Wortwelten spezial


Sommer 2017


Mein Anderer Weg – Dein Anderes Leben - Von Beate Ostermann

Eigenverlag, 176 S., 16,90 €

Als ich am Morgen des 16. Nov.1990 erwachte, es  war ein Freitag, ahnte ich nicht, dass dieser Tag mein ganzes Leben, aber auch das Leben meiner Familie, auf eine schwere Bewährungsprobe stellen würde. Mein Mann Dieter, meine beiden Kinder Christopher und Dennis und schließlich ich, wir sind immer noch eine Familie. Aber der Weg, der hinter uns liegt, hat uns oft an einen Punkt gebracht, wo es nicht immer klar war, wie jeder von uns mit diesem Schicksalsschlag umgehen würde. Und vor allem wo er uns auch als Familie hinführen würde. Aus heutiger Sicht bewegten wir uns sehr lange auf dünnem Eis. Und bei vielen Entscheidungen, die wir als Eltern aber auch als Familie treffen mussten, gab es keinen Plan B., keinen, den wir um Rat hätten fragen können. Denn diese Entscheidungen wollte uns keiner abnehmen.

Der Schicksalsschlag, um den es im Buch geht, war ein unverschuldeter Autounfall, in dem unser jüngster Sohn Dennis, zu diesem Zeitpunkt 3 Jahre  alt, und ich verletzt worden waren; unser Sohn so schlimm, dass er nach einem Schädelhirntrauma unter anderem ins Koma fiel. Ich fuhr das Auto, als uns ein anderes Fahrzeug die Vorfahrt nahm.
Auf eigene Verantwortung entließ ich mich nach kurzem Aufenthalt  aus  der Klinik, um nach der Verlegung unseres Sohnes in eine Spezialklink vor Ort zu sein. Mein Mann war bis heute immer an meiner Seite, was gar nicht so selbstverständlich ist. 

Nach einer dreimonatigen Zeit im Koma, aus der er schwerstbehindert aufwachte,  war relativ schnell klar, dass Dennis mit seinen drei Jahren in der Rehaklinik nicht so auf die Rehabilitation wie gewünscht ansprach. Er war hilfloser als ein Baby, musste alles neu lernen. Unter anderem war er einseitig gelähmt, die andere Seite spastisch; er konnte nicht sehen, nicht laufen, nicht sprechen.
Nach drei Monaten holten wir Dennis in einer Nacht- und Nebelaktion auf eigene Verantwortung nach Hause und wagten Therapiemaßnahmen, die so gar nicht angeboten wurden. Wir - das waren ein damaliger Oberarzt, heute Chefarzt und eine schon damals ganzheitlich denkende Krankengymnastin. Wir drei stellten in einem Pilotprojekt einen Therapieplan zusammen, der sich aus vielen verschiedenen Aspekten zusammen setzte.

Ganz wichtig war immer mein Bauchgefühl, meine innere Stimme, die ich bis heute immer noch sehr kultiviere, sie dient mir bei allem als Richtschnur in meinem Leben. Es war ein Gefühl, das meine damaligen Glaubensvorstellungen weit übertraf. Es wurde bis heute eine Reise zu mir selbst. Ich krempelte mein Inneres nach außen, befasste mich mit Glauben mit Religion und mit dem Mythos Gott. Ich musste lernen, wie viel meine Vergangenheit mit der meiner Eltern mit meinem Lebensweg zu tun hatte. Ich lernte, dass es eine Welt jenseits des Sichtbaren im Inneren gibt und dass es Lebensregeln gibt, nach denen unser Leben verläuft. Und dass nichts, das einem im Leben widerfährt, nur so passiert, es hat immer einen Grund. Auf diese Suche habe ich mich begeben und bis heute viele Antworten auf mein Leben bekommen. Und ganz nebenbei meine Lebensaufgabe gefunden. So ein Leben hatte ich mir nicht gewünscht, schon gar nicht ein behindertes Kind. Ich wurde eines Besseren belehrt, für das ich sehr dankbar bin.

Mit der Liebe einer Mutter gelang es mir/ uns als Familie, Schritt für Schritt vorwärts zu kommen. Kleine Schritte aber Schritte, das war immer meine Devise. Mit unerschütterlichem Willen, Mut und Vertrauen machte ich mich auf meine Reise als Mutter und Mensch, die mich auf eine nicht zufällige Weise gefunden hatte.
Wie positive Gedanken, der Dialog mit einer höheren Instanz, meine Neugierde und mein Kampfgeist Dennis letztendlich 2010 in sein so gewünschtes und erkämpftes eigenes selbstbestimmtes Leben führte, was wir gewagt und ausprobiert haben - davon handelt mein Buch, das ich dann alleine im Eigenverlag und für ihn zum Aufarbeiten seiner ersten Lebensjahre geschrieben habe. Aber auch, um an die Menschen zu denken, die uns begegnet sind, die nicht die Kraft hatten, durchzuhalten - denen möchte ich ein Gesicht und eine Stimme geben, was ich hiermit auch tue. Unser Leben als Spiegel unserer Seele begreifen lernen. Wir haben viel erreicht, ausgerüstet mit Glaube Liebe Hoffnung…

Beate Ostermann lebt und arbeitet in Cloppenburg. www.beateostermann.de


Das Wunder im Gewöhnlichen - Von Dirk Grosser

Ein kurzes Plädoyer für eine Mystik des Alltags

Das Besondere hat es uns angetan. Wir wollen jemand Besonderes sein, wollen Aufmerksamkeit, wollen besondere Dinge sehen, besondere Menschen kennenlernen, wollen Events und keine schnöden Erlebnisse, und zumindest unsere Katze soll doch gefälligst eine Facebook-Berühmtheit werden, wenn uns das selbst schon nicht gelingt. Besonders ist gut, normal ist öde. Diese Grundeinstellung gilt in weiten Teilen auch in der spirituellen Szene: Je wilder die Thesen, desto größer die Zuhörerschaft! Eine einfache Regel, die fast immer greift.
So beschäftigen wir uns oft mit Dingen, die weit weg von dem existieren, was im gegenwärtigen Moment geschieht. Wir starren auf den Horizont und latschen dabei auf das Windröschen, das sich direkt vor uns aus dem Boden streckt. Wir lauschen andächtig den salbungsvollen Worten eines indischen Gurus, sind aber völlig entnervt, wenn uns eine ältere Dame von ihrem Dackel erzählen möchte. Wir meditieren über eine Lotosblüte, kehren aber achtlos das Herbstlaub zusammen, ohne dessen Schönheit auch nur zu erahnen …
Das wahre Leben und somit das wahre Wunder finden jedoch in unserem Alltag statt, mitten im Gewöhnlichen, im ehrlichen Hier und Jetzt, das zwar mittlerweile zu einer Floskel verkommen scheint, letztlich aber doch das ist, worum es geht – das, wofür wir unsere Augen auf neue Weise öffnen können.
Kehren wir also zurück zu diesem vermeintlich unspektakulären Alltag, denn er ist alles, was uns zur Verfügung steht. In diesem Alltag – erfüllt von beruflichem Gehetze, Kinderlachen, einsamen Grübeleien über die letzten Dinge, dem zarten Guten-Morgen-Kuss unseres Partners, der Parkplatzsuche in der Innenstadt und stillen Momenten des namenlosen Glücks – findet unsere ganz eigene Reise statt, bei der wir einfach einen Fuß vor den anderen setzen und den Weg erkunden, der sich wie von allein offenbart. Kehren wir zurück zu uns selbst, zurück zur eigenen Erfahrung dieses Wunders namens Leben, zurück zum Herzen jeder Mystik!

Vielen herzlichen Dank an Dirk Grosser für diesen Text aus seinem neuen Buch:

Lass es gut sein - Als Alltagsmystiker gelassen das Leben meistern“, Trinity Verlag, 304 S., 18 €.