
Autorin: Emily Edlynn
Je länger ich an diesem Buch schrieb, desto zuversichtlicher blickte ich auf mein Elternsein. Es klingt vielleicht übertrieben, aber meine wummernden Selbstzweifel waren nur noch eine gelegentliche Schwingung, weil ich die Autonomie-fördernde Denkweise verstand und mit diesem Bezugssystem im Hinterkopf eine Reihe von erzieherischen Herausforderungen anging. Als ich ruhiger wurde, Zutrauen in meine erzieherischen Fähigkeiten gewann und an dem Buch saß, in dem ich diese Erkenntnis mit anderen teilen wollte, entdeckte ich auch mein eigentliches Problem, das mir in den zehn Jahren meines Mutterseins immer entgangen war: meine Neigung zur Kontrolle. Dann fiel mir auf, dass andere Eltern in meiner Therapiepraxis und in meinem Umfeld mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen schienen (genau wie das andere Elternteil bei mir zu Hause). Sie lauern eben überall – verdeckt von der liebevollen Absicht, gute Eltern zu sein und gute Kinder großzuziehen.
Mir gefiel die Idee, dieses Aha-Erlebnis zu teilen: Es ist schwer, kontrollgesteuert zu sein, wenn man bewusst einen Autonomie-fördernden Erziehungsstil ausübt. Als ich meine Kontrollneigung runter- und die Autonomieförderung hochfuhr, kam es mir vor, als würde die bessere Mama-Version schmetterlingsgleich aus dem Kontroll-Kokonschlüpfen.
Aber dann, eines Abends im Herbst ...
»Du bist echt ein Kontroll-Freak!« Das schleuderte mir meine Elfjährige in voller Lautstärke und maximaler Erregtheit entgegen, als ich auf der Einhaltung der Handy-Zeiten bestand. Meine Schmetterlingsflügel zerbröselten, und ich wollte zurück in den Kokon schlüpfen. Was war schiefgelaufen?
Angesichts ihrer Reaktion musste ich mich fragen, ob ich wirklich ein »Kontroll-Freak« war. Obwohl ich ganz bewusst auf Autonomie-fördernde Erziehung setzte, hatte ich vielleicht unbewusst den Drang, meine Tochter zu kontrollieren. Der kollidierte mit dem Wunsch, sie in dem Gefühl zu unterstützen, auf die Dinge Einfluss nehmen zu können. An mir nagte die Angst, sie könne ihr Handy einem erfüllten Leben vorziehen. Und Angst kann Kontrollzwang auslösen. Waren die Handy-Zeiten denn überhaupt ihrem Alter und Entwicklungsstand angemessen? Es war sicher nicht verkehrt, das mal zu überdenken, auch wenn ich für den Moment an den vereinbarten Zeiten festhielt.
Ihr war egal, dass wir die Regeln zum Handy-Gebrauch gemeinsam festgelegt hatten und ich sie nur an die Konsequenzen erinnerte, auf die wir uns geeinigt hatten. Es hätte auch keinen Unterschied gemacht, als Antwort all die wissenschaftlich fundierten Strategien zur Förderung ihrer Autonomie aufzuzählen, die ich angewandt hatte: »Hey, ich hab dich bei der Entscheidungsfindung mit einbezogen, ich hab alles begründet, und ich hab mich ganz empathisch in dich hineinversetzt, um deine Sicht nachzuvollziehen. Ich fördere dich in deiner Autonomie!« In ihrem präpubertären Zustand fühlte sie sich in diesem Moment eben kontrolliert.
Ich fange mit diesem Beispiel vom Schlachtfeld Kinderzimmer an, weil wir auch das Thema Kontrolle in der Erziehung berücksichtigen müssen, wenn wir in diesem Buch darlegen wollen, wie eine Autonomie-fördernde Erziehung aussieht. Wir alle neigen zur Kontrolle, aber wie sehr, das wechselt von Tag zu Tag. Und wie kontrollsüchtig unsere Kinder uns finden, kann sich sogar von jetzt auf gleich ändern. Als ich mich fragte, ob ich kontrollgesteuert war oder nicht, prägte ich für mich den Begriff des »Kontroll-Kontinuums«. Statt auf die Frage »Bin ich kontrollgesteuert?« mit Ja oder Nein zu antworten, geht es beim Kontroll-Kontinuum um die gezielte Frage: »Wie kontrollgesteuert bin ich gerade?«
Wie ich an mir selbst feststellte, steht Autonomieförderung für die beste Seite des Erziehens, während Kontrollneigung oft auf Furcht und Angst beruht oder bei Stress das Mittel der Wahl ist. Auch wenn manche Eltern sich bewusst für Kontrolle entscheiden, ist doch die Kontrollneigung häufig eine Reaktion und/oder letztlich der Wunsch, seine Kinder zu beschützen. Doch das fördert ihre Entwicklung nicht. Das Problem ist: Je kontrollgesteuerter wir sind, desto mehr scheinen sie außer Kontrolle zu geraten. Wenn unsere Kinder aber außer Kontrolle zu sein scheinen, zieht das Probleme nach sich, kleine und große – von mehr Trotzanfällen bei bockigen Kleinkindern bis zum erhöhten Missbrauchsrisiko verbotener Substanzen bei Jugendlichen. Als Kinderpsychologin und dreifache Mutter habe ich durch Forschung, therapeutische Praxis und Erfahrungen in der eigenen Familie erkannt, dass eine Autonomie-fördernde Erziehung das Gegenmittel zum Gift der Kontrollneigung sein kann.
Warum gerade DIESER Erziehungsratgeber?
Dieses Buch bietet eine Blaupause, um unser aller Neigung zur Kontrolle zu ersetzen durch eine Denkweise und Strategien, welche uns helfen, Kinder großzuziehen, die wissen, dass sie beeinflussen können, wer sie sind und wie sie leben. Eigenständige Menschen eben.
Zu Autonomie-fördernder Erziehung gehören Strategien, die darauf abzielen, das Vertrauen der Kinder in ihre Fähigkeiten, eine größere Eigenständigkeit und eine ausgeprägte Selbstwahrnehmung zu stärken. All das soll durch positive familiäre und soziale Bindungen erreicht werden. Die Wissenschaft bietet ein nützliches Bezugssystem für die Kindererziehung, schreibt aber nicht exakt vor, was zu tun ist. Flexibilität macht diesen Erziehungsansatz effektiver, da er eine Anpassung seiner Prinzipien an jede einzelne Familie und jedes Eltern-Kind-Paar ermöglicht.
Diese Form der Erziehung ist trotzdem harte Arbeit. Sorry, aber dieses Buch ist nicht die »Lösung in zehn Schritten« für alle Erziehungsprobleme, denn das wäre eine Lüge, um jede Menge Geld zu verdienen. Und ich lüge nicht, auch wenn das bedeutet, auf ein Dasein als Millionärin zu verzichten. Stattdessen soll dieser Ratgeber Orientierung geben, basierend auf der Wissenschaft der Autonomieförderung und im Kontext dessen, was tagtäglich beim Kindererziehen passiert. Nicht in Forschungsberichten. Nicht in der idealisierten, bereinigten Version des Kindererziehens, von der viele Erziehungsansätze ausgehen. Und die dann beim Leser ein Gefühl des Versagens auslösen. Ich habe dieses Buch geschrieben, um Eltern zu unterstützen und zu stärken, die durchmachen, was auch ich durchgemacht habe: Sie versuchen, die bestmöglichen Eltern zu sein – und haben einen totalen Burn-out.
Der Werdegang einer Erziehungsexpertin: vom Burn-out zur Autonomieförderung
Nach den Maßstäben mancher Leute habe ich mir die Auszeichnung »Erziehungsexpertin« verdient, weil ich in klinischer Kinderpsychologie promoviert habe, seit über fünfzehn Jahren als Psychologin mit Kindern und Familien arbeite, einen Elternblog betreibe, eine regelmäßige Kolumne mit Ratschlägen für Parents.com verfasse und Artikel zum Thema Erziehung schreibe (…). Als »Expertin« also weiß ich glücklicherweise immer, was ich als Mutter tun muss. Meine Kinder gedeihen beständig, ihre Entwicklung verläuft positiv, und sie halten sich natürlich immer an die Begrenzung der Bildschirmzeiten und des Zuckerkonsums. Schön wär’s.
Über Jahre habe ich meine Kinder erzogen, ohne je einen Erziehungsratgeber in die Hand zu nehmen. Ich habe kurze Artikel gelesen, die in keiner Hinsicht auf all die Nuancen des Alltags eingehen konnten, denn ich hatte weder die Zeit noch die Muße, ein ganzes Buch zu lesen. (…) In den Jahren, als ich drei kleine Kinder zu versorgen hatte und gleichzeitig in der medizinischen Forschung tätig war (was hohe Anforderungen an die Produktivität bedeutete, während man in der »Freizeit« all das tat, was einem eine Beförderung einbrachte), verheiratet mit einem Psychologen, der den gleichen Job hatte (Ergebnis: keine Flexibilität bei den Arbeitszeiten, gnadenloser Stress usw.), suchte ich nur nach der Antwort auf die Frage: »Was ist das absolute Minimum an Erziehung, das ich leisten muss, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen?« Wie sich über Wasser halten und eine gute Mutter sein? (Erster Schritt: nie und nimmer an der Definition einer »guten Mutter« orientieren, die in unserer Kultur vorherrscht. Vergessen Sie den Mythos Mutterschaft, sofort!) (…)
Dann entdeckte ich, dass die Psychologie, also mein eigenes Fachgebiet, längst erforscht hatte, was ich in vielerlei Hinsicht von Natur aus im Sinn hatte: die Autonomieförderung. Mich hat begeistert, dass der Fokus hier darauf liegt, eigenständiges Verhalten und Selbstständigkeit durch Aspekte des täglichen Familienlebens zu erreichen.
Als ich mich näher damit befasste, merkte ich, dass die Autonomie-fördernde Erziehung nicht nur meinen Idealen entsprach. Die Forschung legte auch nahe, dass dieser Ansatz zu etwas führt, das meiner Überzeugung nach die meisten von uns anstreben, wenn wir Eltern werden: Wir möchten psychisch stabile Menschen großziehen, die gut klarkommen. Und als Bonus: glücklichere, heilere Familien.
Zahllose Studien mit ganz unterschiedlichen Ansätzen haben bewiesen, wie gut die Autonomie-fördernde Erziehung zu dem passt, was so viele von uns sich für ihre Kinder erhoffen, wenn sie groß werden: Selbstvertrauen, Kompetenz und Mitgefühl für sich und andere. Die Prämisse des Vertrauens auf die Fähigkeiten und die Menschlichkeit unserer Kinder ändert die elterliche Sicht: Statt Angst steht Kraft im Fokus, und sie beruht auf Werten, statt auf Furcht. Wie also lassen Sie dieses großartige Versprechen wahr werden? Als jemand, der beruflich und privat viel Erfahrung mit Burn-out hat, sage ich Ihnen, dass Sie mit Sicherheit bei der Frage beginnen müssen, warum diese Form der Erziehung auch gut für Sie ist.
Emily Edlynn
„Kinder brauchen Flügel, keine Helikopter!“
356 S., Mankau Verlag, 22 €
Siehe auch unter „Wortwelten“ S. 55.
Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Mankau Verlages.

Autor: Wolfgang Schmidbauer
Im Nachlass meines im März 1939 geborenen Bruders fand ich ein Album mit Fotografien aus seinen ersten Lebensjahren. Ich besaß einen ähnlichen Band, helle Pergament-Imitation mit blauen Ecken aus Kunstleder. Zuerst war ich gar nicht sicher, ob wirklich Ernst abgebildet war und nicht ich. Auf den Fotos in „meinem“ Album war ich das Kind mit den blonden Locken und dem sonnigen Gesichtsausdruck; Ernst neben mir trug die Haare kurz, gescheitelt und blickte – ernst.
Ich blätterte vor, ich blätterte zurück, es war klar: Dieser blühend und fröhlich aussehende, in das Objektiv lächelnde kleine Junge war mein großer Bruder, das erste Kind seiner Eltern, vom Fotografen in das beste Licht gerückt. Dann wurde ich geboren, Ernst musste zum ersten Mal zum Haareschneiden, seine Locken fielen, meine wuchsen. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich: der Blick verhangen, der Mund gerade, die bisher vollen Lippen schmal und gepresst. Wenn ich seine Stimmung einfangen möchte, war es die Veränderung von „schön ist es auf der Welt zu sein“ zu „es wartet eine Aufgabe“.
Unser Vater war ein leidenschaftlicher Fotograf, der seine Filme selbst entwickelte und in einer improvisierten Dunkelkammer bearbeitete. Im Mai 1941 kam ich zur Welt, der zweite Sohn. Auf den Fotos ab 1942 war Ernst zu sehen, der in den Kinderwagen blickt, neben dem Baby steht, mit einem Gesichtsausdruck, der zu seinem Namen und zu meinen Erinnerungen an ihn passt.
Unser Vater hat seine beiden Söhne zuletzt im Dezember 1942 fotografiert, wie sie die Kerzen am Weihnachtsbaum bestaunen und gemeinsam in einem Bilderbuch blättern. Viele Stunden seines letzten Fronturlaubs muss er damit verbracht haben, die Negative zu vergrößern und die Bilder in ein Album zu kleben, mit lakonischen Bemerkungen in seiner fließenden Handschrift. Im Januar 1944 ist er dann in der Ukraine gefallen, südlich von Kiew.
Der Eindruck, den das Gesehene auf mich gemacht hatte, mischte sich mit der aktuellen Trauer über Ernsts Tod. Jedenfalls traf mich der tragische Aspekt der Geschichte des Erstgeborenen wie ein Schlag. Ich war unschuldig und doch der Täter. Ich hatte ihm etwas kaputt gemacht.
Unsere kluge Mutter hat ihrem Erstgeborenen wohl gar nicht so banale Dinge gesagt wie, er sei nun groß und müsse vernünftig sein. Das war nicht nötig, das ergab sich wie von selbst und war doch schrecklich. Bisher gehörten ihm Welt und Mutter allein; jetzt war klar, dass er beides teilen musste und das Ganze verloren hatte. Ich hingegen wusste von Anfang an, dass da neben der Mutter noch ein Gefährte war, den ich interessant fand, von dem ich lernen, mit dem ich spielen konnte, freilich stets darauf bedacht, dass ich dem Zentrum der Macht näher blieb als er.
Ich kann nicht entscheiden, ob mir die Veränderung meines Bruders in dem Album aufgefallen wäre, wenn ich nicht durch meine Arbeit als Psychoanalytiker und Familientherapeut geschult wäre, auf solche Details zu achten. Zudem hatte ich in den letzten Jahren einige Patientinnen und Patienten analysiert, deren unbewusste Konflikte wieder und wieder in die beschriebene Situation führten: Sie sind Erstgeborene, sie nehmen Situationen ernst und schwer, die andere abschütteln, sie kämpfen darum, Beziehungen zu ordnen, zu kontrollieren, sie fühlten sich schuldig, wenn sie sich über weniger pflichtbewusste Kollegen ärgern.
Ich kann mich kaum erinnern, wie oft ich beschloss, nie wieder mit Ernst zu spielen, ihm nie wieder ein Buch zu leihen, nichts mehr zusammen zu unternehmen. Es war wie bei Mark Twain: Nichts ist leichter, als das Rauchen aufzugeben, ich hab’ es schon hundertmal gemacht. Wenn in einer Therapie die Rede auf schwer erträgliche Geschwisterkonflikte kommt, sage ich manchmal: „Geschwister sind schrecklich. Aber keine zu haben ist schlimmer.“
Die Entscheidung, dieses Buch zu schreiben, hat sich aus dieser spät erkannten Verwandlung meines erstgeborenen Bruders und den vielfältigen Erfahrungen mit Erstgeborenen in der Einzel-, Gruppen- und Familientherapie gefügt. Beide Quellen spiegelt der Text. Ich werde zeigen, dass es fundamentale Unterschiede zwischen Erstgeborenen und allen anderen Geschwisterpositionen gibt, die in modernen Familien besonders ins Gewicht fallen. Wenn wir sie uns vergegenwärtigen, werden wir vergangene wie aktuelle Konflikte besser verstehen. Wenn ich Ernst und mich selbst immer wieder als Beispiele heranziehe, hat das den Vorzug, dass ich unbefangen und detailgetreu erzählen kann, während in den Fallgeschichten aus der Praxis die Personen durchweg in Fiktionen verkleidet wurden, um sie unkenntlich zu machen.
Zur Vorbereitung auf meine Aussagen bitte ich Leserinnen und Leser um Verständnis für eine Neigung zur (Über)Pointierung. Sie entspringt der therapeutischen Arbeit, in der es darum geht, Aufmerksamkeit zu wecken und Denkprozesse anzustoßen. Ganz bestimmt opfern nicht alle Erstgeborenen ihre Kindheit den Geschwistern, leben nicht alle Kinder mehr unter Erwachsenen und weniger zwischen Kindern. Aber wenn das geschieht, verdienen die entstehenden Probleme unsere Aufmerksamkeit. Entwicklungsprozesse sind durchweg vielfältig bestimmt, Erbanlagen, soziale Einflüsse, persönliche Entscheidungen wirken zusammen. Sie können die Macht der Geschwisterrolle kompensieren oder überdecken; zu jedem Einzelbeispiel gibt es ein Gegenbeispiel. Das sollte uns aber nicht hindern, uns in einzelne Fälle zu vertiefen und sie so gut wie möglich zu durchleuchten.
Mein Entschluss, das Allgemeine mit dem Persönlichen zu mischen, Aussagen über die Dynamik der Erstgeborenen mit meiner eigenen Bruderbeziehung zu verknüpfen, steht auch für dieses Dilemma. Die eigene Geschichte prägt das, was die Psychoanalyse Gegenübertragung nennt: Gedanken, Gefühle und Fantasien, die den Blick des Psychologen lenken und, wo sie unbewusst bleiben, sein Urteil trüben. Indem ich freimütig über meine Bruderbeziehung spreche, sollten – so hoffe ich wenigstens – Leserinnen und Leser ein Gefühl für die Eigenart einer Wissenschaft entwickeln, die Unbewusstes bewusst macht.
Die moderne Familie
In den Kleinfamilien der hoch entwickelten Länder haben sich viele Dinge verändert. Noch vor zweihundert Jahren wuchsen weitaus die meisten Kinder in Dörfern auf. Es wäre weder Mutter noch Vater in den Kopf gekommen, dass Erwachsene mit Kindern spielen sollen. Gespielt wurde durchaus, mehr und sicher wilder als heute, denn wenn das Baby zum Spielkind reifte, zog es hinaus und konnte sich in einer Gruppe zusammen mit anderen Kindern, gleichaltrigen, älteren, bald auch jüngeren auf die Vielfalt menschlicher Beziehungen, auf Liebe, Hass, Neid und Eifersucht vorbereiten.
Heute gibt es viele Einzelkinder; am häufigsten ist die Zweikinderfamilie. Spielgruppen sind gleichaltrig und werden von Erwachsenen kontrolliert. Eltern fühlen die Pflicht, ihre Kinder zu fördern, Lehrer fordern die Klasse auf, sich bei Mobbing an sie zu wenden. Kinder wachsen nicht mehr im Freien mit Kindern auf, sondern in geschlossenen Räumen unter Erwachsenen. Geschwister können die archaischen Spielgruppen, die Stammeskultur und Dorfleben prägten, nicht ersetzen.
Ich habe viele Jahre mit Therapie- und Selbsterfahrungsgruppen gearbeitet, die in der Weiterbildung von Therapeuten und Beratern eine wichtige Rolle spielen. Manchmal glaubte ich den Verlust der urtümlichen Spielgruppe zu ahnen, wenn der Freiraum, sich in einer sozialen Situation darzustellen und neugierig auf Menschen zuzugehen, erst einmal kaum genutzt wurde. Zehn kluge, sozial interessierte Menschen in einem Raum haben Mühe, die Ängste zu überwinden, die das schlichte Angebot auslöst, zu sagen, was sie gerade übereinander denken, fühlen und herausfinden möchten.
Einige Male habe ich Untergruppen gebildet. Sie sollten gemeinsam darüber nachdenken, was die Geschwisterrolle mit uns macht: Älteste, Jüngste, Mittlere und Einzelkinder. Typische Äußerungen sind, dass die Erstgeborenen sich an den Verlust der eigenen Kindheit erinnern, wenn ein Geschwister kommt, aber auch an den Gewinn an Macht und Einfluss. Sie fühlen sich verantwortlich, sie werden in die Rolle des Vorbilds gedrängt und geben sich dann auch Mühe, diese auszufüllen.
Das führt zu Konflikten außerhalb der Familie. Eine Szene, geschildert in einer Therapie: Der Erstgeborene trägt sein erstes Gymnasialzeugnis nach Hause, nur Einsen, im Sport die Zwei. Auf dem Weg trifft er einen etwas älteren Jungen, der sich nach den Noten erkundigt. Arglos gibt der Elfjährige Auskunft. Der Kommentar des Älteren „Ein echtes Streberzeugnis“ erschüttert ihn zutiefst. Er will unbedingt die Sportnote verbessern und übt an der Stange, bis er blaue Flecken hat. „Bis heute fürchte ich, dass mich jemand für einen Streber hält, ich sage nie meine Noten.“
Die Tragik dieser Szene liegt darin, dass der Elfjährige den impliziten Auftrag der Mutter erfüllt, den beiden jüngeren Geschwistern ein zuversichtlich stimmendes Vorbild für den Übertritt in das Gymnasium zu sein. Indem er das tut, macht er sich angreifbar, gilt als Streber und Schleimer. Zusammengefasst: Wer innerhalb der Familie Verantwortung übernehmen und Vorbild sein soll, kann eben deshalb außerhalb der Familie anecken und eingeschüchtert auf der Strecke bleiben.
Erstgeborene finden die Jüngeren (die für sie nie wirklich aufhören werden, die Kleinen zu sein) ansprüchlich und undankbar. Sie mussten den Eltern Freiheiten abringen, die den jüngeren Geschwistern in den Schoß fallen. Sie formen die Eltern (oder versuchen es wenigstens), unterstützen sie, sich angemessen um ihre kleinen Geschwister zu kümmern, und erwarten Dankbarkeit.
Die Jüngeren hingegen sehen nicht ein, warum sie dankbar sein sollen. Das wäre doch eher Pflicht der Erstgeborenen, die sich so lange wichtigmachen durften und sich dann auch noch geziert haben, von ihrem Vorsprung abzugeben. Die mittleren Kinder schauen angesichts solcher Debatten nach beiden Richtungen und sagen sich, ach, wir können die Großen verstehen und die Kleinen auch, wir kennen beides, wir sind erst die Kleinen gewesen, und als dann noch jemand geboren wurde, waren wir auf einmal die Großen. Immer gab es jemand, der oder die das schon gewesen war. Was wir an Bedeutung gewonnen haben, haben wir auch wieder verloren. Wir sind flexibel, ziehen los und suchen anderswo unser Glück.
Wolfgang Schmidbauer
„Die Erstgeborenen“
176 S., Bonifatius Vlg., 18 €
Siehe auch unter „Wortwelten“ S. 57.
Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Bonifatius Verlages.

Autorin: Yovonne Diewald
Yvonne Diewald ist erfolgreiche Neuro-Coachin mit einer besonderen Geschichte: Ihrem viel zu früh geborenen Sohn Dominic wurde von den Ärzten diagnostiziert, dass er wegen seiner Hirnschädigung
niemals gehen, sprechen oder schreiben können würde. Doch ihr gelang, was niemand für möglich hielt: Dominic lebt aufgrund des konsequenten Trainings mit seiner Mutter heute ein glückliches und
selbstständiges Leben und ist der beste Beweis, dass unsere Gehirne veränderbar sind. Die Erfahrungen mit ihrem Sohn, ihr Wissen als Neurowissenschaftlerin und die langjährige Praxis als
Transformationsexpertin konzentriert Yvonne Diewald in ihrem lebensverändernden REMIND®-Programm. Darin zeigt sie, wie wir unsere Gehirne selbst programmieren und uns so von unseren Problemen
befreien können, seien es Depressionen oder Ängste, Schwierigkeiten in Beziehungen oder im Umgang mit Finanzen. Diewald zeigt auf, wie belastende Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster in unserem
Gehirn entstehen und dort als neuronale Dauerschleifen aktiv sind. REMIND® erklärt in sechs Schritten, wie wir uns dieser Muster bewusstwerden, sie unterbrechen und neue förderliche neuronale
Programme anlegen und verfestigen können. Damit unser Gehirn auf Gesundheit, Liebe und Erfolg ausgerichtet wird.
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Autorinnen: Jasmin Schlimm-Thierjung, Sandrella Lithoxopoulos
In der heutigen Welt fällt es vielen schwer, Ruhe zu genießen. Ein Hauptgrund ist die dauerhafte Erreichbarkeit und Ablenkung durch Smartphones und digitale Medien, die zu Reizüberflutung führen. Gesellschaftlicher und Leistungsdruck tragen dazu bei, dass viele sich verpflichtet fühlen, ständig produktiv zu sein.
Moderne Technologien bieten sofortige Belohnungen durch Likes und Benachrichtigungen, die süchtig machen. Deshalb empfinden viele längere Ruhephasen oder Stille als langweilig oder unangenehm. In diesen Momenten können Angst und Unruhe auftreten, weil man sich mit eigenen Gedanken und Gefühlen auseinandersetzen muss. Stress und ungelöste Probleme werden dann intensiver wahrgenommen und deshalb oft gemieden.
Laut einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse fühlen sich fast 70% der Deutschen häufig gestresst. Als Hauptursachen wurden beruflicher Druck und ständige digitale Vernetzung ausgemacht. Die
negativen Auswirkungen auf die Gesundheit sind erheblich: Dauerhafte Erreichbarkeit und Informationsflut führen zu mehr Stress und Burnout.
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Tsoknyi Rinpoche: Wenn ich ein Wort wählen müsste, um den schwierigsten Aspekt unseres modernen Lebensstils zu beschreiben, dann wäre es »Schnelligkeit«. Das Tempo unseres Privat- und Arbeitslebens in Verbindung mit der Fülle an Informationen und Reizen, die uns ständig erreichen, kann uns aus dem Gleichgewicht bringen und uns unzufrieden machen. Geschwindigkeit, Reizüberflutung und Druck lassen uns empfindlicher und verletzlicher werden. Diese Kräfte hämmern immer wieder auf unsere sensibilisierten Körper und Sinne ein.
Bei näherer Betrachtung von Stress merkte ich aber, dass physischer Körper und kognitiver Verstand eher nicht das Hauptproblem sind. Wir können uns nur so schnell bewegen, wie wir uns bewegen können. Wir sind normalerweise in der Lage, recht schnell zu denken, wenn es notwendig ist. Wo liegt also das Problem? Was stresst uns so sehr? Es ist unsere energetische Welt: unsere Gefühle, Emotionen, Empfindungen und unser Flow. Diese Grauzone wird von uns oft übersehen oder abgetan. Die tibetische Tradition nimmt diesen Bereich des Menschseins allerdings sehr ernst und bietet eine Reihe von Techniken sowie Einsichten an, wie wir unsere Energie ausgleichen und gesund halten können. Und darin liegt der Schlüssel.
Wie ich im letzten Kapitel erwähnte, konnte ich die Auswirkungen von hohem Tempo und Stress in meinem eigenen Leben sehen und in meinem Körper spüren. Diese Dinge stauten sich mit der Zeit auf und begannen mich zu beeinträchtigen. Ich wurde neugierig, wo sich die Auswirkungen tatsächlich bemerkbar machten, und ging sogar zu einer Untersuchung bei meinem Arzt. Körperlich war alles in Ordnung. Als ich in mich hineinschaute, sah ich, dass auch mein Verstand in Ordnung war – er war immer noch scharf und schnell. Was wurde also so sehr beeinträchtigt? Ich erkannte, dass das hohe Tempo und der Stress vor allem meine Energie und meine Gefühle beeinträchtigten – das, was ich inzwischen meinen Gefühlskörper nenne. Ich merkte, dass meine Energie und mein Atem oben in meiner Brust und in meinem Kopf saßen, anstatt unten im Bauch. Dadurch fühlte ich mich aufgekratzt, leicht aus dem Gleichgewicht und nicht geerdet. Ich spürte einen leichten Druck im Kopf und ein leichtes Brennen in den Augen. Mit der Zeit spürte ich auch weniger Freude an Dingen, die mir normalerweise Spaß gemacht hatten, und fing an davon zu träumen, wann ich mir einen Tag freinehmen könnte, um nichts zu tun, oder wann ich das nächste Mal einen Urlaub einschieben könnte. Als ich dieses Muster bei mir selbst erkannte, begann ich es überall zu sehen; bei Menschen, denen ich begegnete, und bei Schülern, die ich überall auf der Welt unterrichtete. Glücklicherweise hatte ich einen gewissen Background in der Arbeit mit Körper und Geist, sodass ich in der Lage war, Techniken anzuwenden, um meine Situation zu verbessern. Als ich anfing, diese Methoden weiterzugeben, stellte ich fest, dass die Menschen sie als hilfreich empfanden. Und so sind die Techniken, die wir in diesem Kapitel vorstellen, solche, die mir und vielen meiner Freunde und Schüler geholfen haben.
Versuchen Sie für einige Momente Folgendes:
Schließen Sie die Augen und lassen Sie Ihr Gewahrsein in den Körper fallen. Seien Sie mit allem, was auch immer geschieht, präsent. Fühlen Sie einfach nur, wie es ist. Fühlen Sie sich gestresst oder entspannt? Wie fühlt sich das an? Können Sie die physischen Empfindungen des Körpers (Wärme, Kühle, Schmerz, Behagen, Spannung) von den subtileren energetischen Gefühlen (wie etwa vibrierend, schnell, ängstlich, ruhig und so weiter) unterscheiden? Was auch immer geschieht: Sperren Sie sich nicht dagegen und sorgen Sie sich nicht. Fühlen Sie es einfach nur.
Die drei Tempolimits
Als ich mir an jenem Morgen in Kathmandu vornahm, langsamer zu werden, half mir die Erfahrung, mich mit dem natürlichen Tempo meines Körpers zu bewegen, einen wichtigen Unterschied zwischen meinem Körper, meinem denkenden Geist und meiner Energie zu verstehen. Als ich, wie bereits angedeutet, nach der Wurzel des Problems suchte, konnte ich den Stress zu meiner Überraschung weder in meinem Körper noch in meinem Geist finden. Ich erkannte, dass es drei Arten von Tempo gibt: das körperliche, das kognitive und das gefühlsmäßige oder energetische Tempo. Ich konnte ohne Stress und Anspannung gehen und mich schnell bewegen. Mein Körper konnte sich so schnell bewegen, wie er musste; das Problem lag nicht dort. Mein Geist konnte schnell und kreativ denken; auch das war in Ordnung. Es war meine Gefühlswelt, die aus dem Gleichgewicht geraten und verzerrt war. Ich erkannte also, dass sich Stress in der energetischen Welt, der Gefühlswelt, ansammelt. Je mehr ich verstand, was in mir vorging, desto deutlicher sah ich es auch im Außen, überall auf der Welt. Wie auch immer wir es nennen: Eile, Unruhe, Rastlosigkeit, Stress. Ich glaube, fast alle von uns können das nachvollziehen.
Ich nenne dieses Verständnis die »drei Tempolimits«: das körperliche, das verstandesmäßige und das gefühlsmäßige oder energetische Tempolimit. Der Körper hat sein eigenes gesundes Tempo, aber die Gefühlswelt kann auf eine verzerrte Weise gehetzt werden. Dieses Gefühl von ruheloser, ängstlicher Energie ist nicht gesund. Es ist verzerrt, weil es nicht rational ist; es stimmt nicht mit der Realität überein. Die schnelle Energie sagt uns, dass wir möglichst jetzt ankommen müssen, selbst wenn uns das nicht möglich ist. Die Angst sagt uns, dass wir sterben werden; obwohl das gar nicht der Fall ist. Um das Tempolimit des Körpers von dem der Gefühlswelt zu unterscheiden, stellen Sie sich vor, Sie müssten einen großen Raum aufräumen. Sie gehen hinein und sehen, was zu tun ist. Möbel umstellen, Staub wischen und Staub saugen – das wird etwa eine Stunde dauern. Dies ist das physische Tempolimit. Die Gefühlswelt hingegen kann entweder entspannt sein oder die ganze Zeit auf uns einhämmern: Mach schneller! Werd so schnell wie möglich fertig! Ich will, dass es vorbei ist! – Wenn wir das Aufräumen so angehen, fühlen wir uns die ganze Zeit gestresst und in zwanzig Minuten ausgebrannt. Doch ist unsere Energie entspannt, so können wir unser natürliches Tempolimit respektieren und den Raum genauso gut reinigen, ohne dass wir uns gehetzt oder ruhelos fühlen. Vielleicht fühlen wir uns sogar erfrischt, wenn wir fertig sind.
Wenn wir nicht zwischen diesen Tempolimits unterscheiden, ist es so, als hätten wir das Problem nicht richtig diagnostiziert und könnten daher nicht die richtigen Gegenmittel anwenden. Ein großes Missverständnis liegt in der Vorstellung, dass schnelle Energie und schnelle Bewegung fast dasselbe sind. Dann versuchen wir entweder unseren Körper oder unser Denken zu verlangsamen. Beides funktioniert nicht, denn unser Körper und unser kognitiver Geist sind nicht der Ort, an dem das Problem liegt, und auch nicht der Ort, an dem die Lösung zu finden ist. Und nicht nur das: Diese Strategien verursachen nur weitere Probleme. Wenn wir unseren Körper und unseren Geist verlangsamen, mögen wir anfangen uns Sorgen zu machen, ob wir gut in der Welt funktionieren können. Es kann auch sein, dass wir beginnen Angst zu haben und uns von der Welt zurückziehen, als sei sie ein Feind. Aber wir müssen funktionieren; das Leben ist schnell, und wir können es nicht verlangsamen. Wir müssen schnell sein in der Welt. Wir müssen unseren Körper und unseren Verstand bewegen. Schnelles Denken ist gut, es ist nützlich! Was ist also dieser dritte Teil unseres Wesens, dieser undurchsichtige Bereich der Gefühlswelt? Ich denke wirklich, er ist der Schlüssel zum Verständnis von Stress und der Arbeit damit.
Lassen Sie Ihr Gewahrsein in den Körper fallen und empfinden Sie die Gefühle, wie auch immer sie sein mögen. Sind die Gefühle überdreht oder ängstlich, dann fühlen Sie dies. Sind sie entspannt und geerdet, dann fühlen Sie das. Ob Sie sitzen oder stehen, beginnen Sie Ihren Körper zu schütteln und bewegen Sie Ihre Hüften, Ihre Schultern und Arme, so als tanzten Sie zu Ihrer Lieblingsmelodie. Spielen Sie mit der Bewegung, sowohl wenn Sie innerlich angespannt als auch entspannt sind. Spüren Sie, wie diese Zustände sich anfühlen. Beobachten Sie, ob Sie sich normal oder sogar schnell bewegen können, ohne dass Sie innerlich angespannt sind.
Tsoknyi Rinpoche & Daniel Goleman:
„Meditieren - 7 einfache Praktiken für einen ruhigen Geist“
Lotos Vlg., 256 S., 22 €
Siehe auch unter „Wortwelten“ auf S. 54.
Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Lotos Verlages.

Autorin: Birgit Haus
Lieben ohne Leiden wollen wir alle. Vielleicht gibt es heute deshalb so viele Singlehaushalte wie nie zuvor. Aber Vermeidung von Beziehung ist nicht die Lösung. Wir Menschen sind Beziehungswesen. Wir brauchen Verbindung und suchen auch immer bewusst oder unbewusst danach. Deshalb soll dir dieses Buch helfen, einen Weg zu finden, wie es endlich gelingen kann, in einer Beziehung zu lieben, ohne zu leiden.
Lieben ohne Leiden ist der Übergang von der Dunkelheit zum Licht. Es ist ein Weg, für den wir uns entscheiden können. Solange wir in der Liebe, in unseren Partnerschaften leiden, haben wir kein Bewusstsein über das, was zwischen uns Liebenden passiert. Wir haben unbewusste Erwartungen an den anderen. Der andere soll uns geben, was wir brauchen. Aber wir sagen es ihm oder ihr nicht, weil wir es ihm schon so oft gesagt haben. Oder wir wissen selbst nicht so genau, was wir wirklich brauchen, gehen aber davon aus, dass unser Gegenüber es spüren müsste.

Autor: Ulrich Schaffer
Gedichte über Demenz, die Demenz des Partners und über den Umgang mit diesem Zustand, diesem Erlebnis? Ist das angebracht? Ich habe es mir überlegt und mir dann gesagt, dass meine Gedichte schon seit Jahrzehnten von dem handeln, was mich in meinem Leben betrifft, was mich also besonders angeht. Die Demenz meiner Frau ging mir sehr nahe und ich bin oft 24 Stunden am Tag damit in Berührung gekommen. Darum sah ich keinen Grund, nicht auch Gedichte über ihre Demenz zu schreiben. Es war nicht alles in meinem Leben, aber sehr viel. Viele meiner Entscheidungen mussten den Zustand meiner Frau berücksichtigen. Ich konnte nicht einfach das Haus verlassen, nicht tun, was ich gerne wollte, ohne zumindest dafür zu sorgen, dass zuhause alles gut weitergeht.
Aber ich war mit unserem Schicksal nicht allein. Unsere Freunde in Vancouver und hier in Gibsons an der Sunshine Coast von British Columbia in Kanada haben uns begleitet. Auch unsere Freunde in Europa waren für uns da und wir haben in regem Kontakt mit ihnen gelebt, auch per Videokonferenz und Zoom. Diese Kontakte hielten die Welt auch für Waltraud offen. Sie war nicht eingeschlossen in ihrem Zustand.

Autor: Richard C. Schwartz
Mit dem Modell des inneren Familiensystems (IFS) Trauma heilen und zur Ganzheit zurückfinden
Als Psychotherapeut habe ich mit vielen Menschen gearbeitet, die zu mir kamen, nachdem ihr Leben kurz zuvor regelrecht zusammengebrochen war. Alles war bestens gelaufen, bis unvermutet ein Herzinfarkt, eine Scheidung oder der Tod eines Kindes auf den Plan traten. Ohne dieses erschütternde Ereignis wären sie nie auf die Idee gekommen, eine Therapie zu machen, denn sie hatten sich erfolgreich gefühlt. Nachdem so etwas passiert ist, hat man nicht mehr dasselbe Maß an Antrieb und Entschlossenheit. Frühere Ziele wie ein großes Haus oder Anerkennung durch andere verlieren ihre Bedeutung. Man fühlt sich auf ungewohnte, beängstigende Weise haltlos und verletzlich. Außerdem ergibt sich eine neue Offenheit. Durch die Risse im Schutzpanzer kann etwas Licht dringen.
Ein solches Ereignis mag wie ein Weckruf wirken, wenn ich den Betroffenen helfen kann, die angestrengten, materialistischen und konkurrenzorientierten Teile, von denen ihr Leben bisher beherrscht wurde, davon abzuhalten, die Dominanz wiederzuerlangen. Dann können diese Menschen erforschen, was sonst noch in ihrem Innern vorhanden ist. Dabei finden sie in der Regel Zugang zu dem, was ich als das Selbst bezeichne. Es ist ein Wesenskern aus Ruhe, Klarheit, Mitgefühl und Verbundenheit. Aus ihm heraus können sie jenen Teilen von sich zuhören, die von dominanteren Teilen in die Verbannung geschickt wurden. Wenn sie feststellen, dass sie einfache Freuden lieben – den Aufenthalt in der Natur, Lesen, kreative Tätigkeiten, ihren Freundeskreis, die Nähe zu Partnerin, Partner oder Kindern, die Unterstützung anderer Menschen –, dann entscheiden sie sich oft, ihr Leben so zu ändern, dass Raum für ihr Selbst und die neu entdeckten Teile in ihnen entsteht.
Es ist kein Zufall, dass solche Menschen und wir alle von angestrengten, materialistischen und konkurrenzorientierten Teilen beherrscht werden. Schließlich ist das genau die Einstellung, die in den meisten Ländern der Erde dominiert, besonders in meiner Heimat, den Vereinigten Staaten. Wenn meine Klientinnen und Klienten im Klammergriff solcher Teile sind, achten sie kaum auf den Schaden, den sie ihrer Gesundheit und ihren Beziehungen zufügen. In ähnlicher Weise nehmen von grenzenlosem Wachstum besessene Länder kaum Rücksicht auf die Wirkung, die ihr Verhalten auf die Mehrheit ihrer Bevölkerung, das Klima und die ganze Erde hat.
Solche blinden Bestrebungen – von einzelnen Menschen oder ganzen Ländern – führen normalerweise zu irgendeiner Art Zusammenbruch. Während ich dies schreibe, befinden wir uns inmitten der Covid-19-Pandemie. Sie hat das Potenzial, der Weckruf zu sein, den wir brauchen, um später nicht Schlimmeres zu erleiden, aber es bleibt abzuwarten, ob die Politik diese schmerzhafte Pause nutzen wird, der Mehrheit der Bevölkerung zuzuhören und zu lernen, mit anderen Ländern zu kooperieren, statt zu konkurrieren. Ob wir uns wohl national und international so ändern können, wie es meinen Klientinnen und Klienten oft gelingt?
Von Natur aus gut
Die nötigen Veränderungen werden wir nicht ohne ein neues Modell des Denkens zustande bringen. Dazu schreibt der Ökologe Daniel Christian Wahl:
»Die Menschheit wird erwachsen und braucht eine ›neue Geschichte‹, die kraftvoll und bedeutungsvoll genug ist, eine globale Zusammenarbeit in Bewegung zu setzen und eine kollektive Reaktion auf die parallelen herbeizuführen [...] In dem fundamental vernetzten und von gegenseitiger Abhängigkeit geprägten Planetensystem, zu dem wir gehören, sorgen wir dann am besten für uns und uns nahestehende Menschen, indem wir uns mehr um den Nutzen für das Kollektiv (allen Lebens) kümmern. Sinnbildlich ausgedrückt, sitzen wir alle im selben Boot, unserem planetaren Lebenserhaltungssystem, das Buckminster Fuller als ›Raumschiff Erde‹ bezeichnete. Ein Denken im Sinne von ›die anderen gegen uns‹, das die Politik zwischen Nationen, Unternehmen und Menschen allzu lange beherrscht hat, ist zutiefst anachronistisch.«
Der frühere amerikanische Präsident Jimmy Carter ist derselben Meinung: »Was wir jetzt mehr denn je brauchen, ist eine politische Führung, die uns von der Angst wegsteuert und mehr Vertrauen in das angeborene Wohlwollen und den Erfindungsreichtum der Menschheit fördert.« So, wie es momentan steht, können unsere Politiker das allerdings nicht tun, denn die gängige Denkweise hebt die dunklen Aspekte der Menschheit hervor. Deshalb brauchen wir ein neues Paradigma, welches überzeugend darstellt, dass die Menschheit von Grund auf gut und untrennbar miteinander verflochten ist. Mit einem solchen Verständnis können wir endlich den Schritt von einer ego-, familien- und ethnozentrischen Haltung hin zu einer spezies-, bio- und planetenzentrischen Haltung tun.
Leicht wird diese Veränderung nicht sein, denn allzu viele unserer zentralen Institutionen basieren auf der dunklen Perspektive. Ein Beispiel ist der Neoliberalismus, die ökonomische Philosophie von Milton Friedman. Sie bildet die Basis des ruinösen Kapitalismus, der seit den Tagen von Ronald Reagan und Margaret Thatcher viele Länder beherrscht, darunter die Vereinigten Staaten. Der Neoliberalismus geht von der Annahme aus, dass der Mensch von Grund auf eigennützig ist, weshalb alle in einer Welt, in der nur die Tüchtigsten überleben, für sich selbst sorgen sollen. Die Regierung soll sich zurückhalten, damit die Tüchtigsten uns helfen können, nicht nur zu überleben, sondern auch zu gedeihen. Diese ökonomische Philosophie hat sowohl zu gewaltiger Ungleichheit geführt als auch zu der Vereinzelung und Polarisierung unter den Menschen, die heute so dramatisch sichtbar wird. Daher ist die Zeit reif für einen neuen Blick auf die menschliche Natur, die den Geist der Zusammenarbeit und Fürsorglichkeit freisetzt, der in unserem Herzen wohnt.
Das Versprechen von IFS
Ich weiß, es klingt vollmundig, aber dieses Buch bietet ein belebendes, von praktischen Anwendungsmöglichkeiten begleitetes Paradigma, mit dem die nötigen Veränderungen erreicht werden können. Es ist voller Übungen, die meine radikal positive Ansicht über den menschlichen Geist bestätigen werden. Dadurch können Sie selbst entsprechende Erfahrungen machen (statt mir einfach Glauben zu schenken). Ich arbeite nun schon fast vier Jahrzehnte an IFS, dem System der Inneren Familie. Es war eine lange, faszinierende und – wie in diesem Buch deutlich werden wird – spirituelle Reise, von der ich Ihnen erzählen will. Sie hat meine Ansichten über mich selbst, über andere, über das Gute im Menschen und darüber, wie viel Wandel möglich ist, entscheidend verändert. Im Lauf der Zeit hat auch IFS sich verändert. Von einer reinen Psychotherapie ist es zu einer Art spiritueller Praxis geworden, auch wenn man sich nicht als spirituell bezeichnen muss, um es zu praktizieren. Im Kern ist IFS ein liebevoller Umgang mit dem Inneren (also mit den eigenen Teilen) und der Außenwelt (den Menschen in unserem Leben), weshalb es in diesem Sinne auch eine Lebenspraxis ist.
Es ist etwas, was Sie täglich in jedem Moment tun können – zu jeder beliebigen Zeit, allein oder im Umgang mit anderen. An diesem Punkt meldet sich womöglich ein Teil von Ihnen, der skeptisch ist. Für die Einleitung eines Buchs waren das schließlich eine Menge Versprechen. Ich bitte daher nur darum, dass Ihr kritischer Teil Ihnen genügend inneren Raum lässt, sich eine Weile mit den hier vorgestellten Ideen zu beschäftigen und dabei auch einige von den Übungen auszuprobieren. Nach meiner Erfahrung ist es schwer, an das Versprechen von IFS zu glauben, bis man sich tatsächlich an die Arbeit macht.
Wir sind alle multipel veranlagt
Wir sind allesamt in einem Glaubenssystem aufgewachsen, das als eingleisig bezeichnet werden kann. Es ist die Vorstellung, wir hätten einen einheitlichen Geist, aus dem verschiedene Gedanken, Emotionen, Impulse und Bedürfnisse kämen. An dieses Paradigma glaubte auch ich, bis ich in meiner therapeutischen Praxis auf Menschen stieß, die mich etwas anderes lehrten. Weil die Idee von einem einheitlichen Geist in unserer Kultur allgemein vorausgesetzt wird, zweifeln wir eigentlich nie daran, ob es sich wirklich um die Wahrheit handelt. Deshalb möchte ich Ihnen vorschlagen, einen Blick – einen zweiten Blick – darauf zu werfen, wer Sie wirklich sind. Konkret lade ich Sie ein, das Paradigma der Vielfalt auszuprobieren, von dem IFS ausgeht, und die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Sie wie alle anderen Menschen eine multiple Persönlichkeit haben. Was eine gute Sache ist.
Natürlich will ich damit nicht sagen, Sie hätten eine multiple Persönlichkeitsstörung (die heute als »dissoziative Persönlichkeitsstörung« bezeichnet wird). Allerdings glaube ich, dass Menschen mit dieser Diagnose sich gar nicht so sehr von allen anderen unterscheiden. Was bei diesen Personen als »Alters« bezeichnet wird, ist dasselbe, was wir in IFS »Teile« nennen, und sie existieren in uns allen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Menschen mit einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung meist furchtbare traumatische Erlebnisse hinter sich haben, durch die ihr Teile-System mehr als üblich auseinandergesprengt wurde. Daher hebt sich jeder Teil deutlicher heraus und ist stärker mit den anderen polarisiert und von ihnen getrennt.
Anders ausgedrückt, werden wir alle mit vielen Unterpersönlichkeiten geboren, die in unserem Innern unablässig interagieren. Das ist genau das, was wir im Allgemeinen als »Denken« bezeichnen, denn die Teile sprechen ständig miteinander und mit uns, zum Beispiel über das, was wir tun müssten, über die beste Vorgehensweise und so weiter. Erinnern Sie sich doch daran, wie Sie einmal vor einer schwierigen Entscheidung standen. Wahrscheinlich haben Sie dann einen Teil sagen hören: »Pack’s an!«, während ein anderer warnte: »Lass bloß die Finger davon!« Weil wir meinen, es würde sich in einem solchen Fall nur darum handeln, dass wir zwiespältige Gedanken haben, achten wir nicht auf die inneren Akteure, die hinter der Debatte stehen. IFS hilft Ihnen dabei, diese Akteure nicht nur wahrzunehmen, sondern auch aktiv die innere Führung zu übernehmen, die Ihr Teile-System braucht.
Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Arbor Verlages.
Richard C. Schwartz: Kein Teil von mir ist schlecht
276 S., 26 €
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