Gesellschaftlicher Wandel 2025/2026


Dezember 2025 - April 2026


Verbundenheit ist aller Freude Anfang

© ransy-pixabay.com
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Autor: Manfred Folkers

Buddhistische Anregungen für eine enkeltaugliche Kultur des Genug

 

Es gibt kein richtiges Leben im falschen ...

... aber es gibt im Falschen eine richtige Richtung.

Theodor W. Adorno & John von Düffel

 

Vor 20 Jahren hat der Philosoph Peter Sloterdijk die Lage der Menschheit drastisch veranschaulicht: „Wir rasen mit Höchstgeschwindigkeit frontal auf eine Betonmauer zu, doch weil der Moment des Aufpralls eine Weile entfernt ist, bleibt man auf dem Gaspedal“. Thomas Metzinger - ebenfalls Philosoph - fragte sich kürzlich, ob „wir vielleicht doch noch rechtzeitig eine neue Art zu leben entwickeln, die es uns ermöglicht, das giergetriebene Wachstumsmodell zu verlassen“, bevor er hinzufügte: „Was uns fehlt, ist ein neues Leitbild, ein kultureller Kontext für die sich beschleunigende planetare Krise“.

Mit Elementen fernöstlicher Weltsichten ist eine solche Perspektive vorstellbar. So bieten sich vier Aspekte der Buddha-Lehre als Basis einer enkeltauglichen Lebensweise an: 1. Hier sein. 2. Ganz sein. 3. Wach sein. 4. Zufrieden sein.

 

Hier sein

Es ist ein wunderbares Erlebnis, als menschliches Wesen auf dieser Erde zu Hause zu sein; vor allem, weil wir diese Anwesenheit bewusst genießen können. Es sollte zum Selbstverständnis eines jeden Menschen gehören, das Dasein wertzuschätzen. Dennoch gibt es etliche Gründe, mit der eigenen Existenz zu hadern: Zu kurze Dauer, zu viele Krankheiten, dann auch noch altern und schließlich sterben. Große Teile der buddhistischen Praxis widmen sich der Aufgabe, die leidhaften Umstände des Lebens geistig zu bewältigen.

Es ist immer alles jetzt. Auch Zukunft ‚existiert‘ ausschließlich im gegenwärtigen Moment - als Gedanken und Annahmen im Geist der Menschen. Nur sie können sich spätere Zustände vorstellen und anstreben, was sie derzeit auf ruinöse Weise tun. Dabei möchten sie sich eigentlich bemühen, ihren Nachkommen eine l(i)ebenswerte Welt zu hinterlassen.

Präsent sein - dieses wissende Gefühl kann erfreuen, ist jedoch derzeit erheblich getrübt. Viele Menschen scheuen einen offenen Blick in die Gegenwart und in die Zukunft, obwohl - oder gerade weil - sie präzise berechnen können, wie sehr sie ihnen zusetzen. Im Umgang mit der Umwelt werden schädlich wirkende Vorgaben verfolgt. Kollektiv fehlgeleitet verwenden wir unsere Kraft, um auf einem Weg voranzueilen, der uns in die Irre führt.

Dieses Fehlverhalten sollten wir uns deutlich vor Augen führen. Nur mit Ehrlichkeit lässt sich das kulturelle Dilemma, in dem die Menschheit steckt, sinnvoll betrachten. Erst eine unvoreingenommene Suche nach Hintergründen entdeckt Wege, die aus der Sackgasse führen. Erst durch das Eingestehen und Vermeiden bisheriger Fehler wird sich unser Leben in eine heilsame Richtung entwickeln. Dies kann nur hier und jetzt geschehen.

 

Ganz sein

Für die Verwirklichung dieser Absicht bieten sich Einsichten an, die zu Buddhas Zeiten revolutionär wirkten und sich heutzutage nicht nur für humanistisch, atheistisch oder agnostisch eingestellte Menschen eignen. Einige asiatische Weisheitslehren kamen nämlich schon damals ohne Spekulationen über überweltliche ‚Wesen‘ und ohne eine unvergängliche ‚Seele‘ aus. Auch der Buddha hat vergeblich nach einem ‚separaten Selbst‘ (Atman) gesucht. Er ging davon aus, dass dieses Phänomen nur als Konzept im menschlichen Geist erscheint.

Die Auffassung ‚Alles ist ohne eigenständiges Selbst‘ lässt sich sowohl als Befreiung von Einbildungen als auch als universelles Merkmal erleben. Was nicht eigenständig bestehen kann, befindet sich ständig in wechselseitiger Beziehung zu allem anderen. Alle Dinge und Wesen nehmen ununterbrochen und ungetrennt an der Fülle des Seins teil.

Verbundenheit ist ein stabiles Fundament für Solidarität, Kooperation und Verantwortung. Leider wird unser Alltag von einem Hyper-Individualismus bestimmt, der aus Selbstüberhöhung, Vereinzelung und Wunschdenken entsteht. Das Wissen um unsere prinzipielle Integration ins Raumzeitgeschehen befreit uns jedoch von Gefühlen wie Isolation und Einsamkeit und fördert die Begeisterung, auf dieser Erde willkommen zu sein. Ganzheit und gegenseitiges Durchdrungen-Sein verknüpfen uns mit den Naturgesetzen - räumlich bis zur Quantenphysik und zur Thermodynamik; zeitlich bis zum Urknall. 

Indem diese umfassende Zusammengehörigkeit als notwendig anerkannt und als beruhigend empfunden wird, bildet sie den Ursprung unseres Handelns. Verbindung und Verbundenheit sind dann aller Freude Anfang. Statt Neigungen wie Selbstbezogenheit, Abgrenzung und Oberflächlichkeit zu folgen, können wir uns für den Auf- und Ausbau einer Gesellschaft einsetzen, die Wohlsein für alle anstrebt und dabei spätere Generationen einbezieht.

Für diese Umpolung hat jeder Mensch alle eingeübten Gewohnheiten zu hinterfragen und eine neuartige Spontanität mit Inhalt zu füllen. Um bislang von Eigensinn und Ablenkung ausgehende Impulse wie Festhalten, Missgunst und Verdrängung in Richtung Mitgefühl, Offenheit, Verständigung und Hilfsbereitschaft zu lenken, bedarf es einer Umwandlung erlernter Reaktions-Muster. Diese Praxis erfordert zwar Mut und Ausdauer, doch ein Erfolg lässt sich als Kür-Programm des Lebens erfahren und kultivieren.

© MarinaRabazova-pixabay.com
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Wach sein 

Diese Kür verfeinert sich durch die einzigartige Fähigkeit aller Menschen, sich als Person bewusst zu sein - und dies auch zu wissen. Bewusste Bewusstheit geschieht in einem Wechselspiel, das sich mit den Blickwinkeln „Der Mensch nimmt das Leben in sich wahr“ und „Im Menschen nimmt sich das Leben wahr“ veranschaulichen lässt.

Die Anwendung der einzigartigen Begabung zur Selbst-Bewusstheit beflügelt eine Kompetenz, die ‚wach sein‘ genannt wird. Sie wird Verbundenheit erkennen, ernst nehmen, für erstrebenswert halten und dauerhaft umsetzen.

Indem ‚wach sein‘ als hervorragende oder gar beste Eigenschaft des Menschen angesehen wird, kann sie bei der Überwindung der planetaren Krise und bei der Suche nach Alternativen zu destruktiven Orientierungen eine zentrale Rolle spielen. Für Thomas Metzinger ist die Entwicklung einer „Bewusstseinskultur“ sogar „das Kernstück einer neuen Lebensform“.

Wer die fatale Lage der Menschheit erforscht, hat bis zu deren Ursachen vorzudringen. Aus buddhistischer Sicht geraten drei menschliche Beweggründe in den Mittelpunkt: Gier, Hass und Verblendung. Als Festhalten, Abneigung und Folgenleugnung sind sie zu Antriebskräften eines ökonomischen Systems mutiert, das sich durch Wachstumsdogmen, Konkurrenzkampf und Ignoranz gegenüber den Grenzen der Biosphäre auszeichnet. Der verinnerlichte engstirnige Wettlauf im Hamsterrad kann ‚Gier-Wirtschaft‘ genannt werden.

Es waren Menschen, die diese brisante Situation herbeigeführt haben, weswegen sie auch die Akteure der Lösung sind. Sie haben eine Gesellschaftsform entwickelt, die ihre individuellen Sehnsüchte (Besitzstreben, Gegeneinander, Selbsttäuschung) als allgemeines Regelwerk global durchsetzt. Gleichzeitig hat sich dieses Konzept als Turbo-Kapitalismus verselbständigt, der seine Funktionsprinzipien (Maximierung, Expansion, Ausbeutung der Zukunft) inzwischen rückkoppelnd einsetzt und alle Beteiligten zwingt, auf dem gewohnten Irrweg zu bleiben. Die Menschheit ist gewissermaßen in eine selbstgebaute Falle geraten.

 

Zufrieden sein 

Im Grunde ist der Kapitalismus das Ergebnis eines allgemeinen Drogendelikts. Die wahren Triebfedern dieses Regimes sind Angst (vor Verzicht, Verlust und Niederlagen) und Mangel (an Macht, Kontrolle und materiellen Mitteln). Sie führen zu Entzugserscheinungen, indem sie ständig ein latentes Gefühl aus Verlangen und Unzufriedenheit erzeugen. Süchtig nach Profit und Stimulationen hängt diese Wirtschaftsform vom Habenwollen- und Wettbewerbs-Denken ab und leugnet gleichzeitig die schädlichen Folgen ihres Steigerungsspiels. 

Um dieser Zwickmühle zu entkommen, reicht ein simples ‚nein‘ zu den herrschenden Motiven und Zuständen nicht aus. Ein solches ‚nein‘ ist zwar Ausdruck von Kritik und Ablehnung, enthält an sich aber noch keine rettende Botschaft. Erst eine Auflösung dieser Anti-Haltung durch ein erneutes ‚nein‘ (‚Negation der Negation‘) zeigt Auswege auf. Es gilt, die Fixierung auf das Untergangssystem zu überwinden und die Blickrichtung zu wechseln.

Diese Wende sollte leicht fallen, denn die Menschheit ‚konnte schon mal anders‘ (Annette Kehnel) - und wir Menschen ‚können auch anders‘ (Maja Göpel). Einige buddhistische Anregungen helfen, den Umschwung rechtzeitig zu vollziehen. Sie verknüpfen die Merkmale ‚hier‘, ‚ganz‘ und ‚wach‘ zu einem Ergebnis, das als ‚Samtusta‘ bezeichnet und mit ‚Du hast bereits genug‘ und ‚vollkommen befriedigt‘ erläutert wird.

Wer aus einer Haltung grundsätzlicher Zufriedenheit heraus handelt, wird einen ‚Mittleren Weg‘ beherzigen. Auf ihm entsteht Konsum aus einer besonnenen Genügsamkeit, die sich am Gemeinwohl orientiert und den Umgang mit der Natur auf integere Weise, also aufrichtig und behutsam gestaltet.

Mit derart ausgeglichenen Menschen wird die Wachstums-Ökonomie nicht funktionieren, denn ihr ist die Kategorie ‚genug‘ wesensfremd. Stattdessen wird eine von Suffizienz geprägte Gesellschaft ein ‚menschliches Maß‘ (E. F. Schumacher) beachten und sich vom Überfluss an Waren, Wünschen, Flexibilität, Stress usw. befreien. Sie wird eine Kultur des Genug entwickeln, die den Turbo-Kapitalismus überwindet, dem selbst zu viel noch nicht reicht.

Wer die Vermehrung des Eigentums hintanstellt und sich fragt ‚Was brauche ich wirklich?‘, wird sich frische Luft, sauberes Wasser, angemessenen Wohnraum, soziale Kontakte, gesunde Ernährung, geistige Entwicklung etc. wünschen. Wer den Erdüberlastungstag, die universelle Verantwortung, das Prinzip ‚global denken - lokal handeln‘ usw. im Blick behält, wird sich für langlebige Produkte, Reparieren, Teilen, Nachbarschaftshilfe, umweltgerechte Mobilität, freiwilliges Engagement, Entschleunigung, intellektuelle Redlichkeit, kluges Vorausschauen etc. einsetzen und sich an einem nachhaltig zukunftsfähigen Zusammenleben beteiligen. Wer Umwelt als Mitwelt versteht, wird sie schonen und pflegen - wie sich selbst. Der Vorrang der Ökologie vor der Ökonomie wird dann selbstverständlich sein und freiwillig beherzigt. 

 

Wir können auch Kür

Die gegenwärtige planetare Krise enthält Widersprüche, die alle Menschen belasten. Um sie aufzulösen, werden attraktive Leitbilder benötigt. Als Orientierung bieten sich auch buddhistische Überlegungen an. Wer sich hier auf dieser Erde ganz und zu Hause erlebt und sich wach um das wissende Gefühl bemüht, von Grund auf zufrieden zu sein, kennt eine jederzeit erreichbare innere Basis, von der aus es möglich ist, die sich nähernde große Transformation mitzugestalten und als ein persönliches Projekt ‚Ausfüllung‘ zu meistern.

Indem wir unsere Verbundenheit mit dem Universum wahr nehmen, ist unser Geist vollständig auf seinem Heimatplaneten angekommen. Indem wir diese Form der Anwesenheit ernsthaft und mit Freude akzeptieren, können wir ein enkeltaugliches Füreinander ausleben. Indem wir den Auf- und Ausbau einer Kultur des Genug anstreben, können wir nicht nur Integrität und Zufriedenheit entwickeln, sondern unser - einziges - Leben als ‚Kür‘ gestalten. Indem wir dabei Toleranz und Gleichmut praktizieren, betrachten wir unsere Inkonsequenzen und beginnen, sie anzunehmen und zu bearbeiten, so dass wir jeden Abend ohne Scheu in den Spiegel schauen und uns auf den nächsten Tag vorbereiten können.

 

Manfred Folkers, Oldenburg (23.9.02025)


August - Dezember 2025


Wofür ich stehe

Achtsames Leben Magazin
© Angelina Bunker – pixabay.com

Autor: Wolf Schneider

Wofür stehst du eigentlich, werde ich manchmal gefragt. Ich, das unentwegte Fragezeichen. Der ich manchmal meine, der Tanz zwischen Ausrufe- und Fragezeichen sei das Essentiellste, was ich sein kann. 

Nun also zum Ausrufezeichen: Hier stehe ich und … kann zwar auch anders, lasse mich aber trotzdem nicht beirren in dem, wofür ich stehe, wie auch immer die Winde des Zeitgeistes gerade wehen. 

Ich stehe für Utopien. Dystopien umgeben uns schon genug. Sie saugen uns hinein ins Fürchten. Dann fühlen wir uns von Feinden umgeben und geraten in Eskalationsspiralen, mit denen wir oft tatsächlich das herbeiführen, was wir vermeiden wollten. Angst vor Russland? Wenn sie stark ist, rüsten wir auf und machen damit den Russen Angst. Dann rüsten auch sie auf, und wenn die Wettrüster nicht aus der fatalen Spirale aussteigen, kommt es irgendwann tatsächlich zum Krieg.

 

Welt ohne Militär

Deshalb stehe ich für die Vision einer Welt ohne Militär. Schritt für Schritt abrüsten, so wie es Gorbatschow angefangen hatte. Dann braucht keiner mehr Angst vor seinem Nachbarn zu haben. Wir haben ja auch keine Stadtmauern mehr um unsere Städte. Der »Fortschritt« bei den Kanonen hat sie überflüssig gemacht. So kann uns im Zeitalter von ABC-Waffen und Drohnen auch kein Militär der Welt mehr vor Angreifern schützen. 

Angst hat Rheinmetall-Aktionäre reich gemacht. Offensichtlich gibt es auch heute noch Kriegsgewinnler. Deshalb müssen wir an der Wirtschaft was ändern. Sie darf nicht mehr nur die Reichen bedienen und muss sich von Growth auf Degrowth umstellen. Statt dem exponentiellen quantitativen Wachstum, das jetzt das höchste Ziel unserer Wirtschaftsgurus ist, muss das neue Ziel ein qualitatives Wachstum sein. Statt dem BIP das Glücksprodukt. 

 

Glück statt Wachstum

Wie gelangen wir dort hin? Schluss mit der Förderung von Werbung, denn sie verführt zum Kauf von Unnötigen. Dann wird auch der Strom der Wirtschaftsflüchtlinge nachlassen, denen im Internet ein Leben in Schönheit und Reichtum vorgegaukelt wird, wenn sie es nur schaffen, von Nordafrika aus das Mittelmeer lebend zu überqueren oder von Mexiko aus den Rio Grande. Drüben erwartet sie nämlich nicht das, was die Werbung und Hollywood ihnen vorgaukeln, sondern eine erniedrigende Arbeit auf den Gemüse- und Baumwollfeldern der Privilegierten.

Zur Degrowth-Wirtschaft gelangen wir durch Negativzins. Zins und Rendite machen die Reichen noch reicher, Negativzins verteilt stattdessen von oben nach unten.

Wie kommen wir dazu, dass solche Maßnahmen realisiert werden? Durch eine Bewusstseinsrevolution. Nicht mehr höher-schneller-weiter, sondern glücklicher zu werden sollte unser Ziel sein. Und zwar gemeinsam, nicht gegeneinander. Hierzu müssen die alten Religionen und falsches Heil vorgaukelnden politischen Philosophien entsorgt werden. Wir brauchen Raum für Erfahrung von Liebe, Genuss, Gesundheit, Glück. Alles das kann man üben. Spirituelle Praxis ist der Weg dorthin. 

 

Selbstausdehnung

Welche Praxis denn? Die einfachste, die ich kenne, ist die Selbstausdehnung. Frage dich, wer du bist (und wann ja wie viele …). Dann dehne dieses Selbst aus und trainiere diese Ausdehnung wie einen Muskel. Kleines Ich, großes Ich. Das große Ich umfasst alles: Aham Brahmasmi, ich bin die ganze Welt. Ich Subjekt bin Schöpferin der Welt. Der Weg dorthin ist unter anderem die Schattenarbeit. Aber nicht nur die schlechten Anteile, die wir auf unsere Feinde projizieren, dürfen wir zurücknehmen, sondern auch die guten, die wir auf unsere Idole, Gurus und Führer projizieren. Sei du selbst die Welt, in der du leben willst!

Nun noch ein paar konkrete Vorschläge für die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft. Wir brauchen eine friedliche World Governance nach den Prinzipien der Gewaltenteilung. Waffenmonopol hat nun nur noch eine gut ausgebildete, unbestechliche Polizei. Sie braucht bloß noch stärker zu sein als jede Mafia und Miliz, Militär gibt es ja jetzt nicht mehr. 

Woher die Steuern nehmen für die Reorganisation der Welt? Nicht mehr von den Armen, sondern nun von den Reichen, für die es jetzt keine Steuer-»Oasen« mehr gibt, sondern eher Gefängnisse, wenn sie nicht zahlen wollen. Eine Tobinsteuer für die Zocker am Kapitalmarkt brächte aktuell riesige Summen. In Zeiten von Degrowth dürfen diese Einnahmen sinken, denn wir haben dann ja kein Militär mehr zu finanzieren und keine Produktion von Unnötigem auf Teufel komm raus. Auch die Besteuerung des Flugbenzins hilft. Sie füllt im Handumdrehen die Staatskassen und halbiert den Luftverkehr. Zurzeit kostet ein Flug nach Mallorca ja manchmal weniger als das Taxi zum Flughafen und zerstört doch so viel mehr. 

 

Entspannung

Und was wird aus unserer Psyche? Sobald der Wachstumswahnsinn aufhört und die ganze Gesellschaft auf Glück orientiert ist, entspannt das schon mal. Depressionen, Burnouts, Süchte und Krankheitsausfälle nehmen ab. Was wir als Touristen so oft in den armen Ländern erlebt haben, diese Fröhlichkeit und Gastfreundlichkeit und den Zusammenhalt innerhalb der Familien, das erreichen wir als Weltgesellschaft leichter bei einer geschrumpften Produktion. Gesundheitsversorgung und Materielles sind dann besser verteilt, auf einem Niveau für alle, ohne Armut und Produktion von Überflüssigem.

Und was wird aus Wissenschaft und Forschung, diesem Antrieb der unablässigen technischen Revolutionen, die von Kanonen zu Atomwaffen geführt haben und von einfachen Rechnern über Smartphones zur heutigen KI? Wissenschaftler erforschen das, wofür sie bezahlt werden. Weltweit größter Auftraggeber ist seit bald einem Jahrhundert das Pentagon. Wenn stattdessen Liebe, Frieden und Glück zum Ziel einer unabhängigen Forschung werden, wird die Welt anders aussehen. 

 

Vom Wissen zur Weisheit

Gebaute Bomben wollen ausprobiert werden. Spionage lässt sich nicht verhindern, so hat die Bomben auch bald der Gegner. Liebe und Frieden hingegen werden umso mehr, je mehr wir davon in die Welt geben. Vertrauen kann auch mal zu viel sein, Klugheit und Weisheit nicht. Das Internet ist unendlich voll mit Wissen, aber auch mit Müll. Nun geht es ums kluge Sortieren, um die Anwendung des Wissens: Weisheit.

Unsere Lebensentscheidungen ertrinken in Infofluten, das Wesentliche geht dabei unter und bleibt unrealisiert. Bis dann im Alter die großen Fragen uns keine Ruhe mehr lassen. Wofür bin ich eigentlich hier? Manchmal ist es dann zu spät für die Wende.

 

Wolf Schneider: www.connection.de 


April - August 2025


Ungleichheit ist undemokratisch

Diese „kleine“ Yacht ist „nur“ 105 m lang und liegt damit auf Rang 60 der längsten Yachten. Die längsten sind derzeit über 150 m lang. Quelle: Wikipedia. © Kessy67 – pixabay.com
Diese „kleine“ Yacht ist „nur“ 105 m lang und liegt damit auf Rang 60 der längsten Yachten. Die längsten sind derzeit über 150 m lang. Quelle: Wikipedia. © Kessy67 – pixabay.com

Autor: Sebastian Klein

 

Sebastian Klein weiß, was es heißt, reich zu sein: Der Mitgründer von Blinkist war einmal Multimillionär - und hat dann 90 Prozent seines Vermögens abgegeben. Er ist überzeugt, dass extremer Reichtum unserer Gesellschaft schadet, denn große Vermögen in den Händen einzelner sind undemokratisch, sie befeuern den Klimawandel und spalten die Gesellschaft.

 

Mit großem Vermögen geht immer große Macht einher. Und zwar mehr Macht, als eine Demokratie verträgt. Ich spreche da aus Erfahrung: Weil ich vermögend bin, kann ich meine Meinung in großen Medien kundtun. Ich werde regelmäßig ins Fernsehen und zu Events mit Politiker:innen eingeladen. Manchmal laden mich sogar Bundestagsabgeordnete zu persönlichen Treffen in den Reichstag ein. Ich bin außerdem Mitglied mehrerer Lobbyorganisationen, die sich für meine Interessen einsetzen – dafür zahle ich Geld.

Bis vor ein paar Jahren hatte ich nur eine sehr vage Vorstellung davon, was Lobbyismus ist. Ich dachte dabei an Männer mit Koffern voller Geld, die in geheimen Treffen mit Politiker:innen ihre Interessen durchsetzen. Inzwischen weiß ich: Lobbyismus ist überall, und ganz so thrillermäßig, wie ich ihn mir vorgestellt habe, läuft er dann doch nicht ab.

Was jedoch stimmt: Lobbyismus findet meist dort statt, wo wir als Öffentlichkeit ihn nicht mitbekommen. So erzählt es mir ein ehemaliger Lobbyist, der nicht namentlich genannt werden möchte. Im Auftrag eines großen Unternehmens sollte er Einfluss auf eine geplante Gesetzgebung nehmen. Die geplante Gesetzesänderung hätte es seinem Arbeitgeber erschwert, durch das Hin und Herschieben von Posten innerhalb der Bilanzen Steuern zu sparen. Das wollte man nicht einfach so hinnehmen, weshalb der Lobbyist losgeschickt wurde, um Einfluss zu nehmen. Er schildert mir, wie einfach es für ihn war, Termine mit Ministerpräsident:innen und Bundestagsabgeordneten zu bekommen. Sogar mit der Bundeskanzlerin stand er in Kontakt. Viel entscheidender sei es aber gewesen, genau zu wissen, welche Bundestagsabgeordneten in den wichtigen Ausschüssen saßen. Die sprach er dann gezielt an. Am Ende sei es erstaunlich einfach gewesen, die Interessen seines Auftraggebers in den Gesetzgebungsprozess einzubringen und größtenteils auch durchzusetzen.

Alle, die es sich leisten können, nutzen diesen Weg, um ihre Interessen an Politiker:innen heranzutragen. Meist steckt dahinter auch keine böse Absicht. Aus meiner eigenen Perspektive sind die Anliegen, für die ich mich einsetze, schließlich immer legitim. Das Problem ist nur: So, wie der Lobbyismus funktioniert, unter gräbt er die Demokratie.

 

Lobbyismus gegen Steuerprivilegien

Als ich auf die Initiative taxmenow stieß, war ich erst einmal überrascht: Reiche Menschen, die sich für eine höhere Besteuerung reicher Menschen einsetzen? Das klang widersprüchlich und weckte mein Interesse. Ich meldete mich für ein Kennenlerngespräch an und erfuhr, dass taxmenow ebenfalls eine Art Lobbyorganisation ist – nur eben eine, in der sich Reiche dafür einsetzen, ihre eigenen Privilegien abzubauen. Bei taxmenow organisieren sich Reiche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, um auf das Ausmaß hinzuweisen, in dem das jeweilige aktuelle Steuersystem dieser Länder Reiche bevorzugt. Diese Leute dachten wie ich: Die Ungleichheit in der Gesellschaft ist viel zu groß, daran muss sich etwas ändern! Und es ist problematisch, ja undemokratisch, wenn Reiche ihr Geld einsetzen, um ihr Vermögen zu schützen und zu vergrößern und um sich Vorteile gegenüber denjenigen zu verschaffen, die ohnehin schon viel weniger haben als sie. Ich war begeistert! Also wurde ich Mitglied und arbeite seitdem im Presseteam des Vereins mit.

»Große Vermögen sind große Macht. Demokratie wiederum ist die Antwort auf die Machtfrage und unser Mittel der Wahl, wie wir Macht gerecht verteilen wollen. Demokratie sagt eine Stimme pro Nase, und nicht eine Stimme pro Euro Vermögen.« Marlene Engelhorn

 

Willkommen in der Oligarchie

Prominenteste Figur von taxmenow ist Marlene Engelhorn. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, auf die extreme Ungleichheit in Ländern wie Deutschland und Österreich, wo sie lebt, hinzuweisen. Und auf die Ungerechtigkeit, die damit verbunden ist, dass Menschen wie sie reich geboren werden und damit qua Geburt mehr Macht haben, als es in einer Demokratie eigentlich vorgesehen ist. Marlene weist nicht nur auf diese Missstände hin, sie nimmt die Dinge auch selbst in die Hand: Sie hat deshalb neben taxmenow auch noch andere Initiativen wie Resource Transformation mitgegründet, die sich mit der Rückverteilung von Überreichtum beschäftigen. Im Jahr 2024 ließ sie selbst 25 Millionen Euro aus dem von ihr geerbten Vermögen über einen Bürger:innenrat an soziale Initiativen und andere Projekte verteilen. »Solange der Staat diese Aufgabe der Umverteilung nicht übernimmt, muss ich das eben selbst machen«, sagt sie.

Anfang 2023 waren wir zusammen mit einigen anderen Vertreter:innen von taxmenow anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos, um dort mit einem »Tax the rich« Schild in der Stadt zu demonstrieren und vor allem, um mit Pressevertreter:innen zu sprechen. Zum Weltwirtschaftsforum treffen sich in Davos jedes Jahr die Reichen und Mächtigen. Das gesamte Bergdorf wird dann von ihnen und ihrer Entourage übernommen. Obwohl Davos bequem per Bahn und vor Ort alles fußläufig zu erreichen ist, reisen viele mit dem Privatjet oder Helikopter an. Auf den Straßen stauen sich die schwarzen Limousinen mit verdunkelten Scheiben. Die Luft ist ei skalt und voller Autoabgase. Auf den Dächern stehen überall vermummte Scharfschütz:innen.

Nur wenige Tage vor dem Weltwirtschaftsforum war ein neuer Oxfam Bericht erschienen, der zeigte, dass die Reichsten weltweit in den Corona Jahren ihre Vermögen verdoppeln konnten, während fünf Milliarden Menschen ärmer wurden.

Mir blieb von Davos besonders das Bild hängen, wie Marlene und ich von einem Fernsehteam interviewt werden, unser Pappschild in der Hand. Vor uns die Kolonne schwarzer Limousinen und Porsches. Hinter uns eine Gruppe vermummter Polizist:innen mit Sturmgewehren, die aufpassen, dass wir mit dem Pappschild niemanden umbringen. Mit diesem Bild schafften wir es sogar in den BLICK, die Schweizer BILD Zeitung.

 

Das Versprechen der Demokratie

In Deutschland regen wir uns gern über russische Oligarch:innen auf, weil wir eine Gesellschaft als undemokratisch empfinden, in der reiche Menschen ihre politischen Interessen durchsetzen. Dabei hat unsere eigene Gesellschaft längst Merkmale einer Oligarchie. Das wird an Orten wie Davos sehr deutlich: Dort treffen sich schließlich die Mächtigen und Reichen, um über die Zukunft der Welt zu beraten.

Doch leben wir nicht eigentlich in einer liberalen Demokratie? In der alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben, sich einzubringen und die Gesellschaft mitzugestalten? In unserer repräsentativen Demokratie wählen wir Politiker:innen zwar als unsere Volksvertreter:innen, doch welchen Wert hat das, wenn diese zwischen den Wahlen vor allem Politik im Interesse der Reichen machen? Denn auch in Deutschland nehmen reiche Menschen massiv Einfluss auf die Politik.

 

Demokratie, Oligarchie, Autokratie

  • Die meisten Definitionen von Demokratie umfassen neben der Teilnahme an politischen Wahlen weitere Merkmale wie etwa die, dass alle vor dem Gesetz gleich sind, niemand diskriminiert werden darf und auch wirtschaftliche Chancengleichheit herrschen soll.
  • Oligarchie bezeichnet die Herrschaft einer kleinen vermögenden Gruppe, die zu ihrem Eigennutz regiert, also insbesondere mit dem Ziel, ihr Vermögen und ihre Macht zu erhalten bzw. zu vergrößern. Die Oligarchie ist dementsprechend durch große soziale Ungleichheit und die Abwesenheit politischer Partizipation breiter Bevölkerungsteile gekennzeichnet.
  • Wenn die Macht noch stärker zentralisiert ist und es einen starken Repressionsapparat gibt, der oppositionelle Strömungen unterbindet, sprechen wir von einer Autokratie.
  • Übrigens: Während heute (freie) Wahlen in mehr oder weniger allen Demokratiedefinitionen enthalten sind, waren Wahlen in der antiken Staatslehre von Aristoteles ein Merkmal der Oligarchie, wohingegen in einer Demokratie Ämter am besten verlost werden sollten. In Wahlen hätten nämlich diejenigen, die Privilegien wie Vermögen, Einfluss und Bildung haben, von vornherein Vorteile gegenüber denen, die nichts haben. Dass dieses Argument nicht ganz von der Hand zu weisen ist, zeigt sich heute etwa im US-amerikanischen System, in dem man Unmengen an Geldern aufbringen muss, um für ein Amt kandidieren bzw. um erfolgreich wahlkämpfen zu können. Obwohl das Losmodell auf kommunaler Ebene an einigen Orten Europas erprobt wird, will ich hier keine Werbung dafür machen, aber der Gedanke macht dennoch auf ein Problem aufmerksam, das selten reflektiert wird.

 

Sebastian Klein

 

„Toxisch Reich“

 

Oekom Vlg., 208 S., 19 €

 

Siehe auch unter „Wortwelten“ S. 56.

 

Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Oekom Verlages.


Weniger Kopf, mehr Mensch

© jools_sh – pixabay.com
© jools_sh – pixabay.com

Autoren: Harald Lesch, Klaus Zierer

 

Es ist wohl eines der bekanntesten Zitate aus der Antike: »Mens sana in corpore sano.« Auch wenn Juvenal diese Worte in einer seiner Satiren verwendete, so sind sie heute doch zu einer pädagogischen Botschaft geworden: Der Mensch ist mehr als sein Kopf! Wie ist diesbezüglich die aktuelle Lage? Ein paar Schlaglichter dazu: Schwimmverbände schlagen Alarm, weil immer weniger Kinder schwimmen können. Verbände gehen derzeit davon aus, dass 40 Prozent der Kinder am Ende der Grundschule nicht einmal das Seepferdchen haben – mit steigender Tendenz in den letzten Jahren. Der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen liegt seit Jahren mehr oder weniger konstant bei etwa 15 Prozent. Ärztinnen und Ärzte finden das besorgniserregend, weil die Folgen eines frühen Übergewichts später kaum noch zu kompensieren sind – abgesehen davon, dass sie das Gesundheitssystem massiv belasten.

Die Hauptursachen für diese Entwicklungen sind vor allem falsche Ernährung und Bewegungsmangel. Viele Kinder und Jugendliche essen zu fett und zu süß und bewegen sich zu wenig. Letzteres ist nicht zuletzt auf eine zunehmende Digitalisierung der Lebenswelt zurückzuführen, in der Bewegungszeiten den Sitz- und Liegezeiten vor den digitalen Geräten gewichen sind. Auch wenn es unterschiedliche Befragungsergebnisse zur Nutzungszeit pro Tag gibt, ist die Tendenz eindeutig: Verbrachten Jugendliche 2019 laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über 200 Minuten pro Tag vor Bildschirmen, sind es laut der Digital-Studie der Postbank 2023 bereits über 60 Stunden pro Woche, was um die 500 Minuten pro Tag ausmacht.

 

Nun kann man es sich einfach machen und sagen: Was hat das mit Schule zu tun? Die Ernährung ist doch vorwiegend Aufgabe der Eltern, und auch die körperliche Verfassung des Nachwuchses fällt doch vornehmlich unter ihre Verantwortung. Das ist sicherlich richtig. Aber Schule hat einen Bildungs- und Erziehungsauftrag und dazu gehört nicht nur, das Kognitive zu fördern, sondern den Menschen in seiner Leib-Seele-Geist-Einheit zu sehen. Dass es diese gibt, kann jeder aus eigener Erfahrung nachvollziehen: Wer krank ist, tut sich schwer mit langen und herausfordernden Denkaufgaben. Und wer auf Dauer viel lernen muss, weil er gerade im Prüfungsstress steckt, wird anfälliger für Infekte.

Allein deswegen ist es aus pädagogischer Sicht mehr als nur sinnvoll, sich um die körperliche Verfassung von Schülerinnen und Schülern ebenso zu kümmern wie um Mathematik, Deutsch und die Naturwissenschaften. Wenn man aber ehrlich ist, muss man feststellen, dass ein gesunder oder fitter Körper in der Schule und während des Unterrichts keinen großen Stellenwert mehr hat. Bestes Beispiel ist die Zeit der Coronapandemie, als der Sportunterricht kurzerhand komplett abgewrackt wurde – zu gefährlich, hieß es. Mittlerweile gibt es nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer, die aus demselben Grund keine anspruchsvolleren Turnübungen mehr machen lassen: Zu gefährlich sei es, von Schülerinnen und Schülern einen Sprung über den Kasten zu verlangen. Anders war das Verständnis übrigens in der Antike, besonders am antiken Gymnasion, dem Vorläufer unseres Gymnasiums. Dort wurde die körperliche Ertüchtigung nicht nur gleichrangig mit der geistigen gesehen, sondern Erstere hatte sogar Vorrang. Ein Blick auf eine beliebige Stundentafel zeigt: Diese Zeiten sind schon lange vorbei.

Sicherlich, Kinder und Jugendliche haben zwar Sport-, Musik- und Kunstunterricht. Aber seien wir ehrlich: Das passiert auch und meist am Rand – wie ein Blick auf Stundenpläne zeigt. So sind es denn auch die ersten Fächer, die bei einem Unterrichtsausfall betroffen sind und für die in Zeiten eines Lehrermangels schnell ein Auge zugedrückt wird, wenn es ums Personal geht. Das verkennt nicht nur den Bildungsgehalt dieser Fächer, sondern sendet an die nachwachsende Generation eine fatale Botschaft: Diese Fächer sind nicht wichtig! Berechnungen aus dem Gesundheitssektor zeigen genau das Gegenteil: Menschen, die früh gelernt haben, sich zu bewegen und regelmäßig Sport zu treiben, sind nicht nur gesünder, sie belasten auch finanziell die Gemeinschaft weniger.

Um Kunst und Musik, die beiden Fächer des musischen Bereiches, ist es übrigens nicht viel besser bestellt. Auch sie fristen ein Schattendasein. Wer Geld hat und Eltern, denen das wichtig ist, leistet sich eine Musikschule – und die, die bereits abgehängt sind, fallen auch in diesem Bereich weiter zurück. Bildungsgerechtigkeit ist also auch in diesem Zusammenhang ein Thema.

Wer sich einen Überblick über Bewegung und Ernährung außerhalb des Unterrichtes verschaffen möchte, der besuche am besten eine Schule in der Pause. Am Schulkiosk gibt es in der Regel ein Angebot an Schokolade und Gummibärchen und sonstigen Süßigkeiten, wie man es sonst nur vom Supermarkt gewohnt ist. Auch die Mittagssnacks sind vielerorts nicht gesünder, und dass dies unter dem Label Fair Trade läuft, hilft dann auch nicht mehr weiter. Dabei sitzen viele Kinder und wischen auf ihren Smartphones herum – und so sitzen sie nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Pause.

 

Manchen mag das Argument, dass musische Fächer einen hohen Bildungsgehalt haben, nicht überzeugen. Denn was kann man später mit den in diesen Fächern erworbenen Kompetenzen schon anfangen? Im Beruf ist doch ganz anderes gefragt. Nimmt man aber die von der OECD als Bildungsvision für das nächste Jahrtausend gepriesenen 4K, so zeigt sich ein anderes Bild. Unter den 4K werden Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken als Schlüsselqualifikationen genannt. Diese sind angesichts gravierender gesamtgesellschaftlicher Veränderungen wichtiger denn je, damit die Menschen nicht nur existieren, sondern auch ein erfülltes Leben führen können.

Hangeln wir uns an dieser Bildungsvision entlang und messen die Fächer in den Lehrplänen daran, so zeigt sich: Kunst, Musik und Sport sind es, die diesem Anspruch am besten gerecht werden. Kein Mensch kann künstlerisch, musisch oder sportlich aktiv sein, ohne seinen Schöpfergeist zu nutzen. Kein Mensch kann künstlerisch, musisch oder sportlich aktiv sein, wenn er nicht bereit ist, mit anderen zu kooperieren. Kein Mensch kann künstlerisch, musisch oder sportlich aktiv sein, ohne mit anderen zu kommunizieren. Und kein Mensch kann künstlerisch, musisch oder sportlich aktiv sein, ohne kritisch zu sein und Fehler als Lernchance zu begreifen. Gerade in Kunst, Musik und Sport ist die produktive Kraft des Fehlers so markant wie in keinem anderen Fach. Sicherlich: Es gibt eine Kluft zwischen den Fächern. Nur weil jemand in Sport gut mit Fehlern umgehen kann, kann er es nicht automatisch auch in Mathematik. Aber diese Erfahrungen können helfen, entsprechende Erfahrungen in anderen Bereichen besser zu verstehen.

Als Konsequenz aus dem Gesagten ergibt sich – nach der Entrümpelung – der zweite Grundpfeiler einer Lehrplanreform: eine Neugewichtung der Fächer. Anders als bisher ist dem musischen Bereich mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Fächer sind für den Bildungsprozess von größter Bedeutung – nicht nur im Hier und Jetzt, sondern ein Leben lang. So überrascht es auch nicht, dass an Eliteinternaten dem Kunst-, Musik- und Sportunterricht viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als an deutschen Regelschulen.

 

Daher ist es sinnvoll, diese Fächer von den Rändern des Stundenplanes weiter nach vorne zu holen und ihre Stundenzahl deutlich zu erhöhen. Folgende Schwerpunkte gilt es dabei zu setzen:

Im Sportunterricht ist es wünschenswert, wenn jedes Kind im Lauf seiner Schulzeit eine Einzelsportart und eine Mannschaftssportart so erlernt, dass es beide auch im weiteren Leben ausüben kann. Dies soll die durchaus wichtige Breite in der sportlichen Ausbildung nicht ersetzen, aber wenn vor lauter Oberflächlichkeit am Ende nichts mehr übrig bleibt, dann hat der Sportunterricht sein Ziel verfehlt. Im Musikunterricht ist es wünschenswert, wenn jedes Kind im Lauf seiner Schulzeit ein Musikinstrument erlernt. Dieses kann es allein oder in der Gruppe spielen – mit dem Ziel, ein Leben lang musikalisch aktiv sein zu können. Und im Kunstunterricht ist es wünschenswert, wenn jedes Kind in jedem Schuljahr eine Kunstmappe erstellt und diese präsentieren und ausstellen darf. Und immer kommt es darauf an, das Vergnügen, die Freude und die Lust, selbst aktiv zu werden, zu unterstützen, zu fördern, anzufachen. Kurzum: zu inspirieren.

Mit diesen Forderungen wird ein Grundanspruch des Bildungssystems erfüllt: Bildungsgerechtigkeit zu ermöglichen. Gerade in Deutschland hängt der Bildungserfolg in besonders starkem Ausmaß vom Elternhaus ab. Es ist nicht überraschend und auch logisch, dass diejenigen, die mehr an kulturellem Kapital haben, ihren Kindern auch mehr geben können. Aber der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule ist es, unbedingt kompensatorisch zu wirken. Das heißt nicht, dass Schule alle Ungleichheiten beseitigt – was sie nicht kann und was daher auch eine falsche Zielformulierung wäre. Schule kann aber doch in ihren Möglichkeiten jedem Kind ein gewisses Maß an Bildung zuteilwerden lassen. Mit der Neugewichtung der Fächer und der Stärkung des musischen und des sportlichen Bereiches würde Schule diesen Auftrag besser erfüllen als bisher. Denn heute bekommen vor allem diejenigen Kinder ein vertieftes sportliches, musisches und künstlerisches Bildungsangebot, deren Eltern es sich leisten können und wollen – finanziell, zeitlich und ideell. Stellen Sie sich einfach mal einen Nachmittag lang vor eine Musikschule und beobachten Sie, wer hier ein und aus geht!

Dass eine solche Neugewichtung Bildungszeiten und -räume braucht, liegt auf der Hand. Ohne diese keine tiefgreifende musische Bildung als wichtiger Ausgleich. So lässt sich die kognitive Schlagseite im Schulsystem beheben, und den Kindern wird damit eine Bildung zuteil, die weniger Kopf und dafür mehr Mensch umfasst. Entrümpelung und Neugewichtung – das sind die beiden Grundpfeiler einer Lehrplanreform: Lehrpläne –anders!

 

Harald Lesch, Klaus Zierer

 

„Gute Bildung sieht anders aus“

 

Penguin Verlag, 192 S., 20 €

 

Siehe auch unter Wortwelten S. 57.

 

Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Penguin-Verlages.