Archiv Spiritualität


2020


August - Dezember 2020


Geweihte Zeit

©Joshua_seajw92 – pixabay.com
©Joshua_seajw92 – pixabay.com

Autorin: Rani Kaluza

 

“. . . Die einzige Verabredung, die ihr noch wichtig erschien, war die mit der Zeit. Diese Verabredung war es auch, wo sie sich wieder ansammelte, anfing Atem zu haben, anfing Beine zu haben, Arme, anfing eine neue Art von Körper zu haben, der am Ende, das wusste sie, ein Lächeln tragen würde wie eine Krone . . .“

 

Eine Weile völlig absichtslos da sein, Sinn und Zweck nicht kennen müssen. Einfach wahrnehmen, im Innen und im Außen, die momentane Befindlichkeit des Körpers, des Gemüts, des Verstandes, und die Atmosphäre des Raumes, in dem man ist und wo gerade nichts passiert. 

    

 

Nicht Tun.

 

Mühelos, ohne etwas zu beabsichtigen, sitzen, auf einem Stuhl, einer Bank, einem Meditationskissen, gehen, an den Ufern eines Sees, liegen, auf einem Baumstamm im Wald, auf einer Couch, mit Blick in den Garten oder in den Himmel.       

 

Man kann dem reinen Nicht Tun täglich ein paar Minuten weihen oder sich für längere Zeit darauf einlassen, für eine Stunde, einen Tag, für fünf Tage. Wie lange auch immer, jede Minute ist kostbar. Niemals verschwendet man seine Zeit, im Gegenteil, man segnet sie.

 

Sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, es geschieht von allein: Das Ticken einer Uhr, das Rauschen des Windes draußen in dem Bäumen, die zarte Staubschicht auf einer Vase, Licht, das auf den Blättern der Pflanze glänzt, ein Gefühl von Traurigkeit im Bereich des Bauches.    

 

Manchmal ist es gut den Rücken aufzurichten. Den Rücken aufrichten gleicht eine Pflanze, die sich zur Sonne hin ausrichtet. Es hat eine ordnende und klärende Wirkung.

 

Wahrnehmen und nichts verbessern müssen. So wie es in diesem Moment ist, ist es gut. Man könnte sich müde fühlen, rastlos, unsicher, verliebt oder genervt – alle Zustände und Gefühle sind willkommen und haben die Erlaubnis da zu sein, ohne Angst haben zu müssen, verurteilt zu werden. Man kann sich selbst fragen: Wie geht es mir? Wie fühle ich mich? Wen oder was finde ich, wenn ich die Augen schließe und in mich hineinspüre? Und man kann diese Fragen restlos ehrlich beantworten. Denn alles darf hier sein, genauso wie es ist, in der Zeit des Nicht Tuns (und natürlich auch sonst). 

 

Wenn ein Mensch auf diese Weise mit sich selbst umgeht, gleicht er einer Sonne, die mit ihren warmen Strahlen alles berührt, was ihr hingehalten wird. Die Sonne macht keinen Unterschied, ob sie auf einen Holzstapel oder auf eine Mülltonne scheint. Sie bewertet nichts, sie bevorzugt nichts, sie verbreitet ihr Licht.  

 

Bemerken wie Gedanken kommen und gehen. Spüren, wie die Hände den Stoff der Kleidung berühren oder die Armlehne des Stuhles, die kühl und glatt ist. Hören, wie irgendwo in der Nachbarschaft Telefon klingelt, sehen, wie die Gardine sich ganz leicht bewegt, als würde sie atmen. Bemerken, wie nach und nach immer mehr Stille einkehrt, während gleichzeitig absolut nichts passiert. Ein wahrhaftiger Mensch, der einfach nur da ist.

 

Am Anfang nimmt man die Stille vor allem in der Abwesenheit von Lärm wahr. In einer leeren Kirche, auf einem einsamen Berg, mitten auf einem See. Lässt man sich jedoch für eine längere Zeit auf das einfache Da-Sein ein, wird man früher oder später noch eine andere Stille kennenlernen. Eine raumhafte, kristallklare, tiefe Stille – eher wie Präsenz spürbar. Diese Stille ist überall, in jeder Rockfalte, in jedem Blatt, unter jedem Stein, in den Wolken und in den Bäumen, in den Pfützen und in den Muscheln, in den Haaren und in den Gedanken, ja selbst zwischen den Gedanken. Sie durchdringt alles, und ist selbst in dröhnendem Lärm anwesend. 

 

Vor allem, wenn man sich dem Nicht Tun mit ganzem Herzen überlässt, lädt man diese Stille unweigerlich zu sich ein. 

 

Indem Du nichts tust, um das Leben zu finden, findet das Leben Dich. Indem Du nichts tust, um Deinen momentanen Zustand zu verändern, findet Begegnung statt. Der Wunsch oder das Bestreben etwas anderes erreichen zu wollen, wird dabei Schritt für Schritt aufgegeben. Man gibt das Suchen und das Verändern-Wollen immer wieder auf und ist einfach. Das ist die Weisheit einfachen Da-Seins.

 

www.doingnothing.de 


April - August 2020


Es geht um die Liebe

Bild © skeeze auf pixabay.com
Bild © skeeze auf pixabay.com

Autorin: Ursula Richard

 

Die Liebe zeigt sich oft da, wo wir sie am allerwenigsten erwarten. Doch wenn sie uns findet und ergreift, eröffnet sie uns Möglichkeiten, uns selbst und das Leben neu zu verstehen. Ursula Richard beschreibt Begegnungen mit der Liebe und was diese sie gelehrt haben.

 

In der Schlussszene des Films „Alice still alive“ sitzen die schon in relativ jungen Jahren an Alzheimer erkrankte Alice, eine vormalige Universitätsprofessorin, und ihre Tochter, eine ziemlich erfolglose Schauspielerin, beisammen, und die Tochter, die inzwischen wieder im Elternhaus lebt und ihre Mutter pflegt, memoriert einen recht komplexen Text – vielleicht für eine Rolle – und fragt am Ende ihre Mutter, um was es denn darin gegangen sei. Alice, die große Mühe hat, überhaupt noch Worte hervorzubringen, sagt recht undeutlich, doch verständlich: „Liebe.“ Und die Tochter bekräftigt: „Ja, es geht um Liebe.“

 

Meine Mutter ist seit einigen Jahren dement. Seither lebt sie in einem Heim. Sie erkennt mich und meine Schwestern noch und weiß auch meist unsere Namen. Auch sich selbst erkennt sie auf Fotos, vor allem wenn sie aus ihrer Zeit als frisch verheiratete Frau oder junge Mutter stammen. Ihre Enkeltöchter erkennt sie auf Fotos meist nicht mehr. Wenn ich sie bei meinen Besuchen fotografiere und ihr die Bilder dann zeige, sagt sie manchmal ganz erstaunt: „Das ist ja mein Vater.“ Meine Mutter lächelt mich häufig an, ich streichle ihr Gesicht. Wir sind uns nah, so wie wir es jahrzehntelang nicht waren. Unser „Krieg“ war erst zu Ende, als sie dement wurde, da haben wir beide die Waffen der gegenseitigen Verachtung endgültig niedergelegt. Heute, wenn ich meine Mutter besuche, habe ich den Eindruck, dass sie immer mehr abwirft oder immer mehr von ihr abfällt und der Raum, der da in ihr entsteht, von Liebe und Zufriedenheit erfüllt ist. 

 

Das Loslassen von Selbstbildern

Weder Alice, die Filmfigur, noch meine Mutter haben sich in ihrem Leben besonderen spirituellen Übungen unterzogen, um dahin zu gelangen – zu dem Wissen, dass es letztlich, selbst wenn man sonst nichts mehr weiß, um Liebe geht, oder dahin, dass die Liebe immer mehr hervortritt. Die Liebe, immer wieder von Dichtern, aber auch von Mystikerinnen und religiösen Weisen wort- und bildreich beschrieben und besungen, scheint das zu sein, was bleibt, wenn, wie im Fall von Alice, alle anderen Gewissheiten verschwunden sind, es nichts mehr gibt, an dem man sich festhalten könnte, weder an einem Ich noch an einem Du. 

 

Der tibetisch-buddhistische Lehrer Chögyam Trungpa sprach in diesem Zusammenhang von einer uns angeborenen, grundlegenden Gutheit. Das heißt aber auch, wir müssen auf dem Weg der Liebe nichts entwickeln oder kultivieren, nichts schaffen, was wir nicht schon hätten, was nicht schon da wäre. Wir müssen „nur“ zulassen, dass es sich entfalten oder hervortreten kann. In den spirituellen Traditionen gibt es zahlreiche Methoden, Liebe und Wohlwollen in sich zu erwecken und zu kultivieren (im Buddhismus zum Beispiel die Metta-Meditation oder Tonglen), Übungen der liebenden Güte und des befreienden Mitgefühls. Sie mögen hilfreich sein, weil sie uns an das erinnern und mit dem verbinden können, was ohnehin da ist. Aber wir sollten nicht glauben, mit diesen Methoden etwas Neues zu schaffen, und uns daher von anderen meinen abheben und als etwas Besonderes fühlen zu können, weil wir ja „praktizieren“. 

 

Auf unserem Weg geht es nicht darum, immer mehr Gepäckstücke mit uns herumzutragen, sondern immer weniger. Letztlich geht es darum, dass wir uns selbst nicht mehr mit uns herumschleppen. Der tibetisch-buddhistische Lehrer Dzongsar Khyentse spricht vom Abschälen von Schichten oder Schalen, „um schließlich herauszufinden, dass es innen gar keine Frucht gibt“. Ihm zufolge geht es darum, dass wir uns von diesen Schichten befreien. Aber das fällt uns sehr schwer, weil wir uns an sie gewöhnen, sie unsere Identität ausmachen und wir an ihnen hängen: „In der Kindheit sind uns Sandburgen sehr wichtig. Wenn wir dann 16 Jahre alt sind, ist es das Skateboard und zu dem Zeitpunkt ist die Sandburg zu einer verrotteten Schale geworden. Im Alter von 30 oder 45 Jahren treten Geld, Autos und Beziehungen an die Stelle des Skateboards. All das sind weitere Schalen. Und mehr als das: Selbst die Pfade, die wir praktizieren, machen weitere Schichten aus, mit deren Hilfe wir zu weiteren Schichten vordringen, um sie abzutragen. Die innere Schale hilft uns, über die äußere nachzudenken, und motiviert uns, sie abzuschälen. Aber letztlich sollten wir frei sein von allen Systemen, von allen Schalen.“ 

 

Liebende statt Einsiedlerin

Manchmal erleben wir, wenn sich Selbstbilder, durch die wir uns vielleicht lange definiert und an die wir geglaubt haben, auflösen und nicht sofort ein neues an ihre Stelle tritt, Momente von Freiheit und Weite. Aber schnell stellen sich dann Gefühle von Ungeschütztheit und Unsicherheit ein – und schon greifen wir zu neuen Selbstbildern, die unsere Freiheit zwar wieder einengen, aber eine gewisse Sicherheit versprechen: Wir wissen wieder, wer wir sind, wo es für uns langgeht, denn dies nicht zu wissen, ist doch schwer auszuhalten. 

 

Nachdem ich gemerkt hatte, dass Selbstidentitäten wie „Buddhistin“ oder „Zen-Frau“ für mich immer brüchiger wurden und immer weniger stimmig waren, bildete sich in mir die Überzeugung, mein Weg führe fortan jenseits von klar definierten Traditionen mehr ins Alleinsein und in die Stille. Auch wenn ich davon in meinem Alltag recht wenig realisierte, stand mir als eine Art Ideal-Identität „die Einsiedlerin“ vor Augen, und ich war sicher, dass das letztlich die mir gemäße Lebensform war – und dann verliebte ich mich während eines Zen-Retreats Hals über Kopf in eine Teilnehmerin, und dieses einsiedlerische Selbstideal löste sich schneller auf als eine Wolkenformation am Himmel. Ich hatte die Liebe in Form einer „Liebesbeziehung“ nicht gesucht, vor allem nicht an einem solchen Ort; sie hat mich einfach gefunden. Bin ich nun dabei, eine „Liebende“ zu werden, neue Ideal-Identitäten zu entwerfen, die abgefallenen Schalen durch neue zu ersetzen? Die Versuchung ist groß. Ich beobachte es, während sich unsere Beziehung auf das Schönste zu entfalten beginnt.

 

„Ich bin durch dich so ich“

Was werden wir finden, wenn alle Schalen abgefallen sind und wir sehen, dass da keine innere Frucht, kein Kern ist? Ich weiß es nicht, da zu viele Schalen mir noch den Blick versperren, aber in manchen Momenten bin ich sicher, dass dort die Liebe ihren Ursprung hat, in diesem weiten Raum, den wir nicht mehr durch unsere Selbstbilder begrenzen. Es ist aber weder meine Liebe noch mein Wesenskern, den ich dort finde, sondern es ist diese wunderbare, magische Energie der Liebe als dieses offene, weite Feld.

 

Jenseits der Reichweite

von Richtig und Falsch,

liegt ein Feld – ein singendes Feld.

Dort werde ich dich treffen ...

(Mevlana Rumi)

 

„Ich bin durch Dich so ich“ lautet der Titel der Biografie des Benediktinermönchs David Steindl-Rast. Das ist für mich der Name dieses Feldes, denn wir sind nicht diese   abgetrennten Ichs, für die wir uns meist halten, sondern auf das Innigste miteinander verwoben und verbunden. In jeder Sekunde bringen wir einander in einem Prozess fortwährenden Entstehens und Vergehens wechselseitig hervor. Eigenschaften, Selbstbilder, die wir uns schnell als Wesensmerkmale zuschreiben, zeigen sich als viel flüssiger, flüchtiger als gedacht. Auch sie sind letztlich Beziehung. Alles ist Beziehung, alles ein Tanz, ein Halten und Gehaltenwerden, damit wir uns mit größtmöglicher Freiheit, Anmut und Würde bewegen können.

 

„Ich bin durch dich so ich“ beschreibt das Wesen der Liebe und damit das Wesen unserer Existenz. Wenn wir einander lieben, können wir diese Wahrheit auf eine nährende, heilsame Weise erfahren. Wenn wir lieben, lieben wir aber immer mehr als den konkreten geliebten Menschen, in ihm lieben wir unser Menschsein, lieben wir das Leben, lieben wir die Welt. Dies gegenwärtig zu halten  und immer wieder lebendig werden zu lassen, macht den Weg der Liebe ähnlich wie den Weg der Dankbarkeit zu einem so erfüllenden, transformativen Weg. Oft heißt es: Man muss erst einmal sich selbst lieben, erst dann kann man andere lieben. Ich denke, man kann es auch genau umgekehrt formulieren: Man muss erst einmal andere lieben, dann kann man sich selbst lieben. Letztlich sagt man damit aber auch das Gleiche, denn wir sind nicht getrennt, wir sind eins, nicht als du oder ich, sondern als dieses lebendige Feld der Liebe.

Ja, es geht um Liebe …

 

Ursula Richard ist Autorin und war viele Jahre Chefredakteurin der Zeitschrift „Buddhismus aktuell“. 

 

Zuerst veröffentlicht in moment by moment, Ausgabe 4‘2017. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion moment by moment: www.moment-by-moment.de.

 


Winter 2020


Vollkommen unvollkommen

Foto: Honey Kochphon Onshawee auf pixabay.com
Foto: Honey Kochphon Onshawee auf pixabay.com

Autorin: Marie Mannschatz

 

Unsere Zeit auf diesem Planeten ist begrenzt. Wie möchten wir sie verbringen? Überlassen wir den Lauf unseres Lebens dem Schicksal, dem Zufall, oder möchten wir Einfluss nehmen und unser Leben klug gestalten? Seit mehr als zwei Jahrtausenden wenden sich Menschen an den Buddha und seine Lehre, um Antworten auf die großen Daseinsfragen zu erhalten: Wie kann man glücklich und bewusst leben? Welche Entwicklungsmöglichkeiten habe ich? Wie kann ich innere Freiheit finden? Auch in der heutigen Zeit möchten wir erfahren, wie wir ein Leben im Einklang mit uns selbst und der Welt führen können. 

 

Der Buddha ging von der Vollkommenheit eines jeden Menschen aus. Er war davon überzeugt, dass wir alle ursprüngliches Gutsein in uns tragen. Im Kern sind wir erleuchtete Essenz, reines Licht, absoluter Frieden. Unzerstörbar. Diesen menschlichen Kern verglich der Buddha mit einem Goldklumpen, der seit unzähligen Daseinszyklen bis zur Unkenntlichkeit verkrustet und verborgen in uns schlummert. Den Goldklumpen in uns und anderen zu erkennen, ihn freizulegen und zu polieren, darum geht es in der buddhistischen Lehre. 

 

Der Weg der Meditation gibt uns Mittel und Werkzeuge an die Hand, die Juwelen in uns auszugraben und zum Funkeln zu bringen. Wenn wir bewusst unsere Erkenntnisfähigkeit entwickeln und uns auf das achtsame Erleben des gegenwärtigen Moments einlassen, werden wir täglich neu belohnt. Durch regelmäßige Meditationsübungen entfaltet sich eine umfassende, leuchtende Klarheit in Herz und Geist. Und nicht nur das: Wer sich auf den Weg macht, die kostbarsten Eigenschaften in sich zu entdecken, wird überrascht feststellen, dass sich nach Jahrzehnten des Übens fast nebenher Geisteshaltungen entwickeln, die im Buddhismus als die sogenannten Vollkommenheiten bekannt sind. Sie werden die Paramita genannt. Ihre Zahl variiert – es sind entweder sechs oder zehn. Im vorliegenden Buch wollen wir uns mit den zehn Vollkommenheiten befassen. Das Wort Paramita bedeutet »zum jenseitigen Ufer gelangen«. Mit dem jenseitigen Ufer ist das Land des freien Geistes gemeint, der nicht mehr von Hindernissen, inneren Kämpfen und Verwicklungen belastet ist. Die zehn Vollkommenheiten heißen: 

 

1. Großzügigkeit, 2. Energie, 3. Entschiedenheit, 4. Wohlwollen, 5. Nichtverletzendes Handeln, 6. Wahrhaftigkeit, 7. Geduld, 8. Weisheit, 9. Gelassenheit, 10. Einfachheit, Loslassen

 

Wir können die Paramita wie einen Kompass verwenden. Sie geben uns eine Ausrichtung in alltäglichen Konflikten und bereiten den Geist für befreiende Einsicht vor. Sie stimmen uns ein auf ein Leben in Gesundheit, Frieden und Furchtlosigkeit. Die zehn Vollkommenheiten sind innere Eigenschaften, die wir durch bewusstes Üben zum Leuchten bringen können. Jedes Kapitel in diesem Buch ist einer Vollkommenheit gewidmet. Sie überschneiden und durchdringen sich jedoch gegenseitig, sind genau genommen nicht voneinander zu trennen und auch nicht auf eine bestimmte Reihenfolge festgelegt. Es ist wie bei einem dicken Seil, das aus zehn Strängen geknüpft ist – jeder einzelne Strang ist wichtig, um vereinte Tragkraft zu schaffen. Jede einzelne Vollkommenheit möchte erkannt und verstanden werden. In der Verknüpfung aber werden sie mehr, als Worte fassen können. Der Buddha hat einmal gesagt: »Um die Unwissenheit und das Leiden in dieser Welt zu besiegen, habe ich mich über unzählige Zeitalter hinweg in den zehn Vollkommenheiten geübt. Hört mir aufmerksam zu, ich werde euch davon berichten.«

 

Materielles kann wieder zu nichts zerfallen, aber geistige, charakterliche Vollkommenheiten schenken uns einen inneren Reichtum und grundlegenden Frieden, den uns niemand nehmen kann. Deshalb ist es wirklich lohnend, sich auf die zehn Vollkommenheiten auszurichten. Wenn wir sie auf unserem inneren Weg bewusst erkennen und benennen, werden sie in ihrer Ausprägung und Wirkung vertieft. Sie bringen unsere besten Eigenschaften zum Vorschein und lassen den Goldklumpen in uns glänzen.

Ganz gleich, ob wir uns im ersten Drittel oder in der Reifephase unseres Lebens befinden, die zehn Vollkommenheiten geben uns einen Maßstab, um unser Verhalten und unsere Erkenntnisfähigkeit einzuschätzen. Unser Bemühen um radikale Akzeptanz und charakterliche Vervollkommnung kann so kontinuierlich ausgelotet werden.

 

Da ich seit Jahrzehnten Vipassana- und Metta-Meditation praktiziere, möchte ich in diesem Buch auch schauen, ob und wie die zehn Vollkommenheiten meinen Geist und mein Leben geprägt haben, um zu verdeutlichen, wie viel diese Geisteshaltungen bei uns allen bewirken können. Was hat sich durch all die Jahre intensiver Meditationspraxis verändert? Habe ich gelernt, meine eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren und meinen Frieden damit zu finden?

 

Dieses Buch gewährt einen Einblick in den Garten meines Geistes. Wie bei uns allen gibt es darin Beete, die viel Sonnenlicht und gute Bewässerung empfangen haben, und Hügel, die weit hinten am Rand liegen, im Schatten alter Bäume, unter denen Efeu und Unkraut wuchern. Der ganze Garten gehört zu mir. Auch das trockene Gestrüpp, das schon seit Jahren darauf wartet, weggeräumt zu werden, und die unordentlichen Ecken, über die ich – getreu meinen Gewohnheiten – so gerne hinwegschaue. Der Garten ist vollkommen unvollkommen. Weiträumig. An vielen Stellen einladend und von Licht durchflutet, aber auch feucht und muffig.

 

Gibt es zwei völlig identische Gärten auf der Welt? Ich glaube nicht. Wenn ich jedoch einen Garten anlegen will, schenkt mir der Blick in die Gärten anderer Ideen und Motivation für meine eigene Gartengestaltung. In diesem Sinne möchte ich anhand meiner eigenen Erfahrungen – und auch der Erfahrungen anderer – vermitteln, was es bedeutet, den Garten unseres Geistes zu kultivieren, einen geistigen Weg zu wählen und sich auf kontinuierliches Üben einzulassen.

 

Mein Weg ist nicht nur buddhistisch geprägt. Ich habe von wunderbaren Meistern verschiedenster Schulen, von Indianer-Schamanen und Therapeuten gelernt. Über ganze Lebensphasen hinweg wurde ich stark von Fritz Perls, Wilhelm Reich und Frieda Goralewski beeinflusst. Sie alle haben mir dazu verholfen, das Verständnis der zehn Vollkommenheiten zu entwickeln, das ich in diesem Buch zum Ausdruck bringe. Ich hoffe, dass meine Leserinnen und Leser im inneren Dialog mit diesem Buch dazu inspiriert werden, ihr eigenes Bewusstsein mithilfe der Vollkommenheiten zu schärfen und ihre eigene Unvollkommenheit liebevoll zu umarmen. 

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des O.W. Barth Verlages aus „Vollkommen unvollkommen“, Marie Mannschatz, 2019, 288 S., 19,99 €


2019


Herbst 2019


Am Sonntag geht Gott angeln

© Sean Griffin - www.pixabay.com
© Sean Griffin - www.pixabay.com

Autor: Dirk Grosser

 

Es gibt eine Menge Dinge in der menschlichen Geschichte, die in Vergessenheit geraten sind. Bei einigen davon ist das nicht weiter schlimm, denn niemand vermisst wohl ernsthaft das ptolemäische Weltbild, die Phrenologie oder so bahnbrechende Erfindungen wie mit Blei verlötete Konservendosen. Wir sehnen uns nicht nach der Medizin des Mittelalters zurück und jenseits von romantischen Vorstellungen ist auch die Dampflok für die meisten Zeitgenossen eher unattraktiv. Manches, was eine Zeit lang das Nonplusultra zu sein schien, wird irgendwann von etwas Sinnvollerem, Nachhaltigerem, Vernünftigerem oder schlicht Effektiverem abgelöst, während anderes sich ganz einfach als Irrweg entpuppt.

Bei einigen geistesgeschichtlichen Strömungen sieht die Lage allerdings anders aus. Obwohl scheinbar ausradiert, blieben von ihnen noch Fragmente und einzelne, leicht verloren wirkende Puzzleteile übrig, die wir heute mühsam zusammensetzen und dabei staunend entdecken, dass dieser oder jener Aspekt einer bestimmten Weltsicht uns heute ganz gut zu Gesicht stehen würde. Das ist so bei der Naturverbundenheit der nordamerikanischen Indianer und wird vielleicht ebenso irgendwann tragischerweise bei der im Untergang begriffenen Kultur Tibets so sein.

Auch das Thema dieses Buches betrifft eine solch untergegangene Geisteshaltung, deren Inhalte uns heute noch viel sagen und uns auf eine neue Spur in Richtung lebenswerter Zukunft setzen können.

 

Das keltische Christentum mitsamt seiner aus heidnischer Zeit stammenden Naturverehrung zeigt uns Wege auf, sowohl die Schöpfung mit all ihren verschiedenen Wesen wertzuschätzen als auch ein Gefühl für die grundlegende Quelle dieser Vielfalt zu bekommen, die wir in unserer Kultur Gott nennen und der wir uns mit einem gänzlich neu geerdeten Vertrauen zuwenden können. Diese Weltsicht, deren Blütezeit genau genommen nur knapp zwei Jahrhunderte dauerte, ist wie dafür geschaffen, die Herzen der Menschen in unserer westlichen Leistungsgesellschaft zu weiten und in ihnen Platz für all das zu schaffen, was existiert: Platz für alle Menschen gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, sozialer Stellung und sexueller Orientierung; Platz für diejenigen, deren Meinung uns nicht behagt, und auch für die, deren Glaube uns persönlich nicht anspricht; Platz auch für alle Wesen dieser Welt, die so verschieden von uns sind, die jedoch ihre je eigene wichtige Aufgabe in einem riesigen Kreislauf des Lebens erfüllen, und deren Lebensraum unseren Lebensraum auf natürliche Weise begrenzt; Platz letztlich für etwas, das größer ist als wir selbst und das unseren Blick von den Befindlichkeiten und Bedürfnissen unseres Ego auf die wirklich wesentlichen Dinge lenkt: Liebe, Mitgefühl, Humor, Freiheit und Gemeinschaft ... und Poesie.

  

Für mich war das keltische Christentum während einer Zeit großen Zweifels ein Weg, meine Verbindung zum Wunder der Schöpfung zu stärken und den eigenen Glauben, den ich nur noch als Theorie fassen konnte, wieder zu einer spürbaren Wirklichkeit werden zu lassen. Schritt für Schritt führte mich diese Form der Spiritualität zu einem lebendigen und tief empfundenen Christentum zurück. Die Segenswünsche, der Blick auf die Schöpfung, die Idee von Jesus als Freund und nicht als Herrscher, die erfrischende Alltäglichkeit der Spiritualität, die Gleichzeitigkeit von Bodenständigem und Mystischem, die Offenheit und das erzählerische Element, die Fokussierung auf das überall zugrunde liegende Gutsein – all dies ließ meine Seele wieder frei atmen, nachdem sie sich lange Zeit so angefühlt hatte, als wäre sie irgendwo zwischen Zweifeln, einer gewissen Resignation und bloßen Vorstellungen eingesperrt gewesen.

 

Auf diesem Weg zurück zur Lebendigkeit und zum Vertrauen hat mir vor allem ein sehr ungewöhnlicher irischer Priester geholfen, der nicht nur wie eine Mischung aus Gandalf, Dumbledore, dem Mann aus den Bergen und einem in die Jahre gekommenen Jesus aussieht, sondern der sich auch mindestens so unkonventionell verhält, wie es die erwähnte Mischung vermuten lässt. Voller Mitgefühl und Humor ließ er mich an seinem Schatz keltischer Weisheit teilhaben, sodass ich nicht nur davon lesen und gewisse Dinge intellektuell verstehen, sondern sie vor allem wirklich erfahren konnte. Wie er immer sagt, ist Wahrheit für ihn vor allem das, was uns transformiert, was uns innerlich verwandelt und zu anderen Menschen macht. Alles andere sind nur schnöde Fakten, mit denen man sich vielleicht die Zeit vertreiben kann, die aber nicht sonderlich entscheidend sind. 

Die Erlebnisse, die ich mit diesem Priester hatte, und die Dinge, die er mir erzählte, waren für mich der Ausgangsort einer Reise in das keltische Christentum, die mich jeden Tag ein Stückchen weiter in die Tiefe führt.

 

Textauszug aus „Am Sonntag geht Gott angeln“ von Dirk Grosser mit freundlicher Genehmigung des Claudius Verlags. 

 

Die Buchvorstellung finden Sie unter „Wortwelten“.

 


Sommer 2019


Immer geht es um die Liebe

Foto: Alexandra Koch - pixabay.com
Foto: Alexandra Koch - pixabay.com

Autorin: Christa Spannbauer

 

Die Evolution der Liebe

Die Liebe ist das faszinierendste Phänomen, das die Evolution des Lebens auf dieser Erde hervorgebracht hat. Sie ist es, die den Einzelnen, das Paar, die menschliche Gesellschaft und letztlich die gesamte lebendige Welt im Innersten zusammenhält. Davon ist der Neurobiologe Gerald Hüther überzeugt. Anders als die meisten seiner Kollegen aus der Sozio- und Evolutionsbiologie erblickt er in der Liebe weniger einen genetischen Instinkt, ein Planspiel der Hormone zum Arterhalt der Spezies, sondern vielmehr das Wunder der Evolution, deren schöpferische Kraft bislang Getrenntes miteinander verbindet und unablässig Neues gestaltet. Die Liebe zeigt sich als die entscheidende Triebfeder für die Entwicklung und Transformation der Menschheit. 

Die Herausforderungen der Liebe

Doch seien wir ehrlich: In der Liebe müssen wir noch viel lernen. Wir erwarten viel von ihr und wissen wenig über sie. Zugleich waren die Hoffnungen und Erwartungen, die an sie herangetragen werden, noch nie so groß wie in der Gegenwart. Nahezu Unmögliches soll sie leisten: Unendliche Glücksgefühle, emotionale Geborgenheit und ewige Lust soll sie uns bescheren. Im Partner wird nicht nur die Erfüllung der Liebe, sondern auch die Sinnerfüllung des eigenen Lebens ersehnt. Die Idealisierung der Liebesbeziehung, so der Paartherapeut Hans Jellouschek, nimmt damit fast schon religiöse Ausmaße an. Wodurch jede Partnerschaft heillos überfrachtet wird. In den überzogenen Ansprüchen, die der Partnerliebe für das  persönliche Glück beigemessen wird, sieht der Therapeut die Hauptursache der Krise, in die viele heutige Beziehungen geraten.   

 

Lieben lernen 

Dass die wichtigste Aufgabe des Menschseins darin liegt, sich in der Kunst des Liebens zu schulen, darauf wies der Philosoph Erich Fromm in seinem gleichnamigen Weltbestseller hin. Ist es doch die Liebe, die den Menschen zu seinem wahren Selbst führt, die Mauern einreißt, die ihn von seinen Mitmenschen trennen und die ihn schließlich seine Bestimmung in der Welt erkennen lässt. Nein, eine leichte Kunst ist das nicht. Zumal die Liebe genau das einfordert, was uns Menschen so schrecklich schwer fällt: das Loslassen. „Was du liebst, lass frei“, verlangte bereits der weise Konfuzius vor 2500 Jahren. Das aber ist leichter gesagt als getan. Denn insgeheim glauben wir doch alle, dass der geliebte Mensch uns gehört und dass es seine Aufgabe ist, unsere Wünsche zu erfüllen. In unserer materialistischen Zeit haben wir die Liebe zum Besitztum erklärt. Wir wollen sie haben und wir wollen, dass sie uns alleine gehört. Wir stecken sie in eine „Beziehungskiste“ und wehe der Partner wagt es, aus dieser herauszulugen oder gar herauszuspringen. So wird Liebe zum Zweckbündnis, zum Tauschgeschäft: „Wenn du mich liebst, dann liebe ich dich auch.“ Ein solches Denken aber entspricht nicht dem Wesen der Liebe. Denn Liebe stellt keine Bedingungen. Sie verschenkt sich. Sie ist ein Kind der Freiheit. Und als ein solches scheut sie die Enge. Sie zerrinnt uns zwischen den Fingern, mit denen wir sie festhalten wollen. 

 

Visionen der Liebe

In geradezu kindlicher Manier glauben wir häufig, dass es in der Liebe in erster Linie darum ginge, geliebt zu werden. Doch die Liebe ist eine Aktivität, die im Geben ihre Erfüllung findet. Im Schenken der Liebe erlebt sich der Mensch als überströmend, lebendig und mit dem Strom des Lebens verbunden. Eine Erfahrung, die den jungen Goethe ausrufen ließ: „Und doch, welch Glück, geliebt zu werden. Und lieben, Götter, welch ein Glück!“

Wäre es daher nicht an der Zeit, die Liebe aus der Enge zu befreien, in die wir sie hineingetrieben haben? Denn die Liebe ist immer schon größer als der Einzelne oder das Paar. Ihr ist es gänzlich fremd, sich in der Zweisamkeit zu verbarrikadieren. Vielmehr ermöglicht sie den Liebenden, gemeinsam neue Räume zu betreten, die ihnen alleine verschlossen blieben und schenkt ihnen Erfahrungen, die ihnen alleine nicht möglich wären. Die Liebe ist auf Transformation angelegt und weitet den Raum für Wachstum und Entwicklung. Miteinander und aneinander wachsen die Liebenden und reifen hinein in eine größere Liebe. Gemeinsam schaffen sie Neues und bringen dies in die Welt.   

Wenn wir wahrhaft lieben, sind wir frei. „Liebe und tue, was du willst", konnte deshalb der Kirchenvater Augustinus sagen. Dies ist kein Aufruf zu hemmungslosem Egoismus, sondern Ausdruck des bedingungslosen Vertrauens in die Kraft der Liebe. Einer Liebe, in der die Partnerschaft zur Keimzelle einer mitfühlenderen Gesellschaft wird. Sie wacht nicht eifersüchtig über das Herz des anderen, sondern öffnet das Herz für die Welt. „Wenn ich einen Menschen wahrhaft liebe, so liebe ich alle Menschen, so liebe ich die Welt, so liebe ich das Leben. Wenn ich zu einem anderen sagen kann: ‚Ich liebe dich‘, muss ich auch sagen können: ‚Ich liebe in dir auch alle anderen, ich liebe durch dich die ganze Welt, ich liebe in dir auch mich selbst,“ erkannte Erich Fromm. So führt die Partnerliebe zur fundamentalsten Art der Liebe, der Nächstenliebe, die sich in der tätigen Fürsorge und Achtung für unsere Mitmenschen und dem Wunsch, dass alle Menschen glücklich sein mögen, ausdrückt. 

 

Lust und Liebe

Wer Liebe zu verschenken vermag, wer sich einem anderen Menschen hingeben kann, wer bereit ist, sich im Anderen zu verlieren, um sich selbst zu finden, taucht ein in das Mysterium der Liebe. Nirgendwo sonst erleben wir dies so intensiv und mit all unseren Sinnen wie in der sexuellen Vereinigung mit dem Geliebten. In der seelisch-körperlichen Hingabe an einen anderen Menschen schmelzen die Grenzen unseres Ichs auf und machen die Vereinigung mit einem Du möglich. Zwei Menschen werden in der erotischen Ekstase über sich selbst hinausgetragen und erfahren sich als Teil eines größeren Ganzen. Eine kosmische Versöhnung im Kleinen, nannte dies Walter Schubart in seinem Buch Religion und Eros: „Zuletzt treibt die Geschlechterliebe den Menschen der Gottheit in die Arme und löscht den Trennungsstrich aus zwischen Ich und Du, Ich und Welt, Welt und Gottheit“.

Dass dieses fast schon religiöse Heilsversprechen, das in der Moderne an die Sexualität herangetragen wird, eine Beziehung im Alltag aber auch reichlich überfrachten kann, liegt nahe. Der Anspruch an die Sexualität war noch nie so hoch wie heute. Sie gilt als wichtigster Signifikant einer erfüllten Liebesbeziehung und ihr lustvoller Vollzug als Beweis der emotionalen Verbundenheit der Partner, der immer wieder aufs Neue erbracht werden muss. Vielleicht sind die hohe Trennungsrate und der Trend zum Single-Leben ein Hinweis darauf, dass wir damit ein letztlich unstillbares Begehren in die Welt gesetzt haben. 

 

Die Heimkehr der Liebe 

In das Herz eines jeden Menschen, so sagen die Sufis, legte Gott in seinem Schöpfungsakt einen göttlichen Funken. Diesen göttlichen Funken zu finden, ihn zu entfachen und zum Brennen zu bringen, so dass er den ganzen Menschen mit seinem Feuer erfasst, bis dieser völlig in Liebe versinkt und sein Wesen aufgeht in allumfassender Liebe – darin erblicken die Liebesmystiker des Islam die wahre Berufung eines jeden Menschen. Wer einmal vom Geschmack dieser Liebe gekostet hat, den kann nichts mehr davon abhalten, ihrem Ruf zu folgen. Denn in uns allen brennt die Sehnsucht nach dem Wunderbaren, dem Unendlichen, dem Göttlichen. Wir sehnen uns nach Vereinigung und Verschmelzung mit diesem Urgrund, aus dem wir kommen und in den wir zurückkehren. Jede weltliche Liebe ist letztlich Ausdruck der Sehnsucht nach Heimkehr, ein Trennungsschmerz, der nicht aufhören wird, bis wir zurückkehren in die Einheit. Je tiefer die spirituelle Einheitserfahrung des Menschen ist, umso größer seine Liebe. Denn diese ermöglicht es, im anderen sich selbst zu erkennen. Dieser Erfahrung erwächst ein universales Mitgefühl, das alle Menschen einschließt. Deshalb wohl kam der Zen-Meister Willigis Jäger zu der Schlussfolgerung: „Was wir am Ende unseres Lebens in Händen halten, sind nicht unsere Leistungen und unsere Werke. Wir werden uns zuerst und vor allem die Frage stellen müssen, wie viel wir geliebt haben.“  

 

Wir bedanken uns herzlich bei der Berliner Autorin Christa Spannbauer für diesen Text, der zuerst im SEIN-Magazin erschien.

In ihren Publikationen und Vorträgen zeigt sie die Alltagstauglichkeit der Weisheitswege aus Ost und West auf - www.christa-spannbauer.de.

Siehe auch unter Wortwelten.

 


Frühjahr 2019


Fühlen ist Leben

Foto ©: suju - Pixabay.com
Foto ©: suju - Pixabay.com

Von Sylvia Wetzel

 

Gefühle sind das Salz in der Suppe des Lebens, mit angenehmen und starken Gefühlen fühlen wir uns lebendig und wir wollen sie festhalten. Unter unangenehmen Gefühlen leiden wir und wir möchten sie loswerden. Wenn wir uns bedroht fühlen, werden wir entweder wütend und greifen an oder wir fürchten uns und wollen flüchten. Scheitern Angriff und Flucht, stellen wir uns tot und spüren nichts mehr.

Ich möchte in diesem Buch das große Thema Gefühle aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Im Zentrum stehen die fast unersättliche Sehnsucht nach Liebe, persönlicher Zuwendung und Anerkennung und die Wut, die wir spüren, wenn wir nicht das bekommen, worauf wir ein Anrecht zu haben glauben. Das Gefühl, beleidigt zu werden, und die wütende Beschimpfung scheinbarer Feinde gehören zu den dominanten Gefühlen, die vor allem im Internet, aber auch in den traditionellen Medien Tag für Tag zum Ausdruck kommen.

 

Die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung und das Ausdrücken von Wut und Enttäuschung scheinen nicht nur unsere privaten Dramen zu begleiten, sondern auch die zentralen Faktoren im sozialen und politischen Miteinander zu sein. Sie manifestieren sich als eine Vielzahl komplexer Gefühle und Emotionen, die im engen Zusammenspiel mit Dogmatismus und Rechthaberei und der Unwilligkeit, den eigenen Beitrag zu unserem Lebensgefühl zu sehen, entstehen. Der Buddhismus spricht anschaulich von 84 000 „Verblendungen“ oder reaktiven Emotionen: Das sind je 21 000 Varianten von Gier, Hass und Verblendung im engeren Sinn und 21 000 Mischformen. Ich bin mir sicher, dass das kein buddhistischer Gelehrter und auch keine Yogini in ihrer Höhle jemals gezählt haben. Es ist einfach ein drastisches Bild für die unermessliche Vielfalt schwieriger Gefühle.

 

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich sehr froh darüber bin, dass diese schwierigen Gefühle nur einen kleinen Teil unserer Alltagserfahrung ausmachen. Ich bin immer wieder erstaunt und erfreut, wie hilfsbereit und klug viele Menschen sich verhalten, wenn sie Herausforderungen begegnen. Das stärkt meine Zuversicht, dass wir durch genaues Hinhören auf die Botschaft, die uns schwierige Gefühle geben, so mit ihnen umgehen können, dass wir damit Probleme verringern und nicht vermehren. In dieser Hinsicht sind für mich buddhistische Gedanken und Übungen die zentrale Orientierung. Sie inspirieren mich seit vierzig Jahren zu einem konstruktiven Umgehen mit sehr unterschiedlichen Gefühlen.

 

Wir verwenden den Begriff „Gefühl“ für sehr unterschiedliche Erfahrungen, und das hat wohl mit ihrer zentralen Rolle im Leben zu tun. Was man alles unter Gefühlen und Emotionen versteht und wie sie entstehen und sich auch wieder verändern können, ist Inhalt des ersten Teils. Allerdings verändern sich nicht nur die erlebten Gefühle selbst, sondern auch Funktion und Rolle von Gefühlserfahrungen und ihr Ausdruck in unterschiedlichen Zeiten und  Kulturen, und das nicht nur im Westen, sondern auch in Asien. Wir leben zwar alle in der gleichen Kalenderzeit, in der christlich-westlichen Zeitrechnung, aber nicht nur in Asien und Afrika, sondern auch in Deutschland und in Europa, in Nord- und Südamerika und in allen westlich geprägten Gesellschaften leben nicht alle Menschen in der gleichen kulturellen Zeit, und das gilt vermutlich auch für die Leserinnen und Leser dieses Buches und ihre Angehörigen und Bekannten.

 

Aus diesem Grund frage ich mich immer wieder: „Wer bin ich?“, und wenn es um andere geht: „Wer hat welche Gefühle?“ Die Antwort darauf entscheidet, welche  Herangehensweisen sich für welche Menschen besser oder weniger gut eignen. Das kann sich im Laufe eines Lebens verändern, aber auch je nach Stimmung und Tagesverfassung brauchen wir unterschiedliche Ansätze. Der Prozess der Individualisierung in der Moderne hat dazu geführt, dass wir inzwischen so unterschiedlich sind, dass uns ein bestimmter Ansatz oder eine bestimmte Reihe von Überlegungen und Methoden zum konstruktiven Umgehen mit schwierigen Gefühlen nicht ausreicht. Wir brauchen ein breites Angebot von Ansätzen und Übungen, die wir je nachdem anwenden können. Da nicht nur das Spüren von Gefühlen und ihr Ausdruck, sondern auch das Verstehen emotionaler Prozesse eine wichtige Rolle im Umgehen damit spielen, stelle ich immer wieder Erklärungsansätze vor, die mir einleuchten. Erklärungen sollen hier aber nicht primär als Rechtfertigung von Gefühlen dienen, sondern wollen vor allem bei schwierigen Gefühlen einen Hinweis auf unheilsame Kausalketten geben, die wir mit solchen Erklärungen vielleicht unterbrechen können – wenn wir das wollen und viele, viele Male auch ausprobieren.

 

Eingefahrene Gefühls- und Verhaltensmuster lassen sich nur verstehen und verändern, wenn wir uns ihnen regelmäßig und mit Interesse und Aufmerksamkeit zuwenden und immer wieder ausprobieren, was uns hilft, konstruktiv damit umzugehen. Es gibt keine schnellen Lösungen für emotionale Verstrickungen, sondern nur das geduldige und ausdauernde Experimentieren mit Ansätzen, die wir inspirierend finden. Und diese Geduld und Ausdauer finden wir nur, wenn wir einigermaßen Vertrauen ins Leben haben und im regelmäßigen Kontakt und Gespräch mit Menschen bleiben, die lebendig und aufrichtig sind, mit ihren Gefühlen und Emotionen gut umgehen können und niemandem damit schaden.

 

Auch der Buddhismus hat sich im Laufe seiner zweitausendfünfhundertjährigen Geschichte verändert, je nachdem, in welchem Land er von welchen Menschen studiert und praktiziert wurde. Im zweiten Teil stelle ich daher einige zentrale Thesen und Methoden des frühen Buddhismus, des Mahayana und des tantrischen Buddhismus vor, die sich an Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen und Fähigkeiten richten. Und ich untersuche die kulturellen Brillen, die Menschen aus dem Westen tragen, wenn sie sich mit buddhistischen Lehren und Übungen befassen. Denn je nachdem, wer wir sind und wie wir „ticken“, interpretieren wir Lehren und Übungen, so oder anders. Manchmal führt das zu mehr Offenheit, Klarheit und Feinfühligkeit, und manchmal stabilisieren wir mit buddhistischen Übungen lediglich unsere vertrauten Selbstbilder und eingefahrenen Muster.

 

Im dritten Teil gehe ich dann auf unterschiedliche schwierige Gefühle und auf einfache und komplexe reaktive Emotionen ein und schlage Übungen vor, wie wir die Stimme der Weisheit in ihnen hören können. Wir lernen konstruktiv mit ihnen umzugehen, wenn wir das ernsthaft und aufrichtig wollen. Denn das ist mir im Laufe meines Lebens klar geworden: Unser Leben kann nur dann gelingen, wenn wir alle Erfahrungen freundlich und aufmerksam zur Kenntnis nehmen, sie anerkennen und wertschätzen und einigermaßen verstehen. Das gelingt uns leichter, wenn wir auch Zugang zu den „schönen“ und erhebenden Gefühlen haben, die der Buddhismus himmlische Gefühle beziehungsweise Haltungen nennt: Freundlichkeit, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Man kann sie auch mit Wohlwollen, freudige Dankbarkeit und heitere Gelassenheit übersetzen. Sie sind der Boden und der Hintergrund, der es uns möglich macht, angemessen und konstruktiv mit schwierigen Erfahrungen und Gefühlen umzugehen.

 

Erst wenn wir unangenehme Erfahrungen und schwierige Gefühle wahr- und annehmen, können wir die Lebenskraft, die in ihnen steckt, befreien und zum eigenen Wohl und dem aller verwenden. Das ist zumindest meine Vision eines gelingenden Lebens, und so interpretiere ich auch den Kern des demokratischen Ideals. Es drückt für mich die Zuversicht aus, dass wir im respektvollen Gespräch mit „Menschen im Plural“ über die gemeinsame Welt Wege finden können, das Beste auch aus schwierigen Umständen zu machen. Wir spüren alle, ob eine Situation gut oder schlecht für uns und andere ist, und dabei helfen uns unsere Gefühle, die angenehmen und die unangenehmen, die schönen und die schwierigen. Mögen wir alle die für uns geeigneten Wege finden, klug und angemessen mit unseren Gefühlen und denen von anderen umzugehen.

Textauszug aus

 

Fühlen ist Leben

 

von Sylvia Wetzel – siehe auch unter Wortwelten

 

mit freundlicher Genehmigung des Herder-Verlages.

 

www.sylvia-wetzel.de siehe auch unter Veranstaltungen

 

Bestellmöglichkeit bei Buchhandlung Plaggenborg, info@buchhandlung-plaggenborg.de oder Tel. 0441-17543

 


In Liebe getränkt, der Liebe entsprungen, aus Liebe gemacht

Dieser wunderschöne Morgen,

Nebel fließt über die Felder wie Wasser.

Tautropfen in den Spinnweben 

fangen die Sonnenstrahlen ein.

 

In Liebe getränkt, 

der Liebe entsprungen,

aus Liebe gemacht.

 

Ein Kind läuft über die Wiesen,

laut lachend und frei.

Lässt sich fallen und fällt

in den unendlichen Himmel.

 

In Liebe getränkt, 

der Liebe entsprungen,

aus Liebe gemacht.

 

Das dunkle Tuch der Nacht 

deckt die Erde zu.

Sterne glitzern wie Öffnungen im Himmel,

aus denen Licht zur Erde tropft.

 

In Liebe getränkt, 

der Liebe entsprungen,

aus Liebe gemacht.

 

Deine Angst und meine Angst,

Dinge, die aus Zorn geschehen,

verklebte, uralte Geschichten,

die das Atmen schwer machen.

 

Auch dies:

In Liebe getränkt, 

der Liebe entsprungen,

aus Liebe gemacht.

Möge meine (unsere) Liebe tief genug reichen,

all diese Masken zu durchdringen,

meine und deine und die unserer Welt.

 

Aus: „Trilogie – Spirituelle Gedichte“ von Andrea Kasper, tao.de

Bestellmöglichkeit bei Buchhandlung Plaggenborg, 

info@buchhandlung-plaggenborg.de oder Tel. 0441-17543

 



Winter 2019


Das innere Zuhause

Foto © Peter Hill / pixelio.de
Foto © Peter Hill / pixelio.de

Von Samarona Buunk

 

Was Spiritualität heute bedeuten kann

Auszug aus dem Vorwort zum Buch

 

Buch Wenn mich jemand fragt, was ich von Beruf bin, dann fällt es mir oft nicht leicht, zu erklären, was ich täglich mache. Vor allem, wenn ich es jemandem erklären soll, der mit dem, was meine Arbeit ausmacht, noch keine Erfahrung gemacht hat. Manchmal sage ich, dass ich Heilpraktiker für Psychotherapie sei – das ist sozusagen die offizielle Bezeichnung. Ich bin aber weder Heilpraktiker noch würde ich mich als Psychotherapeut beschreiben, obwohl ich einige Jahre Psychologie studiert und zahlreiche psychotherapeutische Verfahren gelernt habe und in meiner Arbeit anwende. Ich empfinde die Bezeichnung Psychotherapeut dennoch nicht als zutreffend. Was mir besser gefällt, ist, mich als Wegbegleiter zu bezeichnen, als Reisegefährte. Ich bin jemand, der andere ein Stück auf ihrem Lebensweg begleitet. Dass ich an einem Punkt meines Lebens dazu übergegangen bin, andere auf ihrem Weg zu begleiten, hat mit meinem eigenen Lebensweg zu tun. 

Mein Weg hat mich schon in sehr jungem Alter mit Meditation und Spiritualität in Kontakt gebracht. Ich habe der Praxis von Meditation und Selbsterkundung in meinem persönlichen Leben eine zentrale Rolle eingeräumt. Ich habe in spirituellen Gemeinschaften gelebt und mich von verschiedenen spirituellen Lehrern unterrichten lassen. Wenn ich beschreiben soll, was die spirituelle Praxis mir gezeigt hat, dann würde ich sagen, dass sie mir ermöglicht hat, mein inneres Zuhause zu finden. Ich meine damit keinen geografischen Ort irgendwo auf dieser Erde, sondern eine Verwirklichung dessen, was ich in meiner Tiefe bin.

Seitdem ich selbst erfahren habe, was es heißt, das innere Zuhause zu finden, sehe ich, dass dies im Grunde alle Menschen auf ihrem Lebensweg versuchen. Manche erfahren die Schritte, die sie auf diesem Weg machen, sehr bewusst, andere stolpern durch ihr Leben, ohne zu spüren, dass es eine innere Instanz gibt, die sie durch das Leben führt. Die Erkenntnis, dass es in der Natur des Menschen liegt, den Weg zum inneren Zuhause zu suchen, macht es für mich selbstverständlich, andere in einem Rahmen von Offenheit und liebevoller Zuwendung auf ihrem Weg nach Hause zu begleiten. So ist meine Arbeit, die zum Teil auf psychotherapeutischen Methoden und zum Teil auf Meditation und spiritueller Praxis beruht, zu einem Prozess geworden, der Menschen auf ihrem Weg nach Hause begleitet. Es ist eine Begegnung östlicher Weisheitstraditionen mit der modernen, westlichen Psychotherapie.

 

Das innere Zuhause zu finden, kann für jeden Menschen etwas sehr Unterschiedliches bedeuten. Es kann eine Pause bedeuten vom Rennen im Hamsterrad des Alltags, ein Ankommen im einfachen Sein. Es kann einen Moment von Frieden bedeuten, eine Auszeit von konfliktreichen oder ambivalenten Situationen. Es kann in Situationen von emotionalem Schmerz und Leid eine Zuflucht im Herzen sein. Nach Hause kommen kann auch bedeuten, dass ich einen Abstand finde zu den Rollen, die ich im Leben spiele, sodass ich für einen Moment ganz ich selbst sein kann. Je mehr wir uns im Nach-Hause-Kommen üben, umso deutlicher wird uns, dass damit ein lebenslanger Prozess der Selbstverwirklichung in Gang gesetzt wird, der die Transformation unseres Selbst ermöglicht. Wenn wir im inneren Zuhause angekommen sind, dann wissen wir, dass es eine tiefe Wahrheit gibt, ein Bewusstsein, das jedem von uns zur Verfügung steht. Wir wissen, dass dieses Bewusstsein der Ursprung ist von allem, was uns im Leben führt, es ist die Quelle des inneren Friedens, der Freude, der Liebe, es ist der Platz, der uns ermöglicht, mit Mut ins Unbekannte zu gehen und beharrlich zu sein, bis wir im inneren Zuhause angekommen sind. 

 

Durch Selbsterforschung und die Praxis der Meditation lernen wir, nach Hause zu kommen. In den östlichen Weisheitstraditionen hat Meditation einen zentralen Stellenwert. Meditation ist keine Aktivität, deswegen ist das Verb „meditieren“ missverständlich. Meditation ist Bewusstsein, ein Bewusstsein, das tiefer ist als der Verstand. Ein Bewusstsein davon, was natürlich ist, was nicht durch Aktivität erzeugt wird. Meditation erlaubt einen Zugang zu dem, was wahr, was real in uns ist. Manche nennen es: das, was essenziell ist. Meditation ist der natürliche Zustand, den wir meistens nicht mehr spüren, weil wir zu sehr in unserem „Tun“ verhaftet sind. Meditation ist die Abwesenheit von Tun, von Aktivität. Wenn wir uns in Ruhe lassen, sind wir im Stande, den ursprünglichen Zustand zu spüren, unsere wahre Natur. Das ist es, was wir „im inneren Zuhause ankommen“ nennen. Wir erfahren wieder unsere wahre Natur. Sie kann nicht verloren gehen, sie kann nur in Vergessenheit geraten. Ein passendes Bild ist der Mond, der hinter einer Wolke zum Vorschein kommt. Die Wolke gehört nicht zur Natur des Mondes. Der Mond bleibt der gleiche Mond, unabhängig davon, ob Wolken ihn verhängen oder nicht. Die Wolke war nur vorübergehend da. 

Der Verstand ist wie eine Wolke. Das Denken ist eine Wolke. Durch das Denken fällt es uns oft schwer, das Bewusstsein hinter dem Denken wahr¬zunehmen. Deine Natur kümmert das nicht. Sie bleibt unberührt, pur, essenziell. Genauso wie es den Mond nicht kümmert, ob die Wolke da ist oder nicht. So gesehen ist das Ankommen im inneren Zuhause ein Prozess der Selbstverwirklichung, und das, was wir verwirklichen oder realisieren, ist unser essenzielles Selbst, unsere „Buddhanatur“, wie das im Buddhismus genannt wird. Der Prozess der Selbstverwirklichung ist zur gleichen Zeit auch ein Transformationsprozess unseres Ego-Selbst.

Die östliche Tradition beschreibt einen Prozess des Vergessens durch die Kristallisierung des Egos, und auch die westliche Psychotherapie beschreibt einen Prozess, in dem das Ego-Selbst im Laufe der ersten sechs Lebensjahre entsteht. Dieses Buch setzt sich mit den Umständen auseinander, die notwendig sind, um uns an das zu erinnern, was wir glauben, durch das Vergessen verloren zu haben.

 

Ein Buch zu schreiben, das Spiritualität zum Gegenstand hat, ist herausfordernd. Spiritualität beruht nicht auf Konzepten, sondern ist nur durch unmittelbare Präsenz im Hier und Jetzt erfahrbar. Genauso schwierig ist es, jemandem den Klang einer Bambusflöte zu beschreiben. Wenn wir ver-suchen, darüber zu sprechen, brauchen wir Worte und Konzepte. Die Ego-Realität beruht auf Konzepten. Deshalb sind bei dem Versuch, Spiritualität durch Konzepte zu beschreiben, Missverständnisse vorprogrammiert. Viele Weisheitstraditionen waren sich dieses Umstands bewusst. Sowohl in der Zen-Tradition als auch in der Sufi-Tradition hat man deswegen Geschichten erzählt, die die Wahrheit umschreiben. Im Zen sagt man, dass der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht der Mond sei. Worte, die den Klang einer Bambusflöte beschreiben, sind nicht der Klang der Bambusflöte.

Deswegen erzähle ich in diesem Buch viele unterschiedliche Geschichten. Es ist nicht relevant, ob diese wahr oder erfunden sind, sie sind Andeutungen, Metaphern, und ich hoffe, dass man dadurch etwas erfährt und sich daran erinnert, was diese Geschichten vermitteln wollen. Die Finger sind nicht wichtig, verschiedene Traditionen werden mit unterschiedlichen Fingern zeigen. Was wichtig ist, ist dasjenige, worauf die verschiedenen Finger hinweisen.

Wenn man den Geschichten nur mit dem Verstand zuhört, wird er sich an den Worten festbeißen, und dadurch wird man die wahre Bedeutung verpassen. Man braucht ein poetisches Herz, um diesen Geschichten zuzuhören. Nur so können wir uns daran erinnern, wo unser inneres Zuhause ist.

 

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil behandelt das Thema „Das innere Zuhause“ im Allgemeinen. Zuerst beschreibe ich die wichtigsten Wegweiser und Meilensteine, die unterstützend sind bei der Heimkehr: Präsenz, Essenz, die spirituelle Dimension, die wahre Natur und das Erwachen. Dann folgt ein Überblick über die traditionellen und die modernen Wege nach Hause, und ich versuche, einige Vorurteile über Spiritualität, Religion, Psychologie und Wissenschaft zu klären. Ich schildere, wie man zuerst seine Herkunft vergessen und dann wieder heimkehren kann. Und wie der Prozess des Vergessens mit der Verfestigung des Egos zusammenhängt.

 

Der zweite Teil behandelt die spirituelle Praxis. Die Praxis beschreibt den Weg nach Hause. Wir tragen alle die „Buddhanatur“ in uns, das bedeutet: Jeder kann sein inneres Zuhause finden. Ob das auch wirklich stimmt, kann man nur herausfinden, indem man sich auf den Weg nach Hause begibt. Damit die Wahrheit uns in unserer Tiefe erreichen und transformieren kann, braucht es Praxis. Durch ein tiefes Verständnis von Ego und Essenz wird deutlich, wie die Schritte der Praxis aussehen. Ich habe zehn Schlüssel der Praxis beschrieben, die alle den Weg nach Hause weisen.

Ich habe diesem Buch die Widmung des Navkar Mantra vorangestellt, weil sie eine Verbeugung vor allen Menschen beinhaltet, die jemals sich selbst gekannt haben. Zahllose Menschen haben sich immer wieder die gleichen Fragen gestellt: „Wer bin ich, was ist mein Ursprung, wo komme ich her, wo gehe ich hin?“ Durch die Praxis konnten die Fragen beantwortet werden, nicht auf eine kognitive, mentale Art, aber durch ein Erfahren der Wahrheit im Hier und Jetzt. Dies ist es, was man spirituelle Praxis nennt, und es gibt sehr viele verschiedene Traditionen der spirituellen Praxis. 

 

Ich verbeuge mich vor allen Menschen, die jemals sich selbst erkannt haben. Ich verbeuge mich vor allen Meistern und Lehrern, die mich begleitet haben auf meinem Weg. Ganz im Besonderen bedanke ich mich bei Osho, der mir die Augen geöffnet hat und mich seit vielen Jahren führt, sogar nachdem sein Körper diese Erde verlassen hat. Ich bedanke mich auch besonders bei A. H. Almaas, der mir durch die Ridhwan Schule einen Platz geboten hat, meine Praxis ganz lebendig zu halten und in immer tieferen Dimensionen anzukommen. Ich bedanke mich bei Jiddu Krishnamurti und Faisal Muqaddam, die für Abschnitte meiner Reise meine Begleiter waren.

Ich verbeuge mich vor allen Meistern und Lehrern der vielen verschiedenen Traditionen der spirituellen Praxis. Ich verbeuge mich vor allen Meistern der hinduistischen Tradition, vor allen Meistern der buddhistischen Tradition, vor allen Meistern der Sufi-Tradition, vor allen Meistern der Dao-Tradition, ich verbeuge mich vor den christlichen Mystikern, den mystischen Strömungen aus dem griechischen Raum, den jüdischen Mystikern und den vielen Mystikern, die sich nicht innerhalb einer Religion verorten lassen. Ich bin geneigt, diese vielen Namen der Mystiker aufzulisten, der Klang dieser Namen bringt mein Herz in Schwingung. Diese vielen Namen sind die Verkörperungen des Namenlosen, der Wahrheit, die wir alle in uns tragen und die uns alle verbindet.

 

Ich verbeuge mich vor allen Menschen,

die jemals sich selbst erkannt haben.

Ich verbeuge mich vor allen,

die angekommen sind.

Ich verbeuge mich vor allen,

die Meister sind.

Ich verbeuge mich vor allen Lehrern.

Ich verbeuge mich vor allen Menschen,

die jemals sich selbst gekannt haben.

Uneingeschränkt.

Om shantih shantih shantih

 

Das innere Zuhause –

Was Spiritualität heute bedeuten kann

 

Samarona Buunk

 

Innenwelt Vlg., 280 S., 18,50 €

 

Bestellmöglichkeit bei Buchhandlung Plaggenborg, info@buchhandlung-plaggenborg.de oder Tel. 0441-17543


2018


Herbst 2018


Die Ewigkeit ist jetzt - Frieden und Freiheit durch die Lehre Buddhas

Von Ayya Khema

 

„Was wir auch tun, es kommt darauf an, wie wir es tun. Es ist völlig gleich, ob wir ein Buch schreiben oder Karotten schneiden“. 

 

Meditation beeinflusst unser Leben

 

Stellt euch einen Menschen vor, der die letzten zwanzig, dreißig Jahre in einem Zimmer gelebt und es nie für nötig befunden hat, es sauberzumachen. All die Speisereste und die schmutzige Kleidung – der angesammelte Unrat reicht bis zur Decke. In diesem Müll zu leben ist äußerst unangenehm. Der Mensch in dem Zimmer nimmt das gar nicht wahr, bis eines Tages ein Freund zu Besuch kommt und sagt: «Warum machst du nicht mal sauber?» Gemeinsam machen sie eine kleine Ecke sauber. Jetzt findet diese imaginäre Person heraus, dass es sich in dieser sauberen Ecke wesentlich angenehmer leben lässt. Daraufhin beginnen die beiden den ganzen Raum zu reinigen, bis man schließlich aus dem Fenster schauen und sich im Zimmer bewegen kann. Da er sich nun behaglicher fühlt, kann dieser Mensch ungehindert über seinen Geist verfügen, ohne sich mit körperlichen Unannehmlichkeiten abgeben zu müssen.

Das Haus, in dem wir leben, ist unser Körper. Es spielt keine Rolle, wohin wir uns begeben, unseren Körper nehmen wir überallhin mit, bis er zerfällt und zu Staub wird. In diesem Haus benötigen wir etwas mehr Platz und Behaglichkeit. Bei unseren psychischen Hindernissen und Blockaden handelt es sich um Ablagerungen unserer emotionalen Reaktionen. Der Geist hat sie angenommen, und darum kann der Geist sie auch wieder loslassen. Für unsere Meditationspraxis bedeutet das: Die Empfindung erkennen, nicht reagieren, dann loslassen!

 

Nicht-Reagieren 

 

Das zweite Merkmal unserer Meditationspraxis ist das Nicht-Reagieren: Ein überaus wichtiger Aspekt, wenn wir inneren Frieden und Harmonie erreichen wollen. Ohne dieses Nicht-Reagieren werden unsere Reaktionen uns in Wellenbewegungen mit sich reißen, und wir können den Weg nicht klar erkennen. Er wird uns schleierhaft bleiben. Wir mögen von ihm hören. Wir mögen sogar ahnen, was gemeint ist, aber wir werden ihn nie sehen, weil sehen hier Einsicht bedeutet, inneres Sehen also. Diese innere Sicht wird von unseren psychischen Reaktionen behindert.

 

Beobachten wir Gefühle und Empfindungen während der Meditation, dann ist es selten notwendig, darauf zu reagieren. Sich einer Reaktion zu enthalten ist also möglich: Genau daran arbeiten wir! Wir können dieses Nicht-Reagieren in unseren Alltag übernehmen, indem wir lernen, alle auftauchenden Gefühle als das zu betrachten, was sie sind: Emotionen, die zum Vorschein gekommen sind und wieder verschwinden. Wenn wir das in unserer Meditationspraxis lernen, so lernen wir etwas ganz Wertvolles über den Umgang mit uns selbst.

Zu den Absurditäten des menschlichen Daseins gehört das weitverbreitete Missverständnis, zu glauben, da wir Lebewesen sind, wüssten wir auch, wie man lebt. Das Leben zu leben ist eine Kunst, und die meisten Menschen erleben im Laufe ihres Daseins manchen Reinfall. Das nennen sie dann eine Tragödie oder ein individuelles Problem. Dabei haben sie lediglich die Kunst zu leben nicht vervollkommnet.

 

Die Erfahrung der Vergänglichkeit

 

Der dritte, doch nicht minder wichtige Aspekt der Meditation ist die persönliche Erfahrung der Vergänglichkeit. Bevor wir nicht selbst diese Erfahrung gemacht haben, wird sie nur ein Wort bleiben. Worte können niemals befreiend wirken, dazu ist Erfahrung nötig. Den Weg des Buddha gehen heißt, nach Befreiung streben, vollkommene und absolute Freiheit, und die kann man nur erfahren. In der Meditation ist die Erfahrung der Vergänglichkeit sehr direkt. Wenn ihr den eigenen Atem beobachtet, merkt ihr, dass der hereinfließende Atem nicht derselbe ist wie der ausströmende. Empfindungen kommen und gehen. Ein Schmerz im Bein: Man bewegt es, und schon ist er fort. Empfindungen kommen und gehen!

Mit ein bisschen mehr Übung in der Meditation ist die Vergänglichkeit der Gefühle und Empfindungen leicht zu erkennen. Gleichzeitig gewinnen wir aber auch Einsicht in die Vergänglichkeit unseres Körpers. Jeder weiß darüber Bescheid. Auf der ganzen Welt gibt es keinen einzigen Menschen, der nicht über die Vergänglichkeit des Körpers Bescheid weiß. Trotzdem leben wir alle so, als ginge uns die Vergänglichkeit nichts an und sind betrübt über jene, deren Körper bereits dem gesetzmäßigen Verfall und dem Naturgesetz unterworfen waren, als ob das etwas ganz und gar Unerwartetes sei.

Offenbar haben wir da wenig realistische Vorstellungen. Das liegt daran, dass wir vor der Wirklichkeit unsere Augen schließen. Wir wollen nur sehen, was uns gefällt. Dass wir trotzdem unentwegt auch mit Unannehmlichkeiten konfrontiert werden, ist ein Umstand, für den wir ständig anderen die Schuld geben wollen. Viele Menschen gehen sogar so weit und suchen immer einen Sündenbock.

Aber in Wirklichkeit ist das Leben totale Vergänglichkeit und nichts bleibt bestehen wie es ist. Das müssen wir erfahren und akzeptieren. Dann können wir dementsprechend leben.

 

Ständige Bewegung

 

Wenn wir lernen, in tiefere Bereiche vorzudringen, werden wir feststellen, dass in jeder Zelle unseres Körpers ständig Bewegung herrscht. Dieses Naturgesetz haben wir alle in der Schule gelernt. Wir waren vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, als man uns beigebracht hat, dass sich die Körperzellen alle sieben Jahre erneuern. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich überlegt habe, ob der Körper wohl all seine Zellen verliert und diese durch neue ersetzt werden. Da mir das unmöglich schien, gab ich auf. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Jetzt können wir verstehen, was wirklich geschieht: Im Verlauf von sieben Jahren haben sämtliche Körperzellen einen Verfallsprozess durchlaufen und sind erneuert worden – ständige Bewegung.

Es muss doch einen Weg geben, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. In meditativer Sammlung können wir uns die Bewegung auf der Haut und unter der Haut bewusst machen. Danach werden wir uns selbst und die Welt um uns herum mit anderen Augen betrachten, weil wir aus persönlicher Erfahrung wissen, dass es nichts Festes und Statisches gibt. Am allerwenigsten in unserem Körper.

Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass es im ganzen Universum nicht einen einzigen stabilen Baustein gibt. Alles Existierende besteht aus Energiepartikeln. Sie bewegen sich mit solcher Geschwindigkeit – treffen aufeinander und entfernen sich wieder –, dass die Illusion von Stabilität entsteht. Ebendies sagte der Buddha, als er vor zweieinhalbtausend Jahren von solchen Partikeln sprach. Er benötigte allerdings kein Labor, um dies herauszufinden und zu beweisen. Er selbst machte diese Erfahrung. Daraus erwuchs seine Erleuchtung. Unsere Wissenschaftler wissen alles darüber. Dennoch kann man sie kaum als erleuchtet bezeichnen. Was ihnen fehlt, ist die persönliche Erfahrung.

Wir können selbst erkennen, dass es nirgendwo etwas Festes gibt. Sogar die verstandesmäßige Logik zeigt uns, dass es nichts Statisches geben kann, sonst wären wir keine menschlichen Wesen, sondern nur leblose Körper. Das verstandesmäßige Wissen genügt aber nicht, diese Tatsachen müssen erfahren werden. Erst wenn wir dies in der Meditation empfinden, wissen wir Bescheid. Was man aus persönlicher Erfahrung weiß, lässt sich nicht wegdiskutieren. Würde euch auch alle Welt von der Beständigkeit des Körpers zu überzeugen versuchen, ihr würdet euch nicht überzeugen lassen, denn ihr habt eure eigenen Erfahrungen gemacht. Als die Menschen über die Lehren des Buddha diskutierten, widersprach er niemals. Er hatte keinen Standpunkt zu verteidigen, denn er sprach über seine eigene Erfahrung.

Wenn wir uns besser sammeln und in tiefere Schichten vordringen können, werden wir diese unablässige Bewegung in uns erkennen. Für den Geist ist klar, dass diese Bewegung, wenn sie denn innen ständig vorhanden ist, auch außen stattfinden muss. Wo also ist etwas Festes zu finden? Der Geist mag fragen: «Wenn alles ständig in Bewegung ist, wo bleibt dann das Ich? Empfindungen ändern sich andauernd, von Augenblick zu Augenblick. Der Körper ist in Bewegung. An nichts kann ich mich halten. Die Gedanken sind unablässig in Bewegung. Wo also bin ich?» Um sich selbst «finden» zu können, ersinnen die Menschen etwas Imaginäres wie zum Beispiel ein höheres Selbst, einen festen Wesenskern oder eine Seele. Bei genauerer Nachforschung stellt sich allerdings heraus, dass es sich hierbei wiederum nur um Illusionen handelt. Vergänglichkeit muss erfahren werden.

 

Die vier Elemente

 

Einen anderen Aspekt unserer Meditationspraxis hat der Buddha in den Lehrreden über die Grundlagen der Achtsamkeit erwähnt: Die Meditation über die vier Elemente – Erde, Wasser, Feuer und Luft. Die Empfindung von Festigkeit im Körper entspricht dem Erdelement. Ebenso die Festigkeit des Sitzkissens, das wir spüren. Das Erdelement ist überall gegenwärtig, auch im Wasser, sonst könnten wir nicht schwimmen; auch in der Luft, sonst könnten weder Vögel noch Flugzeuge fliegen.

Das Feuerelement ist gleichfalls überall gegenwärtig. Innerlich wird es für uns spürbar, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf lenken. Normalerweise nehmen wir es nur wahr, wenn uns eiskalt oder glühend heiß ist oder wenn wir Fieber haben. Aber Temperatur (die Ausdrucksform des Feuerelements) ist stets und überall vorhanden – in allem, was lebt.

Das Wasserelement können wir in unserem Blut, im Speichel und im Urin wahrnehmen. Das Wasserelement ist die verbindende Kraft. Um einen Teig herzustellen, muss man dem Mehl etwas Wasser hinzufügen. Wasser ist das überall anzutreffende Verbindungselement. Ohne Wasser würden all die sich ständig bewegenden Zellen auseinanderfallen. Ohne die haltgebende Kraft dieses Verbindungselements würde niemand von uns hier sitzen. Das alles klingt sehr interessant, hilft uns jedoch nicht weiter, solange wir es nicht selbst erfahren haben. Erst durch die persönliche Erfahrung entwickelt sich die Einsicht, wie die Dinge wirklich sind: Die Dinge so erkennen und sehen, «wie sie wirklich sind» – dieser Worte bedient sich der Buddha häufig.

 

Wir können als fünftes Element den Raum hinzufügen. In uns ist Raum im Sinne von Öffnungen vorhanden, Mund und Nase beispielsweise. Entsprechendes gilt für das Körperinnere. Das Universum ist Raum. Wenn wir uns dies klarmachen und uns mit der Tatsache anfreunden können, dass diese Elemente überall gleichermaßen zu finden sind, werden wir etwas von unserer Gewohnheit, alles zu trennen, aufgeben können – dieses: «Das bin ich – mag der Rest der Welt in Frieden leben, aber ich sorge zuerst mal für mich selbst. Die anderen sollen mir bloß nicht zu nahe kommen.»

Begreifen wir, dass wir lediglich aus Energiepartikel bestehen, die zusammentreffen und sich wieder trennen, nichts weiter als die fünf Elemente – was ist dann jenes «Ich», das wir so eifrig schützen? Und was ist der Rest der Welt, der so bedrohlich scheint?

 

Meditation bedeutet nach Einsicht streben. Einsicht ist das Ziel der buddhistischen Meditation. Die Techniken dienen dabei als Werkzeug. Ihr nutzt sie, so gut ihr eben könnt. Jeder geht mit Werkzeug ein wenig anders um. Je geschickter wir damit umzugehen lernen, desto einfacher und schneller erzielen wir Resultate. Die volle Aufmerksamkeit muss jedoch auf das Werkzeug gerichtet sein und nicht auf das eventuelle Resultat. Erst dann können sich Geschicklichkeit und Leichtigkeit entwickeln.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Jhana-Verlages aus

 

Die Ewigkeit ist jetzt

Ayya Khema

überarbeitete Neuauflage

248 Seiten

14 €

 


Sommer 2018


Das besondere Buch: Die Seele Europas erwacht

Kaiser, Annette

Crotona Vlg., 120 S., 15,95 €

 

Die Grundidee Europa

 

Die Idee von einem vereinten, transnationalen Europa wird essenziell von uns Menschen, die wir in Europa leben, getragen und geformt. Der Wunsch nach einem vereinigten Europa entstand nach den schrecklichen Erfahrungen des Ersten und zweiten Weltkrieges. Es sollte ein neues Miteinander entstehen, um weitere Kriege zu vermeiden – ein Miteinander, das sich auf die Grundwerte von Gleichheit, Brüderlichkeit / Schwesterlichkeit und Freiheit zurückbesinnt auf der Basis grundlegender Menschenrechte. Die wirtschaftliche Entwicklung stand dabei im Vordergrund. Sie sollte den Wohlstand für alle ermöglichen.

 

Heute ist die Europäische Union gefährdet – und dies aus ganz unterschiedlichen Gründen. Wir stellen verschiedene Tendenzen fest, darunter solche, die spalten, und solche, welche die Grundidee eines vereinigten Europas aufrechterhalten möchten. Die beiden Tendenzen sind nicht gleichzusetzen. Ihre Bewusstseinsfrequenzen sind unterschiedlich. Während die eine in die Trennung von Nationen und Menschen führt, ist die andere höherschwingend: Sie hat in sich das Bestreben, zu vereinen. Diese Einschätzung ist nicht wertend. Sie ist neutral erkennend, was Wirklichkeit ist.

Um die Europäische Union grundlegend zu erneuern, bedarf es allerdings eines Bewusstseinssprunges, der jenseits von positivem und negativem Gedankengut liegt. Es ist ein Bewusstseinssprung in die Kraft der Gegenwart. Dieser ermöglicht erst einen grundlegenden Wandel, welcher in der untrennbaren Einheit vor jeglicher Verschiedenheit wurzelt.

 

Europa und die Welt

 

Im Licht des untrennbaren Einen ist die gesamte Welt ein untrennbares Ganzes. So sind Europa und die Welt in Essenz untrennbar eins. Die von uns Menschen geformte und gestaltete Welt hat heute einen äußerst hohen interdependenten Komplexitätsgrad erreicht. Ein mechanistisches Weltbild, das mehrheitlich auf einem rationalen Verständnis beruht, welchem die Trennung von Subjekt und Objekt zugrunde liegt, vermag diese komplexen multidimensionalen Prozesse kaum mehr zu erfassen, geschweige denn sie zu steuern. Es ist so, als ob eine bestimmte Entwicklungsstufe zu Ende gehen würde und sich etwas Tieferes, Umfassenderes im Bewusstsein entfalten möchte.

 

Aus einer evolutionären Perspektive betrachtet, kann das heutige Geschehen in der Welt und im Speziellen in Europa als ein Übergang in eine nächst-höhere Holon-Ebene verstanden werden. Wirkliche Lösungen für die heute anstehenden globalen Herausforderungen können nicht auf der Ebene, wo sie entstanden sind, gefunden werden. Dies hat schon Albert Einstein festgestellt. Wir benötigen dazu eine erweiterte, umfassendere Bewusstseinsperspektive. Keine einzelne Nation, keine einzelne Religion oder Kultur vermag dies zu bewerkstelligen. Die großen Herausforderungen dieser Zeit, wie Klimaveränderung, Ökologie, Migration, Ressourcen- und Energiefragen, Trinkwasserversorgung oder Armut, können nur in einem neuen kreativen Zusammenwirken überwunden werden. Die komplexen multidimensionalen Prozesse sind weitgehend nur aus dem Jetzt, aus der Kraft der Gegenwart, durch Innenschau intuitiv wirklich erfass- und lösbar. Das ist ein Quantensprung! – Ein gewaltiger Sprung in die nächst höhere Bewusstseinsdimension der einen untrennbaren Wirklichkeit, der Kern in freiwillig angenommener Verantwortung dem Wohl des Ganzen dient.

Europa hat eine hohe Dichte bewusst lebender Menschen. Das ist ein Potenzial, welches für die grundlegende Erneuerung eines vereinigten Europas von großer Bedeutung sein kann.

 

Wertschätzung für Europa

 

Wenn wir nach dem Ursprung unseres heutigen menschlichen Daseins in der Welt forschen, begegnen wir unseren Wurzeln – dem homo sapiens sapiens. Die wissenschaftliche Forschung lokalisiert unseren Ursprung in Afrika. Unsere einstigen Vorfahren wanderten wohl über Asien oder über die Beringstrasse vor allem nach Europa ein. Diese Tatsache widerspiegelt sich in jedem Menschen und ist heute durch einen DNS-Test wissenschaftlich überprüfbar. Unser menschlicher Ursprung ist somit derselbe. Mit anderen Worten ausgedrückt, bedeutet dies, dass uns vor jeglicher Unterschiedlichkeit wie Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder kultureller Besonderheiten, zuerst einmal der homo sapiens sapiens verbindet. Auch hier zeigt sich das kosmische Prinzip der Einheit vor jeglicher Verschiedenheit. 

 

Es ist vielleicht gut, sich für einen Moment die Zeit zu nehmen, um sich diese großen Wanderungen unserer Vorfahren zu vergegenwärtigen. Sie alle haben dazu beigetragen, dass die Welt heute so ist, wie sie ist. Es bedarf des Respektes gegenüber allen Menschen und Wesen, die an der heute vorhandenen Vielfalt an Kulturen, Sprachen, Religionen und Nationen beigetragen haben. Vor allem Europa ist im speziellen ein Schmelztiegel bewegter Geschichte, die auch mit viel Leid verbunden war. (…)

 

Die neue Kultur Europas

 

Ein vereintes Europa entsteht in den Herzen der Menschen

 

Europa ist eine kollektiv geformte, transnationale Einheit. Das Bewusstsein jedes Menschen, der in Europa lebt, prägt dessen Ausdruck als Gemeinschaft. So widerspiegelt die Europäische Union, wie sie sich heute darstellt, ein durchschnittliches, kollektives Bewusstsein der in ihr lebenden Bevölkerung. Jedes einzelne menschliche Bewusstsein ist Teil des kollektiven Bewusstseins. Jeder Gedanke – ob positiv oder negativ – jedes Wort und jede Handlung prägen die Qualität oder die Frequenz des kollektiven gemeinsamen Feldes. Dies bedeutet, dass wir in der europäischen Gemeinschaft direkt über unsere Lebens- und Denkweise und über unser Selbst- und Weltbild einwirken. Kollektiv wird eine bestimmte Meinung, eine Idee, ein Vorschlag, ein Schritt oder eine Veränderung dann wirksam, wenn eine bestimmte „Masse“ an Bewusstsein damit einverstanden ist und/oder daran glaubt.

 

Indem mehr und mehr Menschen diese kollektiven, meist unbewusst ablaufenden Prozesse erkennen, eröffnet sich eine Möglichkeit für ein neues Miteinander: Die Wahl nämlich, von nun an bewusst gemeinsam eine Europäische Union zu gestalten.

In jedem Menschen gibt es einen „ortlosen Ort“, der weiß, was dem Gesamtwohl dient und was ihm schadet. Manche nennen es das Gewissen, diese innere Stimme, frei von jeglicher Konditionierung, die „weiß“. Das ist kein angelerntes Wissen, das über die Erinnerungsfunktion des Gehirns abgerufen werden kann, sondern etwas Grundlegendes, Tiefes: Es ist dem Leben selbst inhärent. Jeder Mensch hat Zugang zu diesem Wissen, wenn er dies will. Dieses Wissen ist über die Introspektion wahrnehmbar, über die reine Intuition oder – nochmals ganz anders ausgedrückt – über die Weisheit des Herzens.

In der Tiefe des Seins – Jetzt – von Augenblick zu Augenblick, ist der Zugang zum Herzen geöffnet. Schon „der kleine Prinz“ hat gesagt, dass man nur mit dem Herzen gut sieht. Es ist ein „Sehen“, das frei von Konditionierungen ist, ein Wahrnehmen, das die Liebe in sich birgt für das Kleinste wie für das Größte. Es weiß um das Gesamtwohl von allem-und allem zugleich.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Crotona Verlages. Mehr dazu: www.buchhandlung-plaggenborg.de  


Frühjahr 2018


Wahre Freiheit

Von Jack Kornfield 

 

Einladung zur Freiheit

 

Liebe Freunde, nach über vierzig Jahren, in denen ich Tausenden Menschen auf dem spirituellen Pfad Achtsamkeit und Mitgefühl vermittelt habe, ist dies die wichtigste Mitteilung, die ich machen kann: Ihr müsst auf die Freiheit nicht warten. Ihr braucht das Glück nicht aufzuschieben.

Viel zu oft verbindet sich die schöne Praxis der Achtsamkeit und des Mitgefühls mit Vorstellungen von Selbstdisziplin und Pflichterfüllung. Wir sehen uns von ihnen auf einen langen Hindernisparcours geführt, an dessen fernem Ende die angestrebten Ergebnisse winken. Ja, es gibt sie, die Arbeit des Herzens, und unser Leben hat seine Zyklen, die uns so manches abverlangen. Doch wo jeder Einzelne auch stehen mag auf seinem Weg, es existiert noch eine andere wunderbare Wahrheit, und die heißt „Die Früchte ernten“ oder „Mit dem Ergebnis beginnen“. Die Früchte des Wohlbefindens, der Freude, der Freiheit und der Liebe sind schon jetzt in unmittelbarer Reichweite, wie auch immer Ihre Lebensumstände sein mögen.

 

Als Nelson Mandela nach siebenundzwanzig Jahren Haft die Gefängnisinsel Robben Island verließ, war er ein Mann voller Würde und Großmut, so ganz und gar bereit zu verzeihen, dass sein Geist das Land verwandelte und für die Welt zur Inspiration wurde. Auch Sie können diese Freiheit und Würde leben, und zwar genau da, wo Sie jetzt sind. Die Umstände mögen schwierig, die Zeiten unsicher sein – vergessen Sie nie, dass Freiheit nicht für ganz besondere Menschen reserviert ist. Niemand kann Ihren Geist einsperren.

 

Wenn Sie zum Chef zitiert werden und Sie Befürchtungen oder bange Erwartungen in sich aufsteigen fühlen, wenn jemand in Ihrer Familie unter Konflikten und Nöten zusammenzubrechen droht, wenn die zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Probleme der Welt Ihnen schwer zu schaffen machen, haben Sie immer verschiedene Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Sie können dann erstarren und sich wie bewegungsunfähig fühlen, oder aber Sie nutzen die schwierige Phase, um sich weiter zu öffnen, bis sich Ihnen zeigt, wie Sie während dieses Abschnitts auf Ihrem Weg sinnvoll und weise reagieren können. Zyklisch geht das Leben mal seinen ruhigen Gang, dann wieder stellt es uns vor große Herausforderungen oder bringt tiefe Schmerzen mit sich, und manchmal scheint die ganze Gesellschaft ringsum im Umbruch zu sein. In alldem bleibt uns immer die Möglichkeit, tief durchzuatmen, den Blick ein wenig weicher werden zu lassen und uns in Erinnerung zu rufen, dass Mut und Freiheit in unserem Inneren darauf warten, dass wir uns ihrer bewusst werden, um auch andere daran teilhaben zu lassen. Selbst unter ganz düsteren Umständen bleibt die Freiheit des Geistes bestehen – auf wundersame Weise großartig und einfach zugleich. Wir sind in diesem Leben frei und fähig zu lieben, was auch immer geschehen mag.

 

Ganz in unserer Tiefe wissen wir das. Wir wissen es immer dann, wenn wir uns in etwas Größeres eingebunden fühlen – wenn wir Musik hören, bei der Liebe, beim Wandern in den Bergen oder beim Schwimmen im Meer, wenn wir am Sterbelager eines geliebten Menschen Zeugen dieses Mysteriums werden, dass der Geist still wie eine Sternschnuppe den Körper verlässt, oder bei der Geburt eines Kindes. In solchen Momenten geht eine Welle freudevoller Offenheit durch unseren Körper, und unser Herz ist in Frieden gehüllt.

 

Freiheit fängt da an, wo wir sind. (…) Jedes Kapitel dieses Buchs stellt die Einladung zu einer bestimmten Form der Freiheit dar. Wir beginnen im persönlichen Bereich mit der Freiheit des Geistes, der Freiheit des Neubeginns, der Freiheit jenseits der Angst und der Freiheit, zu sein, was wir sind. Wir erschließen uns die Freiheit, zu lieben, die Freiheit, für das einzustehen, was wirklich zählt, und schließlich die Freiheit, glücklich zu sein. Anhand von Geschichten, Überlegungen, Lehren und Übungen führen wir uns vor Augen, wie wir uns festfahren und wie wir frei werden können. Frei werden, das ist ein nie abgeschlossener, stets aktiver Prozess, der Herz, Verstand und Gemüt einbezieht. Die Mittel und die Ziele sind dabei eigentlich dieselben: man selbst sein, träumen, vertrauen, mutig sein und handeln.

Sie können wählen, in welchem Geist Sie leben möchten. Freiheit, Liebe und Freude jedenfalls gehören Ihnen bereits, und das unter allen Umständen. Sie sind Ihr Geburtsrecht.

 

 

 

Aus dem Vorwort zu Jack Kornfields neuem Buch „Wahre Freiheit“,

mit freundlicher Genehmigung des O. W. Barth Verlags.

 

Siehe auch unter „Wortwelten“.

 

 

 

Foto oben © www.pixabay.com 


Winter 2018


Jesus, der spirituelle Revolutionär - Von Adyashanti

Jesus ist der stille Koloss, der die westliche Kultur für mehr als zweitausend Jahre bestimmt hat. Er ist die zentrale Figur im kollektiven Traum der westlichen Kultur. In den letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaft versucht herauszufinden, welche Teile der Jesus-Geschichte historischen Tatsachen entsprechen und welche nicht. Mit anderen Worten: Was ist in Judäa vor zweitausend Jahren wirklich passiert? Das wissenschaftliche Interesse an Jesus galt dem, was Jesus wirklich sagte im Gegensatz zu dem, was er nicht sagte. Nach meiner Meinung werden wir das nie mit Sicherheit wissen. Wir können nicht wissen, was geschehen ist und was nicht geschehen ist oder wie groß der historisch wahre Anteil ist und wie groß der mythologische. Diese Suche nach dem historischen Jesus geht am  entscheidenden Punkt vorbei, auch wenn sie interessant und sogar faszinierend ist. Der Kernpunkt ist die Geschichte, der kollektive Traum.

 

In der westlichen Kultur haben wir weitgehend die Kraft der Geschichte vergessen; die Kraft des Mythos, Wahrheit in sich zu tragen und zu vermitteln – grundlegende Wahrheit, spirituelle Wahrheit. Der Mythos spricht zu unseren Seelen. Die mythologische Sprache verbindet uns mit unserem Unbewussten und erweckt eine Ahnung von Ewigkeit, von einem Leuchten, das durch die Welt von Zeit und Raum schimmert. Der Mythos ist letztendlich eine Weise, über das zu sprechen, was nicht gesagt werden kann, und das zu enthüllen, worüber nicht geschrieben werden kann. Deshalb meine ich, dass die Jesus-Geschichte erst dann vollkommen lebendig wird, wenn wir die Versessenheit auf die Historie und das, was geschah oder nicht geschah, aufgeben.

 

Letzten Endes ist es nicht wirklich wichtig, ob wir die Bibel als akkurate Historie und Tatsache lesen oder ob wir die Geschichte mythologisch und metaphorisch auffassen, als etwas, das unserem bewussten und unbewussten Sein Wahrheiten über das Göttliche vermitteln kann und uns hilft, etwas zu erkennen, das von Fakten nicht berührt werden kann. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Geschichte und den Charakter von Jesus zu betrachten. Hoffentlich sieht jeder von uns die Geschichte auf seine eigene Weise, sodass sie zu uns spricht. In diesem Buch betrachte ich die Geschichte von Jesus auf besondere Weise. Meine interpretatorische Linse fokussiert sich darauf, Jesus als spirituellen Revolutionär zu enthüllen: Jesus als eine Präsenz göttlicher Strahlung und Erleuchtung, welche die Grenzen und Trennungslinien durchbricht, die uns einschränken – ob diese Trennungslinien nun kulturell bedingt sind, zwischenmenschlich, rassisch oder einfach durch unsere Psychologie.

 

Für mich vermittelt Jesus, der Revolutionär, in einzigartiger Weise das Leuchten des Geistes, und deshalb möchte ich in diesem Buch diese besondere Sichtweise anbieten. Aber letztendlich wird jeder von uns die Jesus-Geschichte auf die Weise interpretieren, die für ihn am sinnvollsten ist, und genau so soll es sein. Tatsächlich muss das so sein, denn wenn wir uns nur an die Interpretation von jemand anderem halten, wenn wir die Geschichte nur durch eine Linse betrachten, blockiert das unsere eigene einzigartige Kreativität. Wenn ich also die Jesus-Geschichte als die Geschichte von Jesus, dem Revolutionär, interpretiere, ist es wichtig, dass jeder von uns in diese Geschichte so eintaucht, dass sie für ihn lebendig wird.

 

Die Jesus-Geschichte durch die Linse von Jesus, dem Revolutionär, zu betrachten, ist ein Mittel, die Geschichte ganz lebendig werden zu lassen. Indem ich durch diese Linse blicke, spüre ich, wie Leben in die Geschichte zurückkehrt. Sie wird lebendig auf schöne und gleichzeitig sehr herausfordernde Weise, denn Jesus, der spirituelle Revolutionär, hat die Fähigkeit, uns aus unserem eigenen individuellen Traum der Trennung und Isolation aufzuwecken.

 

In der westlichen Kultur haben die meisten von uns sich angewöhnt, Jesus als die Verkörperung der höchsten Form von Ethik und Moral zu sehen – er ist der gute Hirte, wir sind die Herde, und er zeigt uns den Weg. Das ist der Jesus der Kirche; die Kirchen sind sehr angetan von Jesus als ethischem und moralischem Priester. Das macht Sinn, denn die ethische und moralische Dimension ist Teil dessen, was jede Religion am Leben hält, was sie entwickelt und in die Kultur hinein vermittelt. Aber wenn das alles ist, was wir in der Jesus-Geschichte sehen, werden wir blind für die darunterliegende Transzendenz, für das Strahlen der Präsenz von Jesus. Ohne dieses transzendente Strahlen wird Jesus nur eine weitere Figur in der langen Geschichte moralischer und ethischer Propheten.

 

Wir wissen, dass die Art, in der die gesamte Kultur die Jesus-Geschichte definiert und interpretiert hat, heute nicht mehr die Herzen der Menschen in der Tiefe erreicht. Die Gottesdienste sind immer schlechter besucht. Im letzten Jahr fuhr ich nach Europa und sah erstaunliche Kathedralen, die zum Teil über tausend Jahre alt sind. Diese Kathedralen sind der Beweis, dass es eine Zeit gab, in der die Geschichte von Jesus höchst lebendig war und die Gesellschaft erreichte. Aber die meisten dieser Kirchen sind heute leer, und das sagt uns etwas Wichtiges. Es sagt uns, dass die gesamte Kirche dabei versagt hat, die Geschichte neu zu interpretieren und die Botschaft aktuell und lebendig zu halten als etwas, das zu unseren Herzen spricht, das die geheimnisvollen Regungen in uns anspricht und uns erlaubt, uns dem Mysterium unseres Seins anzuvertrauen.

 

Deshalb denke ich, wir sollten uns die Geschichte neu anschauen. Wenn wir beginnen, die Jesus-Geschichte mythologisch zu interpretieren, suchen wir nach ihren Metaphern und Symbolen. Wir beginnen zu fragen: »Was meinen die Metaphern für mich? Was bedeutet mir Jesus?« Wenn wir Jesus nicht nur als historische Figur ansehen, die geboren wurde und gelebt hat, auf der Erde wandelte, lehrte, seine Botschaft verkündete und schließlich am Kreuz starb, sondern Jesus auch als eine zeitlose lebendige Gegenwart betrachten, als eine Metapher für die Ewigkeit in uns selbst, können wir beginnen, den inneren Raum zu  betreten, in dem wir die Söhne und Töchter von Gott werden. Dann wird die Geschichte wiederbelebt. Dann kann die Jesus- Geschichte auf eine Weise lebendig werden, die wirklich Bedeutung für uns hat. Natürlich könnte das für manche Menschen ziemlich herausfordernd sein. Für manche könnte es sogar blasphemisch erscheinen, der Geschichte eine so konkrete Form zu geben, wie ich das vorschlage. Aber ich meine, die Einladung, genau dies zu tun, ist in der Geschichte selbst enthalten. Wenn ich dem, was die Geschichten zu sagen haben, wirklich lausche, ist es, als würde Jesus sagen: »Komm, komm ins Himmelreich. Das Himmelreich befindet sich auf der Erde, und Männer und Frauen verstehen es nicht.« Mir scheint, dass Jesus eine lebendige Verkörperung der Ewigkeit ist, eine Verkörperung dessen, was in uns selbst existiert.

 

Die Jesus-Geschichte ist ein Spiegel, der uns hilft, uns selbst klarer zu sehen. Die wichtigste Funktion der mythischen Erzählung ist es, das Leben durchlässig zu machen für die Transzendenz, die an seinem Grund liegt und hindurchscheint. Das ist die Kraft des Geschichtenerzählens. Das Erzählen von Geschichten lädt uns ein, in eine schöpferische Beziehung zur Geschichte zu treten. Wir können nicht distanzierte Beobachter bleiben; wir müssen in die Geschichte eintreten und selbst zu ihren Figuren werden. Wir müssen uns erlauben, das Leben mit den Augen von Jesus, den Augen von Christus, zu sehen, und die Welt durch die Augen der Jünger zu betrachten und durch die Augen jener, die geheilt und erlöst wurden durch die Gegenwart Christi.

 

Wie ich sagte, wird jeder von uns die Jesus-Geschichte auf seine eigene Weise betrachten. Ich möchte eine besondere Sichtweise anbieten, die ich für sehr machtvoll, wirksam und wichtig für unsere Zeit halte. Aber wenn wir uns nun miteinander in die Geschichte vertiefen, möchte ich Sie auch ermuntern, Ihre eigene kreative Beziehung zur Geschichte zu finden. Halten Sie Ihre Ohren offen und finden Sie heraus, wie jeder Teil der Geschichte zu Ihnen spricht. Wenn wir auf diese Weise lauschen, wird die zweitausend Jahre alte mythische Reise von Jesus zur Reise in unser Inneres, führt uns zur Offenbarung Gottes in uns selbst und letztendlich zu der Erkenntnis, wer und was wir wirklich und wahrhaftig sind.

 

Textauszug aus

„Jesus, der Zenmeister“

von Adyashanti

mit freundlicher Genehmigung des

Herder-Verlages.

Siehe auch unter Wortwelten


Ins Licht geschubst... Von Monika Weber

Textauszug aus dem Buch von Monika Weber, Innenwelt Verlag

 

Meditation: Definition und Anleitung

 

Was ist Meditation – und was nicht?

Meditation ist, wenn man Äußeres wie Geräusche und Inneres wie Gedanken,  Empfindungen, Schmerzen passiv wahrnimmt. Wir sind dann mehr und mehr in einem Zustand von Stille, Frieden und Einheit. Wir erlangen Gelassenheit und zugleich geistige Wachheit. Wir können zu einem Bewusstseinszustand jenseits des Verstandes kommen und erkennen, wer wir sind. Für mich bedeutet dieses Erkennen, wie schon beschrieben, ein Zustand von Stille oder Nirvana – letztendlich gibt es hierfür keine genauen Worte. 

Oder anders ausgedrückt, im Verständnis meines Mannes: Der Sinn der Meditation ist es zu erkennen, dass wir geistige Wesen sind und Gedanken, Gefühle, Bilder, Körpersensationen haben. Ich, das geistige Wesen, bin jenseits von Raum und Zeit und reine Qualität. Alles andere ist Quantität. In der Meditation lerne ich, der bewusste Beobachter zu sein und meine Gedanken, Gefühle, Bilder oder körperlichen Sensationen kommen und gehen zu lassen, das heißt wahrzunehmen, dass ich das nicht bin.

 

Meditation ist nicht Autogenes Training, nicht Autosuggestion, nicht Imagination, nicht Selbsthypnose, nicht Visualisierung und auch keine Trance.

  • Autosuggestion heißt Selbstbeeinflussung. Durch formelhafte Sätze, die wir uns immer wieder sagen, soll unser Verhalten beeinflusst werden: „Das Leben ist schön. Es ist alles in Ordnung“ oder Ähnliches.
  • Autogenes Training ist eine Entspannungstechnik durch Selbstbeeinflussung, also eine von innen heraus erzeugte Entspannung, auch „konzentrative Selbstentspannung“ genannt. Dem Gehirn werden hierbei immer wieder entspannende Formeln eingegeben, die in erster Linie auf Funktionen des Körpers abzielen, wie zum Beispiel: „Mein rechter Arm ist schwer.“
  • Bei der Imagination (von lat. Imago – Bild) handelt es sich um bildhafte Vorstellungen, zum Beispiel einer grünen Wiese, oder um bewusste Fantasiereisen, die Traumbildern gleichen.
  • Bei der Visualisierung werden Vorstellungsbilder hervorgerufen; es ist also der Imagination ähnlich. Bei bestimmten Meditationsformen können auch Visualisierungsübungen eingesetzt werden.

Es gibt aktive und passive Meditationen. Eine passive Meditation beruht auf Wahrnehmung, zum Beispiel des Atems, oder auf Visualisierung, zum Beispiel von Licht oder Bildern. Ich habe viele verschiedene Meditationsarten ausgeübt und die, die mir persönlich am besten gefallen hat, praktiziere ich regelmäßig – es ist die Vipassana-Meditation, eine stille und passive Meditation. 

Meditationen, die mit körperlichen Bewegungen einhergehen, werden aktive Meditationen genannt. Für Menschen, die sehr unruhig sind und zu viel überschüssige Energie haben, ist entweder eine solche aktive Meditationsform ratsam oder das körperliche Sich-Ausagieren als Vorbereitung für die folgende meditative Stille. 

Mit zu viel Unruhe in Körper und Geist kann man nur sehr schwer in die Atemwahrnehmung, in die innere Tiefe gehen und die Gedanken passiv beobachten. Wenn jemand nicht die Möglichkeit hat, sich in der eigenen Wohnung aktiv auszuagieren, ist ein Dauerlauf, Trampolin springen oder Ähnliches empfehlenswert. Was tun, wenn zu viele Gedanken da sind? Wenn Sie nicht zur Ruhe, nicht in die meditative Stille kommen?

 

Wie schon erwähnt, ist es eine gute Methode, dass Sie sich vor dem Meditieren aktiv betätigen, austoben, joggen, sich schütteln oder Ähnliches. Gut ist es, sportliche  Betätigungen an frischer Luft auszuüben – das beruhigt den Verstand.

Eine andere Methode, wenn Sie zu sehr in Gedanken oder zu aufgeregt sind, ist folgende: Zählen Sie zu Beginn der Meditation in Ihrem Inneren lautlos von zehn bis null.

Benennen Sie jede Zahl mit dem Ausatmen, immer wieder bei zehn beginnend. Machen Sie das so lange, bis Sie Ihre innere Ruhe gefunden haben. Je länger Sie üben, in die Gedankenstille zu kommen, sie wahrzunehmen, desto schneller können Sie „abschalten“, auch im Alltag. Generell stärkt die Meditationspraxis die Willenskraft und die  Konzentrationsfähigkeit.

Jetzt folgt eine besonders praktische, das heißt kurze, meditative Übung, mit unmittelbarer Wirkung bei zu vielen Gedanken oder bei Stress.

 

Übung

 

Ort: Wo immer Sie sind

Zeit: Wenn Sie sich im Stress fühlen, wenn ihr Aktivitäts- und Gedankenfluss sich nicht aufhalten lässt. 

Methode: Als Erstes nehmen Sie Ihren Atem wahr, anschließend halten Sie Ihren Ausatem nur ganz kurz an, bevor Sie wieder einatmen. Es genügt der Bruchteil einer Sekunde oder ca. eine Sekunde. Ich persönlich liebe diese Übung, in der ich einfach die kleine Pause am Ende des Ausatmens, nach meinem Gefühl recht lange, verlängere. Auch wenn ich keinen Stress habe, mache ich diese Atemübung zwischendurch und bin dann zwangsläufig am Ende des Ausatmens in der Stille, die immer da ist. Und das ist für mich purer Genuss.

Mögliche Resultate: Das Zentrum unserer Aufmerksamkeit wird von den Gedanken auf unseren Atem, also in unseren Körper gelenkt. Weil wir unser Bewusstsein nicht gleichzeitig bei unserem Atem und unserem Denken haben können, sind wir nicht mehr in unserem Gedankenkarussell. Auf diese Weise kann sich innere Ruhe, Zu-sich-Kommen, Besonnenheit und Präsenz einstellen.

 

Erfahrungen sammeln und aufschreiben

 

In den folgenden Abschnitten werden unter anderem Meditationsanleitungen und Übungen beschrieben. Die jeweiligen Übungen sind wie in dem Beispiel oben gegliedert in Ort, Zeit, Methode und mögliches Resultat. Ich beschreibe hier meine eigenen Erfahrungen und die meiner Klienten. Vielleicht sammeln Sie andere Erkenntnisse als ich unter „mögliche Resultate“ angebe. Von daher nehmen Sie diese Erfahrungen am besten nur als eine Möglichkeit dafür, was man mit der jeweiligen Übung bewirken kann.

Ich empfehle Ihnen, Ihre Meditationserfahrungen in einem Notizheft aufzuschreiben. Ihre Aufzeichnungen werden Sie dabei unterstützen, Ihre Einsichten für sich selbst transparenter zu machen. Wer möchte, kann auch seine Träume aufschreiben. Erfahrungsgemäß nimmt bei Meditierenden in den ersten Jahren die Quantität und Qualität der Träume zu. Träume sind für mich Helfer und Wegweiser auf meinem inneren Weg. Die östlichen spirituellen Lehren besagen, dass ein Mensch, der in „Einheit mit dem Sein“ ist, der erleuchtet ist, keine Träume mehr hat. Er ist reine Bewusstheit, völlig im Hier und Jetzt. Die meisten von uns haben jedoch sicherlich noch Träume und es kann sehr hilfreich sein, diese zu erinnern.

Zu Beginn ist das Aufschreiben von Erfahrungen vor allem sehr unterstützend, weil das Wirken der Meditation dann klarer zu erkennen ist. Für den einen bedeutet es zum Beispiel mehr Ausgeglichenheit, für einen anderen mehr Konzentrationsfähigkeit, für den nächsten ist Meditation eine Selbsterforschung, die in Sinnerkenntnis mündet und dem Leben eine Richtung gibt, die über die Grenzen des materiellen Lebens hinausweist. Alle können durch das Meditieren einen Anker in sich selbst finden und das Gefühl „zu Hause“ angekommen zu sein. Damit gewinnen sie auch mehr Selbstsicherheit, mehr Gelassenheit.

Es ist außerdem ein Weg zu mehr Selbstliebe, sich auch mit seinen Fehlern zu akzeptieren und sich so anzunehmen, wie man ist. Selbstliebe ist für uns alle immer wieder eine Herausforderung – und doch ist sie für mich das Heilmittel überhaupt.

All diese Auswirkungen sind Nebenprodukte auf dem Meditationsweg. Doch ist dabei der Weg das Ziel, wie schon Laotse sagte, und das Eigentliche weist darüber hinaus. Es wird in der Literatur je nach philosophischer Ausrichtung mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet, wie zum Beispiel: im Hier-und-Jetzt sein, Erleuchtung, Einheit im Sein, Erwachen, Auferstehung, Nirvana, oder Brahman-Bewusstsein, Stille, Alles, Nichts.

Letztendlich gibt es keine genauen Worte hierfür – jeder findet seinen persönlichen Ausdruck.

 

Verschiedene Facetten der Meditation

 

Es gibt, wie bereits erwähnt, viele verschiedene Meditationstechniken und ich empfehle es, verschiedene Methoden auszuprobieren. Dann wird sich zeigen, was Ihnen am meisten liegt und am besten gefällt. Es gibt Methoden, die mehr über den Verstand oder über die meditative Aufmerksamkeit, Achtsamkeit oder Hingabe gehen oder eher mehr Bewegung beinhalten. In jedem Fall sammeln Sie dabei Erkenntnisse und lernen sich selbst tiefer kennen.

Diese meditativen Erfahrungen können sehr faszinierend sein, sodass der Alltag  vergleichsweise banal wirkt. Ich persönlich war für einige Zeit fast süchtig nach diesen meditativen Zuständen von Erkenntnissen, von Stille oder von auraähnlichen Erscheinungen, die unvorhergesehen auftraten. In dieser Zeit meditierte ich täglich für mehrere Stunden ohne Pause, was natürlich zu viel des Guten war und ist. Nach einer Stunde des Meditierens ist eine Pause mit Bewegung unbedingt erforderlich! Nach ein paar Wochen hatte ich das Gefühl eines rauschähnlichen Zustandes. Also balancierte ich meine Meditationszeiten aus und gewann eine neue Ebene der Wahrnehmung. Ich habe mich dann bewusst entschieden, mich darin zu üben, mit meiner Aufmerksamkeit im Alltag, im Hier und Jetzt zu sein.

 

Ein sehr wichtiger Aspekt des Meditierens ist – gleichgültig, ob Sie verschiedene Arten ausprobiert haben oder nicht –, dass Sie sich irgendwann für „eine “Meditationsart entscheiden. Wie schon erwähnt, fiel meine Wahl auf die Vipassana-Meditation und ich bin dabei geblieben. Es kamen und kommen immer wieder neue Meditationstechniken hinzu, unter anderem von bekannten Persönlichkeiten, die vermitteln, wie sie auf ihre Weise Heilung erfahren haben. Es ist verführerisch, sich dann von „seiner“ Meditation wegziehen zu lassen; diesem Gefühl, diesem Drang habe ich immer widerstanden. Die „neue“ Meditationsart kann verstanden werden als eine Ablenkung, die erst einmal wieder unbekannte Zugänge ins Meditative beinhaltet. Bei allem, was wir regelmäßig üben, wie zum Beispiel Klavierspielen oder Kopfrechnen, bilden sich im Gehirn spezielle neuronale Verknüpfungen. Genauso ist es auch bei einer Meditationsart und deswegen bewährt es sich meist, bei ein und derselben zu bleiben und tiefer zu gehen. Der Erfahrungsschatz wird größer, sodass wir im Laufe der Zeit leichter in die Stille jenseits des Denkens gelangen. Generell ist ohne regelmäßiges Üben kein so bedeutungsvolles Ergebnis zu erwarten.

 

Nachfolgend stelle ich Ihnen verschiedene Meditationsarten vor, unter denen Sie die passende auswählen können. Die verschiedenen Meditationen habe ich von meinen Reisen aus verschiedenen Ländern und von spirituellen Weisheitslehrern mitgebracht, einige sind von mir selbst. Ich habe sie alle längere Zeit praktiziert, intensive Erfahrungen damit gemacht und hier aufgeschrieben.

 

Vipassana-Meditation

 

Vipassana ist eine stille Meditation. Es ist ein Wort aus der altindischen Sprache Pali. Passana bedeutet „sehen“ und Vipassana heißt „in sich hineinschauen“ – alles so zu betrachten, wie es „wirklich“ ist, bis die letzte Wahrheit geschaut ist, unabhängig von Verstand und Körper erfahren wird. Als Methode liegt dem die Selbstbetrachtung durch Wahrnehmung des eigenen Atems zugrunde. Wenn wir die letzte Wahrheit erfahren haben, sind wir vollkommen befreit von allen Unreinheiten, von allem menschlichen Leid. Wir haben dann einen reinen Geist und ein reiner Geist kann nur Liebe und Mitgefühl sein. Wir sind „erwacht“. Östliche spirituelle Lehrer sprechen in diesem Zusammenhang von Nirvana, der vom Bewusst sein erfahrbaren Dimension des Letztendlichen.

 

Der historische Buddha, Siddhartha Gautama, wurde im 5. Jahrhundert vor Christus geboren. Es soll vor ihm bereits andere Buddhas gegeben haben. Das Wort Buddha bezeichnet einen Menschen, der „erwacht“ ist, der die vollkommene Erleuchtung und somit die vollkommene Befreiung, Nirvana, verwirklicht hat – die Erlösung aus dem Kreislauf der Existenzen. Zu Lebzeiten des Siddhartha Gautama gab es bereits Vipassana; sie ist eine der ältesten Meditationsarten und führt in das eigene innere Zentrum jenseits der Gedanken. Und es sei an dieser Stelle noch einmal erwähnt: Vipassana ist die Grundlage, die Essenz aller Meditationsarten, die dann abgewandelt wurden und auch heute noch den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden. Neben den unschätzbaren Vorteilen der Meditation trägt sie das jahrtausendealte Potenzial und die Kraft der Tradition in sich.

 

Als eine Art Nebenprodukt führt Vipassana zu Einsicht, Erkenntnissen und einer Zunahme der intuitiven Fähigkeiten. Für mich kann ich sagen, dass ich dadurch wahrnehmungsfähiger geworden bin. Wie ich schon ausführte, wurden mir dadurch Träume zugänglicher, und ich integriere die visionären Botschaften in mein Leben.

Wir bedanken uns herzlich für den Textauszug aus

„Ins Licht geschubst“

von Monika Weber

beim Innenwelt Verlag!


Impuls zum Thema "Hoffnung" - Von Fernand Braun

„Verlasse dich nicht!

Begrabe den Schmerz, 

der noch der deine ist,

nicht unter Felsgestein der Vergangenheit,

denn unbeweint kann er nicht Hoffnung gebären,

dich nicht zu verborgener Quelle führen,

die dir Leben verheißt."                                  (Antje Sabine Naege)

 

In den Gesprächen mit Kursteilnehmenden werde ich oft mit großem Leid und Schmerz konfrontiert. Eine Frau, die seit Jahren regelmäßig an den Übungstagen teilnimmt, erzählte mir die Geschichte ihrer Mutter, die als junges Mädchen mit ihr schwanger wurde, von der Familie verstoßen und noch vor der Geburt vom Vater des Kindes verlassen wurde. Ihre Enttäuschung vergrub sie unter ihrem Schmerz und ihrer existentiellen Angst. In ihrer maßlosen Enttäuschung und zunehmenden Verbitterung konnte sie ihrem Kind keine emotionale Nähe schenken. Sie kam als Kind ins Heim - die Mutter verstarb verwahrlost und vereinsamt.

 

Auf dem spirituellen Weg wollte sie ihre eigene Geschichte aufarbeiten, sich selbst unter den Trümmern ihrer „zerstörten“ Kindheit zurückgewinnen, indem sie sich ihren eigenen existentiellen Ängsten stellen wollte. Nun, der spirituelle Weg ist und ersetzt keine Therapie. Kann ein Mensch auf dem spirituellen Weg seine leidvolle Geschichte aufarbeiten? Kann er der Angst und dem Schmerz, die er unter dem „Felsgestein der Vergangenheit begraben“ hat und nicht „beweinen“ durfte und konnte, erneut begegnen, stand- und aushalten? Denn Angst und Schmerz werden ihm begegnen - wie in der Therapie führt auch der spirituelle Weg den Übenden mitten darin hinein.

 

Irvin Yalom, ein US-amerikanischer Psychoanalytiker, hat einen bemerkenswerten Satz geschrieben, der nicht nur in der Therapie, sondern auch auf dem spirituellen Weg gilt: „Wir müssen aufhören mit der Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit!“ Wir können die Vergangenheit nicht umschreiben. Aber nicht nur die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit, sondern auch die (falsche) Hoffnung auf eine Zukunft, wo alles vollkommen ist, sofern sie an bestimmte Erwartungen oder Vorstellungen geknüpft ist, sollten wir lassen! Auf dem spirituellen Weg geht es weder um Vergangenheit noch Zukunft – es ist die Gegenwart, um die es geht und uns ganz und gar zur Verfügung steht! Die alten Ängste aus der Vergangenheit oder die Sorgen um die Zukunft erscheinen in diesem gegenwärtigen Augenblick und spiegeln sich in unserem Bewusstsein als Erwartungen und Erinnerungen. Das Entscheidende scheint mir, wirklich zu erkennen, dass es nur um die Gegenwärtigkeit geht. „Wir sollten die Illusion aufgeben, als hätten wir eine Alternative zu dem, was jetzt ist!“ so Willigis Jäger.

 

„Verlasse dich nicht!“ bedeutet in diesem Sinne das Leben in diesem Augenblick als ein einzigartiges Geschenk und von unschätzbarem Wert zu würdigen, indem ich es lebe und mich nicht von Ängsten und Sorgen wegtragen lasse bzw. mich sozusagen in meine Erinnerungen und Erwartungen verabschiede. Mein Leben wird ehrlicher und wahrhaftiger und ich erkenne die Tatsache an, dass das Leben immer im Wandel ist und ich dem Geschehen – sofern es mir möglich ist, und das wäre eine unabdingbare Voraussetzung auf dem spirituellen Weg – Raum lassen kann: Raum für Trauer, Raum für Linderung, Raum für Schmerz und Elend, aber auch Raum für Freude. Es geht nicht darum, an einen Ort anzukommen, wo alles besser oder vollkommen ist. Der spirituelle Weg führt nicht in den Himmel, sondern an den einzigen Ort, wo du sein kannst: „Jetzt“, bei dir!

 

Fernand Braun ist Mitglied der spirituellen Leitung „Wolke des Nichtwissens - Kontemplationslinie Willigis Jäger“. Er ist spiritueller Leiter des Benediktushofes und Mitglied im Präsidium der "West-Östlichen Weisheit - Willigis Jäger Stiftung". Neuerscheinung: „Ich suche nicht, ich finde“, Kösel Verlag

Benediktushof – Zentrum für Meditation und Achtsamkeit

In Stille und Klarheit das Leben erfahren

 

Der Benediktushof ist eines der größten Zentren für Meditation und Achtsamkeit in Europa. Hier können Menschen in Stille zu sich selber kommen, sich auf Wesentliches besinnen und mit lebenspraktischen Impulsen gestärkt in den Alltag zurückkehren. Dafür bietet der Benediktushof ein breites Seminar- und Kursangebot. Die großen östlichen und westlichen Meditationswege Zen und Kontemplation bilden die zentralen Säulen. Hinzu kommen moderne Achtsamkeitsmethoden wie MBSR, Yoga sowie Kurse aus den Bereichen Führungskompetenz, Kreativität, Gesundheit und Selbsterfahrung. Weitere Infos: www.benediktushof-holzkirchen.de