Bewusstes Leben April - August 2022


Der Sinn des Gebens

© Vonecia Carswell – Unsplash.com
© Vonecia Carswell – Unsplash.com

Autorin: Kristina Simons

 

Anderen zu helfen, erfüllt uns mit Zufriedenheit. Denn Wohltaten lösen ganz unmittelbar Glücksgefühle aus, langfristig geben sie uns Anerkennung und Sinn. Der Zusammenhang ist sogar messbar. Höchste Zeit also, anderen – und auch sich selbst – Gutes zu tun.

 

Geben ist seliger denn Nehmen, heißt es schon im Neuen Testament. Doch es macht nicht nur seliger, sondern auch glücklicher. Wer sich anderen gegenüber großzügig verhält, gastfreundlich ist, Geld spendet oder jemandem Zeit und ein offenes Ohr schenkt, weiß um das gute Gefühl, das dabei entstehen kann – selbst wenn nicht unmittelbar ein Dankeschön oder ein Lächeln folgt. „Warm glow effect“ nannte der Wissenschaftler James Andreoni Ende der 1980er-Jahre dieses wohlige Gefühl, das Menschen nach einer guten Tat empfinden.

 

Der Zusammenhang zwischen Großzügigkeit und Glücksempfinden lässt sich sogar auf neuronaler Ebene nachweisen. In einer Studie der Neurowissenschaftlerin Soyoung Q. Park an der Universität Lübeck erhielten 50 Probanden einen Monat lang wöchentlich Geld. Die Hälfte von ihnen sollte dieses Geld für Freunde und Bekannte ausgeben. Und tatsächlich zeigte diese Gruppe bei der Bildgebung durch funktionelle Magnetresonanztomographie eine erhöhte Aktivität in dem Gehirnareal, das mit großzügigem, uneigennützigem Verhalten in Zusammenhang gebracht wird. Zugleich gab es bei ihnen eine stärkere Verbindung zu einem weiteren Bereich, der ihnen Glücksgefühle bescherte.

 

Der Sinn des Gebens

Doch es geht um mehr als ein spontanes Wohlgefühl. Die Psychologie-Professorin Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck hat in einer breit angelegten Studie Menschen danach gefragt, wo sie den größten Sinn in ihrem Leben finden. Am häufigsten nannten die Teilnehmer Lebensbereiche, die die Psychologin als „horizontale Selbsttranszendenz“ zusammenfasst, also das Absehen von sich selbst und den eigenen momentanen Wünschen, wenn man etwas für andere Menschen oder die Natur tut.

 

„Nach mir die Sintflut – das lassen die Jungen nicht mehr gelten.“

 

Der Entwicklungspsychologen Erik H. Erikson sieht im Geben sogar ein prägendes Bedürfnis einer bestimmten Lebensphase. Er entwickelte den Begriff der Generativität und bezeichnete damit die siebte Stufe der psychosozialen Ich-Entwicklung im Alter von 45 bis 65 Jahren. In dieser Lebensphase wollen wir demnach Werte für künftige Generationen schaffen und weitergeben. Dabei geht es nicht nur darum, für die eigenen Kinder zu sorgen. Generativität meint, sich den kommenden Generationen und der Menschheit im Allgemeinen verpflichtet zu fühlen und danach zu handeln.

Nichts anderes fordert schließlich auch die Fridays for Future-Bewegung, die seit mehr als drei Jahren für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit auf die Straße geht: Die Alten müssten mehr an die Jungen denken und sich stärker für die Zukunft des Planeten einsetzen, fordern sie. Auch wenn das bedeute, Klimaschutz über das eigene Wohl und die eigene Bequemlichkeit zu stellen. Nach mir die Sintflut – das lassen die Schülerinnen und Schüler nicht mehr gelten.

 

»Wer sich sozial engagiert, nimmt am gesellschaftlichen Leben teil.« 

 

Tatsächlich sind immer mehr Menschen ehrenamtlich aktiv. Rund 31 Millionen engagieren sich hierzulande für das Gemeinwohl und opfern dafür großzügig ihre Freizeit. Die größte Gruppe bilden mit 21 Prozent die 50- und 59-Jährigen, gefolgt von Menschen, die 70 oder älter sind. Ältere engagieren sich ehrenamtlich in allen gesellschaftlichen Bereichen: in der Nachbarschaftshilfe, in Mentorenprojekten mit Kindern und Jugendlichen oder bei generationsübergreifenden sozialen und kulturellen Projekten, im Sport ebenso wie bei der Unterstützung von Älteren oder pflegenden Angehörigen.

 

Denn sich sozial zu engagieren, ist auch eine Möglichkeit, nach dem Ausscheiden aus dem beruflichen Alltag weiter am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Gerade für die 65- bis 85-Jährigen ist das von zentraler Bedeutung, wie die Generali-Altersstudie von 2017 zeigt. In keiner anderen Gruppe ist die Bereitschaft demnach so ausgeprägt, Verantwortung für das eigene und das Leben von Mitmenschen zu übernehmen, egal ob innerhalb und außerhalb der Familie. Selbst bei angeschlagener Gesundheit sind Ältere, die sich sozial engagieren und aktiv sind, zufriedener. Das kann sich gerade in der letzten Lebensphase positiv auswirken, wie unter anderem eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigt.

 

Helfen durch Spenden

Wer keine Zeit findet, um sich sozial zu engagieren, kann anderen natürlich auch finanziell helfen. Und das tun viele, wie die Zahlen aus der Studie „Bilanz des Helfens“ zeigen, die die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) jährlich im Auftrag des Deutschen Spendenrats erstellt: Rund 19 Millionen Menschen in Deutschland haben im Jahr 2020 Geld an gemeinnützige Organisationen oder Kirchen gespendet. Das entspricht 28,5 Prozent der Bevölkerung. Eine weitere Möglichkeit ist gemeinnütziges Vererben. Fast jeder und jede dritte Deutsche ab 50 Jahren kann sich laut einer Umfrage der GfK von 2019 vorstellen, eine gemeinnützige Organisation im Testament zu bedenken – bei den Kinderlosen ist es sogar mehr als die Hälfte.

 

Doch wer helfen will, muss nicht reich sein. Eindrücklich belegen das zwei Geschichten, die 2011 und 2012 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen sind: Maria und Josef im Ghetto des Geldes sowie Maria und Josef in Neukölln. Als obdachloses Paar verkleidet, zogen der „Zeit“-Redakteur Henning Sußebach und die Schauspielerin Viola Heeß kurz vor Weihnachten durch mehrere Städte im Taunus. Laut Gesellschaft für Konsumforschung leben hier die wohlhabendsten Menschen Deutschlands. Doch die erhoffte Hilfe blieb aus. Kaum jemand war auch nur ansatzweise bereit, mit den beiden zu sprechen, geschweige denn, ihnen Geld oder Obdach zu geben. Selbst der Pfarrer ließ sie nicht mit ihren Schlafsäcken im Pfarramt übernachten. Die Menschen lebten hier nach der Logik: Wieso versprechen sich Arme ausgerechnet von Reichen Hilfe?, resümiert Sußebach.

 

Nach Veröffentlichung der Geschichte bekam die Redaktion viele Briefe mit dem Tenor: Arme Menschen wären auch nicht mitfühlender gewesen. Um das zu überprüfen, zog Henning Sußebach ein Jahr später mit der Journalistin Nadine Ahr durch das für eine hohe Hartz-IV-Quote bekannte Berlin-Neukölln. Etwa die Hälfte aller Kinder lebt hier von staatlichen Transferleistungen. Doch ausgerechnet im armen Neukölln erfuhren die beiden auf obdachlos getrimmten Reporter viel Hilfe: von Essen und Trinken über warme Socken bis hin zu Schlafplätzen. Menschen hörten ihnen zu und boten ihnen ohne zu zögern Unterstützung an: etwa beim Gang zum Amt, bei der Job- und Wohnungssuche.

 

Glücksgefühle

Hier in Neukölln bestätigten sich wissenschaftliche Erkenntnisse, die amerikanische Psychologinnen und Psychologen der University of California gewonnen haben: Demnach sind Personen aus unteren sozialen Schichten im Alltag stärker auf Kooperation angewiesen als Menschen aus reicheren Haushalten. Da sie selbst die Sorgen kennen würden, entwickelten sie ein besseres Gespür für die Emotionen ihrer Mitmenschen und seien mitfühlender. Ob ihre Unterstützung bei den Helferinnen und Helfern in Neukölln Glücksgefühle ausgelöst hat, wurde nicht gemessen. Bei den beiden „Hilfsbedürftigen“ tat sie das auf jeden Fall.

 

Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum, auf der Grundlage des darin erschienenen gleichnamigen Artikels, erschienen in der Ausgabe „Erfüllung“ im November 2021. Alle Artikel und Ausgaben des Online-Magazins können Sie kostenlos lesen unter: www.das-prinzip-apfelbaum.de .


Wenn das Leben kippt

© No-longer-here – pixabay.com
© No-longer-here – pixabay.com

Autorin: Tita Kern

Wir alle haben ein mehr oder weniger deutliches Bild davon, wie wir uns das Leben vorstellen, wie wir selbst sein möchten und was wir uns für unsere Kinder wünschen. Ein Bild, dem wir – das ist ganz normal – im Laufe unseres Lebens immer wieder einmal mehr, ein anderes Mal weniger nahekommen. Nach Schicksalsschlägen oder in Lebenskrisen jedoch kann es manchmal in so weite Ferne rücken, dass wir eine ganz neue Sicht auf uns und die Welt lernen müssen. Dann geht es darum, unter veränderten Vorzeichen weiterzugehen und uns anzupassen an das, was nun ist, selbst wenn wir es so nie gewollt haben.

Wie gelingt es Menschen in stürmischen Zeiten, einen so festen Stand zu erlangen und sich so flexibel auf die Anforderungen der Krise einzustellen, dass sie durchstehen, was das Leben ihnen abverlangt? Oder dass sie sogar gestärkt, mit neuen Erkenntnissen oder tieferen Beziehungen daraus hervorgehen? Die Antworten auf diese Fragen sind vielschichtig und bilden die Basis für das Bild des inneren Kompasses, das sich als roter Faden durch dieses Buch ziehen wird. Es soll nicht nur verdeutlichen, wie innere Stabilität und Flexibilität entstehen, sondern auch, was wir selbst dazu beitragen können. (…)

 

Wie wir uns im Leben ausrichten: unser innerer Kompass

Wäre es nicht wunderbar, wenn wir zu jeder Zeit ein starkes Instrument zur Verfügung hätten, das uns hilft, stabil zu stehen und uns je nach Lebensanforderung ganz flexibel auszurichten? In meiner Vorstellung ist es tatsächlich so, dass wir Menschen eine Art inneren Kompass besitzen, bei dem sich – wie auch bei einem echten Kompass – um eine stabile Mitte herum jeweils zwei Pole einander gegenüberliegen:

 

Das sind zum einen Eigenständigkeit und Verbundenheit, zum anderen Gelassenheit und Entschlossenheit. Diese Pole und die mit ihnen verbundenen Fähigkeiten ermöglichen uns einen stabilen Stand, aber auch die Beweglichkeit, die wir brauchen, um uns auf wechselnde Bedingungen einzustellen und immer weiterzuentwickeln. Stabil und beweglich zugleich, entwickeln wir ein Gefühl zu uns selbst, ein Bild von der Welt und unsere Einstellung zu den Beziehungen, die wir haben. Wir können aktiv werden und zur Ruhe kommen. Wenn das gelingt, fühlen wir uns selbstwirksam, aber auch als Teil einer Gemeinschaft. Wir verfügen über ein gewisses Maß an Akzeptanz und Entspanntheit, besitzen aber gleichzeitig auch die Fähigkeit, Dinge aktiv anzupacken.

So hilft uns der innere Kompass jeden Tag dabei, uns zurechtzufinden und unser Leben zu bewältigen. Er erfüllt aber vor allem auch dann eine wichtige Aufgabe, wenn wir mit Problemen oder Stress konfrontiert sind. Denn gerade in solchen Situationen versuchen wir, uns wieder ins Gleichgewicht zu bringen, indem wir uns über die verschiedenen Pole ausrichten. Dabei nutzen wir die Pole, die uns in unserem Leben besonders gut geholfen haben, unsere »Lieblingspole«, häufiger als die anderen. Zum Beispiel gibt es Menschen, die zuallererst den Kontakt zu anderen suchen, wenn ein Problem auftaucht; sie balancieren sich über den Pol der Verbundenheit aus. Andere fangen sofort an zu handeln, setzen also eher auf ihre Eigenständigkeit. Das ist völlig nachvollziehbar. Auf diese Art entwickelt sich nach und nach unser ganz eigener Stil im Umgang mit herausfordernden Situationen, unser persönlicher Problemlösestil.

Im Kapitel und bei der Übung »Welcher Krisentyp sind Sie?« werfen wir einen genaueren Blick auf diese »Krisentypen « und auch darauf, warum uns unsere bevorzugten Strategien manchmal zum Fallstrick werden können. Alle vier Pole sind nützlich und ihr gutes Zusammenspiel ermöglicht uns das größtmögliche Repertoire in unserem Problemlöseverhalten. Idealerweise lernen wir alle vier Pole schon als Kind kennen und können ausprobieren und erfahren, wie es ist, wenn wir sowohl die Möglichkeit haben, immer wieder etwas aus eigener Kraft zu schaffen, als auch erleben, dass wir Hilfe bekommen, wenn wir diese brauchen. Wenn wir lernen, wann wir loslassen und aus der Anspannung gehen dürfen und auch, wann wir selbst tätig werden müssen. (…)

Durften wir alle Pole (kennen)lernen und immer wieder üben, wie wir sie einsetzen können, um unterschiedliche Situationen zu meistern, dann haben wir wahrscheinlich einen guten »inneren Gleichgewichtssinn« entwickelt. Wenn unsere Eigenständigkeit und Verbundenheit ausgewogen sind, sind wir mit uns selbst und anderen in echtem Kontakt, können uns zuwenden und auf gesunde Art abgrenzen. Ist unsere Gelassenheit trainiert, dann haben wir nicht andauernd das Gefühl, aufpassen und auf der Hut sein zu müssen. Unsere Entschlossenheit wiederum schenkt uns die Energie, uns den Anforderungen des Lebens zu stellen.

 

Welcher »Krisentyp« sind Sie?

Wie schon erwähnt, haben wir alle »Lieblingspole«, die unser inneres Gleichgewichtsbedürfnis besonders oft aktiviert und andere, die uns weniger liegen. Welche das sind, hängt zum einen davon ab, was uns von klein auf über Problemlösung beigebracht wurde und was wir daher gut geübt haben. Zum anderen spielt aber auch unsere Persönlichkeit eine Rolle: Manche Kinder beschäftigen sich von Anfang an gern allein und möchten vieles am liebsten ganz eigenständig ausprobieren, andere suchen viel Kontakt und fühlen sich in der Verbundenheit besonders wohl. Manche entspannen leicht und sind schnell zu beruhigen, während andere kaum zu stoppen und immer in Aktion sind. Der innere Kompass zeigt also immer eine Mischung aus Veranlagung und Lerngeschichte. Um der eigenen persönlichen Mischung ein wenig auf die Spur zu kommen, bietet sich ein Gedankenexperiment an.

 

Übung: Ein kleiner Notfall – wie reagieren Sie?

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Es ist Freitagnachmittag und der technische Notdienst teilt Ihnen mit, dass Ihre Kühl-Gefrier-Kombination irreparabel defekt ist. Die Kühlleistung wird immer weiter abnehmen und in spätestens einem Tag ganz ausfallen. Beide Geräte sind voller Lebensmittel. 

Gehen Sie mit dem Beispiel in Kontakt und versuchen Sie, ein wenig den Druck zu spüren, den eine solche Situation aufbauen kann. Es geht nicht darum, dass Ihnen sofort eine Lösung einfällt. Sie sind sicher sehr geübt im »Probleme aus der Welt schaffen «. Es geht vielmehr um Ihre Tendenzen im Umgang mit der Situation, die sich dabei zeigen. In welcher der folgenden vier Strategien erkennen Sie sich momentan am ehesten wieder?

 

»Viele Köche verderben den Brei.«

Sie sagen Ihre Termine für den Nachmittag ab, um sich den Rücken freizuhalten. Die Meinung anderer würde Sie momentan eher stören oder noch mehr aufbringen, daher überlegen Sie zunächst allein, was Ihre Möglichkeiten sind und wie Sie diese umsetzen können.

▶ Aktivierter Problemlösestil: Eigenständigkeit

 

»Geteiltes Leid ist halbes Leid.«

Sie rufen sofort eine vertraute Person an und berichten ausführlich von Ihrem Problem. Sie erzählen, wie sehr Sie sich ärgern und wie schwierig es ist, wenn so etwas ausgerechnet am Freitagnachmittag passiert. Gemeinsam prüfen Sie verschiedene Ideen und entwickeln einen Plan.

▶ Aktivierter Problemlösestil: Verbundenheit

 

»Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.«

Sie drücken die Pause-Taste und beschäftigen sich mit etwas anderem. Das Problem rücken Sie erst einmal in den Hintergrund, denn Ihre Devise lautet: Jetzt ist es halt so. Erst mal abwarten und keine voreiligen Entscheidungen treffen. Mit ein wenig Abstand lassen sich Probleme viel klarer betrachten.

▶ Aktivierter Problemlösestil: Gelassenheit

 

»Was du heute kannst besorgen …«

Schon nach einer halben Stunde haben Sie alles Wissenswerte im Internet recherchiert und eine Telefonnummer herausgesucht, bei der Sie sich Hilfe erhoffen. Sie haben eine To-Do-Liste mit der Überschrift »Kühlschrank« gemacht, die ersten vier Punkte sind bereits abgehakt.

▶ Aktivierter Problemlösestil: Entschlossenheit

 

Was ist Ihr erster Impuls? Was der zweite? Was würde Ihnen gar nicht einfallen? Welche Lösungsstrategie wäre sogar unangenehm oder würde den Stress zusätzlich steigern, wenn Sie zu ihr gezwungen wären? Natürlich ist die Übung etwas überzeichnet, denn in der Regel verfügen wir über verschiedene Strategien und nutzen eine Mischung aus diesen. Dennoch gelingt es vielen Menschen durch dieses kleine Gedankenexperiment, der eigenen Haupttendenz auf die Spur zu kommen. Ich zum Beispiel erkenne mich vor allem im Problemlösestil Entschlossenheit wieder. To-do-Listen sind mein ständiges Werkzeug, und mein erster Gedanke bei einem Problem ist: Was kann ich tun? Erst wenn ich eine erste Idee dazu habe, entsteht der Impuls, einer anderen Person davon zu erzählen. Allein der Gedanke, jemand könnte mir vorschreiben, dass ich zunächst ganz in Ruhe abwarten sollte, lässt meinen Stresspegel steigen oder macht mich gereizt.

 

Wir haben also nicht nur eine oder mehrere Tendenzen, wie wir Probleme bevorzugt angehen, sondern es gibt auch Strategien, die uns fremd sind und unseren Stress eher noch erhöhen. Vielleicht ist diese Denkweise neu und spannend für Sie, vielleicht lag Ihr persönliches Ergebnis für Sie aber auch völlig auf der Hand. Ganz egal, was Sie gerade herausgefunden haben, wichtig ist: So sieht es heute in Ihnen aus. Das kann in der Vergangenheit ganz anders gewesen sein und steht auch für die Zukunft nicht unverrückbar fest. Denn die Art und Weise, wie wir mit Problemen umgehen, ist über unsere Lebensspanne hinweg durchaus dynamisch und vielen Veränderungen unterworfen. Denken Sie nur einmal daran zurück, was Ihnen als Kind das Gefühl von Stabilität gab. Wie sehr veränderte sich Ihr Bedürfnis nach Verbundenheit vielleicht im Teenageralter? Welche Faktoren nutzen Sie im Erwachsenenalter, mit denen Sie sich bevorzugt ausbalancieren? Betrachten Sie diese Übung also als kleine Bestandsaufnahme, wie es jetzt gerade für Sie ist, mit der heutigen Tagesform, in Ihrem jetzigen Alter, angesichts Ihrer momentanen Lebenssituation – jetzt gerade aktuell, aber alles andere als in Stein gemeißelt.

 

Textauszug aus „Wenn das Leben kippt“ von Tita Kern mit freundlicher Genehmigung des Kösel-Verlages, siehe auch unter „Wortwelten“ 


Likest du noch oder lebst du schon?

© Anastasia Gepp – pixabay.com
© Anastasia Gepp – pixabay.com

Autorin: Christina Feirer

Unser Belohnungszentrum und das Dopamin

Unser Gehirn und unser Körper sind faszinierend. Joachim Bauer, ein deutscher Neurowissenschaftler, Facharzt und Psychotherapeut, schildert, dass aus neurobiologischer Sicht Menschen nach zwischenmenschlicher Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung und Zuneigung streben. In seinem Buch Prinzip Menschlichkeit geht er sogar noch einen Schritt weiter mit der Behauptung, dass uns Menschen nichts so sehr motiviert, wie von anderen gesehen zu werden oder Anerkennung, Zuwendung und Liebe zu erfahren. Unbewusst wollen wir als Person gesehen werden. Unser Gehirn verfolgt demnach mit jedem Ziel im Alltag den tieferliegenden Sinn, wahrgenommen zu werden. Genau diese Behauptung unterstreicht den Instinkt des Dazugehörens und unterstützt, dass dieser Instinkt tief in uns verankert ist.

Die Verankerung der Instinkte reicht jedoch nicht aus, wenn es in uns keine Motivation gibt, diese auch zu verfolgen. Doch damit wir tatsächlich unseren Instinkten folgen und somit unsere Überlebenschance steigern, gibt es unterstützende Mechanismen in uns. Ein Beispiel dafür ist unser Belohnungszentrum, welches in unserem Gehirn sitzt. Dieses Zentrum befindet sich im sogenannten Mittelhirn. Das Belohnungszentrum motiviert uns dazu, überlebensnotwendige Dinge zu tun. Und wie wir wissen, will unser Gehirn uns in Sicherheit wissen. Demnach ist alles, was zum Überleben beiträgt, gut und förderlich. Joachim Bauer beschreibt in seinem Buch noch eine Draufgabe, nämlich den „Treibstoff des Motivationssystems“, wie er es nennt. Bei diesem Treibstoff handelt es sich um Dopamin. Dopamin ist auch bekannt als Glückshormon. Dieses Hormon soll uns motivieren, antreiben und Höchstleistungen ermöglichen. Bauer unterstreicht, dass eine wichtige Funktion von Dopamin darin besteht, Energie zu erzeugen, um sich auf ein Ziel hinzubewegen. Es macht sowohl körperlichen als auch psychischen Antrieb möglich. (…) 

In seinem Buch Körpereigene Drogen beschreibt der Arzt und Psychotherapeut Josef Zehentbauer Dopamin als einen Botenstoff, der wach, aufmerksam, optimistisch und gut gelaunt macht. Er erhöht den seelischkörperlichen Antrieb und nützt den Effekt der Selbstbelohnung. Das Gefühl wird als angenehm empfunden und man hat Motivation, weiterzumachen. (…)

 

Unsere Urinstinkte, Belohnungen – und das Smartphone

Welche Rolle spielen nun unser Belohnungszentrum, Dopamin und Urinstinkte in Hinblick auf unsere Smartphone-Nutzung? Um dies zu verdeutlichen, lade ich dich dazu ein, die vorherigen Beispiele, also den Strauch mit Beeren oder den Spielautomaten, durch dein Smartphone zu ersetzen. Könnte es sein, dass dein Smartphone ein Begleiter ist, der dir Belohnungen garantiert? Womöglich denkst du jetzt an viele nervige E-Mails, die tagtäglich auf deinem Display erscheinen. Und du fragst dich, welche Belohnung die vielen Mails, gefüllt mit Arbeitsaufträgen deines Chefs, darstellen sollen?

Aber gehen wir eine Ebene tiefer. Vorher habe ich beschrieben, was unser Überleben, evolutionär gesehen, gefördert hat. Dazu gehört zum Beispiel, dass du ein anerkannter Teil einer Gruppe bist. Auch wenn die E-Mails deines Chefs nerven. Dennoch gibt es eine Person, die an dich denkt. Eine Person, die deinen Status hebt, indem sie dir wichtige Informationen oder Tätigkeiten anvertraut. Genau das hätte deine Überlebenschancen in der Urzeit massiv erhöht. Teil einer Gruppe zu sein, wird auch in sozialen Netzwerken wunderbar suggeriert. Du postest ein Strandfoto aus deinem Urlaub. In der untergehenden Abendsonne posierst du am weißen Sandstrand mit klarem und türkisem Wasser im Hintergrund. Natürlich willst du dieses fantastische Foto mit deinen Freunden teilen. Schließlich willst du sie ja auch am Urlaub teilhaben lassen. Nur wenige Minuten nach dem Hochladen erreichen dich bereits die ersten Likes und Kommentare. Deine Freunde teilen ihre Anteilnahme, bewundern dich und lassen dich wissen, wo sie sich gerade befinden. 

 

Was löst diese Interaktion aus? Ganz klar, du wirst gesehen, du bist anerkannt und Menschen schenken dir ihre Aufmerksamkeit. Und somit bist du Teil einer Gruppe und ein Urinstinkt von dir ist befriedigt. Grund genug, dich nun reichlich mit einer Dosis Dopamin zu belohnen. Das fühlt sich gut an, das bleibt hängen und motiviert dich, genau diesen Prozess immer und immer wieder zu wiederholen.

Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf die Nahrungssuche. Natürlich hat sich diese in der heutigen Zeit stark gewandelt. Nahrung ist kein unsicherer Faktor mehr und ich habe unzählige Möglichkeiten, um jegliches Essen zu kaufen und zu verspeisen. Lass uns jedoch auch hier wieder hinter die Kulissen und ein bisschen tiefer blicken. Gibt es in der heutigen Zeit Beispiele, die mit der Nahrungssuche, also mit der Motivation zum Suchen und Finden, vergleichbar sind? Wie sieht es zum Beispiel mit Online-Shops aus? Wie sehr freut es dich, wenn du ein Produkt, das genau heute im Angebot ist, ergattert hast? Ob du es tatsächlich brauchst oder nicht, das spielt oftmals keine Rolle. Das Suchen und Finden von Schnäppchen, Rabatten und angeblich einmaligen Angeboten lässt unsere Herzen höherschlagen. Zusätzlich bereitet es auch Freude, Informationen, Gerüchte, Neuigkeiten oder sogar Ideen für Dekorationen oder Basteleien zu finden. Und auch dafür wird in sozialen Netzwerken (…) genug geboten. Evolutionär ist dies vergleichbar mit dem Fund einer leckeren Mahlzeit und belohnt werden wir mit einem kräftigen Cocktail an Glückshormonen.

 

Was ist also, wenn unser Smartphone doch unbewusst mit außerordentlichen Belohnungen auf uns wartet? Zusätzlich sind auch diese Belohnungen ungewiss und unsicher. Aber wir wissen, dass sie immer wieder mal eintreten. Und bereits die Möglichkeit einer Belohnung kann überaus motivieren. Die unsichere Belohnung ist somit perfekt. Und unsichere Belohnungen, also „Random Rewards“, wirken bekanntlich ja noch einmal ein Stück attraktiver auf uns.

Kurosch Yazdi ist auf Suchterkrankungen mit Schwerpunkt Verhaltenssüchte spezialisiert. Er leitet eine Suchtabteilung und hat zu diesem Thema auch das Buch Junkies wie wir verfasst. In seinem Buch beschreibt er unser menschliches Belohnungszentrum als Quell der Sucht. Drogensüchte, aber auch Verhaltenssüchte wie Essen, Shoppen oder Glücksspielen sorgen genau dort für einen Dopamin-Kick. Nachdem dies Teil unserer Biologie ist und wir alle ein Belohnungszentrum besitzen, schlummert in jedem von uns Suchtpotential. Jedoch unterstreicht er auch: Der Kern der Sucht, also der biologische Mechanismus, ist gut und sogar überlebenswichtig.

 

Frage dich selbst: In welchen Momenten greifst du besonders häufig zum Smartphone? Was ist der Auslöser dafür, was sind deine Reaktion darauf und welche Belohnung könnte dahinterstecken?

 

Sofortige Belohnung mag unser Gehirn am liebsten!

Für unser Gehirn ist es wunderbar, sofort belohnt zu werden. Wie du bereits weißt, mag es Sicherheit und den Energiespar-Modus. Beides wird erfüllt, wenn wir unmittelbares Feedback in Form einer Belohnung erfahren. Die Digitalisierung fördert dieses Phänomen. Informationen oder Unterhaltung sind jederzeit verfügbar und erfordern fast keine Wartezeit mehr. Wie lange musst du dich gedulden, um einen spannenden Film anzuschauen oder ein gewünschtes Lied anzuhören? (…) Wie lange dauert es, bis du auf Google Informationen oder Restaurant-Empfehlungen zu einer Stadt einholst, in die du gerade gereist bist? Je nach Lesegeschwindigkeit dauert es nur wenige Minuten, ehe du dich mit neuem Wissen bereichert hast. Für unser Gehirn sind diese Szenarien ein wahres Schlaraffenland. Jede Unterhaltung, Information oder Kommunikation wirkt unbewusst wie eine Belohnung. Und wenn diese Belohnung sofort eintritt, ist kaum noch Energieaufwand notwendig.

 

Leider vergessen wir in diesem Zusammenhang eine wichtige Kehrseite, (…) nämlich dass sich jeder Klick, auf den eine schnelle Reaktion folgt, gut anfühlt. Mitunter sogar besser als der Gedanke an eine unsichere Belohnung in der fernen Zukunft. Nachdem es sich gut anfühlt, tendieren wir dazu, Aktionen mit sofortiger Belohnung zu wiederholen und diese Gewohnheiten zu festigen. Nun braucht es zukünftig immer mehr und mehr Willenskraft, um aus der kurzfristigen Belohnung auszusteigen und dich langfristigen Projekten zu widmen. (…) Indem wir kurzfristigen Belohnungen nachgeben, gewöhnen wir uns immer mehr an schnellen Spaß. Zusätzlich verlernen wir, uns zu gedulden. Stell dir vor, du führst genau diese Handlungen tagein, tagaus aus. Mal dir dein Verhalten in einigen Jahren aus. Vermutlich muss für dich in der Zukunft alles noch schneller gehen. Warten senkt deine Laune und so tun es langfristige Tätigkeiten, deren Ergebnisse in ferner Zukunft liegen. Prokrastination und Ungeduld werden deine ständigen Begleiter. Alexander Markowetz hat dieses Phänomen in seinem Buch Digitaler Burnout sehr ausführlich beschrieben. Bei Prokrastination handelt es sich um das Aufschieben von bestimmten Tätigkeiten und Aufgaben. Hierzulande spricht man umgangssprachlich auch gerne von der „Aufschieberitis“. Und all das nur, weil du dich oft von schneller Belohnung verführen hast lassen und genau danach süchtig geworden bist.

 

Für mich sind die Herausforderungen mit dem Umgang der digitalen Medien eine große Chance für unser eigenes persönliches Wachstum. Wir können unser Smartphone-Verhalten als Anlass nehmen, um uns mit uns selbst auseinanderzusetzen.

 

Textauszug aus „Likest du noch oder lebst du schon“ von Christina Feirer mit freundlicher Genehmigung des Kremayr & Schermiau Verlages.

Siehe auch unter „Wortwelten“.