
Autor: Jack Kornfield
(…) Wer immer die lichterfüllte Meditationshalle des Zentrums (Meditationszentrum Spirit Rock, Anm. d. Red.) betritt, läuft nicht vor dem Leben weg, sondern sucht einen klugen Weg, damit umzugehen. Jeder bringt seine persönlichen Probleme mit. Jeder strebt auf seine Weise nach Glück. Die meisten sind um das Los unserer Welt mit ihren ständigen Kriegen und den stetig zunehmenden Umweltproblemen besorgt. Sie fragen sich, in welcher Welt ihre Kinder leben werden. Irgendwo haben sie von Meditation gehört und hoffen nun, die Freude und innere Freiheit zu finden, die die buddhistischen Lehren versprechen. Und dazu einen Weg, wie sie sich auf kluge Weise um die Welt kümmern können.
Vor 40 Jahren kam ich auf meiner persönlichen Suche nach Glück in einem Waldkloster in Thailand an, ein verwirrter, einsamer junger Mann mit einer leidvollen Familiengeschichte. Ich hatte gerade einen ersten akademischen Abschluss in Asian Studies erworben und war ins Peace Corps eingetreten mit dem Wunsch, in einem buddhistischen Land Dienst tun zu dürfen. Wenn ich heute zurückblicke, scheint mir klar, dass ich nicht nur meinen familiären Problemen entkommen wollte, sondern auch dem zur Zeit des Vietnamkrieges unübersehbaren Materialismus und dem spezifischen Leiden unserer Kultur im Allgemeinen. Ich gehörte zu einem der typischen Hilfstrupps, welche die Bauern in den Dörfern entlang des Mekong medizinisch versorgten. Bei dieser Gelegenheit hörte ich von einem Meditationsmeister, Ajahn Chah, der auch westliche Schüler aufnahm. Ich war damals voller Hoffnung und hatte die Vorstellung, dass die buddhistischen Lehren mir helfen, ja mich vielleicht sogar zur Erleuchtung führen würden. Nach einigen Monaten, in denen ich Ajahn Chahs Kloster regelmäßig besuchte, legte ich die Mönchsgelübde ab. In den nächsten drei Jahren führte man mich ein in die Übung von Achtsamkeit, Großzügigkeit, liebender Güte und ethischem Verhalten, welche die Grundlage der buddhistischen Lehren bilden. Dies war der Beginn meiner lebenslangen Beziehung zum Buddhismus.
Wie nach Spirit Rock heute, so kamen auch damals ins Waldkloster ständig Besucher. Jeden Tag nahm Ajahn Chah seinen Platz auf seiner hölzernen Bank am Rande einer Lichtung ein und begrüßte sie alle: Reisbauern aus der Umgebung, fromme Pilger, Suchende, Soldaten, junge Menschen, Minister aus der Hauptstadt und Schüler aus dem Westen. Alle kamen sie mit ihren spirituellen Fragen, ihren Konflikten, ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen. Ajahn Chah legte einem Mann, der gerade erst seinen Sohn verloren hatte, sanft die Hand auf, um im nächsten Augenblick mit einem desillusionierten Kaufmann über die Arroganz der Menschen zu lachen. Am Morgen unterwies er einen korrupten Regierungsbeamten in der Bedeutung ethischen Handelns, am Nachmittag meditierte er mit einer frommen alten Nonne über die Natur des Bewusstseins. Doch unter all diesen einander völlig fremden Menschen herrschte ein bemerkenswertes Vertrauen und ein enormes Gefühl der Sicherheit. Alle wurden vom Mitgefühl des Meisters gehalten. Und von den Belehrungen, die uns auf unserer menschlichen Reise von Geburt und Tod, Freude und Leid Führung zuteilwerden ließen. Wir saßen beisammen als eine einzige menschliche Familie.
Ajahn Chah und andere buddhistische Meister wie er praktizieren lebendige Psychologie: eines der ältesten und bestentwickelten Systeme zu Heilung und Verständnis, die es auf der Welt gibt. In dieser Art der Psychologie gibt es keinen Unterschied zwischen weltlichen und spirituellen Problemen. Für Ajahn Chah waren Ängste, Traumata, finanzielle Probleme, Krankheiten, Schwierigkeiten beim Meditieren, komplizierte ethische Entscheidungen oder Streitigkeiten in der Mönchsgemeinde nichts weiter als Formen des Leidens, die man mit dem Heilmittel der buddhistischen Lehren behandeln konnte. Er antwortete auf diese ungeheure Bandbreite menschlicher Probleme aus der Tiefe seiner Meditation heraus und brachte dabei die geschickten Methoden zum Einsatz, die er von seinen Lehrern übernommen hatte. Ob es nun um komplexe Meditationspraktiken ging, um Heiltechniken, Übungsprogramme auf kognitiver oder emotionaler Basis oder einfach um Methoden zur Konfliktlösung – er benutzte sie alle, um seine Besucher zu ihren tiefinnersten Qualitäten der Redlichkeit, Gleichmut, Dankbarkeit und Vergebung erwachen zu lassen.
Die heilende Weisheit, die Ajahn Chah verkörperte, existiert auch in schriftlicher Form, festgehalten zunächst als Niederschrift der Lehren Buddhas, die danach von mehr als hundert Generationen von Mönchen in Studium, Kommentar und Praxis verfeinert wurde. Diese schriftliche Tradition ist eine Schatzkammer der Weisheit, in der der menschliche Geist eingehend untersucht wurde. Bedauerlicherweise ist sie westlichen Schülern nicht unbedingt auf Anhieb zugänglich. (…)
Was wir alle suchen ist die Erfahrung, die diesen Texten zugrunde liegt. Eine Erfahrung, die voller Fülle, Tiefe und überschäumender Freude ist. Wenn Laura, die gerade erst erfahren hat, dass sie Krebs hat, nach Spirit Rock kommt oder Sharon, die Richterin ist, etwas über Vergebung lernt, dann wollen sie die Essenz, den Kern, der hinter den Worten liegt. Doch wie können wir diesen finden?
Wie mein Lehrer Ajahn Chah habe ich stets versucht, die Essenz dieser Texte als lebendige, unmittelbare und praktische Psychologie zu vermitteln. Ich bin mittlerweile Teil einer Generation »altgedienter« Buddhisten wie Pema Chödrön, Sharon Salzberg, Joseph Goldstein und Thich Nhat Hanh, die versuchten, den Buddhismus in den Westen zu bringen. Wir wollten unseren Wurzeln treu bleiben und trotzdem die buddhistischen Lehren weitergeben, daher haben wir uns auf den Kern der Lehre konzentriert, die Essenz buddhistischer Weisheit, die allen Traditionen gleichermaßen eigen ist. Insofern unterscheidet sich unsere Rolle von der gelehrter und orthodoxer Buddhisten. Und doch ist eben dies von zentraler Bedeutung, wenn der Buddhismus in einer neuen Kultur verankert werden soll. Auf diese Weise wurde ein nicht an eine einzelne Schule gebundener, allen offen stehender Zugang zu diesen bemerkenswerten Lehren geschaffen. Eben dazu hat mich ein anderer meiner Lehrer, Ajahn Buddhadasa, ermutigt: die Lehren nicht in Theravada, Mahayana oder Vajrayana aufzuteilen, sondern den Schülern das Buddhayana zu eröffnen, die lebendigen Grundlagen des Erwachens.

In meine Darstellung des Kerns der buddhistischen Lehren fließen darüber hinaus wichtige Einsichten der psychologischen Tradition des Westens ein. Mein Interesse an westlicher Psychologie erwachte, als ich aus Asien zurückkam und plötzlich mit Problemen konfrontiert war, die es im Waldkloster nicht gegeben hatte. Ich hatte Schwierigkeiten mit meiner Freundin, meiner Familie, mit Geld und damit, wie ich meinen Lebensunterhalt verdienen sollte, kurz gesagt: mit meiner Art, als junger Mann in der Welt zu leben. Ich machte die Entdeckung, dass die Meditation in der Stille keineswegs ausreichte, um meine Probleme umzuwandeln. Es gab keine Abkürzung, keine Schleichwege. Es gab nichts, was mir die Integrationsarbeit erspart hätte. Ich musste die Prinzipien, die ich in der Meditation erlernt hatte, Tag für Tag neu in den Alltag einbauen.
Also begann ich neben meiner buddhistischen Praxis, Psychologie zu studieren und mich mit einer Vielzahl therapeutischer Ansätze zu beschäftigen: Reich, Psychoanalyse, Gestalt, Psychodrama und Jung. Damit aber wurde ich ein wesentlicher Träger des Dialogs zwischen östlicher und westlicher Psychologie. In der Entstehungszeit der buddhistischen Naropa University und des Esalen-Instituts traf ich in Meditationszentren und auf Konferenzen mit vielen innovativen Lehrern zusammen. Mit der Zeit gestaltete sich dieser Dialog fruchtbarer, nuancierter und offener. Heute besteht ein weitreichendes Interesse von Praktikern in aller Welt an einem positiven, spirituellen und visionären Modell geistiger Gesundheit. Viele, die sich mit den Einschränkungen, welche ihnen Krankenversicherung und Gesundheitssystem auferlegen, herumschlagen, suchen nach einem weniger beschränkten Heilungsansatz. Wenn ich sie mit dem Modell des edlen Seins bekannt mache, der Schulung in Güte und Mitgefühl, also einem nicht-religiösen Weg der Umwandlung von Leid und der Stärkung unserer heiligen Verbindung mit dem Leben, stellt sich nicht selten ein Gefühl des Aufatmens ein.
Die jüngsten Entdeckungen auf dem Gebiet der Neuropsychologie lassen den Dialog zwischen Buddhismus und Psychologie noch wichtiger erscheinen. Heute können wir einen mehr oder weniger direkten Blick ins Gehirn werfen, um die Fragen, die sich der Buddha vor so vielen Jahrhunderten gestellt hat, neu zu untersuchen. Neurowissenschaftler jedenfalls kommen zu ganz erstaunlichen Ergebnissen, wenn sie Studien an erfahrenen Meditierenden durchführen. Diese untermauern die ausgefeilten Analysen des menschlichen Potenzials, wie es die buddhistische Psychologie beschreibt. Da die buddhistischen Prinzipien und Lehren auf Jahrtausenden der Erfahrung und Beobachtung beruhen, sind sie in der Lage, die westliche Wissenschaft der Psychologie sinnvoll zu ergänzen. Zu unserem Verständnis der Phänomene von Stress, Wahrnehmung, Heilung, Emotion und Bewusstsein sowie der Psychotherapie und des menschlichen Potenzials im Allgemeinen haben sie jedenfalls schon einen entscheidenden Beitrag geleistet.
Meine persönliche Erfahrung lehrt mich, dass die praktische Beschäftigung mit der Psyche – ob auf östlicher oder westlicher Grundlage – mich offener, freier dem Leben gegenüber und gleichzeitig merkwürdig verwundbar macht. Statt also Fachbegriffe westlicher (wie »Gegenübertragung« oder »Besetzung«) oder östlicher Prägung (wie »hinweisendes Bewusstsein« oder »wechselseitig Erschrecken erzeugendes Phänomen«) zu benutzen, finde ich es hilfreich, von Begriffen wie Sehnsucht, Verletzung, Wut, Liebe, Hoffnung, Ablehnung, Loslassen, Nähe, Selbstakzeptanz, Unabhängigkeit und innerer Freiheit zu sprechen. Statt des Begriffes »Erleuchtung«, der mittlerweile mit so vielen fixen Vorstellungen und Missverständnissen überfrachtet ist, spreche ich lieber von »innerer Freiheit« und »Befreiung«, wenn es um das gesamte Spektrum des Erwachens geht, das uns durch die buddhistische Praxis eröffnet wird. Die Geschichten von Schülern und Praktizierenden sollen uns helfen, auf unsere tief wurzelnde Befähigung zu Güte und Weisheit zu vertrauen. Ich möchte, dass wir die Kraft unseres Herzens begreifen, alles in sich aufzunehmen – Kummer, Einsamkeit, Scham, Begierde, Reue, Frustration, Glück und Frieden –, und so tiefes Vertrauen in die Tatsache gewinnen, dass wir, egal wo wir sind und was uns begegnet, in der Lage sind, inmitten all dessen, was geschieht, frei zu sein.
Jack Kornfield
„Das weise Herz“
Arkana Vlg., 592 S., 24 €
Siehe auch unter Wortwelten S. 54.
Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Arkana Verlages.

Autorin: Sara Maitland
Die Sehnsucht nach Stille und der Wunsch, ihr Wesen, ihre Macht, ihre Freuden näher zu erforschen, hat die britische Schriftstellerin Sara Maitland auf eine Reise geführt, die bis heute andauert. Das Buch hat sie 2007 geschrieben.
Für das Wohnen in der North Lodge sprachen (…) zwei eindeutig gute Gründe. Erstens war die Hütte wirklich klein, was mir Gelegenheit gab, herauszufinden, wie viel Platz und welche Dinge ich wirklich brauchte, um ein glückliches Leben zu führen.
Ich hatte mich jetzt seit zehn Jahren kontinuierlich von Dingen getrennt. Dabei ist nichts so hilfreich wie häufiges Umziehen. Die Frage: »Lohnt es sich, das in eine weitere Umzugskiste zu packen?«, ist die beste Entscheidungshilfe. In zehn Jahren hatte ich fast dreißig Regalmeter Bücher weggegeben, und ich habe, ehrlich gesagt, selten eines davon vermisst.
In Bezug auf eine Ästhetik der »Einfachheit« bin ich eher skeptisch. Oft sind diese reinweißen Lofts und ihr geschmackvoller Minimalismus nicht einfach bloß ungemütlich, sondern auch teuer und zeitaufwändig im Unterhalt. Sie erfordern mehr Heizen, mehr Aufräumen, mehr Putzen. Sie sind auch lauter, weil es weniger Gegenstände gibt, die das natürliche Echo von Alltagsgeräuschen schlucken. Dennoch, so wurde mir klar, gibt es einen Zusammenhang zwischen Stille und Einfachheit. In dem Punkt fühlte ich mich von Henry Thoreau enorm ermutigt und beeinflusst. Außer seinem bekanntesten Werk, Walden oder Leben in den Wäldern (1854), schrieb er als exzentrischer Freigeist auch über viele weitere Themen wie die Abschaffung der Sklaverei und zivilen Ungehorsam. Doch was ich besonders hilfreich fand und zunehmend übernommen habe, sind seine ökonomischen Überlegungen. Thoreau spricht sich dafür aus, dass wir unseren Wohlstand nicht daran messen, wie viel wir besitzen, sondern wie viel freie Zeit uns zur Verfügung steht. Die Zeit, die uns bleibt, wenn unsere Grundbedürfnisse befriedigt sind, ist der beste Maßstab für Wohlstand. Das heißt natürlich, wir sind umso reicher, je weniger wir brauchen. Thoreau wurde zum Meister seiner eigenen Philosophie und musste schließlich nur wenige Wochen im Jahr körperlich arbeiten, um das Leben zu führen, für das er sich entschieden hatte. Damit gehörte er in die Kategorie der Millionäre. Ich machte zunehmend die Erfahrung, dass ein Leben, das Stille und Gebet gewidmet ist, enorm zeitaufwändig ist. Und niemand bezahlte mich für diese Zeit. Ich wäre also, um mit Thoreau zu sprechen, in dem Maße reicher, wie ich weniger Dinge brauchte. Also fragte ich mich bei allem, was ich zu kaufen erwog, nicht mehr: »Kann ich mir das leisten?«, sondern: »Bin ich bereit, mich für diese Anschaffung soundso viele Stunden in der Woche etwas zu widmen, das mir weniger am Herzen liegt als Stille?« Es war erstaunlich, wie oft die Antwort nein lautete.
Anfangs ging es bei dieser Reduzierung von Besitz auf ein Minimum um Stille in einem ganz praktischen Sinn: Ich schaffte Dinge ab, die Krach machten. Wie ich schon sagte, besaß ich nie ein Handy und musste also auch keines loswerden, doch der Fernseher verschwand mit als Erstes, sogar noch bevor ich aus Northamptonshire wegzog. Als Nächstes schaffte ich das Radio und die Lautsprecher ab sowie alle Computerprogramme, die Töne erzeugten. Das Autoradio behielt ich länger, aber schließlich ging es kaputt, und ich habe kein neues gekauft.
Schon bald entdeckte ich, dass ein Mensch, der allein auf dem Land lebt, keine Haustürklingel braucht oder eine Mikrowelle und ganz bestimmt keine Verwendung für einen Trockner hat. Was die Dinge auf dieser Liste gemeinsam haben, ist, dass es sich bei allen – mit Ausnahme des Radios – um Erfindungen der letzten fünfzig Jahre handelt. Ich verstehe also, warum Menschen mir schließlich vorwarfen, technikfeindlich zu sein, aber ich glaube nicht, dass ich das tatsächlich bin. Manche modernen Erfindungen erleichtern die Stille sehr. E-Mails sind ein wunderbar unaufdringliches Kommunikationsmittel; der Anrufbeantworter gibt mir die Möglichkeit, das Telefon stumm zu schalten, ohne jemandem – mich eingeschlossen – Unannehmlichkeiten zu bereiten, und Online-Shopping hilft aus mancher Klemme. Eine Tiefkühltruhe und ein Brotbackautomat ermöglichen tatsächlich mehr Stille. Und vor allem kann ein Computer, wie in meinem Fall, eine große Hilfe sein, die finanziellen Probleme zu lösen, die mit einem Leben in extremer ländlicher Abgeschiedenheit verbunden sein können: Ich lebe heute hauptsächlich davon, dass ich online kreatives Schreiben unterrichte. Das geht still vor sich, ist flexibel, sorgt dafür, dass ich mich weiterhin zumindest in der Technik des Schreibens übe und mir nicht den Kopf über neue Texte zerbrechen muss, während ich über komplexen Themen wie narratives Schreiben und Stille brüte.
Ich habe auch einige Experimente gemacht, die fehlgeschlagen sind. So habe ich versucht, ohne Uhr zu leben, also ohne dem Rhythmus meiner Tage einen willkürlichen Zeitplan mit entsprechenden Anforderungen aufzuzwingen: Ich hatte das Gefühl, dass selbst das Zeit implizite Tick-Tack die Stille der Ewigkeit vermisst und einteilt. Zumindest damals erwies sich jedoch, dass die durch die Abschaffung von Uhren entstehende Stille für mich zu weit ging und zu sehr gegen kulturelle Gepflogenheiten verstieß. Ich stellte bei mir eine gewisse ängstliche Angespanntheit fest, die mich sogar zu kleineren Betrügereien verlockte, damit Dinge nicht schiefgingen und ich anderen Menschen keine Schwierigkeiten bereitete. Es ist Betrug, wenn ich den Computer hochfahre, einzig um herauszufinden, wie spät es ist. Es ist Betrug, wenn ich meine Stille durch einen digitalen Weckanruf breche. Einer der großen Vorteile von Stille in Gemeinschaften ist, dass es dort Glocken gibt. Das scheint zu den Dingen zu gehören, die verschiedenen Religionen über alle Grenzen hinaus gemeinsam ist. Beginn und Ende von Phasen der Stille werden zeitlich markiert, und wer in Stille ist, muss »die Zeit nicht selbst im Blick behalten«. Ich trug keine Armbanduhr mehr und schaffte den Wecker ab, akzeptiere aber inzwischen, dass ich eine Uhr im Haus brauche.
Ich entdeckte, wie wenig ich in materieller Hinsicht tatsächlich benötigte. Das war hilfreich und ermutigend. Während ich meinen Besitz weiter reduzierte, wurde mir mein Vorhaben immer bewusster und klarer. Ich bin keine Überlebenskünstlerin, die »zurück zur Natur« will. Ich denke nicht, dass es möglich ist, sich hierzulande ganz aus der Geldwirtschaft auszuklinken. Ich weiß auch nicht, ob es möglich wäre, sich mit Nahrungsmitteln selbst zu versorgen, weiß aber, dass das mit extrem harter Arbeit verbunden wäre. Selbstversorgung würde zum Selbstzweck werden, statt mein Gefühl von Freiheit, Raum oder Stille zu vertiefen. Ich möchte mein Gemüse nicht selbst anbauen, möchte nicht auf Zigaretten oder Kaffee verzichten, meine Kleidung selbst stricken oder weben oder mit einer Gänsefeder und selbst hergestellter Tinte schreiben. Ich möchte auch nicht jeden Tag Milch von meiner Ziege erkämpfen oder Feuerholz sammeln müssen. Und selbst wenn ich das alles täte, müsste ich immer noch Gemeindesteuer zahlen. Mir geht es darum, so still zu leben, wie es an diesem Punkt unserer menschlichen Geschichte möglich ist.
Das andere eindeutig Gute an der North Lodge war die Aussicht, die man von dort auf eine Flussmündung mit dem täglichen Wechselspiel von Ebbe und Flut und weitläufige Schilfgürtel hat. Der tägliche stille Rhythmus der Gezeiten wirkt sich auf alles hier aus. Die Farbe des Schilfs ändert sich ständig, wenn das Wasser es spiegelt oder bei Ebbe auch das Licht abnimmt. Selbst auf die Vögel hat dieser Wechsel Einfluss. Auf den Schlickflächen sieht man bei Ebbe eine größere Vielfalt an Wasservögeln als bei Wasserhochstand in und zwischen den Schilfgürteln. Dieses tägliche Wechselspiel von Ebbe und Flut des Meeres prägte auch den Rhythmus meiner Tage. Ich begann, ein Tagebuch über diese Abläufe im Mündungsgebiet zu führen, und versuchte, die stillen Augenblicke bei den täglichen Veränderungen regelmäßig festzuhalten. Das war eine verzwickte Angelegenheit, denn die Gezeiten verlaufen nicht synchron zum 24-Stunden-Tag, und so passieren die Veränderungen täglich zu einer anderen Stunde. Auch das Steigen und Fallen des Wassers verschiebt sich mit jedem Zyklus von Ebbe und Flut, und der Wasserstand wiederum beeinflusst das Licht. Die Gezeiten sind ein äußerst mysteriöses Phänomen, verursacht durch die Anziehungskraft des irregulären Mondes im Verhältnis zur regulären Sonne. Ich holte das kleine Ruderboot meines Neffen hervor und paddelte in den Schilfgürteln umher, wo sich manchmal Eisvogel, Reiher und Gänsesäger zeigten oder verbargen. Ich betrachtete auch die Spiegelungen im Wasser, wenn es still und klar war oder sich im Wind wellte und wiegte. Eines Abends, als die Flut ihren Höchststand erreicht hatte, war das Wasser so still, dass ich die Reflektionen der Sterne sehen konnte. Reflektionen sind ein magisches, stilles Phänomen und die Doppelbedeutung des Wortes verdoppelt die Magie. Ich reflektierte still über die stillen Reflektionen der Sterne im Wasser und der Libellen, die aus der Tiefe nach oben zu steigen schienen, um dort auf die wirklichen Libellen zu treffen, die aus der Luft nach unten schossen, um den Wasserspiegel, der zwischen den beiden Welten von Luft und Wasser eine Haut bildet, flüchtig zu berühren. Stundenlang stand ich auf der kleinen Steinbrücke und blickte nach unten, weil ich lernen wollte, Fische zu sehen, die manchmal aussehen wie Reflektionen von Bäumen, es aber nicht sind.
Es gab Morgen und Abend, Ebbe und Flut, die wie stille Kontrapunkte waren. Zusammen schufen sie einen wunderschönen Rhythmus, und an guten Tagen konnte ich sehen, dass sie ein Modell oder Bild waren für die doppelte Stille von Beten und Schreiben, die ich erkunden wollte.
Sara Maitland
„Das Buch der Stille“
Edition Steinrich, 400 S., 24,90 €
Siehe auch unter Wortwelten S. 54.
Textauszug mit freundlicher Genehmigung von der Edition Steinrich.

Textauszug aus „Der Tod ist ganz ungefährlich“ von Wilfried Reuter
Krankheit gehört zum Leben
Der zweite Götterbote – Krankheit – verbindet sich manchmal mit dem Götterboten Alter, aber gelegentlich erscheint er schon in einem frühen oder sogar sehr frühen Lebensalter. In jedem Lebensalter gibt es Phasen, in denen du gesund bist. Auch als alter Mensch wirst du Zeiten erleben, in denen du dich in deiner Kraft fühlst, in denen du mit den Zipperlein, die vielleicht nicht mehr zu vermeiden sind, gut leben kannst. In den jungen Jahren deines Lebens wirst du diese Zeiten, in denen du in deiner Kraft bist, vermutlich häufiger erleben als beim Älterwerden. Zeiten, in denen du mit Fug und Recht sagen kannst: „Ja, ich bin gesund.“ Ab und an werden kleine Unpässlichkeiten auftauchen, wie es sie in jedem Lebensalter gibt: Du verdirbst dir den Magen oder leidest an einem grippalen Infekt. Du verstauchst dir den Fuß oder quetschst dir den Finger. Und manchmal gibt es schwerere Störungen in diesem komplexen körperlichen Gebilde. Störungen, die nachhaltige Veränderungen mit sich bringen können.
Damit erzähle ich dir nichts Neues. Wir alle wissen, dass Krankheiten, Verletzungen und Unfälle sowie auch Schmerzen zum Leben gehören. Wir wissen um den Wert von Gesundheit. Zu jedem Geburtstag wünschen wir uns Gesundheit, klopfen uns auf die Schulter: „Gesundheit für dich! Gesundes neues Lebensjahr!“ „Danke. Ja, Gesundheit ist doch das Wichtigste.“ Zu Silvester wünschen wir uns gegenseitig ein gesundes neues Jahr, knallen vielleicht ein bisschen in die Luft, trinken einen Schampus dazu und vergessen die guten Wünsche dann wieder. Wir vergessen wieder, dass Gesundheit ein wertvolles Gut ist und keine Selbstverständlichkeit. Wir vergessen, dass wir für unsere Gesundheit auch etwas tun können. Und selbst wenn wir etwas tun, dann vergessen wir gerne, dass trotz aller Bemühungen und aller guten Wünschen Krankheit manchmal nicht aufzuhalten ist. Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir mit gesunder Lebensweise, einer ausgeglichenen Psyche und intensiver spiritueller Praxis Krankheiten immer abwenden könnten.
Drei Fragen an dich
Als Einstieg in die Beschäftigung mit dem zweiten Götterboten möchte ich dir drei Fragen stellen. Die erste lautet: „Wie bereitest du dich auf Krankheit vor? Wie bereitest du dich auf das vor, was sich nicht ändern lässt?“
Die zweite Frage könntest du vielleicht in einer stillen Stunde kontemplativ betrachten: „Was glaubst du, was dir im Falle einer schweren Krankheit wichtig sein wird? Und was könnte dann schwierig werden?“ Wenn du selbst gerade schwer erkrankt bist, dann ersetze „könnte“ mit der Gegenwartsform: „Was ist mir jetzt wichtig, und was ist jetzt schwierig für mich?“
Als dritte Frage schließt sich an: „Was oder wer könnte dich bei Krankheit unterstützen?“ Wer diesen Götterboten gerade hört, kann sich direkt fragen: „Was oder wer könnte mich jetzt unterstützen? Was könnte unter den gegenwärtigen Bedingungen mein Leben bereichern?“
In ähnlicher Form wurden diese Fragen auch den Teilnehmern der Götterbotengruppe in unserem Zentrum gestellt. Von den mannigfaltigen Antworten gebe ich hier nur einige wieder. Auf die Frage, was dann wichtig sein würde, wurde geantwortet: „Freunde werden wichtig sein.“ „Vertrauen in ärztliche Kompetenz wird mir dann wichtig sein.“ „Ich muss auf die Ärzte, die mich behandeln, vertrauen können.“ „Familie wird vermutlich wichtig sein.“ „Spiritueller Beistand könnte wichtig sein.“
Auf die Frage, was schwierig werden könnte, kamen folgende Antworten: „Widerstand könnte schwierig werden.“ „Zu starke Schmerzen könnten schwierig werden.“ „Wenn sich die Sinnestore verschließen, wenn ich nicht mehr praktizieren kann, wenn all das, was jetzt noch geht, nicht mehr möglich ist, das könnte schwierig werden.“ „Wenn ich merke, dass mir der Boden unter den Füßen wegbricht – vielleicht gehe ich dann eher mit weniger Widerstand.“ (…)
In den Widerstand gehen
Nein ist die Sprache des Widerstands. Widerstand blockiert, er verschließt nach innen und raubt Kraft. Widerstand ist der Kraftfresser schlechthin. Kraft, die du gerade in dieser Situation so dringend brauchst, wird verschleudert. Immer, wenn du in Widerstand gehst, erzeugst du Trennung. Du erzeugst Trennung zwischen dem Leben, wie es sein sollte, und dem, wie es ist, zwischen Innen- und Außenwelt. Mit dieser Trennung gehen Gefühle von Angst, Spannung, Hilflosigkeit einher und verstärken so das Unheil.
Widerstand kann sich auf verschiedene Weise ausdrücken: in Beklagen, Jammern oder Anklagen, in Gereiztheit und Niedergeschlagenheit, in Wut oder Groll. Je mehr du im Widerstand bist, desto bedrohlicher erlebst du die Außenwelt, umso mehr spürst du, dass du die Umstände nicht kontrollieren kannst. In ruhigeren Zeiten hast du vielleicht geglaubt, du könntest vieles kontrollieren. Situationen, in denen du die Kontrolle verloren hast oder verlieren könntest, waren dir nicht angenehm. Möglicherweise hat dies für dich auch schon zu Schwierigkeiten geführt, zum Beispiel in deinen Beziehungen oder in deiner Sexualität.
Aber jetzt ist etwas in dein Leben getreten, das ungleich größer ist. Etwas, das wie ein Ungeheuer bedrohlich vor dir steht und das du nicht kontrollieren kannst. Also gehst du in den Widerstand in der Hoffnung, damit wieder die Kontrolle zu erlangen. Vielleicht gehst du ins Beklagen, ins Anschuldigen oder stellst wieder und wieder die „Warum-Fragen“. Alles Versuche, die Situation unter Kontrolle zu bekommen – und letztlich alles untaugliche Strategien. Denn nichts, was du versuchst, funktioniert, und damit verstärkst du wiederum die Angst. Das Unheil, das Ungeheuer vor dir wird immer größer, je mehr Widerstand du leistet.
Möglicherweise versuchst du in dieser Situation, in Geschäftigkeit zu flüchten. Manche Menschen machen sich sehr schnell daran, sich über die Krankheit zu informieren. Oft kommen sie beim nächsten Arztbesuch mit einem Stapel Ausgedrucktem aus dem Internet. Freundinnen, Familie und Bekannte werden aktiviert. Jeder weiß von einem Wunderheiler, von einer neuen oder alten Methode, mit der schon Krankheiten besiegt wurden. Adressen und Telefonnummern werden gesammelt. Diese Geschäftigkeit erinnert mich auf tragische Weise an das Bild eines Ertrinkenden, der verzweifelt versucht, sich an Treibgut festzuklammern und nach allem greift, was an ihm vorbeizieht, in der Hoffnung, dass es ihm Halt gibt. (…)
Schmerz und Widerstand – Was ist in schwierigen Situationen förderlich?
Umgang mit Widerstand
Wir haben uns bewusst gemacht, dass es ganz natürlich ist, wenn Krankheiten Abwehr in uns hervorrufen. „Nein, es sollte anders sein“, ist die Sprache des Widerstandes. Widerstand ist nichts Schlechtes – das hieße wiederum, ihn zu bewerten –, sondern Ausdruck einer bestimmten Haltung, einer bestimmten Perspektive. Solange wir im Widerstand sind, erzeugen wir Dualität, und solange wir Dualität erzeugen, leiden wir. Wir schaffen einen Gegensatz zwischen innerem und äußerem Erleben. Wir erfahren die Außenwelt auf eine bestimmte Weise, während die Innenwelt uns sagt, die Erfahrung solle anders sein. Könnten wir diesen Widerspruch auflösen, dann wäre bei gleichen äußeren Bedingungen die Erfahrung von Zufriedenheit möglich.
Das konnte ich sehr deutlich im Verlauf der Erkrankung meines Vaters erleben. Anfangs, als die Demenz für ihn begann, waren wir beide im Widerstand. Die Situation sollte anders sein, alles so wie bisher weitergehen. Unsere gewohnten Rollen sollten sich nicht auflösen. Für mich war es die Identität des starken, liebevollen Vaters, die nicht bröckeln sollte. Er wiederum wehrte sich gegen den Verlust seiner Autonomie: „Ich sollte mich alleine versorgen können. Ich sollte einem Fernsehfilm folgen können.“ In dem Maße, wie die Widerstände anwuchsen, wurde die Situation schwierig und zuweilen schier unerträglich.
Irgendwann hatte mein Vater den Widerstand überwunden – ich hingegen noch längere Zeit nicht. In seinem letzten halben Jahr saß er fast nur noch in seinem Sessel, in den man ihn hineingesetzt hatte, denn alleine konnte er das nicht mehr. Wenn ich ihn fragte, wie es ihm ginge, dann gab er regelmäßig zur Antwort: „Ich bin zufrieden, lass mich ruhig noch ein bisschen schlafen.“ „Brauchst du noch etwas?“, erkundigte ich mich. „Nein“, sagte er. Ich kannte seine Stimme gut und wusste, ob er etwas von innen heraus oder nur mechanisch sagte. Für mich war in diesen Situationen sehr authentisch zu spüren, dass Zufriedenheit in ihm war. Als es in unserem Dorf einmal ein Fest gab, schob ich ihn im Rollstuhl auf den Marktplatz. Die Dorfkapelle spielte Lieder, die ihm sehr vertraut waren, und ich konnte sehen, wie er sich freute, an alte Zeiten erinnert zu werden. Als wir wieder zurückfuhren, war keine Spur von Wehmut oder Traurigkeit in ihm zu spüren. Die Freude ging wieder über in Zufriedenheit. Da war kein Widerstand mehr.

Wenn Widerstand da ist, dann können wir ihn zu unserem Meditationsobjekt werden lassen, so haben wir gelesen. Als ersten Schritt lassen wir die Beurteilung des Widerstandes, er sei schlecht, los. Widerstand ist Widerstand. Auf dieser Grundlage sind wir in einem zweiten Schritt bereit, mit ihm in Kontakt zu treten und seine Energie direkt zu spüren.
Und wie können wir die Bedingungen schaffen, um schließlich über den Widerstand hinauswachsen zu können? Erinnern wir uns noch einmal an den Merksatz, der uns begleitet:
„Dehne die Vergangenheit nicht aus,
lade die Zukunft nicht ein,
verändere die dir innewohnende Weisheit nicht,
habe keine Angst vor den Erscheinungen.“
Es kann nützlich sein, diese kurze Anleitung auswendig zu lernen, damit sie uns stets präsent ist. „Lade die Zukunft nicht ein.“ Wenn wir uns diesen Teil etwas genauer anschauen, dann werden wir erkennen, dass Widerstand viel mit dem Einladen der Zukunft zu tun hat. Auch ein subtiles Hinwenden zur nächsten Minute ist schon ein Einladen der Zukunft. Dieser Teil der Anleitung lautet also, ganz in der Gegenwart zu bleiben. Im Fall von Widerstand bedeutet das, mit ihm zu sein, so wie er gerade ist.
All das, was wir hier über den Widerstand lesen – dass er ein Kraftfresser ist oder eine Blockade bildet – ist sicherlich richtig. Und es ist wichtig, diese Zusammenhänge zu verstehen. Wenn wir aber den Widerstand überwinden wollen, dann ist dieses Wissen nicht mehr hilfreich. Betrachtest du ihn beispielsweise als Blockade, dann wird der Widerstand zum Feind. Damit schaffst du eine neue Dualität und somit neues Leid. Vermutlich wird er sogar stärker werden, und es kann sein, dass du unsicher wirst und Angst in dir aufkommt. Das wird dich erschöpfen, aber der Widerstand wird dem standhalten.
Zudem können Zweifel an der (Meditations-) Praxis aufkommen, und damit hättest du durch unweises Betrachten ein Hindernis hervorgebracht. Stattdessen kannst du aber auch unmittelbar den Anleitungen folgen, die dir sagen: „Wenn Widerstand da ist, praktiziere mit dem Widerstand.“ Das wird besonders deutlich in Situationen, in denen du gar nicht mehr weiterweißt, in denen kein Konzept nicht mehr dienlich ist und eher noch den Druck in dir verstärkt. Stattdessen kannst du nach innen spüren und dich dafür entscheiden, ganz in diesem Moment, in dieser Situation zu bleiben. Vielleicht spürst du: „Da ist Druck. Da ist Widerstand. Da ist Nicht-mehr-Weiterwissen.“
Aus diesem Spüren heraus kannst du noch einen weiteren Schritt gehen und denken: „Es darf alles sein. Ich weiß nicht mehr weiter. Es ist schwierig. Es ist unangenehm, und ich weiß gerade überhaupt nicht, was ich machen soll. Dies ist jetzt meine Realität.“ Wahrscheinlich versucht der Geist unterdessen, eine neue Lösung nach der anderen zu finden und läuft sich dabei in einer Endlosschleife heiß. Du musst dich aber nicht von ihm mitziehen lassen. Du kannst als Beobachter im Geschehen bleiben und nur erleben. Indem du in der Realität dieses Augenblicks bleibst, musst du nicht wissen, was im nächsten Moment geschieht. Wenn du so praktizieren kannst, wirst du vermutlich bemerken, dass eine natürliche Weisheit in dir aufsteigt: „Verändere die dir innewohnende Weisheit nicht.“ Diese kann jetzt deutlich werden und deinen nächsten Schritt lenken.
Loslassen als Frucht des Annehmens
Viele Menschen, die mit Vertrauen praktizieren, werden sagen können: „Es ist, als wenn ich in bestimmten Situationen meines Lebens geführt würde.“ So kann ich es sehr deutlich aus meiner eigenen Erfahrung heraus berichten. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich nicht mehr weiterwusste, keinen Zugang zu meiner Kraft fand und keinen Ausweg mehr sah. In einer solch schwierigen Situation lernte ich meine Lehrerin kennen, und von da an ging mein Weg in eine ganz andere Richtung weiter. Auf die Begegnung mit Ayya Khema folgte einige Jahre später die Gründung von Lotos Vihara. Ohne diesen Moment und Tausende weiterer Momente wäre dieses Buch nicht geschrieben worden, und du würdest es jetzt nicht lesen. Manchmal ist das Zusammenkommen unüberschaubar vieler Bedingungen notwendig, damit sich in schwierigen Situationen ein Spalt auftut, durch den dann das Licht eindringen kann. Für dich kann eine dieser Bedingungen darin bestehen, durch ein Nadelöhr gehen zu müssen: Durch das Nadelöhr eines Widerstandes und des damit verbundenen Erlebens von Nicht-mehr-Weiterwissen.
Wilfried Reuter
„Der Tod ist ganz ungefährlich“
Jhana Vlg., 256 S., 16 €
Mehr zum Buch: www.buchhandlung-plaggenborg.de
Mit besonderer Empfehlung von Ulrike Plaggenborg: „Ein ganz wunderbares und hilfreiches Buch!“

Autor: Manfred Folkers
"Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird unsere Zivilisation zerstört werden."
Thich Nhat Hanh
Mit dem Satz ‘Wir müssen uns ehrlich machen‘ beginnt der Philosoph Thomas Metzinger sein Buch ‘Bewusstseinskultur - Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise‘.
‘Ehrlich machen‘. Diese beiden Worte haben mich an ein Ereignis erinnert, das sich vor 43 Jahren zu einem Wendepunkt in meinem Leben entwickelte. Im Anschluss an einen Vortrag über ‘Ethik‘ im Dezember 1981 stellte ich die Frage: “Wenn ich mir sicher bin, dass sich die Menschheit in eine gefahrvolle Richtung entwickelt. Und wenn ich spüre, dass ich ständig dazu gedrängt werde, diese Irrfahrt mit meiner eigenen Lebenskraft zu unterstützen, frage ich mich: Was soll ich nun tun? Woran kann ich mein Handeln neu ausrichten?“
Die Antwort des Referenten - ‘weiter gehen‘ - interpretierte ich als Hinweis, dass es keinen Weg zurück geben darf ins alte Fahrwasser. Stattdessen setzte ich die schon begonnene Suche nach stimmigen Alternativen konsequenter fort.
Wichtige Hinweise fand ich während langer Reisen durch Süd- und Ostasien. Sie rückten menschliche Qualitäten in den Mittelpunkt, die ich später mit den Begriffen ‘Entschleunigung‘ und ‘Achtsamkeit‘ überschrieb. Das anschließende Trainieren der bewussten Atmung durch meditative Praktiken wie Taijiquan und Qigong führten nicht nur zur inneren Beruhigung, sondern auch zur Frage: “Womit beschäftigt sich mein Geist, wenn er zur Ruhe kommt?“
Die kurze Antwort “Er schaut genauer hin!“ weckte mein Interesse für den Buddha, der diese tiefe Analyse des Daseins bereits vor 2.500 Jahren vollzogen hat. Das Tor zur Buddha-Lehre öffnete mir Thich Nhat Hanh, als ich 1990 an einem Retreat in Plum Village teilnahm. Indem er Achtsamkeit und Meditation als säkulare Methoden behandelte, machte er sie für alle Menschen anwendbar.
Die Essenz der Buddha-Lehre zu begreifen gelang mir erst, als Thich Nhat Hanh in seinem Buch ‘Mit dem Herzen verstehen‘ die gängige Auffassung ‘Alles ist ohne eigenständiges Selbst‘ in Richtung Fülle drehte: ‘Leer von einem eigenständigen Selbst zu sein bedeutet, erfüllt zu sein von allem‘. Der vermeintliche Verlust eines ‘Selbst‘ entpuppte sich als eine Art Gewinn: das wissende Gefühl einer vollständigen Verbundenheit (‘Intersein‘).
Darüber hinaus nahmen mir diese Einsichten die bisherige Scheu vor einer spirituellen Betrachtung des Lebens. Diesen Zugang hat mir Thomas Metzinger mit der Feststellung noch weiter geöffnet, dass Spiritualität und Wissenschaft ‘aus einer gemeinsamen Wertvorstellung‘ entstehen, ‘bei der zwei Aspekte besonders ins Auge fallen: Erstens der unbedingte Wille zur Wahrheit ... zweitens das Ideal der absoluten Ehrlichkeit sich selbst gegenüber‘.
Ehrlichkeit und intellektuelle Redlichkeit - diese Merkmale einer ethisch ausgerichteten Weltanschauung fasse ich im Zusammenhang mit meiner Lebensfrage “Was soll ich nun tun?“ gern mit dem Wort ‘integer‘ zusammen.
Indem ‘integer sein‘ Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit enthält, weist es auf die Aufgabe hin, Widersprüche zu integrieren. Wenn ich mit dieser Einstellung abends in den Spiegel schaue, kann ich meine Unzulänglichkeiten leichter akzeptieren und am Folgetag versuchen, mich zu verbessern.
Diese Nähe des Wortes ‘integer‘ zum Begriff ‘Integration‘ ist bemerkenswert, denn sie erinnert an so erstrebenswerte Ziele wie Inklusion und Kooperation. Auch bei der Verwendung durch den Philosophen Jean Gebser im Konzept ‘Integrales Bewusstsein‘ zeigt sich ‘integer sein‘ als Gelegenheit, verschiedene Denkweisen in der eigenen Geisteshaltung zu vereinen.
‘Wir müssen uns ehrlich machen‘. In seinem Plädoyer für eine neuartige Bewusstseinskultur bezieht sich Thomas Metzinger vor allem auf die planetare Krise (‘Es sieht nicht gut aus‘). Dementsprechend enthält ‘integer bleiben‘ neben qualitativen auch diverse quantitative und vor allem ökologische Aspekte. Vor diesem Hintergrund habe ich mich sehr gefreut, als Thich Nhat Hanh im August 2014 während seines letzten Retreats in Waldbröl nochmals an die buddhistische Orientierung ‘Samtusta‘ erinnert hat: ‘Du hast genug‘.
Da die gegenwärtige planetare Krise durch menschliche Handlungen entstanden ist, kann sich jeder einzelne Mensch als Teil des Problems verstehen - mit der Erkenntnis, dass jeder und jede auch Teil der Lösung ist. Auf dieser Grundlage lässt sich der vom Buddha vorgeschlagene ‘Mittlere Weg‘ in einer vom Wachstumswahn beherrschten Gesellschaft als ‘Kultur des Genug‘ praktizieren.
Diese Geisteshaltung zu beherzigen ist nicht nur integer, sondern verwirklicht Intersein als Fundament einer enkeltauglichen Lebensweise.
Text von Manfred Folkers für das Gesprächsthema ‘Ehrlichkeit und Integrität‘ .
Fürchte dich weniger, hoffe mehr;
iss weniger, kaue mehr;
jammere weniger, atme mehr;
rede weniger, liebe mehr;
und alle guten Dinge werden dein sein.
aus: „Weisheiten aus Skandinavien“ Verlag Groh
Thomas Metzinger
„Bewusstseinskultur - Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise“
208 S., Piper Vlg., 16 €
Siehe auch unter „Wortwelten“ S. 56.
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