik sonst oft ist, entsteht in diesen digitalen Dialogräumen eine Erfahrung dieser Ich-Du-Wir-Beziehung, die sich über Kontinente und Kulturen hinweg entfaltet und in der sich Menschen als angesprochen und gemeint erkennen. Es ist eine Beziehung, die unser Menschsein ganz neu in die Sichtbarkeit bringt. Ich glaube, wir erleben gerade einen globalen Besinnungsprozess. Menschen fragen sich heute weltweit, wie es uns gelingen kann, die kommende Big-Data-Kultur so zu gestalten, dass sie zu einer neuen menschlichen Kultur wird. Ein wesentlicher Beitrag dazu ist, dass wir uns gemeinsam unserer selbst neu besinnen.

 

Dr. Thomas Steininger ist Philosoph, Journalist und Herausgeber des Magazins evolve. 

 

Dieser Artikel erschien zuerst in evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur, www.evolve-magazin.de . evolve erscheint viermal jährlich und verbindet Menschen aus vielen geistigen Traditionen, die auf der Suche nach einer zeitgemäßen, kulturell und praktisch relevanten Spiritualität sind.

 

ANGEBOT:

Die Leserinnen und Leser von „Achtsames Leben“ erhalten einmalig ein ermäßigtes Jahresabonnement: 4 Ausgaben mit 20 Prozent Rabatt für 27 statt 34 Euro. Interessierte müssten bei der Bestellung unter dem Link http://www.evolve-magazin.de/kaufen/formular/?p=Jahresabo im Feld „Gutscheincode“ folgenden Code eingeben: Koop2018. Dann wird der Vorteil automatisch aktiviert.

 

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Winter 2018


Mut und Transzendenz - Von Wolf Sugata Schneider

Die Komfortzone als Nest und Gefängnis

 

Spirituelle Ratgeber neigen dazu, zwei einander fundamental entgegengesetzte Empfehlungen zu geben. Einerseits sagen sie: »Akzeptiere dich so wie du bist! Es ist, wie es ist!« Dies hinzunehmen sei die Essenz von Weisheit, Hingabe, Gnade – Gracias a la vida que me ha dado tanto. Diese Dankbarkeit gegenüber dem Leben sei die wahre Spiritualität. Andererseits behaupten sie, dass es auf dem spirituellen Weg vor allem darum gehe, die eigene Komfortzone zu verlassen, in der wir uns doch nur um uns selbst drehen, um unsere Gedanken- und Verhaltensmuster, das Ego, das gesellschaftlich Akzeptierte, das uns gefangen hält, weil wir nicht den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und zu unserer Einzigartigkeit zu stehen. 

 

Die Komfortzone als Kuschelzone

Ja, was nu? Ist die Komfortzone die perfekte Kuschelzone zur Regeneration der sich selbst Liebenden, die dann umso mehr andere lieben können? Oder ist sie der Unterschlupf des Ego, in das es sich vor den Zumutungen der Welt da draußen mit ihren harten Realitäten zurückziehen kann, wann immer es herausgefordert wird? 

Irgendwie scheinen hier beide Seiten Recht zu haben. Die Schlaueren unter uns Spiris werden deshalb geneigt sein, diesem Gegensatz mit Begriffen wie „Polarität“ oder „Paradoxie“ die höheren Weihen zu erteilen. Womit wir uns aber um die eigene Weiterentwicklung rumdrücken, die dieser Widerspruch doch eigentlich bietet. 

 

Wir sind Werdende

Vielleicht helfen hier ein paar Begriffspräzisierungen und Betrachtungen von der Metaebene aus. Zunächst mal sollte Akzeptanz dessen, was ist, nicht verstanden werden als Lob der Apathie und Empfehlung, die Hände in den Schoß zu legen. Man kann auch den eigenen Tatendrang akzeptieren, ihn abzulegen wäre dann sozusagen 'unspirituell'. Zweitens ist Selbstliebe nicht dasselbe wie ein sich selbst beweihräucherndes Feiern des Status quo. Wenn Selbstliebe als Absage an das eigene Entwicklungspotenzial missverstanden wird, führt sie zur Selbstgerechtigkeit. 

Wenn wir hingegen uns als Werdende, sich Entwickelnde verstehen, impliziert Selbstliebe, dass wir nicht die bleiben, die wir sind. Dann sagt der Frosch nicht mehr zur Prinzessin, die ihn küssen will: „Neeeeeiiiin!!! Ich will so bleiben, wie ich bin!!!“, sondern versteht sich als Werdender, sich Wandelnder – und kann so zum Prinzen werden. Wer sich selbst so liebt, wie er aktuell ist, wird auch dem natürlichen Bedürfnis nach Entwicklung des eigenen Potenzials zustimmen wollen, denn auch das gehört zum Status quo. So nähern sich die beiden Seiten schon ein bisschen an. 

Und das Ego ist nicht des Teufels Kern. Es sei denn man definiert es zum Beispiel als die jeweils aktuelle Summe der eigenen blinden Flecken. Die reduzieren zu wollen ist durchaus immer ein lohnendes Ziel. Aber auch hierbei kann man ins spirituelle Strebertum verfallen.

 

The call to action – der Ruf

Als nach 9/11 in den USA die Umsätze der fetten und süßen Nahrungsmittel, des „comfort food“ (Trostnahrung) in die Höhe schossen, war das vielleicht verständlich und gut für Nestlé. Aber es war nicht gut für die Amerikaner, die dabei noch übergewichtiger wurden und ungesünder. Es wäre besser gewesen, sie hätten sich angesichts dieses Schocks daran erinnert, dass es im Leben Gefahren gibt, die sich auch mit der stärksten Militärmacht der Welt nicht beseitigen lassen, und schon gar nicht durch fette und süße Nahrung. 9/11 hätte als „call to action“ verstanden werden können, als Herausforderung des Helden auf seiner Reise, nun über sich selbst hinauszuwachsen. Das amerikanische Selbstverständnis hätte einen Schritt nach vorn machen können, so wie in allen anspruchsvollen Filmen – gerade auch aus Hollywood – und in Romanen, in denen der Held oder die Heldin erst dann siegt, wenn sie über sich selbst hinaus wächst – wenn sie eine andere wird als sie vorher war. 

 

Behinderung oder Erweiterung?

Wir sind Werdende, die immer auch Widrigkeiten zu konfrontieren haben – das Leben ist kein Ponyhof. Dabei kommt es nun darauf an zu erkennen, welche Herausforderung uns das Leben nur schwer macht und uns unnötig leiden lässt, und welche andererseits geeignet ist, unsere Identität auszudehnen auf uns bisher noch unvertraute, in uns schlummernde Teile des Menschseins. Herausforderungen können uns erweitern. Im Sinne des Diktums „Nichts Menschliches ist mir fremd“ (von dem römischen Dichter Terenz) können sie aus einem kleinlichen Menschen einen großherzigen machen. Es braucht Mut für diesen Schritt, und es braucht emotionale Intelligenz für die Unterscheidung, welche Herausforderung eine mich nur behindernde ist und welche mich erweitert.

 

Die Heimatidentität

Mal angenommen, ich friedliebender Mensch hätte entdeckt, dass ich auch ein rücksichtsloser Kämpfer sein kann, eifersüchtig, rachelüstern, geizig, ausgrenzend oder sogar alles das zusammen. Will ich das dann bleiben? Oder will ich diese Identität als Teil meines Verhaltensrepertoires behalten, als etwas, das mir zur Verfügung steht, wenn ich es brauche, um dann wieder der friedliche, nicht nachtragende, großzügige Mensch zu sein, für den ich mich vor dieser Erfahrung gehalten habe? 

Ich führe hierfür den Begriff der Heimatidentität ein. Damit meine ich die Alltagsidentität, in die ich zurückkehre, nachdem ich einen Wutausbruch hatte oder – ich ansonsten großzügiger, liebevoller Mensch – jemandem meine kühle Schulter gezeigt oder mich für etwas gerächt habe. Diese anderen Persönlichkeiten sind nicht „mein wahres Selbst“, würde ein Spiri vielleicht sagen. Meine Heimatidentität, in die ich nach den Ausbrüchen zurückkehre, ist jedoch ebenso künstlich, Bedingungen unterworfen und prägbar wie meine Identität als Wütender oder Blasierter, ich verweile nur häufiger in ihr – da bin ich „ganz der Heinz“ oder „ganz die Regina“, wie man dann sagt. Es ist aber beides künstlich, prägbar und biografisch in Bewegung.

 

Sich erweitern

Als Gautama Buddha begann Schüler auszubilden, nannte er diese Initiation in den Stand des Samanera ein „Hinausgehen in die Heimatlosigkeit“ (in Pali, der damaligen Volkssprache: pabbajja). Der Initiat verließ damit seine Herkunftsidentität und begab sich auf den Weg des Werdenden, des „Stirb und Werde“. Er richtete sein Bewusstsein darauf, dass er heute ein anderer ist als er noch gestern war – und wer weiß, wer er morgen sein wird. Die Heldenreise des Menschen ist die eines Werdenden. Sie braucht Mut, denn sie ist ein fortwährendes Sterben und neu Geboren werden. Nicht immer ist es eine Kreuzigung und Wiederauferstehung, so heftig wie in diesem Grundmythos des Christentums ist es zum Glück meistens nicht. Aber wer genau genug hinschaut merkt, dass er heute ein anderer ist als gestern. Auf meinem Entwicklungsweg habe ich etwas losgelassen, etwas verloren und etwas anderes hinzugewonnen, und wenn ich dabei mir selbst treu geblieben bin, habe ich mich erweitert.

 

Der Wert der Kicks

Wenn Motivationstrainer uns auffordern beim Bungee-Springen, Rafting oder im Heraustreten und Sichtbarwerden in einer Selbsterfahrungsgruppe Mut zu zeigen, wollen sie, dass wir unsere Komfortzone verlassen, um uns zu erweitern. Bestandene Mutproben geben uns einen Kick. Wenn sie jedoch nicht zu einer Freundschaft mit dem Leben als etwas prinzipiell Unvorhersehbarem führen, in dem Sicherheit immer nur etwas Relatives ist, dann sind diese Mutproben wie eine Diät, nach der man sich wieder vollfrisst, dann hat der Rat seinen Zweck verfehlt. Wir brauchen Herausforderungen, aber wir brauchen auch eine Heimat, und auch die ist in Bewegung.

 

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seitdem Leben mit Flüchtlingen. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Märzausgabe der www.kgsberlin.de

 


Die Erweiterung des Begriffes der Nachhaltigkeit auf das menschliche Bewusstsein - Von Karin Karina Gerlach

Ein Selbsterfahrungsbericht 

 

Nachhaltigkeit kann ein Sinnbild für ökologischen Anbau, eine umweltgerechte Lebens- und Konsumweise, für eine Wirtschaft im Sinne der Generations-Gerechtigkeit sein, für Entwicklungs-, Finanz- und Umweltpolitik, Architektur und Wissenschaft aber auch für den bewussten Umgang mit sich selbst, was von all dem unabhängig ist.

 

Bewusstsein wirkt sich nachhaltig auf den inneren Frieden und damit auf die eigene Gesundheit aus. Klarheit, was die eigenen Bedürfnisse betrifft, reduziert sowohl den unbewussten Raubbau am eigenen Körper als auch den Raubbau der Erde. Der dem Menschsein immanente Selbst-Zerstörungs-Prozess wird gestoppt. Das stabilisiert die Selbstheilungskraft des Körpers. Diese Wahrheit offenbarte sich mir innerhalb eines einfachen Selbst-bewusst-seins-Prozesses, der in der Welt als „The Work of Byron Katie“ bekannt geworden ist. Überraschenderweise setzte eine Regeneration (Heilung) meines Körpers ein, gekoppelt an eine heilsame Erdverbundenheit. Das durch bislang falsches Denken und Verhalten gestörte Körpersystem kommt in Balance. Durch die Klärung meines Ich-brauche-Verstandes bin ich in die natürliche Ordnung der Dinge hineingewachsen. Es ist wie ein Ankommen in der Zeitlosigkeit des Seins, in einer mystischen Stille, wo sowohl das eigene Verständnis über die Natur, die Erde, über Tiere, Pflanzen und Menschen seine Bedeutung verloren hat. Weil ich einen Zeitablauf nicht mehr sehen kann, bin ich selbst zeitlos. Durch die angenehme Achtsamkeit meiner selbst ist es leicht im Einklang mit der Natur zu leben und sanft mit den Ressourcen umzugehen, weil ich ansonsten mich selbst und das wunderbare lebendige Wesen, das die Erde ist, verletzen würde. Eine ökologische Konzeption, die oft mit einem aufgesetzten Verzicht einhergeht, ist überflüssig.

 

Es ist die Umkehr vom Haben zum Sein, durch die jeder Mensch die Zeitlosigkeit erahnen kann. Hier erübrigt es sich den persönlichen Alterungsprozess aufhalten zu wollen. Es ist eben der Einklang mit den Naturgesetzen ohne Gegenwehr. Hingabe an die Wirklichkeit, an die Schönheit des Seins, die immer perfekt ist. Es ist wohl auch das, worauf das chinesische Wu We hinweist: Absichtsloses Tun, ein Tun ohne den Anspruch der Verbesserung, weil das, was ist, gut ist.

 

Das Wesen des Bewusstseins ist die Spiegelung. Ihre uneingeschränkte Anerkennung hier und jetzt ist der heilige, heilsame Weg nach innen, auf dem sich der unbewusst eingeprägte Trennungs-Gedanke „Ich“ auflöst und Liebe erwacht. Die Ich-Separation und die daran gekoppelte körperliche Erscheinung ist das Ergebnis der Ignoranz der Spiegelung. Die Folge ist die an der Wurzel eines jeden Menschen sitzende Überlebens-Angst. Sie äußert sich als Angst vor Bedrohung, Wut, Zorn, Frustration, Bedürftigkeit, Verletzt-Sein, Traurigkeit, Depression usw. Diese Emotionen sind nicht falsch, schlecht oder negativ. Sie müssen nicht verändert, geheilt oder überwunden werden. Als wunderbare Achtungs-Signale sind sie Signale (Wecker) des Bewusstseins selbst, das den Ich-Menschen in die Wirklichkeit, die Liebe ist, zurückruft. In dieser Folge geschehen so manche Aha-Erkenntnisse.

 

Die Offenbarung der persönlichen Heilung ist längst nicht alles. Es offenbart sich die Weisheit der Mystiker aller Zeiten. Es kommt Licht in die Erkenntnisse der Hirnforschung über die Illusion des freien Willens, was dem Verstand unbegreiflich ist. Die Erkenntnis der Illusion des Ich-Gedankens kommt dem Zustand des erleuchteten Seins gleich. Das geheimnisvolle Tao offenbart sich gleichermaßen wie auch das Geheimnis der Evolution und die dem Verstand nicht wirklich zugänglichen Erkenntnisse der Quantenphysik, das Ellam Ondre (Alles ist Eins), um nur Einiges zu nennen. Es offenbart sich das Mysterium der Schöpfung, der Ursprung von allem, die Entstehung des Menschen die Ursache seines unbewussten selbst-zerstörerischen Verhaltens. Es offenbart sich die Illusion der Trennung von Leben und Tod, das dem Verstand verborgene Geheimnis der Unsterblichkeit. Und: Glaube all das nicht, lieber Leser! Sieh selbst, was wirklich und wahr ist. Es ist DAS, was nachhaltig immer hier ist. Bewusstsein.

 

Neu erschienene Bücher zum Thema Erwachen im Bewusstsein:

Es handelt sich um spirituelle Texte mit symbolischem Charakter, die das Bewusstsein und damit die innere Liebe beim Leser nachhaltig erwecken können:

 

Offenbarungen durch „The Work of Byron Katie“, „Mensch und Bewusstsein“, Univers-Umkehrgedichte, ISBN: 9783746029658.

 

„Das Mysterium der Schöpfung oder Die Architektur des Geistes“, Selbstoffenbarung, ISBN: 9783746018645.

 

„Geheimnisvolle Spiegelung“, Selbstoffenbarung in mystischen Versen, ISBN: 9783746014623.

 

Gedankenüberprüfung und spirituelle Unterweisungen - Mai-Oktober in 14554 Seddiner See mit Übernachtungsmöglichkeit;

Dezember-März auf La Gomera.

 

Karin Karina Gerlach, Diplomphysikerin, spirituelle Lehrerin, ger.lach@gmx.de , www.umkehrkurs.de