Nachhaltigkeit 2026


April - August 2026


Begegnungen auf Augenhöhe

Autor & Fotograf: Peter Andryszak

Elefant

„Bin ich wohl zu groß für Dich!?“

 

Mein Termin ist erledigt. Nun wartet nur noch die lange Heimfahrt aus dem Ruhrgebiet auf mich. Falsch gedacht! Da läuft doch gleich neben der Hauptverkehrsstraße ein echter Elefant frei herum! Und da noch drei weitere!

Also rechts `ran, Kamera `raus und nichts wie hin.

Vier erwachsene Rüsselträger bedienen sich derweil an dem spätsommerlichen Grün. Eine vollkommen ruhige und friedliche Situation – ganz ohne Fesseln. In ihrer Nähe ein ebenso entspannt wirkender Tierpfleger. Er macht gerade einem jungen Männchen klar, nicht auf die Straße zu laufen.

Dann steht plötzlich die alte Elefantendame vor mir. Nur wenige Meter entfernt. Mit einem Blick, den ich als traurig interpretiere. Sie betrachtet mich ausgiebig. Ich bin unsicher. Kommt sie mir noch näher? Oder erwartet sie vielleicht, dass ich auf sie zukomme? Würde sie sich von mir anfassen lassen? Der Tierpfleger beobachtet die Situation aus der Ferne und bleibt gelassen. Sie auch. Ich irgendwie ebenso.

Die große Dame guckt sich das noch eine Weile an und wendet sich wieder den grünen Büschen zu. Die drei jungen Männer in der Gruppe interessieren sich dagegen gar nicht für mich.

Schwein

„Komm, lass dich mal beschnuppern“

 

Schweine schauen einen direkt an. Jedenfalls dann, wenn sie Lust dazu haben. Sie sind intelligent, verspielt, kommunikativ und essen von Natur aus alles – genau wie wir. Und sie kommunizieren auch leicht verständlich mit uns. Meistens wirken sie sogar gut gelaunt. Und das, obwohl sie ihr Leben oft in viel zu engen Ställen fristen müssen.

Sobald Menschen Schweinen – den "süßen" Ferkeln – mal persönlich begegnen, ändert sich oft deren Blick auf diese zu "Nutztieren" degradierten Persönlichkeiten. Man gesteht ihnen zu, dass sie ja sehr witzig seien, gar intelligent sein könnten. Sie sind eben mehr als Leberwurst und Schnitzel – einfach liebenswerte Zeitgenossen, deren Körpersprache schlicht keine Zweifel zulässt und die ein würdiges Dasein verdienen.

 

 

 

Peter Andryszak

 

"Begegnungen in Augenhöhe - Ein Blick auf andere Persönlichkeiten"

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

Siehe auch unter "Wortwelten" S. 53.


Die Wildnis in uns

© Alain Audet - pixabay.com
© Alain Audet - pixabay.com

Autor: Torsten Schäfer

Aufbruch

2017 entwerfe ich das Forschungsprojekt »Sami-Stories« zu indigenen Klimanarrativen, schreibe Hochschulen in Skandinavien an, frage Kollegen nach Kontakten. Ich weiß zu Beginn, dass ich dort nicht ein halbes Jahr werde leben können, der Familie wegen. Es werden Forschungsreisen sein – in alle Länder, in denen Sami vor allem leben, Russland ausgenommen: Schweden, Norwegen und Finnland. Die ausführlicheren Erkundungen dessen, was eine beziehungsreiche Sicht auf »Natur« sein kann, wird hier im Alltag geschehen – im Wald vor der Haustür und am Fluss, der schon immer mein Leben begleitet (Wasserpfade, oekom 2021). Mit der Überzeugung, dass wir indigenen Menschen neu zuhören müssen, die seit Jahrtausenden viel näher mit der Natur leben und sich an ihre Veränderungen weltweit anpassen angesichts der lebensbedrohlichen Klimanot. Immer mehr Studien erscheinen diesbezüglich, die traditional ecological knowledge (TEK) als eine mögliche Antwort auf die großen Fragen unserer Zeit in den Blick nehmen, das traditionelle ökologische Erfahrungswissen lokaler und indigener Völker. Große Berichte wie der des Welt-Naturschutzrates beschäftigen sich mit TEK und zeigen, wie sehr viel besser indigene Menschen die Artenvielfalt schützen, überall auf dem Globus.

Auch deshalb müssen wir in der Zeit des sechsten Artensterbens der Erdgeschichte von ihnen lernen – trotz aller kulturellen Unterschiedlichkeit, der Gefahr unerlaubter Aneignung oder falscher Romantik. Ich möchte nicht nur Wissen dokumentieren, sondern es als Inspiration nutzen für eine andere Wertschätzung unserer Landschaft, für eine Anpassung an ihre Veränderung und eine gleichberechtigte Anerkennung der Mitlebewesen. Für den Naturphilosophen Andreas Weber steht es in seinem Essay »Indigenialität« außer Frage: »Wir sollten uns für das interessieren, was die Indigenen denken und tun, weil diese Praxis Millionen Jahre lang unseren Planenten fruchtbar hielt und Lebendigkeit hervorbrachte.« Er will, dass »wir uns selbst dekolonialisieren, unsere Seele, unser Denken. Wir müssen das Indigene in uns selbst wiederentdecken, es einladen, ihm vertrauen.« In ähnlicher Weise spricht die Natur-Autorin Susanne Fischer-Rizzi in ihrem Buch »Das Geheimnis deines Ortes« von der Möglichkeit, »einheimisch zu werden« in einem intensiven Leben vor Ort, mit allen Sinnen und dem Erkunden des Landes vor der Haustür.

Lieder laden seit jeher dazu ein, die Welt anders zu sehen, vielleicht gerade in einer Zeit, in der sie stirbt. Deshalb lud die samische Sängerin Sara Marielle Gaup Beaska 2015 vor dem Pariser Klimagipfel über YouTube dazu ein, den Joik, den traditionellen Gesang der Samen, zu lernen, zu singen und ihn im Netz zu teilen – eine ungewöhnliche Tat, der Verzweiflung entsprungen, dass dem indigenen Volk in der Arktis »das Ende« bevorstehe, so Sara Marielle, wenn die Klimanot nicht bekämpft werde.

Joiks sind kehlige Gesänge, mit denen die Sami in der Landschaft intuitiv Beziehungen zu Menschen, Tieren, Bergen, Seen oder Wäldern herstellen – also »die Erde sprechen lassen«: »Gulahallat Eatnamiin«, »We speak earth«. Sie überwinden so die Beziehungsgrenzen zwischen Lebewesen und formen im Lied einen Raum der Verwandlungen, der durch spontane Laute und Melodien getragen wird. »Der Joik hat etwas Magisches«, schreibt der schweizerische Lehrer Hans-Ulrich Schwaar in seinem Werk »Tundra, Sumpf und Birkenduft«. Sein Sagenbuch stieß mich in La Gomera auf die Sami. Schwaar lebte lange bei ihnen in Finnland und kannte den Joik gut: »Der Sänger identifiziert sich mit einem Berg, See, Baum, Tier oder einem bestimmten Menschen und beginnt zu joiken. Nicht über sie, sondern als sie selbst«, resümiert er.

Der Joik ist eine Brücke hinüber in die Sphäre, in der wir alle verwandt sind, ebenbürtig, gleichsam einfach wie edel – so verstehe ich ihn. Der Joik stößt mich einmal mehr auf die Frage, mit welchen Ausdrucksformen und Erzählungen tiefere Verbindungen zu den Lebewesen um uns herum hergestellt werden können.

(…)

Rewilding ist zum Schlagwort für die neue Wildnis geworden. Dabei geht es darum, weite Landschaften wieder der Natur zu überlassen und dort große Tierherden anzusiedeln, um das Land offen zu halten und neu zu formen. So werden »hochdynamische, komplexe Systeme entstehen, die von großen Pflanz- und Fleischfressern besiedelt sind und sich selbst regulieren«, schreibt die Journalistin Simone Böker in ihrem Buch »Rewilding«. »Wildnis ist kein Status, der für immer verloren und nicht wiederherzustellen wäre. Das Wilde bleibt dem Land eingeschrieben, genauso wie die Sehnsucht nach der Wildnis auch in uns Menschen schlummert.«

In Europa versucht die Initiative »Rewilding Europe« in acht ausgewählten Gebieten Wildnis wiederherzustellen, etwa am Oder-Delta im deutschpolnischen Grenzgebiet oder in Schwedisch-Lappland. Moore renaturieren, alte Wälder erhalten und riesige Grasländer entwickeln – diese Schritte gehören auch zu den »naturbasierten Lösungen« im Klimaschutz. An dieser Stelle gehen Rewilding, Artenschutz und Klimaschutz ineinander auf; diese Zusammenschau geschieht zu selten, zumal in Zeiten, in denen Ökologie einen schweren Stand hat. Gerade die Artenvielfalt geht im Diskurs unter und wird oft isoliert von der Klimafrage betrachtet, obwohl die EU auf den Beschluss von Montréal mit der Biodiversitäts-Strategie für 2030 geantwortet hat, die kaputte Ökosysteme reparieren soll. In Deutschland schreibt die Nationale Strategie für Biologische Vielfalt seit 2010 vor, dass zwei Prozent der Landesfläche sich selbst überlassen werden sollen; die Zahl stagniert aktuell aber bei 0,6 Prozent. Gruppen wie die Initiative »Wildnis in Deutschland« versuchen, die Entwicklung voranzutreiben.

© Tapani Hellman - pixabay.com
© Tapani Hellman - pixabay.com

Der Beschluss von Montréal geht auf das letzte Buch des Biologen Edward O. Wilson zurück, der in »Die Hälfte der Erde« 2016 die Notwendigkeit formuliert, die Hälfte des Planeten unter Schutz zu stellen: »Wir brauchen ein sehr viel tieferes Verständnis von uns selbst und dem übrigen Leben, als Geistes und Naturwissenschaften es uns bisher bieten«, schreibt der vielfach preisgekrönte Biologe. »Ich bin überzeugt, dass wir nur dann den lebendigen Anteil unserer Umwelt retten und die für unser eigenes Überleben nötige Stabilität herstellen können, wenn wir den halben Planeten zum Naturschutzgebiet erklären.« Inspiriert davon, wurden Organisationen wie »Nature needs half« oder »HalfEarth« gegründet.

Studie über Studie erscheint zu Wildnis und Rewilding, genauso wie Filme, Podcasts und Artikel. Gerade in Großbritannien gibt es viele Projekte, um Land von Gemeinden und Höfen zu verwildern. Der Stichwortgeber für die Bewegung war der Umweltjournalist George Monbiot, der die leer geräumten Landschaften als »Geister-Ökosysteme« beschreibt und daran erinnert, wie artenreich Großbritannien mit Herden von Wildpferden, Hirschen und Auerochsen wäre. So wie es »Rewilding Europe« in den Niederlanden vormacht, wo im Küstenstreifen Oostvaardersplassen seit den 1970erJahren eine Wildnis mit großen Herden entstanden ist. Sie zieht Touristen an, gerade weil hier niemand eingreifen darf. Doch es gab auch Kritik, als Bilder von verhungernden Pferden kursierten – und so werden nun doch Tiere geschossen, um dem vorzubeugen.

»Rewilding Europe« wirbt mit Naturtourismus für die neuen Prärien. Und »Wildnis« wird in der Reisebranche generell stark vermarktet für eine naturferne Gesellschaft, die mehr als je zuvor hinauswill, bis an die entlegensten Orte, um etwas zu finden – sich selbst, etwas Ursprüngliches, Freiheit, Reinheit, Ideale. Vielleicht auch Kitsch, Weltabgewandtheit, Verklärung und unpolitische Flucht-Kapseln. All diesen Deutungen werde ich mich aussetzen müssen, denke ich, während ich vor der Bücherreihe in meinem Büro stehe. Und ich will nach ganz weit oben, nach Lappland. Da leben die Sami laut Reiseportalen in Europas »letzter Wildnis«.

Dieser Begriff begleitet mich lange schon. Als Journalist habe ich mich früh auf Wildtiere und Fischerei spezialisiert, weil ich von nichts sonst so viel Vorwissen hatte, nur von Fischen, des Angelns wegen, und von Wildtieren, die wir seit der Kindheit beobachteten. Um sie herum bauten wir unser eigenes Naturkundemuseum, eine Schneckenzucht, Skelett-Gestelle – und wir bauten Gedankenwelten für sie. Sie waren früh natürliche Gefährten, mit denen wir sprachen – Bussarde, Kauze, Krähen, die Rehe, jegliche Wildtiere. Ihretwegen sammle ich noch heute Bücher, in denen das Wilde gefeiert oder verteufelt wird, und nie hat die Wildnis vor meiner Haustür für mich das Geheimnisvolle verloren. Denn die Bücher bringen stets neue Fragen auf. Ihre Autoren schreiben sie mit und in der Natur, und ihre Fragen wandern mit den Lesern, mit mir, nach draußen. Ich will ihnen nachgehen. Das ist in gewisser Weise einfach für mich, denn die nächste Querstraße zu unserem Haus heißt »In der Wildnis«, und oft gehe ich durch sie in den Wald. (…)

 

Wildnis, sie ist nicht verloren. »Nicht die empirische Tatsache, dass ein Gebiet mehr oder weniger frei von Einflüssen des Menschen ist oder erscheint, macht es zu einer Wildnis«, schreibt der Naturphilosoph Thomas Kirchhof auf einem Fachportal, »sondern dass es als Gegenwelt zur kulturellen bzw. zivilisatorischen Ordnung empfunden wird. Dafür genügt es, dass das Gebiet zumindest in einer für den Betrachter relevanten Hinsicht nicht vom Menschen gemacht oder beherrscht ist oder zumindest erscheint.«

 

Torsten Schäfer

 

„Die Wildnis in uns“

 

Oekom Vlg., 176 S., 19 €

 

Siehe auch unter Wortwelten S. 53.

 

Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des oekom-Verlages.

 


April - August 2025


EAT – Transformation der Außer-Haus-Verpflegung in Oldenburg und Umgebung

© JillWellington – pixabay.com
© JillWellington – pixabay.com

Autorin: Judith Busch, Koordinatorin Ernährungsrat Oldenburg

 

Die Außer-Haus-Verpflegung in Oldenburg und Umgebung gesund, genussvoll und nachhaltig gestalten – so lautet das erklärte Ziel eines neuen Verbundprojekts in Oldenburg und umzu. Konkreter Kern des Projektes mit dem Namen EAT: Einrichtungen der Außer-Haus-Verpflegung, wie Kantinen und Mensen, die ihr Verpflegungsangebot verändern möchten, können Beratungs- und Unterstützungsangebote erhalten. Gleichzeitig sollen Partnerschaften zwischen Landwirtschaft und Betrieben in der Region aufgebaut und gestärkt werden. Verbundpartner sind die Stadt Oldenburg, die Landkreise Wesermarsch und Oldenburg, der Ernährungsrat Oldenburg und die Regionalwert AG Bremen und Weser-Ems.

 

Individuelle Vor-Ort-Beratung für Mensen und Kantinen

Für die dreijährige Projektlaufzeit konnte Stefan Aufleger, erfahrener Koch aus Oldenburg, gewonnen werden, um ein individuelles Beratungsangebot für Küchenmitarbeitende in Kitas, Schulen, Krankenhäusern, Betriebskantinen, Pflegeeinrichtungen und Gastronomie aufzubauen. Unterstützt wird er dabei von Michael Loitz, Berater in der Gemeinschaftsgastronomie von essen & ernähren.

Konkret wird es in der Beratung darum gehen, wie mehr (regionale) Bio-Zutaten eingesetzt, wie die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., Anm. d. Red.)-Qualitätsstandards umgesetzt und wie die Lebensmittelverschwendung verringert werden können. Interessierte Einrichtungen werden individuell auf ihrem Weg begleitet, ihr Speisenangebot nachhaltiger zu gestalten. Je nach Ausgangslage werden individuelle Ziele festgelegt und Wege entwickelt, wie diese Ziele erreicht werden können. Zusätzlich werden Vernetzungstreffen angeboten, um sich mit anderen Küchen austauschen und voneinander lernen zu können.

 

Gästekommunikation als Schlüssel

Neben der direkten Beratung von Küchen wird ein Angebot für die Gästekommunikation entwickelt. Durch unterschiedliche Methoden wie Vorträge, Informationsmaterialien, Ausflüge oder praktische Workshops soll den Gästen in den Mensen und Kantinen der Mehrwert einer nachhaltigen Verpflegung vermittelt werden. Bereits existierende Bildungsangebote werden gezielt vorgestellt und verbreitet. Zusätzlich werden eigene Module entwickelt, um die Themen Bio, DGE, Lebensmittelverschwendung und regionale Landwirtschaft greifbar zu machen und im besten Fall nachhaltigere Ernährungsgewohnheiten auch im Privaten anzustoßen.

 

Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten

Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf dem Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten. Einrichtungen der Außer-Haus-Verpflegung sollen zu einem wichtigen und sicheren Absatzmarkt für regionale Erzeuger*innen werden. Hierfür wurde eine weitere Stelle geschaffen, die Vernetzungsarbeit leisten, Fortbildungen zu unterschiedlichen Themen anbieten und Lösungen für konkrete Herausforderungen wie Logistik und Vorverarbeitung der Produkte erarbeiten wird. 

© dbreen – pixabay.com
© dbreen – pixabay.com

Modellregion Oldenburg

Durch die unterschiedlichen Bausteine des Projekts EAT soll ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden, um das Verpflegungsangebot in Mensen und Kantinen in der Region rund um Oldenburg nachhaltiger zu gestalten und dabei möglichst alle Menschen mitzunehmen. Einen großen Mehrwert versprechen sich die Verbundpartner in der Zusammenarbeit zwischen den kommunalen Verwaltungen und der Zivilgesellschaft in Form des Ernährungsrats und der Regionalwert AG, sodass das Projekt von den unterschiedlichen Stärken der Verbundpartner profitieren kann und wird.

 

Finanziert wird das Projekt über den Modellregionenwettbewerb „Ernährungswende in der Region“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. EAT ist somit eine von insgesamt 10 Modellregionen, die Lösungsansätze für die Gestaltung zukunftsfähiger Ernährungsumgebungen entwickeln und umsetzen werden. 

 

Weitere Infos: www.ernaehrungsrat-oldenburg.de

 

Danke für die Abdruckgenehmigung an Judith Busch, Koordinatorin Ernährungsrat Oldenburg. Ein großartiges Projekt, finden die Plaggenborgs!


Dezember 2024 - April 2025


Earth for All Deutschland

Foto: © satheeshsankaran – pixabay.com
Foto: © satheeshsankaran – pixabay.com

AutorInnen: Club of Rome/ Wuppertal Institut

 

 

Welche Reise unsere Leser*innen erwartet

Dieses Buch handelt von radikaler Veränderung. Denn eine tiefgehende gesellschaftliche Transformation ist angesichts der Vielzahl der globalen Krisen unumgänglich. Es geht um Möglichkeiten und Chancen, gemeinsam die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Produktions- und Konsumweisen so zu verändern, dass die Ausbeutung von Menschen und Natur gestoppt werden kann. Wir behaupten, dass es genügend wissenschaftliche Belege dafür gibt, dass dies keine unerreichbare Utopie ist, sondern eine Vision, die Realität werden kann. Sicher nicht gleich morgen, aber noch für unsere Kinder und Enkel, wenn wir uns heute energisch auf den Weg machen. Und nicht nur hier in Deutschland, sondern auch anderswo.

Die derzeitigen katastrophalen Veränderungen, die multiplen ökologischen und sozialen Krisen – allen voran die Klimakrise und die Kriege – sind menschengemacht. Daher können Menschen sie auch ändern, wenn sie den Mut und Gestaltungswillen aufbringen, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu ändern, die das lähmende Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein immer wieder hervorrufen. Veränderungsdruck ausgesetzt zu sein, führt bei vielen Menschen zu starken Verunsicherungen, nicht selten verbunden mit Zukunftsängsten und Verzweiflung. Oder er fördert illusionäre, oft genug politisch reaktionäre Rückwärtsgewandtheit. Mut zur Veränderung dagegen kann Mehrheiten beflügeln, wenn das Ziel, eine Wohlergehensgesellschaft für alle, hinreichend klar und akzeptiert ist und die Wege dorthin gangbar und präzise ausgeschildert werden. Unser Buch liefert verschiedene Vorschläge für solche Wege.

 

Transformation ist notwendig und auf demokratischem Wege möglich

Die Erfahrung zeigt: Widerstände wird es vor allem bei denen geben, die umfassende Privilegien, übermäßigen Ressourcenverbrauch, unermessliches Vermögen, riesigen Reichtum und ein enormes Macht- und Manipulationspotenzial auf sich konzentrieren konnten. Aber statt sich hierdurch entmutigen zu lassen, sollte eine Grundsatzfrage gestellt und beantwortet werden, damit gesellschaftliche Transformation gelingt: Wie könnten eine Politik und ein gesellschaftlicher Dialog aussehen, der die Fürsorge für die weniger Vermögenden gemäß dem Appell „Leave no one behind“ (Lass niemanden zurück) verbindet mit einer Strategie „Tax the Rich – Take the Rich on board“ (Besteuere die Reichen – nimm die Reichen mit an Bord)? Können Politik und Zivilgesellschaft zum Beispiel mit der Initiative „taxmenow“ neue Allianzen mit dem Ziel eingehen, die sozialökologische Transformation auch gegen den Lobbyismus von Reichtum und Macht durchzusetzen? Antonis Schwarz, Millionär und Vertreter von „taxmenow“, sagte in einem Interview: »Als Vermögender ist es auch nicht so super, auf einem Planeten zu leben, wo sozial und ökologisch alles aus den Fugen gerät«. Kann eine solch realistische Einschätzung die Basis für ein Gemeinschaftswerk werden?

Diese scheinbar utopischen Fragen im Sinne von „taxmenow“ zu beantworten, ist mehrheitsfähig und in hohem Maße demokratiefördernd. Die Politik und wir alle müssen uns einfach mehr trauen.

 

Gesellschaftliche Veränderung braucht Mut, um die Problemlagen offenzulegen, Wahrhaftigkeit, Zuversicht, breite gesellschaftliche Allianzen und harte wissenschaftliche Fakten. Wenn wir mit diesem Buch einige Impulse dazu beisteuern können, wären wir glücklich, denn das ist das Ziel gesellschaftlich relevanter Wissenschaft. Wir wissen, dass wir damit nur einen Stein ins Wasser werfen können, der Wellen schlägt. Aber wir hoffen, dass dadurch eine größere Welle an vertiefter Forschung weiterer wissenschaftlicher Institute und ein breiter gesellschaftlicher Dialog ausgelöst werden. Und wir wissen, dass wir mit der einen oder anderen Idee auch anecken werden. Aber wer, wenn nicht die Wissenschaft soll in einer Welt voller komplexer Problemlagen Diskussionsimpulse setzen, an denen man sich reiben kann, um dann gemeinsam zu besseren Konzepten zu kommen.

Und Problemlagen gibt es mehr als genug: »Der Klimawandel ist sichtbar, fühlbar, messbar.« Das ist die knappste Zusammenfassung eines der größten Rückversicherer der Welt. Einige Länder erleben diesen menschengemachten sogenannten Wandel der Natur bereits heute in Form von Katastrophen mit Tausenden von Opfern und Milliarden von Schäden durch Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen, Mangelernährung und Armut. Die Wissenschaft warnt vor noch weit schlimmeren und weltweiten Katastrophen einer sogenannten Heißzeit, wenn es bei einem »Weiter so« bleibt und der nahezu vollständige Ausstieg aus Kohle, Öl und Erdgas nicht spätestens bis 2050 erfolgt. Wer nicht absichtsvoll verschleiern möchte und wer es wissen will, für den ist zweifelsfrei feststellbar: Wir haben ein Klimawandelproblem, und zwar ein gewaltiges.

 

Können 150 Jahre Industriegeschichte und Kapitalismus – aufgebaut auf einer exponentiell wachsenden Nutzung von Rohstoffen wie den fossilen Energien – innerhalb der nächsten 25 Jahren überführt werden in einen derart radikalen weltweiten sozialökologischen Transformationsprozess? Ist eine nahezu vollständige weltweite Defossilisierung möglich? Die Wissenschaft sagt: prinzipiell ja. Die technischen Hauptstrategien dafür, Effizienz und Konsistenz (erneuerbare Energien), sind in ihrer enormen Vielschichtigkeit mittlerweile nicht nur bekannt, sondern auch längst in der Breite erprobt.

Was dabei zu wenig beachtet wird, ist die Tatsache, dass dieser historisch beispiellose technisch-ökonomische Umbauprozess der Wirtschaft in einer extrem ungleichen Weltgesellschaft und in vielen Ländern mit derzeit noch schroffen Gegensätzen zwischen Reich und Arm stattfinden soll. Wer die Transformation zur Wohlergehensgesellschaft anstrebt, aber die heutige Ungleichheit stillschweigend beibehalten möchte, hofft auf das Unmögliche. Eine gerechte und faire Gestaltung der Transformation erfordert mehr als die Konzentration auf die obigen technischen Hauptstrategien. Sie muss auch in kluger Weise die Frage nach Verantwortung und Begrenzung beantworten. Das gilt vor allem für diejenigen, die auf der Seite des Reichtums stehen und zu viel verbrauchen. Der materielle Fußabdruck reicher Haushalte ist weltweit mehr als 20-mal höher als der einkommensschwacher Haushalte. 10 Prozent der reichsten Weltbevölkerung verursachen fast 50 Prozent der CO2-Emissionen, 50 Prozent der Ärmsten nur knapp 10 Prozent. Insofern wird immer deutlicher: Der Klima-, Arten-, Boden-, Wasser- und generelle Ökosystemschutz ist ohne den drastischen Abbau von Ungleichheit nicht zu lösen. Das ist die Kernaussage, die der Club of Rome 2022, 50 Jahre nach dem Paukenschlag von »Die Grenzen des Wachstums«, mit seiner neuen Studie »Earth4All« mindestens ebenso provozierend wie seinerzeit formuliert hat.

Dieses Zusammendenken von Gerechtigkeit und ökologischen Fragen empfanden wir, das Wissenschaftsteam hinter diesem Buch, so überzeugend belegt und in der derzeitigen politischen Situation zudem so drängend, dass wir die Kernaussagen der Studie für Deutschland mit diesem Buch überprüfen wollten. So wie es auf Initiative des Club of Rome auch in Kenia und Österreich schon erfolgt ist und in anderen Ländern geplant wird.

 

Club of Rome/ Wuppertal Institut

 

“Earth for All Deutschland”

 

280 S., 30 Schaubilder, Oekom Vlg., 26 €

 

Siehe auch unter “Wortwelten” S. 56. 

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Oekom-Verlages.

 


August - Dezember 2024


Opa, du hast es doch gewusst!

© emailme3 – pixabay.com
© emailme3 – pixabay.com

Autor: Achim Bubenzer

Antworten und Einsichten eines Großvaters zum Klimawandel

Im Sommer 2017 suchte ich an einem späten Nachmittag in der Salzburger Innenstadt den Weg von der Universität zu meinem Hotel. Ein Salzburgführer hätte mich vermutlich längst an diesen Ort geschickt, aber ich sah den großen, schneeweißen barocken Kirchenbau zum ersten Mal: die Kollegienkirche, die Kirche der Universität. Das Portal stand offen, und ich ging hinein. Wände und Decken des hohen Kuppelbaus waren innen ebenso schneeweiß wie außen, der Raum bis auf den Altar und kleinere Kapellen am Rand war völlig leer, die Nachmittagssonne schien durch die Fenster, es war ganz still, und ich stand völlig allein unter der mächtigen Kuppel.

Gedanken, Erfindungen, neue Ideen brauchen oft Geburtshelfer: besondere Orte, Stimmungen, Zeiten. Dies hier war mein Ort und meine Zeit. An dieser Stelle, in diesem Augenblick, wurde mir eines klar: Die heute lebenden Menschen haben als erste und einzige Generation in der Menschheitsgeschichte die Chance und die Pflicht, mit ihrem Handeln die Weichen für das weitere Überleben der Menschheit zu stellen.

Diese Erkenntnis ist keine Hybris. Sie ist nicht besonders originell und auch nicht überraschend. Sie ist im Grunde jedem klar, der sich ernsthaft mit dem Thema Klimawandel und Erderhitzung auseinandersetzt. Aber diese Erkenntnis überfordert letztlich auch jeden. Man kann sich dabei nur klein und machtlos fühlen.

Hier, an diesem Ort, in diesem Augenblick, hatte mich diese Erkenntnis allerdings kalt erwischt. Sie hat sich in meinen Kopf, in meine Seele eingebrannt. Ich werde sie nicht mehr los. Mir bleibt nur, sie zu verbreiten: an meine Leserinnen und Leser, an alle, die mir zuhören.(…)

 

Zeit für Verantwortung

Es ist mitunter ein unheilvoller Trend in unserer Gesellschaft: Immer muss es jemanden geben, der die Verantwortung trägt, wenn etwas schiefgeht oder ein Unheil geschieht – jemand, der »Schuld hat«. 

Doch beim Thema Klimawandel und Erderhitzung lässt sich die Verantwortung, die »Schuld«, nicht so einfach wegschieben. Schuld tragen wir Menschen mehr oder weniger alle. Denn die seit über 30 Jahren international erforschte und sauber dokumentierte Beweislage ist erdrückend: Klimawandel und Erderhitzung sind menschengemacht, vor allem durch die massive Nutzung fossiler Brennstoffe Kohle, Öl und Gas und das dabei emittierte Klimagas CO2.

An diesem Punkt kommen wir Väter und Großväter ins Spiel. Ich sage ganz bewusst wir, denn ich bekenne mich persönlich zu dieser Rolle. Wir, die Väter und Großväter, die Männer dieser Welt, viele darunter schon in der fortgeschrittenen zweiten Lebenshälfte, waren und sind maßgeblich beteiligt an der Erderhitzung, der eine mehr, der andere weniger. Ganz besonders gilt das natürlich für die sogenannten Leistungsträger und Entscheider, also die Mächtigen unter uns: die CEOs, die Vorstandsvorsitzenden, Aufsichtsräte, Geschäftsführer, Controller, Aktionärsvertreter, Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter, die Minister und Ministerpräsidenten, die Staatssekretäre, Ministerialbeamten, Amtsleiter, Banker, Parlamentarier, Parteifunktionäre, Lobbyisten, Staatspräsidenten, Kanzler, Bürgermeister.

In all diesen – und vielen anderen – Positionen wurden in den vergangenen drei Jahrzehnten klimarelevante Entscheidungen getroffen, und es hatten in diesen entscheidenden Jahren überwiegend Männer, also wir Väter und vor allem wir Großväter, das Sagen, je höher in den Hierarchien, umso mehr. Daher stellt sich mir die bohrende Frage: Brauchen wir nicht auch eine Bewegung »Grandfathers for Future«? Großväter in der Verantwortung? (…)

 

Klimaneutralität in einem Vierteljahrhundert?

© Caniceus – pixabay.com
© Caniceus – pixabay.com

An dieser Stelle muss auch ich mir immer wieder deutlich machen, was das Ziel der globalen Klimaneutralität bedeutet: Die Menschheit muss innerhalb von rund 30 Jahren ihre erprobte, gut funktionierende, profitable und noch lange nicht versiegte Quelle fossiler Energien aufgeben, muss den Verbrauch fossiler Energien von rund 80 Prozent auf annähernd null reduzieren.

Puh! Die Lösung einer solchen Menschheitsaufgabe ist ein Härtetest für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Dabei prallen auch bei politisch aktiven, verantwortungsbewussten und für Klimaschutz, Umwelt- oder Sozialarbeit offenen und engagierten Menschen unterschiedliche Meinungen und Schwerpunkte aufeinander. Jeder von uns hat in seinem Leben, seiner beruflichen Arbeit andere, oft emotional prägende persönliche Erfahrungen gemacht. Ich habe mit unterschiedlichsten Menschen über Klimaneutralität und die Einhaltung der Grenzen des Pariser Vertrages gesprochen und möchte nachfolgend einige ihrer durchaus nachvollziehbaren Perspektiven und Argumentationsmuster nachzeichnen.

 

Ein erfahrener Technologe und Weltbürger: Wer international energietechnische Erfahrungen gemacht hat, der hat die überwältigenden Größenordnungen von Energieeinsatz und oft auch Energieverschwendung außerhalb unseres kleinen Deutschlands erlebt. Wer einmal nachts über die Ölfelder auf der arabischen Halbinsel geflogen ist und die brennenden Fackeln des abbrennenden Erdgases an Bohrlöchern gesehen hat oder gar als Experte vor Ort ein solches außer Kontrolle geratenes Feuerinferno direkt erleben musste, wer in China den Smog aufgrund der vielen kleinen alten oder neuen Kohlekraftwerke atmen musste oder die gigantischen ökologischen und sozialen Zerstörungen für Wasserkraft durch den Yangtse-Staudamm sehen konnte, wer auch nur eine solche Erfahrung gemacht hat, der sieht unsere Photovoltaikanlagen auf Hausdächern, unsere Mühe beim Einsparen von Plastikverpackungen und unsere Rad fahrenden Grünen mitunter nur noch mitleidig an.

Ein kompetenter Unternehmer: Ein hochprofilierter, verantwortungsbewusster Mann, der sein Leben in unternehmerischen Strukturen, Regeln, Zeitkonstanten verbracht hat, schlägt vor den wirtschaftlichen Umstrukturierungen durch die »große Transformation« die Hände über dem Kopf zusammen und sieht als Perspektive nur Massenarbeitslosigkeit und soziale Unruhen. Als einzigen Ausweg glaubt er an die »Waldlösung« – den strikten Erhalt der Regenwälder und weitere Aufforstungen, um durch Erhalt und Stärkung natürlicher CO2-Senken einen weichen Übergang in eine klimaneutrale Wirtschaft zu ermöglichen.

Ein führender, hochverdienter Wissenschaftler für Klimaschutz sieht in eben dieser Waldlösung hingegen vor allem den Konflikt gegenüber landwirtschaftlichen Flächen für die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung und hält ihn deshalb für völlig verfehlt.

Eine politische engagierte Großmutter hat vor allem ihre Enkel vor Augen, mit ihrer Freude am Leben, am Spielen, am Unfug machen, mit Liebe zu  Gutenachtgeschichten und völligem Vertrauen in die Eltern oder Großeltern. Wenn sie dann daran denkt, wie wir dieses Vertrauen unter fadenscheinigen Argumenten von Wirtschaftlichkeit und Zeitmangel mit dem bequemen Hinweis auf unsere Machtlosigkeit missbrauchen, zerreißt es ihr förmlich das Herz. Denn sie weiß, in welche von politischen und klimatischen Katastrophen gezeichnete Welt wir unsere Enkel und Urenkel entlassen. Sie hat absolut kein Verständnis mehr für den Egoismus von Urlaubsfernreisenden, von Fahrern fetter SUVs, und sie hält politische Kompromisse auf Kosten von Klima-, Umwelt- und Artenschutz zum »Erhalt unseres Wohlstands«, um »alle Menschen mitzunehmen«, einfach nicht mehr aus. Es fehlt nicht viel, und sie würde sich in ihrer Verzweiflung zusammen mit den Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation auf einer Straße festkleben.

Eine Umweltaktivistin: Für sie als im politischen »Nahkampf« erprobte und oft erschöpfte Klima- und Umweltkämpferin, die sich bestens in den Details von Energieverschwendung und Umweltzerstörung in unserem Land auskennt, ist Verzicht und Einschränkung im Lebensstil die einzige Lösung. Sie hält die Einbindung der Wirtschaft in den Klimaschutz über die CO2- Bepreisung für ein Ablenkungsmanöver, damit diese als Kern des Übels weiter ungestört »Business as usual« betreiben kann.

Eine Entwicklungshelferin: Sie hat in Afrika Elend und Hunger erlebt, und Klimaschutz erscheint ihr als Luxus der Reichen. Menschen mit diesem Erfahrungshintergrund haben oft wenig Verständnis für unsere Art von technologisch aufwändigen Lösungen wie zum Beispiel komfortable und leistungsstarke Elektrofahrzeuge oder Passivhäuser.

 

Alle diese Menschen haben, aus der Perspektive ihrer Erfahrungen und Kenntnisse, in gewisser Weise recht, und ihre Argumente und emotionalen Situationen müssen ernst genommen werden. Wer seine Energie und Zeit vor allem in das eigene Fachgebiet oder in den Lebensbereich investiert, für den er oder sie emotional brennt, kann schließlich nicht auch noch alle anderen Bereiche der großen Transformation im Blick haben. Allerdings kommen wir bei dem komplexen und alles umfassenden Thema der Klimaneutralität um eine ganzheitliche Lösung einfach nicht herum. Es müssen sämtliche Teilbereiche und die sich ergänzenden Lösungsansätze berücksichtigt, gegeneinander abgewogen und schließlich zusammengefügt werden.(…)

 

Achtsamkeit im Umgang miteinander

Auch wenn Politik, Wirtschaft und private Verbraucher entschlossen Strategien zum Erreichen der Klimaneutralität entwickeln und umzusetzen beginnen, werden die Auswirkungen der Klimakrise für uns alle in den 20er und 30er Jahren immer deutlicher und fühlbarer werden: Wetterextreme mit Dürren, ausgedehnte Waldbrände auch in unserem Land, Stürme, Überschwemmungen, schaurige Bilder und Vorhersagen über schmelzendes Grönlandeis und, und, und.

Vergleichbar mit der Coronakrise wird die Klimakrise tief in den Arbeits- und Familienalltag eindringen (und tut es schon jetzt). Wirtschaftsbranchen, die auf fossile Energieträger, Verbrennungsprozesse und ihre Anwendung in Verkehr und Energieversorgung aufbauen, werden sich wandeln oder weichen müssen. Dagegen haben schnell wachsende Branchen im Umfeld erneuerbarer Energien und Digitalisierung auch international große Chancen. Über diesen Strukturwandel, die damit verbundenen Maßnahmen und vor allem dessen Finanzierung wird politisch gestritten werden müssen. Populistische Parteien und Gruppierungen werden Sturm laufen gegen die Demontage gut funktionierender fossiler Infrastrukturen, werden ihre Chancen in der großen Gruppe von Orientierungslosen und Verlierern suchen und finden. Aller Voraussicht nach werden noch mehr Klimaflüchtlinge, vor allem aus Afrika, zu uns kommen und unser Gewissen und damit unsere Gesellschaft und Politik auf eine harte Probe stellen. Viele Eltern werden auf die Fragen ihrer Kinder zu deren Zukunft nach Antworten suchen.

Ganz gleich, wann wir das gelobte Land der Klimaneutralität und der Zukunftsfähigkeit menschlicher Gesellschaften erreicht haben werden – bis dahin werden wir in einer Gesellschaft im Umbruch leben. Das bedeutet nicht nur großen Stress, Unsicherheit und Ängste, sondern auch Aufbruchsstimmung und Hoffnungen auf eine gute, nachhaltige Zukunft. Alles in allem werden wir in einer zunehmend von starken Emotionen bewegten, aufgerüttelten und aufgemischten Gesellschaft leben. Das müssen wir und unsere Kinder und Kindeskinder aushalten. In Psychologie und Soziologie spricht man in diesem Zusammenhang gern von Resilienz.(…) Auf jeden Fall geht es dabei um eine wie auch immer geartete und erworbene psychische und vielleicht auch gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit. Und persönliche Widerstandsfähigkeit ist in diesen bewegten Zeiten sicher sehr wertvoll. Mir liegt eine aktive, emphatische Strategie im Umgang miteinander, wie sie der Begriff Achtsamkeit beschreibt, näher. Achtsamkeit hat mit Verständnis für die Situation meiner Mitmenschen zu tun – vielleicht auch mit denen, die einen nicht so guten Schutzmantel der Resilienz tragen. Denn wenn ich in einer schwierigen Lebenssituation von Menschen umgeben bin, die mich verstehen und die mir mit Achtsamkeit begegnen, gibt mir das Kraft. Und diese Kraft brauchen wir alle in der großen Transformation.

Achim Bubenzer

 

„Opa, du hast es doch gewusst!“

 

160 S., Oekom Vlg., 19 €

 

Siehe auch unter „Wortwelten“ auf S. 10.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Oekom-Verlages.