Archiv Spiritualität


Dezember 2024 - April 2025


Veränderung als Lebenswirklichkeit akzeptieren

Foto: © AlainAudet – pixabay.com
Foto: © AlainAudet – pixabay.com

Autor: Paramhansa Yogananda

 

Alles muss sich verändern

Die Bilder des Lebens müssen sich stetig verändern, um interessant zu sein. Wer will schon immer dieselben Komödien, dieselben alltäglichen Ereignisse, dieselben bitteren und zunehmend grauen Tragödien sehen? Wir alle wollen Abwechslung. Manche Menschen sind kaum in der Lage, sich zweimal denselben Film im Kino anzuschauen. Deshalb verändert der kosmische Regisseur des großen Lebensfilms immer wieder etwas, damit die Vorstellung interessant bleibt.

Tatsächlich kann man niemals zweimal an derselben Stelle dasselbe Wasser aus einem Bachlauf trinken. Man kann ein Ereignis nie zweimal auf genau dieselbe Weise erleben. Bäche fließen, Ereignisse verändern sich und wir sind jetzt schon nicht mehr genau der, der wir noch vor einer Minute waren, denn unsere Gedanken ändern sich und die Gesamtheit unserer Realität nimmt fortwährend andere Maße an.

Alles macht einen Prozess der Veränderung durch, der sich entweder günstig oder ungünstig auf den Gegenstand auswirkt, der sich verändert. Wenn ich ein Glas zu Boden werfe, ist die Veränderung beispielsweise nicht günstig, sondern ungünstig. Wenn ich das Glas dagegen poliere, es zum Glänzen bringe und seinen Rand von Bakterien befreie, tritt eine günstige Veränderung ein.

Wiederauferstehung meint jede günstige Veränderung, die bei einem Gegenstand oder einem Menschen eintritt. Du kannst deine alten Möbel in der Werkstatt eines Schreiners wiederauferstehen lassen. Du kannst dein Haus mithilfe eines Architekten wiederauferstehen lassen. Weil wir jedoch davon sprechen, den menschlichen Körper wiederauferstehen zu lassen, ist mit Wiederauferstehung jede Veränderung gemeint, die uns auf eine höhere Stufe erhebt. Du kannst nicht stehen bleiben. Du musst entweder vorwärts oder rückwärts gehen. Ist es nicht eine wunderbare, große Wahrheit, dass du in diesem Leben nicht stehen bleiben kannst, sondern Veränderungen akzeptieren musst, die entweder ungünstig oder günstig für dich sind?

 

Das kosmische Kino

Die Jungen, die Alten, der König, der Sklave, der berühmteste Mensch aller Zeiten, der Held jeder Nation, der angesehene Vater, die über alles geliebte Mutter, die Herzensfreunde, der freudige Liebende, der sanfte und treue Geliebte, der Hund, der Wal, der Vogel und die Lilie sind alle versammelt, um auf der Leinwand der Zeit ein neues Stück aufzuführen. Geschichte, Innenschau, Unsterblichkeit, Zeit, Raum, Äther, Erinnerung, Einsicht, Gott und seine für immer entschwundenen Heiligen sind das einzige Publikum in diesem kosmischen Kino.

Wir sind die Schauspieler. Sterne, Flüsse, Ozeane, Spiralnebel, der Schmelzofen der Sonne, Überschwemmungen, Wolkenbrüche, Blitz und Donner, gähnende Weiten, weiße Winter, blütengeschmückte Frühjahre, blättergedeckte Sommer, strömender Regen und dunkle Wolken: Sie alle stehen bereit und helfen uns, das Schauspiel von Leben und Tod, vom Kommen und Gehen, vom Erscheinen und Verschwinden und vielleicht auch vom Wiedererscheinen aufzuführen.

Hin und wieder wird uns ein Blick durch die Fenster der Geschichte auf den Schatz der zahllosen verborgenen Filmrollen aus der Urzeit, der Altsteinzeit, der Antike und der Neuzeit gewährt. Wir wissen, dass es nur ein kleines Stammpublikum derjenigen gibt, die niemals im kosmischen Kino gestorben sind. Millionen von menschlichen Schauspielern hatten in der Vergangenheit ihren Auftritt, haben ihre Rollen in Freude und Leid ebenso gespielt, wie wir es heute tun, und sind anschließend hinter dem Zwischenvorhang verschwunden.

Je nach den Wünschen des Produzenten namens Karma (früheres Handeln) erhält der Mensch in jedem Leben zahlreiche Gelegenheiten, eine Komödie, eine Tragödie oder das freudvolle Schauspiel des Lebens aufzuführen, bevor er diesen Film für immer verlassen muss. Ungeachtet des Phänomens der Reinkarnation lebt jeder Mensch nur einmal als eine bestimmte Person, weil er sich nicht an seine vorherigen Leben erinnert. Shakespeare hat einmal als Shakespeare gelebt. John Milton, Napoleon, Dschingis Khan – jeder hat nur einmal gelebt. Selbst wenn Mussolini die Reinkarnation von Cäsar wäre, wüsste er es weder noch könnte er sich daran erinnern.

Jedes Leben ist ein Film, der mehrere Teile und Aufzüge umfasst. Wenn der Tod dieses Leben übernimmt, muss der Film für alle Zeit ins Regal gestellt werden. Ein Leben, das einmal mitsamt seinen Dramen in diesem kosmischen Kino gespielt wurde, kann niemals wieder aufgeführt werden. Es scheint, dass Gott und die Unsterblichkeit ihrer einsamen Unveränderlichkeit überdrüssig geworden sind und zu ihrem Vergnügen das kosmische Kino eingerichtet haben, in dem der „Vater der Zeit“ die Filme unaufhörlicher Veränderung vorführt.

Im Filmgeschäft kann ein Schauspieler für eine Weile „ausrangiert“ werden, aber zu einem späteren Zeitpunkt zurückkehren. Im Schauspiel des Lebens ist jeder Mensch, wenn er einmal aufgehört hat zu spielen, als diese bestimmte Person für alle Zeit fort. Er kann durch Reinkarnation zurückkehren, um eine andere Rolle zu spielen, nachdem er seine Kleider aus Fleisch, Gehirn und Erinnerung vollständig gewechselt hat, und auch dann ist er sich der Tatsache nicht bewusst, dass er jemals zuvor gespielt hat. Nur ganz wenige Darsteller wie Christus, Buddha, Babaji, Shankara und Elias wussten um die Rollen, die sie in vergangenen Leben gespielt hatten, obwohl sie in vollkommen neuen Gewändern aus Fleisch und Blut zurückkehrten.

Am besten ist es, dass jeder Schauspieler, wenn er eine neue Rolle übernimmt, völlig neue Eigenschaften zeigt. Erinnerung und Gewohnheit könnten ihn behindern. Es ist wunderbar, dass jede Seele, auch wenn sie unsterblich und durch viele Inkarnationen hindurch dieselbe ist, sich nur an ihr gegenwärtiges Leben zu erinnern vermag. Es ist gut, dass sie lediglich weiß, dass sie das Schauspiel des Lebens einmal aufführen soll und anschließend an den Ort zurückgerufen wird, von dem sie gekommen ist. 

Viele Menschen würden es aufschieben, ihr Bestes zu geben, wenn sie wüssten, dass sie eine weitere Chance bekommen, und viele hätten nicht den Mut, ihre Rolle in diesem Schauspiel gut zu spielen, wenn sie wüssten, dass sie sie in einem früheren Leben schlecht gespielt haben. Wenn ein wiedergeborener Mörder sich an seine Tat aus einem früheren Leben erinnern könnte, unternähme er vielleicht keinen Versuch, sich zu bessern, oder könnte sogar versucht sein, noch einmal zu morden. Wenn ein Mensch sich in diesem Leben daran erinnern würde, dass er in einem früheren Leben ein Versager oder chronisch krank war, verlöre er jeden Mut, Widrigkeiten zu überwinden oder nach einer Krankheit gesund zu werden. Deshalb ist es am besten, dass die Menschen sich nicht daran erinnern, wer sie in einem früheren Leben waren oder welche Position sie innehatten. 

Wenn wir uns an alle Menschen erinnerten, die wir in vergangenen Leben geliebt haben, würden wir uns nach ihnen sehnen, wollten sie bei uns haben und würden die Gegenwart aussperren. Der Familienmensch stirbt mit der Liebe zu seiner Familie in seinem Herzen. Diese anhaftende Liebe wird in der Seele zur unpersönlichen Liebe erhoben und in einer anderen Inkarnation versucht diese Liebe, sich in einer neuen, größeren Umgebung auszudehnen.

Wir glauben, dass wir zufrieden wären, wenn wir nur wüssten, wohin unsere Lieben, die uns entrissen wurden, gegangen sind, aber das sind wir nicht. Im Kummer der Trennung liegt die Prüfung der Liebe. Der Tod lehrt uns, nur die göttliche Liebe zu lieben und nicht an der fleischlichen Herberge anzuhaften, in der die göttliche Liebe vorübergehend wohnt. Wenn wir eine Seele lieben, dürfen wir nicht versuchen, sie zu unserem Vergnügen und unserem Trost in unserer Nähe zu halten. Wenn wir sie wirklich lieben, dann lieben wir sie auch und vor allem dann noch, wenn sie uns genommen wird, um auf ihrem eigenen Weg der Reinkarnation voranzuschreiten, oder wenn sie gerufen wird, um im Schoß des Vaters zu ruhen.

Wenn der Tod sie von einem geliebten Menschen trennt, weinen die Toren eine Weile und vergessen dann, während die Weisen den inneren Impuls verspüren, ihre verlorene Liebe im Herzen der Unendlichkeit zu suchen. Was wir im endlichen Leben verlieren, das müssen wir im Raum der Unendlichkeit suchen. Krankheit, Schmerz und Kummer stellen sich ein, wenn wir auf der Leinwand des Bewusstseins unwissentlich falsche Rollen spielen. Ungeachtet dessen, wer stirbt, wie krank wir sind oder wie arm wir sind, sollten wir mit Verständnis und Gelassenheit sagen: „Ich muss meine Rolle gut spielen, damit es ein guter Film wird, mit dem ich meinen Vater unterhalten kann.“ Wenn ich die Kunst des guten Spiels beherrsche, ohne mein inneres Gleichgewicht zu verlieren, wird der Vater sagen: „Nun brauchst du nicht mehr zu spielen. Komm, setze dich zu uns in die Loge der Unsterblichkeit und Unveränderlichkeit und sieh dir mit immer neuer Freude die ständig wechselnden Filme des Lebens in meinem kosmischen Kino an.“

 

Paramhansa Yogananda (1893-1952) war ein indischer Yogameister, Philosoph und Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit bedeutendsten spirituellen Lehrer des 20. Jahrhunderts. Yogananda war einer der ersten Meister, die die indische Yogaweisheit in den Westen brachten. Sein Buch Autobiographie eines Yogi wurde zu einem internationalen Bestseller.

 

 

Paramhansa Yogananda

 

„Veränderungen im Leben meistern“

 

128 S., Verlag Via Nova, Petersberg, 12,95 €

 

Siehe auch unter „Wortwelten“ S. 55.

 

Textveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Via Nova Verlages.

 

 


August - Dezember 2024


Der Innere Weg

© NiseriN – istockphoto.com
© NiseriN – istockphoto.com

Autor: Joachim Barteit


Die ersten 25 Jahre meines Lebens beschreiben einen – äußeren - Weg, den die meisten von uns kennen. Man tut das, was man von Kindesbeinen an gelernt hat, einschließlich der Vorstellung, einiges oder vieles anders machen zu wollen, was man über die Eltern, Schule, Gesellschaft, Wissenschaft, Politik und Religion im Laufe eines Lebens gelernt hat. 

Mit dieser inneren Software versucht jeder Mensch sein eigenes Glück zu meistern und sein Leben in den Griff zu bekommen. Bis zu dem Moment, wo wir scheitern – wo es nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe, oder wo vielleicht alles in meinem Leben in eine andere Richtung geht und ich es auf keinen Fall so WILL, oder dass sogar alles in meinem Leben zusammenbricht.

 

Wir haben gelernt, in diesen Situationen entweder die Schuld dafür bei anderen zu suchen (die Eltern, Lehrer, Partner, Chef, die Politik, die Situation oder Gott) oder wenn wir etwas bewusster sind, die Schuld bei uns selbst zu suchen. 

Dann sagen wir uns – vielleicht war ich nicht gut genug, habe nicht aufgepasst, hab etwas nicht gesehen, gekonnt oder gewusst, hab mich nicht genügend angestrengt, war nicht wach genug, das passiert mir nie wieder – was auch immer. Und jetzt versuchen wir es natürlich BESSER zu machen und geben dafür wieder alles oder gehen in den Gegenpol, wo wir uns einrichten in der Verweigerung, Resignation, Krankheit o.ä..  

Und dieses Spiel - mich ständig zu verbessern, mein Leben doch noch nach meinen Vorstellungen und Träumen hinzubekommen - können wir unser Leben lang spielen.  Aber WER spielt hier eigentlich? WER ängstigt und quält mich, und lässt mich leiden?

 

Um diese Frage für mich zu beantworten ist es unabdingbar notwendig, innerlich ANZUHALTEN. Dafür ist die Erfahrung des Scheiterns sehr gut – es ist ein Moment, wo ich AUFGEBE – wo ich LOSLASSE, wo ich mich HINGEBE an das, was ist. An diesen Moment des Seins. Es ist so, wie es ist – und nicht anders. Und das ist gut so!  ICH gebe meinen Eigenwillen auf und kann mit dem sein, was ist. 

Die einzig freie Wahl, die ich hier habe, ist dagegen anzukämpfen und Nein zu sagen. Mein spiritueller Lehrer OM C. Parkin sagt an dieser Stelle: „Der freie Wille ist die Illusion der Macht, Nein sagen zu können. Dem Leben ist es egal, ob du es annimmst oder zurückweist“.

 

Hier beginnt der -Innere Weg-!  

Zu sehen, wo stehe ich innerlich wirklich? Bin ich bereit für das Neue, meine alten Vorstellungen, Wünsche und Träume loszulassen und mich dem Leben hinzugeben, das ich noch nicht kenne? Bin ich bereit Zorn, Angst und Schmerz zu fühlen, die auf diesem inneren Weg vielleicht auftauchen? Bin ich bereit für das nackte Leben oder will ich nur das bequeme und scheinbar sichere Über-Leben? Bin ich bereit, aufzuwachen - aus meinem Traum? 

In der Weisheitslehre wird der „äußere Weg“ als die Horizontale beschrieben und der „innere Weg“ als die Vertikale. Wenn ein Mensch nur auf der horizontalen Ebene lebt, ist er seinem denkenden, konditionierten EGO-Geist ausgeliefert als Sklave seiner Selbst. Bei allem, was er macht, wird er in erster Linie um sein körperlich-geistiges Ich-Überleben kämpfen. Das EGO ist in erster Linie nur am Erhalt seiner Selbst interessiert und vielleicht in 2. Linie am Frieden in der Welt.

 

Dass es sich selbst mit seinem Eigenwillen im Wege steht, kann das Ich durch seine Identifikation mit seinen Überlebenskonzepten nicht sehen. Es ist ein blinder Fleck. Und gleichzeitig werden diese Überlebenskonzepte in die Welt projiziert und man schafft sich ein Spinnennetz von Welten, in denen man sich letztlich selbst verliert, nicht wieder herausfindet, darin leidet und glaubt, dieses Leiden noch verstecken zu müssen, um nicht als Versager in seinem Leben dazustehen. 

Der Überlebenskampf bei fast 8 Milliarden Menschen wird stärker und dadurch das Leben schneller, technischer und oberflächlicher. Das krampfhafte Festhalten an inneren Bildern, Narrativen und Glaubens- und Wissenskonzepten nimmt zu. Das menschliche Fühlen und Mitfühlen zu meinem Nächsten nimmt ab. Und diese Tatsache spiegelt sich, vor allem seit den letzten Jahrhunderten, auf der persönlichen und kollektiven Ebene unseres Bewusstseins verstärkt wieder. 

 

Osho – ein indischer Mystiker- sagte dazu: „Entweder lernt die Menschheit jetzt Meditation oder begeht kollektiven Suizid.“ 

Die Horizontale des äußeren Weges ist nicht falsch. Nur, wenn wir ausschließlich glauben, das ganze Leben bzw. Überleben spielt sich auf dieser horizontalen Autobahn ab, und ich muss mithalten und mich selbstbehaupten in allen Lebenslagen, dann erinnere ich mich an das Zitat von Osho. 

Der „Innere Weg“ ist ein vertikaler Weg der Meditation, der Bewusstheit, der Verinnerlichung und Selbstreflektion, der Selbsterforschung, der Selbsterinnerung und der Frage: Wer bin ich wirklich? 

 

Die innere Verbindung zu den Wurzeln unserer Selbst können wir wieder aufnehmen und uns dadurch nähren lassen, unserer Selbst bewusst zu werden, im Hier und Jetzt Sein, Liebe und Vertrauen in uns Selbst erfahren und damit wahres Glück, völlig unabhängig von der äußeren Welt und den Situationen, in denen wir uns vermeintlich befinden. 

Wenn die Horizontale und die Vertikale in uns eine Integration erfahren, wir bereit sind, mit all dem zu sein, was das Leben mir als Mensch und Seele offenbart und offen in jedem Moment für den eigenen göttlichen, kreativen Ausdruck meiner Selbst zu sein, dann kann ich wunschlos glücklich sein, das - wie die alten spirituellen Meister sagen - unser Geburtsrecht ist. 

Was es mich kostet, ist der bedingungslose Wunsch nach Wahrheit – ehrlich zu mir Selbst zu sein, mich ernst zu nehmen mit dem, was ich fühle und bereit sein, mich mitzuteilen und zu zeigen. Aufzuhören, mich und andere zu täuschen, stattdessen mich zu fragen, was mein innerster Herzenswunsch ist. 

Seit 20 Jahren bin ich Schüler von dem spirituellen Meister und Mystiker OM C. Parkin und gehe den -inneren Weg- in Liebe und Dankbarkeit. 

Joachim Barteit - www.hausdeshorus.de , E-Mail: [email protected] 


April - August 2024


Liebe – Die Essenz des erwachten Herzens

© Stephen Brown – pixabay.com
© Stephen Brown – pixabay.com

Autor: A. H. Almaas

Die Liebesbeziehung der Seele

 

In diesem Buch werden wir einen Aspekt unserer Arbeit erforschen, dem ich mich normalerweise indirekt nähere: der Liebe. Ich ziehe den indirekten Weg vor, weil der Begriff »Liebe« in der Kultur im Allgemeinen und in vielen spirituellen Gruppen und Lehren im Besonderen häufig missverstanden oder sogar missbraucht wird. Das liegt zum Teil daran, dass wir alle möglichen Vorstellungen davon haben, was Liebe ist und was sie bedeutet. Wir verwenden das Wort ständig so, als wüssten wir genau, was Liebe ist und worum es dabei geht, aber in Wirklichkeit hat jeder von uns seine eigenen Vorstellungen. Das macht es schwierig, über das Konzept der Liebe zu sprechen und davon auszugehen, dass wir alle das Gleiche meinen. Im Diamond Approach betrachten wir die Liebe als ein Ergebnis der Aktualisierung der Essenz dessen, was wir sind, und nicht als etwas, an dem wir direkt arbeiten. Meine Hoffnung ist, dass wir so etwas über die wirkliche Natur der Liebe und ihre wahre Funktion in unserer Arbeit lernen.

Es ist klar, dass Liebe für alle Menschen wichtig ist, denn die Seele braucht Liebe auf eine grundlegende und fundamentale Weise. Wenn wir jedoch fragen: »Warum braucht die Seele Liebe?«, dann haben die meisten Menschen darauf keine Antwort. Sie wissen nur, dass sie sich danach sehnen. Sie möchten sie und sie brauchen sie auch. Sie wollen lieben und geliebt werden. Sie müssen Liebe geben und empfangen können. Sie brauchen die Erfahrung der Liebe. Aber warum? Das ist schwer zu sagen.

In gewissem Sinne ist Liebe für die Seele wie Sauerstoff für den Körper – und genauso lebenswichtig. Liebe ist ein grundlegendes Element, das die Seele für ihr Überleben und ihre Entwicklung braucht. Wenn die menschliche Seele keine Liebe erfährt, geht sie zugrunde. Sie verkümmert und stirbt. Erfährt sie nur wenig Liebe, dann ist ihre Entwicklung entsprechend eingeschränkt. Die Seele ist lebendiges Bewusstsein – sie ist keine Sache, das heißt, sie braucht Liebe als Teil ihrer Nahrung, um zu wachsen, zu reifen und das zu werden, was sie sein kann.

Wir werden auf verschiedene Weise deutlich machen, dass die Liebe ein notwendiger Grundbestandteil unseres »spirituellen Stoffwechsels« ist. Wir werden sehen, dass jeder Stoffwechsel eigentlich ein spiritueller Stoffwechsel ist. Alles im Leben – was immer wir tun oder erleben – wirkt sich auf das Wachstum und die Entwicklung der Seele aus. Das bedeutet »spiritueller Stoffwechsel«. Wir nennen ihn nur in verschiedenen Stadien unterschiedlich.

Wir wissen, dass wir Liebe brauchen. Alle Menschen wissen, im Geiste oder im Herzen, wie grundlegend wichtig die Liebe ist. Jeder sucht die Liebe. Jede spricht darüber. Und wenn jemand sagt, dass er sie nicht braucht oder will, ist es offensichtlich, dass er dagegen ankämpft, sie zu fühlen. Wenn uns jemand sagt: »Ich könnte mein Leben ohne Liebe leben«, dann wissen wir, dass das eine Lüge ist. Sollte es ihm gelingen, ein liebloses Leben zu führen, können wir sicher sein, dass es ein verkümmertes Leben ist.

Aber warum genau brauchen wir die Liebe für unser Wachstum? Was bewirkt sie für unsere Entwicklung, für unsere Seele? Wir haben alle möglichen Vorstellungen von der Liebe, aber wir werden höchstwahrscheinlich feststellen, dass wir keine präzise und genaue Vorstellung davon haben, was Liebe ist oder wozu sie dient. Eines der häufigsten Missverständnisse über die Liebe ist zum Beispiel, dass es bei ihr nur darum gehe, ein bestimmtes Gefühl zu haben. Wenn wir jemanden sehr mögen, nennen wir das Liebe. Wir sehen nicht, dass wir in dem Moment, in dem wir jemandem gegenüber Zuneigung empfinden – ein Gefühl, das wir als Liebe bezeichnen – vielleicht etwas tun, das diesem Menschen wehtut. Habt ihr schon einmal die Erfahrung gemacht, dass euer Partner zu euch sagt: »Ich liebe dich«, obwohl der Tonfall eigentlich bedeutet: »Ich liebe dich, auch wenn du es nicht wirklich verdienst»? In diesem Augenblick habt ihr euch wahrscheinlich ziemlich mies gefühlt, während euer Partner vermutlich überzeugt war, liebevoll zu sein.

Wir denken also häufig, dass Liebe ein Gefühl ist, und beziehen unsere Handlungen nicht in unsere Definition mit ein. Und selbst das Gefühl der Liebe ist selten vollständig. Das Wissen darüber, wie die Liebe sich ausdrückt – das Handeln aus der Liebe heraus – ist nicht sehr weit verbreitet. Dieser »Akt der Liebe« ist ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit, mit der wir hier beginnen.

Mein Interesse daran, über die Liebe zu lehren, entspringt nicht dem Wunsch, euch zu einem besseren Liebesleben zu verhelfen. Das mag die Folge sein, muss es aber nicht. Wir erforschen die Liebe, weil wir sie in ihrer grundlegenden und echten Form kennenlernen wollen. Das bedeutet, wir wollen herausfinden, wie die Liebe mit unserer spirituellen Entwicklung zusammenhängt. Was hat die Liebe mit unserem spirituellen Prozess zu tun?  Wir werden erkennen, dass all die Formen der Liebe, die wir brauchen, im Grunde die Tatsache widerspiegeln, dass wir Liebe für unser spirituelles Wachstum brauchen.

 

Die Tierseele und die menschliche Seele

Im Diamond Approach betrachten wir die Entwicklung der Seele in zwei Stufen: die der Tierseele und die der menschlichen Seele. In ihrem früheren Stadium, der Tierseele, agiert die Seele aus dem Begehren und dem Überlebenstrieb heraus durch Einsatz von Macht. Die Tierseele will ihre Wünsche befriedigen und ihre Bedürfnisse stillen und zwar in so großem Ausmaß und so schnell wie möglich, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Wenn ich von einer Tierseele spreche, dann meine ich nicht wörtlich die Seele eines Tieres, sondern vielmehr die Tatsache, dass der Mensch die Seele auf animalische Weise erleben kann, und zwar viel ausgeprägter, als die meisten Tiere es tun. Die Sehnsüchte, Wünsche und Sorgen des Menschen um sein Überleben, seine Sicherheit und seine Nahrung übertreffen bei Weitem jede vergleichbare Manifestation im Tierreich. Was ich also mit der Tierseele meine, ist die Seele, die immer noch aus den egoistischen Motiven des Überlebens, der Bequemlichkeit, eines vollen Bauches und der Befriedigung von Wünschen heraus agiert.

Was macht es der Seele möglich, sich von der Tierseele weg und hin zu dem zu entwickeln, was wir die menschliche Seele nennen? Es ist die Liebe. Der Unterschied zwischen den  beiden Stufen ist, dass die menschliche Seele ein Herz hat. Je mehr Herz also ein Mensch  hat, als desto menschlicher nehmen wir ihn wahr. Je weniger Herz ein Mensch hat, desto stärker nehmen wir ihn als Tier wahr. Und er muss dabei nicht mal unbedingt auf vier Beinen gehen!

Was bedeutet es, dass die menschliche Seele ein Herz hat? Ein Herz bedeutet vor allem Liebe, denn die Liebe ist die Grundlage für das Herz. Wenn wir an das Herz denken, denken wir an die Liebe in all ihren Facetten. Im Gegensatz dazu ist ein Mensch, der auf der tierischen Ebene lebt, durch das motiviert, was man das erste Chakra nennt, das Energiezentrum, das auf das Überleben ausgerichtet ist. Auf dieser Ebene ist der Mensch eher animalisch ausgerichtet und neigt dazu, egoistisch und territorial zu handeln und zuerst an sich selbst zu denken. Dieser Fokus führt zu einer Lebensweise, die man das Überleben des Stärkeren nennt.

Je menschlicher du wirst, desto mehr Herz hast du und deine Beziehung zum Leben wird dazu neigen, Werte jenseits von Sicherheit, Schutz und Kontrolle zum Ausdruck zu bringen. Das Überleben selbst wird weniger wichtig als die Qualität dieses Überlebens. Überleben ist notwendig, aber es ist nur die erste Aufgabe, die es zu bewältigen gilt, nicht das zentrale Anliegen. Die menschliche Seele hat einen gewissen Grad an Verfeinerung erreicht. Sie hat sich so weit entwickelt, dass sie eine gewisse Sensibilität aufweist, so dass die Lebensqualität wichtiger wird. (…)

Mit besserer Lebensqualität meine ich, dass sich unsere Seele so weit verfeinert hat, dass sie sich anderer Werte im Leben bewusst ist, mit ihnen in Berührung kommt und sich auf sie ausrichtet. Dann ist es uns wichtig, wie wir unser Leben leben, wie wir überleben. Das Leben selbst wird wichtig, nicht nur unser Leben. Ein Herz zu haben bedeutet dann, das Leben in anderen Formen und an anderen Orten wahrzunehmen. Wir werden sensibel für andere Menschen und Lebewesen. Wir nehmen Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer: Fördern wir das Leben oder zerstören wir es? (…)

Ein Herz zu haben bedeutet, dass wir uns selbst nicht mehr an die erste Stelle setzen. Unser Überleben und das Überleben des Lebens anderswo sind für uns ein und dasselbe geworden. Mitgefühl wird wichtig, Sorge und Selbstaufopferung werden wichtig. Wenn wir in unserem Herzen Liebe empfinden, aber dennoch einen anderen Menschen so behandeln,  als wäre er kein menschliches Wesen, dann haben wir noch kein Herz. Dann ist das eine Verzerrung, die es uns erlaubt, etwas zu erleben, was wir für Liebe halten, ohne tatsächlich ein Herz entwickelt zu haben. Und das ist eine der häufigsten Formen von Missbrauch der Liebe durch viele Menschen und Gruppen, die sich für spirituell halten. Die Liebe lässt uns sensibler werden für den anderen, weil ein neues Element hinzukommt: die Wertschätzung des anderen für das, was er ist. (…)

Wenn das Herz wirklich gereift ist, arbeitet die Liebe für ihr eigenes Überleben, das heißt, das Überleben der Liebe ist dann genauso wichtig wie oder sogar wichtiger als unser physisches Überleben. Das physische Überleben auf Kosten anderer macht dann keinen Sinn, weil ein solcher Egoismus dem Wesen der Liebe zuwiderläuft. Das Herz ist von Natur aus sensibel und auf das Leben eingestimmt. Es schätzt den Menschen und erkennt seine Kostbarkeit. 

„Liebe – die Essenz des erwachten Herzens“

 

A.H. Almaas

 

320 S., Books on Demand, 15 €

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

Siehe auch unter „Wortwelten“ auf S. 54.

 


August - Dezember 2023


Wie wir leben, so sterben wir

© Ulrike Plaggenborg
© Ulrike Plaggenborg

Autorin: Pema Chödrön

 

Im Fluss des Werdens und Vergehens wahre Freiheit finden
Manche glauben, dass das Bewusstsein im Moment des Todes endet. Andere glauben, dass es fortbesteht. Einig sind sich jedoch alle darin, dass die Dinge während unserer jetzigen Lebenszeit auf jeden Fall weitergehen. Und dabei verändern sie sich unablässig. Ständig endet etwas, und ständig entsteht etwas neu. Es ist ein kontinuierlicher Prozess von Tod und Erneuerung, Tod und Erneuerung. Diese Erfahrung, die alle Lebewesen machen, wird bekanntlich als »Vergänglichkeit« oder »Unbeständigkeit« bezeichnet. Wie der Buddha betonte, ist das Betrachten der Vergänglichkeit eine der wichtigsten Kontemplationen auf dem spirituellen Weg. »Von allen Spuren sind die des Elefanten besonders herausragend«, sagte er. »Genauso ist von allen Themen der Meditation ... die Vorstellung der Vergänglichkeit unübertroffen.« Die Vergänglichkeit zu betrachten, ist der perfekte Weg in die Bardo-Lehren und in die Lehren über den Tod insgesamt. Denn dass sich alles kontinuierlich verändert, ist im Vergleich zu diesen schwierigeren Themen leicht zu erkennen und zu verstehen. Die Jahreszeiten, die Tage, die Stunden des Tages ändern sich. Wir selbst wandeln uns die ganze Zeit und erleben von einem Augenblick zum nächsten viele Veränderungen. Das geschieht überall um uns herum und in uns, rund um die Uhr, ohne auch nur einen Augenblick aufzuhören.

 

Doch aus irgendeinem Grund verstehen wir das nicht ganz. Wir verhalten uns tendenziell so, als wären die Dinge fester gefügt, als sie es tatsächlich sind. Wir haben die Illusion, dass das Leben so bleibt, wie es jetzt ist. Ein anschauliches Beispiel aus jüngster Zeit ist die Coronapandemie. Wir hielten es für selbstverständlich, dass der Lauf der Welt sich auf eine bestimmte Weise fortsetzen würde, doch dann wurde plötzlich alles solcherart auf den Kopf gestellt, wie wir es uns nie hätten vorstellen können. Trotz unserer lebenslangen Erfahrung mit Veränderungen hört etwas in uns niemals auf, auf Stabilität zu beharren. Jede Veränderung, selbst eine zum Besseren, kann uns aus der Fassung bringen, weil sie unsere grundlegende Unsicherheit in Bezug auf das Leben offenlegt. Wir glauben lieber, dass wir festen Boden unter den Füßen haben, als zu erkennen, dass alles immer im Wandel begriffen ist. Eher leugnen wir die Realität des ständigen Wandels, als zu akzeptieren, wie die Dinge sind.

Auch bei unseren emotionalen Zuständen halten wir an dem Gefühl fest, sie seien dauerhaft. Ob wir uns gut oder schlecht fühlen, ob wir glücklich oder traurig, optimistisch oder pessimistisch sind - wir neigen dazu zu vergessen, dass Gefühle flüchtig sind. Es ist, als hielte uns ein Mechanismus davon ab, daran zu denken, dass alles immer im Fluss ist. Der derzeitige Zustand der Angst oder der Hochstimmung scheint dann einfach dem zu entsprechen, wie unser Leben ist. Sind wir glücklich, stellt sich Enttäuschung ein, sobald dieses gute Gefühl schwindet; und wenn wir unglücklich sind, fühlen wir uns in unangenehmen Emotionen gefangen. Ob wir uns also gut oder schlecht fühlen, unsere Illusion der Beständigkeit führt zu Problemen. 

 

Der Buddha sprach über unsere Schwierigkeiten, die Vergänglichkeit zu akzeptieren, als er die drei Arten des Leidens lehrte. Er nannte die erste Art »das Leiden des Leidens«. Das sind die offenkundigen Qualen des Krieges, des Hungers, der furchteinflößenden Umgebung, des Missbrauchs, der Vernachlässigung, des tragischen Verlustes oder einer Reihe schwerer Krankheiten. An so etwas denken wir normalerweise, wenn wir von »Schmerz« oder »Leiden« sprechen. Menschen und Tiere, die in einer solchen Situation sind, geraten nahezu pausenlos von einem Leiden ins nächste.

Manche Menschen haben das Glück, das offenkundige Leiden des Leidens nicht zu erleben. Verglichen mit dem, was andere durchmachen, geht es ihnen in ihrem gegenwärtigen Leben recht gut. Aber es bleibt trotzdem noch das Leiden, das aus der Tatsache resultiert, dass nichts von Dauer ist. Wir freuen uns, doch die Freude wechselt sich mit Enttäuschung ab. Wir erleben Erfüllung, aber sie wechselt sich mit Langeweile ab. Wir erleben Genuss, aber er wechselt sich mit Unbehagen ab. Diese Wechsel und all die damit einhergehenden Hoffnungen und Ängste sind selbst eine große Quelle des Schmerzes.

 

Diese zweite Art des Leidens, die der Buddha einfach »das Leiden der Veränderung« nannte, lauert in unserem Inneren als das schmerzliche Wissen, dass wir niemals wirklich alles haben können, was wir wollen. Wir können nie ein für alle Mal erreichen, dass unser Leben so ist, wie wir es haben wollen. Nie können wir an einen Punkt gelangen, an dem wir uns immer gut fühlen. Vielleicht sind wir manchmal zufrieden und fühlen uns wohl, aber wie meine Tochter einmal sagte: »Das ist das Problem.« Weil es bei uns oft genug gut läuft, kehren wir immer wieder zu der falschen Hoffnung zurück, wir könnten es bewahren, damit es so weitergeht. Wir denken: » Wenn ich nur alles richtig mache, kann ich mich immer großartig fühlen!« Ich glaube, das ist unter anderem ein Grund für Drogenmissbrauch und all unsere anderen Abhängigkeiten. Die zugrunde liegende Sucht ist der Traum von dauerhafter Freude und Annehmlichkeit.

 

Alle Religionen und Weisheitstraditionen der Welt sprechen davon, dass es vergeblich ist,  nach Glück zu streben und dabei auf Dinge zu setzen, die nicht von Dauer sind. Wenn wir solche Lehren hören, überraschen sie uns nicht, und eine Zeit lang haben wir vielleicht sogar das Gefühl, von ihnen überzeugt zu sein. Möglicherweise finden wir es sogar lächerlich, auf so fruchtlose Weise nach Glück zu streben. Doch sobald wir wieder an etwas Neues denken, das wir haben wollen, werfen wir all diese Weisheiten über Bord. Und dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Vergänglichkeit die brandneue Anschaffung oder Errungenschaft wieder verdirbt. Selbst wenn wir am nächsten Morgen keinen Kaffee darauf verschütten, vergeht unsere Freude nach einiger Zeit in nicht allzu ferner Zukunft.

Das klassische Beispiel ist das Verliebtsein. Anfangs ist es das größte Hochgefühl, das man sich nur vorstellen kann. Von da an kann es leicht in größte Enttäuschung umschlagen.  Wenn das Hochgefühl nachlässt, müssen die Liebenden - falls sie zusammenbleiben wollen - ihre Enttäuschung überwinden und ihre Beziehung vertiefen. Viele Paare meistern diesen Übergang wunderbar, aber selbst dann ist das absolut großartige Gefühl vorbei, das zwei Menschen, die sich ineinander verlieben, anfangs haben.

 

Die dritte Art des Leidens, das sogenannte »alles durchdringende Leiden«, spielt sich auf einer tieferen, subtileren Ebene ab als die ersten beiden. Es handelt sich um das ständige Unbehagen, das von unserem grundlegenden Widerstand gegen das Leben, wie es wirklich ist, herrührt. Wir wünschen uns zwar festen Boden unter den Füßen, der uns Halt gibt, doch das ist einfach nicht vorgesehen. Denn in Wirklichkeit verhält es sich so: Nichts kommt jemals zum Stillstand, nicht einmal einen Augenblick. Bei genauem Hinsehen erkennen wir, dass selbst die scheinbar beständigsten Dinge sich fortwährend verändern. Alles ist in Bewegung, und wir wissen nie, in welche Richtung es geht. Wenn sich selbst Berge und Felsen auf unvorhersehbare Weise bewegen und verändern, wie könnten wir dann in irgendetwas Sicherheit finden? Dieses ständige Gefühl der Bodenlosigkeit und Unsicherheit durchdringt unauffällig jeden Augenblick unseres Lebens. Es ist das subtile Unbehagen, das sowohl dem Leiden des Leidens als auch dem Leiden der Veränderung zugrunde liegt.

Auch hier können wir wieder das Sichverlieben betrachten. Ein großer Teil des Nervenkitzels liegt darin, dass diese neue Liebe etwas frisches in unser Leben bringt. Die ganze Welt fühlt sich frisch an. Doch die Zeit vergeht, und wir wollen, dass alles ganz genau so bleibt, wie es uns gefällt. Das ist der Zeitpunkt, an dem das alles durchdringende Leiden sein Haupt erhebt und die Flitterwochenphase zu Ende geht. Wenn das Neue und Frische nachlässt, fallen den Liebenden allmählich bestimmte Dinge auf, wie zum Beispiel, dass der oder die andere geizig oder überkritisch ist. In irgendeiner Weise wird der Schleier gelüftet, und sie ärgern sich zunehmend übereinander, einfach weil sie so sind, wie sie sind. Als Nächstes versuchen sie oft, sich gegenseitig zu verbessern und den Partner, die Partnerin zum Vorteilhaften hin zu verändern. Doch dieser Ansatz macht es nur noch schlimmer. Eine Beziehung kann nur dann wirklich funktionieren, wenn beide fähig sind, die Gegebenheiten anzunehmen und so, wie sie sind, miteinander zu arbeiten. Das bedeutet, einen Teil ihres allgemeinen Widerstands gegen das Leben, wie es ist, zu überwinden, statt auf einem Leben, wie sie es gerne hätten, zu beharren. Oft hören wir Äußerungen wie »Keine Sorge, es wird schon alles klappen«. Ich habe so etwas immer als einen Versuch verstanden, uns zu versichern, dass die Situation schließlich entsprechend unseren Wünschen »klappen« wird. Aber sehr oft kommt es nicht so, wie wir es gerne hätten, und selbst wenn es so kommt, ist unsere Freude nur von kurzer Dauer. Und sehr häufig bekommen wir das, was wir nicht wollen. Ach, die Wechselfälle des Lebens! 

 

Trungpa Rinpoche hatte dazu einen Spruch: »Vertraue nicht auf den Erfolg. Vertraue auf die Realität.« Zu glauben, dass es so kommen wird, wie wir wollen, heißt »auf den Erfolg vertrauen« - Erfolg zu unseren Bedingungen. Aus eigener Erfahrung wissen wir jedoch sehr genau, dass Erfolg nichts Verlässliches ist. Manchmal kommt es tatsächlich so, wie wir es uns wünschen, manchmal aber auch nicht. »Auf die Realität vertrauen« ist eine viel offenere, entspanntere Einstellung. Die Realität wird eintreten, so oder so. Darauf können wir uns verlassen. Es ist sehr tiefgreifend und gleichzeitig völlig unkompliziert. » Realität« bezieht sich auf die Dinge, wie sie sind, frei von unseren Hoffnungen und Ängsten. Mit diesem Wissen können wir offen sein für Freude und Schmerz, Erfolg und Misserfolg - was völlig im Gegensatz steht zu dem Gefühl, alles hätte sich gegen uns verschworen, wenn es mit einer Bewerbung nicht klappt, eine Liebesbeziehung nicht zustande kommt oder wir krank werden. Das ist ein radikaler Ansatz, der unserer üblichen Sichtweise völlig zuwiderläuft. Wir können sowohl für Erwünschtes als auch für Unerwünschtes offen sein. Wir wissen, dass beides sich ändern wird, so wie sich das Wetter ändert. Und wie gutes und schlechtes Wetter, so gehören auch Erfolg und Misserfolg gleichermaßen zum Leben.

Das alles durchdringende Leiden beruht auf unserem ständigen Kampf: dagegen, dass alles ganz offen ist, dass wir nie wissen, was kommt, dass unser Leben nicht festgeschrieben ist, sondern sich erst nach und nach entfaltet, und dass wir nur sehr wenig tun können, um es zu kontrollieren. Diesen Kampf spüren wir wie ein ständiges Summen der Angst im Hintergrund unseres Lebens. All das kommt daher, dass alles vergänglich ist. Alles im Universum ist im Fluss.

 

Der feste Boden, auf dem wir gehen, verändert sich von Augenblick zu Augenblick. Doch wie Thich Nhat Hanh gesagt hat: »Nicht die Vergänglichkeit bewirkt, dass wir leiden. Wir leiden, weil wir wollen, dass die Dinge dauerhaft sind, obwohl sie es nicht sind.« Wir können uns entweder weiterhin gegen die Realität sträuben oder aber lernen, zu einer anderen Sichtweise zu gelangen und das Leben als dynamisch und lebendig, als ein wunderbares Abenteuer zu sehen. Dann sind wir wirklich mit der Frische jedes Augenblicks in Kontakt, egal ob wir unseren Partner für vollkommen halten oder nicht. Wenn wir die kontinuierliche Veränderung so annehmen können, werden wir spüren, wie das Summen der Angst leiser wird und langsam, ganz langsam verklingt.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Arkana-Verlages.

 

Pema Chödrön: Wie wir leben, so sterben wir 

224 S., 24 €

 

Siehe auch unter „Wortwelten“.

 


Enneagramm – Der Schlüssel zum Erwachen

Autor: A. H. Almaas

 

Punkt Acht: Wahre Stärke

Jede Ich-Idealisierung prägt den Typ so vollständig, dass sie viele seiner Eigenschaften, Haltungen und Präferenzen beeinflusst, ja sogar bestimmt. Wir beginnen mit Punkt Acht, Ichazos „Ego-Venge“ (auch Herausforderer genannt), da dessen Ich-Ideal am einfachsten zu verstehen und sein idealisierter Aspekt für den durchschnittlichen Menschen am leichtesten zugänglich ist. Die Fixierung von Ego-Venge ist offensichtlicher als die anderer Typen, da sie sich häufig durch offene Aggression ausdrückt. Achten sind leicht reizbar und ständig bereit, sich mit Menschen aus ihrem Umfeld zu streiten. Oft sind sie ungestüm, laut, herrisch und eher als andere Typen geneigt, Kontroversen auszutragen. Naranjo schreibt: „Eng verbunden mit der für diesen Typ charakteristischen Feindseligkeit ist seine Dominanz… Mit der Dominanz verknüpft sind solche Wesenszüge wie Arroganz, Suche nach Macht, das Bedürfnis nach Triumphen, andere schlechtmachen, Konkurrenzverhalten, Überheblichkeit etc.“  Naranjo zufolge ist die Idealisierung der Acht „Ich bin mächtig, ich kriege das hin“. Das kommt dem idealisierten Aspekt ziemlich nahe. Natürlich äußert er sich nicht bei allen  Achten auf dermaßen grobe Weise; viele sind einfach nur durchsetzungsfähig und stark und die Emotion der Wut ist ihnen leicht zugänglich. Unsere Intention ist es jedoch, die Enneatypen in ihrem Rohzustand zu beleuchten, denn das verdeutlicht die von ihnen idealisierte Eigenschaft.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Achten ziemlich groß sind. Sie treten groß auf, indem sie überdimensionale Gesten und Ausdrucksformen verwenden und laut und bestimmt auftreten. Sie nehmen Raum ein. Sie können ungehobelt, grob, unverfroren in der Öffentlichkeit, furcht- und sogar schamlos darin sein, wie sie sich zum Ausdruck bringen und ihre Bedürfnisse kundtun. Ihre Familie und ihre Freunde können sie damit in Verlegenheit bringen, dass sie Forderungen mit Nachdruck vertreten und vulgäre Sprache benutzen oder sich in sozialen Situationen vulgär verhalten. Ein gutes Beispiel für jemanden mit diesem Charakterzug ist Fritz Perls, der deutsche Analytiker, der den Begriff „Gestalttherapie“ prägte. Er war eine expansive Acht und bekannt dafür, dass es ihm vollkommen egal war, ob er sich sozial angemessen verhielt.

Doch natürlich haben Achten auch noch andere Qualitäten – wie zum Beispiel diejenige, dass sie die Schwachen und Hilflosen verteidigen und vor allem Menschen, die ungerecht behandelt worden sind –, doch ich hebe hier die Charaktereigenschaften hervor, die ihr Ich-Ideal am deutlichsten widerspiegeln. Statt mich zum Beispiel auf ihre Bereitschaft zu beziehen, für Gerechtigkeit zu kämpfen, weise ich darauf hin, dass sie vor nichts zurückschrecken, um sie zu erreichen, auch nicht vor Vergeltung oder Grausamkeit. Außerdem stehen diese auch nicht immer im Dienste der Gerechtigkeit oder Verteidigung der Opfer. Sie können lediglich Reaktionen auf die vermeintlichen Beleidigungen und Erniedrigungen durch andere sein.

Das Ich-Ideal von Punkt Acht ist Stärke und die damit verbundene Aggression. Viele der bisher erwähnten Charaktereigenschaften bringen in irgendeiner Form Stärke oder forsche Aggression zum Ausdruck. Doch wir können diese Merkmale besser verstehen, wenn wir uns eine Vorstellung von der wahren essenziellen Qualität machen können, die diese Stärke imitiert.

 

Der idealisierte Aspekt: wahre Stärke

Die idealisierte Stärke von Punkt Acht ist eine Annäherung, eine schwache Imitation wahrer Stärke. Er empfindet Stärke physisch oder sozial als rohe Gewalt oder Charakterstärke. Doch das ist Stärke von einem tierischen Standpunkt aus gesehen. Dort herrscht das Gefühl vor, die Situation zu beherrschen, der Rudelführer oder der unangefochtene Leitwolf zu sein. Diese Stärke drückt sich bisweilen auf extreme Weise aus, wie bei Josef Stalin, der, ebenso wie Saddam Hussein, unvorstellbare Auswüchse von Brutalität und Aggression an den Tag legte. Ein reiferes und gemäßigteres Beispiel einer Acht ist Winston Churchill, der sich mutig gegen die Nazi-Aggression zur Wehr setzte und Großbritannien in den dunklen Jahren des Zweiten Weltkriegs führte, bis der Sieg errungen war. (…)

Diese Charaktereigenschaften geben uns ein Gefühl einer expansiven Stärke, die – wenn sie durch das Ego verzerrt wird – so vulgär, offensiv und grausam werden kann, dass sie Tyrannen und unbarmherzige Diktatoren hervorbringt. Die essenzielle Qualität herauszulocken setzt voraus, dass man den positiven und hochwirksamen konstruktiven Ausdruck von Aggression sieht. Wir müssen über das hinausgehen, was nicht menschlich, nicht akzeptabel und nicht sinnvoll erscheint – das, was destruktiv und dysfunktional ist –, um die positive Qualität aufzudecken, die das Ego nachzuahmen versucht.

Natürlich bringen verschiedene Achten die essenzielle Qualität der Stärke auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Graden an Verzerrung, Nachahmung oder Annäherung zum Ausdruck. Nur durch genaue Beobachtung können wir die gemeinsamen Elemente erkennen, die in ihrer Gesamtheit auf das hindeuten, was hinter den fixierten Erscheinungsformen wahr ist.

 

Die Präsenz wahrer Stärke

© Maeghan Smulders auf Unsplash.com
© Maeghan Smulders auf Unsplash.com

Die wahre Qualität hinter dem Ich-Ideal der Acht ist die eigentliche Essenz von Aggression: die positive und nützliche Funktion authentischer, sich selbst behauptender Stärke. Doch da die Achten diese Qualität weder wirklich kennen noch verkörpern, tun sie in dem Bestreben, auf eine ichbezogene und primitive tierische Art stark zu sein, alles Erdenkliche, um ihr nachzueifern. Was sind die wahren Eigenschaften wahrer Stärke, des Seins? (…)

Wenn wir wahre Stärke erleben, fühlen wir uns stark, weil wir die Präsenz von Stärke an sich fühlen – wir sind voller Energie und Präsenz, die die Essenz der Lebenskraft ist. Die häufigste Erfahrung ist die, dass wir Hitze in der unteren Körperhälfte wahrnehmen, wie ein Feuer, das nicht brennt. Dieses kann optisch wie eine Flamme oder ein leuchtend rotes, loderndes Feuer wirken. Wahre Stärke ist ein Medium, das aus sich heraus leuchtet. Dieses Leuchten ist nicht nur das Leuchten von Gewahrsein und Sensibilität, sondern es zeichnet sich durch ein wunderschönes, herrliches rubinrotes Licht aus. Die feurige rote Präsenz ist mit einem besonderen, unverwechselbaren Affekt verbunden: dem Affekt der Stärke. Wir fühlen uns stark, weil wir von der Essenz der Stärke berührt oder erfüllt sind. Diese ist weder physisch noch tierisch, weder muskulär noch emotional, sondern organisch und angeboren, ein Teil dessen, was wir sind. Sie ist nicht etwas, das wir besitzen, sondern vielmehr eine Qualität dessen, wer wir sind, eine Qualität unseres eigenen Bewusstseins, ein Aspekt unseres Seins.

Außer als Feuer oder Flamme kann rote Stärke auch als fließende Lava erscheinen, als eine dichte Flüssigkeit, die durch das Becken, die Beine oder den gesamten Körper fließt. Sie kann auch wie eine rote, blutähnliche Flüssigkeit sein, die den Körper und das Bewusstsein durchströmt. Diese leuchtende und sich ihrer selbst bewusste Flüssigkeit ist sensibel und verbindet sich von Natur aus mit dem Gefühl von Kraft und Stärke – der Stärke des Seins, der Kraft des Geistes.

Wenn sich Menschen der Stärkeessenz zum ersten Mal bewusst werden, erkennen sie häufig nicht, dass es die Präsenz der Stärke ist, die sich selbst spürt und erkennt. Wir neigen dazu, zu glauben, dass wir sie als Ich-Persönlichkeit fühlen und erkennen. Es sind Neugier und Unterscheidungsvermögen erforderlich, um zu erkennen, dass wir Stärke gewöhnlich nicht auf diese Weise erleben und erkennen. Das Wissen um die Stärke stammt aus der Präsenz selbst; es stammt nicht aus erlerntem Wissen. Die Stärke hat ihre eigene Wahrnehmung; wir als Selbst spüren sie nicht. Es handelt sich hier um eine eigenständige Offenbarung, durch die die Dimension direkten Wissens, oder Gnosis, enthüllt wird. 

Stärke ist angeboren und elementar und sie schließt die platonische Form ein, die alle anderen Arten von Stärke beseelt – auf der physischen, emotionalen, mentalen, moralischen Ebene und so weiter. Sie ist der Prototyp von Stärke auf jeder Ebene, doch sie ist gleichzeitig eine Stärke, die rein ist und für sich steht, nicht die Stärke von etwas, sondern Präsenz als Stärke. Wie ich erwähnt habe, kann diese wahre Stärke in vielen Formen auftreten, doch unabhängig davon, wie sie erscheint, ist sie häufig heiß, hat immer eine wunderschöne rubinrote, reine, ja geradezu unwirkliche Farbe und ist rein in ihrem Affekt der Stärke. Wenn diese Präsenz auftaucht, haben wir das Gefühl, dass wir da und präsent sind, aber gleichzeitig stark. Wenn wir sie vollständig und auf nicht-dualistische Weise spüren – was bedeutet, dass wir in unserem individuellen Bewusstsein untrennbar mit ihrer Präsenz verbunden sind –, dann haben wir das Gefühl, dass wir die Präsenz von Stärke, reine Stärke, die wahre Essenz von Stärke tatsächlich sind.

Die meisten Menschen kennen die weit verbreitete Eigenschaft physischer oder emotionaler Stärke, doch nur wenige sind sich bewusst, dass sie einen spirituellen Ursprung, ein himmlisches Pendant hat.

 

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Kamphausen Media Verlages.

 

A.H. Almaas: Enneagramm – Der Schlüssel zum Erwachen

204 S., 20 €

 

 

Siehe auch unter Wortwelten auf S. 58.


April - August 2023


RAIN sagt Ja zum Leben

Bild: © Bru-nO – pixabay.com
Bild: © Bru-nO – pixabay.com

Autorin: Tara Brach

Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum,

und in diesem Raum haben wir die Freiheit und

die Macht, unsere Reaktion zu wählen.

Viktor Frankl

 

Das vorliegende Buch habe ich geschrieben, um eine Praxis des radikalen Mitgefühls mit Ihnen zu teilen, die die Schwingen der Achtsamkeit und des Mitgefühls zum Leben erweckt, wenn wir sie am meisten brauchen. Sie hilft, schmerzhafte Überzeugungen und Gefühle, die uns daran hindern, in Übereinstimmung mit uns zu leben, zu heilen und loszulassen. Diese Praxis nennt sich RAIN. Der Name ist im Englischen ein Akronym, das für vier Schritte steht: Recognize (Erkennen), Allow (Zulassen), Investigate (Erkunden) und Nurture (Nähren). Die Arbeit mit diesen vier Schritten hat mir einen zuverlässigen Weg hin zu Heilung und Freiheit eröffnet, der sich auch inmitten von emotionalem Schmerz gehen lässt.

 

Die ersten beiden RAIN-Schritte

Die einschneidendsten Transformationen in unserem Leben gehen auf etwas sehr Simples zurück: Wir lernen, mit dem, was in uns vorgeht, in Resonanz zu gehen, statt nur darauf zu reagieren. Was passiert zum Beispiel, wenn jemand Wut oder Angst bei uns auslöst? Reagieren wir gewöhnlich so, dass wir uns in uns zurückziehen, andere beschuldigen oder sie verletzen oder dass wir uns als Opfer fühlen, dann steigern wir das in Trance verursachte Leid nur noch. Wecken wir stattdessen mithilfe der ersten beiden RAIN-Schritte – Erkennen und Zulassen – eine achtsame Präsenz in uns, dann sind wir auf einem Pfad, der unser Herz befreit.

 

Zum Tee mit Mara

Einer der größten Mythen der buddhistischen Tradition zeigt, wie wir angesichts von Schwierigkeiten diesen Weg gehen können.

Vielleicht kennen Sie Bilder des Buddha, wie er die ganze Nacht unter dem Bodhi-Baum sitzt und meditiert, bis er die vollkommene Erleuchtung erlangt. Der Schattengott Mara (der die universellen Energien von Gier, Hass und Täuschung verkörpert) lässt sich alles Mögliche einfallen, um ihn zum Scheitern zu bringen: Er schickt ihm gewaltige Stürme, wunderschöne Frauen als Versuchung, wütende Dämonen und große Armeen, um ihn abzulenken. Siddhartha begegnet allen mit einer wachen, mitfühlenden Präsenz, und als der Morgenstern am Himmel erscheint, wird er zu einem Buddha, einem vollkommen erwachten Wesen.

Aber das war nicht das Ende seiner Beziehung zu Mara!

In den fünf Jahrzehnten nach seiner Erleuchtung bereiste der Buddha Nordindien und lehrte überall dort, wo die Menschen interessiert waren, am Pfad der Präsenz, des Mitgefühls und der Freiheit. Auf Feldern und in Hainen, in Dörfern und an Flussufern – an all diesen Orten versammelten sich Bauern und Händler, Stadtleute und Adlige, Mönche und Nonnen, um seine weisen Lehren anzuhören.

Und wie Zenmeister Thich Nhat Hanh erzählt, erschien mitunter auch Mara. Wenn ihn Ananda, der treue Begleiter des Buddha, erblickte, wie er verstohlen am Rand einer Versammlung lauerte, lief er alarmiert zum Buddha. »Schreckliche Nachricht, der Bösewicht ist wieder da! Wir müssen etwas tun!« Worauf der Buddha Ananda liebevoll anschaute. »Nicht doch, Ananda«, antwortete er. Dann schlenderte er zu Mara und sagte ihm mit fester, sanfter Stimme: »Ich sehe dich, Mara … Komm, lass uns Tee trinken.« Und der Buddha lud Mara als Ehrengast und servierte ihm Tee.

 

Das können auch wir tun. Stellen Sie sich vor, Mara erscheint in Ihrem Leben in der Gestalt einer Woge von Angst vor dem Scheitern oder einer Verletzung durch Missachtung oder mangelnden Respekt von jemandem. Wie wäre es, wenn Sie innehalten und Mara erkennend sagen würden: »Ich sehe dich, Mara.« Und zulassend: »Lass uns Tee trinken.« Statt die Gefühle zu vermeiden, statt vor Wut um sich zu schlagen oder sich selbstkritisch zu geißeln, lassen Sie sich so mit mehr Klarheit und Würde, Freundlichkeit und Leichtigkeit auf das Leben ein. Mit diesen ersten beiden RAIN-Schritten haben Sie den Pfad in die Freiheit eingeschlagen. 

In meinen Augen ist diese Geschichte vom Buddha für uns alle eine gute Nachricht. Selbst dem Buddha begegneten auch weiterhin die schmerzhaften Energien Maras. Wir sind nicht die Einzigen, die sich immer wieder mit Stürmen der Verwirrung, mit widersprüchlichen Wünschen, mit den Pfeilen von Angst, Verletzung oder Wut auseinandersetzen müssen. Darüber hinaus verfügen wir über eine Übung, die uns mitten in all dem befreien und erwecken kann!

Fragen Sie sich: »Wann ist Mara das letzte Mal da gewesen?« Vielleicht mögen ja auch Sie das nächste Mal zu ihm sagen: »Ich sehe dich, Mara … Komm, lass uns Tee trinken.«

 

Nein zu sagen ist eine Angewohnheit

Indem der Buddha Mara zum Teetrinken einlud, sagte er Ja zum jetzigen Augenblick und Ja zum Leben insgesamt. Unsere Gewohnheit, Nein zu sagen – uns zu wehren oder eine Erfahrung zu vermeiden –, schafft nur umso mehr Leid. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn Mara in der Gestalt von Angst, Hass, Wut oder Verletzung erscheint. Der Kopf sagt Nein, indem er sofort davon ausgeht, dass irgendetwas nicht stimmt, indem er etwas oder jemanden beschuldigt und versucht, das Problem zu beseitigen. Unser Körper sagt Nein, indem er sich anspannt oder taub wird; unser Herz sagt Nein, indem es sich verbarrikadiert oder verschließt. Mit unserem Verhalten sagen wir Nein, wenn wir um uns schlagen, uns zurückziehen oder in Besorgnis geraten. (…)

Ja zu sagen ist unvertraut und desorientierend, es fühlt sich in gewisser Weise riskant an. Unsere Grundkonditionierung angesichts einer Bedrohung besteht darin, uns anzuspannen und Nein zu sagen. Wenn ich meine Schüler in Workshops bitte, sich an eine schwierige Situation zu erinnern, ermutige ich sie zu beobachten, auf wie viele verschiedene Arten sich Körper und Geist gegen die in ihnen auftauchenden Emotionen wehren. Die Schüler erleben dann, häufig gepaart mit Traurigkeit, wie ihre Bemühungen, sich zu schützen, in Wahrheit zu nur noch mehr Schmerz in ihrem Leben führen.

Ein Mann, der als Kind gemobbt worden war, hatte dadurch einen inneren, kritischen Supervisor, der ihm regelmäßig schlechte Leistungen bescheinigte. Als er eine gerade erlebte Konfrontation noch einmal durchspielte, konnte er spüren, wie sich sein Magen vor Angst zusammenzog und sein Herz schneller schlug. Statt sich nach solchen Konfrontationen die Zeit zu nehmen und sich für seine Erfahrung zu öffnen (Ja zu ihr zu sagen), ging er regelmäßig sofort dazu über, sich dafür zu rügen, dass er sich eingeschüchtert fühlte, und tobte innerlich gegen seinen Supervisor. Dann stürzte er sich wieder in die Arbeit, erledigte seine Schreibarbeiten noch hektischer, machte dabei noch mehr Fehler und kommunizierte noch unklarer. Sein Nein erhielt sein Gefühl, ungenügend und Opfer zu sein, aufrecht.

Eine ältere Frau mit einem erwachsenen Sohn, der sich von ihr entfremdet hatte, spürte ihrem unbewussten Nein bis in seine gelegentlichen E-Mails nach. Sie las dann seine knappen Mitteilungen, fragte sich unter Tränen »Womit habe ich das verdient?« und steigerte sich in Zwangsvorstellungen über ihre Schwiegertochter hinein, die sie für ihr Problem verantwortlich machte. Ihr wurde klar, dass ihr Groll gegen die Schwiegertochter unvermeidlich in ihren E-Mail-Antworten durchscheinen musste. Sie begriff, dass ihr eigenes Nein sie in dem Gefühl festhielt, nicht gemocht und abgewiesen zu werden.

Welche Form unser Nein auch immer annimmt, es ist eine Art, sich gegen die Wirklichkeit zu wehren und zu versuchen, den blanken Schmerz emotionalen Leidens zu vermeiden. Doch kann das Nein auch zu dem Marker werden, der uns zeigt, dass wir in Trance sind und unsere Aufmerksamkeit schärfen müssen. Je schneller wir uns unseres Neins bewusst werden, desto besser können wir Mara antworten. Die schwierigen Situationen, die gewöhnlich das Nein hervorrufen, sind perfekte Gelegenheiten, mit dem tiefen Ja zu experimentieren, das sich in unseren Eingangsschritten zu RAIN, im Erkennen und Zulassen, ausdrückt. (…)

 

Das, was Sie üben, wird gestärkt

Ich erzähle den Schülern gern die Geschichte von einem Mann, der auf ein Achtsamkeits-Retreat geht, weil sein Therapeut ihm gesagt hat, wenn er meditieren lerne, werde er sich besser fühlen. Das Retreat wird für ihn zu einer echten Achterbahnfahrt. Er erlebt zwar schon Momente der Ruhe, ja, aber er taucht auch tief in Angst, Wut und Trauer ein. Als er das nächste Mal zu seinem Therapeuten geht, sagt er ihm, er habe schrecklich gelitten. »Wie konnten Sie mir versprechen, ich würde mich besser fühlen?« Weise nickend, antwortet der Therapeut: »Sie fühlen sich besser … Sie fühlen Ihre Angst besser, fühlen Ihre Wut besser, fühlen Ihre Trauer besser!«

Wegen des Wiedererkennungseffekts erntet die Geschichte immer einen Lacher. Die Achtsamkeitsmeditation – das Erkennen und Zulassen von RAIN – trainiert uns darin, aus unseren abschweifenden Gedanken aufzuwachen und die Umkehr zu vollziehen, indem wir unserer augenblicklichen, körperlichen Erfahrung unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Zwangsläufig werden wir dann allem begegnen, was wir zu vermeiden versucht haben – der Einsamkeit, den Verletzungen und Ängsten. Doch wenn wir regelmäßig üben, entdecken wir, dass wir mitten im Sturm ausgewogen, warmherzig und offen präsent bleiben können.

 

Dank neuesten Erkenntnissen über die Neuroplastizität wissen wir heute, dass sich unser Gehirn bis an unser Lebensende verändern kann. Das bedeutet, dass sich selbst die am tiefsten verwurzelten und schädlichsten Gewohnheiten dekonditionieren lassen. Der Satz, der dies am besten erfasst und auf Englisch fast wie ein Sprichwort klingt, lautet: Neurons that fire together, wire together. (Neuronen, die gemeinsam feuern, verschalten sich miteinander.) Unsere Gewohnheiten werden durch sich wiederholende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster, die neuronale Netzwerke im Gehirn gebildet und gestärkt haben, aufrechterhalten. Indem wir unsere Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster ändern, können wir auch diese neuronalen Netzwerke verändern.

Viele Studien haben gezeigt, dass Achtsamkeit die Struktur und Funktionsweise des Gehirns direkt und positiv beeinflusst. Befinden wir uns dagegen in Trance, werden wir hektisch, machen uns Sorgen oder fangen an zu werten, sobald uns Stress begegnet, und so vertiefen wir die auf Angst beruhenden Furchen in unserem Geist noch. Werden wir angesichts von Stress dagegen achtsam, lernen innezuhalten, erkennen unsere Erfahrung an und lassen sie zu, wird etwas anderes möglich. Statt auf unsere flüchtigen Wünsche und Ängste zu reagieren, können wir von einem Ort tieferer Intelligenz, Kreativität und Fürsorge aus auf unsere Umstände eingehen. Dies stellt eine neue Struktur, neue Nervenbahnen im Gehirn her, die mit echtem Wohlbefinden und Frieden einhergehen. Je öfter Sie Ja sagen zu Erfahrungen, umso stärker wird dieses Ja in seiner Offenheit und Präsenz in den lebenden Zellen verkörpert und Ihre Lebenserfahrung insgesamt mitformen.

 

Textauszug aus mit freundlicher Genehmigung des O.B. Barth Verlages.

Siehe auch unter „Wortwelten“.

 

Dein furchtloses Herz

Tara Brach

288 S., O.W. Barth Verlag, 20 €