Autoren: Andrea Lehmkuhl & Mike Sauer
„Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit.“
Simone Weil
Dieses Jahr feiert das Magazin „Achtsames Leben“ sein 30-jähriges Bestehen. Drei Jahrzehnte, in denen sich die Welt rasant verändert hat – in ihrer Geschwindigkeit und Lautstärke, in der Art, wie wir miteinander kommunizieren.
Im Entstehungsjahr 1996 musste man noch zum Kiosk gehen um die Zeitung zu holen. Heute jagen uns Push-Nachrichten hinterher.
Dieses Magazin ist in all den Jahren einem Gedanken treu geblieben: dass Aufmerksamkeit etwas Kostbares ist. Etwas, das Zeit braucht.
Das Jubiläum ist daher kein lauter Moment. Es ist ein Anlass zum Innehalten. Und eine Einladung, darüber nachzudenken, was Sichtbarkeit heute bedeutet – und welche Kraft im Leisen liegen kann.
Die neue Stille
Früher genügte ein Schild an der Tür. Man sprach mit den Nachbarn, Empfehlungen gingen von Mund zu Mund. Es gab natürliche Grenzen: Öffnungszeiten, die Straße, die Menschen im Ort. Sichtbarkeit war lokal, begrenzt, menschlich und lebendig.
Die Schilder hängen immer noch – aber Werbung findet zum allergrößten Teil digital statt. Der Raum dort ist unendlich, aber damit auch die Unsichtbarkeit. Wer heute eine kleine Yogapraxis oder Manufaktur führt, steht vor einem Dilemma: Entweder man unterwirft sich den Social Media Regeln – postet, performt, inszeniert täglich – oder man riskiert, im Rauschen unterzugehen. Das kostet Kraft und Zeit und viele ziehen sich aus diesem digitalen Raum zurück. Und so entsteht eine merkwürdige Stille: Nicht die Stille der Gelassenheit, sondern die Stille der Erschöpfung.
Doch vielleicht deutet sich gerade in dieser Ermüdung eine Wende an. Eine Sehnsucht nach Kommunikation, die wieder Begegnung ist. Das Leise könnte wieder Kraft bekommen – nicht als Rückzug, sondern als bewusste Wahl.
Zwischen Perlensuche und Perlentaucher
Es ist nicht so, dass es im Netz keine wertvollen Inhalte gäbe. Die Perlen sind da – Menschen, die Kluges teilen, Schönes zeigen, Tiefes aussprechen. Das Problem ist nicht die komplette Abwesenheit von Qualität. Das Problem ist die Art, wie wir danach suchen müssen.
Wir scrollen. Und scrollen. Und scrollen. Zwischen Werbung und Belanglosem taucht plötzlich etwas auf, das uns berührt. Für einen Moment halten wir inne – und dann zieht uns der Strom schon wieder weiter.
Diese Jagd nach den Perlen macht süchtig. Man weiß ja: Irgendwo da drin ist etwas Wertvolles. Man muss nur weitersuchen. Noch ein bisschen. Nur noch ein paar Beiträge. Die nächste Perle könnte gleich kommen. Genau das ist das Perfide: Nicht, dass es nichts Gutes gibt, sondern dass das Gute und das Belanglose auf derselben Ebene konkurrieren.
Der Algorithmus kennt keinen Unterschied zwischen einem durchdachten Essay und einem Katzen-Meme. Er kennt nur Verweildauer, Klicks, Engagement. Und so werden wir zu Perlentauchern in einem Meer, das absichtlich trüb gehalten wird und die KI flutet es jetzt auch noch mit „Plastikperlen“.
Werbung, die nicht schreit
Es gibt Magazine, die man aufschlägt und sofort spürt: Hier herrschen andere Regeln. Das „Achtsame Leben“ ist so ein Ort – ein Urgestein, könnte man sagen. Nicht veraltet, sondern gewachsen aus einer Zeit, als noch andere Werte galten. Ein Medium, das sich der Logik der Dauererregung verweigert hat. Manche Ausgaben liegen vier Monate auf dem Couchtisch und sind am letzten Tag so relevant wie am ersten. Ist das unmodern? Oder bedeutet modern heute vielleicht: bewusst, maßvoll, wahrhaftig?
Während viele Stadtmagazine zu reinen Werbeträgern geworden sind, steht dieses Heft da wie ein Gebäude unter Denkmalschutz. Es erinnert daran, daß Werbung und Inhalt im Gleichgewicht sein können. Dass ein Medium nicht überfüllt sein muss, um wertvoll zu sein.
Wir brauchen solche Urgesteine. Nicht aus Nostalgie, sondern weil Vielfalt bedeutet, dass verschiedene Geschwindigkeiten, verschiedene Rhythmen nebeneinander existieren dürfen. Weil eine Welt, in der alles gleich laut ist, am Ende eine eintönige wird.
Die Frage ist also nicht: Wie werden wir so laut wie die anderen? Sondern: Wie bleiben wir uns treu und finden dennoch Gehör?
Resonanz statt Reichweite – das könnte ein Kompass sein.
Die Kraft der Resonanz
Resonanz entsteht nicht durch Lautstärke. Sie entsteht, wenn eine innere Frequenz getroffen wird. Ein Satz, der genau das ausspricht, was wir fühlen. Ein Bild, das eine Stimmung einfängt. Resonanz ist Wiedererkennung – ein inneres „Ja, genau das ist es“.
Wer Resonanz sucht, stellt andere Fragen: Nicht „Wie erreiche ich möglichst viele?“, sondern „Wie erreiche ich die Richtigen?“ Nicht „Wie werde ich lauter?“, sondern „Wie werde ich klarer?“ Das verändert alles.
Eine kleine Manufaktur, die Keramik herstellt, muss nur die Menschen erreichen, die schätzen, was handgefertigte Arbeit bedeutet. Eine Yogalehrerin braucht keine tausend Follower. Sie braucht zwanzig Menschen, die wirklich kommen und bleiben. Diese findet sie nicht durch tägliches Posten von Weisheitssprüchen auf perfekt inszenierten Bildern. Sie findet sie, indem sie sichtbar macht, wer sie wirklich ist. Ein ehrlicher Text, ein unperfektes Foto, eine Empfehlung von Mensch zu Mensch – das ist die älteste Form der Werbung, und bis heute die wirksamste.
Aufmerksamkeit als Ressource
Wir sprechen von „Aufmerksamkeitsökonomie“, als wäre Aufmerksamkeit eine Währung, die man anhäufen muss. Doch sie ist mehr: Sie ist Lebensenergie. Jeder Moment, in dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken, ist ein Stück unseres Lebens. Unwiederbringlich. Kostbar. Simone Weils Satz bekommt so eine doppelte Bedeutung: „Aufmerksamkeit ist die höchste Form der Großzügigkeit“ – sowohl wenn wir sie geben als auch wenn wir sie empfangen. In einer Welt der Reizüberflutung wird das Weglassen zur neuen Höflichkeit. Nicht jeder Gedanke verdient einen Post. Manchmal ist das größte Geschenk, das wir einander machen können, einfach Ruhe.
Auch wir, die wir durch die Feeds scrollen, durch die Angebote navigieren, können achtsam mit unserer Aufmerksamkeit umgehen. Können lernen zu spüren, was uns nährt und was uns nur zerstreut.
Eine Einladung
Was, wenn wir mehr Räume schaffen, in denen wir nicht jagen wollen. Räume, in denen Menschen einander zeigen, was sie entdeckt haben. Nicht algorithmisch, sondern menschlich. „Das hier hat mich berührt“, „Das hier könnte für dich interessant sein“, „Das hier sollte nicht untergehen“. Für uns alle bedeutet es: bewusster zu werden. Bewusster im Geben unserer Aufmerksamkeit und in der Wahl, welche Räume wir betreten und unterstützen. Denn Magazine wie das „Achtsame Leben“ sind nicht selbstverständlich. Sie existieren, weil Menschen sie lesen, weiterempfehlen, wertschätzen. Weil jemand sagt: Das hier ist mir wichtig. Das hier möchte ich erhalten. Wir alle entscheiden mit, ob es diese Form von Kommunikation weiterhin geben kann – durch das, wofür wir unsere Aufmerksamkeit einsetzen.
Autor: Jörg-Rainer Knipp
Über Liebe, Nähe und die Kraft des Samenkorns
Gibt es ein Geheimnis, wie Heilung funktioniert? Heilung scheint etwas zu sein, das man machen kann. Auf dem Markt der Heilungsversprechen gibt es unzählige Methoden, Techniken und Verfahren. Es gibt Ausbildungen mit Stufen und Graden. Die Annahme ist: Wenn ich nur die richtige Technik anwende, die „wahre“ Ursache finde, dann kann ich die Krankheit, den Schmerz, das Leid der anderen Person oder bei mir lindern, lösen und vielleicht sogar vollständig heilen.
Idealerweise hat man eine Tabelle: Bei Problem X verwende Methode Y und Technik Z. Aber ist das Heilung? Oder doch eher Reparatur? Bei einer Maschine ist dieser Ansatz bewährt und richtig. Aber ist ein Mensch eine Maschine, die bei Bedarf einfach repariert wird, damit sie wieder funktioniert?
Oft zeigt sich: dieser Ansatz wirkt, aber nicht nachhaltig. Vielleicht ist der Mensch ja doch keine Maschine. Und vielleicht liegt das Geheimnis der Heilung jenseits linearer Konzepte.
Wu Wei
Wer sich mit Gesundheit und Heilung beschäftigt, lernt zunächst Techniken: Griffe, Wahrnehmungsübungen, Interventionen. Das ist wichtig. Man braucht Werkzeuge, um überhaupt arbeiten zu können. Dann kommt eine lange Übungsphase, in der man das Gelernte anwendet und Erfahrungen sammelt.
Und dann? Dann passiert das Wichtigste überhaupt: die Technik wird integriert. Sie verkörpert sich. Technik und Person werden eins. Ich werde zur Technik. Aus Technik wird Kreativität, ja Kunst.
Diesen Prozess kennen wir aus Sport und Bewegung, Musik und Malerei. Und das gilt insbesondere auch im therapeutischen Bereich, in der Heilung. Die Technik ist nicht mehr etwas, das angewendet wird. Sie geschieht einfach, automatisch, wird nicht mehr vom Verstand geplant und gesteuert.
Dieser Übergang vom Anwenden zur Integration geschieht schleichend und unbewusst. Es ist ein Reifeprozess und kein spontaner, plötzlicher Schritt. Bei mir hat diese Phase viele Jahre gedauert und ist, wie jeder Reifeprozess, nie beendet.
Aktivität tritt zurück und sichtbar wird eine Haltung. Die Handlung erfolgt aus einer Haltung heraus, nicht aus einem Plan. Scheinbare Passivität wird zu Präsenz, Wu Wei: Handeln ohne Absicht – Handeln ohne zu handeln.
Raum der Liebe
Was macht ein Heiler dann, wenn er keine Technik mehr anwendet? Er schafft einen Raum, einen inneren Raum, einen Raum der Möglichkeiten. Einen Raum, der frei ist von Techniken, von Bewertung, frei von jeglichem Drang, irgendetwas verändern zu müssen.
Das klingt einfach und widerspricht doch dem Bekannten. Dieser Raum entsteht nicht aus einer Methode heraus, sondern aus einer inneren Haltung. Aus einer Fähigkeit, ganz bei sich selbst und gleichzeitig vollständig präsent bei der anderen Person zu sein. Aus der Fähigkeit, nichts zu wollen und ganz da zu sein.
In dieser Haltung ist der Mensch dem anderen nahe, innerlich nahe. Diese Nähe entsteht aus Absichtslosigkeit. Diese Nähe spürt man unmittelbar. Sie verbindet zwei Menschen auf tiefster Ebene und sie wirkt: Spannungen können sich lösen und Heilung kann geschehen.
Diese Nähe kann auch als eine Art von Empathie bezeichnet werden. Und für diese Nähe, diese tiefe Verbundenheit mit einem anderen Menschen oder Wesen, gibt es ein bekanntes Wort: Liebe. Nicht umsonst heißt es ja: „Nur die Liebe heilt.“ Liebe ist hier kein Gefühl, sondern eine innere Haltung und Zustand.
Liebe heilt anders als Technik. Liebe will den Menschen nicht verändern. Liebe weiß, dass der andere Mensch im Kern bereits heil ist. Unser wahres Wesen ist heil. Und dieser heile Kern im anderen Menschen wird durch diese liebevolle Haltung berührt. Man könnte auch sagen, er wird „aktiviert“.
Die Person erfährt dadurch, dass sie gesehen wird – ohne Bewertung und ohne Erwartung. Diese Erfahrung führt zu einer tiefen Entspannung – und in dieser Entspannung kann der Körper sich selbst regulieren.
Diesen Zustand kennen wir alle: als Neugeborene. Damals waren wir reine Liebe. Diese Erfahrung ist tief in uns eingeprägt, ja wir sind im Kern immer noch diese reine Liebe, die wir mal waren. Und wir haben eine große Sehnsucht danach, diese Liebe wieder zu erfahren.
Erinnerung
Und was bedeutet die Erkenntnis für den Therapeuten? Liebe kennt keine Ausbildung, keine Grade oder Stufen. Niemand fragt nach Zeugnissen, wenn es um echte Verbundenheit geht. Doch die vorhandenen Systeme suggerieren genau das. Systeme brauchen Struktur, Liebe nicht.
Das primäre Ziel aller therapeutischen Ausbildungen sollte sein, die Verbindung zum eigenen heilen Kern, zur Liebe, wieder bewusst zu machen. Dieser Kern ist unsere innere Stimme, unsere Intuition, unser authentisches Selbst. Mehr bedarf es nicht.
Techniken können dazu führen, dass wir im Kopf bleiben, statt ins Herz zu gehen. Der Verstand kann reparieren. Das ist eine wichtige Fähigkeit. Heilen kann aber nur unser eigener heiler Kern. Wir alle haben ihn, daher sind wir alle auch geborene Heiler. Das wurde uns nur ausgeredet.
Das Samenkorn
Und was ist mit der Person, die geheilt werden möchte? Was ist mit ihr? Ist sie einfach passiv, nach dem Motto: „Mach’ mich gesund, ich gehe inzwischen einkaufen“? Nein, denn sie bringt das Wichtigste mit: den Wunsch, den inneren Drang zur Veränderung.
Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt: „Jede Heilung ist immer Selbstheilung.“ Wir können einen anderen Menschen also gar nicht heilen, sondern „nur“ Bedingungen schaffen, dass er sich selber heilen kann. So wie ein Gärtner, der eine Pflanze nicht machen kann, sondern ein Samenkorn dafür benötigt. Seine Aufgabe ist es dann, Bedingungen zu schaffen, dass das Samenkorn keimen und wachsen kann.
Der Impuls, sich an eine andere Person zu wenden, ist wie ein Samenkorn: Er ist der aktivierte Wunsch zur Veränderung und birgt den heilen Zustand bereits in sich. Die Fenster werden von innen geöffnet, sodass das Licht hereinscheinen kann. Und wie in einem Samenkorn ist auch in einem Menschen bereits der heile Zustand vorhanden. Und das wissen wir ganz tief in uns.
Liebe heilt. Liebe benötigt dafür keine Energie, sie gibt Energie. Liebe kann nicht „verschmutzt“ werden, bedarf keiner Reinigung nach einem Heilungsprozess. Bei einer Reparatur ist das üblich, bei Heilung nicht.
Und manchmal muss zunächst etwas repariert werden, bevor die Person geheilt werden kann. Das ist nicht falsch – es ist notwendig. Aber es ist nicht Heilung.
Durch eine Heilung verändert sich nichts. Es wird nur deutlich, was immer schon da war. Der heile Zustand war nie weg. Du BIST bereits heil!
Jörg-Rainer Knipp - jrknipp.de

Autor: Rami Kaminski
Was ist ein otrovertierter Mensch?
Otrovertierter [Substantiv; Adjektiv: otrovertiert] Ein »otrovertierter Mensch« verkörpert das Persönlichkeitsmerkmal der Nichtzugehörigkeit: In einer auf Gemeinschaftlichkeit beruhenden Welt bleibt er ein ewiger Außenseiter. Im Gegensatz zu Personen mit Beziehungsstörungen sind otrovertierte Menschen einfühlsam und freundlich; doch obwohl sie sich in ihrem Verhalten nicht von gut angepassten Menschen unterscheiden, fällt es ihnen schwer, sich wirklich zu sozialen Gruppen zugehörig zu fühlen.
»Ich kann es mir nicht erklären. Er ist ein Schatz. Ein wunderbarer Junge – innerlich ebenso wie äußerlich – und so intelligent.« So begann vor einigen Jahren eine Sitzung mit N, einer meiner langjährigen Patientinnen: Statt über sich selbst zu sprechen, wollte sie lieber von ihrem Sohn A reden. Er ging in die neunte Klasse; doch obwohl er aus einer warmherzigen, liebevollen Familie stammte und seine Eltern sich sehr um ihn kümmerten, hatte er im letzten Mittelstufenjahr soziale Probleme bekommen. Und diese Probleme waren für seine Mutter ein Buch mit sieben Siegeln. Ihr Sohn wurde nämlich weder gemobbt noch ausgegrenzt und litt auch nicht unter Gruppendruck (was in seinem Alter die häufigsten Probleme sind). Ganz im Gegenteil: »Er geht gerne zur Schule und bekommt nur Einsen«, sagte sie. »Alle lieben ihn, und er wird auch ständig zu Partys eingeladen, geht aber meistens nicht hin.«
Dieser Junge hatte weder Ängste noch Depressionen. Er gehörte zwar keiner großen Clique gleichaltriger Jungen an, hatte aber mehrere gute Freunde. Doch er lehnte fast alle Einladungen zu Ausflügen und anderen Gelegenheiten des Beisammenseins ab – und das konnte seine Mutter nicht verstehen. »Für einen Teenager ist er überhaupt nicht launisch oder wütend«, überlegte sie. »Aber er ist so verschlossen. Ich weiß nie, was er denkt, und er will auch nicht darüber reden, warum er nicht mit seinen Freunden zum Camping fahren möchte, obwohl sie ihn immer wieder dazu einladen. Anscheinend ist es ihm egal, dass er irgendwann völlig allein dastehen könnte; und das macht mir am meisten Sorgen. Wie kann es sein, dass ein 14-Jähriger kein Interesse daran hat, sich an andere Jungs anzuschließen?«
Solche Fälle hatte ich auch früher schon erlebt. Natürlich sehen Eltern es nicht gerne, wenn ihr Kind soziale Probleme hat – und diese Sorge nimmt in der Pubertät sogar noch zu, weil Ausgrenzung in diesem Alter besonders schlimme Auswirkungen auf die Stimmung, das Wohlbefinden, ja sogar die Funktionsfähigkeit eines jungen Menschen hat. Doch nach allem, was N mir erzählte, lag hier ein ganz besonderes Problem vor: Sie machte sich nämlich keine Sorgen darüber, dass A unbeliebt sein könnte, sondern es bekümmerte sie, dass ihr Sohn sich irgendwie völlig von seinen Altersgenossen unterschied, obwohl er ein intelligentes und in vielerlei Hinsicht sogar frühreifes Kind war: »Als er vier Jahre alt war, gestand die Sprechstundenhilfe seines Kinderarztes mir, dass sie manchmal den Wunsch verspürte, ihm ihre Lebensprobleme anzuvertrauen, sich aber im letzten Augenblick dann doch noch zusammenriss, weil ihr klar wurde, wie unpassend das war«, erzählte sie mir. Und diese Sprechstundenhilfe war keineswegs ein Einzelfall; auch andere Erwachsene – Verwandte, Familienfreunde, ja sogar Lehrer – hatten das Bedürfnis, sich diesem Jungen anzuvertrauen, und vergaßen dabei völlig, dass er noch so klein war. »Meine Mutter hält ihn für einen Empathen – was auch immer das bedeutet. Aber ich möchte eigentlich gar nicht, dass er etwas Besonderes ist. Er soll ein ganz normaler Teenager sein«, sagte N. Und als sie noch hinzufügte: »Und in diesem Alter kein Interesse an sozialen Kontakten mit anderen Jungen zu haben, ist doch nicht normal«, versagte ihr die Stimme.
Ich stimmte ihr zu: Seine gleichgültige Haltung gegenüber allem, was seinen Altersgenossen Spaß machte, war tatsächlich ungewöhnlich. Andererseits hörte sich das alles für mich nicht nach einer psychiatrischen Erkrankung an. Ich fragte, ob A einen Psychotherapeuten habe und ob neuropsychologische Tests mit ihm durchgeführt worden seien, und sie bejahte beide Fragen. »Seine Testergebnisse zeigen, dass er sehr intelligent und emotional reif ist und keine kognitiven Probleme hat. Die Therapeutin meint, dieser Junge sei ihr ein Rätsel; und das finde ich ehrlich gesagt schon ein bisschen beunruhigend.«
Drei Wochen später saß ich mit A in meiner Praxis. Als er hereinkam, wirkte er ein bisschen schüchtern, so wie man es von einem 14-Jährigen erwarten würde. Er sah gut aus, war salopp gekleidet, charmant und machte einen ruhigen Eindruck. »Deine Mutter macht sich Sorgen darüber, dass du offenbar gar keine Angst davor hast, etwas zu verpassen«, sagte ich, und darüber mussten wir beide lachen. Doch dann wurde er wieder ernst und sagte: »Wenn man weiß, dass man nichts verpasst, dann gibt es auch keine Angst.« Ich wollte seine Sichtweise ein bisschen besser verstehen; daher bat ich ihn, mir zu beschreiben, wie er Partys und andere soziale Anlässe erlebe. »Ich komme mir dort einfach komisch vor«, sagte er, »als ob ich gar nicht richtig dabei wäre – obwohl das eigentlich ein bisschen seltsam ist, weil das ja schließlich alles meine Freunde sind. Ich weiß, dass sie mich mögen und sich über meine Anwesenheit freuen; aber ich habe trotzdem das Gefühl, nicht dazuzugehören. Wenn ich mit vielen Menschen zusammen bin, fühle ich mich einsam oder langweile mich; doch wenn ich nur mit einem oder zwei engen Freunden zusammen oder ganz allein bin, habe ich dieses Gefühl nie.« Dann setzte er sichtlich frustriert hinzu: »Ich sage so etwas nicht gern, weil es irgendwie so klingt, als sei ich ein Alien. Glauben Sie, dass mit mir etwas nicht stimmt?«
Diesen Eindruck hatte ich zwar nicht, befürchtete aber, dass er das vielleicht glaubte, und fragte ihn, ob er das Gefühl habe, ein Alien zu sein. »Ja«, antwortete er und wiederholte damit die Worte seiner Mutter. »Ich glaube, ich bin tatsächlich nicht ganz normal. Warum kann ich dem, was meine Freunde mögen, so gar nichts abgewinnen? Es kann doch nicht sein, dass alle anderen falschliegen, nur ich nicht.«
Ich verstand seine Gefühle sehr gut. Über sämtliche Kulturen und Traditionen hinweg herrscht in Jugendgruppen stets ein hoher Anpassungsdruck. Wie können wir also Verständnis für jemanden wie A aufbringen, der sich von vornherein keine Mühe gibt, dazuzugehören? Auf diese Frage gibt es eine ganz einfache Antwort: A ist ein otrovertierter Persönlichkeitstyp.
Als ich meine Einschätzung mit A teilte, war er sichtlich erleichtert. Ich lud ihn dazu ein, noch einmal zu mir zu kommen und mit mir über dieses Thema zu reden, nachdem er etwas darüber nachgedacht hatte. Bei unserem zweiten Termin erklärte er mir, dass er durch unser vorheriges Gespräch eine gewisse innere Klarheit gewonnen habe: Dadurch sei ihm bewusst geworden, dass hinter den meisten seiner sozialen Probleme das Gefühl steckte, nicht dazuzugehören.
Er bat mich, seinen Eltern das zu erklären. Das tat ich dann auch und empfahl ihnen dringend, sie sollten ihn nicht unter Druck setzen, »so zu sein wie alle anderen Kinder«. Anfangs fiel ihnen das nicht leicht, denn die Menschen in ihrem sozialen Umfeld beharrten immer wieder darauf, dass sie ihren Sohn dazu zwingen sollten, zu Partys und in Ferienlager zu gehen und all die anderen Dinge zu tun, mit denen 14-jährige Jungen sich normalerweise die Zeit vertreiben. »Er wird euch später dankbar dafür sein«, sagten sie. »Kinder wissen nicht, was sie brauchen. Man muss es ihnen erst beibringen.« Doch das war ein Irrtum.
Inzwischen ist A zur Freude seiner Eltern richtig aufgeblüht. Er ist jetzt 24 Jahre alt, macht gerade seinen Doktor in Psychologie, hat sich vor kurzem mit seiner College-Freundin verlobt und pflegt nach wie vor eine enge Beziehung zu den besten Freunden aus seiner Kindheit. In gewisser Weise wird er innerhalb einer Gruppe stets ein Beobachter und niemals ein echter Teilnehmer sein. Doch an seinem eigenen Leben nimmt er hundertprozentig teil: Er ist sehr zufrieden mit dem, was er tut, und mit den Menschen, mit denen er zusammen ist. Das ist der optimale Weg für einen otrovertierten Menschen.
Rami Kaminski
„Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen“
Kailash Vlg., 240 S., 18 €
Siehe auch unter Wortwelten S. 54.
Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Kailash-Verlages.

Autorin: Nora Römer
Halt finden in einer besonderen Zeit ist für viele in dieser sich im Wandel befindlichen Episode eine große Herausforderung. Viele fühlen sich bedroht von der weltpolitischen Situation und sind mehr oder weniger betroffen von Folgen, die die Katastrophen in nah und fern im eigenen Leben spürbar machen. Und dann sind da die ganz persönlichen Herausforderungen durch schwere Schicksalsereignisse wie der Verlust eines geliebten Menschen, durch die Kündigung vom bisherigen Zuhause oder der sicher geglaubten Arbeit, das Erleben von Krankheit, massivem Ärger, Beziehungsdramen u.a.m.
Das Empfinden von Haltlosigkeit in solchen Situationen ist verständlich und wie gerne würde man als Betroffene/r eine schnelle Auflösung herbeiführen. Es wird alles versucht, was in der eigenen Macht steht, und nicht selten werden alte Verhaltensmuster eingesetzt, die in früheren Zeiten geeignet waren, eine Bedrohlichkeit zu beenden. Notfallprogramme wie übermäßige Anstrengung, Anpassung oder der Verzicht auf eigene Bedürfnisse werden aktiviert und führen sie zum Erfolg, waren sie wohl sinnvoll eingesetzt.
Doch was tun, wenn die als unerträglich eingestufte Krise sich nicht zum Guten wenden lässt? Wenn das Bedrohliche bleibt und sich perspektivisch nicht aus dem Weg räumen lässt? Wenn alle bekannten Strategien höchstens zum Verlust des Selbstvertrauens führen, statt Vertrauen in die Zukunft zu aktivieren?
Bei einer Wanderung in den Bergen Südtirols stieß ich bei einer Pause auf eine alte Lärche, die mich in besonderer Weise einlud, innezuhalten und wahrzunehmen. Halt finden unter besonders herausfordernden Bedingungen war offensichtlich ihre Lebensgrundlage: Sie hatte sich auf einem riesigen Felsbrocken niedergelassen, auf dem es unmöglich war, Wurzeln durch den granitharten Stein zu treiben. In ihrem unerschütterlichen Lebenswillen trieb sie diese nun um den Felsen herum und gelangte somit in den Kontakt zur lebensnotwendigen Erde. Die Botschaft, mit der ich in eine stille Resonanz ging, ist ermutigend, Hoffnung gebend, fordert uns auf, uns mit unserem ureigenen Kraftpotenzial zu verbinden:
„Stellen dich die Bedingungen vor ungewöhnliche Herausforderungen, werde kreativ und finde in außergewöhnlicher Weise Standfestigkeit und Halt für deine kraftvolle Entwicklung.“
Was kann dies im übertragenen Sinne für uns krisengeplagte Menschen bedeuten? Kreativ werden und in außergewöhnlicher Weise Standfestigkeit und Halt finden? Und dies auch noch für die eigene kraftvolle Entwicklung?
Ich möchte von Menschen erzählen, die dies beeindruckend vollzogen haben:
Jola* arbeitete seit fast 20 Jahren in einem sozialen Brennpunkt einer Großstadt in einem Treffpunkt für Jung und Alt, der für viele vom Leben benachteiligte zu einer stabilen Heimat geworden war. Als ihr im Alter von 55 Jahren die Kündigung überreicht und der Einrichtung sämtliche Mittel gestrichen wurden, fiel sie kurzfristig ins Bodenlose: nicht nur der Verlust ihrer sinnstiftenden Arbeit, sondern vor allem die Zerstörung des friedlichen, unterstützenden und Perspektive vermittelnden Miteinanders war unannehmbar. Sie besann sich auf ihre Kompetenzen, gründete einen Verein, fand verlässliche Sponsoren, mietete ein leerstehendes Ladenlokal, versammelte die des ehemaligen Zentrums beraubten Stammgäste, renovierte gemeinsam die Lokalität und eröffnete nach nur 3 Monaten ihren Treffpunkt, den sie – nun in eigener Regie – um ein umfassendes Angebot erweiterte. „Der Fels“ = die Kündigung – ließ sie über sich hinauswachsen in ihrem unerschütterbaren Wissen um ihre Lebensaufgabe.
Auch Patrick musste mit einem ‚dicken Brocken‘ einen Umgang finden. Als Sohn eines mittelständischen Handwerksunternehmens war er schon vor seiner Geburt als Nachfolger in der vierten Generation bestimmt. Ein freundlicher, sensibler Junge war er, der schon früh seine musikalische Veranlagung zeigte. Neben der harten Erziehung des Vaters „um einen richtigen Mann aus ihm zu machen“ erbettelte er sich Klavierunterricht bei der Nachbarin. Nach dem gehorsamen Abschluss seiner Lehre verabschiedete er sich freundlich von seiner Familie, ertrug Hohn und Spott und den Ausschluss aus allen familiären Zusammenhängen und startete mit einem heimlich errungenen Stipendium sein Musikstudium. Noch heute schickt er der Familie Einladungen zu allen seinen Konzerten. Sein ‚Fels‘ war die handwerkliche Tradition, in der er nicht wurzeln konnte…
Wenn wir einmal aus dieser Perspektive Lebenswege anschauen, entdecken wir viele dieser „Lärchen“, denen es gelingt, mit den Hindernissen ihres Lebens einen kraftvollen, heilsamen und standfesten Umgang zu finden. Sie bleiben ihren menschlichen Werten treu trotz Anfeindungen und seelischer Verletzung. Sie stellen sich in den Dienst des Großen und Ganzen trotz Weltenmüdigkeit und Perspektivlähmung. Sie bleiben präsent mit Herz und Verstand trotz unüberwindbar erscheinender Hemmnisse. Sie sorgen gut für sich auch mit überfordernden Hilfsfragen von außen. Sie wagen Unbekanntes in Momenten, in denen das Bekannte sich als brüchig erweist. Sie alle folgen einem Sehnen aus sich heraus, das stärker ist als die vorgegebenen Umstände. Dem zu folgen ihnen Durchsetzungskraft, Kreativität, Entwicklung und letztlich Halt vermitteln kann.
Die Lärche, die ihr Zuhause auf einem Felsbrocken errichtet hat, steht stabil und wächst. Ihr kreativer, mutiger Umgang mit dem Unausweichlichen erlaubt ihr, als eine Besonderheit im großen Lärchenwald zu stehen.
Lassen wir uns doch inspirieren und ermutigen von ihr, indem wir unserem Sehnen nach einem authentischen Leben folgen und im Prozess damit Wege finden, die uns neuen Halt und innere Stabilität aus der eigenen Entwicklung heraus erlauben. Nutzen wir doch das Bild der kraftvollen Lärche, uns von Hindernissen dieser Zeit nicht vom eigenen Wachstum abbringen zu lassen. Es ist möglich.
Nora Römer lebt und arbeitet in der Nähe von Bremen: www.roemer-therapie.de .

Autorin: Sabine Lück
In den letzten Jahren hat sich das Wissen um transgenerationale Weitergabe von Traumata und Traumabewältigung rasant verbreitet. Wir können inzwischen auf wissenschaftliche Forschungen zurückgreifen und sehr differenziert nachvollziehen, auf welchen Wegen sich das Leid unserer Vorfahrinnen auf die folgenden Generationen überträgt. In den 1990er-Jahren, als dieses Forschungsfeld noch in den Kinderschuhen steckte, entwickelte ich zusammen mit meiner Kollegin Ingrid Alexander das Konzept Generation-Code®. Wir erkannten, dass nicht nur unsere Ahnen in ihrem Wunsch nach Weiterentwicklung für die Nachkommen Botschaften und Aufträge nach vorn, in die Zukunft weiterreichen, sondern auch das Kind einen Heilungsimpuls ins Familiensystem bringt und einen unbewussten Treuevertrag mit seinen Eltern eingeht. Das abhängige Kind spürt die existenzielle Notwendigkeit, seine Eltern stabilisieren zu müssen, um selbst überleben zu können. Wenn es für das Familiensystem von Nutzen ist, dann ist es sogar bereit, seine eigene Entwicklung zurückzunehmen. Der tiefe Wunsch des Kindes, seine Eltern und Ahninnen zu heilen und sie an ihrem wundesten Punkt zu schützen, wird zu seiner lebenslangen Mission der Elternrettung. Als Erwachsene verfolgen wir, ohne es zu bemerken, dieses Lebensziel und übertragen unseren kindlichen Heilungswunsch auf Partner, Freundinnen, Arbeitskollegen und auf unsere Nachkommen. Für unsere Kinder bedeutet das, Eltern zu erleben, die in ihrem Kind die Möglichkeit einer Wiedergutmachung eigener Sehnsüchte und die ihrer Eltern und Vorfahren sehen und die zusammen mit guten Absichten auch das alte Leid übertragen. So entsteht auch in dieser neuen Generation ein unbewusster Treuevertrag des Kindes mit seinen Eltern, und der Generation-Code® setzt sich fort.
Je mehr ich mich mit diesem Thema befasste, desto mehr erkannte ich bestimmte Muster und Regelmäßigkeiten hinter diesen transgenerationalen Prozessen. Ein sehr starkes Muster ist der Wunsch aller Beteiligten, etwas Gutes für die Zukunft und die nachfolgenden Generationen zu schaffen. Eltern und Großeltern wollen fast immer, dass ihre Nachkommen glücklich sind und ein besseres, erfolgreicheres Leben führen können. In diesem Wunsch verweben sich eigene Defizite, aber auch der tiefe Heilungswunsch ihrer inneren Kinder – der Teil eines Menschen, der noch immer auf liebevolle elterliche Versorgung angewiesen ist –, der sich auf die eigenen Eltern und Vorfahrinnen richtet. In ihren Kindern und Enkeln können sie womöglich etwas nachholen, wiedergutmachen, was Generationen zuvor misslungen ist. Wir wollen NICHT das Leid weiterreichen, wir wollen Glück vererben. Wieso gelingt das aber meistens nicht, und was braucht es, damit wir die Schätze der Vorfahrinnen annehmen dürfen, ohne den Preis, ihr Leid zu tragen, zahlen zu müssen?
Ich möchte Eltern, Familien und Fachleuten mit diesem Buch Möglichkeiten aufzeigen, wie sie alte Verstrickungen aufspüren und verstehen können und ein Weitergeben an die eigenen Kinder verhindert werden kann. Ich möchte dir, liebe Leserin, lieber Leser, dabei helfen, diese stellvertretende »Versorgung« deines Kindes mit all dem, was dir oder deinen Eltern und Großeltern nicht vergönnt war, zu erkennen und damit den Transfer für die transgenerationale Weitergabe der Familienwunde stoppen zu können.
Nachdem ich jahrelang mit Erwachsenen zu ihren als Kind geschlossenen Treueverträgen gearbeitet hatte, drängte sich mir der Wunsch auf, bereits zu der Zeit etwas tun zu können, während der der transgenerational begründete Loyalitätsvertrag (Treuevertrag) mit den Eltern geschlossen oder vertieft wird: in der Kindheit, wenn Kinder mit uns als Eltern oder anderen Bindungspersonen zusammenleben und sich unser transgenerationales Erbe wie ein dunkler Schatten auf den Umgang mit unseren Kindern legt. Es ist die Zeit, in der unser Kind auf eine gelungene Spiegelung und eine passgenaue Beantwortung seiner Grundbedürfnisse durch feinfühlige Bezugspersonen angewiesen ist, um sich selbst erkennen zu können. Hier wirken übernommene Traumaerfahrungen unserer Vorfahren mit ihren vererbten dysfunktionalen, also nicht funktionierenden Familienmustern, die von Gewalt, fehlender Bindungsfähigkeit und einschränkenden Überlebensstrategien geprägt sind. Sie wirken wie ein täglich verabreichtes Gift und verhindern ein authentisches Miteinander. Die Übertragungen alter Glaubenssätze, die den nächsten Generationen als Garantie dienen sollten, um altes Leid nicht noch einmal erfahren zu müssen, aber auch der Wunsch nach Entschädigung und nachträglicher Versorgung blockieren die gesunde Entwicklung unseres Kindes. Wie wir das tun und was du als wichtige Bezugsperson deines Kindes unternehmen kannst, um transgenerationale Weitergabe weitestmöglich aufzulösen, ist die Kernbotschaft dieses Buchs.
Wir dürfen aber nicht nur das traumatische Erbe sehen und dabei vergessen, dass wir auch Fähigkeiten, Talente und hilfreiche Überlebensstrategien mitbekommen haben. Meine größte Erkenntnis aus dreißig Jahren praktischer Arbeit ist die Entdeckung, dass wir alle gemeinsam an der Heilung alter Wunden arbeiten. Nicht immer ist das gleich zu erkennen, weil die vielen übernommenen, dysfunktionalen Überlebensmuster die gesunde Kindesentwicklung und das Familiensystem empfindlich zu stören scheinen. Vorfahren, Eltern und Kinder streben gemeinsam für die Zukunft eine Entwicklung an, die in der Vergangenheit nicht stattfinden konnte: Fehlte ein sicheres Zuhause, wird dafür gesorgt, dass unsere Kinder eines bekommen; fehlte der Vater, versucht die nächste Generation, einen Vater zu bieten, der da ist; wurde man als Kind nicht gesehen, versucht man, seinem Kind mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu begegnen usw. Ich stellte mir die Frage, wie wir einerseits diese notwendige Weiterentwicklung unterstützen können, ohne dabei die alten Wunden weiterzureichen, und wie wir andererseits den Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse unseres Kindes nicht verlieren.
Wenn du als Mutter oder Vater verstanden hast, welche transgenerationale Wunde du aus deiner Kindheit mitgebracht hast und wie dein als Kind geschlossener Treuevertrag mit den Eltern und Vorfahren den Umgang mit deinem Kind beeinflusst, kannst du besser nachvollziehen, wann alte Verstrickungen den Blick auf dein Kind versperren. Im Mittelpunkt steht deshalb die Auflösung dieser Treueverträge, durch die alle Generationen miteinander verwoben sind: zu erkennen, was zu einem selbst gehört und was sich durch Treue und Wiedergutmachungswünsche entwickelt hat und im Dienst der Ahnenrettung steht. Zu differenzieren, was genau dein Selbsterleben prägt, ist die Grundvoraussetzung für einen authentischen Umgang mit den eigenen Bedürfnissen und denen deines Kindes. Dieses Buch soll dir eine Unterstützung sein, um positive Bindungserfahrungen mit deinem Kind zu ermöglichen, und dir dabei helfen, deine und seine Resilienz zu stärken. Indem du lernst, wie übernommenes Leid transformiert werden kann, wird der Blick auf dein Kind wieder frei und damit authentische Beziehungsgestaltung möglich.
Sabine Lück
„Vererbtes Glück“
Kailash Vlg., 368 S., 22 €
Siehe auch unter „Wortwelten“ S. 58.
Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Kailash Verlages.
Herausgeber Achtsames Leben:
Karl-Heinz & Ulrike Plaggenborg
Lindenstraße 35, 26123 Oldenburg
Tel. 0441-17543
Das Achtsame Leben erscheint drei Mal im Jahr:
am 15. April, 15. August und 15. Dezember.
Der Abgabe-Termin für Anzeigen für die
Ausgabe August - Dezember 2026:
(erscheint zum 15. August 2026):
Marktplätze, Veranstaltungen, Ausbildungen, Praxis & Methoden,
Weitere AnbieterInnen:
spätestens 19. Juni 2026;
Wer macht was im Internet, Kleinanzeigen:
spätestens 19. Juni 2026;
fertige Formatanzeigen: spätestens 10. Juli 2026.
Webservice Ulrike Plaggenborg:
