
Autor: Andreas Winter/ Interview: Barbara Böhm
Unbewusste Gefühle verstehen – körperlichen Ballast loswerden
Interview mit dem Diplom-Pädagogen und Bestseller-Autor Andreas Winter: „Beim Abnehmen geht es nicht darum, wie viel oder was wir essen – sondern nur darum, warum wir essen!“
Ihr neues Buch ist die Weiterentwicklung all dessen, was sich in Ihrer tiefenpsychologischen Arbeit bewährt hat. Was hat sich seit dem Erscheinen Ihres Bestsellers „Abnehmen ist leichter als Zunehmen“ getan?
Winter: Eine Menge! Seit 2007 haben mich unzählige Zuschriften erreicht von Leuten, die sagten: „Ich habe abgenommen, ohne Diät, ohne Sport, ohne Quälerei – einfach nur durch Verstehen!“ Das fand ich wunderbar. Ich hatte das Gefühl, mit meinem Ansatz einen wichtigen Beitrag zum Verstehen und Behandeln von Adipositas geleistet zu haben. Viele Abnehm-Coaches, Trainer und Berater haben seitdem meinen Ansatz mit in ihre Angebote einfließen lassen. Es spricht sich langsam herum, dass Zunehmen nichts mit übermäßigem Essen zu tun hat. Doch gab es auch leider immer mal Menschen, die sagten: „Ich verstehe alles, aber ich kriege die Umsetzung nicht hin.“ Also habe ich nachgelegt: ein Praxisbuch, eine Audiocoaching-CD, DVDs, Vorträge und Hunderte Forenbeiträge. Und dennoch gab es einige, die trotz aller Werkzeuge scheiterten. Das brachte mich auf die entscheidende Entdeckung: Es fehlte nicht an Motivation, sondern an Relevanz. Zu groß war die Verlockung, in der Komfortzone zu bleiben, in der man sich seit Jahren eingerichtet hatte. Das neue Buch ist keine „Optimierungsneuauflage“, sondern eine Weiterentwicklung. Es ist tatsächlich anders als meine bisherigen Bücher. Zwar wie gewohnt tiefenpsychologisch fundiert, praxisnah, humorvoll, angereichert mit all den Fallbeispielen, Erfahrungen und Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte – aber es ist vor allem eines: ein Botschafter für den Frieden mit dem eigenen Körper.
Die Diätindustrie boomt, und jedes Jahr kommen neue Wundermittel und -programme auf den Markt. Warum steigt die Zahl der Übergewichtigen dennoch weltweit weiter an, und was unterscheidet die „Winter-Diät“ von den anderen Angeboten?
Winter: Ganz einfach: Die Diätindustrie bekämpft den Körper. Neben Ess-Verboten gibt es Magen-Operationen, Abführmittel, Bandwürmer, Sättigungsmittel und Appetitzügler im Angebot. Das alles erzeugt Stress, Schamgefühle, Wut, Widerstand. Und setzt den Hebel am völlig falschen Ende an. Meine Methode hingegen bekämpft nichts, sondern hilft, den eigenen Körper und die eigenen Emotionen zu verstehen. Die meisten Schlankheits-Programme ignorieren den entscheidenden Mechanismus: Fett entsteht nicht durch Essen, sondern durch Angst – konkret durch die Angst vor Mangel. Cortisol, Insulin und viele weitere Neurotransmitter entscheiden, ob Kohlenstoff und Wasser ausgeschieden, in Energie verwandelt oder nun einmal als Fett eingelagert werden. Diäten sagen: „Iss das Richtige.“ Ich sage: „Iss aus dem richtigen Grund!“ Mein Ansatz, den ich manchmal „die Winter-Diät“ nenne, ist keine Diät im eigentlichen Sinn... aber doch eine Art Sonderbehandlung, nicht für den Körper, sondern für die Emotionen. Sie wirkt wie eine psychische Sicherheitsreform: Wenn der innere Alarm ausgeschaltet wird, baut der Körper seinen schützenden Ballast ganz von selbst ab.
Sie haben nach eigenen Angaben keinen Ratgeber für eine Bikinifigur geschrieben, sondern eine Einladung zur Selbstbefreiung. Warum gelingt es damit trotzdem, überflüssige Pfunde zu verlieren und vielleicht sogar ein bisschen attraktiver zu werden?
Winter: Weil Attraktivität nichts mit Modelmaßen oder dem Modestyle, sondern mit Selbstsicherheit zu tun hat. Wenn wir uns befreit fühlen, sieht man das – Schultern gehen hoch, Augen werden wach, Gesicht entspannt sich. Der Öffnungsgrad der Pupillen und Augenlider erhöht sich, wir wirken nicht mehr ängstlich, kontrollierend, perfektionistisch, misstrauisch, sondern souverän, anziehend. Tatsächlich nehmen viele schon beim Lesen ab, bevor sie überhaupt die erste Übung gemacht haben – einfach, weil die Erkenntnis über die Ursachen des Zunehmens Druck löst und damit weniger Stresshormone produziert werden. Und ein stressfreier Körper ist ein natürlicher Ästhet: Er reguliert sich selbst. Schönheit ist ein Nebenprodukt innerer Sicherheit. Ein Mensch, der sich mag, strahlt. Und der Körper folgt den Gedanken. Nicht Schlanksein macht glücklich, selbstsicher und attraktiv, sondern umgekehrt: Selbstsicherheit macht glücklich, attraktiv und schlank.
Bereits in Ihren früheren Büchern haben Sie die provokante These vertreten, dass Übergewicht nicht durch zu viel Essen entsteht, sondern durch Stress. Welche biologischen und psychologischen Prozesse stehen hinter diesem Notfallprogramm des Körpers?
Winter: Ich muss immer schmunzeln, wenn meine Aussage als „provokante These“ bezeichnet wird – ich höre das oft. Wir nehmen doch alle viel mehr Kalorien zu uns, als wir verbrauchen, werden aber nicht alle dick. Das werden diejenigen von uns, die das Gefühl haben, sie hätten zu wenig. Durch diesen emotionalen Stress werden Botenstoffe ausgeschüttet – allen voran Cortisol –, die aus Wasser und Kohlenstoff Fett machen. Dieser Zusammenhang ist übrigens gar nicht so neu. Die klinische Basis über Cortisol, Emotionen und Übergewicht stammt von dem US-Neurologen Harvey Cushing aus dem Jahre 1912; die moderne Grundlagenforschung wurde vor allem durch den Schweden Per Björntorp um 1990 bis 2000 gelegt und durch Humanstudien wie die von Elissa Epel (USA 2000) gestützt. Erkennen und Auflösen des Zunehm-Musters benötigen ein wenig Zeit, aber man muss dazu der Diätindustrie kein Geld in den Rachen werfen – und ganz sicher braucht man weder eine Schlankheitsspritze noch ein Magenband.
Abnehmen sei nicht nur leichter als Zunehmen, sondern geschehe sogar automatisch durch Annehmen – um Ihre Botschaft etwas verkürzt zusammenzufassen. Bitte erläutern Sie das gerne näher: Was muss eigentlich angenommen werden, um letztlich etwas loszuwerden?
Winter: Annehmen muss man die Tatsache, dass man nicht übergewichtig ist, weil man krank, faul oder undiszipliniert ist, sondern weil man sich bei emotionaler Belastung mit Essen oder den Gedanken an Essen getröstet hat. Vergleichbar einem Baby, das bei Kummer die Brust, das Fläschchen oder den Schnuller bekommt und dadurch „gestillt“ wird, also aufhört, sich bedroht zu fühlen. Da diese „emotionale Rettung“ nicht jederzeit frei verfügbar ist, sondern begrenzt, versucht man, davon mehr zu bekommen bzw. sie festzuhalten. Diese Erkenntnis erzeugt bei einigen Menschen Schamgefühle. Aber wer sie verinnerlicht, der nimmt automatisch ab, weil das Essen einfach nicht mehr die Bedeutung der emotionalen Rettung hat, sondern nur noch Nahrung darstellt und losgelassen werden kann.
Sie behaupten an einer Stelle: Wer Selbstvertrauen entwickelt, wird ganz von allein schlanker und schöner. Wird damit nicht ebenfalls ein insbesondere in den sozialen Medien vorherrschendes und letztlich diskriminierendes Schönheits- bzw. Schlankheitsideal bestätigt?
Winter: Absolut nicht, denn wer wirklich Selbstvertrauen und Selbstsicherheit hat, braucht dieses Schönheitsideal-Theater nicht. Wir empfinden Menschen, die darum kämpfen, als attraktiv zu gelten, als weniger vertrauenswürdig und damit auch weniger anziehend als Menschen, die eine natürliche Schönheit durch Zufriedenheit ausstrahlen. Zudem glaube ich, dass Menschen, die ein gutes Selbstvertrauen haben, sich nicht dort einreihen, wo mithilfe von Disziplin und Chirurgie perfekte Körper und Idealfiguren vorgegaukelt werden. Schönheit ist kein BMI, sondern ein Zustand des Nervensystems. Ein entspannter Mensch ist schöner, gesünder, lebendiger – unabhängig von Kleidergröße oder Instagram-Ästhetik. Ich bestätige also nicht das Diskriminierende, sondern das Befreiende: Der Mensch wird schöner, wenn er aufhört, sich an „Idealen“ zu messen.
Viele Menschen, die ihr Gewicht reduzieren wollen, scheitern oft an den Ansprüchen, die von außen – etwa von Ärzten oder Ernährungsberatern oder von Freunden und der Familie – an sie herangetragen werden. Was würden Sie Betroffenen raten, um richtig mit Rückfällen umzugehen?
Winter: Ja, die „Anti-Coaches“, wie ich sie nenne, können leider tatsächlich den Erfolg sabotieren. Die meisten scheitern nicht an sich selbst, sondern an ihren Anti-Coaches – jenen gutmeinenden Menschen, die sagen: „Willst du das wirklich essen?“ oder „Mach doch einfach mehr Sport!“ Das kann sehr verunsichern. Vor allem, wenn man noch am Anfang seines ungewöhnlichen Abnehm-Weges steht. Doch je selbstsicherer man wird, desto weniger beeinflusst einen das Halbwissen eines anderen – selbst wenn der einen weißen Kittel und eine schlaue Brille trägt. Doch bis dahin kann es ein langer Weg sein. Die gute Nachricht: Das, was viele für Rückfälle halten, sind keine Rückschritte, sondern Etappen. Reifeprozesse können in Wellen verlaufen. Rückfälle sind wie Stolpern beim Laufenlernen: lästig, aber völlig ungefährlich. Und mit jedem Meter, den man geht, wird man sicherer und besser.
Andreas Winter ist Diplom-Pädagoge und psychologischer Berater. Als Leiter eines der ältesten Coaching-Institute Deutschlands verhilft er seit über drei Jahrzehnten Menschen aus aller Welt zu mehr Lebensqualität durch rasche und unkonventionelle Konfliktlösungen. Seine mitreißenden Vorträge und Bücher haben in den letzten Jahrzehnten Hunderttausende Menschen erreicht.
Andreas Winter
"Abnehmen durch Annehmen"
Mankau, 190 Seiten, 18 €
Siehe auch unter Wortwelten S. 54.

Autorin: Barbara Simonsohn
Ich habe schon mehrere Bücher geschrieben über heimische Heilpflanzen wie Holunder, Brennnessel, Löwenzahn und Linde. Was ich aber so ganz besonders finde an der Schafgarbe: ihre Vielseitigkeit. Dass selbst moderne Wissenschaftlicher sich fragen: „Ist die Schafgarbe ein Panacea, ein Allheilmittel?“ So haben die Menschen im Mittelalter sie betrachtet. Sie hilft bei fast allem. Man könnte sagen, für alles ist EIN Kraut gewachsen, nämlich die Schafgarbe. Ob man kalte Füße hat oder Hitzewallungen während der Wechseljahre: die Schafgarbe hilft. Ob ich Menstruationsschmerzen habe, meine Regel viel zu lange dauert, oder ob sie schon länger ausgeblieben ist – Amenorrhoe genannt: die Schafgarbe löst beide Probleme. Egal, ob ich Verstopfung habe oder Durchfall, die Schafgarbe normalisiert beides, optimiert die Verdauung. Solche vielfältigen und scheinbar gegensätzlichen Wirkungen hat kein Medikament. Die nordamerikanischen Indianer kennen mehr als 300 Anwendungen oder Indikationen für die Schafgarbe, mit Abstand mehr als für irgendeine andere Pflanze.
Der bekannte Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl drückt sich so zur Schafgarbe aus: „Wenn man keine anderen Kräuter kennt, das wäre genug, um fast alles zu heilen.“ Timo G., bekannt durch seine unterhaltsamen Wildpflanzen-Videos mit sagenhaften Einschaltquoten bei Youtube: „Die Schafgarbe ist eine absolute Alleskönnerin.“ In der Volksmedizin wird die Schafgarbe daher auch „Heil aller Schäden“, „Heil aller Welt“, Allheilchrut“, Allerweltsheilkraut“ oder „Herrgottskraut“ genannt. „Garbe“ kommt von altdeutsch „garwe“, was „vollkommener Heiler“ bedeutet.
Die Schafgarbe ist tatsächlich eine Alleskönnerin unter den Heilkräutern. Was die Volksmedizin schon wusste, wird jetzt von der modernen Wissenschaft bestätigt. Es gibt mehr als 4500 wissenschaftliche Studien zu dieser Pflanze! An heilsamen Inhaltsstoffen sind zu nennen vor allem Bitterstoffe, bioaktive Substanzen wie Flavonoide und Polyphenole sowie Azulene und weitere ätherische Öle, die entzündungshemmend, antitumoral, antiseptisch, antioxidativ und leberschützend wirken. Bisher wurden etwa 140 (!) gesundheitlich bedeutsame Inhaltsstoffe in der Schafgarbe entdeckt. Das blühende Kraut und die Blätter wirken als Tee, Umschlag oder Tinktur krampflösend, entgiftend, schweißtreibend, fiebersenkend, blutstillend, entzündungshemmend, verdauungsfördernd, menstruationsregulierend, antibakteriell und antiviral. So hilft heißer Schafgarbentee bei Viruserkrankungen wie Grippe, Masern und Windpocken. Der Tee senkt einen zu hohen Blutdruck und entschlackt und entgiftet. Die Flavonoide und Bitterstoffe machen die Schafgarbe zum Heilmittel bei Leberstörungen und Gallenkrämpfen. Der Tee lindert Kopfschmerzen und Migräne, hilft aber auch bei Verstopfung, Magen-Darmkrämpfen, Colitis und Gastritis und bei Heuschnupfen und Wiesendermatitis. Frischsaft hilft nachweislich bei Angina pectoris und stärkt den Herzmuskel.
Die Schafgarbe, gut für Frauen UND Männer
Überall, wo der Korbblütler wächst, wird er als Frauenkraut genutzt. „Schafgarbe im Leib, tut wohl jedem Weib“, so ein alter Spruch. Die Schafgarbe ist allerdings beides, männliches „Soldatenkraut“ und Mars-Pflanze, weil sie Wunden und vor allem Stichwunden heilt, aber auch Frauenheilkraut. Überhaupt, das habe ich weiter oben schon erwähnt, ist diese Pflanze eine Pflanze der Gegensätze. Die Blüten duften süß, sind aber extrem bitter. Die Blätter sind zart und weich, aber der Stängel hart und aufrecht.
Wie hilft die Schafgarbe – „Augenbraue der Venus“ genannt - Frauen? Die Schafgarbe lindert Regelbeschwerden, wie zahlreiche Studien belegen. Sie hilft bei Verspannungen und Krämpfen des Unterleibs. Hat frau ihre Menstruation nicht, vielleicht wegen chronischem Stress, normalisiert sie den Rhythmus, die Regel setzt wieder ein. In einem Sitzbad hilft die Pflanze bei Weißfluss, Leukorrhoe genannt. Neben dem Salbei ist die Schafgarbe DIE Pflanze, die bei Hitzewallungen während der Menopause hilft und bei weiteren Wechseljahresbeschwerden. Der Tee steigert den Rückstrom des venösen Blutes zum Herzen und hilft daher bei Krampfadern und chronischen Venenbeschwerden. In der Schwangerschaft sollte man mit der Anwendung etwas zurückhaltend sein, also keine konzentrierten ätherischen Öle verwenden, weil die Schafgarbe zwar krampflösend, aber auch zusammenziehend wirkt und damit verfrühte Kontraktionen der Gebärmutter auslösen könnte. Blüten und Blätter im Salat oder Schafgarbentee sind auch in der Schwangerschaft unbedenklich.
Schafgarbe, auch hilfreich auf der seelischen Ebene
Schafgarbe wirkt nicht nur auf der körperlichen Ebene, sondern auch auf der seelischen. Studien belegen, dass die Schafgarbe bei Ängsten, depressiven Verstimmungen und Depressionen hilft. Viele Schafgarben-Unterarten enthalten Azulene, die nachweislich beruhigend und stresslindernd wirken. Es gibt zahlreiche Studien, welche belegen, dass die Schafgarbe günstig bei Ängsten und depressiven Verstimmungen wirkt. Schon Hildegard von Bingen postuliert, sie sei ein ideales Heilmittel für innere und äußere Wunden und Blutungen. Was ich am Anfang nicht wusste: sie meinte damit auch Traumata. In der Hildegard von Bingen-Medizin wird die Schafgarbe zur Transformation von Traumata jeder Art verwendet. Hildegard-Therapeuten wie Wirhard Strehlow sagen, es gibt keine andere Pflanze, bei der die Inhaltsstoffe die Blut-Hirn-Schranke passieren und für neue neuronale Verknüpfungen sorgen, so dass auf der physiologischen Ebene eine Retraumatisierung unmöglich wird und die Menschen resilient werden, ihre seelische Widerstandsfähigkeit zurückgewinnen. Jeder, der an seinem spirituellen Wachstum interessiert ist, wird merken: die Schafgarbe schenkt uns Selbstbewusstsein und Balance. Wir können unsere weiblichen und männlichen Teile besser ins Gleichgewicht bringen und integrieren. Unser Selbstbewusstsein wächst, wir erleben öfters heitere Gelassenheit und entwickeln mehr Tatkraft, unser Leben anzupacken im Sinne von „Sei du die Veränderung, die du von der Welt erwartest.“ (Mahatma Gandhi).
Schafgarbe, auch ein Highlight für Küche und Kosmetik
Alle oberirdischen Teile sind heilkräftig, also Blätter, Blüten und in geringerem Maße die Stängel. Wie lässt sich die Schafgarbe verwenden? Die einfachste Verwendung ist, Blüten und Blätter klein zu schneiden und in den Salat zu mischen oder mit Kräutersalz auf Vollkornbrot zu geben, oder als Tee aufzugießen. Schafgarbe eignet sich für Pesto, Nudelsalat, Smoothies und Kräuterpasten. Zum Thema Haut: Schafgarbe schützt vor UV-Strahlung, bei Pigmentstörungen und Falten. Als einfachstes Rezept geben Sie einen Tropfen ätherisches Schafgarbenöl in eine Portion Ihrer Tages- oder Nachtcreme, vermischen Sie das Ganze im Eierbecher und tragen Sie die Mischung wie gewohnt auf. Schafgarbenextrakt sorgt für Hautverjüngung, es gibt entsprechende Produkte zu kaufen, und in meinem Buch finden Sie viele einfache DIY-Rezepte. Die Firma „Kasimir & Lieselotte“ hat zum Beispiel eine Salbe gegen Couperose im Programm, und eine weitere für eine bessere Wundheilung und für Insektenstiche.
Auch, wenn Sie keinen Garten haben, können Sie von der Kraft der Schafgarbe profitieren. Wildblumenwiesen für Insekten sind „in“, und dort und an Waldrändern, auf Bahndämmen und an Flussufern gedeiht die Schafgarbe. Die Schafgarbe wächst fast überall in großen Mengen, als ob sie uns zurufen wollen würde: ich stehe Mensch und Tier zur Verfügung, nutzt meine Kräfte! Von Mai an bis zum ersten Frost meist Ende Oktober blüht sie fleißig und ausdauernd. Wir können sie also leicht selbst sammeln und trocknen und uns damit einen Wintervorrat anlegen für Tee. Schafgarbentee gibt es in jeder Apotheke. Wer eine Allergie gegen Korbblütler hat, die Schafgarbe gehört dazu, sollte auf azulenreiche Sorten zurückgreifen, die viel Azulen enthalten. Azulen ist ein blauer besonders gesunder Farbstoff, der auch in der Kamille zu finden ist, und der die Allergene ausschaltet. Bei uns bietet die Firma „Kasimir & Lieselotte“ Produkte aus azulenreichen Unterarten an, und die Firma „Südflora Baumschulen“ Pflanzen und Samen einiger azulenreicher Unterarten. Diese Sorten sind nicht nur für Korbblütler-Allergiker ideal, sondern für jeden, weil sie ganz besonders heilkräftig sind.
Ist etwas zu beachten? Und gibt es Erfahrungsberichte?
Was ist beim Gebrauch der Schafgarbe zu beachten? Weiter oben habe ich schon erwähnt, dass Schwangere sich mit dem ätherischen Öl der Schafgarbe zurückhalten sollten, und, dass jemand mit einer Allergie gegen Korbblütler wie Brokkoli und Schafgarbe auf azulenreiche Unterarten zurückgreifen sollte. Wer Schafgarbe sammelt, sollte auf die gefiederten Blättchen – „Augenbraue der Venus“ – und auf den charakteristischen süßlich-herbaromatischen Duft von Blüten und Blättern achten, um eine Verwechslungsgefahr mit anderen weißblühenden Korbblütlern und Doldenblütlern auszuschließen. Weitere einzigartige Merkmale der Schafgarbe zur Unterscheidung zu anderen Pflanzen finden Sie in meinem Buch. Ich war von den Erfahrungsberichten beeindruckt, die ich in der Literatur gefunden habe. Schafgarbe wirkte als Tee und Sitzbad bei Arthritis, Myomen, Blasenentzündung und Unterleibsentzündungen, als Tee bei Verdauungsbeschwerden jeder Art wie Gastritis und Magenkrämpfen, bei der nicht-alkoholischen Fettleber, bei Gastritis und Darmblutungen, aber auch bei nervösen Herzbeschwerden. Was mir bei der Lektüre der Erfahrungsberichte auffiel, ist, dass viele Menschen jahrelang unter ihren Gesundheitsproblemen litten, und die Schafgarbe in nur Tagen oder Wochen die lang herbei gesehnte Heilung brachte.
Schafgarbe ist ein Heilkraut, das auf seine Renaissance wartet. Als Arzneipflanze des Jahres 2025 ist sie hoffentlich bald in aller Munde. Schafgarbe ist eine potente ganzheitlich wirkende Pflanze ideal für den Menschen der heutigen Zeit, die seine Gesundheit stärkt und seine Resilienz erhöht auch in bewegten, ja in turbulenten Zeiten.
Barbara Simonsohn
„Die Schafgarbe - Alleskönnerin unter den Heilpflanzen“
Mankau Vlg., 160 S., 12 €
Siehe auch unter Wortwelten S. 55.

Autorin: Barbara Simonsohn
Die Linde ist vielleicht unser schönster Laubbaum. Alles wirkt harmonisch: die Krone, die herzförmigen Blätter, der Duft der Blüten. Dieser Baum ist aber nicht nur ein Augenschmaus, sondern alle Pflanzenteile wirken seelisch harmonisierend und können so manche körperlichen Beschwerden lindern. Die Linde hat „gelinde“ Heilkraft, so der Heilpflanzen-Experte Wolf-Dieter Storl. Seit alters her pflanzte man Hof- und Dorflinden. Menschen feierten und tanzten unter diesen Linden, hielten darunter Gericht und verliebten sich. Die Linde war der Dorfmittelpunkt und ist im Namen von mehr als 1000 deutschen Ortsnamen verewigt. Die Eiche wurde verehrt, die Linde als Herzensbaum geliebt.
Über keinen Baum gibt es in Deutschland so viele Gedichte und Lieder. Die Linde gilt als Baum der Liebe, des Friedens, der Harmonie, der Heimat und der Gemeinschaft. Sie ist aber nicht nur ein Kult-, Sagen- und Mythenbaum, sondern hat dem Menschen der heutigen Zeit viel zu bieten, und hilft schon Kindern bei Angststörungen, Nervosität und Überforderung.
Zur Geschichte
Kein anderer Baum hat europäisches Denken, Handeln und Fühlen so tiefgreifend geprägt und gestaltet wie die Linde, kein anderer europäischer Baum ist so tief im Gedächtnis verwurzelt. Doris Laudert, Autorin eines Lindenbuchs: „Im Herzen des Volkes jedoch hat sie sich längst den besten Platz erobert und nimmt seit Menschheitsgedenken als Hausbaum in Hof, Dorf, Kloster und Burg den ersten Platz ein.“ Schon unsere Vorfahren in der Bronze- und Eisenzeit pflanzten in einem nachhaltigen Niederwald auch Linden. Viertausend Jahre vor Christi Geburt bauten Menschen über Torfmooren und Feuchtgebieten Wege aus Holz und verwendeten dafür auch das Holz der Linde.
Die Germanen verehrten die Linde als Baum, welcher der Göttin Freya gewidmet war, der Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Friedens, der Schönheit, des Glücks, der Mütterlichkeit und des guten Hausstands. „Freya-Linden“ galten den Germanen als Sitz der guten Geister. Germanische Krieger nahmen Lindenholz bedeckt mit Lindenbast und bunt bemalt für ihre Schilder als magischen Schutz. Aus Lindenbast fertigten sie Kleidung, Schuhe, Netze und Taschen. Linden an den Thingstätten, den Schrannengerichten, sollten für ein faires und mildes Urteil sorgen. Urteile wurden noch bis in die Neuzeit gefällt „unter der Linde“, das letzte 1870 in Wüstung Volkmannrode im Kasberg. Berühmte Linden sind die Kunigundenlinde bei Kasberg in Bayern und die Linde von Staffelstein, mit 1200 Jahren eine der ältesten Linden Europas. Auch die Slawen betrachteten die Linde als heiligen Baum und hatten sogar eine eigene Lindengöttin, Libussa, die als Orakelgöttin verehrt wurde.
Durch die Christianisierung wurden aus alten Freya-Linden Marienlinden, und zu den Marienlinden pilgern seitdem Wallfahrer, um die besonders heilkräftigen Blüten und Blätter zu ernten. Ehemalige Tanzlinden werden jetzt zur Kirchweihzeit wieder betanzt. Im ersten Weltkrieg trugen deutsche Soldaten oft ein getrocknetes Lindenblatt einer ganz besonderen Linde bei sich, das sie beschützen sollte. Es gibt Einheits-Linden und Friedenslinden, die zu besonderen Anlässen gepflanzt wurden.
Zur Botanik
Es gibt Sommer- und Winterlinden, die beide im Sommer anfangen zu blühen, die Winterlinde nur zwei Wochen später ab Mitte August. Zu einer Zeit, in der die meisten anderen Bäume ausgeblüht haben, stellen Linden eine willkommene Insektenweide dar. Die Winterlinde hat kleinere dunklere Blätter und weichere Fruchthüllen als die Sommerlinde und kommt mit niedrigen Temperaturen – bis minus fünfzig Grad! - besser klar. Leider vertragen beide Abgase schlecht, daher verschwinden sie allmählich aus unserem Stadtbild und machen der robusteren Silberlinde Platz, die nicht so heilkräftig ist wie ihre beiden Schwestern. Linden werden bis zu 40 Metern hoch und können 1000 Jahre und älter werden. Krone, Blätter und Wurzeln sind herzförmig.
Die Blüten bestehen aus Trugdolden und bestehen aus fünf Kelch und fünf Kronblättern mit einem Trag- oder Hochblatt. Die Tragblätter locken Insekten – auch nachtaktive – an und weisen ihnen den Weg zum reichhaltigen Nahrungsangebot. Eine Einzelblüte kann bis zu 43 000 Pollenkörner erzeugen, die wegen ihrer Leichtigkeit bis zu 100 Kilometer verweht werden. Der einzigartige Duft der Blüten wird über die gesamte Blühperiode verströmt und besteht aus 45 Komponenten, vor allem heilkräftigen ätherischen Ölen. Bestäuber sind Bienen, Wildbienen, Käfer, Hautflügler und Nachtfalter. Die essbaren Samen sind Schirmflieger und werden durch das Tragblatt durchschnittlich 60 Meter weit getragen. Lindensamen sind Nahrung für viele Tiere wie Kernbeißer, Eichhörnchen, Grünfink, Buchfink, Kleiber, Kohl- und Tannenmeise. Für Blattfresser wie Linden-Blütenspanner-Raupen, die Lindenwanze, Florfliegen und die Raupen der Linden-Gelbeule ist die Linde Futterpflanze. Wer sein Auto zur Blütezeit unter einer Linde parkt, ärgert sich oft, weil der klebrige Kot der Blattläuse, zuckerhaltiger Honigtau, am Lack klebt. Hohle Linden beherbergen Fledermäuse, Bilche, Waldkäuze, Hohltauben, Spechte und Käferarten wie der seltene Eremit.

Die Heilkraft der Pflanzenteile
Blüten
Lindenblütentee wirkt besonders aufgrund seiner vielen Polyphenolen, bioaktiven Substanzen, antiviral und antibakteriell bei Erkältungen und Asthma. Ein Lindenblüten-Bad hilft auch Kindern beim Einschlafen. Flavonoide wirken antioxidativ und entzündungshemmend, beugen Krebserkrankungen vor, senken einen zu hohen Blutdruck und stärken die Gefäße. Saponine helfen, überschüssiges Cholesterin aus der Nahrung zu binden und damit der Entstehung von Arteriosklerose entgegenzuwirken. Außerdem hemmen auch sie Entzündungen und optimieren die Immunantwort.
Blätter
Gerbstoffe in Lindenblättern verhindern das Eindringen von Viren und Bakterien, weil sie die oberste Zellschicht der Schleimhäute verdichten. Sie bremsen Entzündungsprozesse aus und desinfizieren Wunden. Außerdem verhelfen sie Entzündungen im Magen-Darm-Trakt zum Abklingen. Das Flavonoid Linarin wirkt angstlösend und beruhigend bei Stress, Angstzuständen und Schlafstörungen. Studien belegen, dass es mit der Wirkung von Neuroleptika aufnehmen kann. Weitere Flavonoide wirken entzündungshemmend und antioxidativ. Harzsäuren wirken gegen Bakterien, Pilze und Viren und schützen damit vor Infektionen. Sie fördern die Wundheilung und die Regeneration der Haut. Carotinoide schützen die Haut vor UV-Strahlung und sind wichtig für die Augengesundheit. Sie fördern auch die Herzgesundheit, indem sie einen erhöhten Blutdruck senken, Blutfette abbauen und Entzündungen reduzieren. Lindenblätter, roh oder als Tee, sind sehr kaliumreich und fördern damit ein gesundes Säure-Basen-Gleichgewicht. Chlorophyll stärkt die Darmgesundheit, indem es das Wachstum physiologischer Darmbakterien anregt, Entzündungen hemmt und die Vermehrung von pathogenen Darmbakterien bremst.
Die Lindenfrüchte oder Samen
Lindensamen stecken voller Gerbstoffen und Mineralstoffen. Der Anteil gesunder mehrfach ungesättigter Fettsäuren beträgt 56 Prozent, und die Konzentration von Vitamin E wird nur noch von Weizenkeimen getoppt. Sterole wirken entzündungshemmend und antioxidativ als Hautschutz. Lindensamenöl ist ein beliebter Bestandteil in Hautpflegeölen und Massageölen. Phytosterole mindern die Resorption von Cholesterin im Darm und schützen über das Absenken des Blutcholesterinspiegels das Herz. Sie wirken außerdem antioxidativ sowie entzündungs- und krebshemmend. Phytosterole in Lindenblättern senken den Blutzuckerspiegel und verbessern die Insulinempfindlichkeit. Auch die Kaffeesäure in Lindensamen wirkt blutzuckerregulierend.
Lindenknospen
Auch mit Lindenknospen kann man auf schmackhafte Weise etwas für seine Gesundheit tun. Man kann sie in Smoothies, im Salat oder im Müsli genießen und auch gut trocknen. Ihr Geschmack ist süßlich-nussig und etwas erdig. In Lindenknospen finden sich Schleimstoffe, ätherische Öle, Anthocyane, Gerbstoffe, Bitterstoffe, Saponine, Vitamine wie Beta-Carotin, Phenolsäuren und Enzyme. Die Knospen der Linde wirken antibakteriell, wundheilend, kräftigend und entgiftend auf den menschlichen Körper. Die Phytohormone helfen Frauen in den Wechseljahren und regulierend bei Stress. Polyphenole entgiften den Organismus. Ätherische Öle wie Terpene wirken antimikrobiell und antientzündlich. Bitterstoffe in den Knospen entgiften die Leber und optimieren den Stoffwechsel. Harze und Cumarine wirken blutverdünnend. Cumarine helfen außerdem bei Gelenkbeschwerden. Aminosäuren sorgen für gesunden Muskel- und Zellaufbau. Bisher wurden 44 Phenole in den Lindenknospen entdeckt, die vor allem antioxidativ wirken.
In der Gemmo- oder Knospentherapie spielt ein Auszug aus Silberlindenknospen eine wichtige Rolle. Ein Mundspray mit einem Silberlindenknospen-Auszug wirkt regenerierend, regt Stoffwechselprozesse an, wirkt stimmungsaufhellend und verjüngend. Schon Paracelsus und Hildegard von Bingen beschrieben die heilsame Wirkung von Baumknospen wie zum Beispiel das Apfelknospenöl bei Migräne. Gemmomittel lassen sich auch selbst herstellen, ein Rezept dafür finden Sie in meinem Buch. Das Gemmomazerat aus Sommerlinden- oder Winterlindenknospen wirkt anregend, entgiftend, beruhigend aufs Nervensystem, es entsäuert und entgiftet das Gewebe und wirkt außerdem entzündungshemmend, fiebersenkend und schlaffördernd. Lindenknospen erhöhen die Stresstoleranz oder Resilienz und wirken günstig bei ADS oder Hyperaktivität. Lindenknospen sind wahre Seelentröster und helfen bei Sorgen, Trauer und Melancholie.
Auch Lindenholz, Lindenholzkohle, Lindenrinde und Lindenbast haben heilkräftigende Wirkungen. Das Taraxerol in Lindenrinde wirkt entzündungshemmend, antivital, krebsvorbeugend und gegen pathogene Pilze. Das Vanillin in Lindenrinden hat eine neuroprotektive und stimmungsaufhellende Wirkung. Daher wurde und wird Lindenrinde zur Linderung von Angstzuständen, Nervosität und Schlafproblemen eingesetzt. Sie hilft außerdem, Stress abzubauen. Lindenbast beschleunigt, äußerlich angewendet, die Heilung von Brandwunden und Geschwüren.
Alle die genannten Wirkungen wurden durch die moderne Wissenschaft durch zahlreiche Studien bestätigt. Die Linde gehört zu den am besten erforschten Bäumen, was die Heilkraft verschiedener Pflanzenteile betrifft. So wirken hauptsächlich Blüten, Blätter und Knospen gegen Ängste und Depressionen, sie reduzieren die Symptome von Schlaganfall, sie wirken stark antioxidativ, wirken Entzündungen entgegen, sind eine Hilfe bei Diabetes als begleitende Therapie und Prophylaxe, sie beugen Krebs vor, und schützen vor einem zu hohen Blutdruck. Die Linde hilft nachweislich bei Schmerzen, Übersäuerung, Verbrennungen, Verdauungsproblemen und Hautproblemen.
Die Linde ist züchterisch nicht bearbeitet und daher besonders vitalstoffreich und heilkräftig. In meinen Augen war es überfällig, dass sie im Jahr 2025 zur Heilpflanze des Jahres gekürt wurde aufgrund der Vielseitigkeit ihrer gesundheitlichen Vorzüge. Alle Pflanzenteile sind essbar, gekocht oder roh. „Go wild“, gehen Sie raus, bedienen Sie sich am reich gedeckten Tisch von Mutter Natur, und integrieren Sie Wildpflanzen wie die Linde in Ihre Küche, Ihre Naturkosmetik und Ihre Hausapotheke. Das Beste gibt es umsonst, das zeigt mir die Linde, Kraftspender und Herzensbaum.
Rezepte
Knospen-Salat
Lindenknospen schmecken lecker nussig, entfernt nach Walnüssen, und etwas süßlich. Sie können sie ab Januar ernten. Pflücken Sie 12 Knospen und streuen Sie in den Salat, übers Müsli oder über Süßspeisen. Sie passen gut zu Vollkornpasta mit Olivenöl. Sie können Lindenknospen auch bei Rohkosttemperatur trocknen und sich einen Vorrat dieser kleinen aromatischen Powerpakete zulegen.
Blätter-Brot
Getoastetes Dinkelbrot mit Pflanzenbutter oder Ziegen-Frischkäse bestreichen und als frisches Topping grüne Lindenblättchen drauflegen. Lecker!
Blätter-Smoothie
3 Handvoll weiche hellgrüne Lindenblätter zusammen mit Wasser, 1 Banane (alternativ ½ reife Birne), Zitronenmelisseblättern und 5 Datteln im Mixer homogenisieren. Wer es süßer mag, süßt mit Agavendicksaft oder Ahornsirup nach.
Blätter-Tee
1 Handvoll frischer Blätter oder 1 Esslöffel getrocknete Blätter mit ¼ Liter kochendem Wasser übergießen, 5-10 Minuten zugedeckt ziehen lassen und dann abseihen. Nach Bedarf mit Lindenblütenhonig oder Ahornsirup süßen.
Blüten-Einschlafhilfe
Abends einige Tropfen ätherisches Lindenblütenöl – Apotheke, Reformhaus oder Internet – aufs Kopfkissen träufeln.
Blüten-Limonade
Legen Sie Lindenblüten und Zitronenscheiben von 1 Bio-Zitrone über Nacht in Mineralwasser ein. Am nächsten Tag seihen Sie die Limonade ab und süßen alles mit etwas Lindenblütenhonig oder Ahornsirup.

Autorin: Jasmin Schlimm-Thierjung
Mentale Gesundheit im ökologischen Kontext betrachtet die enge Wechselwirkung zwischen psychischem Wohlbefinden und Umweltfaktoren. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass die natürliche Umgebung, ökologische Veränderungen und nachhaltige Lebensweisen einen erheblichen Einfluss auf unsere psychische Gesundheit haben.
Die Bedeutung der Natur für psychisches Wohlbefinden
Mentale Gesundheit und Umweltfaktoren stehen in enger Wechselwirkung. Die Natur bietet Erholung, stärkt die Resilienz und fördert die Selbstwirksamkeit. Studien zeigen, dass der Aufenthalt im Grünen das Stressniveau senkt, die Konzentrationsfähigkeit verbessert und das allgemeine Wohlbefinden steigert. Doch wie genau kann die Natur gezielt zur Unterstützung mentaler Ressourcen genutzt werden?
Die Attention Restoration Theory (ART) erklärt diesen Effekt: Natürliche Umgebungen lenken unsere Aufmerksamkeit sanft und ermöglichen so mentale Regeneration. Anders als in Städten, wo zahlreiche Reize unsere kognitiven Ressourcen beanspruchen, bieten natürliche Umgebungen eine entspannende Atmosphäre, die das Gehirn entlastet.
Zusätzlich wirkt sich das Sonnenlicht positiv auf den Hormonhaushalt aus. Tageslicht fördert die Produktion von Serotonin, einem Botenstoff, der die Stimmung hebt und depressive Verstimmungen lindern kann. Gleichzeitig hilft der natürliche Tag-Nacht-Rhythmus, den Schlaf-Wach-Zyklus zu regulieren und Schlafprobleme zu reduzieren. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Menschen, die regelmäßig Zeit im Freien verbringen, eine gesteigerte Lebenszufriedenheit aufweisen. Insbesondere lange Aufenthalte in natürlichen Umgebungen helfen, chronischen Stress zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden nachhaltig zu verbessern.
Resilienz durch Naturerfahrungen stärken
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen. Die Natur hilft, diese innere Widerstandskraft zu stärken:
Durch regelmäßige Naturaufenthalte kann das Nervensystem lernen, sich schneller zu regulieren. Studien zeigen, dass Menschen, die viel Zeit in der Natur verbringen, eine höhere Stressresistenz und eine bessere emotionale Balance entwickeln.
Ein weiteres Konzept, das in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewinnt, ist die sogenannte "Biophilie". Der Biophilia-Effekt beschreibt die natürliche Affinität des Menschen zur Natur und erklärt, warum sich Menschen in natürlichen Umgebungen wohler fühlen als in künstlichen. Diese tief verwurzelte Verbindung zeigt sich darin, dass schon der Anblick von Naturbildern eine beruhigende Wirkung haben kann.
Selbstwirksamkeit durch Naturverbindung erfahren
Selbstwirksamkeit beschreibt das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Naturtherapie unterstützt diese Kompetenz:
In der Natur gibt es keine vorgegebenen Abläufe oder Anforderungen, was Raum für kreative Problemlösungen und eigenständige Entscheidungen schafft. Diese Erlebnisse tragen dazu bei, sich kompetenter und handlungsfähiger zu fühlen.
Natur als therapeutischer Raum
Aus therapeutischer Sicht bedeutet es, die Natur nicht nur als angenehme Kulisse zu betrachten, sondern als aktiven Mitgestalter im Heilungsprozess. Der Begriff therapeutischer Raum beschreibt dabei ein Umfeld, das heilsame Erfahrungen ermöglicht – sei es durch Ruhe, Anregung, Reflexion oder soziale Interaktion. Die Natur bietet all diese Elemente in besonders wirksamer Form. Die Natur ist mehr als eine Kulisse – sie ist ein aktiver Heilraum:
Naturbasierte Therapieformen wie Waldbaden (Shinrin Yoku) oder Outdoor-Coaching nutzen gezielt die positiven Effekte der Natur für mentales Wohlbefinden. Diese Methoden helfen Menschen, bewusster zu leben und sich mit ihrer Umgebung zu verbinden.
Nachhaltigkeit in der Naturtherapie
Eine umweltfreundliche Gestaltung von Naturtherapien ist essenziell:
Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, die Natur zu schonen, sondern auch langfristige gesundheitsfördernde Strukturen zu schaffen. Naturtherapie trägt nicht nur zur mentalen Gesundheit bei, sondern fördert auch den nachhaltigen Umgang mit der Umwelt.
Die Natur ist eine wertvolle Ressource für unser Wohlbefinden. Sie bietet nicht nur einen Raum für Erholung, sondern stärkt gezielt mentale Fähigkeiten wie Resilienz und Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig lehrt sie uns Achtsamkeit und Verantwortung gegenüber unserer Umwelt. Durch wissenschaftlich fundierte und ethisch ausgerichtete Ansätze schafft die Naturtherapie langfristige Vorteile – sowohl für den Menschen als auch für die Natur.

Autorin: Barbara Simonsohn
Unsere Vorfahren betrachteten Küchenkräuter nicht als leckere Gewürze, sondern als Mittel, uns gesund zu machen und zu erhalten, den „inneren Arzt“ (Paracelsus) zu stärken. Dieses
Wissen ist größtenteils verlorengegangen. Schon im alten Griechenland und Rom galten Kräuter wie Rosmarin oder Salbei als Mittel, Krankheiten vorzubeugen und sogar zu heilen. Die moderne
Wissenschaft hat jetzt die Heilwirkungen von Küchenkräutern durch zahlreiche Studien bestätigt. „Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“, stellte der Naturkundler Sebastian Kneipp im 19.
Jahrhundert fest. Viele Küchenkräuter sind wahre Tausendsassas, was ihr Wirkspektrum betrifft. (…) Sie sind ursprüngliche Pflanzen, kaum züchterisch bearbeitet. Sie enthalten nach Fritz-Albert
Popp und Marco Bischof besonders wertvolle Lichtinformationen und damit positive Botschaften für Leib und Seele. Daher schenken sie uns neben Gesundheit auch Ordnungskraft, Vitalität und
Lebensfreude. Was könnte uns in der heutigen Zeit mehr zugutekommen?
Küchenkräuter lassen sich als Tee zubereiten, die häufigste Anwendungsform, aber auch in Teil- und Vollbäder, zum Inhalieren, als Salben und Cremes, als Wickel und Umschläge, als Tinkturen, in Essig eingelegt oder als ätherisches Öl. Alle erwähnten Anwendungen lassen sich selbst zubereiten bis auf ätherisches Öl: das Verfahren zur Gewinnung von Destillaten ist zu aufwändig. Man kann sie in Bio-Qualität in Bioläden, Reformhäusern und Apotheken bekommen und sollte dabei auf den richtigen lateinischen Namen achten.
Bärlauch, der Knoblauch der Germanen
Bärlauch Allium ursinum wächst bei uns wild, erfreut sich aber auch in Biogärten zunehmender Beliebtheit. Er ist wesentlich heilkräftiger als Knoblauch, ursprünglich aus China kommend. Die Wildform des Knoblauch ging verloren. Bärlauch gehört zu den ältesten und meist verwendeten Arznei-, Gewürz- und Gemüsepflanzen Europas. Die Germanen begrüßten sich mit „Leinen und Lauch“, „linar, laukar“ für Glück und Segen, weil sie Verletzungen mit Bärlauch heilten, den sie in Leinentücher wickelten. Einmal angepflanzt, verbreitet sich Bärlauch von allein. Die Pflanze ist ausdauernd und wird bis zu 50 Zentimeter hoch.
Wertvoll sind die Schwefelverbindungen in Bärlauch, 7,8 Gramm pro 100 Gramm Trockensubstanz im Gegensatz zu 1,7 Gramm in Knoblauch. Sulfensäuren kondensieren zu Thiosulfinaten, hochpotenten Anti-Pilz-Mitteln und Phytobiotika. Durch die Aktivierung von Entgiftungsenzymen wird die krebsfördernde Wirkung von Schimmelpilzen deaktiviert und Tumorwachstum ausgebremst. Die schwefelhaltigen Stoffe wirken tumorwachstumhemmend für Dickdarm, Speiseröhre, Magen und Lunge und entgiften die Leber. Theosulfinate verhindern die Oxidation von LDL im Blut und in den Arterien und beugen damit Arteriosklerose vor. Bärlauch enthält Adenosin, was das Herz schützt, einen zu hohen Blutdruck und zu hohe Blutfettwerte senkt. Bärlauch entgiftet Schwermetalle und weitere Schadstoffe. Außerdem wirkt Bärlauch entzündungshemmend. (…)
Lavendel, Heilkraut für innere Ruhe und noch viel mehr
Lavendel oder lateinisch Lavendula angustifolia wurde schon von den alten Ägyptern als Heilmittel und als Parfum genutzt. Seine eigentliche Karriere als Heilpflanze begann für den Lavendel mit der Klostermedizin als schmerzstillendes Mittel, als Kraut gegen Blähungen und bei schmerzhaften Monatsblutungen. Hildegard von Bingen hielt große Stücke auf Lavendel, auch, um böse Geister zu vertreiben. Der Lavendelstrauch wird bis zu 1 Meter hoch. Die blau-lila Blüten verströmen einen betörenden Duft. Der Hauptwirkstoff des Lavendelöls aus Blüten sind ätherischen Öle mit dem Hauptwirkstoff Linalylacetat. Lavendelöl hat antidepressive, angstlösende, entkrampfende und antiseptische Eigenschaften.
Lavendelöl als Präparat namens Silexan erwies sich bei Angststörungen als genauso effektiv wie die angstlösenden Mittel Paroxetin, Pregabalin und Diazepam, wie eine randomisierte, doppelverblindete Studie der Universität Würzburg aus dem Jahr 2014 ergab. Gleichzeitig verbesserten sich Begleitsymptome wie depressive Verstimmungen. Das Lavendelölpräparat Silexan erwies sich ebenfalls wirksam bei Schlafstörungen. Die Schlafqualität verbesserte sich signifikant. Studien belegen, dass Lavendel die Wundheilung fördert zum Beispiel bei Frauen, die einen Dammschnitt hatten, und die Gefahr von Entzündungen verringert. 2019 belegte eine Studie die neuroprotektive Wirkung von Lavendel. Polyphenole in Lavendel schützen das Gehirn vor dem Angriff freier Radikaler und hemmen Entzündungsprozesse im Gehirn. Ich empfehle für einen gesunden Schlaf, ein paar Tropfen ätherisches Lavendelöl aufs Kopfkissen zu träufeln.
Oregano: als Heilkraut unterschätzt
Oregano, auch Dost oder Wilder Majoran genannt, ist viel mehr als ein Pizzakraut. Oreganum vulgare kommt bei uns häufig wild vor. Der Lippenblütler wächst bis zu 50 Zentimeter hoch. Oregano sollte man ernten, wenn er blüht, dann enthält er die meisten Wirkstoffe. Im Gegensatz zu anderen Küchenkräutern wird Oregano mitgekocht.
Die Polyphenole in Oregano wirken antioxidativ und dienen zur Diabetesprophylaxe, sie wirken antiviral, krebsvorbeugend und antientzündlich. Die Gerbstoffe der Pflanze haben eine zusammenziehende Wirkung auf Haut und Schleimhäute und verhindern damit ein Eindringen von Bakterien und Giftstoffen. Innerlich und äußerlich wirkt Oregano antimykotisch gegen pathogene Pilze wie dem Genital- und Darmpilz Candida albicans sowie Fußpilz. Rosmarinsäure und weitere Polyphenole begünstigen ein Selbstmordprogramm von Krebszellen, Apoptose genannt und wirken selektiv, das heißt nicht auf gesunde Zellen. Oregano-Extrakte erwiesen sich außerdem als wirksam gegen pathogene Bakterien, und zwar auch gegen die gefürchteten MRSA-Krankenhauskeime. Der echte Majoran ist eine hervorragende Insektenweide. Weil er zahlreiche Schmetterlinge wie Bläulinge, Schwalbenschanz, Purpurbär und Schachbrettfalter anlockt, wird Oregano auch als „Mini-Schmetterlingsbaum“ bezeichnet.
Salbei, Arzneipflanze und Tausendsassa
Der Salbei oder Salvia officinalis, „Arzneipflanze des Jahres 2023“, (…) polyphenolreichste Pflanze Europas, wurde von den alten Ägyptern in Stein verewigt. Der mittelalterliche Gelehrte Albertus Magnus nannte Salbei „Ambrosia der Götter“. Im 17. Jahrhundert galt die Pflanze als „herba sacra“, heiliges Kraut, und Allheilmittel. Salbei wurde bei Schlangenbissen, Epilepsie, Diabetes, Herzleiden, Grippe, Depressionen, Rheuma, zur Wundheilung und als Lungenheilmittel verwendet. Der pflegeleichte Lippenblütler ist frosthart. Die Blüten sind eine Augen- und Insektenweide.
Mehr als 1000 Studien belegen die Heilwirkungen von Salbei. Extrakte wirken zelltoxisch selektiv auf Krebszellen. Die Metastasierung von Krebszellen wird unterbunden. Salbei vermindert die Symptome von Alzheimer-Patienten wie Unruhe. Salbeiextrakte wirken antientzündlich und stärken das Immunsystem, indem die richtige Immunantwort gefördert wird. Salbeizahnpasta wirkt gegen Karies erzeugende Bakterien und macht die Zähne weiß. Auch gegen jede Art von Viren ist Salbei wirksam, und gegen pathogene Pilze. In den Wechseljahren gleicht Salbei den Hormonspiegel aus und bremst eine übermäßige Schweißbildung.
Thymian befreit die Lunge - und auch die Seele
Schon die Alten Ägypter nutzten Thymian Thymus vulgaris wegen seiner keimtötenden Wirkung zur Einbalsamierung. Die Ärzte der Antike wie Plinius der Ältere, Hippokrates und Dioskurides setzten Thymian bei Atemwegserkrankungen ein, bei Asthma, Ödemen, Krämpfen und Menstruationsbeschwerden. Hildegard von Bingen und Albertus Magnus schätzten die Pflanze und machten sie bekannt. Der Lippenblütler stellt eine hervorragende Bienen- und Insektenweide dar.
Thymian ist ähnlich wie Oregano eine Art Wunderwaffe gegen antibiotikaresistente Bakterienstämme wie MRSA, dem gefürchteten Krankenhauskeim. Thymusöl ist wirksam bei vierzehn MRSA-Keimen. Es reduziert die Zahl der Erreger signifikant und minimiert die Gefahr einer Resistenzentwicklung. Außerdem wirkt Thymian krampflösend und schmerzlindernd zum Beispiel bei Bronchitis. Ätherisches Thymianöl wirkt vorbeugend gegen Durchfallerkrankungen. Thymian wirkt gegen Darmkrebs- und Brustkrebszellen, senkt den Glukosespiegel im Blut und senkt einen zu hohen Blutdruck. Bei Menstruationsschmerzen hilft Thymian als verdünntes ätherisches Öl – Rezeptur in meinem Buch - besser als Ibuprofen, und ganz ohne Nebenwirkungen. Meine Tochter macht während menstruationsbedingt bedingter Krämpfe sehr gute Erfahrungen mit einem starken Thymiantee. Auch bei leichten Depressionen ist Thymian wirksam.
In den Blue Zones von Sardinien, in denen besonders viele gesunde Hundertjährige leben, ist ein Tee aus Oregano Nationalgetränk, neben weiteren Kräuter-Stars wie Lavendel, Rosmarin und Salbei. Mein Vorschlag: werden Sie zu Ihrer eigenen „Blue Zone“. Betreiben Sie Gesundheitsvorsorge auf täglicher Basis mit Küchenkräutern und Wildpflanzen. Leben Sie glücklich im Einklang mit Mutter Natur. Treffen wir uns wieder im Club der fitten Hundertjährigen?
Barbara Simonsohn
„Heilsame Küchenkräuter. 10 Kräuter für Körper und Seele“
159 S., Mankau Verlag, 12 €
Siehe auch unter „Wortwelten“, S. 55.

Autorin: Jessica Maguire
Beim biopsychosozialen Ansatz geht es nicht darum, das, was in unserem Körper abläuft, zu »hacken« oder zu umgehen: Wir müssen lernen, uns darauf einzustimmen, was in unserem Gehirn-Körper-System
passiert, und uns mithilfe dieser Informationen aktiv um unsere emotionale Verfassung und unsere Physiologie kümmern. Das kann etwas ganz Einfaches sein – zum Beispiel, zu merken, dass wir Durst
haben, und dann ein Glas Wasser zu trinken, oder zu erkennen, dass unsere Arbeitssituation uns in einen Zustand ständiger Angst versetzt, und uns ehrlich einzugestehen, dass sich daran etwas
ändern muss. Dadurch können wir echte Regulation erreichen und unsere Lebensqualität, unseren Gesundheitszustand, unser emotionales Wohlbefinden und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen
verbessern.
Und wie können wir alle drei Bereiche des biopsychosozialen Modells – unsere Biologie, Psychologie und sozialen Interaktionen – in die Behandlung von Erkrankungen und Beschwerden einfließen lassen? Durch eine großartige Struktur namens Vagusnerv. Das ist ein extrem wichtiger Nerv, der das Gehirn über Nacken, Brust, Herz und Lunge bis hin zum Darm mit den wichtigsten Körpersystemen verbindet. (…) Hinter vielen chronischen Gesundheitsproblemen – von Angstzuständen, Depressionen und Burn-out bis hin zu Reizdarmsyndrom, Autoimmunerkrankungen und chronischen Schmerzen – kann ein dysreguliertes Nervensystem stecken.
Den Vagusnerv zu beeinflussen, ist eine Fähigkeit, die sich erlernen lässt. Obwohl es dabei nicht um das Training eines Muskels, sondern das eines Nervs geht, bezeichnet man dieses Verfahren als »Erhöhung des Vagotonus«. Genauso wie wir unsere Muskeln durch Training und andere körperliche Aktivitäten stärken können, können wir auch die Funktion unseres Vagusnervs verbessern, indem wir unseren Vagotonus stärken. Das ist eine wichtige Voraussetzung für ein Reset unseres Nervensystems, denn unser Vagusnerv hilft uns, uns zu regulieren. Er ist der wichtigste Bestandteil unseres Nervensystems, der unser Tempo entweder beschleunigt oder verlangsamt. Das wiederum verbessert unseren Gesundheitszustand und versetzt uns in eine ruhigere, ausgeglichenere seelische Verfassung. Zu sagen, dass der Vagusnerv für uns eine enorm wichtige Rolle spielt, wäre noch untertrieben; deshalb werden wir in Teil 1 dieses Buches genauer auf die vielen verschiedenen Funktionen dieses Nervs eingehen. Vorläufig reicht es für dich jedoch zu wissen, dass er ein Tor zu emotionalem, seelischem und körperlichem Wohlbefinden ist.
Ich plädiere nicht dafür, das biomedizinische Modell über Bord zu werfen – ganz im Gegenteil. Ich halte es nach wie vor für wichtig, dass medizinische Experten und Expertinnen zunächst organische Probleme oder Erkrankungen ausschließen, bevor sie ein Ungleichgewicht des Nervensystems diagnostizieren.
Doch genauso wichtig ist es anzuerkennen, dass viele Beschwerden, für die es »keine medizinische Erklärung gibt«, auf eine stressbedingte Störung zurückzuführen sein könnten. Viel zu lange wurde die körperliche Manifestation seelischer Schmerzen und Traumata als unwichtig abgetan. Noch bis vor einiger Zeit hatten wir einfach nicht die richtigen Mittel, um genau zu verstehen, wie die Datenautobahn des Vagusnervs mehr oder weniger alles beeinflusst, was wir tun – einschließlich unserer Fähigkeit, ein angenehmes, kontaktfreudiges Leben zu führen. Inzwischen sind wir in dieser Hinsicht zum Glück schon ein bisschen weiter.
Ein Weg zu Gesundheit und Balance
Ich stelle immer wieder fest, dass ein besseres Verständnis unserer Biologie – vor allem des Vagusnervs – uns dabei hilft, unsere Gefühle aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wenn es uns gelingt, diese wissenschaftlich fundiertere Perspektive in unser Leben einfließen zu lassen, können wir uns von den emotionalen Höhen und Tiefen befreien, die wir durchmachen, wenn wir in den Extremen unseres inneren Thermostats, den heißen oder kalten Zuständen, feststecken. Dann müssen wir keine Phasen in unserem Leben mehr ertragen, in denen wir uns überdreht oder gestresst fühlen und einfach nicht abschalten können. Und wir müssen auch keine Angst mehr davor haben, in einen Zustand der Apathie zu verfallen und wochen- oder gar monatelang antriebs- oder hoffnungslos vor uns hin zu vegetieren. Durch einen besseren Vagotonus werden wir resilienter und flexibler. Wir können mit den Strömungen des Lebens mitfließen, ohne ins Stocken zu geraten. Und auch unsere Selbstgespräche verändern sich – dann fragen wir uns nicht mehr: Was ist nur mit mir los? und Warum werde ich mit dieser Situation nicht fertig?, sondern sagen: Das ist zwar schwierig, aber ich werde es schon hinkriegen. Ich schaffe das.
Vielleicht bist du zurzeit noch nicht richtig auf die Signale deines Körpers eingestimmt; doch mit mehr Wissen und den richtigen Hilfsmitteln wird es dir mit der Zeit gelingen, sie richtig zu interpretieren. Dein Körper will genau das Gleiche wie du: Gesundheit, Sicherheit, Balance und Stabilität. In diesem Buch werde ich dir beibringen, die Sprache deines Körpers zu lernen, damit du mit ihm kommunizieren und eine Partnerschaft aufbauen kannst, von der du auf vielen verschiedenen Ebenen profitierst. Diese wechselseitige Kommunikation ist die Basis für jede erfolgreiche Arbeit am Nervensystem. Wir können dadurch unsere körperliche und geistige Gesundheit erheblich verbessern, Stress abbauen und unser allgemeines Wohlbefinden steigern. Ich habe diesen tiefgreifenden Prozess nicht nur bei anderen Menschen immer wieder beobachtet, sondern auch bei mir selbst erlebt.(…)
Viele Menschen leiden unter körperlichen und psychischen Erkrankungen, ohne dass sich eine eindeutige Ursache dafür finden ließe. Und gerade das ist paradoxerweise ein Zeichen dafür, dass unser Körper genau das tut, wofür er geschaffen wurde: Irgendetwas stimmt mit uns nicht, und darauf macht er uns aufmerksam. Vielleicht glaubst du, dass unser Umfeld der Faktor ist, bei dem wir als Erstes nach der Ursache für unsere Dysregulation suchen sollten, doch oft stimmt das nicht. Bei mir lag die Ursache jedenfalls woanders, und bei vielen meiner Patientinnen und Patienten auch.
Jedes Mal, wenn wir im Job ein weiteres Projekt übernehmen, obwohl wir sowieso schon überlastet sind und immer wieder unter Spannungskopfschmerzen leiden, stellen wir wahrscheinlich fest, dass wir damit über unsere natürlichen Grenzen hinausgehen und uns das an den Rand der Erschöpfung oder sogar des psychischen Zusammenbruchs bringt. So sind wir gezwungen, uns mit unseren Problemen auseinanderzusetzen. Doch statt zu erkennen, dass der ständige Druck am Arbeitsplatz ihre Gesundheit beeinflusst, sehen viele Menschen die Schuld eher bei sich selbst und sagen sich: Ich komme damit nicht so gut zurecht, wie ich sollte – oder den Klassiker: Das sollte ich doch eigentlich schaffen.
Gefühle wie Angst, Scham, Wut, Stress oder ein innerer Shutdown (Abschaltung) sind Frühwarnsignale – sie sind die Alarmglocken, die uns darauf aufmerksam machen, dass wir an unsere neurobiologischen Grenzen stoßen. Doch wenn wir die Sprache dieser Botschaften nicht beherrschen, verstehen wir nicht, was sie uns sagen wollen. Wir wissen nur, dass diese Gefühle uns unangenehm sind, also versuchen wir, sie so schnell wie möglich zu unterdrücken. Und je länger wir die Botschaften unseres Körpers ignorieren, umso schwieriger wird es für uns, sie zu hören. Doch auf sie zu hören und unsere Gemütszustände mithilfe dieser Informationen aktiv zu steuern, ist der erste Schritt auf unserem Weg zurück in einen regulierten Zustand.
Die Lösung besteht darin, zu lernen, wie man den inneren Thermostat, der durch chronischen, traumatischen Stress auf »zu kalt« oder »zu heiß« eingestellt wurde, wieder repariert und die Temperatur so reguliert, dass man angenehm darin leben kann. (…) Im Gegensatz zu anderen Maßnahmen zur Stress- und Traumabewältigung ist die Arbeit mit deinem Nervensystem eine Praxis, die du überall und jederzeit anwenden und immer weiter vervollkommnen kannst. (…) Wenn wir eine engere Beziehung zu unserem Körper aufbauen und uns erlauben, einfach mit dem Auf und Ab des Lebens mitzufließen, werden die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, leichter zu bewältigen, und wir werden resilienter. Unsere Aufgabe besteht darin, unsere inneren Narrative zu verstehen – vor allem, wenn es darin um Traumata aus der Vergangenheit geht – und mithilfe der richtigen Werkzeuge darauf zu reagieren.(…)
Jessica Maguire
„Das Vagusnerv-Reset-Programm“
416 S., Arkana Verlag, 20 €
Siehe auch unter „Wortwelten“ S. 57.
Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Arkana Verlages.
Herausgeber Achtsames Leben:
Karl-Heinz & Ulrike Plaggenborg
Lindenstraße 35, 26123 Oldenburg
Tel. 0441-17543
Das Achtsame Leben erscheint drei Mal im Jahr:
am 15. April, 15. August und 15. Dezember.
Der Abgabe-Termin für Anzeigen für die
Ausgabe August - Dezember 2026:
(erscheint zum 15. August 2026):
Marktplätze, Veranstaltungen, Ausbildungen, Praxis & Methoden,
Weitere AnbieterInnen:
spätestens 19. Juni 2026;
Wer macht was im Internet, Kleinanzeigen:
spätestens 19. Juni 2026;
fertige Formatanzeigen: spätestens 10. Juli 2026.
Webservice Ulrike Plaggenborg:
