Das besondere Buch


Dezember 2020 - April 2021


Leben, schreiben, atmen

Von Doris Dörrie

Victoria_Borodinova- pixabay.com
Victoria_Borodinova- pixabay.com

Dieses Buch ist eine Einladung zum Schreiben über sich selbst. Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst. Es ist abwechselnd wunderbar, schmerzhaft, narzisstisch, therapeutisch, herrlich, befreiend, tief traurig, beflügelnd, deprimierend, langweilig, belebend. Schreibend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern. Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt.

 

Wir sind alle Geschichtenerzähler. Vielleicht macht uns das zu Menschen. Vielleicht haben wir auch nur keine Ahnung, welch großartige Geschichtenerzähler Katzen oder Dromedare sind. Wir können nicht aufhören zu erzählen. In einem endlosen inneren Monolog erzählen wir uns Geschichten über uns selbst. Manche davon sind wahr, einige nur ein bisschen, andere überhaupt nicht. Wir alle sind Fiktion, aber das glauben wir nicht, weil wir uns mitten in ihr befinden wie in einem Fortsetzungsroman.

 

Schreibend erforsche ich die Welt. Meine Welt. Was beeindruckt mich? Was merke ich mir? Was erschüttert mich? Was erheitert mich? Was begeistert mich? Woran erinnere ich mich? 

 

Ich habe keine Ahnung, wie man etwas schreibt, das sich verkauft. Dafür gibt es andere Bücher mit Titeln à la: Wie ich einen sauguten Roman schreibe. Wie ich ein saugutes Drehbuch schreibe. Wie ich eine saugute Serie schreibe. Ich weiß nur, dass man, wenn man Wort für Wort, Satz für Satz über die Welt schreibt, in der man sich befindet, eine Ahnung von sich selbst bekommt. Während wir Schritt für Schritt weitergehen, ist es wichtig, auf die Umgebung zu achten, auf den Boden unter den Füßen, auf den Himmel über uns und auf die anderen, die gleichzeitig mit uns einen Fuß vor den anderen setzen, bevor wir uns schon wieder von allem verabschieden müssen.

 

Schreibend erinnere ich mich an mich selbst. Was ist in meinem Gehirn an Bildern und Tönen gespeichert, was für Erinnerungen an Menschen, Orte, Tiere, Gefühle? Jeder von uns ist einzigartig. Niemand hat genau die gleichen Erinnerungen an dieselbe Begebenheit. Das ist doch verrückt! Unglaublich! Ich möchte es aufschreiben, bevor es wieder gelöscht wird. Jedes Detail. Alles, was ich gesehen, gehört, geschmeckt, ertastet, gerochen, gefühlt habe. Die Welt in mir als Echo und Inspiration. ›Spirare‹ – atmen. Schreiben heißt, die Welt einatmen. Nicht nur die kühle Bergluft am Morgen, auch den Smog, den Rauch, die Abgase. Das Schöne wie das Hässliche. 

 

Seit über zwanzig Jahren unterrichte ich ›creative writing‹, was ich als Bezeichnung nicht ausstehen kann, weil ich denke, dass jedes Schreiben in einem gewissen Maß kreativ ist, selbst das Schreiben von Einkaufslisten. Wie diejenigen, die ich in Einkaufswagen finde und sammle:

 

• Blumen rot

• Pril groß

• Erbsen tiefkühl

• Q-tip

 

Fast schon ein Gedicht. Durch Wörter entstehen Bilder: die roten Tulpen, schon weit aufgeblüht, die tiefgrüne Flasche Pril, die kühle Packung Erbsen, an die sich die Tulpen voller Sehnsucht nach ein bisschen Frische schmiegen, die schneeweißen Q-tips. Alles ist Inspiration, alles ist Erinnerung:

 

Rote Blumen: Ich bin sechs oder sieben Jahre alt und male eine Tulpe, die feuerroten Blütenblätter, den gelben Stempel, die schwarzen Staubfäden. Ich versinke in der Tulpe. Es gibt nichts Schöneres als diese Tulpe. Über fünfzig Jahre später male ich immer noch Tulpen. Ich kaufe Tulpen. Ich vergöttere Tulpen. Die eine rote Tulpe, die es in meinem kleinen Garten jedes Jahr wieder schafft, zu wachsen und zu blühen, rührt mich. Jedes Jahr warte ich auf sie. 

Pril groß: Mit dem Kauf jeder Flasche gibt es eine Prilblume, eine Flower-Power-Blume. Ich möchte aussehen wie Twiggy, ich habe kurze Haare und bin noch fast ein Kind, sehnlichst wünsche ich mir einen rosa Perlmutt-Lippenstift, bei Woolworth gibt es ihn von Mary Quant, auch ihn ziert eine Blume. Alles ist voller Blumen in der Zeit. Mary Quant, das weiß ich, trägt Minirock. Ich habe ein kurzes weißes Strickkleid an, und irgendwann reicht das Taschengeld für den rosa Lippenstift, ich trage ihn auf und darf nichts mehr essen, jedes Wort, das ich spreche, wird kostbar, weil es über perlrosa Lippen kommt. Ich spiele mit der Prilflasche und lasse winzig kleine Seifenblasen umherschweben.

Erbsen tiefkühl: Sie werden auf blaue Flecke gelegt, auf Prellungen, verstauchte Knöchel. Ich knicke oft um, meine Knöchel sind zu dünn, zu schwach. Ich reiße mir mehrmals die Bänder, ich stehe nicht fest auf dem Boden. Ein chinesischer Akupunkteur sagt zu mir: Zu viel Wind im Kopf. 

Q-tip: Ich habe als Kind gelernt, dass man sich nicht in den Ohren herumprokeln soll, das sei gefährlich. Geschichten von durchbohrten Trommelfellen. Ein Bekannter macht mit einem Q-tip seine Herdplatten sauber. Das finde ich bedenklich. Zu viel Ordnung ist mir suspekt.

 

Verstehen Sie das Prinzip? Alles kann zum Schreiben inspirieren. Alles an das eigene Leben erinnern. Möchten Sie lieber gesiezt oder geduzt werden? Ich bin nicht sicher, wie ich selbst gern angeredet werden würde. Und ich habe keinen Rat, nur die Praxis des täglichen Schreibens und wilden Assoziierens. In den verzweigten Stollen der eigenen Erinnerung graben, kratzen, schürfen: Manchmal findet man ein Goldnugget. Manchmal auch nur ein altes, vergammeltes Chicken-Nugget. Ich hab mal in einem Fastfoodschuppen gearbeitet …

 

Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

»Heute streiten sich die Feuilletonisten, ob sie besser Bücher schreiben kann oder besser Filme dreht. Die Antwort ist einfach: Doris Dörrie kann beides.« Janet Schayan / Deutschland, Bonn 

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Diogenes Verlags aus „Leben, schreiben, atmen“ von Doris Dörrie,

ISBN: 9783257070699, 2019.

 

Weitere Leseprobe und Bestellmöglichkeit auf www.buchhandlung-plaggenborg.de .

 

 

 

Siehe auch unter „Wortwelten“ auf S. 69 das neue Buch von Doris Dörrie: „Einladung zum Schreiben“.


August - Dezember 2020


Heimatland abgebrannt

Jannes Wiesner

 

Einklang Vlg. Zetel, 104 S., 8,50 €

 

Was bedeutet es auf der Flucht zu sein? Wie fühlt es sich an, die Heimat aus Zwang zu verlassen? Mit ungewissem Ziel. Jannes Wiesner hat mit vielen Geflüchteten gesprochen und erzählt am Beispiel zweier Schwestern, die allein aus Syrien aufbrachen, um in Europa eine neue Heimat zu finden, die Innenperspektive einer Flucht. Authentisch, berührend, informativ und menschlich aufrüttelnd.

 

Wir waren glücklich, sorgenfrei, konnten lachen und spielen. Ein kleines Dorf in Syrien mit nicht mehr als fünfundsiebzig Einwohnern, gelegen an einem idyllischen Fluss, nannten wir unser Zuhause. Als Kind verbrachte ich viel Zeit mit meinen Brüdern und Schwestern. Nach der Schule gingen wir im kleinen Fluss mit den Kindern aus der Nachbarschaft baden, wir spielten auf den Straßen, machten uns schmutzig und trugen zum heiteren Trubel im Dorf bei. Ich war die jüngste unter meinen Geschwistern und half meiner Mutter daher oft im Haushalt, während die anderen schon früh morgens mit auf die Felder gingen, um unserem Vater bei der Arbeit zu helfen. Wir hatten nicht viel: Ein paar Ziegen, Kühe und Hühner, doch das Geld reichte aus, zumal wir uns von unserem Gemüse größtenteils selbst versorgen konnten. Es blieb sogar noch etwas für den Verkauf übrig. Wenn wir einmal in der Woche zum großen Markt in der Stadt fahren wollten, hatten wir immer einen Weg von etwa einer halben Stunde vor uns. Er führte uns weg vom Land und von unserer Dorfidylle und hinein in den Trubel der großen Stadt. 

 

Die Gerüche der Essensstände, das laute Orchester des geschäftlichen Treibens und die unerträgliche Hitze der Mittagssonne zeichneten das Bild einer Stadt, die wie ein überladenes Gemälde auf uns wirkte. Im Winter wich die Hitze der Kälte. Die Felder wurden karg, und der Fluss war zu kalt zum Schwimmen. Viele Nachmittage verbrachten wir dann mit der Familie im Wohnzimmer, die Nachbarn kamen zu Besuch, es wurde Tee getrunken, gelacht und viel geredet; über das Dorf, das Land, aber nur selten über die Politik, deren Kontroversen schon damals oft ganze Dörfer spaltete. 

Meine Kindheit verlief unbeschwert, ich hatte keine Sorgen, dafür ein Zuhause und eine Familie, die für mich da war. Meine Brüder verließen nach und nach das Haus, sie studierten und gründeten ihre eigenen Familien – das Leben nahm seinen Lauf. Was uns immer blieb, war das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wir kannten die stillen Träume und Sehnsüchte des anderen. Kannten seine Ängste und bildeten einen Zusammenhalt, der die Familie immer wieder stärkte. Doch eines Tages sollte auch diese Unbeschwertheit vorüber sein. 

 

Es war ein kalter Wintermorgen, ich lag noch im Bett, als aus dem Zimmer meiner Eltern Schreie kamen. Schreie, die sich schnell in der ganzen Hütte ausgebreitet hatten, uns aufweckten und in den kleinen fensterlosen Raum unserer Eltern rennen ließen. Mein Vater klagte über unerträgliche Schmerzen in der Brust. Da die Fahrt mit dem Krankenwagen zu lange dauern würde, rannten meine Brüder über den kleinen von Schlaglöchern und Pfützen durchzogenen Kiesweg zu einem unserer Nachbarn, der meinen Vater und uns in einem kleinen weißen  VW-Golf in das nächste Krankenhaus brachte. Für meinen Vater kam jedoch jede Hilfe zu spät.

 

Ich erinnere mich noch genau an das Bild meiner Brüder, wie sie unseren Vater von der hinteren Sitzreihe des Autos durch die Glastür des Krankenhauses trugen, vorbei an den wartenden Menschen im Vorzimmer, den Krankenschwestern, die mit der Trage kaum hinterherkamen, den Ärzten, die nur noch seinen Tod feststellen konnten. An jenem kalten Wintermorgen erlag mein Vater einem Herzinfarkt mit nur zweiundfünfzig Jahren. Das ganze Dorf lag in Trauer mit unserer Familie. Doch das Leben musste für uns weitergehen. Unsere Familie rückte noch näher zusammen, um den Verlust gemeinsam zu bestehen. Meine Brüder übernahmen vollständig die Arbeit auf den Feldern, während ich meiner Mutter weiter im Haushalt beistand. Doch auch ihr ging es zunehmend schlechter. Als die ganze Familie zu einem großen Fest zusammenkam, klagte auch meine Mutter über starke Schmerzen in der Brust. Ein Arzt aus dem Dorf bot seine Hilfe an, doch auch diese kam zu spät. Meine Mutter erlag, wie mein Vater ein Jahr zuvor, einem schweren Herzinfarkt. 

 

Immer dann, wenn unsere Familie durch einen weiteren Schicksalsschlag getroffen wurde, durch einen weiteren Tod geschwächt, wuchsen wir zusammen, fühlten uns verbunden, füreinander verantwortlich. Eine Erfahrung, die wir auch in den uns noch bevorstehenden Jahren immer wieder erlebten. Eine Erfahrung, die vielleicht die Trauer des Augenblickes nicht überdecken konnte, die Zuversicht jedoch auf Dauer erlebbar machte. Meine Brüder zogen nach den Verlusten in unserer Familie wieder bei uns ein, um im Haushalt mitzuhelfen, sich um mich zu kümmern und als  Familie zusammenzustehen. 

 

Aus Sorglosigkeit wurde Hoffnungslosigkeit. Aus Freude Trauer. Doch der immer bleibende Zusammenhalt in unserer Familie sowie das Band der Trauer um unsere Eltern stellte eine Verbindung der Hoffnung dar. Als der Tod meiner Eltern jedoch, kurz vor Beginn des Zuckerfestes zwei Jahre später, durch den Tod Tausender ergänzt wurde, durch den Bombenhagel, den Lärm der Maschinengewehre, deren Schüsse die Stille im Dorf zerrissen, und das Feuer, welches den Geruch von Tod über das Dorf brachte, wurde uns auch die letzte Hoffnung genommen. Nicht mehr als ein paar Kleider, eine PET-Flasche mit Leitungswasser befüllt, ein wenig Obst sowie das Handy, um den Kontakt in die Heimat zu halten, nahmen meine Schwester und ich mit, als wir uns entschlossen, der Hoffnungslosigkeit zu entfliehen. 

 

Nach Europa sollte es gehen. In das Paradies? Nein, einfach nur in die Normalität. Die Engen des Alltags und das Gefühl der Geborgenheit. Wir überließen unser Schicksal Fremden, denen wir Geld im Austausch gegen ein neues Leben gaben. Es waren Kriminelle, die mit Hoffnung und Hoffnungslosigkeit spielten. Sie machten das schnelle Geld mit Grenzübertritten im Schutz der Dunkelheit, Bootsfahrten, die den Tod verheißen konnten, und der ewigen Flucht vor Polizei und Grenzschützern. Unser erster Marsch führte uns an die türkische Grenze. Still und dunkel war es, nur der Schein unserer Handytaschenlampen zeigte uns den Weg durch das Dickicht, welches durch den strengen Geruch von Urin dominiert wurde. Wir waren mit etwa einem Dutzend weiterer Menschen unterwegs. Unter ihnen junge Männer, Familien, Mütter, die verzweifelt versuchten, das Geschrei ihrer Kinder zu unterdrücken. Vorneweg liefen die Männer, denen wir unser Schicksal im Austausch gegen Geld überließen. Immer wieder hörten wir sie fluchen, wenn weitere Äste den Weg versperrten oder unsere Stimmen die Stille durchschnitten. Immer weiter im Schutz der ewigen Dunkelheit. Immer weiter in Richtung türkischer Grenze. Immer weiter hin zu der Angst vor den Grenzsoldaten, die unsere Hoffnung in wenigen Augenblicken zerstören konnten. 

 

Der Regen durchweichte unsere Kleider. Die Tüten mit unseren letzten Habseligkeiten füllten sich allmählich mit Wasser. Die Mütter versuchten, ihre schreienden Kinder unter ihren Jacken und Mänteln zu schützen. Viele versuchten, aus durchlöcherten Plastikplanen und Einkaufstüten einen Regenschutz herzustellen, auch wenn es nichts an ihren triefenden Kleidern und nassen, ins Gesicht hängenden Haaren ändern würde. Es war kalt. Es war eisig. Die an der Haut klebende Kleidung, der Schlamm, der über die Schuhe bis zu den Knien reichte, und der Geruch von nassem Stoff ergaben ein Konglomerat der Trostlosigkeit. Erst in den frühen Morgenstunden besserte sich allmählich die Lage. Der Regen ließ nach, nur der Gestank der Nässe und der Dreck zeugten noch vom beschwerlichen Weg. Endlich erreichten wir einen kleinen Parkplatz auf der türkischen Seite der Grenze. Es waren keine Soldaten zu sehen, keine Schüsse zu hören, wir hatten es geschafft!

 

Dies ist erst der Beginn der Reise.

 

Mehr zum Buch: www.buchhandlung-plaggenborg.de oder beim Einklang Verlag, Zetel: www.einklang-verlag.de 

 


Sommer 2019


Aus "Oben Unten Jetzt - Lyrik und Aphorismen"

von Antje Diewerge

Siehe auch unter Wortwelten